[Lustspiel] Carlo Goldoni – DER DIENER ZWEIER HERREN / Stadttheater Bremerhaven

Komödie nach Carlo Goldoni / in einer Fassung von Kay Neumann

Premiere: 21. September 2024 / besuchte Vorstellung: 13. Oktober 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


INSZENIERUNG Kay Neumann
BÜHNE & KOSTÜME Monika Frenz
MUSIK Jan-Hendrik Ehlers
DRAMATURGIE Peter Hilton Fliegel
LICHT Katharina Konopka


„Logik? Die ist für gut zwei Stunden außer Kraft gesetzt.
Wird ohnehin überbewertet.“

lässt Tobia Fischer in ihrem Bericht zur Premiere in der Nordsee-Zeitung verlauten. Und: Recht hat sie! Es ist manchmal ein Vergnügen, auf die Logik zu pfeifen. Dann genieße ich es, mich in meinem Sitz im Zuschauersaal einfach nur zurücklehnen zu dürfen, wunderbar unterhalten zu werden und alles um mich herum – von den Katastrophen in der Welt bis zu meinen kleinen Alltagsärgernissen – auszublenden.

Über 270 Jahre hat die Komödie von Carlo Goldoni nun schon auf dem Buckel. Damals in Mailand uraufgeführt gilt sie als Höhepunkt der Commedia dell’arte. Doch kann man die damaligen Rollenklischees der Geschlechter heutzutage noch auf einer Bühne zeigen, und zündet der Humor von 1746 auch noch im Jahre 2024? Antwort: „Ja!“ und „Ja!“, wenn jemand wie Regisseur Kay Neumann fähig ist, eine eigene Fassung zu kreieren ohne dabei das Original gänzlich zu verstümmeln. Kay Neumann schuf eine Bremerhavener Fassung und traf damit sowohl voll ins Schwarze wie auch mitten in mein Humor-Zentrum. Da werden die Namen der Charaktere einge(nord)deutscht, die Handlung wird einfach von Venedig nach Bremerhaven transferiert und mit viel Lokalkolorit und Anspielungen auf hiesige Gegebenheiten garniert. Er scheucht das talentierte Schauspiel-Ensemble des Stadttheaters Bremerhaven in einem immensen Tempo über die Bühne und krönt dies – als Running Gag – mit drei Musikern, die, kaum sind sie auf der Bühne erschienen, auch schon wieder von ihr verjagt werden. Zudem spickt er seine Inszenierung mit witzigen Regie-Einfällen zwischen Slapstick und Groteske.

Wobei: So genau will Neumann sich bzgl. der Zeit, in der die Handlung spielt, nicht festlegen lassen. Bühne und Kostüme von Monika Frenz würden zu den 80ern ebenso wie ins Heute passen. Auf jeden Fall spielt die Komödie zu einer Zeit, in der es noch kein TikTok, Smartphone und ähnlichen entlarvenden Schnickschnack gab, da sonst folgende Irrungen und Wirrungen schier unmöglich gewesen wären…

Kaufmann Hosemann hat gerade die Verlobung seiner Tochter Clara mit dem Anwaltssohn Silvester Friesdorf bekannt gegeben, da kündigt sich sein tot geglaubter Geschäftspartner an: Frederick Rasperg, dem Clara versprochen war. Hosemann wittert ein Geschäft, ist Rasperg doch wesentlich reicher als Doktor Friesdorf. In Fredericks Kleidern steckt jedoch dessen Schwester Beatrix, die dringend Geld braucht, um ihren flüchtigen Geliebten zu unterstützen, nachdem dieser ihren Bruder bei einem Streit erstochen hat. Ihr Diener Plietschmann ist dabei keine Hilfe, flirtet er doch lieber mit Hosemanns Bedienter Charlotte, streunt hungrig in der Stadt herum, statt vor Hosemanns Haus zu warten wie befohlen, und verdingt sich noch bei einem zweiten Herrn (der Beatrix’ Geliebter Felix ist), um endlich an etwas zu essen zu kommen. Als jetzt noch für beide Herren Briefe von der Post abzuholen sind, obwohl Plietschmann nicht lesen kann, die Koffer von zwei Herren im selben Gasthaus untergebracht werden müssen, ohne dass die es gegenseitig merken, und als Gipfel der Verwirrung Beatrix mit Hosemann in einem Zimmer und Felix im anderen gleichzeitig ein Menu serviert bekommen sollen, ohne dass Wirt Schunke das Spiel durchschaut – als all das kulminiert, kommt selbst das ausgekochte Schlitzohr Plietschmann ins Schwitzen. Dass Silvester durch die Straßen zieht und den vermeintlichen Rivalen Frederick Rasperg umlegen will; Clara weiß, dass Beatrix kein Mann ist, aber das nicht verraten darf; dass Charlotte und Plietschmann sich ihre Liebe gestehen und im nächsten Moment in einen üblen Streit geraten; dass Plietschmann, um nicht aufzufliegen, sowohl Felix als auch Beatrix erzählt, dass der jeweils andere tot sei – auch in diesem Durcheinander behält DER DIENER ZWEIER HERREN alle Bälle in der Luft, doch so langsam wird die Luft dünn. Wie es sich für eine Verwechslungskomödie gehört, löst sich am Ende alles in Wohlgefallen auf und alle Liebenden finden zueinander. Wie im richtigen Leben – „das war ironisch!“

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)

Bei offenem Vorhang hat das Publikum bereits vor Vorstellungsbeginn die Möglichkeit, einen Blick auf das Bühnenbild von Monika Frenz zu werfen: Hohe Betonwände mit stilvollen Holzelementen suggerieren Modernität – beinah so, als wäre eine der alten Bremerhavener Fischhallen zum stylischen Loft umgebaut worden. Die unterschiedlichen Schauplätze entstehen durch das Öffnen der Holzelemente und dem Versenken der Betonwände und bieten so dem Regisseur die Möglichkeit, sein Ensemble einer Screwball-Komödie gleich durch die eine Öffnung verschwinden und durch eine andere Öffnung wieder erscheinen zu lassen. Da wirkt die Außenfassade der Gaststätte von Wirt Schunke, die eine frappierende Ähnlichkeit mit dem real existierenden Hafenrestaurant „Treffpunkt Kaiserhafen“, der selbsternannten „letzten Kneipe vor New York“, aufweist, schon beinah wie eine Reminiszenz an die gute alte Zeit (Wann immer diese auch war?!).


