[Rezension] Agatha Christie – UND DANN GAB’S KEINES MEHR

Das in unserer heutigen verrückten Welt, wo Worte plötzlich eine neue Bedeutung erhalten und von Menschen für ihre niederen Zwecke missbraucht werden, literarische Werke neu überdacht werden, finde ich wichtig und richtig. Doch ich möchte auch auf folgendes hinweisen: Ich habe VOM WINDE VERWEHT gelesen und bin kein Rassist geworden. Ich habe mich als Kind über Pippi Langstrumpf und ihrem Vater, dem Negerkönig in Taka-Tuka-Land amüsiert und bin kein Rassist geworden. Ich habe auch Agatha Christies Krimi UND DANN GAB’S KEINES MEHR, in dem der alte Kindereim „Zehn kleine Negerlein“ eine entscheidende Rolle spielt, mit Freude gelesen und bin kein Rassist geworden. Kein Mensch wird ein Rassist, weil er diese Bücher gelesen hat. Ein Mensch wird ein Rassist, weil er in seinem gestörten Weltbild eine verabscheuungswürdige Ideologie verinnerlicht hat und somit zu großmütigen Gesten wie Toleranz und Menschlichkeit, die wichtige Säulen unserer Gesellschaft sind, nicht fähig ist.

So bin ich der Meinung, dass Bücher immer vor dem Kontext ihrer zeitlichen Entstehung gelesen werden sollten. Vor 96 Jahren, als dieser Roman entstand, galt ein anderes Gesellschaftsbild: Auch Agatha Christie war ein Kind ihrer Zeit und spiegelte in ihren Romanen das wieder, was die frühere Gesellschaft ihr präsentierte. Autor*innen, die ihre Werke unter dem Einfluss der damaligen Zeit verfassten, aus heutiger Sicht Antisemitismus bzw. Rassismus vorzuwerfen, halte ich für unangebracht. Ich verstehe mich als mündigen Leser und glaube einen Text auch dementsprechend einordnen zu können.

Schon häufig habe ich Rezensionen gelesen, in denen mit einem Aufschrei der Empörung darauf hingewiesen wurde, dass gewisse Formulierungen in der heutigen Zeit so nicht mehr „politically correct“ sind. Und ich gebe den Verfasser*innen dieser Rezensionen Recht – wenn es sich dabei um aktuelle Werke lebender Autor*innen handelt.

Doch auch bei älteren Werken spricht nichts gegen eine Neuübersetzung, wenn diese nicht mit einer sprachlichen Glättung bzw. inhaltlichen Verfälschung einhergeht. Und damit bin ich (endlich) beim Grund dieser Rezension angekommen: Bei der brillanten Kriminalgeschichte aus der Feder einer ebenso brillanten Autorin…

Zehn Männer und Frauen aus ganz unterschiedlichen Kreisen bekommen eine Einladung, die sie auf eine abgeschiedene Insel vor der Küste Devons lockt. Der Gastgeber, ein gewisser U.N. Owen, bleibt unsichtbar. Erst als die Gesellschaft beim Dinner zusammensitzt, ertönt seine Stimme aus einem alten Grammophon und verheißt Unheil. Ein Gast nach dem anderen kommt zu Tode, während die Verbleibenden verzweifelt versuchen, den Mörder zu enttarnen…

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Was soll/kann ich über diesen absoluten Klassiker der Kriminalliteratur noch sagen, was nicht schon tausendfach publiziert wurde? Natürlich könnte auch ich zeilenlang über den raffinierten Aufbau der Geschichte, die gelungene Charakterisierung der Figuren und die geschliffenen Dialogen schwadronieren. Zudem könnte ich mich huldvoll äußern, dass ich es durchaus nachvollziehbar finde, dass dieses Werk zu den meistverkauften Kriminalromanen aller Zeiten zählt. Dies alles (und noch viel mehr) könnte ich schreiben. Doch wozu? Vielmehr möchte ich mein Augenmerk den beiden mir vorliegenden Übersetzungen schenken.

Bei der früheren Fassung des Romans in der Übersetzung von Sabine Deitmer, die im Fischer-Verlag erschien, war folgende Anmerkung des Verlages zu lesen: Leider ließen sich im Text dieses Buches Bezeichnungen wie „Nigger Island“ und „Zehn kleine Negerlein“ nicht vermeiden, da Agatha Christie den ganzen Roman auf dem Kinderreim von Frank Green aus dem Jahre 1869 aufgebaut hat […]. Diese Bezeichnungen zu ändern würde bedeuten, das Buch völlig unverständlich zu machen. Wir bitten daher um Verständnis für Bezeichnungen, die heute diskriminierend wirken, was weder von der Autorin noch vom Verlag beabsichtigt war. Und so war ich sehr neugierig, wie Eva Bonné dieses „Problem“ in ihrer Neuübersetzung lösen würde.

