[Rezension] Saša Stanišić – MÖCHTE DIE WITWE ANGESPROCHEN WERDEN, PLATZIERT SIE AUF DEM GRAB DIE GIESSKANNE MIT DEM AUSGUSS NACH VORN

Irgendetwas Außergewöhnliches muss an diesem Kerl doch dran sein, dass er mit Preisen nur so überschüttet und von Kritiker*innen und Leser*innen (Ein äußerst seltener Fall!) frenetisch bejubelt wird. Selbst ein Denis Scheck vollführt während eines Interviews zu seiner Sendung DRUCKFRISCH vor ihm einen verbalen Kniefall. „Okay“, dachte ich mir „dann reicht mir doch mal sein neustes Werk rüber – mit diesem ellenlangen Titel, der kaum fehlerfrei ausgesprochen werden kann.“ Meine eh schon faltige Stirn legte sich voller Skepsis in zusätzliche Falten: „Will ich doch selbst mal sehen, was an diesem Kerl dran ist. So leicht lasse ich mich nicht überzeugen…!“,…

…und schon mit der ersten Geschichte hatte er mich am Haken.

Was wäre, wenn man nicht diese eine Entscheidung getroffen hätte, sondern jene andere? Was wäre, hätte man der Erwartung getrotzt? Und dann ist da trotzdem die Furcht, feige gewesen zu sein, zu lange gezögert und etwas verpasst zu haben, ein besseres Ich, ein größeres Glück, die lustigeren Haustiere und Partner. Sasa Stanisic führt uns an Orte, an denen das auf einmal möglich ist: den schwierigeren Weg zu gehen, eine unübliche Wahl zu treffen oder die eine gute Lüge auszusprechen. So wie die Reinigungskraft, die beschließt, mit einer Bürste aus Ziegenhaar in der Hand, endlich auch das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. So wie der Justiziar, der bereit ist zu betrügen, um endlich gegen seinen achtjährigen Sohn im Memory zu gewinnen. Und so wie der deutsch-bosnische Schriftsteller, der zum ersten Mal nach Helgoland reist, nur um dort festzustellen, dass er schon einmal auf Helgoland gewesen ist. Am besten wäre ja, man könnte ein Leben probeweise erfahren, bevor man es wirklich lebt.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

12 wunderbare, feine Erzählungen sind in diesem Buch versammelt: Erzählungen, wo durchaus jede für sich stehen kann aber in der Kombination miteinander, in der Gemeinschaft aller Geschichten zueinander eine wundersame Wirkung offenbaren. Staunend nahm ich Anteil an den Leben so unterschiedlicher wie vielschichtiger Persönlichkeiten, bzw. ich durfte sie für wenige Augenblicke, für einige Momente, fragmentarisch in ihrem Leben begleiten.

Schon die erste Geschichte katapultierte mich mitten hinein in Stanišićs Universum, ins „Stanišićum“: Ich machte die Bekanntschaft mit diesen halbstarken Rotznasen (zu denen auch der Autor höchstpersönlich gehörte), die sich nur allzu gerne in ihrem Viertel auf Spielplätzen oder – in diesem Fall – im Weinberg herumtreiben und harmlosen Blödsinn verzapfen. Da kommen sie doch im pubertären Überschwang auf die kuriose Idee, einen Probenraum für das Leben zu entwickeln, in dem man 10 Minuten aus der Zukunft anprobieren könnte. Klingt verrückt, mag man meinen. Doch diese Idee wird mit so viel jugendlichem Elan vorgebracht und besitzt eine solche philosophische Klarheit, dass ich bei mir dachte „Ja, klar, genau so etwas brauchen wir!“.

In der zweiten Geschichte bleibt für eine ausländische Reinigungskraft (zufällig die Mutter einer unserer Protagonisten aus der ersten Geschichte) die Zeit plötzlich stehen und schenkt ihr die einzigartige Gelegenheit, einen unverstellten Blick auf ihr Leben zu werfen, um dieses dann endlich in die eigenen Hände nehmen zu können. In einer anderen Geschichte mutiert die Nordseeinsel Helgoland zum Sehnsuchtsort des Autors, die Erinnerungen nach Begegnungen und Situationen bei ihm heraufbeschwört, die so nie passiert sein können (…oder vielleicht doch?).

