[Rezension] Christoph Wagner-Trenkwitz – Die Fledermaus. Operette von Johann Strauß/ mit Illustrationen von Lisa Manneh

Überall und allerorten schließen die Theater so peu à peu ihre Pforten und begeben sich in die wohlverdiente Sommerpause. Und ich? Was mache ich? Ich versuche den Abschied der Saison 2022/2023 mit entsprechender „Theater“-Lektüre hinauszuzögern.

Und so trudelt mit „Die Fledermaus“ von Johann Strauß ein weiteres musikalisches Bilderbuch aus dem Annette Betz-Verlag bei mir ein. „Die Fledermaus“ wird auch gerne als die Königin der „Goldenen Ära der Operette“ bezeichnet, und dies auch völlig zu Recht. Neben einer turbulenten Handlung mit viel Humor, prallen Charakteren und der Möglichkeit zur opulenten Ausstattung, punktet sie mit der wundervollen Musik von Johann Strauß. Diese charmant-pikante aber gänzlich harmlose Verwechslungskomödie eignet sich ganz hervorragend, um Kinder an das Musiktheater heranzuführen.

Vorgeschichte: Herr von Eisenstein lässt den Notar Dr. Falke nach einer Ballnacht betrunken als Fledermaus verkleidet durch die Straßen irren. Das ist für den Notar, der von dem Zeitpunkt an „Dr. Fledermaus“ genannt wird, eine peinliche Situation. Er will sich an Eisenstein rächen und klügelt einen Plan zur „Rache der Fledermaus“ aus.

Adele, das Stubenmädchen, erhält eine Einladung zu einem Fest von Prinz Orlofsky, angeblich von ihrer Schwester Ida. Eisenstein muss wegen Beamtenbeleidigung eine Gefängnisstrafe antreten. Dr. Falke überredet ihn, mit ihm zum Souper bei Prinz Orlofsky zu kommen und die Gefängnisstrafe erst am nächsten Morgen anzutreten. Eisenstein ist bald überredet. Er nimmt Abschied von der „betrübten“ Rosalinde, die aber schon Alfred, ihre Jugendliebe erwartet. Nachdem Eisenstein gegangen ist, kommt Alfred vorbei und macht es sich in Eisensteins Schlafrock gemütlich. Da erscheint Gefängnisdirektor Frank, der Eisenstein persönlich inhaftieren will und hält Alfred für Eisenstein. Dieser folgt Frank ins Gefängnis, um Rosalinde nicht in eine peinliche Situation zu bringen. Das Fest bei dem reichen aber stets gelangweilten Prinzen Orlofsky ist im vollen Gange. Alles verläuft so, wie Falke es sich vorgestellt hat. Adele erscheint in der Garderobe der gnädigen Frau und wird für eine aufstrebende Künstlerin gehalten. Weiter erscheint Eisenstein, den Falke als Marquis Renard in die Gesellschaft einführt. Auch der Gefängnisdirektor erscheint unter dem falschen Namen Chevalier Chargrin. Doch der Höhepunkt des Abends ist das Erscheinen einer geheimnisvollen ungarischen Gräfin. Diese maskierte Gräfin ist niemand andere als Rosalinde, die entsetzt ist, dass ihr Mann sie angelogen hat und hier ungeniert erst mit dem verkleideten Stubenmädel und dann mit ihr selbst flirtet. Dabei gelingt es ihr, ihm seinen sogenannten „Damenköder“, eine Uhr mit Melodie, abzunehmen. Man feiert, preist den Champagner, verbrüdert sich und macht sich nach der durchzechten Nacht wieder auf nach Hause, beziehungsweise ins Gefängnis. Im Gefängnis erlebt Eisenstein eine Überraschung nach der anderen: Nicht nur, dass sich sein neuer Freund Chevalier Chargrin als Gefängnisdirektor Frank entpuppt, auch irritiert ihn, dass er bereits inhaftiert wurde. Eisenstein ist wütend, als er erfährt, wie es zu dieser Verwechslung mit Alfred kam, und fühlt sich von Rosalinde hintergangen. Er schreit nach Rache. Doch als Rosalinde erscheint, hält sie ihm seine Uhr unter die Nase: Ihr Gatte war um keinen Deut besser als sie und hat ihr somit nichts vorzuwerfen. Bevor die Situation eskaliert, erscheint Dr. Falke mit dem Prinzen und den Ballgästen und erklärt Eisenstein, dass diese ganze Inszenierung nur Falkes gelungene „Rache der Fledermaus“ war. Eisenstein nimmt es mit Humor und entschuldigt sich mit „Schuld war nur der Champagner…!“

HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um die, die dem Buch beigefügt ist. Es ist eine ältere Aufnahme, und sie dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln. 