Wie gekonnt Eva Bonné die bereits erwähnten Bezeichnungen entschärft, ohne den Ablauf der Geschichte zu verfälschen, verdient meinen Respekt. Aus „Nigger Island“ wird „Soldier Island“, und der bekannte Kinderreim wird so raffiniert zu „Zehn kleine Kriegerlein“ umgedichtet, dass er sich passgenau an den Ablauf der Handlung anschmiegt. Zudem passt dieser Kniff auch in die damalige Zeit, in der die Geschichte spielt: Der Roman erschien im Jahre 1939, und der Beginn des zweiten Weltkrieges warf schon dunkle Schatten.

Sowohl Sabine Deitmer wie auch Eva Bonné haben vorzügliche Arbeit geleistet. Ihre Übersetzungen befinden sich auf einem ähnlich hohen Niveau. Alle, die ein altes Exemplar aus dem Fischer-Verlag ihr Eigen nennen, müssten somit nicht zwingend die Neu-Auflage aus dem Atlantik-Verlag erwerben.

Doch für mich ist es immer eine Freude, zwei Versionen einer Geschichte zu besitzen und sie so miteinander vergleichen zu dürfen – vor allem, wenn ich spüre, dass (wie im vorliegenden Fall) ein wunderbarer Klassiker der Kriminalliteratur liebevoll behandelt und mit Respekt bedacht wurde.


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455016949 / in der Übersetzung von Eva Bonné

[Rezension] Andrea Tuschka – STILLE POST/ mit Illustrationen von Rebekka Stelbrink

Ein neues Jahr hat begonnen: Wenn ich auf meine ersten Rezension in einem Neuen Jahr zurückblicke, dann hat sich in den letzten Jahren beinah so etwas wie eine kleine Tradition entwickelt. Nur allzu gerne bin ich ins Jahr mit der Rezension eines Bilderbuches gestartet. Warum sollte ich also in diesem Jahr mit dieser schönen Tradition brechen?! 😊

Bär und Maus sind beste Freunde. Eines schönen Tages aber streiten sie sich fürchterlich. Aus lauter Wut, weil der Bär einfach zornig nach Hause gegangen ist, lässt die Maus ihm ausrichten, dass sie ihn nie wieder sehen will! Doch die Nachricht, die bis zur Bärenhöhle am Berggipfel überbracht werden sollte, kommt, weitergenuschelt und -gemurmelt, schließlich so ganz anders an als geplant. Was für ein Glück für Maus und Bär! Inzwischen tut es den zerstrittenen Freunden nämlich ganz schrecklich leid und sie vermissen sich sehr. Der Versöhnung steht nichts mehr im Weg.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Wie gerne haben wir als Kinder „Stille Post“ gespielt und uns dabei gar köstlich amüsiert, wenn am Ende etwas völlig anderes, wenn nicht sogar wahnwitziges herauskam, als das, was die ursprüngliche Nachricht war. Als Kinderspiel völlig harmlos kann diese Vorgehensweise im Alltag etliche Tücken beinhalten. Kommunikation zwischen zwei Personen funktioniert am besten auf dem direkten Wege. Eine Bitte wie „Richte XY bitte aus, dass…!“ an einen Dritten birgt zwangsläufig die Gefahr, dass Fehler in der Übermittlung passieren. Dabei unterstelle ich dem Überbringer der Nachricht noch nicht einmal Böswilligkeit. Viel zu viele Faktoren spielen dabei eine Rolle, die Einfluss auf unsere Wahrnehmung nehmen.


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So ergeht es auch all den Tieren in Andrea Tuschkas charmanter Geschichte, die alle ihr Bestes geben, die Nachricht der Maus korrekt an den Bären weiterzuleiten. Doch wie im wahren Leben gerät der gute Wille ins Straucheln, und heraus kommt eine ganz andere Nachricht. Zum Glück, denn sonst wären unsere beiden Held*innen wahrscheinlich immer noch zerstritten, und das wäre doch zu schade, oder? So ganz nebenbei vermittelt die Autorin ihren jungen Leser*innen, wie Kommunikation funktionieren sollte: respektvoll und auf dem direkten Weg. Auch zeigt sie mit der Wahl ihrer Held*innen (Maus und Bär), dass sich eine Freundschaft völlig unabhängig von der Herkunft entwickeln kann und auch stark genug ist, um eine Meinungsverschiedenheit zu überstehen.