Über allen thront herrschaftlich die titelgebende Geschichte dieses Buches, die so warmherzig und lebensbejahend daherkommt und mir während der Lektüre vehement ins Ohr flüsterte „Es ist nie zu spät, eine Veränderung zu wagen! Du musst dich nur trauen!“. Und bevor ich mich versah, schaute ich am Ende des Buches kurz nochmals bei den halbstarken Rotznasen vorbei und stelle mir die Frage „Welche Rolle spielt hierbei eigentlich Heinrich Heine?“.

Im „Stanišićum“ wirkt alles irgendwie real, als könnte es genau so passiert sein. Doch gleichzeitig erscheint jede Geschichte mit einem Hauch Illusion überpudert, der die Grenze zwischen Träumerei und Wirklichkeit verschmelzen lässt. Mit einer unwiderstehlichen Kombination aus Humor und Wehmut lässt der Autor seine Erzählungen aneinander andocken wie Puzzle-Teile, um so Stück für Stück ein Bild in seiner Gesamtheit entstehen zu lassen.

So sehr ich es bedaure, dass der Autor seine ursprüngliche Heimat verlassen musste, so sehr freut es mich, dass uns dadurch ein wundervoller Poet geschenkt wurde.


erschienen bei Luchterhand / ISBN: 978-3630877686
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Eine Geschichte…] Saša Stanišić – HEIMAT

Fragt mich jemand, was Heimat für mich bedeutet, erzähle ich von Dr. Heimat, dem Vater meiner ersten Amalgam-Füllung. 

Kennengelernt habe ich Dr. Heimat an einem heißen Tag im Herbst 1992 in seinem Emmertsgrunder Garten. Ich war auf der Höhe des Gartens auf der anderen Straßenseite, da hörte ich jemanden rufen, hörte einen Gruß. Ein alter Mann war es, Schnurrbart und Speedo-Badehose, der den Rasen mit einem Schlauch wässerte und mir zuwinkte.

Muss man skeptisch werden, wenn einen Senioren in Speedo-Badehosen grüßen? Ich grüßte zurück. Er suchte über den Zaun das Gespräch, fand wenig – mein Deutsch war miserabel. Dass er freundlich grüßte, über die Straße hinweg, genügte erst mal auch.

Dr. Heimat trug seinen Schnurrbart als Schnurbart, also als einen Clark-Gable-Strich, diese heute leider fast ausgestorbene Gesichtshaarrasse. Mit fünfzehn fand ich den Schnurbart Furcht und zugleich Vertrauen einflößend, er passte zu meinem Bild von Deutschland.

Die Straße, in der sein Rasen sehr weich aussah, sein Haus groß und sein Saab auf eine gute Weise alt, war die schönste Straße des Emmertsgrunds, mit den meisten Alarmanlagen. Eine Familie hatte Dr. Heimat nicht, was ich schade fand bei so guten Manieren, Schnurrbart und Zähnen.

Auf meine Zähne sprach er mich im darauffolgenden Frühling an. Wir hatten bis dahin nie mehr als ein paar Sätze miteinander gewechselt, er muss die Apokalypse in meinem Mund irgendwie durch die Wangen entröngt haben. Er riet mir, in seiner Praxis vorbeizukommen. Das sei jederzeit möglich, er empfehle aber: sehr bald.

Eine Krankenversicherung hatte ich nicht, Dr. Heimat war das egal. Er hat unser aller Karies behandelt: bosnischen Karies, somalischen Karies, deutschen Karies. Einer ideellen Heimat geht es um den Karies und nicht darum, welche Sprache der Mund wie gut spricht.

Ich musste mehrmals antreten. Beim vierten oder fünften Mal erzählte ich auf dem Behandlungsstuhl ein bisschen von mir, ein bisschen von der Familie. Nicht weil Dr. Heimat neugierig war. Er war nur unglaublich nett. Ich rade brechte von Mutter, die sich in der Wäscherei abschuftete. Ich sagte, sie sei als Marxistin eigentlich so was wie eine Expertin für Ausbeutung, und jetzt werde sie ausgebeutet.

