[Musical] Frederick Loewe – MY FAIR LADY / Stadttheater Bremerhaven

Musik von Frederick Loewe / Buch von Alan Jay Lerner / nach Bernhard Shaws PYGMALION und dem Film von Gabriel Pascal / deutsch von Robert Gilbert / in deutscher Sprache

Premiere: 2. November 2024 / besuchte Vorstellungen: 17.11.2024, 05.01.2025, 07.02.2025, 13.04.2025 & 11.05.2025

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Hartmut Brüsch / Tonio Shiga (05.01. & 07.02.)
INSZENIERUNG Toni Burkhardt
BÜHNE Wolfgang kurima Rauschning
KOSTÜME Susana Mendoza
CHOREOGRAFIE Kati Heidebrecht
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt, Florian Thiel
DANCE CAPTAIN BALLETT Melissa Panetta
DANCE CAPTAIN CHOR Annika Ellen Flindt
INSPIZIENZ Mahina Gallinger


Es war am 5. Juni 1988: Es sollte mein erster Besuch eines Musicals werden. Ich saß mit einer vergünstigten Schülerkarte im zweiten Rang des Theaters am Goetheplatz in Bremen (Bei meinem damaligen Budget, das ich mir durch Zeitungsaustragen verdingte, war Besseres nicht drin.), blickte aus der Vogelperspektive von oben herab über den ersten Rang und das Parkett zur Bühne und wartete gespannt auf das, was mich erwartete. Schließlich war ich als Theaterbesucher noch völlig unbeleckt und konnte diesbezüglich auf keine Erfahrungen zurückgreifen. Alles war für mich neu und aufregend: Die Musiker*innen des Orchesters stimmten ihre Instrumente, während das grelle Schrillen einer Klingel den Beginn der Vorstellung ankündigte. Langsam wurde das Licht gedimmt, und eine vibrierende Spannung bemächtigte sich meiner. Der Dirigent erschien, und das Publikum applaudierte, also applaudierte auch ich. Zu den ersten Takten der Ouvertüre hob sich der Vorhang und gab den Blick frei auf das Bühnenbild, das Covent Garden in London darstellen sollte. Das Spiel begann. Niemals zuvor hatte ich eine verführerische Symbiose, wie diese aus Musik, Text, Gesang, Schauspiel und Tanz, erleben dürfen. Es war um mich geschehen!

Seitdem hat mich das Musicalfieber nie mehr losgelassen, und gerade MY FAIR LADY nimmt hier eine Sonderstellung ein. So sah ich im Laufe der Jahrzehnte auf den Bühnen dieses Landes bisher vier verschiedene Inszenierungen dieses Musical-Klassikers. Doch seit unserem letzten Zusammentreffen mussten satte 21 Jahre verstreichen, bis ich nun der LADY abermals meine Aufwartung machen durfte. Und so schummelte sich mir beim Klang der traumhaften Ouvertüre eine kleine Träne ins Auge – vor Rührung, doch noch vielmehr vor Freude,…


HINWEIS: DIE OBIGE AUFNAHME STAMMTE NICHT AUS DER BESPROCHENEN INSZENIERUNG SONDERN DIENT NUR DAZU, EINEN EINDRUCK VON DER MUSIK ZU VERMITTELN.

