Schon vor Jahren stolperte ich über die Tatsache, dass Margaret Mitchell, die bekannte Schriftstellerin des Epos VOM WIND(E) VERWEHT, an eben genau jenem Tag Geburtstag hatte wie auch ich. Damit befinden wir beide uns in bester Gesellschaft mit einem Schriftsteller, der – wie Mitchell – ein literarisches Meisterwerk geschaffen hatte. Bram Stoker war der geistige Vater einer der erfolgreichsten und populärsten Schauerromane, der die Phantasie und Kreativität vieler Menschen bis zum heutigen Tag beflügelt. Mit Margaret Mitchells Werk hatte ich mich bereits anlässlich der Neu-Übersetzung von VOM WIND VERWEHT beschäftigt und zudem einen Blick auf die Cover-Gestaltung der div. Veröffentlichungen geworfen. Heute – aus Anlass unseres gemeinsamen Geburtstages – gönne ich mir einen Blick auf die verschiedenen Umsetzungen von DRACULA.
Getreu dem Motto „It’s the same, but different!“…
VORAB: Ich könnte hier wortreich über das Geheimnis dieses Erfolges palavern, die Gründe für ein solches Phänomen erörtern, über die sexuell-erotische Anziehungskraft der Untoten schwadronieren oder insbesondere den Fan-Kult, der sich rund um den Grafen im Laufe der Jahrzehnte entwickelt hat, kritisch beäugen. Ja, das könnte ich alles tun! Aber: Nein, ich tue es nicht!
Warum tue ich dies nicht? Weil ich für Blutsauger aller Art recht wenig übrig habe. Mich begeisterten noch nie irgendwelche Vampir-Filme, noch konnte ich mein Herz für die unsäglichen literarischen Ergüsse jüngerer Zeit erwärmen. Doch der Umstand, dass Bram Stoker und ich unter demselben Sternzeichen geboren wurden, stimmte mich milde. Zumal es zu dieser Geschichte eine schier unerschöpfliche Anzahl an unterschiedlichen Adaptionen gibt, die sogar bei mir einen Hauch von Interesse wecken konnten.
Und so schaue ich heute an unserem gemeinsamen Geburtstag („Hatte ich es schon erwähnt?“) selbst einmal bei dem aparten Blutsauger vorbei.
Den Inhalt des Romans darf ich höflichst als bekannt voraussetzen.
Schmuckausgabe/ Gestaltung durch Stefanie Bartsch
Bereits seit einiger Zeit begeistert der Coppenrath-Verlag seine Leserschaft mit schön gestalteten Schmuckausgaben zu Klassikern unterschiedlicher Genre. Dabei möchte ich hervorheben, dass es sich hierbei nach meinem Verständnis nicht um eine illustriere Fassung eines literarischen Werkes handelt. Bei einer illustrierten Fassung hat ein*e Künstler*in Illustrationen passend zur Handlung kreiert, die man mit Szenenfotos eines Theaterstücks vergleichen könnte. Diese Kunstwerke heben die Handlung des Romans bestenfalls auf eine weitere Ebene und eröffnen dem Lesenden neue Perspektiven.
Eine Schmuckausgabe wurde von einer Grafikerin oder einem Grafiker gestaltet. Im vorliegenden Fall schmücken stilvolle Vignetten, historische Zeichnungen und einige weitere zum Sujet passende grafische Elemente die Seiten des Buches. Zusätzlich wurden einige „Gimmicks“ wie Briefe, Postkarten, Werbezettel, Rezepte u.ä. zwischen die Seiten versteckt, um an prägnanten Stellen der Geschichte die Lesenden noch intensiver in die Geschichte hineinzuziehen. Sowohl das Schriftbild als auch die Farbgebung der Seiten wurden kreativ in die Buch-Gestaltung einbezogen. Zudem wirkt das gesamte Buch auch aufgrund des in Gold gehaltenen Buchschnitts sehr edel, hat allerdings aufgrund der beschriebenen Aufmachung auch einen gewissen Umfang und das entsprechende Gewicht.
Doch als Freund von schön gestalteten Büchern möchte ich bei einer Schmuckausgabe auch kein labbriges Taschenbuch in den Händen halten.
erschienen bei Coppenrath / ISBN: 978-3649642244 / in der Übersetzung von Martin Engelmann
Klassiker neu erzählt für Kinder ab 7 Jahren von Gemma Barder/ mit Illustrationen von Nick Mofatt
Ich habe mich gar köstlich amüsiert: Gemma Barder stampfte die ikonische Geschichte auf das Wesentliche ein, indem sie das Personal reduzierte und die Handlungsstränge bündelte. Dabei „übersetzte“ sie den Inhalt in eine kindgerechte Sprache und sparte auch nicht ein wohliges Gruseln aus. Zudem gelang ihr das Kunststück, dass der Erzähltext und die Dialoge nie wie eine plumpe Reduzierung der Ursprungsgeschichte wirkten. Ungewöhnliche Worte oder Formulierungen, die heutzutage nicht mehr wie selbstverständlich im Wortschatz der Kids zu finden sind, werden auf der jeweiligen Seite kurz erklärt.
Die Illustrationen von Nick Mofatt sind Comic-artig gestaltet. Die Figuren sind prägnant und leicht ironisch überzeichnet. Das Betrachten der Bilder bereitete mir eine Menge Spaß und entlockte mir so manches Schmunzeln.
