[Rezension] Charles Dickens – Ein Weihnachtsmärchen/ mit Illustrationen von Lisbeth Zwerger

Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom griesgrämigen Geizkragen Ebenezer Scrooge, der am Weihnachtsabend Besuch vom Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Jacob Marley erhält, um ihn zu warnen: Die Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht würden ihn aufsuchen, um ihm verschüttete Erinnerungen und vergessene Empfindungen wieder in den Sinn zu rufen. So wartet Scrooge mit bangem Herzen auf die Ankunft der Geister, die ihn nacheinander – wie vorhergesagt – auf absonderlich-abenteuerliche Reisen durch Raum und Zeit mitnehmen, von denen er als geläuterter Mann zurückkehrt.

Natürlich kannte auch ich diese vielleicht klassischste aller Weihnachtsgeschichten dank seiner verschiedenen filmischen Umsetzungen. Doch ich gebe es unumwunden zu: Ich hatte vorher noch nie Dickens Original gelesen. Und nach der Lektüre stellte ich mir die berechtigte Frage: Wieso nicht? Doch vielleicht brauchte es auch die Verlockung durch eine würdige Umsetzung: Im Laufe der letzten Jahre bin ich zu einem kleinen Fan des NordSüd-Verlags mutiert, da er sowohl neue wie auch klassische Geschichten optisch reizvoll in Szene setzt.

In diesem Fall hatte sich die renommierte Kinderbuchillustratorin Lisbeth Zwerger schon vor einigen Jahren dem Weihnachtsmärchen von Dickens angenommen. Erstmals im Jahre 1988 in eben diesem Verlag erscheinen, handelt es sich somit um eine überarbeitete Neu-Auflage. Aber gerade dies schätze ich an Verlagen wie NordSüd: Klassiker des Repertoires verschwinden nicht einfach in der Versenkung, sondern werden nach einiger Zeit mit Bedacht wiederaufgelegt, um so auch nachgewachsenen Lese-Generationen Freude zu bereiten. Zumal Zwergers Illustrationen absolut zeitlos sind und in ihrer Ästhetik dem Terminus vergangener Epochen unterstreicht. Schon bei Das Geschenk der Weisen von O’Henry lernte ich die stille Zurückhaltung ihrer Bilder zu schätzen, mit der die Künstlerin sie unaufgeregt aber gefühlvoll der Erzählweise des Autors anpasst und beides so zu einer Einheit verschmelzen lässt.

Dabei vermeidet sie angenehm wohltuend auf allzu Kindlich-drolliges: Liebhaber*innen von oberflächlichen, massenkompatiblen Niedlichkeiten kommen hier nicht auf ihre Kosten. Vielmehr lauschte sie der Geschichte sehr konzentriert und achtete auf kleinste Beschreibungen in den Nebensätzen, was sich dann in den feinen Details in ihren Zeichnungen widerspiegelt. So ist es durchaus ratsam, nicht nur aufmerksam zu lesen, sondern ebenso aufmerksam zu schauen.

Dickens Appell für mehr Menschlichkeit und ein friedvolles Miteinander (in Kombination mit Zwergers wunderbaren Illustrationen) traf mich mitten ins Herz und berührte meine Seele. Die Wärme und der Charme, was diese reizvolle Geschichte überreichlich verströmt, rührten mich während der Lektüre so sehr, dass hin und wieder durchaus eine kleine Träne floss.

Hach, es war so wunderbar!!!


erschienen bei NordSüd/ ISBN: 978-3314105449

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Lektüre zum Fest…

Ende August stand ich bei sommerlichen Temperaturen schwitzend in Shorts und T-Shirt im Supermarkt, starrte fassungslos auf das „Jahresend-Gebäck“, das sich im Kassenbereich stapelte, und dachte gleichzeitig „Langsam wird’s Zeit…!“