Bei seinen Feldstudien vor der Londoner Oper erregt das Blumenmädchen Eliza Doolittle mit ihrer Art zu sprechen die Aufmerksamkeit von Henry Higgins, einem international anerkannter Professor für Phonetik. Als ihr auffällt, dass er sich Notizen macht, protestiert sie und sucht Unterstützung bei Oberst Pickering, der gerade die Oper verlässt. Es stellt sich heraus, dass er, als Fachmann der indischen Dialektik, ein Kollege von Higgins und extra seinetwegen aus Indien nach London gereist ist. Beide beginnen sofort zu fachsimpeln, wobei Higgins erwähnt, dass er – mit Hilfe des richtigen Unterrichts – aus diesem ordinären Blumenmädchen mit Leichtigkeit eine Lady machen könnte. Elizas Aufmerksamkeit ist geweckt. Beim Gehen wirft Higgins Eliza gönnerhaft einige Münzen zu. Eliza ist von diesem unerwarteten „Reichtum“ entzückt und erträumt für sich einige bescheidene Annehmlichkeiten. Auf den Boden der Realität bringt sie ihr Vater Alfred P. Doolittle, der offiziell als Müllkutscher tätig ist, inoffiziell aber lieber in der Kneipe seinen unbändigen Durst stillt und hofft, von seiner Tochter ein paar Münzen schnorren zu können. Am nächsten Tag steht Eliza bei Higgins vor der Tür, um den erwähnten Unterricht zu buchen. Sie träumt von einer Anstellung in einem feinen Blumenladen. Doch Higgins macht sich einen Spaß aus ihrem Ansinnen. Er ist für dergleichen nicht zu haben, selbst nicht gegen Bezahlung, die Eliza ihm anbietet. Wieder geraten die Männer ins fachsimpeln, und schließlich bietet Oberst Pickering eine Wette an: Er würde alle Kosten übernehmen, wenn Higgins es tatsächlich schaffen sollte, Eliza so weit zu bringen, dass niemand – selbst nicht am britischen Hofe – sie als armes Mädchen der Unterschicht erkennen würde. Higgins kann nicht widerstehen und nimmt die Herausforderung an. Eliza sieht ihre Chance auf eine bessere Zukunft und stimmt ebenfalls zu. Das Mädchen wird umgehend im Haus von Higgins einquartiert und erhält von der Hausdame Mrs. Pearce widerstrebend eine optische Rundumerneuerung. Schon am nächsten Tag beginnt ihr Unterricht. Plötzlich steht Elizas Vater vor der Tür und versucht den Herren ein paar Pfund aus der Tasche zu locken. Dabei stellt er sich rhetorisch so raffiniert an, dass Higgins ihn als „originellsten Moralisten“ weiterempfiehlt. Über Wochen ziehen sich die quälenden Sprachübungen hin. Alle sind erschöpft, bis sich plötzlich bei Eliza die ersten Erfolge einstellen. Zur Probe nimmt Higgins sie zum Pferderennen nach Ascot in die Loge seiner Mutter. Mrs. Higgins ist anfangs wenig begeistert von dieser Idee, schließt Eliza aber zunehmend in ihr Herz. Zwar sticht Eliza dank ihrer Natürlichkeit aus der Masse der versnobten Upperclass hervor und erregt so die Aufmerksamkeit des jungen Freddy Eynsford-Hill, doch im Eifer entfleucht ihr ein sprachlicher Fauxpas, mit dem sie die Anwesenden schockiert. Allein Freddy ist von ihr entzückt und begibt sich eilends zum Haus von Henry Higgins, in der Hoffnung mit ihr sprechen zu können. Doch Elizas Drill geht Woche für Woche weiter, und aus dem soziale Rohdiamant entwickelt sich langsam ein funkelnder Edelstein. Auf dem festlichen Botschafterball soll sie sich nun abermals bewähren: Eliza ist absolut reizend und so überzeugend, dass selbst der anwesende Sprachforscher Zoltan Karpathy keinen Makel an ihr erkennen kann. Vielmehr ist ihr Englisch zu exzellent: Karpathy ist davon überzeugt, dass Engländer nie ein so reines Englisch sprechen. Vielmehr findet man dies nur bei Ausländern, und so vermutet er, dass Eliza eine ungarische Prinzessin sein muss. Zurückgekehrt im Haus von Higgins gratuliert Oberst Pickering den Kollegen für seine herausragende Arbeit. Dieser zeigt sich wiederum erleichtert darüber, dass jetzt endlich alles vorbei sei. Eliza, die still danebensteht und zu Recht auf ihre Leistungen stolz sein könnte, wird von den beiden Herren gänzlich übersehen. Sie ist zutiefst verletzt und verlässt noch während der Nacht das Haus. Vor der Tür stolpert sie über den dort wartenden Freddy, der ihr abermals wortreich zu vermitteln versucht, wie sehr er sie liebt. Doch Eliza hat genug von Männern, die nur sprechen und nicht handeln. Da sie nun nicht mehr weiß, wo sie hingehört, zieht es sie zu ihrer alten Heimat. Dort trifft sie ihren Vater, der im Begriff ist, zu heiraten. Aufgrund der Empfehlung von Higgins hat er ein erträgliches Erbe erhalten. Grund genug für seine „Madam“, endlich in den Hafen der Ehe zu schippern, auch wenn Alfred P. Doolittles Begeisterung sich in Grenzen hält. Eliza erkennt, dass sie auch hier keine Zuflucht finden kann, und verabschiedet sich endgültig von ihrem Vater. Am nächsten Morgen ist Higgins außer sich, dass Eliza ohne ein Wort verschwunden ist. Eilends geht er auf die Suche und findet sie bei seiner Mutter, die ihrem Sohn deutlich zu verstehen gibt, wie richtig Eliza gehandelt hat. Eliza bietet ihm die Stirn: Aus der Schülerin ist eine ebenbürtige Persönlichkeit geworden. Geknickt kehrt Higgins zurück und muss sich eingestehen, wie sehr er sie vermisst. Wehmütig schaltet er den Phonografen an und lauscht den Tonaufzeichnungen ihrer Stimme. Da betritt Eliza das Zimmer: Sie ist zurück…!


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…und meine Freude sollte sich im Laufe der Vorstellung weiter stetig steigern. Regisseur Toni Burkhardt und sein Produktionsteam schenkten dem Bremerhavener Publikum eine Inszenierung, die ein permanentes Hochgefühl bei mir auslöste, ein wahres Vergnügen und eine einzige Wonne war. Voller charmanter Ideen und mit witzige Details gespickt, gab es nicht eine einzige Sekunde Langatmigkeit. Alles war im Fluss: Szene für Szene entblätterte sich die Handlung schlüssig vor meinen Augen. Behutsam schraubte Burkhardt an den Rollenvorgaben, drehte hier ein bisschen, regulierte dort ein wenig, um die antiquierte Darstellung der Geschlechterrollen zu mildern. Und doch erkannte ich weiterhin die vertrauten Charaktere. Es war immer noch „meine“ LADY. Gekonnt verschmolz er ganz viel Entertainment mit einem Hauch Drama: Dass er beide Extreme beherrscht, zeigte er in der Vergangenheit sowohl beim Musical HAIRSPRAY (Entertainment) wie auch bei der Oper BREAKING THE WAVES (Drama). Unter seiner Regie wurden beinah unmerklich zwei Neben-Rollen aufgewertet: So stellt er dem dominanten Herren-Trio (Higgins, Pickering, Doolittle) ein selbstbewusstes Damen-Trio (Doolittle jun., Higgins sen., Pearce) gegenüber, das auf Augenhöhe den Kerlen Paroli bot. Bravourös bündelte er die Künstler*innen der unterschiedlichen Sparten (Gesang, Schauspiel, Tanz) zu einem homogenen Ensemble, indem er die Grenzen zwischen den einzelnen Professionen verschwinden ließ.

Das Bühnenbild von Wolfgang kurima Rauschning zeigt ein London wie aus dem Märchenbuch: Die Hintergrundprojektionen, die stilisierte Ansichten der Schauplätze zeigen, erstrahlen phantasievoll in allen Farben des Regenbogens. Dominat in der Mitte der Bühne steht eine Konstruktion in Kombination mit Treppen und Balkone, die – je nach Grad der Drehung – einen Grammophontrichter (Higgins Arbeitszimmer) oder eine Blüte (Außenansichten) darstellen könnte und so schnelle Szenenwechsel ermöglicht. Susana Mendoza schuf stimmige Kostüme: Die Upperclass erschien in einer pastellenen Garderobe, während das einfach Volk eher gedeckte Farben trug. Der Haushalt um Henry Higgins schien in der Zeit um die Jahrhundertwende stehengeblieben zu sein, während Elizas Metamorphose auch anhand ihrer Kostüme (Sonnengelb mit Schwarz/ vom einfachen Blumenmädchen, die ihre Ware in einer Schürze feilbietet, zum eleganten Audrey-Hepburn-Style) zu erkennen war.