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Wenn eine Komödie reibungslos funktionieren soll, bedarf es eines gut eingespielten Ensembles, bei dem niemand sich in den Vordergrund drängt, sondern sich gegenseitig die Pointen zugespielt und gegönnt werden. Frank Auerbach gibt einen schleimigen, speichelleckenden Hosemann, der stets auf seinen Vorteil bedacht ist und sogar seine Tochter meistbietend verhökert. Als sein Gegenüber zeichnet Kay Krause den Doktor Friesdorf als aalglatten Strategen, der gleichzeitig Vater von Silvester und Anwalt von Hosemann in Personalunion ist. Interessenskonflikt: Friesdorf doch nicht, da seine Interessen nur bei ihm selbst liegen.

Hosemanns Tochter Clara wird von Anna Caterina Fadda als moderne junge Frau porträtiert, die erfrischend unprätentiös ihr Leben äußerst patent selbst in die Hand nimmt und ihren Liebsten aufrichtig liebt. Ihr „love interest“ Silvester wird von Alexander Smirzitz als nerdiger Schlacks verkörpert, der so herrlich jammern kann und sich mit seinem vermeintlichen Nebenbuhler Frederick alias Beatrix einen urkomischen Zweikampf liefert, der mit Taekwondo beginnt und in einem Schuhplattler endet. Julia Lindhorst-Apfelthaler in der Doppelrolle Frederick/Beatrix versucht verzweifelt ihre Maskerade aufrecht zu erhalten und verzettelt sich dabei immer mehr in die von ihr provozierten Widersprüche. Apropos „love interest“: Beatrix zu Unrecht verdächtigter Lover Felix kommt in der wohlgeformten Gestalt von Marc Vinzing als selbstverliebter Ken-Verschnitt mit gebleachtem Zahnpasta-Lächeln daher.

Aom Flury kredenzt als Wirt Schunke seinen Gästen so manches, was bereits jenseits der Grenze des Genießbaren scheint, dass ich ihm und seiner Kaschemme von Herzen einen Besuch des Gesundheitsamtes wünsche. Marsha B Zimmermann führt als Charlotte, der Bediensteten im Hause Hosemann, ein strenges Regime, sorgt resolut für Ordnung, zeigt Haltung und bietet so jedem, der sich ihr entgegen stellt, die Stirn: Obrigkeit hin oder her.

Auch wenn es bei einer guten Komödie auf die Ensemble-Leistung ankommt, braucht es doch oft einen Charakter, der die Fäden in der Hand behält und den anderen Figuren Impulse sendet, um sie so zum Agieren zu befähigen. Hier ist es selbstverständlich unser Titelheld: Als Plietschmann, DER DIENER ZWEIER HERREN, hat Henning Z Bäcker alle Hände voll zu tun, seine*n Arbeitgeber*in (scheinbar) zufriedenzustellen, doch dabei die jeweilige Situation möglichst zum eigenen Vorteil zu nutzen. Da wird schwadroniert und geprotzt, mit der holden Weiblichkeit in Form Hosemanns Bediensteter Charlotte geschäkert, mit den (Waden-)Muskeln gespielt und die Wahrheit voller Überzeugung so sehr gedehnt und verzehrt, dass auch wir im Publikum ihm nur Glauben schenken konnten. Bei der fulminanten Menü-Szene hechtet er von dem einem zum nächsten Séparée, immer bedacht von den servierten Köstlichkeiten ausreichend für sich selbst abzuzweigen: Tupperware, wer braucht schon Tupperware, wenn das (letzte) Hemd am Leibe eine Brusttasche besitzt.

Last but not least: Jan-Hendrik Ehlers und seine beiden Musikus-Kollegen Marco Priedöhl und Stephan Werner konnten mir wahrlich leidtun. Kaum waren sie auf der Bühne erschienen, um fröhlich aufzuspielen, da wurden sie von Charlotte auch schon wieder vom Parkett gescheucht, gefegt, gelockt oder sonst wie komplimentiert. Nach dem frenetischen Schlussapplaus standen die auf der Bühne arg verschmähten Musiker im Foyer, um ihrer Kunst zu frönen. Lachend rief ich Jan-Henrik Ehlers zu „Na, da kommt ihr ja doch noch zum Zuge,…!“ „…und endlich dürfen wir bis zum Ende spielen!“ gab er grinsend zurück. Und noch beim Parkhaus waren die schmissigen Melodien, die durch die geöffneten Türen des Theaters nach draußen strömten, zu hören.

Wer ein geeignetes Mittel gegen die Herbst-Depression sucht, der wird im Stadttheater Bremerhaven fündig. Nebenwirkungen: Zerrungen der Gesichtsmuskulatur, Zwerchfell-Verspannung und ganz viel gute Laune! 🤣


Kleine Appetithappen von DER DIENER ZWEIER HERREN gefällig?

Mit Plietschmann alleine im Fahrstuhl…?! Ich bin mir nicht sicher, ob es eine ungetrübte Freude wäre. Was meint ihr,…

…oder vielleicht doch eher einen kleinen Probeneinblick mit Henning Z Bäcker?


Noch bis zum Februar 2025 darf am Stadttheaters Bremerhaven beobachtet werden, wie DER DIENER ZWEIER HERREN seine Gunst verteilt.

[Rezension] ESEL HUND KATZE HAHN. Geschichten, Gedichte und Lieder von den Bremer Stadtmusikanten/ Anna Lott (Hrsg.)

Ist es nicht erstaunlich? Da werden vier altersschwache Gesellen die bekanntesten Botschafter einer Stadt, die sie nachweislich nie erreicht haben. Es klingt wie im Märchen.

Es war einmal…

…im Jahre 1819, als DIE BREMER STADTMUSIKANTEN erstmals in der Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm auftauchten. Doch erst 80 Jahre später entdeckten die Bremer selbst das (Werbe-)Potenzial der vier Musikanten und wussten es als Wahrzeichen für ihre Stadt zu nutzen.

Doch irgendwie hatte ich immer schon dieses undefinierbare Gefühl, dass die Geschichte nicht zu Ende erzählt wurde: Da blieben mir zu viele Fragen unbeantwortet. Glücklicherweise kann da nun Anna Lott mit diesem Bilder-Lese-Buch Licht ins märchenhaft-nebulöse Dunkel bringen. Gemeinsam mit einer Vielzahl ihrer Schreiber- und Illustrations-Kolleg*innen, die allesamt in, um oder drumherum von Bremen zuhause sind, bleiben (beinah) keine Fragen mehr offen.