Mit Christoph Wagner-Trenkwitz, einst langjähriger Chefdramaturg der Volksoper Wien, nun Dramaturg am Staatstheater am Gärtnerplatz in München, war ein Fachmann des Genres am Werk, der für Konzept und Text verantwortlich zeichnete, sowie als Sprecher auf der beigefügten CD fungierte. Bei dieser geballten Ladung an Fachkompetenz hätte ich mir in der Umsetzung ein wenig mehr Innovation gewünscht. Wagner-Trenkwitz bleibt mit seinem Konzept auf dem bekannten Pfad des Genres und liefert mit seinem Text eine flüssige, gut zu lesende Inhaltsangabe der Operette – nicht weniger, leider auch nicht mehr. Die Rahmenhandlung, um die kleine Steffi, die mit ihrer Oma eine Aufführung der berühmten Operette besucht, ist so rudimentär ausgearbeitet, dass sie vernachlässigt werden kann. Als Sprecher gefällt Wagner-Trenkwitz mit seinem charmanten Wiener Idiom.

Bei der Musikaufnahme handelt es sich um eine Live-Aufnahme mit Solisten, Chor und Orchester aus der Volksoper Wien, die zwar recht ordentlich ausfällt, bei mir aber trotzdem einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt. Einerseits vermittelt sie gut Theater-Atmosphäre, da vom Stimmen der Instrumente über Schritte auf der Bühne bis zum Husten und Räuspern im Publikum alles zu hören ist, und zudem die meisten Ensemblemitglieder mit Spielfreude überzeugen. Andererseits sind die Solist*innen bedauerlicherweise manchmal schlecht zu verstehen, was die Aufmerksamkeit der jungen Zuhörerschaft etwas herausfordern könnte. Auch sind leider nicht alle Solist*innen auf dem gleichen gesanglichen Level, was aber wohl eher dem erwachsenen Zuhörer auffallen würde.

Schade finde ich es auch, dass hier die Chance vertan wurde, auf die Besonderheit der sogenannten Hosenrolle in Oper und Operette einzugehen. Bei der Hosenrolle handelt es sich um eine männliche Figur, die von einer Frau verkörpert wird, um so zu verdeutlichen, dass der Charakter besonders jung bzw. androgyn-geheimnisvoll ist. Auch bei dieser Aufnahme wird die Partie des Prinzen Orlofsky von einem Mezzo-Sopran gesungen. Die entsprechende Figur in den Illustrationen zeigt dagegen deutlich männlich-markante Züge.

Die Illustrationen von Lisa Manneh fangen ganz wunderbar den Zauber der Operette ein. Weit entfernt von jedweden Realismus lässt sie in eleganten Bühnenbildern die Paare wie im Traum beschwingt tanzen. Ihr gelingt das Kunststück, dass trotz der Vielzahl an Frackschöße und Tüll die einzelnen Figuren in ihrer Physiognomie gut zu unterscheiden sind. Dabei ist eine ironische Überhöhung durchaus erkennbar, die wunderbar zur Leichtigkeit des Werkes passt.


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219116557

[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2021/2022 / Stadttheater Bremerhaven

mit der Ouvertüre für Orchester von Grażyna Bacewicz und Arien von Johann Strauß, Charles Gounod, Jacques Offenbach, Albert Lortzing, Édouard Lalo und Eduard Künneke

mit Ausschnitten aus „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ von Tom Stoppard, „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmidt“ von Fin-Ole Heinrich & Dita Zipfl und dem Ballett „Faust“ von Sergei Vanaev

Premiere: 11. September 2021 / besuchte Vorstellung: 11. September 2021

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Marc Niemann, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch
Moderation: Lars Tietje, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig, Sergei Vanaev
Szenische Einrichtung: Edison Vigil