Choreografin Kati Heidebrecht brachte das gesamte Ensemble – von den Solisten über dem Chor bis zum Ballett – in Bewegung und schuf auch hier für die einzelnen Gruppen prägnante Bewegungsabläufe: Das einfache Volk tanzte und steppte ausgelassen über die Bühne, der Adel hingegen wurde mit minimalistischen Gesten porträtiert. Auch die talentierten Tänzer*innen vom Ballett waren nicht nur schmückendes Beiwerk. Bei anderen Inszenierungen durfte ich es durchaus erleben, dass das Ballett „mal eben“ zum Tanzen auf die Bühne gescheucht wurde, ansonsten aber nicht präsent war. Hier bereicherten sie die Szenerie als quirlige Straßengaukler oder gefielen als zauberhafte Debütant*innen auf dem Ball.

Mit Hartmut Brüsch stand ein wahrer Kenner und Könner der Materie am Pult vor dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven. Mit Verve brachten die Musiker*innen die bekannten Evergreens zum Erklingen. Schwelgerisch strömten die wunderbaren Melodien über das Ohr direkt in mein Herz und sorgten für ein wohliges Gefühl.

Die Sänger*innen des Chores am Stadttheater Bremerhaven (Leitung: Edward Mauritius Münch) überzeugten abermals sowohl stimmschön als auch durch ihre Wandlungsfähigkeit: Eben noch flott singend durch Londons Straßen getanzt, intonieren sie nur wenige Augenblicke später ganz etepetete die „Ascot Gavotte“.

Robert Tóth und MacKenzie Gallinger waren als HARRY und JAMIE die witzigen Side-Kicks zu ALFRED P. DOOLITTLE. Gallinger gab zudem einen herrlich schmierigen ZOLTAN KARPATHY. Iris Wemme-Baranowski stattete MRS. PEARCE mit der nötigen Contenance aus, war nie nur bloße Hausangestellte, sondern vielmehr das Gewissen von HENRY HIGGINS. Isabel Zeumer präsentierte als MRS. HIGGINS punktgenau ihre Pointen und setzte sich mit mütterlichem Pragmatismus wohltuend von ihren überkandidelten Freunden aus der Upper-Class ab.

Kay Krause porträtierte OBERST PICKERING als liebenswerten Schussel mit viel Verständnis und noch mehr Herz für seine Mitmenschen. Andrew Irwin erschien als FREDDY EYNSFORTH-HILL optisch wie ein Schlager-Star aus den 70ern, mimte glaubhaft den verliebten jungen Mann und bot abermals – wie ich bereits in meinem Beitrag zur ERÖFFNUNGSGALA erwähnte – eine der besten Interpretationen von „Weil ich weiß, in der Straße wohnst du“, denen ich bisher lauschen durfte. Ulrich Burdack gab einen deftig-rustikalen ALFRED P. DOOLITTLE mit amüsanter Bauernschläue, der mit üppigem Bass die Songs intonierte, mit Chor und Ballett flott über die Bühne wirbelte und in seinen Dialogen prägnante Akzente setzte.

Dirk Böhling gelang das Kunststück, seinen HENRY HIGGINS weniger arrogant dafür mehr jungenhaft-naiv wirken zu lassen. Beinah unbedarft pfefferte er seine Unverschämtheiten raus und wunderte sich über die Reaktionen seiner Mitmenschen. Doch gerade diese jungenhafte Naivität sicherte ihm die Sympathie des Publikums. Den Sprechgesang mit seinen durchaus herausfordernden Passagen bewältigte er meisterhaft.

Ihm zur Seite stand die beste ELIZA-Darstellerinnen, die ich bisher auf einer Bühne sehen durfte: Victoria Kunze. Mit einer immensen Spielfreude stürzte sie sich in die Rolle und verkörperte die schnoddrige Straßengöre ebenso glaubhaft wie die gereifte junge Frau. Dabei gelangen ihr die humoristischen Passagen nicht minder brillant wie die ernsteren Szenen. Auch gesanglich bot sie absolut Erlesenes: In ihren Songs lieferte sie mit ihrem wunderschönen Sopran ein Highlight nach dem anderen ab und ließ dabei so manche prominentere und auf CD verewigte Rollenvorgängerin ziemlich blass aussehen. Hochachtung!

Hochgefühl: Genau dieses hatte sich meiner bemächtigt und sollte mich auch lange begleiten. Beim Standing Ovation klatschte ich mir enthusiastisch die Hände wund und brüllte mir mit Bravo-Rufen die Kehle heiser. Doch ich war so selig: Nach 21. Jahren war „meine“ LADY – frisch wie eh und je – in einer fulminanten Inszenierung zu mir zurückgekehrt.


Nachtrag zum 11. Mai 2025: Da flog beim Schlussapplaus der Dernière zu MY FAIR LADY der originale Elbsegler von ALFRED P. DOOLITTLE alias Ulrich Burdack über mich hinweg in die Weiten des Zuschauersaals, um dann – dank deutlicher Nennung des Adressaten – doch noch bei mir zu landen. Nun geht der kleine lädierte Segler in die wohlverdiente Rente und wird ein gemütliches Nest bei mir erhalten.

Mein lieber Ulrich! Nochmals herzlichen Dank für das schöne Souvenir. Ich habe mich so sehr gefreut! 😍

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Mit der Dernière endete die erfolgreiche Aufführungsserie des weltbekannten Musicals am Stadttheater Bremerhaven nach 18 nahezu ausverkauften Vorstellungen, bei denen ich an 5 Terminen dabei sein durfte. Bisher hatte mich noch keine andere Produktion so durch eine Saison (von November bis Mai) begleitet wie diese MY FAIR LADY. Jedes Mal war es mir ein Fest, bei dem ich den Alltagsstress sowie meine Sorgen und Schmerzen für einige wertvolle Stunden vergessen konnte.