Neben Herausgeberin Anna Lott steuerten ebenfalls Michael Augustin, Carolin Helm, Jörg Isermeyer, Ulrike Kuckero, Hendrik Lambertus, Johanna Lindemann, Florian Müller und Hortense Ullrich ihre phantasievollen Geschichten, Lieder oder Gedichte bei. Die Künstler*innen Anke Bär, Bettina Bexte, Lois Brendel, Ina Clement, Mario Ellert, Martin Ernsting, Ruben Hilgert, Marie-Lulu Högemann, Olaf Kock, Tessa Rath und Valeska Scholz haben das Geschriebene wunderbar in Szene gesetzt. Entstanden ist ein ganz und gar unterhaltsames und abwechslungsreiches Buch, das mir beim Anschauen und darin Schmökern eine Menge Spaß bereitet hat.

Habt ihr euch am Ende eines Märchens nicht auch schon oft gefragt, wie es weiterging? Denn irgendwie ist eine Schlusssatz wie „…und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende!“ sehr unbefriedigend, lässt Raum für Spekulationen und verführt zu einem fordernden

„Ja, und? Was passierte DANN?“

Da lieferte das Original-Märchen unseren Kreativen sowohl Impulse, die Geschichte in mannigfaltigen Richtungen weiterzuspinnen, als auch Inspiration, sich an einer moderneren Deutung zu wagen. So eröffnet das Buch mit „Des Märchens zweiter Teil“ von Michael Augustin in den farbenfrohen Pastell-Illustrationen von Marie-Lulu Högemann und erzählt die Geschichte nicht nur logisch nachvollziehbar weiter, sondern präsentiert gleichzeitig die schon längst überfällige Auflösung zum Märchen DER RATTENFÄNGER VON HAMELN. Bei „Im Taxi durch Bremen“ begleiten wir den Dachs, wie er seine tierischen Fahrgäste per Daxi (!) durch die Hansestadt zum Weserstadion kutschiert, nichtsahnend, dass einige Fahrgäste die berühmten Musiker sind, die in eben jenem Weserstadium ihren großen Auftritt haben werden. In den drolligen Illustrationen von Valeska Scholz erkannte ich viele Orte und Sehenswürdigkeiten Bremens wieder. Aber auch den vertriebenen Räubern wird eine Geschichte bzw. eine Räuberballade gewidmet: Hendrik Lambertus berichtet in „Der kleine Räuber Balduin“ von einem raffinierten Komplott zwischen den Stadtmusikanten und dem kleinsten Räuber aus der kriminellen Bande.

Bei Jörg Isermeyer scheint es sich um einen Tolkien-Fan zu handeln: Anders kann ich es mir nicht erklären, dass er die zwei Teile seines Endzeit-Märchens „Der Lauf der Dinge“ mit „Die Gefährten“ und „Die zwei Türme“ untertitelte. Natürlich schickt er in seiner modernen Version andere Tiere (Eisbär, Rentier, Orang-Utan und eine Hummel) auf eine wichtige Mission, die mit einer reduzierten aber stimmungsvollen Farbgebung von Bettina Bexte visualisiert wurde.

Kinderliedermacher Florian Müller widmet dem dynamischen Quartett gleich fünf Songs, die von Martin Ernsting eindrucksvoll verschönt wurden. Dank Anke Bär und Max Görgen dürfen wir einen exklusiven Blick in das Tour-Tagebuch der fantastischen Vier (😉) werfen und erhalten so einen humorvollen Eindruck vom Leben dieser Superstars. Anna Lott verrät uns charmant, „Wie die Bremer Stadtmusikanten unter die Erde gekommen sind“, und liefert so die Erklärung, warum aus einem Gully vor der Bremer Bürgerschaft tierische Töne zu hören sind.

Silhouette DIE BREMER STADTMUSIKANTEN

Ach, und wer von euch nun unbedingt wissen möchte, „Warum die Bremer Stadtmusikanten nie in Bremen ankamen…!“, dem wird die entsprechende Antwort von Johanna Lindemann in ihrer zwei-geteilten Geschichte beschert, die übrigens herrlich skurril von Mario Ellert verschönt wurde. Doch natürlich darf auch das Original-Märchen von 1819 nicht fehlen, das nach wie vor seinen ganz besonderen Charme hat. Lois Brendel hat das Märchen mit eleganten Illustrationen in einer Art Linoldruck verschönt, die an die wundervollen Reliefs erinnern, wie sie noch in einigen Alt-Bremer Häusern zu finden sind.

Es gibt in diesem Buch noch so viel mehr zu entdecken, und jede*r, ob nun klein oder groß, wird dabei sicherlich seine Favoriten küren: Der einen gefällt mehr diese Geschichte, dem anderen gefällt mehr jenes Gedicht. Doch genau so soll/muss es bei einem guten Bilder-Lese-Buch sein, das so sehr verführerisch ist, dass es immer wieder nur allzu gerne in die Hand genommen wird.

Stellte sich mir nur noch die (nicht ernst gemeinte) Frage, ob der Carl Schünemann-Verlag nun zu früh oder zu spät mit diesem Buch auf dem Markt kam? Der 200. Geburtstag der vier Musiker wurde schon im Jahre 2019 ganz groß gefeiert, und ihren 205. Geburtstag haben sie erst im nächsten Jahr.

Doch im Endeffekt spielt es keine Rolle, da dieses Buch einfach nur durch und durch Freude bereitet!


Schon so einige Male sind sie mir über den Weg gelaufen, und darum gibt es hier auf meinem Blog unter dem Schlagwort DIE BREMER STADTMUSIKANTEN auch bereits einiges zu entdecken.


erschienen bei Carl Schünemann / ISBN: 978-3796112089
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Sasha Filipenko – DER SCHATTEN EINER OFFENEN TÜR

Ich musste zu meiner Überraschung feststellen, dass ich meine Hemmschwelle gegenüber der russischen Literatur immer noch nicht gänzlich überwunden habe. Dabei war ich auf einem so guten Wege: Schon bei DAS ADELSGUT begeisterte mich wie der Autor Iwan Turgenjew die Worte mit Bedacht wählte. Auch die wunderbaren Jahreszeiten-Anthologien mit Erzählungen von Anton Čechov (in der äußerst gelungenen Übersetzung von Peter Urban), die ebenfalls im Diogenes-Verlag erschienen sind, konnten mich für sich einnehmen.