Musiktheater: Ulrich Burdack, Patrizia Häusermann, Signe Heiberg,
Marcin Hutek, Andrew Irwin
Ballett: Alícia Navas Otero, Ting-Yu Tsai, Tanaka Lionel Roki, Stefano Neri
Schauspiel: Henning Bäcker, Leon Häder, Dominik Lindhorst-Apfelthaler
JUB: Philipp Haase, Luca Hämmerle, Coco Plümer, Severine Schabon
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


Wie Ihr sicherlich schon bemerkt habt, berichte ich hier unter „Kulturelles Kunterbunt…“ gerne und oft von Aufführungen, die ich am Stadttheater Bremerhaven besucht habe. Nun könntet Ihr mir eine gewisse Einseitigkeit in der Berichterstattung vorwerfen bzw. mir unterstellen, ich wäre parteiisch. Dazu möchte ich folgendes erwidern: JA! STIMMT! 

Ich fühle mich der Stadt Bremerhaven und auch dem Stadttheater schon seit Jahrzehnten verbunden. Vielleicht wurde mir diese Verbundenheit schon in die Wiege gelegt: Mein Vater war in den 70er Jahren in der dortigen Fischerei tätig und fuhr mit den großen Fangschiffen „auf hohe See“. Als kleiner Pöks brachte ich ihn gemeinsam mit meiner Mutter zum Anleger und holte ihn dort – einige Monate später – auch wieder ab. Auch als mein Vater längst abgemustert hatte, drängte es ihn immer wieder zum Hafen. Jahre später entdeckte ich das Stadttheater Bremerhaven für mich und saß dort am 22. September 1991 zur Premiere des Musicals „Evita“ zum ersten Mal im Zuschauerraum. Viele weitere Vorstellungen sollten folgen, auch wenn es durchaus auch eine Zeit gab, in der ich die Programmauswahl wie auch einige Inszenierungen etwas bieder empfand und untreu wurde. Doch auch während dieser Periode richtete ich meinen Blick immer zum Stadttheater, und besonders die Intendanz von Ulrich Mokrusch empfand ich als wohltuenden Frische-Kick. Mir gefiel das Gesamtpaket aus Klassikern des Repertoires und aufregenden Neu- bzw. Wiederentdeckungen, aus interessanten Künstlerpersönlichkeiten, deren Weiterentwicklung ich mit verfolgen durfte, aus der spürbaren Nähe zum Publikum, die sich durch vielfältige Aktionen und in persönlichen Begegnungen widerspiegelt. Darum haben wir uns vor einigen Jahren für ein Abonnement entschieden.

Doch die Mokrusch-Ära ist nun vorbei, und der neue Intendant Lars Tietje stellte sich vor. So saßen wir im Zuschauerraum und warteten gespannt auf den Beginn der Eröffnungsgala, die uns einen kleinen Einblick in die kommende Spielzeit geben und gleichzeitig neue Gesichter im Ensemble vorstellen sollte. Ein Blick ins Spielzeitheft 2021/2022 schürte bei uns schon die Vorfreude und versprach, dass es eine spannende und abwechslungsreiche Saison werden würde.

Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von GMD Marc Niemann eröffnete die Gala mit „Ouvertüre für Orchester“ von der polnischen Komponistin Grażyna Bacewicz. Sie wirkte auf mich beinah wie der Soundtrack eines alten Hollywood-Klassikers. So ging beim Klang dieses voluminösen Stücks meine Phantasie auf Reisen: Bei den dramatischen Passagen sah ich Cary Grant in einem Sportwagen über unwegsame Serpentinen rasen, in der Hoffnung seine Verfolger abschütteln zu können. Dieser Auftakt war klug gewählt: In der kommenden Konzert-Saison des Philharmonische Orchesters werden die Komponistinnen des 19. und 20. Jahrhunderts, die leider allzu häufig ein Schattendasein gegenüber ihrer männlichen Kollegen führen, im Mittelpunkt stehen.

Intendant Lars Tietje führte souverän durch das Programm und holte sich zu den einzelnen Programmpunkten mit Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Sergei Vanaev gerne die Leitung der jeweiligen Sparte auf die Bühne.