Für die Freude, die mir (und sicherlich auch vielen weiteren Zuschauern) bereitet wurde, möchte ich mich bei allen Beteiligten von ganzem Herzen bedanken. 💖


Lust auf einen Probeneinblick? Hier ist er: Andrew Irwins Version von „Weil ich weiß, in der Straße wohnst du“ mit Tonio Shiga am Klavier und Iris Wemme-Baranowski als Mrs. Pearce,…

…oder wir werfen Harald Witt, dem technischen Oberinspektor am Stadttheater Bremerhaven, während der Generalprobe zu MY FAIR LADY einen Blick über die Schulter,…

…aber vielleicht habt ihr ja auch Lust mit Kati Heidebrecht die Choreografie zu „Mit ’nem kleenen Stückchen Glück“ zu lernen.


„Es grünt so grün“: Noch bis zum Mai 2025 lässt MY FAIR LADY am Stadttheater Bremerhaven sowohl Spaniens Blüten als auch die Herzen des Publikums erblühen.

[Rezension] C.H.B. Kitchin – DAS GEHEIMNIS DER WEIHNACHTSTAGE

„Eine Detektivgeschichte
ist jedes Mal auch so etwas wie eine Étude de mœurs,
eine Studie des Verhaltens ganz gewöhnlicher Menschen
in ungewöhnlichen Umständen.“

…philosophiert der Held am Ende der Geschichte. Doch bis diese Erkenntnis zu ihm durchdrang, war es ein langer, beschwerlicher Weg.

Abermals legt der Klett-Cotta Verlag – pünktlich zum Weihnachtsfest – einen passenden klassischen Kriminalroman vor und hat mit dieser Wahl wieder ein äußerst glückliches Händchen bewiesen.

Clifford Henry Benn Kitchin wurde am 17. Oktober 1895 in Harrogate, Yorkshire, geboren und wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Ein großes Erbe ermöglichte es ihm, seine Zeit dem Schreiben und einer Vielzahl an Beschäftigungen zur Zerstreuung zu widmen. Wer allerdings annimmt, er wäre nur einer dieser verwöhnten und versnobten Müßiggänger, der irrt gewaltig. Kitchin verfügte über einen brillanten Intellekt, war ein Avantgarde-Dichter und beschäftigte sich mit Linguistik. Seine ersten beiden Romane wurden zwar gut rezensiert, doch der öffentliche Beifall blieb aus. So beschloss er, eine Detektivgeschichte zu schreiben, um eine breitere Leserschaft zu erreichen. „Der Tod meiner Tante“ erschien 1929 und wurde schnell zum Bestseller. Es sollten noch drei weitere Kriminalromane um den Börsenmakler (hauptberuflich) und Amateurdetektiv (nebenberuflich) Malcolm Warren geben. In seiner vierzigjährigen Karriere schrieb und veröffentlichte Kitchin weitere Romane, die zwar von der Kritik gefeiert wurden aber nie an die Popularität der Malcolm Warren-Krimis heranreichen sollten. Ein Umstand, der Kitchin äußerst verärgerte…!

„Mörder, so sagt man, sind oft die charmantesten Charaktere.“ Es weihnachtet sehr in der Beresford Lodge in Hampstead, unweit von Londons Zentrum. Malcom Warren, ein Börsenmakler, wird von einem seiner Klienten zu einer Weihnachtsparty eingeladen. Eine Gruppe von Bekannten und die einigermaßen komplizierte Familie des Klienten kommt zusammen, feiert ausgelassen, spielt Spiele. Doch als Warren am Weihnachtsmorgen im Gästezimmer aufwacht, findet er eine Leiche. Die Gesellschaft steht unter Schock. Handelt es sich um einen Unfall? Der Hang zum Schlafwandeln der zu Tode gekommenen Frau legt dies erst einmal nahe. Als aber ein zweiter Mord geschieht, wird die Unfalltheorie sehr schnell ausgeschlossen. Der Mörder muss einer der Bewohner oder der Gäste des großen Hauses sein – aber wer? Wer hat ein Motiv an Weihnachten zu morden? Malcolm Warren, so scheint es, soll alles in die Schuhe geschoben werden. Und so wird er gezwungenermaßen selbst zum Ermittler. Kann er den Fall lösen, bevor Weihnachten vorbei ist?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Der Klett-Cotta Verlag schickt von dem eingangs erwähnten Krimi-Quartett den zweiten Roman ins vorweihnachtliche Rennen um die Gunst der Leserschaft, und schenkt uns abermals eine Rarität aus dem goldenen Zeitalter der britischen Kriminalromane. Kitchin war ein extrem talentierter Autor, der in bester „Whodunit“-Manier seine Geschichte aufbaute. Dabei schuf er mit dem Börsenmakler Malcolm Warren einen sympathischen Antihelden, der weit entfernt ist vom potenten Superhirn. Vielmehr wird unser Held von (Selbst-)Zweifeln geplagt und ist bei weitem nicht der Typ, der spontan heroische Taten begeht. Damit bleibt er mit mir als Leser immer auf Augenhöhe: Nie weiß er mehr als ich.

So ambivalent wie unser Held sind auch die div. Nebenfiguren, die mal mit mehr, mal mit weniger ansprechenden Charakterzügen ausgestattet wurden. Gut und Böse, schwarz und weiß, hell und dunkel vermischen sich und erschweren so das Miträtseln nach der Lösung. Wer ist der Mörder oder die Mörderin? Jede*r oder kein*r käme in Verdacht! Und könnte das Opfer nicht auch gleichzeitig ein Täter sein?

Der Autor baut die Spannung sehr subtil auf, indem er nie dann „zuschlägt“, wenn ich es als versierter Krimi-Leser erwarte. Vielmehr präsentiert er die Taten beinah unvermittelt. Auch gestaltet er die Beziehungen der handelnden Personen sehr vielschichtig und lässt in den Dialogen bedeutsame Untertöne anklingen. So meinte ich, in den Dialogen zwischen Malcolm Warren und einem der anwesenden Gäste sowie zwischen ihm und dem ermittelten Inspektor dezente homoerotische Schwingungen wahrzunehmen. Wobei natürlich durchaus die Möglichkeit besteht, dass ich, im Wissen um die Homosexualität des Autors, dies auch nur hineininterpretiert habe. Doch diese kleine Pikanterie sei mir bitte verziehen.