Doch anscheinend sitz der Stachel immer noch recht tief in meinem Fleisch: Ich war ungefähr 20 Jahre alt, als ich mich an ANNA KARENINA von Leo Tolstoi wagte und mich bald kläglich überfordert fühlte. Alles an diesem Roman war mir zu groß, zu mächtig, zu emotional, zu schwülstig und hatte so ganz und gar nichts mit mir und meinem kleinen, unbedeutenden Alltag zu tun. Die Russen mit ihrer Literatur und ich – wir passten wohl nicht zusammen, und diese Haltung sollte sich über Jahre nicht ändern.

Doch nun hatte ich mich doch schon langsam aber stetig angenähert, und trotzdem überlegte ich mit Bedacht, ob ich diesen kriminalistischen Roman (Die Russen und Kriminalromane: Kann das gut gehen?) lesen sollte. Dann trat ich mir selbst – natürlich rein metaphorisch – in den Hintern und bat den Verlag um ein Rezensionsexemplar.

Die gottverlassene Provinzstadt Ostrog wird von einer Suizidserie von Jugendlichen im Waisenhaus erschüttert. Kommissar Alexander Koslow aus Moskau soll die Ermittlungen in die Hand nehmen, doch die örtliche Polizei hat ihre eigenen Theorien. Als Petja, ein Sonderling mit einem Herz für die Natur, verhaftet wird, glaubt Koslow nicht an dessen Schuld. Aber warum geriet Petja damals derart außer sich, als der Bürgermeister von Ostrog den Heimkindern einen Griechenland-Urlaub spendieren wollte?

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Apropos „Hintern“: Ich bekam eben jenen nicht mehr aus dem Lesesessel heraus, nachdem ich mit der Lektüre begonnen hatte. Seite für Seite zog Sasha Filipenko mich immer tiefer in die Handlung hinein. Sein Ermittler Kommissar Alexander Koslow ist ein Sonderling, dem das Leben zwar die eine oder andere schmerzhafte Narben auf der Seele hinterließ, der sich aber bisher nicht hat brechen lassen und weiterhin seine Hoffnung im Herzen trägt. Es ist durchaus eine ambivalente Figur, die sich gerade aufgrund ihre Vielschichtigkeit meiner Sympathie sicher sein konnte.

Filipenko beschreibt die Ödnis einer Kleinstadt im russischen Nirgendwo so genau, dass diese deprimierende Atmosphäre beinah spürbar schien. Gleichgültigkeit prägt den Umgang der Menschen untereinander. Eine Gleichgültigkeit, die auch die ungewollten Kinder des Waisenhauses zu spüren bekommen – Kinder, die niemals eine Kindheit haben durften. Das Leben dieser Kinder ist ein einziger Überlebenskampf, ein Umstand, der sich für sie auch nicht ändern wird, sollten sie das Erwachsenenalter erreichen.

Unser zweiter Held Petja Pawlow ist eines dieser dem Waisenhaus entwachsenen Wesen. Unermüdlich versucht er in dem unwirtlichen Umfeld dieser tristen Kleinstadt seinen Platz zu finden. Er ist ein Phantast, ein Kindskopf, einer, bei dem das Glas stets halbvoll und nie halbleer ist. Er ist jemand, der, selbst nachdem er der brutalen Polizeiwillkür ausgesetzt war, seine positive Haltung zu den Menschen und zum Leben nicht verliert. Petja ist eine tragische Figur und gerade darum so liebenswert.

Zwischen diesen beiden (Anti-)Helden siedelt der Autor die weiteren Figuren der Handlung an, bei denen er überzeugend eine plakative Schwarz-Weiß-Zeichnung vermeidet. Auch die Handlung selbst entwickelt sich nicht stringent in eine einzige Richtung: Filipenko bricht sie auf, legt ihre losen Fäden mal hierhin und mal dorthin, um dann schlussendlich eine Lösung zu präsentieren, die im ersten Moment enttäuschend, doch vom psychologischem Standpunkt nachvollziehbar erscheint. Selbst eine sensationelle, aufsehenerregende Lösung des Falls wird diesem öden Kaff Ostrog nicht gegönnt.

Bei all dieser deprimierenden Trostlosigkeit und der wahrnehmbaren Melancholie, die mich als Leser durchaus hätte niederdrücken können, gelinkt Sasha Filipenko ein wunderbares Kunststück: Er umhüllt Figuren wie Handlung mit einem feinen Netz aus Humor, lässt sie dadurch leicht erscheinen und mildert so die Schwere hin zum Erträglichen.

Wenn ich nun behaupte, es wäre mir eine Freude gewesen, diesen Roman zu lesen, dann meine ich dies im wahrsten Sinn des Wortes: Ja, es war tatsächlich eine Freude!


erschienen bei Diogenes / ISBN: 978-3257071597 / in der Übersetzung von Ruth Altenhofer
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Gaston Leroux – DAS PHANTOM DER OPER/ mit Illustrationen von Michèle Ganser

Lieben wir nicht alle Schauergeschichten: Dieses wohlige Gruseln während die Anspannung stetig steigt. Das Entgegenfiebern bis zum erlösenden Ende. Das Nachspüren der Atmosphäre, wenn uns hinterher unser Gang durch die dunkle und verdächtig stille Wohnung ins Schlafzimmer führt, und wir es uns kaum verkneifen können, einen prüfenden Blick in den Schrank und unter das Bett zu werfen…!

…dabei lässt sich DAS PHANTOM DER OPER gar nicht so leicht einer Kategorie zuordnen: Ist es nun tatsächlich eine Schauergeschichte oder vielmehr ein Kriminalroman oder doch eher ein Tatsachenbericht? Und das, wo wir Deutschen doch diese genetische Disposition haben und alles und jeden – schön geordnet – in eine Schublade stecken möchten.

Doch unabhängig vom Etikett, mit dem wir diesen Roman vielleicht nur allzu gerne schmücken würden, handelt es sich hier auch nach all den Jahren immer noch um eine spannende wie berührende Geschichte, die schon die Kreativität vieler Künstler*innen angeregt hat und nach wie vor die Leser*innen weltweit bestens unterhält.

