Es ist schon einige Zeit her, da war ich mit der Autorin Waltraut Ferrari aus gänzlich anderen Gründen im Kontakt – nicht wissend, dass sie als Kinderbuch-Autorin tätig ist. Und dann trudelte im vergangenen Jahr völlig überraschend ihr aktuelles Buch bei mir ein. Zum besagten Zeitpunkt war meine Planung zur Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST schon gänzlich abgeschlossen, und – wie in jedem Jahr – warteten bereits etliche Leseexemplare auf meine Rezension. So musste ich Frau Ferrari bedauerlicherweise vertrösten. Doch umso gespannter war ich nun auf ihre Geschichte und freute mich auf gemütliche Lesestunden…
Wundervoll und unheimlich ist es hier: Albin und Valeria sind mit Oma Klara weit ins Wintertal gewandert, um Tannenzweige zu sammeln. Was sie spüren, aber nicht sehen: Lucius Silberpfote, der Bote aus dem „lichten Reich”, ist ihnen auf der Spur. Der Luchs wittert: Die beiden Kinder können die geheimnisvollen Aufgaben und Rätsel lösen. Und die „Brücke aus Eis“ finden, die die reale Welt und das lichte Reich verbindet, ins „Innere“ führt. Unterstützt von den Schneefrauen und den Herren der wilden Fröste begeben sich Albin und Valeria auf eine Abenteuerreise.
(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)
Waltraut Ferrari bedient sich bei ihrer Geschichte durchaus bekannter Zutaten: Da gibt es eine geheimnisvolle Burg mit einem verschollenen Kunstwerk (Achtung: Nebenhandlung!) sowie sprechende Tiere und mystische Wesen. Natürlich darf auch der erwachsene Freund der Kinder nicht fehlen, der gerne als Retter in der Not auftaucht. Im Mittelpunkt steht natürlich unser*e Held*in: Albin und Valeria, zwei Kinder von unterschiedlicher sozialer Herkunft, die sich angefreundet habe. Dann gibt es noch Valerias Oma Klara, die zufrieden im Einklang mit der Natur lebt („Oma Klaras Lieblingsrezepte“ gibt es im Anhang des Buches), und die Mutter von Albin, die eher modern orientiert ist und der die Freundschaft ihres Sohnes zu Valeria anfangs alles andere als recht zu sein scheint.
Schon befürchtete ich, es würde sich eine unnötige und ermüdende Dramatik à la „überkandidelte Reiche“ vs. „bodenständige Arme“ entwickeln und mit dem erhobenen Zeigefinger der Moral gewedelt werden. Ich bin der Meinung, wenn ein*e Autor*in es nötig hat, die Handlung mit solchen platten Attitüden künstlich aufzublasen, um so Spannung zu erzeugen, die/der sollte doch bitte die Hände von der Schreiberei lassen. Bei Ferrari ist die Reaktion der Mutter eher der Sorge (gepaart mit ein klein wenig Eifersucht) geschuldet, da sie die Freunde ihres Sohnes noch nicht ausreichend kennt bzw. einschätzen kann. Doch sie ist bereit, dies nachzuholen und zu lernen.
Allgemein sind die Personen sehr generös zueinander. Hier steht ein friedliches und unterstützendes Miteinander im Vordergrund. Es geht um Menschlichkeit und Respekt, die Pflege von Freundschaften und die Förderung des Gemeinsinns. Ein echter Antiheld, der Reibungsfläche bieten und somit für Spannung sorgen könnte, sucht man vergebens.
Apropos Spannung: Diese zieht die Geschichte im Wesentlichen daraus, dass die Autorin sich bei ihrer märchenhaften Geschichte nicht auf ein bestimmtes Genre festnageln lässt. Wir Deutschen denken ja so gerne in Schubladen und brauchen eine deutliche Zuordnung. Waltraut Ferrari verweigert uns diese. Stattdessen nimmt sie Anleihen bei den Romanen von Enid Blyton, vermengt dies mit ein wenig Fabel und würzt alles mit einer Prise nordischer Mythologie. Damit revolutioniert sie zwar nicht die Kinderbuch-Szene, fügt aber eine weitere charmante Farbnuance hinzu, die sich nie plakativ in den Vordergrund drängt.
Vielmehr gab sie mir als Leser den Impuls, sich meiner eigenen Phantasie bewusst zu werden und sich ihr hinzugeben. Als ich diese reizende Geschichte las, startete der Projektor meines Kopfkinos und löste eine Flut an Bildern aus. So entstanden z. Bsp. beim Lesen der Szenen, die bei den Schneefrauen und den Herren der wilden Fröste spielten, vor meinem inneren Auge ein detailreiches Szenario wie aus einem der wundervollen tschechischen Märchenfilme.
Waltraut Ferrari schickt mit ihrem Roman einen Appell an die Leser*innen, dass wir in unserem lauten und hektischen Alltag auch Platz für die leisen Momente schaffen, in denen wir eine heilsame Stille zulassen, wahrnehmen und genießen können. So ist der Autorin eine wahrlich phantasievolle Geschichte gelungen, die mit einer wunderbar wohltuenden Ruhe erzählt wird.
erschienen bei leykam / ISBN: 978-3701181643
Ich danke der Autorin herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!
Wie fühlt es sich für mich an, wenn ich Erich Kästner lese? Ich werde warm umarmt und von einer Welle aus Humor, Weisheit und Menschlichkeit umspült. Er schafft es wie kein anderer Literat, dass mir seine Werke auch beim wiederholten Lesen niemals langweilig werden. Vielmehr entdecke ich immer wieder neue Aspekte, die mich berühren und/oder zum Nachdenken anregen.
Doch würde dies im gleichen Maße auch eine Adaption schaffen? Bei den älteren Verfilmungen gelingt dies ganz famos, da hier der Meister am Entstehungsprozess elementar beteiligt war. Nun habe ich zum ersten Mal einem Hörbuch, das auf einem seiner Werke basiert, gelauscht…
1 CD/ DAS FLIEGENDE KLASSENZIMMER von Erich Kästner (1964)/ Produktion & Hörspielbearbeitung: Kurt Vethake/ Regie: Benno Schurr/ mit Heinz Schimmelpfennig, Wolfgang Reinsch, Ludwig Thiesen, Hannes Tannert, Maja Scholz, Irene Marwitz, G. Noebel, Rainer Baudisch, Lutz Hochstrate, Thomas Rosengarten, Tim Elstner, Karl-Heinz Butzen, Herbert Dardel u.a.