Insgesamt ist dies eine sehr gelungene Adaption, um die Kinder behutsam an diesen Klassiker der Schauerliteratur heranzuführen.
erschienen bei Anaconda / ISBN: 978-3730615348 / in der Übersetzung von Christel Kröning
Hörspiel (1975)/ 1 CD/ Produktion, Hörspielbearbeitung & Regie: Konrad Halver/ mit Wolfgang Kieling, Peter Versten, Olaf Simon, Angelika Merkert, Marianne Warnecke u.a.
Ich liebe die Hörspiele aus den 60er und 70er Jahren, die peu à peu aus den Archiven der Rundfunkanstalten befreit werden. Da gab es für mich schon so manchen Schatz zu entdecken. Im vorliegenden Fall handelt es sich eher um eine solide Umsetzung der bekannten Geschichte, die primär für jüngere Hörer*innen produziert wurde und sich bei einer Laufzeit von ca. 46 Minuten auf die wesentlichen Handlungsstränge fokussiert. Ebenso wie beim Klassiker neu erzählt wurde das Handlungspersonal entsprechend auf Dracula, Jonathan Harker, Van Helsing, Mina und Lucy reduziert, wobei den Sprecherinnen der Damen leider eher rudimentäre Rollen zugedacht wurden. Der bekannte Mime Wolfgang Kieling (Polizeirevier Davidswache, Der zerrissene Vorhang) führt als Erzähler routiniert durch die Handlung. Peter Versten gibt einen gediegenen Grafen Dracula, Olaf Simon mimt den jugendlichen Helden Jonathan Harker sehr ambitioniert, und Albert Lichtenfeld macht in seinem Rollenprofil von Prof. Van Helsing mit Kauzigkeit auf sich aufmerksam.
Aufgrund des Alters der Aufnahme musste ich bei einigen Gepflogenheiten der damaligen Hörspielproduktionen schmunzeln: Damit das Hörspiel nicht zu einer One-Man-Show für den Erzähler mutiert, fielen auch den anderen Protagonisten erklärende Dialoge zu. Es ist schon sehr amüsant, wenn z.Bsp. Jonathan Harker auf seiner Flucht aus Draculas Schloss die Fassade entlangklettert und jeden seiner Schritte kommentiert im Sinne von „Ups, hier kommt ein Absatz! Huch, jetzt wäre ich beinah abgestürzt“. Auch die schmatzenden Sauggeräusche, die ertönen, wenn Dracula sich im Hals eines Opfers festbeißt, sorgten bei mir für Erheiterung. Dafür fiel die Musikuntermalung mit großem Orchester sowohl äußerst gelungen wie auch außerordentlich üppig aus und erinnerte mich an einen Film-Soundtrack.
ANMERKUNG: Leider gehen (wie so oft) bei älteren Hörspielen, die im Laufe der Zeit in unterschiedlichen Verlagen wiederaufgelegt wurden, die Informationen zur Produktion verloren, bzw. sie werden von den Verlagen als wenig wichtig für die Hörenden betrachtet. In diesem Fall findet sich im dürftigen Beiblatt nur eine rudimentäre Wiedergabe der Mitwirkenden, in der Wolfgang Kieling als Erzähler unterschlagen wurde (auf dem Titelblatt ist sein Name zu finden). Diese schlampige Vorgehensweise empfinde ich wenig respektvoll gegenüber den ausführenden Künstler*innen – unabhängig wie alt die jeweilige Aufnahme ist. Zudem interessiert es mich als Zuhörer durchaus, welche Persönlichkeiten sich hinter den Stimmen verbergen: So haben mich in der Vergangenheit schon einige markante Stimmen aufhorchen lassen und animiert, mich auf die Suche nach weiteren Hörspielen mit ihnen zu begeben.
erschienen bei vgh audio (maritim) / ISBN: 978-3938597149
Comic zum Film/ Szenerie: Roy Thomas/ Illustrationen: Mike Mignola & John Nyberg
Diesem Comic liegt der Film der Regie-Legende Francis Ford Coppola aus dem Jahre 1992 zugrunde. Da überrascht es nicht, dass Roy Thomas sich bei der Konzeption der Szenerie stark am Drehbuch des Films orientierte. Auch die Figurinen des Handlungspersonals weisen eine deutliche Ähnlichkeit mit dem filmischen Alter-Ego auf.
Die Illustrationen von Mike Mignola und John Nyberg sind prägnant und kontrastreich sowie in ihrer Farbgebung sehr markant. Die Illustratoren verzichteten auf allzu viele Details. Durch die an Scherenschnitte erinnernden Bilder habe ich als Betrachter die Möglichkeit, meine Phantasie spielen zu lassen und eigene Details in die Bilder hineinzuinterpretieren. Die Umsetzung ist sehr düster, teilweise beinah sphärisch, doch durchaus gelungen.
erschienen bei Egmont Ehapa / ISBN: 978-3928108171 / in der Übersetzung von Karlheinz Borchert & Georg F.W. Tempel
Nun ist es aber auch genug: Der gräfliche Blutsauger hat meine Aufmerksamkeit nun zur Genüge gefesselt und darf gerne wieder auf sein Schloss verschwinden, wo er es sich in seinem Sarg gemütlich machen kann.
Da bleibt mir nur noch folgendes zu sagen: Ich schicke herzliche Geburtstagsgrüße aus dem Diesseits ins Jenseits zu Bram Stoker und muss ihm kleinlaut gestehen „So ein klein wenig habe ich mich dann doch gegruselt!“ 😄