Seit geraumer Zeit setzt ein dubioses Wesen die Direktion der Pariser Oper unter Druck und Künstler und Bühnenarbeiter in Angst und Schrecken. Er hat ganz klare Vorstellungen, wie „seine“ Oper zu führen sei, und nimmt Einfluss an der künstlerischen Arbeit des Hauses. Sollten seine Anweisungen nicht befolgt werden, geschieht Schreckliches. Zu aller Überraschung protegiert er die junge, unerfahrene Sängerin Christine Daaé, die sich dank seinem Unterricht auf der Bühne als brillante Sängerin profiliert. Doch auch Raoul, Vicomte de Chagny, ein Jugendfreund von Christine, ist von ihr entzückt. Doch die Liebe der beiden jungen Menschen bleibt dem Phantom nicht verborgen, und er setzt skrupellos alles daran, um Christine für ewig an sich zu binden…!

Abermals legt der Reclam-Verlag eine sehr hochwertige Neu-Auflage eines literarischen Klassikers vor: Da wurde auf viele Feinheiten geachtet, sei es bei der verwendeten Papierqualität, dem Druck und der Prägung bis zur sehr geschmackvollen Farbgebung in den Farben Schwarz, Weiß und Rot.

Leider haben mich ausgerechnet die Illustrationen von Michèle Ganser ein wenig enttäuscht, die als Randverzierungen in den laufenden Text eingefügt wurden. Dies wirkt beinah wie klassische Vignetten, doch anstatt Ranken gibt es Bilder von Requisiten und Dekorationsteilen zu bewundern. Diese sind durchaus sehr ansprechend und detailliert gestaltet und nehmen jeweils Bezug zur Handlung. Aber sie sind eher schmückendes Beiwerk und können für mich die ganzseitigen Illustrationen nicht ersetzen. Die einzige Illustration, die über zwei Seiten geht, ist eine Innenansicht des Zuschauersaals der Oper, die recht unspektakulär ausfällt. Unspektakulär deshalb, da eben jene Illustration bereits als Vorsatzblatt diente, bei dem nur ein paar Zuschauer*innen hinzugefügt wurden. Da konnte mich der Reclam-Verlag in der Vergangenheit mit seinen illustrierten Fassungen schon deutlich mehr überzeugt, wie z. Bsp. mit DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY von Oscar Wilde.

Doch der größte Pluspunkt und somit die absolute Kaufempfehlung ist für mich die neue Übersetzung von Rainer Moritz. Ich habe mir (mal wieder) die Mühe gemacht und einige Passagen parallel gelesen, um so die Unterschiede der neuen zur alten Übersetzung von Johannes Piron besser nachvollziehen zu können. Pirons Übersetzung stammte aus den 60er Jahren, weißt den sprachlichen Duktus jener Zeit auf und wirkt aus heutiger Sicht ein wenig schwülstig. Auch glaubte ich bei einigen Beschreibungen einen eher negativen Unterton im Vergleich zur aktuellen Übersetzung wahrzunehmen: Da wird aus „ein Hirngespinst der Dämchen vom Corps de ballet“ (alt) zu „die unscheinbare Erfindung erregter Gehirne unter Ballettmädchen“ (neu). Zudem klingen einige Formulierungen (von „Garderobenfrauen“ zu „Garderobieren“) deutlich eleganter in meinen Ohren. Gerade beim Vorlesen klang die alte Übersetzung oftmals holpriger und kam weniger geschmeidig über meine Lippen: „Ja, es hat leibhaftig existiert, wenn es auch wie ein echtes Phantom auftrat, das heißt als Schemen.“ (alt) im Vergleich zu „Ja, es hat leibhaftig existiert, obwohl es sich in allen den Anschein eines wahren Phantoms gab, also einer Schattengestalt.“ (neu)

Alles in allem scheint die Übersetzung von Rainer Moritz fließender, klarer, beinah nüchterner zu sein und kommt damit dem Stil des Originals recht nah. Gaston Leroux, der ja nicht nur als Schriftsteller tätig war sondern auch als Journalisten arbeitete, hatte diesen Roman als eine Art Tatsachenbericht verfasst, beinah so als würde er die bei Recherchen erhaltenen Informationen zusammenfassen. Dies kam der Erstveröffentlichung als Episoden-Roman in der Zeitung Le Gaulois sehr entgegen. Zumal nicht ganz nachvollziehbar war, was der Phantasie des Autors entsprungen ist, und was auf Tatsachen beruhte. Leroux war so pfiffig, dass er sich von realen Hintergründen inspirieren ließ und die entsprechenden Fakten geschickt in seine Geschichte einbaute.

Erstmals gibt es ein unbekanntes Kapitel zu entdecken, das von Leroux, nachdem die Geschichte erstmals in der Zeitung erschien, gestrichen wurde. Er empfand dieses Kapitel als nicht relevant genug für den Fortgang der Handlung. Tatsächlich ist es nun nicht so, dass mir als Leser ohne dieses Kapitel signifikante Sachverhalte fehlen würden. Trotzdem war es eine Freude, jenes Kapitel zu lesen, da der Autor sowohl Handlung wie Personen in seinem herrlich skurrilem Humor beschreibt und somit sehr zu meiner Erheiterung beitrug.

Abermals überzeugt der Reclam-Verlag mit der geschmackvollen Umsetzung einer beliebten Geschichte – nur als „illustrierte Fassung“ würde ich sie nun nicht unbedingt anpreisen.


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150114926 / in der Übersetzung von Rainer Moritz
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Oper] Giacomo Puccini – TURANDOT / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Giacomo Puccini / Libretto von Guiseppe Adami und Renato Simoni / komplementiert von Franco Alfano / in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 14. September 2024 / besuchte Vorstellung: 27. September 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG & BÜHNE Philipp Westerbarkei
KOSTÜME Tassilo Tesche
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Mario Orlando El Fakih Hernández, Edward Mauritius Münch
LICHT Thomas Güldenberg

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz
INSPIZIENZ Regina Wittmar


„Ich mache Theater.“, schrieb Giacomo Puccini an seinen Librettisten Giuseppe Adami und verdeutlichte so, wie sehr ihm das gleichnamige Schauspiel von Carlo Gozzi bei der Komposition von TURANDOT inspirierte bzw. herausforderte, da er sich von seinem gängigen Rollenpersonal verabschiedete. Hatten bisher in seinen Werken die aufopferungsvollen, verletzlichen und doch heroischen Frauentypen (Mimi, Tosca, Cio-Cio-San) dominiert, stand hier eine gefühlskalte und grausame Person im Mittelpunkt. Und auch bei der Tenor-Partie fand eine Wandlung vom einfühlsamen Liebhaber zum zu allem entschlossenen Helden statt.