Seit Jahren sind die Schüler aus dem Internat Kirchberg und von der benachbarten Realschule verfeindet. Beide Gruppen denken sich die verrücktesten Streiche aus, um die anderen zu ärgern. Als die Realschüler die Diktathefte der Gymnasiasten klauen und dabei auch noch einen Schüler gefangen nehmen, hört der Spaß allerdings auf: Uli, Matthias und ihre Freunde fordern die Realschüler zum alles entscheidenden Kampf auf.
(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)
Schon zu meiner Rezension des Romans DAS FLIEGENDE KLASSENZIMMER fiel es mir schwer, die Inhaltsangabe für eine Geschichte zusammenzuschustern, in der so viel passiert. Wie mag es da den Verantwortlichen des vorliegenden Hörspiels ergangen sein, die sich der herausfordernden Aufgabe stellen mussten, ein komplexes Werk auf eine vertretbare Länge (in diesem Fall: 51 Minuten) kürzen zu müssen? Da werden Handlungsstränge zwangsläufig nur komprimiert wiedergegeben. Einige Aspekte können nur angerissen werden, andere fallen völlig weg. So taucht die titelgebende Schulaufführung nur als Randerscheinung auf, und auch das Wiedersehen zwischen Dr. Johannes „Justus“ Bökh und dem Nichtraucher wird arg verkürzt wiedergegeben.
Wie die obige Inhaltsangabe des Verlages offenbart, wurde der Schwerpunkt auf die Fehde zwischen den Schülern der unterschiedlichen Schulen gelegt. Dies gelingt Kurt Vethake mit seiner Hörspielfassung auch sehr charmant. Regisseur Benno Schurr sorgt in der Umsetzung für ausreichend jugendlichen Elan und lässt die vor allem jungen Sprecher sehr natürlich agieren.
Die Jungenschar war durchweg talentiert besetzt und wirkte so homogen in ihrem Zusammenspiel, dass ich niemanden hervorheben möchte bzw. kann. Anfangs irritierten mich allerdings die unterschiedlichen Tonlagen der Jungs: Es klang, als wären die Einen noch weit vom Stimmbruch entfernt, während andere schon in einer reiferen Bariton-Lage brummten.
Heinz Schimmelpfennig übernimmt hier den Part, den Kästner bei den Verfilmungen gerne selbst übernommen hat, und führt als Erzähler souverän-sympathisch durch die Handlung. Wolfgang Reinsch (Dr. Bökh) und Ludwig Thiesen (der Nichtraucher) mimen überzeugend die erwachsenen Bezugspersonen der Jungs. Hannes Tannert sorgt als Professor Kreuzkamm für die kauzig-komischen Momente.
Der Geist von Erich Kästner war bei diesem Hörspiel zwar durchaus spürbar, und ich fühlte mich fraglos gut unterhalten. Doch aufgrund der Kürzungen, die zwangsläufig bei der Umsetzung für dieses Medium unerlässlich sind, konnte mich das Hörspiel emotional nicht so sehr berühren wie es Roman oder Film vermögen:
Da lache und weine ich – immer im Wechsel, und hinterher bin ich glücklich.
erschienen bei Oetinger. audio / ISBN: 978-3837301458
ebenfalls erschienen als Roman bei Atrium / ISBN: 978-3855356072 und als Hörbuch bei Oetinger. audio / ISBN: 978-3837307207
Ich liebe die Bücher aus der Insel-Bücherei! Jedes für sich ist ein kleiner literarischer Schatz, hochwertig in der Ausstattung, verführerisch im Inhalt. Diesmal konnte ich der unnummerierten Sonderausgabe mit Erzählungen von Hans Fallada nicht widerstehen, die in diesem Jahr in einem größeren Format erschienen ist.
Zumal es mir eine wunderbare Möglichkeit bot, mich diesem Autor dezent anzunähern. Hans Fallada zählt zu den Literaten, an dessen Werk ich mich bisher noch nicht herangetraut hatte, dies aber gerne ändern möchte. Schließlich gilt Hans Fallada als einer der bedeutendsten sozialkritischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts Deutschlands. Wenn ich mir sein Leben – zwischen Sucht und Suizid, zwischen Systemkritik, Opportunismus und Repression, zwischen Genie und Wahnsinn – anschaue, dann ist es umso erstaunlicher, welche Fülle an Werke er geschaffen hatte. Doch vielleicht konnte er nur so seine kreative Kraft vollständig entfalten.
Ebenso erstaunlich ist es, dass (zumindest) die in diesem Büchlein vereinten vier weihnachtlichen Geschichten trotzdem eine wunderbare Leichtigkeit ausstrahlen und durch ihre kesse Ironie und einem spitzbübischen Humor überzeugen. Die durchaus vorhandene Kritik an Obrigkeit und Gesellschaft drängt sich nie dominant in den Vordergrund. Vielmehr stecken diese Geschichten voller Witz, Wärme und einer Menge Menschlichkeit.
Was tun, wenn Weihnachten kurz vor der Tür steht und immer noch kein Baum im Haus ist? Oder der Wunschzettel lang ist, aber man „immer so mit dem Pfennig rechnen muss“? Und ob die Tiere draußen auch das Fest feiern können? Der Bestsellerautor Hans Fallada erinnert in seinen Erzählungen an die schönste Zeit des Jahres: „Dies Gefühl aufzuwachen und zu wissen: Heute ist wirklich Weihnachten. Wovon wir seit einem Vierteljahr geredet, auf was wir so lange schon gehofft hatten, nun war es wirklich…“
(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)
Jede Familie entwickelt im Laufe der Zeit eigene, ganz persönliche FAMILIENBRÄUCHE zur Weihnachtszeit: Es beginnt mit der Essensauswahl, nimmt Einfluss auf den Ablauf des Heiligen Abends und endet mit dem Besorgen des Weihnachtsbaumes, und dabei sind die Rollen klar verteilt. So auch hier: Da macht der Vater ein großes Gewese um den Kauf des Weihnachtsbaumes. Das Objekt der Begierde darf nicht zu groß, nicht zu schlank, nicht unregelmäßig gewachsen und (vor allem) nicht zu teuer sein. Jedes Jahr treibt er seine Familie in den Wahnsinn und schürt so die Ängste der Kinder, dass der perfekte Baum nicht rechtzeitig gefunden wird. Doch ebenfalls wie in jedem Jahr lösen sich alle Ängste in Wohlgefallen auf, wenn am Heiligen Abend ein üppig geschmückter Baum mit den Kinderaugen um die Wette strahlt.