Zudem bietet dieser Roman eine Besonderheit, ein Extra, einen Bonus oder auch – wie der Autor es benennt – „Ein kurzer Katechismus“: Nach Beendigung der Geschichte lässt Kitchin einen imaginären Leser die Hauptfigur interviewen. All die Fragen, die bisher unbeantwortet blieben, all die losen Enden, die nicht verknüpft wurden – hier gibt es die Möglichkeit, auch die allerletzte Ungereimtheit aus dem Weg zu räumen. Eine solche überraschende wie außergewöhnliche Vorgehensweise habe ich zuvor bei keinem anderen Kriminalroman erleben dürfen. Der Autor bleibt seiner Leserschaft nichts schuldig.

C.H.B. Kitchin ist ein Name, den ich mir unbedingt merken muss, und so hoffe ich sehr, dass der Klett-Cotta Verlag auch die drei noch fehlenden Romane rund um Malcolm Warren veröffentlicht. Es würde mich freuen…!


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608966398 / in der Übersetzung von Dorothee Merkel
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Kerstin Hau – DAS LIED DES ENGELS/ mit Illustrationen von Selda Marlin Soganci

„Bald ist Weihnachten. Auf der Erde träumt jeder Käfer,
jede Katze und jedes Kind von großen Wünschen.
Andernorts träumt ein kleiner Engel von großen Taten…“

Ganz fein und zurückhaltend kommt diese Geschichte daher. Da gibt es kein großes Getöse, keinen lauten Wumms oder sonstigen Krawall, der die Aufmerksamkeit für sich einfordert. Nein, hier geht Autorin Kerstin Hau sehr leise zu Werke. Sie kreierte eine Geschichte, die gerade aufgrund ihrer Schlichtheit ganz besonders mein Herz berührt. Wie so oft bei mir sind es nicht die Bücher, die mit plakativen Mitteln versuchen auf ihre Botschaft aufmerksam zu machen. Dabei wirken die dort eingesetzten literarischen Mittel beinah wie eine billige Neon-Reklame, die grell blinkend immer wieder betont „Huhu! Hier kommt die Botschaft!“.

Engel helfen den Menschen auf vielfältige Weise: Sie trösten, beschützen oder heilen. Nur ein kleiner Engel kann seine Bestimmung einfach nicht finden. So gern möchte er den Menschen helfen. Am Weihnachtsabend dann erklingt eine Melodie, die alle Menschen froh macht – es ist das Lied des Engels. Mit einem Mal spürt er: Seine Gabe ist es, das Wunder der Weihnacht zu den Menschen zu bringen, um ihre Herzen zum Leuchten zu bringen.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages bzw.
dem Klappentext des Buches entnommen!)

Ⓒ Kerstin Hau. DAS LIED DES ENGELS – Illustration Selda Marlin Soganci (1)

In Kerstin Haus Geschichte geht es „nur“ um einen kleinen Engel, der für sich noch nicht herausgefunden hat, was seine Bestimmung ist. Auf seiner Suche muss er keine spektakulären Abenteuer bestehen oder sich großen Gefahren aussetzten: Er darf sich bei den großen Engeln, die z. Bsp. als Trostengel, Schutzengel oder Heilengel den Menschen beistehen, erproben, um so besser entscheiden zu können, welche Bestimmung zu ihm am besten passt.

Da ergeht es diesem kleinen Engel nicht anders als es uns ergangen ist: Wer von uns wusste als Kind schon, was seine Bestimmung ist. Auch wir mussten uns in unserem Leben oftmals erproben und so manches Mal den einen oder anderen Umweg in Kauf nehmen, bis wir dort gelandet sind, wo wir hingehören.

Wenn wir dort gelandet sind, wo wir hingehören! Manche von uns sind leider ein Leben lang auf der Suche oder haben sich notgedrungen mit den aktuellen Begebenheiten arrangiert. Doch auch uns spricht diese Geschichte Mut zu, die Suche nicht aufzugeben. Dabei muss es nicht immer die große, allumfassende Veränderung sein. Manchmal genügen nur kleine Neuerungen, um das eigene Leben wieder erfüllter werden zu lassen. So ist diese Geschichte auch ein Plädoyer an uns Erwachsene, uns eine kindliche Neugier zu bewahren und das Große im Kleinen zu wagen.


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Selda Marlin Soganci hat bei ihren Illustrationen einen ganz eigenen, ganz besonderen Stil, der in der Wahl ihrer „Leinwand“ begründet liegt. Sie verwendet als Untergrund Fichtenholz, auf dem sie mit Gouache und Stiften malt. Als ich von dieser Technik erfuhr, hatte ich ein wenig bedenken, dass bei den Illustrationen die Holzmaserung dominieren und das Bild somit zu rustikal erscheinen könnte. Meine Bedenken waren völlig unbegründet: Leicht und zart verschmelzen die Farben mit dem Holz und schaffen so eine ganz eigene Optik.

Die Maserung dieses Naturprodukts bleibt zwar stets sichtbar, steht aber nicht im Kontrast zu den filigranen Zeichnungen, die von phantasievolle Figuren bevölkert werden. Jeder Engel erhält von der Künstlerin seine persönliche, außergewöhnliche Erscheinung, die mit vielen witzigen Details begeistert.

Die besten Bilderbücher sind eben die, die Klein und Groß, Jung und Alt gleichermaßen ansprechen: Dies ist eine zauberhafte kleine Geschichte über das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten!


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314107016
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Lesung] Ingrid Pfeiffer – DIE KÖCHIN ODER DAS FEUER IM MOOR / Gemeindebücherei Ritterhude

Lesung: 6. November 2024

Gemeindebücherei in Ritterhude


Regionalkrimis sprießen seit einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden und ergießen sich inflationär sowohl über die Leser- wie auch Landschaft. Beinah scheint es so, dass jedes Kuh-Kaff eine*n eigene*n literarische*n Ermittler*in vorweisen muss. Da reicht es dann nicht mehr, dass die Handlung in einer bestimmten Region spielt: Vielmehr müssen geografische Gegebenheiten so detailliert beschrieben werden, dass die Fans voller Freude zum Ort des Geschehens pilgern können, um sich dort auf die Spuren ihrer Held*innen zu begeben. Was – bitteschön – kann nun Ingrid Pfeiffer vorweisen, was nicht schon etliche Schreiberlinge vor ihr erledigt hätten? Kriminalromane, die in der norddeutschen Flachebene spielen, gibt es doch wahrlich zur Genüge.

