[Rezension] Clemens Dreyer – Touristisch für Anfänger: Die wichtigste Sprache der Hauptsaison

Passend zum Ferienbeginn in Niedersachsen und der damit verbundenen Völkerwanderung möchte ich Euch einen besonderen humoristischen Schmankerl der Reiselektüre nicht vorenthalten:

Liebe*r Urlaubsfetischist*in,

hier eine kleine Übung für Sie – eine Lernzielkontrolle sozusagen, um zu überprüfen, ob Sie Ihren Sprachkurs „Touristisch für Anfänger“ konzentriert durchgearbeitet und die wichtigsten Lektionen verstanden haben.

Hintergrund: Ich befinde mich auf dem hellen und freundlichen Balkon meines Hotelzimmers, der zur Meerseite gelegen ist, und habe meinen Allerwertesten auf eine Komfort-Sitzgelegenheit, die ich am frühen Morgen durch das Auslegen eines Handtuchs für mich reserviert haben, platziert. Während ich an einer Tasse gefüllt mit einem landestypischen Getränk nippe, lese ich im o.g. Sprachkurs und kann partout natürliche akustische Emissionen nicht verhindern. Kann der sich dadurch gestört fühlende Nachbar vom Nebenbalkon zu Recht klagen, oder muss er dies als „Allgemeines Lebensrisiko“ hinnehmen?

Na, alles verstanden? Nein! Dann müssen Sie DRINGEND diesen Sprachkurs wiederholen.

Woher sollten Sie sonst wissen,…

  • …dass ein Süßwasser-Swimmingpool auch für Diabetiker geeignet ist,
  • …dass Sie die Pooltiefe an der Rötung des Wassers erkennen,
  • …dass Sie an der Rezeption Ihres Hotels gefahrlos SM mit HP oder OV buchen können.

Und obwohl die Hotels schon nach der DEHOGA kategorisiert sind, sollten auch Urlaubsreisen einen Warnaufkleber erhalten – wie Zigaretten und Medikamente:

„Verreisen ist gesundheitsschädlich und kann zu Impotenz führen!“

oder

„Zu Risiken und Nebenwirkungen essen Sie die Packungsbeilage oder tragen ihren Arzt zum Apotheker!“

Na, denn: BON VOYAGE!


erschienen bei Langenscheidt/ ISBN: 978-3468738258

MONTAGSFRAGE #42: Buch mit Notiz?

Tja, zu dieser Frage werden die Antworten der Bücherfreunde in der Community sicherlich sehr konträr ausfallen. Für die einen kommt es einem Sakrileg gleich, den Stift anzusetzen, um die Seiten eines Buches zu beschriften. Die anderen tun dies mit Freude, um eigene Gedanken zum Gelesenen festzuhalten und sich und der Nachwelt zu erhalten.

Und wie stehe ich dazu? Ich würde mich tendenziell eher zur erstgenannten Kategorie zählen. Meine Bücher sind mir heilig! Da gibt es keine Eselsohren, Knicke im Schutzumschlag oder schiefgelesene Buchrücken – und natürlich auch keine Randnotizen. Dafür sind sie mir zu sehr lieb & teuer (in Emotionen und Euronen gemessen). Zudem mache ich mir beim Lesen nie solche tiefschürfenden Gedanken, die es wert wären, festgehalten zu werden. Vielleicht lese ich aber auch nur die falschen Bücher, oder ich lese zwar die richtigen Bücher, aber in meinem Kopf…(?): Darüber sollte ich mal nachdenken! (Grübel!)

Aber auch bei mir bestätigt die vielzitierte Ausnahme die Regel: Zur Vorbereitung auf eine Lesung greife auch ich zum weichen (!) Bleistift, um mir am Rand eines Textes Notizen zu machen. Dabei gleicht dieser Text eher dem Textbuch eines Schauspielers: Im Laufe der Jahre als Vor-Leser habe ich für mich ganz individuelle Abkürzungen und Zeichen entwickelt, um so während des Vortrags blitzschnell zu erkennen, was gemeint ist. Da wird der Stimmungswechsel ebenso notiert, wie ein theatralisches Seufzen. Für die wohlüberlegte Pause findet sich ebenso ein Zeichen, wie für kleine Regieanweisungen (Gestik, Mimik). Evtl. stelle ich auch einzelne Sätze leicht um, da sie dann natürlicher und somit flüssiger über meine Lippen kommen.

So feile ich recht detailliert an der Betonung und am Ausdruck meines Vortrages. Und dazu brauche ich die hilfreichen Zeichen am Textrand, die ich dort mit einem weichen (!) Bleistift hinterlasse mit der Option, sie rückstandsfrei unter Zuhilfenahme eines Radiergummis wieder entfernen zu können. (Was bisher noch nie passiert ist: Es könnte ja sein, dass ich diesen Text irgendwann irgendwo nochmals vortragen werde!)