In LÜTTENWEIHNACHTEN machen sich die Kinder Friedrich, Alwert und Frieda auf den Weg, um für die Tiere des Hofes einen kleinen, eigenen Weihnachtsbaum zu besorgen. Dabei dürfen sie sich nicht vom Rotvoß, wie sie den rotbärtigen Förster insgeheim nennen, erwischen lassen. Rotvoß ist ein strenger Mann, der hart durchgreift, wenn in seinem Revier Bäume „gewildert“ werden. So machen sich die Kinder an einem besonders nebligen Tag auf den Weg, in der Hoffnung, unerkannt ein Bäumchen für die Tiere stibitzen zu können. Doch gerade als sie eine passende Fichte gefunden und gefällt hatten, laufen sie dem Förster in die Arme. Doch der ist weit davon entfernt, sie auszuschimpfen: Hat er doch selbst genau in jenem Moment ein Lüttenweihnachten für die Wildgänse ausgerichtet. Und so schließen der Mann und die drei Kinder stillschweigend einen Pakt…!
Jung, frisch verheiratet und verliebt: Da fehlen nur noch FÜNFZIG MARK UND EIN FRÖHLICHES WEIHNACHTSFEST zum vollkommenden Glück. Doch bis diese Wünsche sich erfüllen, muss sich unser junges Paar ordentlich strecken. Die Zeiten sind schlecht, das Geld sitzt bei niemanden mehr so locker, und alles ist teurer geworden. Da werden die Taler von einem Posten der Haushaltskasse zum nächsten Posten der Haushaltskasse verschoben. Und ein Loch wird aufgerissen, um ein anderes zu stopfen, stets mit der Hoffnung, dass es sich irgendwie irgendwann schon richten wird. Da sorgt die Weihnachtsgratifikation, die am 24. Dezember dann doch noch überraschend ins Haus flattert, dass sich die kleine Mansardenwohnung zu einem Stückchen vom Paradies verwandelt.
Doch mein persönlicher Favorit ist DER GESTOHLENE WEIHNACHTSBAUM: Seitdem der Förster Kniebusch den Herrn Rogge beim „Besorgen“ eines Weihnachtsbaumes im Forst erwischt hat, und der eine saftige Strafe zahlen musste, sind die Beiden nicht mehr gut aufeinander zu sprechen. Nur allzu gerne würde Kniebusch den Rogge wieder auf frischer Tat ertappen. Und woher sonst soll Familie Rogge – bei klammer Haushaltskasse – einen Baum zum Weihnachtfest herbekommen. Herr Rogge macht sich schon seit Wochen so seine Gedanken. Ebensolche Gedanken machen sich auch seine drei Kinder, die allerdings zur Tat schreiten und im Wald nach einem passenden Bäumchen Ausschau halten. Zufällig stoßen sie dabei auf den Hallodri Kakeldütt, der just in diesem Moment eine Tanne gefällt hat. Zufällig taucht Herr Rogge auf und Kakedütt ab. Zufällig stößt Kniebusch dazu und erwischt seinen Erzfeind scheinbar „in Flagranti“. Doch bei all diesen Zufälligkeiten nimmt die Geschichte plötzlich eine ganz und gar überraschende Wendung…!
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Von einem Büchlein aus der Insel-Bücherei erwarte ich, dass die optische Umsetzung eine nicht unwesentliche Rolle spielt: Wie schon bei Erich Kästners DAS MÄRCHEN VOM GLÜCK und DAS MÄRCHEN VON DER VERNUNFT schuf Ulrike Möltgen auch hier wieder ganz wunderbare Kollagen zwischen Realismus und Romantik, lässt die Szenerie sich wie bei der Aufführung eines Weihnachtsmärchens entblättern und umrahmt dieses Buch mit einem stimmungsvollen Einband.
Es war mir eine Freude, diesen außergewöhnlichen Literaten etwas näher kennenzulernen. Falladas KLEINER MANN – WAS NUN? liegt schon viel zu lange auf meinem SuB. Was meint ihr? Soll ich es endlich wagen?
erschienen bei Insel-Bücherei / ISBN: 978-3458644651
textidentisch mit Insel-Bücherei 2532 / ISBN: 978-3458205326
Jemanden zu lieben ist, als würde man in ein Haus einziehen.
Am Anfang verliebt man sich in all das Fremde, man ist jeden Morgen aufs Neue erstaunt, dass es einem plötzlich gehört, und hat ständig Angst, jemand könnte hereinstürmen und sagen, ihm sei ein grober Fehler unterlaufen und es sei gar nicht vorgesehen gewesen, dass man so ein schönes Zuhause bekommt.
Aber mit den Jahren bröckelt die Fassade, das Holz reißt hier und da auf, und man fängt an, die Macken an diesem Haus zu lieben. Da kennt man bereits alle verborgenen Ecken und Winkel. Man weiß, was man tun muss, damit der Schlüssel nicht im Schloss stecken bleibt, wenn es draußen kalt wird. Welche Dielen etwas nachgeben, wenn man darauftritt, und wie man die Kleiderschranktüren so öffnet, dass sie nicht knarren.
Und das sind all die kleinen Geheimnisse, die es eben genau zu deinem Zuhause machen.