Doch je weiter sich das Projekt entwickelte, umso mehr haderte Puccini mit seiner Wahl. Vielleicht war dies aber auch schon seinem sich stetig verschlechterten Gesundheitszustand geschuldet: Er litt unter fortschreitenden Kehlkopfkrebs. Eine Operation konnte da leider nicht mehr helfen, und so verstarb er nur 5 Tage später am 29. November 1924. Zurück ließ er eine unvollendete Oper, bei der das Duett und das Finale des letzten Aktes fehlten.

Franco Alfano, ein Schüler Puccinis wurde beauftragt, das Werk anhand vorhandener Skizzen des Meisters fertigzustellen. Doch dieser entfernte sich immer mehr von der originären Idee Puccinis, dass schließlich Arturo Toscanini eingriff und Einhalt gebot, indem er etliche der Nachkompositionen strich. Seine Begründung: „zu viel Alfano und zu wenig Puccini“. Was schlussendlich von den Melodien am Ende des letzten Aktes zu TURANDOT nun Alfano oder Toscanini zuzuschreiben ist, werden wir vielleicht nie erfahren.

Das Volk von Peking erwartet die Hinrichtung des persischen Prinzen, der an der Lösung der drei Rätsel gescheitert ist. In der Menge der Schaulustigen entdeckt Prinz Calàf seinen Vater Timur, der – vom chinesischen Herrscher entthront – nun sein Exil in Peking fristet. Der alte Mann ist blind und wird aufopfernd von der Sklavin Liù gepflegt. Sie liebt den Prinzen und ist ihm darum ins Exil gefolgt. Alle drei leben versteckt, um nicht von den Feinden gefasst zu werden. Calàfs Herz entflammt aufgrund ihrer Schönheit für die Prinzessin Turandot und will sich ihren Rätseln stellen. Liù und Timur gelingt es nicht, ihn davon abzuhalten. Die drei Mandarine Ping, Pang und Pong trauern um das unglückliche Schicksal Chinas und hoffen, dass die Prinzessin die Liebe findet und die Hinrichtungen endlich aufhören. Doch die Trompeten kündigen den Beginn der nächsten Rätselzeremonie an. Der alte Kaiser Altoum bedauert die Grausamkeit, die er seiner Tochter erlaubt hat. Turandot erscheint und erklärt, warum sie den Männern immer wieder diese blutigen Rätseln stellt: Sie nimmt Rache für eine Ahnin, die von einem Fremden getötet wurde. Zu ihrem Erstaunen findet Calàf die Antworten auf ihre drei Fragen: Hoffnung, Blut, Turandot. Das Volk bricht in Jubel aus. Turandot aber bittet inständig ihren Vater, sie vom Gelübde der Hochzeit zu befreien, doch der bleibt streng. Calàf möchte ihre Liebe und nicht ihre Unterwerfung gewinnen, und so schlägt er ihr einen neuen Pakt vor: Sollte Turandot seinen Namen vor Morgengrauen in Erfahrung bringen, würde er nicht nur von der Hochzeit absehen, er wäre auch bereit zu sterben. Unter Todesstrafe darf niemand in Peking schlafen, sondern muss versuchen, den Namen des Fremden zu finden. Ping, Pang und Pong versuchen den fremden Prinzen mit allen Versuchungen zu bestechen. Timur und Liù, die man mit dem Fremden gesehen hat, werden aufgegriffen. Um Timur zu retten, behauptet Liù, dass nur sie den Namen des Fremden kennt. Um diesen zu erfahren, schreckt die Prinzessin nicht davor zurück, Liù zu foltern. Doch anstatt Calàf zu verraten, wählt sie als Erlösung den Freitod. Calàf ist von den Geschehnissen so betroffen, dass er, nachdem er Turandot einen leidenschaftlichen Kuss gegeben hat, sein Leben in ihre Hände legt. Doch dieser Kuss hat auch in Turandot Gefühle geweckt, und sie erklärt, dass sie den Namen des Fremden schon kenne: „Sein Name ist Liebe“.

Ich hadere sehr mit dieser Oper, da sie mir so wenige Möglichkeiten zur Identifikation mit den beiden Haupt-Charakteren bietet. Da gibt es die Titelfigur, die äußerst ambivalente Gefühle bei mir hervorruft, da ihre überraschende Wandlung von der Serienmörderin zur geläuterten Geliebten mir nicht genügt. Als würde ein einziger Kuss eine plötzliche Sinneswandlung bei ihr auslösen können: Sie blinzelt verwundert und haucht „Huch! Wie konnte mir denn das passieren?“. Ist dies wirklich ausreichend, um sie von all ihren zuvor begangenen menschenverachtenden Taten freizusprechen? Und auch die Beweggründe von Prinz Calàf wirken auf mich eher „ungesund“, so als würde diese männermordende Maid sein männliches Ego so sehr kitzeln, dass er sich dieser Herausforderung schon beinah zwanghaft stellen müsste und dafür alle Warnungen in den Wind schießt.

Da war es ein äußerst kluger Schachzug von Regisseur Philipp Westerbarkei, der Oper schon rein optisch die fernöstliche Folklore zu nehmen und die Handlung in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts zu transferieren. Er kreierte eine Phantasie à la Babylon Berlin mit all seiner Dekadenz und Skurrilität. Zu den zarten Pianoklängen zur Melodie von „Nessun dorma“ sehen wir Turandot, die sich auf ihrem riesigen Divan lasziv rekelnd einen Schuss setzt. In ihrem wirren Drogenrausch tauchen die Gestalten der Handlung auf, gleich einem Panoptikum entsprungen, und vollführen einen fulminanten Tanz auf dem Vulkan. Da machen so einige Beweggründe der Figuren plötzlich einen Sinn, da sie im dubiosen Nebel von Turandots Drogenrausch absolut keinen Sinn ergeben müssen. Jaja, ich weiß, das klingt widersprüchlich!“

Doch unter diesen Voraussetzungen darf (muss) alles – „Over the Top“ – ein Wechselspiel der Extreme sein: Turandot präsentiert sich bei ihre glamourösen Auftritten wie eine Stummfilm-Diva. Der Chor erinnert in seiner Schwarz-weiß-Ästhetik an Figuren der Commedia dell’arte. Gesichtslose Kinder strecken Calàf ihre Puppen entgegen, die nur aus einem (abgeschlagene) Kopf zu bestehen scheinen. Das militärische Erscheinungsbild von Kaiser Altoum steht konträr zum schrillen Outfit der metrosexuellen Paradiesvögel Ping, Pang und Pong.