Rebekka Stelbrink hat diese Geschichte nicht einfach „nur“ illustriert: Vielmehr hat sie zu Pinsel, Schere, Papier, Stifte, Aquarell- und Acrylfarbe gegriffen, um daraus – ganz analog – Papiercollagen zu kreieren. Äußert filigran und mit viel Liebe und Geduld ließ sie so die Welt rund um Maus und Bär entstehen. Dabei erschuf sie dreidimensionale Welten, die mich mit vielen witzigen Details begeisterten und amüsierten: Da schlummern die Eulen in ihrer Baumhöhle, hinter einem Strauch lugt der Schwanz des Fuchses hervor, im Fluss tummeln sich die Fisch zwischen dem Farn, und der Waschbär hängt seine frischgewaschene Wäsche auf. Doch ihr besonderes Augenmerk legte die Künstlerin auf unsere beiden Hauptprotagonist*innen, die ihr absolut entzückend gelungen sind und eine ansteckende Positivität ausstrahlen. In ihrer Farbgebung blieb sie wohltuend dezent natürlich und zeigt trotzdem eine immense Variationsbreite.

Ein gutes Bilderbuch vermittelt seine Botschaft(en) nie plakativ. Vielmehr ermöglicht es seinen jungen Leser*innen, sich der Geschichte auf verschiedenen Ebenen anzunähern und bietet ihnen somit Raum für Phantasie und Interpretation. Andrea Tuschka und Rebekka Stelbrink ist dies bei ihrer entzückenden Geschichte STILLE POST gar vortrefflich gelungen.


erschienen bei Bohem / ISBN: 978-3959392358
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Neues Jahr, neues Glück, neue Ideen,…

…neue Vorsätze?

Gute Vorsätze für das Neue Jahr: Oje, hat es irgendwann bei irgendjemanden schon einmal geklappt? Wer jetzt „Ja, bei mir!“ ruft, sagt entweder die Unwahrheit oder ist abstoßend konsequent. 😆

Nein, Vorsätze mache ich mir schon lange nicht mehr. Nötige Veränderungen in meinem Leben setzte ich zu dem Zeitpunkt um, wo sie nötig erscheinen (und dann sind es keine Vorsätze mehr), und dazu benötige ich sicherlich keinen festen Termin, da dies jederzeit passieren könnte. Ich schreibe bewusst „könnte“, da ich definitiv unter keinen Umständen „abstoßend konsequent“ erscheinen möchte. 😉

Darum gibt es bei mir auf meinem Blog auch schon seit ein paar Jahren keinen literarischen Ausblick ins Neue Jahr: Da hatte ich in der Vergangenheit gerne recht vollmundig angekündigt, welche Bücher ich im Neuen Jahr unbedingt lesen werde. Dann entdeckte ich spätestens im Februar einige interessante Romane, die sich zu lesen lohnten und meine sorgfältig arrangierte Planung ins Straucheln brachten. Somit kann ich euch auch diesbezüglich nichts anbieten.

Doch aus welchem Grund sollte ich dann direkt am 1. Januar eine Neujahrsansprache veröffentlichen? Liegt es nicht auf der Hand? Ihr seid mir Grund genug:

Ich danke Euch für Eure Treue und Verbundenheit,
für all die mutmachenden Worte, die kollegiale Unterstützung
und das respektvolle Miteinander im vergangenen Jahr,

und ich wünsche Euch von ganzem Herzen
ein friedvolles, gesundes und glückliches
NEUES JAHR!
💖

Liebe Grüße
Andreas

LESE-HIGHLIGHTS 2024…

Altes Jahr vergeht.
Wange in die Hand gestützt,
blicke ich ihm nach.

Chô-i

So wie der japanische Dichter Chô-i es zwar knapp aber treffend schon vor hunderten von Jahren beschrieben hatte, erging es mir beim Schreiben dieses Beitrags.

Ich schaue auf das Jahr 2024 mit gemischten Gefühlen: Da gab es so manche Krisen bzw. krankheitsbedingte Rückschläge, die mich zum Nachdenken zwingen… (Nein! Ich werde nicht gezwungen. Vielmehr werde ich aufgefordert.) …die mich zum Nachdenken auffordern. Ich empfinde es wahrlich nicht als Zwang. Ich sehe es vielmehr als Chance! Im Neuen Jahr wird es Veränderungen geben: Wie und in welchem Umfang wird sich noch entscheiden. Um langfristig gesund zu bleiben, sollte sich in meinem Leben allerdings einiges ändern.