Im Grunde ist es ganz einfach: Frau Pfeiffer hat für sich eine Marktlücke entdeckt, die sie seitdem souverän ausfüllt. Sie schreibt historische Regionalkrimis um eine junge Frau namens Line, die Ende des 18. Jahrhunderts als Köchin in Bremen bei einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie arbeitet, den Moorkolonisten Früllerk heiratet und ihm ins Teufelsmoor folgt. Dort stolpert die selbstbewusste Frau immer wieder über mysteriöse Todesfälle und bringt sich mit ihren Nachforschungen selbst in Gefahr.

Meine obigen Worte klingen durchaus etwas lapidar und erwecken den Eindruck, als hätte Frau Pfeiffer voller Kalkül ihre Romane geschrieben, um für sich eine möglichst üppige Scheibe vom lukrativen Kuchen der Regionalkrimis abzuschneiden. Doch mit dieser Unterstellung würde ich ihr Unrecht tun. Bei der Lesung stellte sich uns eine Autorin vor, die mit sehr viel Herzblut ihre Geschichten verfasst hat. Dabei legte sie besonderen Wert auf historische Genauigkeit. Akribisch hat sie dafür recherchiert, um so exakt wie möglich Rituale, Abläufe und Handreichungen der damaligen Zeit zu beschreiben und diese so vor dem Vergessen zu bewahren. Auch lässt sie jeden ihrer Romane zu einer anderen Jahreszeit spielen: So findet auch der Einfluss der veränderten Wetterbedingungen auf den Tagesablauf der Moorbauern in ihren Geschichten eine nicht unwesentliche Erwähnung. Zudem schuf sie mit Line und Früllerk ein für damalige Verhältnisse sehr modernes Paar, für das ihre eigenen Großeltern Pate standen.

Bei der Lesung in der Gemeindebücherei in Ritterhude stand vornehmlich der letzte Band DIE KÖCHIN ODER DAS FEUER IM MOOR im Vordergrund, die Ingrid Pfeiffer mit viel Persönlichkeit gestaltete. Sie mag nicht die beste Vorleserin sein, doch verwandelt sie mit ihrem sympathischen Auftreten dieses „Manko“ zu ihrem Vorteil. Während ihrer Lesung „switcht“ sie durch ihre Geschichte, gibt Verweise auf die vorherigen Romane, macht auf Besonderheiten in der Handlung aufmerksam und reicht passende Requisiten als Anschauungsobjekt ins Publikum. Somit war dies auch weniger eine klassische Lesung als vielmehr ein Vortrag, in dem Textstellen aus dem Roman eingebunden wurden.

Apropos Publikum: Diesem ist sie sehr zugewandt. So verwundert es kaum, dass sich im Laufe der Jahre ein kleiner Kult um die rührige Schriftstellerin entwickelt hat und auch bei dieser Lesung ein Gefolge treuer Anhänger*innen im Auditorium saß. Doch unabhängig ob treue Leserschaft oder Erst-Täter: Sie begegnet ihrem Publikum stets mit Humor und sehr viel Charme.

Für mich war es zudem eine Freude nach Jahrzehnten einmal wieder in den Räumlichkeiten der Gemeindebücherei Ritterhude sein zu dürfen: In den 70er Jahren eröffnete die Gemeindebücherei erstmals seine Tür in einem ehemaligen Klassenzimmer der Grundschule in Ritterhude. Ich war ein Ausleiher der ersten Stunde, da ich zur damaligen Zeit selbst noch Schüler der besagten Schule war. Die Gemeindebücherei wurde mein Buch-Paradies, mein Lese-Eldorado, mein Zufluchtsort, die ich nur allzu gerne in den Pausen oder nach dem Unterricht aufsuchte, um mich mit ausreichend Lesestoff zu versorgen. Zumal die Ausleihe für Kinder und Jugendliche damals kostenfrei war (und auch heute noch ist). Wahrlich paradiesisch…!


Informationen zu ihren Romanen und Termine zu den Lesungen findet ihr auf der HOMEPAGE von Ingrid Pfeiffer. Auch in der Gemeindebücherei Ritterhude finden immer wieder interessante VERANSTALTUNGEN statt.

[Rezension] Celia Fremlin – DER LANGE SCHATTEN

Sie wollte nie eine Lady werden, einen Haushalt führen oder das schmückende Beiwerk an der Seite eines Gatten sein. Somit studierte Celia Fremlin (Jahrgang: 1914) in Oxford klassische Philologie und Philosophie und musste nach dem bestandenen Examen doch typische Frauenjobs, wie Verkäuferin oder Kellnerin, annehmen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Schreiben tat sie nur so nebenbei, zumal ein Weltkrieg und eine Ehe dazwischen kamen. Erst im Alter von 44 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Roman, der ihr auf Anhieb den renommierten Edgar Allan Poe Award bescherte.

Der vorliegende Roman DER LANGE SCHATTEN erschien erstmals im Jahre 1975 und ist bei weitem kein klassischer Kriminalroman und schon gar nicht ein Weihnachtskrimi. Er spielt zwar zum Jahreswechsel, doch das Weihnachtsfest hat hierbei eine untergeordnete Rolle. Der Winter dient eher als Kulisse zur Schaffung einer entsprechend geheimnisvollen Atmosphäre.