Philipp Westerbarkei, der auch für das atmosphärische Bühnenbild verantwortlich zeichnete, lässt das Ensemble von einem gemalten Proszenium, das an die alten Theater der Jahrhundertwende erinnert, einrahmen und von einem äußerst wandlungsfähigen Mond erhellen. Unterstützung erfährt er von Tassilo Tesche, der stimmige wie auch raffinierte Kostüme kreierte, die in ihrer jeweiligen Optik die Charaktere der handelnden Personen optimal unterstreichen.


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Ja, ich hadere mit dieser Oper, doch keinesfalls mit Puccinis Kompositionen. Auch wenn ich diese beim ersten Hören nicht gleich als seine erkannte: Puccini löste sich hier von den romantischen Klängen seiner vergangenen Werke und wirkt stattdessen ungewohnt experimentierfreudig. Er spannt einen großen kompensatorischen Bogen um das Werk, in dem er leitmotivartig die Melodie zu „Nessun dorma“ in verschiedenen Variationen erklingen lässt, die das gesamte Werk umrahmen, so wie in dieser Inszenierung die Sänger*innen vom Proszenium umrahmt werden.

Marc Niemann und das Philharmonischen Orchesters Bremerhaven lieferten grandios ab: Da wurde einerseits voller dramatischer Kraft musiziert ohne an Subtilität einzubüßen, um dann einen energetischen Klangteppich zu weben, der fein nuanciert die Stimmen der Sänger*innen hinauf in den Rang hob. „Bravo!“
„Bravo!“ auch für die bestens disponierten Chöre (Einstudierung: Mario El Fakih Hernández und Edward Mauritius Münch), deren Mitglieder – vom Opernchor über den Extrachor bis zum Kinderchor – eine immense stimmliche Ausdruckskraft boten, ebenso als Figuren im Stück Individualität zeigten und so zum Gelingen dieser wunderbaren Aufführung beitrugen.

Giacomo Puccini wünschte sich Sänger*innen, die klangschön sangen, gut gestalteten und die Opernfigur ausdrucksvoll und überzeugend darstellten. Ich glaube, er wäre mit dem Ensemble in Bremerhaven (größtenteils) zufrieden gewesen. Auch wenn diese Inszenierung wie ein Fest der Übertreibungen wirkt, muss die Rollengestaltung entsprechend differenziert sein, um glaubhafte Charaktere abseits bloßer Klischees auf die Bretter zu stellen.

Tenor Jan Kristof Schliep zeigt, dass selbst eine kleine Rolle Präsenz besitzen kann: Mit Rückgrat und Strenge verleiht er dem alten Kaiser Altoum Profil.
Bass Ulrich Burdack gab einen bemitleidenswerten Timur, der trotz eingeschränkter Mimik aufgrund der Augenbinden den Schmerz und die Verzweiflung seiner Figur verdeutlichen konnte.
Sopranistin Victoria Kunze begeisterte mit ihrem gefühlvollen Spiel und feiner Phrasierung und zeigte so eindringlich die charakterliche Stärke ebenso wie die verletzte Seele der Sklavin Liù.
Bei Marcin Hutek, Andrew Irwin und Ido Beit Halachmi ist es mir schier unmöglich, einen von ihnen hervorzuheben, da sie als Ping, Pang und Pong (die queere Version von Tick, Trick und Track) sowohl gesanglich wie auch darstellerisch ganz wunderbar miteinander harmonierten und einander ergänzten. Zudem versprühten sie bei ihren schrillen Auftritten mit ihrem deftigen Witz einen herrlich burlesquen Charme, ohne das Tragische hinter der bunten Fassade ihrer Figuren zu verleugnen.

Mit „Nessun dorma/ Keiner schlafe“ schuf Puccini eine der bekanntesten, wenn nicht sogar die bekannteste Tenor-Arie. Dabei ist diese Arie erstaunlich kurz, so als wollte der Komponist eine vokale Essenz schaffen, die alles enthält, um einen Sänger herauszufordern. Da gibt es große Emotionen, wunderbare Gesangslinien sowie den Spitzenton h, der auf dem zuletzt gesungenen „Vincerò!“ gipfelt. Gerade mal läppische drei Minuten gibt der Komponist dem Tenor, um zu beweisen, ob er wirklich singen kann. Tenor Thomas Paul kann singen: Scheinbar mühelos schickte er seinen strahlenden Tenor über den Orchestergraben ins Publikum. Bis in die hohen Register führte er sicher seine Stimme. Bei der makellos vorgetragenen Arie „Nessun dorma“ erhielt er völlig zu Recht einen frenetischen Applaus vom begeisterten Publikum. Leider war seine Darstellung nicht auf einem ebenso hohem Niveau wie sein Gesang: Hier präsentierte sich Paul sehr eindimensional, zeigte wenig Variation in Gestik und Mimik, warf sich dafür mit großer Geste in die Heldenpose, interagierte sehr zurückhaltend mit seinen Bühnenpartner*innen und sang gerne direkt von der Rampe. Ich sah mir seine Performance an und reagierte mit einer Mischung aus „Amüsiert sein“ und „Erstaunen“: Amüsiert sein, da dieser Habitus schon beinah anachronistisch zum Stil der Inszenierung wirkte. Erstaunen darüber, dass es tatsächlich noch Sänger gibt, die diese antiquierten Opern-Manierismen weiterhin für sich kultivieren.

Agnes Selma Weiland in der Partie der Turandot blieb zwangsläufig nichts anderes übrig, als ebenfalls direkt von der Rampe zu singen, um so wenigstens auf einer Spiel-Ebene mit ihrem Bühnenpartner zu sein. Eine Vorgehensweise, die bei ihren anderen Kolleg*innen nicht vonnöten war, da hier ein intensives Zusammenspiel stattfand. Weilands Turandot war voller kindlichem Erstaunen über das, was sie in ihrem Drogenrausch halluziniert und zeigte dabei überzeugend das Benehmen einer Süchtigen: eben noch verlangsamt in ihren Bewegungen und kurz davor einzuschlafen, dann der große, leidenschaftliche Ausbruch voller Energie – immer bemüht, den Status der großen Diva der Stummfilm-Ära aufrechtzuhalten. Mit ihrem dramatischen Sopran stellte sie sich sicher allen Herausforderungen der Partitur und verlor auch in den Höhen nichts von ihrer Strahlkraft.