Dr. Heimat lächelte, schob ein fies aussehendes Gerät in meinen Mund und wurde den Spruch los: »Karl Marx hatte wahrscheinlich schlechte Zähne, aber gute Ideen.« Er begann an meinen zu schaben und sagte selbstvergessen: »Die Arbeiter haben kein Vaterland.«

Irgendwann erzählte ich ihm auch von meinem Großvater Muhamed. Dass ich glaubte, er sei von uns allen am wenigsten glücklich in Deutschland, allerdings viel zu freundlich und dankbar, um das zuzugeben. Dr. Heimat erkundigte sich, ob es etwas gab, was mein Großvater gern unternahm.

Fragt mich jemand, was mir Heimat bedeutet, erzähle ich vom freundlichen Grüßen eines Nachbarn über die Straße hinweg. Ich erzähle, wie Dr. Heimat meinen Großvater und mich zum Angeln an den Neckar eingeladen hat. Wie er Angelscheine für uns besorgt hat. Wie er Brote geschmiert und sowohl Saft als auch Bier dabeihatte, weil man ja nie weiß. Wie wir Stunden nebeneinander am Neckar standen, ein Zahnarzt aus Schlesien, ein alter Bremser aus Jugoslawien und ein fünfzehnjähriger Schüler ohne Karies,…

…und wie wir alle drei ein paar Stunden lang vor nichts auf der Welt Angst hatten.

Saša Stanišić


aus: HERKUNFT von Saša Stanišić / Luchterhand Literaturverlag / ISBN: 978-3630874739

[Rezension] Saša Stanišić – AVA AUF EINEM BEIN/ mit Illustrationen von Regina Kehn


👧 Heute ist WELTKINDERTAG!👦


Sie sind klein, handlich und erzählen ihre Geschichten auf 24 Seiten zu 10 x 10 cm im Quadrat. Es gibt sie seit 1954, und im Laufe der Jahre haben sie sich zu den beliebtesten deutschsprachigen Vorlesebüchern entwickelt. Teilweise sind sie Kleinausgaben von ursprünglich größeren, die meisten von ihnen wurden aber von vornherein für das kleinere Format geschrieben und illustriert. In der Zwischenzeit haben sich frühere Ausgaben zu begehrten Sammelobjekten gemausert. Ich spreche natürlich von den Pixi-Büchern, die in diesem Jahr ihr 70. Jubiläum feiern.

Doch was macht die Erfolgsgeschichte dieser kleinen Hosentaschen-Bilderbücher aus? Einerseits mit Sicherheit der günstige Preis von -,99 Cent, andererseits die Auswahl der Themen, die oftmals Situationen aus dem Leben von Kindern widerspiegeln und ihnen helfen soll, richtige Entscheidungen zu treffen. Auch waren und sind sich renommierte Autor*innen und Illustrator*innen nie zu schade gewesen, eine Geschichte im Pixi-Format beizusteuern. Waren dies in der Vergangenheit schon namhafte Schreiberlinge wie Cornelia Funke, Fatih Akin oder Peter Härtling, so haben Paul Maar, Marc-Uwe Kling, Axel Scheffler oder auch Saša Stanišić es sich nicht nehmen lassen, Pixi zum 70. Geburtstag zu gratulieren.

Saša Stanišić hat gemeinsam mit Illustratorin Regina Kehn eine ganz zauberhafte kleine Geschichte über Freundschaft geschaffen, bei der auch durchaus ernste, doch sehr hoffnungsvolle Untertöne mitschwingen.

Ava spielt mit ihren drei Freunden Ari, Anouk und Hilei: Ari kann auf einem Bein stehen, Anouk kann auf einem Bein stehen, nur Ava kann nicht auf einem Bein stehen – zumindest nicht lange genug, so dass es zählt. Das wurmt Ava. Sie schnappt sich Hilei und geht mit ihr nach Hause. Hilei ist nämlich in Wirklichkeit ein als Ente getarnter Drache und Avas engste Vertraute. Gemeinsam mit ihr und Papa hat Ava auf der Flucht schon eine Wüste durchquert. Ava und Hilei überlegen, dass es so vieles gibt, das wichtiger ist, als auf einem Bein stehen zu können, z.Bsp. Tomaten schneiden. Und sie kommen zu einer wichtigen Erkenntnis: Nicht jeder muss alles können!