„Ist es so, dass das Genre der Graphic Novel mir nicht zu liegen scheint? Das, was den Stil diese Genres ausmacht, entspricht anscheinend so ganz und gar nicht meinen Erwartungen. Doch bin ich deswegen nun enttäuscht oder frustriert? Ja, durchaus, vielleicht ein wenig! Mein Wunsch, eine gelungene Comic-Adaption eines Christie-Klassikers genießen zu dürfen, ist doch recht groß. Und so werde ich hoffnungsvoll wohl auch die nächste Veröffentlichung HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN, die für Herbst dieses Jahres angekündigt ist, genau unter die Lupe nehmen. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt…!“
…tönte ich bei meiner Rezension zur Graphic Novel von DIE TOTE IN DER BIBLIOTHEK und entsprechend verhalten war mein Enthusiasmus, als ich HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN bei der Buchhandlung meines Vertrauens vorbestellte. So erregte sein Erscheinen auch nur rudimentär meine Aufmerksamkeit. Vielmehr stattete ich wegen eines ganz anderen Buches, das ich bestellt hatte, der Buchhandlung einen Besuch ab, als die Buchhändlerin meines Vertrauens mich darauf aufmerksam machte, dass da noch etwas auf mich warten würde. Ich überlegte, doch mir wollte partout nicht einfallen, was es sein könnte. Dann kam sie mit HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN um die Ecke. Ich überlegte kurz, ob ich mir diese Graphic Novel wirklich zumuten wollte, nachdem die beiden Vorgänger eher eine gemäßigte Begeisterung bei mir ausgelöst hatten. Doch bestellt war bestellt, und zudem – wie wir hier im Bremischen gerne sagen – „Drei Mal ist Bremer Recht!“. Also bezahlte ich, trug das Buch nach Hause, wo es erstmal auf den SuB wanderte und dort unbeachtet liegen blieb.
Doch dann näherte sich der Tag der Entscheidung: Ich musste (wollte) eine Auswahl treffen, welche Bücher in meiner geliebten Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST vorgestellt werden sollten, und da fiel meine Wahl auch auf HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN. Also schlug ich dieses Buch auf und tauchte in die Geschichte ein…
Weihnachten auf dem Landsitz Gorston Hall: Mit durchschnittener Kehle liegt der alte Simeon Lee tot in einer Lache aus Blut in seinem Arbeitszimmer. Im Zimmer herrscht ein heilloses Chaos als hätte ein erbitterter Kampf stattgefunden, und aus dem Tresor wurden wertvolle Roh-Diamanten entwendet. Die einzige Tür ist verschlossen, und der Schlüssel steckt von innen im Schloss. Eine Flucht des Täters durch eines der Fenster ist nicht möglich, da sich der Raum in einer der oberen Stockwerke befindet. So deutet alles darauf hin, dass einer von der Familie, den Gästen oder der Dienerschaft der Täter zu sein scheint. Und alle Anwesende hätten mehr als einen triftigen Grund, einen tiefen Groll gegenüber dem Opfer zu hegen. Superintendent Sugden von der örtlichen Polizei steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe und bittet den Chief Constable Colonel Johnson um Unterstützung. Dieser hat über die Feiertage niemand geringeren als Hercule Poirot zu Gast. Mit vereinten Kräften stürzt sich das ungleiche Trio in die Ermittlungen, wobei Poirot seine Mitstreiter immer wieder mit seinen unorthodoxen Ermittlungsmethoden irritiert und die Verdächtigen mit unberechenbaren Fragen aus der Fassung bringt. Poirots kleinen grauen Zellen arbeiten auch zu Weihnachten wie ein präzises Uhrwerk, und so verwundert es nicht, dass er – „et voilà“ – auch diesmal eine verblüffende Lösung des Falls bietet…!
Es ist passiert! Ich habe nicht mehr zu hoffen gewagt, aber: Es ist passiert! Diese Comic-Adaption eines Christie-Klassikers konnte mich endlich überzeugen.
Isabelle Bottier bleibt bei ihrer Konzeption der Handlung so nah am Original, dass es mir möglich war, die Inhaltsangabe des Romans – ohne Striche oder Kürzungen – hier ebenfalls nutzen zu können. Reduzierungen sind bei einer Graphic Novel zwangsläufig zwingend notwendig und den Vorgaben des Genres geschuldet. Doch wenn mir bei der Lektüre keine nennenswerten Auslassungen auffallen und sich die Handlung sowohl schlüssig wie auch flüssig entwickelt, dann hat die Autorin vieles richtig gemacht. Zudem verstand sie es, die Dialoge den handelnden Personen passgenau in die Münder zu legen.
Unterstützung erfuhr Bottier durch die Illustrationen von Callixte (alias Damien Schmitz), der zu den Dialogen sehr individuelle Physiognomien zum Handlungspersonal kreierte, die die Person genau charakterisieren und zudem mit witzigen Details gefallen. Eine Verwechslung der Personen – selbst bei den Familienmitgliedern, die eine deutliche Ähnlichkeit vorweisen müssen (!) – ist somit ausgeschlossen. Auch die Settings überzeugen durch Diversität, Detailreichtum und Atmosphäre. Zudem wechselte er raffiniert den Blickwinkel, erzeugte dadurch Spannung und konnte sich so meiner Aufmerksamkeit sicher sein.
Im April 2025 erscheint im Carlsen-Verlag mit TOD AUF DEM NIL der nächste Christie-Klassiker, bei dem genau dieses kreative Team am Werk war: Ich freue mich jetzt schon!
erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551804266 / in der Übersetzung von Thomas Schöner
ebenfalls erschienen als Roman bei Atlantik / ISBN: 978-3455600308 und als Hörbuch bei DER HÖRVERLAG / ISBN: 978-3844547405
Kompositionen von Giorgio Battistelli, Wolfgang Amadeus Mozart und Max Reger
Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Premiere: 18. November 2024 / besuchtes Konzert: 19. November 2024
Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus
MUSIKALISCHE LEITUNG Srba Dinić KLAVIER Matthias Kirschnereit
Ich kann mich nicht erinnern, ob ich je ein klassisches Sinfoniekonzert besucht habe, also so ein „richtig“ klassisches Klassikkonzert und nicht ein Familienkonzert oder eine Gala. Einige Kammerkonzerte hatte ich durchaus in der Vergangenheit schon erleben dürfen: Da gab es vor einiger Zeit ein Klassik-Abonnement beim Kulturzentrum Gut Sandbeck bei uns in Osterholz-Scharmbeck, das ich mir als junger Mensch gönnte, um meinen Horizont bzgl. klassischer Musik zu erweitern. Ich fürchte, dass von diesen Konzerten nicht viel in meiner Erinnerung hängen geblieben ist, doch zumindest hat es meine Bereitschaft, mich unvoreingenommen der Musik zu nähern, erweitert. Somit saß ich nun im großen Haus des Stadttheaters Bremerhavens und wartete auf den Beginn meines ersten „richtig“ klassischen Klassikkonzerts,…
…und dachte bei mir „Mit Mozart macht man nichts verkehrt.“: Nun hat das Philharmonische Orchester mit seinem GMD Marc Niemann es sich auf die Fahnen geschrieben, im Rahmen der „Composer in Residence“ auch unbekannte bzw. selten gespielte Werke einem Publikum zugänglich zu machen. Dabei kommen Kompositionen von Künstler*innen unterschiedlicher kultureller und regionaler Hintergründe oder Herkunft zur Aufführung. Auch werden zu den Sinfoniekonzerten des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven gerne Gast-Solist*innen bzw. –Dirigent*innen geladen, um sowohl dem Publikum als auch dem Orchester die Möglichkeit zu bieten, verschiedene künstlerische Handschriften erleben zu können.