Abermals hat das Stadttheater Bremerhaven nachdrücklich den Beweis angetreten, was ein eher kleines Haus in der sogenannten Provinz zu leisten imstande ist. Doch ich bin eh der Meinung, dass sich „provinziell“ weniger auf einen Ort bezieht als vielmehr die Geisteshaltung eines Menschen beschreibt. 😏


Appetizer gefällig? Nichts leichter als das…


Noch bis Anfang des kommenden Jahres steht Puccinis Spätwerk TURANDOT auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven.

[Rezension] AGATHA CHRISTIE’S MISS MARPLE. Zwölf neue Kriminalgeschichten

„Sex, Crime & Action“ werden gerne als scheinbar unverzichtbare Zutaten für einen gelungenen Kriminalroman bemüht. Wer würde da vermuten, dass eine Roman-Heldin, die mit der erstgenannten Ingredienz so absolut nicht dienen kann, trotzdem zu einer der beliebtesten Kriminalfiguren der Welt avancierte. Mit einer gehörigen Portion Sex-Appeal kann Miss Jane Marple nun wahrlich nicht für sich einnehmen. Muss sie auch, denn sie hat dafür andere Reize – Äh! – ich meinte natürlich: Qualitäten.

Ab dem Jahre 1927 hatte die ältliche Jungfer aus dem beschaulichen Dörfchen St. Mary Mead ihre ersten Auftritte in einigen Kurzgeschichten, bevor ihre Schöpferin Agatha Christie sie dann 1930 erstmals in dem Roman MORD IM PFARRHAUS umfangreicher kriminalisieren ließ. Insgesamt sollte in 12 Romanen und 20 Kurzgeschichten ihr scharfer Verstand gepaart mit einer gehörigen Portion Menschenkenntnis beim Lösen vielfältiger Mordfälle zum Einsatz kommen.

Doch wäre Agatha Christie der Meinung gewesen, dass weitere Miss Marple-Stories benötig werden, hätte sie diese sicherlich während ihrer langandauernden Karriere verfasst, oder? Hat sie aber nicht!

Ergo: Wozu brauchen wir nun zwölf neue Kriminalgeschichten?
Antwort: „Brauchen“ brauchen wir sie nicht! Aber es macht so viel Spaß, sie zu lesen!

Zumal die hier versammelten Autorinnen mit so viel Liebe und Respekt einen Blick auf die erdachte Figur ihrer großen Kollegin werfen. Allen Geschichten ist gemein, dass sie nah am Original und somit innerhalb des bekannten Rahmens bleiben und sich höchstens nur kleine, charmante „Zugaben“ zum Charakter der Hauptperson erlauben. Somit muss kein eingefleischter Christie-Fan befürchten, dass seiner geliebte Miss Marple „neue“ Eigenschaften angedichtet werden, und sie womöglich nun Motorrad fährt, sich vulgär ausdrückt oder vielleicht sogar hemmungslos über Sex spricht („Shocking!“). Nein, Miss Marple ist und bleibt so, wie wir sie alle kennen und lieben.

Überrascht und mit Freude durfte ich feststellen, dass sich alle Autorinnen anscheinend so intensiv mit der Welt der Miss Marple beschäftigt haben, dass die jeweiligen Geschichten beinah nahtlos an die Originale anknüpfen konnten. Da tauchen die schon bekannten und beliebten Personen abermals auf, aber auch die neu-erdachten Figuren fügen sich ganz wunderbar in Miss Marples Welt ein. Nur der eine oder andere Handlungsort ist ein wenig „exotischer“, als wir es vom Original gewöhnt sind.

Bei DER ZWEITE MORD IM PFARRHAUS knüpft Val McDermid an den ersten Marple-Roman an und lässt auch diesmal die Geschichte aus der Sicht von Rev. Leonard Clement erzählen, dem es äußerst unangenehm ist, dass in seinem Haus ein zweiter Mord verübt wurde. In MISS MARPLE EROBERT MANHATTAN von Alyssa Cole begleitet Miss Marple ihren Neffe Raymond West und dessen Frau Joan nach New York, wo ein Stück von Raymond innerhalb der alternativen Theater-Szene am Broadway zur Aufführung kommen soll, was einige dubiose Gestalten zu verhindern versuchen.

Bei DIE JADEKAISERIN von Jean Kwok befindet sich Miss Marple auf einem Kreuzfahrt-Schiff Richtung Hongkong, wo der überraschende Tod eines Mitreisenden gepaart mit chinesischen Ritualen ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Den an einer Schaffenskrise leidende Schriftsteller Felix Jeffries, der einen unorthodoxen Mord plant, lernt Miss Marple bei einem MORD IN DER VILLA ROSA (von Elly Griffiths) an der wunderschönen Amalfiküste Italiens kennen.

Ein Wiedersehen mit Miss Marples langjähriger Freundin Dolly Bantry gibt es gleich im Doppelpack: In DAS VERSCHWINDEN von Leigh Bardugo sorgen sowohl der Selbstmord eines jungen Mädchens als auch das Verschwinden eines ebenso jungen Mannes für Unruhe in der Gemeinde. MISS MARPLES WEIHNACHTEN von Ruth Ware verspricht ein stimmungsvolles Rätselraten um verschwundene Perlen auf dem Landsitz der Bantrys.

Die weiteren, ebenso kurzweiligen Geschichten stammen aus den Federn von Lucy Foley, Natalie Haynes, Naomi Alderman, Dreda Say Mitchell, Karen M. McManus und Kate Mosse.

Bei solchen Anthologien scheint es beinah unvermeidbar, dass sie Erzählungen unterschiedlicher Qualität in sich vereinen: Da überzeugt dann leider nicht jede Geschichte gleichermaßen. Doch in diesem Fall darf ich den versammelten Autorinnen das große Kompliment machen, dass sie sich alle literarisch auf einem ähnlich hohen Niveau bewegen. Bravo!

Nein, „brauchen“ brauchen wir diese zwölf neuen Kriminalgeschichten sicherlich nicht. Aber das Leben besteht nicht nur aus dem, was der Mensch wirklich lebensnotwendig braucht. Manchmal darf es für mich gerne dieses Quäntchen „mehr“ sein, das das Leben versüßt und mir eine gute Zeit schenkt. Diese Anthologie hat dies definitiv geschafft…!


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455017014 / in der Übersetzung von Alexander Weber
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!