Abermals ist Saša Stanišić eine warmherzige Geschichte gelungen, bei deren Entstehung seine eigene Vergangenheit Einfluss nahm. Dabei wirkt seine Erzählung oberflächlich betrachtet eher unspektakulär. Erst beim wiederholten Lesen brachten einige Zeilen mein Herz zum Schwingen und verströmten ihren poetischen Charme. So bildet der Text von Stanišić den Überbau bzw. das Grundgerüst der Geschichte, während die wunderbaren Illustrationen von Regina Kehn mir den Sub-Text zu den Personen lieferten. Gänzlich unaufgeregt, beinah nebenbei erfuhr ich noch so viel mehr von unserer kleinen Heldin, ihrer Familie und ihren Freunden. So entdeckte ich über dem Bett von Asa ein Foto von ihr und ihrer Mutter. Da schaute Avas Papa erschrocken auf die blutroten Flecke an der Wand, die Ava beim Tomatenschneiden hinterlässt. Und natürlich konnte Ari ganz toll auf einem Bein stehen: Er ist ja schließlich darin trainiert, da er als Flüchtlingskind (wahrscheinlich) aus einem Kriegsgebiet auch nur noch ein Bein hat. Solche und weitere Details boten mir Raum für Interpretationen und überzogen die fiktiven Figuren mit einem realistischen Schimmer.

Ich staune über die Kunst von Saša Stanišić und Regina Kehn, die es schafften, mit wenigen Worten und ein paar Bildern ein ganzes Leben auf nur 24 kleinen Seiten zu zaubern.


erschienen bei Pixi (im Carlsen-Verlag) / ISBN: 978-3551039293 (Pixi-Serie 295 / Nr. 2688)

[Rezension] Brüder Grimm – MEIN GROSSER MÄRCHENSCHATZ. Das Original aus den 70ern


👧 Heute ist WELTKINDERTAG!👦


Ja, auch ich bin ein Kind der 70er: Aufgewachsen mit Heidi und Priel-Blume, eingekleidet mit Pullundern in grellen Farben und Strumpfhosen ohne Füße (Eine Erfindung, die den Begriff „Strumpfhose“ ad absurdum führte und erst ein Jahrzehnt später durch den Begriff „Leggins“ ersetzt wurde.). Musikalisch fuhr ich – Dalli Dalli – mit einem Zug nach nirgendwo, nach Mendocino oder sonst wo hin, und auf die Frage „Was willst du denn mal werden, wenn du groß bist?“ gab ich im Brustton der Überzeugung als Berufswunsch „Ziegenhüter auf der Alm“ an. Wie jedes Jahrzehnt hatten auch die 70er ihre ganz eigene Ästhetik,…

…und diese Ästhetik hatte natürlich ihren Einfluss auf die Bildsprache in Kinderbüchern und war somit auch ein Ausdruck des jeweiligen Zeitgeschmacks. Dieser Umstand kann so prägend sein, dass ein Wiedersehen mit Illustrationen aus dieser Zeit zwangsläufig Erinnerungen heraufbeschwören. Ich habe damals mein Papp-Märchenbuch ständig mit mir herumgeschleppt und bei jeder Gelegenheit – egal, ob zur Tages- oder auch Schlafenszeit – darin geblättert und mir stundenlang die Bilder angeschaut. Mein Exemplar war irgendwann so abgestoßen, dass die Ecken schon ausgefranst waren und der graue Karton hervorlugte.

So war das Blättern in diesem Jubiläumsband von MEIN GROSSER MÄRCHENSCHATZ für mich ein einziges großes Déjà-vu: Über Jahrzehnte nicht an sie gedacht, sprangen nun beim ersten Blick auf die Illustrationen die Schubladen meiner Erinnerungs-Kommode auf und bescherten mir eine Lawine an wohligen Empfindungen. Da waren sie wieder, die zauberhaften Märchengestalten mit den etwas überproportionierten Köpfen, dem ausdrucksvollen Blick und den rosigen Wangen. Da gab es runde Formen und leuchtende, doch nie grelle Farben. Der Wolf war nie zu böse, der Wald nie zu dunkel, und Stiefmütter wie auch böse Feen waren nie zu garstig.