Ein Titel wie MOZARTS ERBE(N) bietet ausreichend Raum zur individuellen Deutung: Wird nicht jede*r Komponist*in – ob direkt oder indirekt, ob bewusst oder unbewusst – von der Genialität eines Wolfgang Amadeus Mozart inspiriert? Die Frage, in wieweit sich „Composer in Residence“ Giorgio Battistelli bei der Entstehung seines Werkes APRÈS JOSQUIN, das als deutsche Erstaufführung in Bremerhaven erklang, von Mozart hat beeinflussen lassen, kann allein nur der Komponist beantworten. Bei seiner Komposition verzichtete er auf eine Melodienfolge bzw. ein Leitthema. Vielmehr webte er einen Klang-Teppich, in dem er die Instrumente teils recht konträr zueinander setzte. Gast-Dirigent Srba Dinić bot gemeinsam mit dem Orchester ein für mich spannendes wie gleichzeitig verwirrendes Hörerlebnis, das es mir mit seinen aufwühlenden wie auch zart-minimalistischen Tönen ermöglichte, frei zu assoziieren, und so eine Vielzahl an unterschiedlichen Bildern in meinen Kopf entstehen zu lassen. Dinić ist u.a. GMD des Staatstheaters Braunschweig sowie Chefdirigent des renommierten Orchesters „Die St. Georg Streicher“ in Belgrad und hatte bereits Gastengagements an internationalen Opernhäusern, wie die Staatsoper Stuttgart, Teatro Massimo in Palermo und die Semperoper Dresden.
Beim 2. Programmpunkt kam der große Meister selbst zur Aufführung: Für das KONZERT FÜR KLAVIER UND ORCHESTER NR. 23 A-DUR KV 488 konnte als Solist Matthias Kirschnereit gewonnen werden, der virtuos sein Instrument beherrschte und diesem die schwelgerischen Töne aus Mozarts Feder mit gefühlvollem Anschlag entlockte. Eingebettet wurde er vom Philharmonischen Orchester, das die Töne des Klaviers zart einrahmte oder akzentuiert hervorhob. Auch Kirschnereit ist ein international gefragter Künstler, der vielfach ausgezeichnet wurde, und dessen CD-Einspielungen u.a. mit dem ECHO-Klassik geadelt wurden. Zudem gibt es mit/von ihm eine Gesamteinspielung der Klavierkonzerte Mozarts mit den Bamberger Symphonikern – somit saß vor uns ein absoluter Mozart-Experte am Flügel. Als Zugabe schenkte uns Kirschnereit seine beseelte Interpretation von Frédéric Chopins NOCTURNE NR. 20 CIS-MOLL.
Beim letzten Programmpunkt, Max Regers VARIATIONEN UND FUGE ÜBER EIN THEMA VON MOZART FÜR ORCHESTER OP. 132, hatte das Philharmonische Orchester abermals die Chance, sein Können zu zeigen. Dirigent Srba Dinić führte die Musiker*innen souverän durch die acht Variationen und eine Fuge, die sich mal sanft umschmeichelnd, mal expressiv drängend, dann zart flirrend, explosiv aufbrausend oder mit verspielter Leichtigkeit präsentierten und in einem dramatischen Finale gipfelten. Dabei wirkte es auf mich beinah so, als würde das Grundthema, das stets wohltuend erkennbar blieb, jeweils in eine andere Garderobe gekleidet werden.
Es war ein Programm voller musikalischer Kontraste (Mozart: brillant / Reger: abwechslungsreich / Battistelli: herausfordernd), das sowohl vom Dirigenten sowie vom Solisten bis zum Orchester grandios dargeboten wurde.
Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!
Weihnachten – das ist die Zeit der Besinnlichkeit, des zur Ruhe Kommens und der Erinnerung an Traditionen. Gerade in dieser Zeit lassen wir uns nur allzu gerne ins Ballett, Konzert und Oratorium locken, genießen die wunderbare Musik und werden von der Kunst der Darbietung verzaubert. Es ist aber auch die Zeit des Vorlesens: Entweder lesen wir selber vor, oder wir haben das unschätzbare Glück, dass uns vorgelesen wird. Wäre es da nicht schön, wenn wir all dies miteinander vereinen könnten?
Mit DER NUSSKNACKER, DER MESSIAS und DAS WEIHNACHTSORATORIUM hat der Annette Betz-Verlag drei Klassiker und saisonale Publikumslieblinge in diesem Sammelband vereint. Alle drei Werke sind bereits als Einzelbände erschienen (2017, 2020 bzw. 2018), denen jeweils eine CD beigelegt wurde. Hier gibt es nun die vergleichsweise kostengünstigere Variante: Ohne CD, dafür mit der Option, das jeweilige Hörbuch incl. der Musik zu streamen.
Jede*r Autor*in hat eine eigene Handschrift, jede*r Illustrator*in hat einen individuellen Stil. Werden da die Geschichten eher lieblos in einem Sammelband gebündelt, könnte ein verbindendes Element als roter Faden vermisst werden. Dies ist bei MUSIKALISCHER WEIHNACHTSZAUBER nicht der Fall: Das Cover, das Vorsatzpapier und die Titelblätter zu den einzelnen Geschichten sind so geschmackvoll aufeinander abgestimmt, dass die ehemaligen „Solisten“ wunderbar miteinander harmonieren, und das Buch so wie aus einem Guss wirkt.