Doch natürlich gab es nicht nur Krisen: Gottlob wurde ich mit vielen Glücksmomenten – kleinen wie größeren – beschenkt. Ich durfte viel Qualitätszeit mit meinen Herzensmenschen verbringen, erlebte etliche inspirierende Stunden im Theater und Konzert und las einige wunderbare Bücher.

Diese Aspekte meines Lebens werde ich ganz sicher nicht ändern!

Bei der Auswahl der Bücher bin ich mir gänzlich treu geblieben. Die Zeiten, in denen ich dachte, ich müsste hier mit der Vorstellung intellektuell herausfordernder Literatur meine Follower*innen beeindrucken, sind längst passé. Ich lese, was mir gefällt – unabhängig vom Alter des Werkes bzw. für welches Lesealter es ursprünglich vorgesehen war. Es gibt für mich nur eine einzige Voraussetzung: Ich möchte mich unterhalten fühlen!

Und hier sind sie nun endlich, meine Lese-Highlights des Jahres 2024…


Lese-Highlights 2024 - Buchcover


  • Ende Februar wurde der 125. Geburtstag von Erich Kästner gefeiert. Und auch ich ließ es mir nicht nehmen, diesen großartigen Romancier – neben einer kleinen RETROSPEKTIVE – mit Rezensionen zu DAS MÄRCHEN VOM GLÜCK und DAS MÄRCHEN VON DER VERNUFT zu gratulieren. Beide Bücher wurden phantasievoll von Ulrike Möltgen illustriert.
  • Im März tat ich etwas, was längst überfällig war: Es war mir eine große Freude, Heinrich Spoerls „Loblied auf die Schule“ DIE FEUERZANGENBOWLE zu lesen.
  • Ebenfalls im März begeisterte mit Kathrin Aehnlich mit ihrem Roman DER KÖNIG VON LINDEWITZ. Immer wieder schafft sie es, den Menschen im Osten unsere Landes eine Stimme zu geben.
  • Im April hielt ich dann das wunderbare Lese- und Bilderbuch FESTE DER WELT mit den Texten von Joanna Kończak in den Händen, das von Ewa Poklewska-Koziełło ebenso wunderbar illustriert wurde.
  • Der Mai bescherte mir mit DER TWYFORD-CODE von Janice Hallett einen ganz ungewöhnlichen Roman, der komplett aus Transkriptionen von Audiodateien bestand. Spannend!
  • Absolut Entzückendes erwartete mich im August mit SO ZÄRTLICH WAR SULEYKEN von Siegfried Lenz. Dieses kleine ostpreußische Dorf im Masurenland mit seinen liebenswert-kauzigen Menschen war mir schnell ans Herz gewachsen.
  • Im September feierte auch ich den Weltkindertag: Grund genug mich mit MEIN GROSSER MÄRCHENSCHATZ. Das Original aus den 70ern der Brüder Grimm auf eine kleine Zeitreise in meine eigene Kindheit zu begeben.
  • Der September überraschte mich auch mit dem Erzählband MÖCHTE DIE WITWE ANGESPROCHEN WERDEN, PLATZIERT SIE AUF DEM GRAB DIE GIESSKANNE MIT DEM AUSGUSS NACH VORN von Saša Stanišić, das mich so sehr begeistern konnte.
  • Im Oktober wurde es schaurig-schön mit DAS PHANTOM DER OPER von Gaston Leroux in der überzeugenden Neu-Übersetzung Rainer Moritz.
  • Der Oktober blieb weiter spannend, da ich mit Sasha Filipenko und seinem Krimi  DER SCHATTEN EINER OFFENEN TÜR einen sehr interessanten Autor entdeckte.
  • Ende November geschah ein kleines Wunder, das mich selbst überraschte: Mit Agatha Christies HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN von Isabelle Bottier (Text) und Callixte (Illustrationen) konnte mich endlich eine Graphic Novel überzeugen.
  • Im Dezember wurde es humorvoll-besinnlich mit den entzückenden Geschichten wie DER GESTOHLENE WEIHNACHTSBAUM von Hans Fallada, zu denen Ulrike Möltgen (wie schon bereits bei Erich Kästner) ihre zauberhaften Illustrationen beisteuerte.

…und das war er wieder, mein Lese-Rückblick auf das Jahr 2024, das wir in wenigen Tagen ad acta legen können. Da bleibt mir nur noch eins:

Ich wünsche Euch einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2025!

Liebe Grüße
Andreas

[Noch ein Gedicht…] Hedwig Lachmann – CHRISTNACHT

Es steht ein Stern verloren
hoch über einem Haus;
drin ist ein Kind geboren:
Ein Licht geht von ihm aus.