Ebenso gemäßigt präsentieren sich die Märchentexte: Sind die Originaltexte manchmal doch recht brutal, wurden hier die Geschichten dem Verständnis eines eher jüngerem Publikums angepasst und werden so nie allzu gruselig. Wobei die Texte sich ganz famos zum Vor-Lesen eignen: Wenn man sich dann noch nebeneinander gemütlich auf das Sofa kuschelt, besteht für die kleinen Zuhörer die Möglichkeit, sich währen des Vor-Lesens die wunderbaren Illustrationen anzuschauen.


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An der Illustration der vorliegenden 14 Märchen waren drei Künstlerinnen beteiligt: Während Gerti Mauser-Lichtl ihren Beitrag bei „nur“ einem Märchen leistete, und Anny Hoffmann mit zwei Märchen auf sich aufmerksam machen konnte, kreierte Felicitas Kuhn die bunten Welten für üppige elf Märchen und prägte so die Sehgewohnheit einer ganzen Kindergeneration.

Folgende Märchen sind in diesem prächtigen Sammelband enthalten:
Felicitas Kuhn Rotkäppchen / Hänsel und Gretel / Dornröschen / Die Bremer Stadtmusikanten / Der Wolf und die sieben Geißlein / Aschenputtel / Der gestiefelte Kater / Frau Holle / Das tapfere Schneiderlein / Tischlein deck dich / Der kleine Däumling
Anny Hoffmann Der Froschkönig / Rumpelstilzchen
Gerti Mauser-Lichtl Schneewittchen

Glücklicherweise vermeidet der Verlag eine absolut entbehrliche Aktualisierung der Märchen, die ursprünglich in Einzelbänden erschienen sind, und schenkt uns so eine wunderbar nostalgische Neu-Auflage dieses Märchenbuch-Klassikers aus den 70ern. So erhält die heutige Großeltern-Generation die unschätzbare Gelegenheit, sich gemeinsam mit ihren Enkeln in die Bilderwelt der eigenen Kindheit fallen zu lassen.


erschienen bei Esslinger / ISBN: 978-3480238705

[Rezension] Oscar Wilde – DAS GESPENST VON CANTERVILLE (Hörspiel)

Es sollte Oscar Wildes erste veröffentlichte Geschichte werden: Auch 137 Jahre später wird DAS GESPENST VON CANTERVILLE nach wie vor geliebt und gelesen. Zudem animierte sie die Kreativität vieler Künstler*innen, die aus diesem bezaubernden Grusel-Spaß eigene Adaptionen schufen. Natürlich dürfen in diesem illustren Reigen der Versionen die wunderbaren Hörspiele nicht fehlen: Hier entstehen nur dank der Aneinanderreihung vieler Töne die bunten Bilder im imaginären Kopfkino der Zuhörer*innen.

Der amerikanische Gesandte Hiram B. Otis reibt sich begeistert die Hände: Er hat soeben vom amtierenden Lord Canterville das Familienanwesen nebst Hausgeist käuflich erworben. Doch die Warnung des Lords vor eben diesem Gespenst, das seit Hunderten von Jahren im Schloss sein Unwesen treibt und schon so manchen Bewohner in den Wahnsinn getrieben hat, schlägt er leichtfertig in den Wind. Schließlich kommt er aus der neuen Welt und ist sowohl ein modern denkender Mensch als auch waschechter Republikaner. Für übernatürliche Phänomene fehlt ihm schlicht das Verständnis. So zieht Mr. Otis zusammen mit seiner Gattin Lucretia, dem ältesten Sohn Washington, seiner Tochter Virginia und den Zwillingen „The Star and Stripes“ in ihr neues Heim. Der Geist gibt sein Bestes, die neuen Hausbesitzer gebührend zu empfangen, und lässt seine Ketten gar schauerlich nächtens rasseln. Ein Umstand der Mr. Otis veranlasst, ihm eine Flasche Schmieröl auszuhändigen mit der freundlichen aber bestimmten Aufforderung, er möge seine Ketten ölen. Das Gespenst von Canterville ist erschüttert über diese bodenlose Respektlosigkeit und droht mit drastischeren Maßnahmen. Dummerweise hat er nicht mit dem vehementen Widerstand der Familie gerechnet. Nur Virginia hält sich diskret aus dem sich immer weiter zuspitzenden Scharmützel heraus…!