Vom schrillen Klingeln des Telefons aus dem Schlaf gerissen, stolpert Imogen durch das dunkle, leere Haus, um den Anruf entgegenzunehmen. Zuerst versteht sie den Mann am anderen Ende der Leitung nicht. Er will sie nicht ernsthaft beschuldigen, ihren Ehemann Ivor getötet zu haben, der vor knapp zwei Monaten bei einem Autounfall ums Leben kam! Imogen möchte doch nichts anderes als in Ruhe über ihren Schmerz hinwegkommen. Aber genau diese Ruhe will man ihr nicht gönnen. Kurz vor Weihnachten reisen nacheinander Imogens erwachsener Stiefsohn samt Freundin, die Stieftochter mit Ehemann und zwei Kindern sowie Ivors Exfrau an. Und bald darauf geschehen merkwürdige Dinge: Wer hat die halb ausgetrunkene Whiskeyflasche neben Ivors Lieblingssessel abgestellt? Hat jemand in seinen Papieren gewühlt? Und warum hört dieser Fremde nicht auf, anzurufen und darauf zu bestehen, dass er Imogens Schuld am Tod ihres Mannes beweisen kann?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Es ist dem Roman durchaus anzumerken, dass seine Autorin schon eine gewisse Lebenserfahrung mitbrachte. Da sind die inneren Monologe der Heldin wohldurchdacht, ihre Empfindungen verständlich, ihre Gedanken nachvollziehbar. Aus ihr spricht eine gereifte Persönlichkeit, die höchst individuell mit den Tod ihres Ehemanns umgeht. Sie trauert durchaus um ihn, vermeidet aber eine Glorifizierung seiner Person, wie es ihr Umfeld tut, und dies auch von ihr erwartet. Jede*r trauert auf eine eigene, sehr persönliche Art, und doch wird anscheinend von der Witwe eines angesehenen Mannes eine bestimmte Form der Trauer vorausgesetzt.

Die Autorin kreierte ihre Heldin somit sehr dreidimensional. Umso klischeehafter fielen die Nebenrollen aus und wirkten beinah wie Karikaturen auf mich. Ein Umstand, der dazu führte, dass ich von deren beschriebenen Allüren zuerst genervt und dann gelangweilt war. Vielleicht sollten besagte Nebenrollen für die „überraschende Komik“ sorgen, wie es uns der Verlag auf dem Umschlag dieses Buches verspricht. Leider konnte ich persönlich diese Komik nicht wahrnehmen.

Dafür baute Fremlin die Spannung sehr subtil, beinah unaufgeregt auf, indem sie der Geschichte Zeit gab, sich zu entwickeln, etliche Nebenschauplätze schuf und die Handlung gerne in unterschiedliche Richtungen lenkte. Dies erfolgte so raffiniert, dass immer wieder eine andere Person meine Aufmerksamkeit erregte und so in meinen Fokus gerückt wurde: Da hatte ich – von der Exfrau über die Nachbarin bis zu den erwachsenen Kindern und sogar die Witwe selbst – nahezu alle handelnden Personen im Verdacht, einen Mord begangen zu haben. Kurzzeitig kam mir sogar der Gedanke, dass der Ehemann seinen Tod nur vorgetäuscht hätte. Die Auflösung kroch dagegen recht unspektakulär um die Ecke, war durchaus absolut schlüssig, hinterließ bei mir aber ein Gefühl der Enttäuschung: „Wie? Das war’s jetzt?“.

Doch ich hatte mich auch ein wenig über mich selbst geärgert und gedacht „Da hätte ich auch selbst drauf kommen können!“. Ich bin nicht auf die Lösung gekommen, was ja eher für das schriftstellerische Talent der Autorin spricht. Zumal auch ihre Ausgangsidee absolut genial wie beängstigend ist. Stellt euch bitte mal folgende Situation vor: Da steht plötzlich eine völlig fremde Person vor dir und flüstert…

„Ich weiß, was du getan hast!“

…und behauptet zudem, dies auch noch beweisen zu können. Gruselig!


erschienen bei Dumont / ISBN: 978-3832168483 / in der Übersetzung von Sabine Roth
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Charles M. Schulz – ADVENT MIT DEN PEANUTS

Nicht nur die klassischen Werke von Friedrich Schiller, Heinrich von Kleist und Johann Wolfgang von Goethe tummeln sich zwischen den zwei Einbandpappen im prägnanten Gelb. In den letzten Jahren haben auch einige der sogenannten „modernen Klassiker“ ihren Weg ins Portfolie des rührigen Verlages aus Ditzingen in der Nähe von Stuttgart gefunden. So fand nun – wie zuvor bereits Loriot und Janosch – auch Charles M. Schulz eine gemütliche Bleibe für seine vorwitzige, altkluge und absolut bezaubernde Rasselbande:

Die PEANUTS

Sowohl pünktlich wie auch passend zur baldigen Adventszeit präsentiert uns der Reclam Verlag mit ADVENT MIT DEN PEANUTS in Form eines Adventskalenders ein Wiedersehen mit Charlie Brown, Snoopy, Woodstock, Charlies jüngere Schwester Sally, Peppermint Patty, Marcie („Sir“), Lucy, Linus und all den anderen liebenswerten Figuren. Erwachsene treten als handelnde Personen bei den PEANUTS höchst selten auf (in diesem Fall: gar nicht), werden auch weder benötigt noch vermisst.

So begleiten wir Tag für Tag, vom 1. bis zum 24. Dezember unsere charmanten Held*innen durch die Vorweihnachtszeit und werden Zeuge, wie sie souverän die kleinen Tücken des Alltags meistern und Antworten auf die großen Fragen der Kindheit finden. Da ist Charlie Brown so verliebt in ein Mädchen, dass er alles (un)mögliche unternimmt, um ihr ein schönes Paar Handschuhe zu Weihnachten schenken zu können. Snoopy erlebt mit Woodstock und ihrer gemeinsamen Pfadfindergruppe aufregende Zeiten bei einer Schneewanderung. Sally Brown greift ihrem Bruder (eher weniger als mehr) hilfreich unter die Arme beim Verkauf von Adventskränzen. Peppermint Patty würde so gerne die Maria im Krippenspiel geben und muss doch wieder ein Schaf („Mäh!“) mimen, während Marcie die begehrte Rolle ergattert, obwohl sie doch Brillenträgerin ist. Snoopy jobbt wenig überzeugend als Nikolaus, und Lucy und Linus diskutieren über die Formensprache von Schneeflocken.

Ⓒ Illustration Charles M. Schulz (1)

Ab den 50er Jahren schuf Charles M. Schulz mit einer Vielzahl an Comicstrips eine ganz eigene kleine Welt rund um den liebenswerten Pechvogel Charlie Brown, seinem äußerst regen Hund Snoopy und dem Vogel Woodstock. Die Geschichten spielen zwar in einem typischen amerikanischen Vorort, sind aber so allumfassend gültig, dass mir eine Identifikation mit den Figuren nie schwerfiel. Als Kind stand für mich der Spaß beim Betrachten der drolligen Abenteuer der PEANUTS im Vordergrund, während sich mir nun als Erwachsener zunehmend der Subtext, der tiefere Sinn offenbart.