Langsam wird’s Zeit, dass ich mir Gedanken mache, welche Werke ich in diesem Jahr bei „Lektüre zum Fest“ vorstellen möchte. Jedes Jahr auf’s neue muss (!) ich aus der Fülle an passender Literatur auswählen, und diese Entscheidung fällt mir nicht immer leicht. Nehme ich prinzipiell nur Neu-Erscheinungen? Greife ich beherzt auf die Back-List zurück? Oder mache ich es mir – wie schon in den vergangenen Jahren – ganz einfach und stelle Euch die Bücher vor, die mir am Besten gefielen? Ja, ich glaube, genau so mache ich es…! 😉

Was wäre ein Fest voller Liebe, Freude und Friede ohne einen zünftigen Mord? Richtig! Fad!!! Denn so ein spannender Weihnachtskrimi zur schönsten Zeit des Jahres ist wie das sprichwörtliche Salz in der Suppe: Er rundet den Geschmack ab und verhindert, dass mir von allzu viel festlicher Süße übel wird. Und so gibt es bei der kriminalistischen Lektüre auch diesmal wieder sowohl alte Freunde als auch neue Bekannte zu entdecken.

  • Nicholas Blake – Das Geheimnis des Schneemanns
  • Georges Simenon – Weihnachten bei den Maigrets
  • Gilbert Adair – Oh dear! Miss Mount und der Mord im Herrenhaus
  • Agatha Christie – Das Geheimnis von Sittaford

Doch natürlich kommt bei mir auch „die festliche Süße“ nicht zu kurz, die sich hemmungslos über eine abwechslungsreiche Auswahl an Klassikern, Erzählungen und Geschichten für (beinah) jedes Alter ergießt und so für eine wohltuende Dosis Kitsch für die Feiertage sorgt.

  • Nancy Campbell – Fünfzig Wörter für Schnee
  • Thierry Dedieu – Auf der Suche nach dem Schneemann
  • Siegfried Lenz – Das Wunder von Striegeldorf. Eine Weihnachtsgeschichte/ mit Illustrationen von Franziska Harvey
  • Anthony Trollope – Weihnachten auf Thompson Hall/ mit Illustrationen von Irmela Schautz
  • Charles Dickens – Ein Weihnachtsmärchen/ mit Illustrationen von Lisbeth Zwerger
  • Tage des Lesens. Lektüre zwischen den Jahren/ herausgegeben von Gesine Dammel

Einige Werke sind schon im vergangenem Jahr (…oder im Jahr davor?) erschienen und hatten es leider nicht in meine letztjährige Auswahl geschafft: Dies hole ich nun mit Freude nach!

Ich wünsche Euch von Herzen sowohl kriminalistische wie auch besinnliche Lese-Stunden!

Liebe Grüße
Andreas

[Rezension] O. Henry – Das Geschenk der Weisen/ mit Illustrationen von Lisbeth Zwerger

Es gibt Geschichten, die müssen für einen Leser erst reifen, oder vielleicht muss der Leser auch erst für eine Geschichte reifer werden: Als ich vor einigen Jahren meine erste weihnachtliche Lesung vorbereitete, las ich zum ersten Mal diese Geschichte. Damals fand ich sie „nett“…

…nicht mehr, nicht weniger!

Einige Jahre später „stolperte“ ich wieder über diese Geschichte und wurde gefangen von O. Henrys melodischen Sprachstil, von der Schlichtheit seiner Erzählung und von den tiefen Gefühlen, die darin verborgen waren: Zwei junge Menschen überraschen sich gegenseitig mit einem Geschenk zum Weihnachtsfest – wenig spektakulär und gleichzeitig so wunderbar. Selbst beim wiederholten (Vor-)Lesen werde auch ich immer wieder berührt von dieser kleinen Geschichte voller Wärme und Menschlichkeit.

Eine Geschichte, die nun ihren festen Platz in meinem Vorlese-Repertoire zum schönsten Fest des Jahres gefunden hat…

…nicht mehr, nicht weniger – und doch so viel!

erschienen bei NordSüd/ ISBN: 978-3314015427

…oder siehe auch Lektüre zum Weihnachtsfest vom 28. November 2018