1 CD/ DAS GESPENST VON CANTERVILLE von Oscar Wilde (1993)/ Hörspielbearbeitung & Regie: Lilian Westphal & Gabriele Sachtleben/ Musik: Benedikt Hoenes/ Ton & Technik: Hans Scheck & Susanne Herzig/ mit Peter Fricke, Marion van de Kamp, Robinson Reichel, Dorothee Hartinger, Jakob Haas, Julian Sonner, Horst Sachtleben, Philipp Moog, Irmgard Först, Henning Schlüter, Rufus Beck u.a.


Schritte hallen, Schreie ertönen, Ketten klirren: Doch ein Gefühl des Gruselns – so richtig mit Gänsehaut, angespannten Nerven und sonstigem Zipp und Zapp – wollte sich bei mir nicht einstellen. Und das war auch gut so, denn dafür ist Wildes Geschichte einfach viel zu lustig. So saß ich auch eher lachend vor dem CD-Player und erfreute mich an der gelungenen Hörspiel-Adaption, die trotz obligatorischer Kürzungen den Spirit (in diesem Zusammenhang mochte ich nicht von „Geist“ sprechen) von Oscar Wildes Originalgeschichte ganz wunderbar einfängt.

Zu verdanken ist dies natürlich sowohl der behutsamen Bearbeitung durch Lilian Westphal und Gabriele Sachtleben, die auch für die Regie verantwortlich zeichneten, wie auch der Kunst der Tontechnik durch Hans Scheck und Susanne Herzig. Leider ist Benedikt Hoenes mit seiner Musik nicht kontinuierlich auf diesem hohen Niveau: Da schuf er atmosphärisch stimmige Kompositionen, die sowohl die Szenerie unterstützt wie auch für die Zeit, in der die Geschichte spielt, sehr passend sind. Dann mixte er immer wieder Jingles dazwischen, die an einer TV-Kindersendung erinnern und den Spannungsbogen eher unterbrechen als aufrecht erhalten.

Größtes Pfund dieser Hörspiel-Produktion ist allerdings das talentierte Ensemble, das von dem bekannten TV-Mimen Peter Fricke angeführt wird, der als Mr. Otis einerseits äußerst pragmatisch, andererseits ganz wunderbar nonchalant daherkommt. Seite an Seite steht ihm Marion van de Kamp als resolute Mrs. Otis in nichts nach. Umschwirrt werden sie von talentierten Jung-Sprecher*innen: Robinson Reichel verleiht dem ältesten Sohn Washington eine altkluge Reife, Jakob Haas und Julian Sonner als die Zwillinge begeistern durch eine quirlige Natürlichkeit, und Dorothee Hartinger als Virginia bezaubert durch ihren mädchenhaften Charme.

Horst Sachtleben kann als amtierender Lord Canterville mit aristokratischen Attitüden aufwarten, während sein bemitleidenswerter Vorfahr, eben jenes Titelgebende Gespenst, durch Henning Schlüter mit markanter Stimme überzeugend zwischen „beängstigend“ und „bemitleidend“ hin und her schwankt.

Über 30 Jahre hat diese Ausgrabung aus dem Hörspiel-Archiv des Bayerischen Rundfunks nun schon auf dem Buckel und klingt nach wie vor so herrlich frisch, dass sicherlich auch die nächsten 30 Jahre ihm nichts anhaben werden. Gutes ist und bleibt eben zeitlos!


erschienen bei DAV / ISBN: 978-3742426376

[Noch ein Gedicht…] Thomas Gsella – ZUM GEBURTSTAG EINES FREUNDES

Er trinkt nicht, hat noch nie geraucht,
Doch mag nicht missionieren.
Er kommt zu mir, wenn er mich braucht,
Dann gehen wir spazieren.

Sein Kopf: das Gegenteil von hohl.
Sie wissen, was ich meine.
Er hetzt nicht, stürmt kein Kapitol
und nutzt gern seine Beine
Statt hundert Tonnen SUV,
Von A nach B zu kommen.