Schulz scheint unsere Sicht auf die jeweilige Handlung bewusst einengen zu wollen: Er fokussiert und sorgt dadurch für eine Komprimierung auf das Wesentliche. Die scheinbar unbedeutenden Sorgen und Nöte der Kids bekommen so eine enorme Relevanz. Die Äußerungen von Charlie Brown und seinen Freund*innen erhalten eine philosophische Tiefe, die weit über den gewohnten Rahmen eines Comicstrips, der als Gimmick einer Tageszeitung für kurzfristige Erheiterung sorgen soll, hinausgeht. Hier wird mit einer kindlich-verführerischen Naivität über Ängste, Depressionen, Freundschaft, Liebe, (Selbst-)Zweifel und Hoffnung gesprochen. Die Themen der PEANUTS werden plötzlich universell, treten aus dem Fokus heraus und ermöglichen mir als Leser so eine unbefangenere Sichtweise.

Mein Fazit nach der Lektüre dieses kleinen Büchleins:

Die PEANUTS sind weise! Die PEANUTS sind zauberhaft!
Die PEANUTS sind Kult!

Ⓒ Illustration Charles M. Schulz (2)


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150145814 / in der Übersetzung von Matthias Wieland

[Rezension] Hauck & Bauer – CARTOONS ZU WEIHNACHTEN

Kurz bevor ich hier auf meinem Blog mit der Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST feierliche Stimmung verbreite und meiner Lust an weihnachtlicher Besinnlichkeit in literarischer Form fröne, möchte ich allen Advents-Muffeln gerne dieses aparte Büchlein (14,5 x 9,5 cm) wärmstens ans Herz legen. Da gibt es Mitmenschen, die schon jetzt kaum mehr in den Schlaf finden, da sie mit Grausen einer Zeit mit zu viel Lebkuchen, zu viel Kitsch, zu viel Lametta, zu viel „Last Christmas“, zu viel „von allem“ entgegenzittern. Diese bemitleidenswerten Zeitgenossen haben mit CARTOONS ZU WEIHNACHTEN aus der Ideenschmiede von Hauck & Bauer nun ein wirksames Antidot gegen die zu erwarteten Grausamkeiten. Dabei setzt die Wirksamkeit dieses Gegenmittels nicht erst ab der Einnahme einer höheren Dosis ein, auch bei homöopathisch genossenen Mengen zeigt sich durchaus schon eine Wirkung.

Beim Cartoonisten-Duo Hauck & Bauer handelt es sich um Elias Hauck (Zeichnungen) und Dominik Bauer (Text). Größere Bekanntheit erreichten sie ab 2003 mit dem wöchentlich erscheinenden Comicstrip „Am Rande der Gesellschaft“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Veröffentlichungen in der Titanic, bei Spiegel Online sowie in der Apotheken Umschau sollten ebenso folgen wie div. Preise und Auszeichnungen.

Hier nehmen sie nun das Fest der Liebe mit spitzer Feder und flinkem Wort aufs Korn und offenbaren uns so sehr treffsicher die Gedanken einer piefigen Spießbürgerlichkeit. Ups, ich übersah, es sind ja gar keine Gedanken: Dieses Wort wurde im Titel durchgestrichen und durch „Cartoons“ ersetzt. „Gedanken“ klingt ja auch irgendwie nach „rauchendem Schädel“, „weltverändernden Erkenntnissen“ und „Kritik am Establishment“. Nein, so weit wollen die Zwei nicht gehen: Sie haben doch „nur“ ein paar Bildchen gemalt und mit Wörtern verschönt.


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Doch diese Bildchen mit Wörtern haben es durchaus in sich: Da gibt es so manchen Streit am und um den Weihnachtsbaum. Sie verraten etliche pikante Anekdötchen zu Christis Geburt – direkt vom Rand der Krippe und somit brandaktuell. Es geht um nachhaltiges Bauen zu Grimmschen Zeiten: Da steht selbst bei der Knusperhexe die Ökobilanz ihres Lebkuchenhauses im Vordergrund. Auch der Weihnachtsmann mit all seinen Nöten findet ebenso Gehör wie die Klagelieder so manch armer Kreaturen, die auf der Suche nach einem passenden Geschenk für Familie, Verwandtschaft oder Kollegium sind. Und die Serie „Gedanken zum Advent mit Elmar Punsch“ wird selbstverständlich in vier Teilen kredenzt.

Dabei schrammt das kreative Autoren-Duo häufig knapp an der Grenze der „political correctness“ vorbei, bekommt aber immer wieder rechtzeitig die Kurve. So stutzte ich häufig und schaute mir den Cartoon durchaus ein weiteres Mal an, um sicher zu sein, dass ich die Botschaft verstanden hatte. Erst dann brach ich in ein schallendes Gelächter aus. Geschickt vermeiden die Zwei ein „Zuviel“, ein „über das Ziel hinausschießen“, da dies bei mir sicherlich keine Lachen ausgelöst sondern eher zu einer unangenehmen Befangenheit geführt hätte.

Gekrönt wir diese Ansammlung humoresker Skizzen mit einer festlichen Geschichte von Kristof Magnusson: Sollte hier nun eine spritzig-witzig-satirische Erzählung erwartet werden, da muss ich leider enttäuschen. Vielmehr schenkt Magnusson uns eine kleine traurig-anrührende Geschichte, die einen deutlichen Kontrast zu den Cartoons bildet und so umso mehr ihre Wirkung entfaltet.

Einziger Nachteil dieses Büchlein: das kleine Format! Der Zeichenstil von Elias Hauck in Kombination mit den Texten von Dominik Bauer wirken so filigran, dass es mir manches Mal schwer fiel, Details im Bild bzw. die Schrift deutlich zu erkennen.

Ansonsten: Frohe Weihnachten!


erschienen bei Kunstmann / ISBN: 978-3956146084
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!