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Susa Hämmerle erzählt die Geschichte DER NUSSKNACKER ganz traditionell und bleibt damit nah am originalen Ablauf des Märchenballetts von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (Warum sollte sie hier auch eine Änderung vornehmen?). Dabei skizziert sie die Figuren stets kindgerecht und streut Dialoge in die Handlung ein, um so die Motivation der Charaktere zu verdeutlichen. Damit schafft sie für mich als Vorleser die Grundlage, meinen Vortrag interessanter und abwechslungsreicher zu gestalten, als es mir bei einer bloßen Nacherzählung möglich gewesen wäre. Auch Christa Unzner bleibt bei ihren Illustrationen ganz beim Tanz. Ihre Figuren scheinen direkt dem weltbekannten Ballett entsprungen zu sein – entsprechen doch Haltung und Gestik ganz diesem Habitus. Mit flinken Strichen erzeugt sie bei den Figuren Dynamik. Ihre Szenerien verleugnen nie den Bezug zur Bühne: Mit einem atmosphärischen Setting, farbenfrohen Kostümen und einer stimmungsvollen „Beleuchtung“ verstärkt sie noch diesen Eindruck.
Für DER MESSIAS schuf Rudolf Herfurtner eine ganz neue Rahmenhandlung um den kleinen Anton, der sich mit seinem Großvater auf den Weg durch einen dunklen Wald macht, um einer Aufführung eben jenen Werkes von Georg Friedrich Händel in der großen Kirche des Nachbarortes zu lauschen. Während des Konzerts nickt Anton ein und träumt sich nach Bethlehem zu Jesus Geburt. Mit einer ganz und gar wunderbaren Ruhe erzählt der Autor diese reizende, beinah melancholische Geschichte und legt dabei besonderes Augenmerk auf die liebevolle Beziehung zwischen Anton und seinem Opa. Die Illustrationen von Anna Severynovska nehmen diese Ruhe auf. Beinah glaubte ich, die Stille eines verschneiten Winterabends wahrnehmen zu können. Ihre Bilder überzeugen sowohl durch ihre Klarheit als auch durch Detailreichtum. Besonders beeindruckend gelangen der Künstlerin die Gesichter der Figuren, die von einer ergreifenden Lebendigkeit sind.
Bei DAS WEIHNACHTSORATORIUM stammte die Rahmenhandlung ebenfalls aus der Feder von Rudolf Herfurtner. Hier begleiten wir den Jungen Thomas, wie er in der Adventszeit des Jahres 1734 die Bekanntschaft mit Johann Sebastian Bach macht, der als Kirchenmusiker und Kantor mit dem Thomanerchor sein neustes Werk zur Aufführung bringt. Thomas ist ganz beseelt, dass er als Kerzenjunge gemeinsam mit dem Chor auf der Empore der Kirche stehen und dieser einzigartigen Musik lauschen darf. Gekonnt verwebt der Autor die historische Fakten mit seiner Fiktion, verheimlicht dabei aber nicht die sozialen Missstände, unter denen die Kinder damals zu leiden hatten. Die Künstlerin Maren Briswalter schuf dafür zarte, beinah sphärische Illustrationen in einem Sepia-Ton, die an alte, verblasste Fotografien erinnern. Die Welt des 18. Jahrhunderts – insbesondere bei den historischen Bauwerken – zeigt sie ebenso detailreich, wie die Kargheit, denen die Menschen damals ausgesetzt waren.
Mit MUSIKALISCHER WEIHNACHTSZAUBER hat der Verlag einen ganz bezaubernden Sammelband geschaffen: Jedes, der hier genannten musikalischen Werke, ist absolut herausragend, und es war mir eine wahre Freude, die traumhaften Kompositionen in Kombination mit einer gelungenen literarischen wie visuellen Umsetzung wiederentdecken zu dürfen.
Anmerkung bzgl. STREAMEN:
Leider bin ich alter Zausel zu dusselig, um auf der Homepage des Verlages die Hörbücher mit Musik freizuschalten. Nachdem ich mehrmals im Rahmen der Anmeldung bei der Eingabe von Benutzername und/oder Passwort gescheitert bin, habe ich ermattet aufgegeben. So kann ich leider nichts über die Qualität der Sprecher sagen. Da der Verlag allerdings bei den Musikaufnahmen auf das Archiv des renommierten Klassik-Labels NAXOS zurückgreifen konnte, bin ich mir sehr sicher, dass die musikalische Umsetzung gelungen ist. Ich selbst habe – nach dem Anmelde-Debakel – ganz entspannt auf meine eigenen CDs zurückgegriffen und mir die Geschichten selbst vorgelesen. 😊
erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219120486
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!
Ich glaube, jeder literaturbegeisterte Mensch kennt folgende Situation: Der Lieblingsroman wurde verfilmt. Gespannt und voller Vorfreude eilt man ins Kino und hofft auf eine wundervolle Literaturverfilmung. Doch je länger der Film andauert, umso mehr stellt sich Unmut ein. Da wurde die Rolle der so innig geliebten Heroin mit einer farblosen Schauspielerin besetzt, und auch der über alles verehrte Romanheld wird von irgendeinem talentfreien Schönling gemimt. Voller Wut stürmt man aus dem Kino, und auf dem Weg zum Auto heult man verzweifelt zum Mond hinauf:
„Welcher dilettantische Vollidiot war nur für diese eklatante Fehlbesetzung verantwortlich?“
Na? Findet sich die eine oder der andere von euch in meinen Worten wieder? Also, mir ist dies durchaus schon widerfahren, dass die Verfilmung eines Romans (oder zumindest einige Komponenten davon) so absolut nicht mit dem übereinstimmte, wie ich es mir beim Lesen so schön in meiner Phantasie erdacht hatte. Zugegeben: Es kam bisher selten vor, da ich glücklicherweise einen Film als eigenständiges Medium/Kunstwerk ansehe und selten mit der Romanvorlage vergleiche. Doch es kam vor…!
Manchmal ergeht es mir ähnlich, wenn ich mir Einspielungen von musikalischen Bühnenwerken anhöre. Natürlich spielt hier immer auch der persönliche Geschmack eine entscheidende Rolle: Es gibt eben Singstimmen, die mich mehr ansprechen als andere. Dabei kommt es mir nicht unbedingt auf den reinen Schöngesang an. Oftmals sind es die kleinen Brüche in der Stimme, die Emotionalität beim Vortrag oder die Schlichtheit im Ausdruck, die mich ganz besonders berühren. Und trotzdem ich mich immer um Objektivität und Fairness bemühe, sitze ich manchmal vor meinem CD-Player, schüttle ratlos den Kopf und stelle mir (in abgemilderter Form) die obige Frage.