Von wenigen vernommen,
tönt eine Botschaft fern:
Die Weisen und die Frommen
verkünden jenen Stern.

Da lauschen alle Ohren,
zu denen Kunde dringt:
Wo ist der Mensch geboren,
der mir Erlösung bringt?

Die Stätte zu betreten,
welch Weges muss ich zieh’n?
Das Wunder anzubeten,
wo gläubig niederknien?

Hedwig Lachmann

[Rezension] Charles Dickens – EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE/ mit Illustrationen von Lisa Aisato

Es ist wohl eine der bekanntesten und beliebtesten Geschichten der Welt: Charles Dickens A CHRISTMAS CAROL. Darum wäre es für mich auch müßig, überhaupt auch nur ein Wort zu diesem Klassiker der Weltliteratur zu verlieren. Ebenso müßig ist es hierbei, der jeweiligen Übersetzung übermäßig Aufmerksamkeit zu schenken, da alle Übersetzer*innen eine großartige Arbeit geleistet haben. Oftmals sind es nur Nuancen, die für mich ausschlaggebend sind, welche Fassung mir als Vor-Leser geschmeidiger über die Lippen kommt. Da die mir vorliegenden Übersetzungen alle auf einem ähnlich hohen Niveau sind, wäre ich allerdings als „purer“ Leser nicht fähig, einen Favoriten zu küren. Da empfinde ich die unterschiedliche Benennung des Titels schon verwirrender: Neben EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE taucht auch EIN WEIHNACHTSMÄRCHEN und EIN WEIHNACHTSLIED als Titel ein und derselben Geschichte auf.

Also erlaube ich mir, mein Augenmerk auf die optische Umsetzung zu legen. Zumal ich bereits zwei Mal das Vergnügen hatte, eine illustrierte Fassung rezensieren zu dürfen. Während ich bei Lisbeth Zwergers Illustrationen die schlichte Zurückhaltung schätze, begeistern mich die Bilder von Patrick James Lynch mit ihrer atmosphärischen Detailgenauigkeit.


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Für die Illustration der vorliegenden Fassung war nun die norwegische Künstlerin Lisa Aisato verantwortlich. Wie ihre beiden Vorgänger*innen konnte auch sie mich dank ihres sehr eigenen Stils vollkommen überzeugen.

Sie schuf wahre Kunstwerke: detailreich, phantasievoll, sphärisch.

Ihre Figuren gefallen durch einen ironisierenden Realismus. Ihre Physiognomie erscheint etwas überhöht, gefällt aber durch Skurrilität und einer liebevollen Kauzigkeit. Es sind Charakterköpfe, die ich im klassischen Sinne nicht als schön bezeichnen würde. Dafür lässt sie die Gesichter „sprechen“: Die Empfindungen sind den Figuren ins Gesicht geschrieben, und Lisa Aisato zeigt kunstvoll, wie sich die Mimik durch die unterschiedlichen Gefühlsregungen verändert. Besonders eindrucksvoll empfand ich die Veränderung von Scrooges Gesicht zu Beginn der Geschichte im Vergleich zum Ende: Ein Lächeln bewirkt wahre Wunder!

Doch auch das Setting, in dem unsere Held*innen agieren, gestaltete sie atmosphärisch dicht mit einem Touch in Richtung Aquarell, der die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit fließend erscheinen ließ. Dabei wählt sie interessante Perspektiven und einen abwechslungsreichen Bildaufbau.

Welcher illustrierten Fassung würde ich nun den Vorrang geben? Ich kann es nicht sagen! Eine Entscheidung fiele mir schwer. Jede Künstlerin und jeder Künstler hat eine sehr persönliche Handschrift und eröffnet mir so immer wieder neue und überraschende Blickwinkel auf eine Geschichte, die ich so sehr liebe.

Umso schöner ist es, dass ich mich nicht entscheiden muss!


erschienen bei Woow Books / ISBN: 978-3039670024 / in der Übersetzung von Gabriele Haefs

[Noch ein Gedicht…] Matthias Claudius – LIED IM ADVENT

Immer ein Lichtlein mehr
im Kranz, den wir gewunden,
dass er leuchte uns sehr
durch die dunklen Stunden.

Zwei und drei und dann vier!
Rund um den Kranz welch ein Schimmer,
und so leuchten auch wir,
und so leuchtet das Zimmer.

Und so leuchtet die Welt
langsam der Weihnacht entgegen.
Und der in Händen sie hält,
weiß um den Segen!

Matthias Claudius