[Operette] Emmerich Kálmán – Die Herzogin von Chicago / Stadttheater Bremerhaven

Operette von Emmerich Kálmán / Libretto von Julius Brammer und Alfred Grünwald

Premiere: 9. Februar 2019 / besuchte Vorstellung: 28. Februar 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Hartmut Brüsch
Inszenierung: Felix Seiler
Choreographie: Andrea Danae Kingston
Bühne & Kostüme: Barbara Bloch

Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández


Wie? Sie waren noch nie in einer Operette? Dann werde ich ihnen mal eben die Handlung skizzieren,…

Sie lernen sich kennen! Sie verlieben sich! Sie trennen sich! Sie finden wieder zueinander! Sie leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende! ENDE!

…und diese Zusammenfassung lässt sich auf nahezu ALLE Operetten übertragen!

Aber wer eine Operette wegen der intellektuellen Herausforderung besucht, ist schlicht und ergreifend am falschen Platz. Operette ist bestenfalls ein locker-leichtes Soufflé mit herrlicher Süße und zartem Schmelz (Nährwert: Fehlanzeige, Wohlfühlfaktor: reichlich).

In diesem Fall trafen wir auf Emmerich Kálmáns lang verschollene und darum selten gespielte Operette „Die Herzogin von Chicago“. Wie der Titel es schon erahnen lässt, trifft hier die neue auf die alte Welt, die Moderne auf die Tradition und der Charleston auf den Csárdás. Kálmáns Musik ist voller ironischer Zitate: Ich saß im Publikum und amüsierte mich über die versteckten Anspielungen an seine damaligen Kollegen der E- und U-Musik.

Das Stadttheater Bremerhaven bot in der Inszenierung von Felix Seiler vieles für Auge und Ohr: die Kulissen glitzerten, die Kostüme funkelten, die Sänger*innen „gaben dem Affen Zucker“ (Hier wurde sehr zur Freude des Publikums schamlos übertrieben!), die Tänzer*innen vom Ballett tanzten famos, und das fulminant aufspielende Philharmonische Orchester unter dem Dirigat von Hartmut Brüsch schmachtete durch die wunderbaren Melodien (Schon allein die Ouvertüre hätte ich gerne ein 2. Mal gehört).

Selten habe ich ein so komödiantisch aufgelegtes Opern-Ensemble gesehen – allen voran das Buffo-Paar mit Victoria Kunze (Prinzessin Rosemarie) und MacKenzie Gallinger (James Jonny Jacques Bondy), während das „seriöse“ Paar bestehend aus Tijana Grujic (Miss Mary Lloyd) und Christopher Busietta (Sándor Boris) sich mit Schmelz durch die Arien sang. Schauspieler John Wesley Zielmann brillierte wieder mit seinem perfekten Timing für Komik. Das Ballett-Ensemble absolvierte in der abwechslungsreichen Choreografie von Andrea Danae Kingston eine Tour de Force und meistert diese mit Bravour!

Mit einer Melodie im Ohr machten wir uns auf den Heimweg: Ob es nun ein Charleston oder ein Csárdás war, ist doch völlig egal. Denn: „…so ein Charleston ist doch gar nix anderes als amerikanischer Csárdás!“

Definitiv: „BEST OF SCHMALZ“


Die Herzogin von Chicago swingt noch bis zum Ende dieser Spielzeit über die Bühne des Stadttheaters Bremerhaven!

[Musical] Andrew Lloyd Webber – Sunset Boulevard / Stadttheater Bremerhaven

Musical von Andrew Lloyd Webber / Buch und Liedtexte von Don Black & Christopher Hampton / nach dem gleichnamigen Film von Billy Wilder / Deutsch von Michael Kunze

Premiere: 22. September 2018 / besuchte Vorstellung: 7. Oktober 2018 / Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus

Musikalische Leitung: Ektoras Tartanis
Inszenierung: Ansgar Weigner
Choreographie: Lidia Melnikova
Bühne & Kostüme: Barbara Bloch

Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández


„Ich bin groß! Es sind die Filme, die klein geworden sind!“

Billy Wilders schonungslose Abrechnung mit der Glitzerwelt Hollywoods hat ihm nicht nur Freunde beschert. Ganz im Gegenteil: Nach der Premiere des Films im Jahre 1950 stürzte Louis B. Mayer auf ihn zu: „Sie Bastard, sie haben die Industrie, die sie gemacht und ernährt hat, in den Dreck gezogen. Man sollte sie teeren und federn und aus der Stadt jagen!“ Billy Wilders Antwort fiel sehr kurz aus: „Fuck you!“

Heute gilt der Film, laut dem American Film Institute, zu den zwölf besten amerikanischen Filmen aller Zeiten.

Bei der Umsetzung des Films zum Musical waren die Macher gezwungen, sich eng am Original zu halten. Dies ist im Musical deutlich zu spüren: Ganze Textpassagen wurden 1 zu 1 übernommen oder fanden in den Songtexten ihre Entsprechung. Das Buch ist atmosphärisch dicht und psychologisch klug durchdacht. Lloyd Webber schuf eine symphonische, sehr theatralische Musik mit großen dramatischen Arien, gefühlvollen Songs und lebhaften Chornummern.

Die musikalische Seite war bei dem 1. Kapellmeister und stellvertretende Generalmusikdirektor des Hauses Ektoras Tartanis in den allerbesten Händen. Mit straffen Dirigat führte er das Philharmonische Orchester Bremerhaven durch diese vielseitige Partitur und sorgte für einen äußerst würdigen musikalischen Rahmen dieses anspruchsvollen Musicals.

Ansgar Weigner konnte am Stadttheater auf ein talentiertes Haus-Ensemble zurückgreifen, schuf eine sehr stringente Inszenierung mit flüssigen – beinah filmischen – Übergängen, in der Raum für große Ensembleszenen war, aber auch die intimen Momente sehr detailliert erarbeitet wurden. Weigner hat es sogar geschafft, den von mir so häufig gescholtenen Opern-Chor zu einem homogenen Ensemble zu formen, der auch in solistischen Partien überzeugen konnte.

Die 4 Hauptakteure boten sehr gute bis grandiose Leistungen:

Patrizia Häusermann gelang es der eher blassen Rolle der Betty Schaefer ein deutliches Profil zu verleihen, indem sie sie als selbstbewusste, moderne Frau porträtierte, und überzeugte mit Spiel und Stimme. Bravo!

Vikrant Subramanian war als Joe Gillis eher der Sunny Boy als der Zyniker, sang hervorragend, hatte leider Probleme mit der Textverständlichkeit, konnte sich zum Schluss im Spiel aber deutlich steigern.

Andrea Matthias Pagani überzeugte als stets kontrollierter und rational handelnder Max von Mayerling, gleichzeitig ließ er durch diese Fassade den fürsorglichen Vertrauten von Norma durchschimmern und konnte mit seinem flexiblen Bariton beindrucken und begeistern.

Der Star des Abends war aber Sascha Maria Icks. Sie lebte die Norma Desmond zwischen Größenwahn und Naivität, zwischen Egoismus und Mitleid, zwischen schnoddriger Göre und glamouröser Diva. Jeder ihrer Auftritte war pure „Starquality“ mit großen Gesten „bigger than life“. Schon bei ihrem ersten Song „Nur ein Blick“ bekam ich Gänsehaut. Nach ihrer dramatischen Schluss-Szene, in der sie dem Wahnsinn verfallen die Treppe herunterschreitet und mit brüchiger Stimme nochmals „Nur ein Blick“ anstimmt, hielt es uns zum Schluss-Applaus nicht mehr auf unseren Sitzen.

Diese großartige Leistung für ein kleines Haus musste belohnt werden: Standing Ovation!

„…uns dankt die Welt Träume aus Licht!“


Sunset Boulevard wird am Stadttheater Bremerhaven noch bis zum Ende der Spielzeit 2018/19 gezeigt. Es lohnt sich!