Auch lügen hört ich ihn noch nie.
Er zählt nicht zu den Frommen,
Doch zählt er zu den Hellen.
Sein Herz ist wahr, sein Geist gesund,
Nichts Falsches kommt aus seinem Mund,
Nur ab und zu ein Bellen.

Thomas Gsella

[Rezension] Thomas Gsella – HEREIMSPAZIERT. Neue komische Gedichte

Der legitime Nachfolger von Joachim Ringelnatz, Heinz Erhardt und Konsorten ist wieder da!

Nach ICH ZAHL’S EUCH REIM. Neue politische Gedichte steht er nun abermals hinter dem Bar-Tresen, kreiert lyrische Cocktails zu allerlei menschlichen Absonderlichkeiten und kredenzt seine Martinis nicht nur gereimt sondern auch noch geschüttelt – mit ein wenig Satire anstatt einer Olive.

Diesmal präsentiert sich Thomas Gsella „ganz privat“, politisches wird tunlichst vermieden (Wer’s glaubt!). Da wird hemmungslos in Vers-Form über Lust und Liebe – gerne auch incl. Orgasmus, sowie passenderweise über Schuld und Sühne schwadroniert. Er thematisiert in Versen Fußball und Zölibat (oder: Zölibat im Fußball?). Allgemein scheint im Leben des Thomas Gsella der Fußball eine feste Größe zu sein, dem er gerne in mannigfachen Facetten – von der WM in Katar über Spielerfrauen bis Frauenfußball – seine Aufmerksamkeit schenkt.

Doch auch mit ganz pragmatischen Alltags-Tipps zu Brückentagen, Grabinschriften und Gehaltsverhandlungen kann er aufwarten und kennt sich nur allzu gut mit so mancher Tücke des Objekts aus, sei es bei Partnerbörsen, dem Schlüsseldienst oder der Post.

Natürlich geht´s nicht gänzlich ohne Politik (s.a. „Vermutungen zu Alice Weidel u.a.“), aber auch hier ist Gsella ganz der innovative Aufklärer, der mit überraschenden Denkanstößen Verständnis beim Gegenüber generiert (ACHTUNG: Ironie). Selbst anlässlich des Todes der Queen findet er tröstende Verse für das trauernde Volk und lotst uns sicher durch das Kalenderjahr mit seinen mannigfaltigen Feiertagen und dem Wechsel der Jahreszeiten.

So manches Mal fordert mich seine Kunst heraus – weniger mit der persönlichen Haltung des Dichters, die zwischen den Zeilen stets sehr deutlich erkennbar bleibt: Da finde ich mich durchaus wieder. Vielmehr reimt er manchmal etwas unorthodox, variiert den Rhythmus und weicht vom erwarteten Reim-Schema ab. Doch mit großer Freude stelle ich mich dieser Herausforderung: Rückt er doch nur allzu gerne auch mit seiner Themenauswahl vom Erwarteten ab.

Jedes, wirklich und wahrhaftig jedes Thema scheint ihm würdig, in Lyrik gebettet zu werden – getreu dem Motto „Wenn es sich reimt, tut es gar nicht mehr so weh!“. Doch es kam durchaus nicht selten vor, dass mir das Lachen beim Lesen einer seiner gereimten Ergüsse spontan im Halse hängen blieb. Mit Thomas Gsella verlasse ich als Leser die gefälligen Pfade und begebe mich auf einen holprigen Untergrund, was es umso aufregender macht, ihn Schritt für Schritt zu erkunden.

Böse, ja, böse sind sie auch, seine Verse, herrlich böse – und so wahr!


AN DIE HETZER & SCHWÄTZER

Ihr Rassisten, die ihr jene tretet,
Die das Elend fliehn und den Tyrann,
Habt die Lüge Tag und Nacht trompetet:
Retter zögen Flüchtlingsboote an.

Wissenschaftler haben nun bestätigt:
Nichts an eurer Lüge traf je zu.
Doch aus dem, der Tag und Nacht unflätigt,
Fallen Fladen wie aus einer Kuh.

Wäre nicht so eklig euer Denken,
So verschimmelt euer Wort und faul,
Würdet ihr den Kopf nun schamrot senken
Und verkünden: „Gut, wir halten’s Maul.“

Thomas Gsella


erschienen bei Kunstmann / ISBN: 978-3956146039
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!