Henning Bäcker, Leon Häder und Dominik Lindhorst-Apfelthaler vom Schauspiel-Ensemble überzeugten mit einem Ausschnitt aus der Tragigkomödie „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ von Tom Stoppard. Dieses Stück verspricht mit seinen pointierten Dialogen für eine intelligente Unterhaltung.

Philipp Haase, Luca Hämmerle, Coco Plümer und Severine Schabon vom JUB (Junges Theater Bremerhaven) sorgten in ihren Szenen aus „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmidt“ von Fin-Ole Heinrich & Dita Zipfl für frischen Wind auf der Bühne und amüsierten mit ihrer gerappten Darbietung eines Pfannkuchen-Rezepts.

Andächtige Stille herrschte im Publikum als die Tänzer*innen Alícia Navas Otero, Ting-Yu Tsai, Tanaka Lionel Roki und Stefano Neri die getanzte Version des Faust-Mythos ihres Ballettmeisters Sergei Vanaev virtuos präsentierten. Selbst in den Pausen zwischen den einzelnen Bildern wagte niemand, diese Atmosphäre durch Applaus zu zerstören. Dafür brandete am Ende der Darbietung der Beifall umso enthusiastischer auf.

Bei den musikalischen Programmpunkten gab Marc Niemann den Taktstock einem Staffelstab gleich an seine Kollegen Davide Perniceni und Hartmut Brüsch weiter, die das Orchester und die Solisten ebenso überzeugend durch die Arien leiteten. Das Musiktheater-Ensemble wartete mit einigen vielversprechenden Neu-Zugängen auf: Signe Heiberg sang mit natürlichem Sopran und sympathischer Ausstrahlung die Arie „Grüß dich Gott“ aus der Johann Strauß Operette „Wiener Blut“. Andrew Irwins lyrischer Tenor schmiegte sich durch die Partitur „Vainement ma bien aimée“ von Édouard Lalos „Le Roi d’Ys“. Der variable Bass von Ulrich Burdack gefiel in der Arie „Fünftausend Taler“ aus der Oper „Der Wildschütz“ von Albert Lortzing. 5.000 – diese Zahl scheint bei ihm Programm zu sein: So hat er doch Anfang August bei der beliebten TV-Rate-Show „Gefragt-gejagt“ genau diesen Betrag (natürlich in Euro) erspielt, indem er im Alleingang gegen den Jäger das Finale gewann.

Aber auch die/der „alte“ Häsin/Hase aus dem Musiktheater konnten überzeugen: Bariton Marcin Hutek gehört schon seit der vergangenen Spielzeit zum Ensemble, konnte allerdings Pandemie-bedingt leider nur wenig von seinem Talent zeigen. Hier gab er nun mit der Arie „Avant de quitter ces lieux“ aus Charles Gounods Oper „Faust“ den gelungenen Einstieg zum gleichnamigen Ballett. Höhepunkt der jährlichen Eröffnungsgala ist immer die Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden. In diesem Jahr nahm eine sichtlich gerührte Patrizia Häusermann diesen Preis in Empfang. Die Mezzosopranistin Patrizia Häusermann gehört schon seit einigen Spielzeiten zum Ensemble und konnte mich immer mit ihrer Musikalität, ihrem Talent und ihrer Wandlungsfähigkeit überzeugen. Dass die Verleihung dieses Preises völlig zu Recht erfolgte, bewies sie mit der gefühlvoll interpretierten Arie „Vois sous…“ aus der Jacques Offenbach-Oper „Hoffmanns Erzählungen“. Gemeinsam mit ihren Kolleg*innen beendete sie die Gala mit dem schmissigen „Batavia-Fox“ aus der Operette „Der Vetter aus Dingsda“ von Eduard Künneke, zu dessen Gelingen Edison Vigil mit einer humorvollen szenischen Einrichtung beitrug.

Das Stadttheater Bremerhaven kredenzte uns wieder ein schmackhaftes Buffet mit vielen kleinen, feinen Leckereien: So verlies ich kulturell reichlich gesättigt und mit einem wohligen Hochgefühl das Theater!


Mit dieser Eröffnungsgala wurde die SAISON 2021/2022 am Stadttheater Bremerhaven feierlich eingeläutet.