Hier einige Beispiele:
MY FAIR LADY – Teil 1
Am 25. Oktober 1961 hob sich im Berliner Theater des Westens der Vorhang für die deutschsprachige Erstaufführung des Erfolgsmusicals MY FAIR LADY, das einen wahren Siegeszug durch die Republik machen und so den Weg für kommende Musical-Produktionen ebnen sollte. Die Musicalausbildung steckte damals noch nicht einmal in den Kinderschuhen, im Gegenteil: sie hatte selbst das Embryonalstadium noch nicht erreicht. Darum kann man es nicht zu hoch bewerten, dass es dem damaligen Produktions-Team gelungen war, eine Besetzung zusammenstellte, die die Partien kongenial ausfüllte. Mit einer Ausnahme…! Über die Gründe, warum Rex Gildo für die Rolle des Freddy Eynsford-Hill verpflichtet wurde, kann ich nur spekulieren. Ich tippe auf Gründe zum Zwecke der Werbung: Vielleicht wurde gehofft, dass mit ihm, einem damals sehr populären Schlager-Star, auch ein jüngeres Publikum ins Theater gelockt wird. Neben den gelungenen Interpretationen von Karin Hübner (Eliza Doolittle), Paul Hubschmid (Henry Higgins), Friedrich Schönfelder (Oberst Pickering) und Alfred Schieske (Alfred P. Doolittle) wirkt seine Darbietung – zumindest auf der deutschen Originalaufnahme – sehr unpersönlich, steif, farblos, – Ja! – beinah steril. Es scheint mir so, als wäre er mit der Aufgabe, einen glaubwürdigen Bühnencharakter auf die Bretter zu stellen, überfordert gewesen. Ein vorliegendes Programmheft aus der Premieren-Saison 1961/1962 offenbarte mir, dass Rex Gildo nicht sehr lange an der Produktion beteiligt war und recht schnell durch den jungen Sänger Arne Lindner ersetzt wurde, der diese Rolle über einige Jahre spielen sollte.
MY FAIR LADY – Teil 2
In den 60er und 70er Jahren waren große musikalische Querschnitte von Opern, Operetten und Musicals auf Schallplatte äußerst populär und boten den Plattenfirmen die Möglichkeit, ihre Publikumslieblinge vielseitig zu besetzten. Da gibt es durchaus einige Schmankerl zu entdecken aber ebenso viele Kuriositäten zu bestaunen. Die Berliner Original-Aufnahme von MY FAIR LADY verkaufte sich „wie warme Schrippen“ und bescherte der Produktionsfirma Philips üppige Umsätze. So ließ es sich auch Polydor nicht nehmen, schon kurz nach der deutschsprachigen Erstaufführung einen „großen Musical-Querschnitt“ zu veröffentlichen und diesen auf dem Cover vollmundig mit „Die deutsche Idealbesetzung“ zu bewerben. Idealbesetzung??? Diese Einspielung kann – trotz bekannter Namen – nicht annähernd der deutschen Originalaufnahme das Wasser reichen. Entertainer Peter Alexander übernahm den Part von Henry Higgins und bleibt doch stets Peter Alexander: Bei „Kann denn die Kinder keiner lehren, wie man spricht“ wurde der Text entsprechend angepasst, damit Alexander sich durch die div. Dialekte parodieren konnte, und auch bei den anderen Songs driftet er immer wieder in Richtung Klamauk ab. Die Rolle der Eliza teilen sich hier gleich zwei Künstlerinnen: Während Kabarettistin Cissy Kraner sich als „Blumenmädchen“ unangenehm durch die Noten keift, wirkt die Interpretation von Sopranistin Herta Talmar als „Lady“ recht geziert. Zudem frönt sie bei einigen Songs dem Sprechgesang mit einer gewöhnungsbedürftigen Betonung. Sándor Kónya als Freddy Eynsford-Hill ist mit seinem schönen, kraftvollen Tenor deutlich näher dem grünen Hügel als der Wimpole Street. Einzig Willy Millowitsch kommt mit seiner Interpretation von „Bringt mich pünktlich zum Altar“ der Rollenvorgabe des Alfred P. Doolittle am Nächsten. Allerdings durfte er leider nur diesen einen Song singen: „Mit ’nem kleenen Stück vom Glück“ wurde bedauerlicherweise dem Star der Aufnahme Peter Alexander zugeschustert.
DIE FLEDERMAUS
Apropos „zum Zwecke der Werbung“: Anders kann ich mir das Mitwirken von Iwan Rebroff bei einer Einspielung der beliebten Operette DIE FLEDERMAUS aus dem Jahre 1976 nicht erklären. Alle anderen Partien wurden mit wahren Könner*innen ihres Fachs (Julia Varady, Lucia Popp, Hermann Prey, René Kollo und Bernd Weikl) besetzt, die sowohl gesanglich Erlesenes bieten als auch in den Dialogen durch Spielfreude überzeugen. Iwan Rebroff hingegen singt und spricht in der Rolle des Prinzen Orlofsky (im Original eine Hosenrolle für eine Mezzosopranistin/ in jüngerer Zeit auch gerne mit einem Countertenor besetzt) in einem für mich nur schwer zu ertragenen Falsett, dem es leider an Volumen mangelt. Zudem wirkt seine Interpretation mit den vielen Schlenkern und Kieksern unangenehm affektiert, tuntig und somit wenig überzeugend. Leider kann man Herrn Rebroff und seiner Stimme – insbesondere ab dem 2. Akt – nicht entkommen, da bei dieser Aufnahme auch an den Dialogen nicht gespart wurde. Doch selbst der versierte Otto Schenk, der für die Dialog-Regie verantwortlich war, konnte in diesem Fall aus einem Klotz keinen Edelstein formen.
WEST SIDE STORY
Dass sich auch viele gute Einzelkomponenten nicht unbedingt zu einem zufriedenstellenden Gesamtergebnis vereinen, zeigt allzu deutlich die Studioaufnahme der WEST SIDE STORY aus dem Jahre 1985. Unter der musikalischen Leitung des Meisters Leonard Bernstein höchstpersönlich versammelte sich eine illustre Riege der damals hochkarätigsten Opernstars. Jeder Opernfreund, der vielleicht mit dem Genre Musical eher fremdelt, wird Jubelschreie der Verzückung ausgestoßen und sich gefreut haben, dass die weltbekannten Songs eines weltbekannten Musicals endlich durch den wunderschönen klassischen Gesang weltbekannter Opernsänger geadelt wurde (Als wenn dieses Werk es nötig gehabt hätte?!). Doch im Sinne der Werktreue besteht diese Aufnahme leider aus einer einzigen Ansammlung von Fehlbesetzungen: Weder Kiri Te Kanawa als Maria noch José Carreras als Tony konnten ihre jugendlichen Parts überzeugend verkörpern. Während Te Kanawa versucht mit einem übertrieben gerollten R ihrer Artikulation wenigstens einen hispanischen Touch zu geben, um so sich der Rollenvorgabe anzunähern, ist der spanische Akzent bei José Carreras stets so sehr im Vordergrund, dass niemand ihm auch nur annähernd den „all american boy“ abnehmen würde. Marilyn Horn verwandelt mit ihrem reifen Mezzo das zarte Lied „Somewhere“ zur satten Opernarie, und auch Tatiana Troyanos als Anita lässt jugendlichen Esprit vermissen. Zudem hatte irgendjemand (Ich fürchte, es war Papa Leonard Bernstein selbst.) die leidige Idee, die Zwischen-Dialoge von Nina und Alexander Bernstein einsprechen zu lassen. Es war absolut keine gute Idee: Selten habe ich Dialogen gelauscht, die so emotionsarm und bar jeglichen Charismas aufgesagt wurden.
MY FAIR LADY – Teil 3
Auf der Welle des Erfolges wurden mit Kiri Te Kanawa noch zwei weitere Musicals eingespielt, u.a. auch MY FAIR LADY. Leider wiederholte sich hier das, was ich schon bei der WEST SIDE STORY anmerkte. Kiri Te Kanawa singt zwar abermals wunderschön, doch aufgrund ihres reifen vollen Soprans nehme ich ihr das junge Mädchen, das eine Wandlung vom schlichten Blumenmädchen zur eleganten Lady durchlebt, nicht ab. Stichwort „durchleben“: Te Kanawas Interpretation klingt, als würde die große Diva nur so tun, als wäre sie ein einfaches Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen. Gelebte Emotionen sind für mich bedauerlicherweise nicht herauszuhören. Auch der amerikanische Tenor Jerry Hadley lässt in der Rolle des Freddy Eynsford-Hill den nötigen Elan vermissen und intoniert seinen Part in schönster Operetten-Manier. Die Lichtblicke bei dieser Einspielung sind der männlich-markante Henry Higgins von Mime Jeremy Irons und die drollig-kauzige Interpretation des Alfred P. Doolittle durch Warren Mitchell.
MY FAIR LADY – Teil 4
Aber auch auf der Bühne „live & in Farbe“ durfte ich eine mal mehr, mal weniger gravierende Fehlbesetzung erleben. Da ist mir eine „besondere“ MY FAIR LADY in allzu lebhafter Erinnerung geblieben: In der besagten Inszenierung stand ein Sänger als Freddy Eynsford-Hill auf der Bühne, den ich nur als hohle Nuss, als eine absolute Knallcharge betiteln konnte. Mit rollenden Augen, weit ausgebreiteten Armen und rotierenden Hüften säuselte er überkandidelt verliebt mimend „In der Straße, mein Schatz, wo du lebst“. In den gemeinsamen Szenen mit Eliza versuchte er penetrant ein Küsschen von ihr zu erhaschen, während seine bemitleidenswerte Partnerin verzweifelt bemüht war, sich ihm vom Hals zu halten. Da wurde das, was ich an Fremdscham meinte bisher erdulden zu können, in eine neue Dimension katapultiert. Ich saß leidend im Zuschauersaal und schickte voller Verzweiflung eine Myriade an Stoßgebete an alle Musen der darstellenden Künste:
„Wo bleibt er, der Theaterunfall, wenn man ihn mal braucht?“
Bei der aktuellen Produktion von MY FAIR LADY am Stadttheater Bremerhaven braucht allerdings niemand solche oder ähnliche Peinlichkeiten zu befürchten. Hier erwartet das Publikum die pure Freude…!!! ❤️
Vernehme ich da etwa die Bitte, eine Referenz-Aufnahme zu benennen? Dieser Bitte nachzukommen, könnte sich für mich durchaus schwierig gestalten. Als Liebhaber des Musiktheaters im Besonderen und als Musical-Fan im Speziellen besitze ich von musikalischen Werken natürlich nicht nur eine einzige CD-Einspielung. Vielmehr bin ich da ein unheilbarer Wiederholungs-Täter mit einem massiven Rückfall-Potenzial.
So nenne ich verschiedene Einspielungen bzw. Cast-Recordings mein Eigen: 15x MY FAIR LADY, 13x WEST SIDE STORY und „nur“ 5x DIE FLEDERMAUS. Jede von ihnen hat ihre Vorzüge, und so fällt es mir durchaus schwer, mich hier jeweils auf eine einzige Cast-Aufnahme zu beschränken.
Aber wenn’s denn partout nicht zu umgehen ist… 😉
MY FAIR LADY / Original Broadway Cast 2018 / Musikalische Leitung: Ted Sperling / mit Lauren Ambrose (Eliza), Harry Hadden-Paton (Higgins), Norbert Leo Butz (Doolittle), Diana Rigg (Mrs. Higgins), Allan Corduner (Pickering) und Jordan Donica (Freddy) / erschienen bei Broadway Records / EAN: 888295764834
WEST SIDE STORY / Nashville Symphony Orchestra / Musikalische Leitung: Kenneth Schermerhorn / mit Betsi Morrison (Maria), Mike Eldred (Tony), Marianne Cooke (Anita), Robert Dean (Riff) und Michael San Giovanni (Bernardo) / erschienen bei NAXOS /EAN: 636943912621
DIE FLEDERMAUS / Royal Concertgebouw Orchestra / Musikalische Leitung: Nikolaus Harnoncourt / mit Werner Hollweg (Einstein), Edita Gruberova (Rosalinde), Christian Boesch (Frank), Marjana Lipovšek (Orlofsky), Josef Protschka (Alfred) und Barbara Bonney (Adele) / erschienen bei TELDEC / EAN: 022924242724