…und zu welcher Kategorie würdet Ihr Euch zählen: „Ästhet der jungfräulichen Seiten“ oder „Bleistift-Anarchist“???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Bernard Villiot – Mephisto/ mit Illustrationen von Antoine Guilloppé

Der Kater Mephisto lebt gezwungenermaßen als Einzelgänger in der großen Stadt. Aufgrund seines tiefschwarzen Fells und seiner als unheimlich wahrgenommenen Aura wird er sowohl von seinen Artgenossen wie auch von den Menschen nicht nur gemieden sondern auch immer wieder verjagt. Mephisto sehnt sich nach einem ruhigen Leben und hofft, dieses in der Abgeschiedenheit auf dem Land zu finden. Die Wochen ziehen voller Ruhe ins Land bis der Winter anbricht und Mephisto beschließt, wieder in die schützende Stadt zu wandern. Dort erlebt er eine Überraschung: Freudig wird er von den Menschen begrüßt! Seit seinem Weggang hat sich die Mäuse- und Ratten-Population immens erhöht, und die verwöhnten Hauskatzen waren nicht in der Lage, dieser Plage Herr zu werden. Nur ein versierter Jäger wie Mephisto kann Abhilfe schaffen…!

Tja, was nun? Ich suche nach den passenden Worten, aber kurz ausgedrückt kann ich sagen „Ich bin enttäuscht!“

Dabei haben mir die „Scherenschnitt“-Illustrationen von Antoine Guilloppé sehr gut gefallen: Sie wirken in ihrer Retro-Optik wie etwas aus der Zeit gefallen, verströmen trotz (oder: aufgrund?) dieser Schlichtheit sehr viel Atmosphäre und lösen beim Betrachter genau die Gefühle aus, die für die Handlung wichtig sind. So wirken sie mal bedrohlich, dann wieder witzig, um beim nächsten Bild sehr poetisch zu sein.

So liegt mein größter Kritikpunkt bei der Handlung. In den Texten meldet sich Mephisto als Ich-Erzähler zu Wort und charakterisieren mit ihren philosophisch anmutenden Zeilen recht gut das Wesen dieses einsamen und auch traumatisierten Katers. Doch ich habe immer auf eine besondere Wendung, auf eine positive Botschaft gewartet. Leider wurde ich enttäuscht: Findet Mephisto eine Heimat, und wird er akzeptiert oder gar um seiner selbst geliebt? Nein! – Das „Happy End“ interpretiere ich wie folgt: Er wird am Ende der Geschichte nur geduldet, weil er den Menschen von Nutzen ist, da die eigenen fetten und verwöhnten Hauskatzen außer Stande sind, seinen „Job“ zu erledigen. Es findet kein Umdenken statt – weder bei den Artgenossen noch bei den Menschen. Wenn dies wirklich die Intention des Autors war, dann empfinde ich es als eine äußerst fragwürdige Botschaft – zumal hier überdies die Flüchtlingsthematik angedeutet wurde.

Dieses Kinderbuch werde ich mir leider nicht gemeinsam mit dem besten Patenkind der Welt ansehen! Schade!


erschienen bei michael neugebauer edition/ ISBN: 978-3865663962

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Gil Ribeiro – Lost in Fuseta: Ein Portugal-Krimi

Es ist Pfingstsonntag: Nachdem es am Tag zuvor gestürmt hat, und das Wetter sich nicht zwischen Sonne und Schauern entscheiden konnte, zeigt sich dieser Tag mit angenehmen 27°C und sanftem Sonnenschein. Ich sitze auf dem Balkon, schlürfe meinen Kaffee und vertiefe mich zum wiederholten Mal in diesen Kriminalroman. Mein Kater liegt schläfrig mir zu Füßen auf den kühlenden Steinfliesen, während meine Gedanken sich auf den Weg in Richtung Portugal begeben.

Fuseta: ein kleiner Ort im Süden von Portugal direkt an der Küste der Algarve. Hier verschlägt es Inspektor Leander Lost aus Hamburg im Rahmen eines internationalen Austauschprogramms für Polizisten. Während er dies als Auszeichnung sieht, erkennen die beiden portugiesischen Inspektoren Graciana Rosado und Carlos Esteves schnell, dass die deutschen Kollegen das Austauschprogramm „missbraucht“ haben, um sich eines äußerst speziellen Mitarbeiters zu entledigen. Leander Lost leidet am Asberger-Syndrom, einer Form von Autismus: Soziale Interaktionen fallen ihm schwer, zum Lügen ist er nicht in der Lage, und Ironie kann er nicht deuten, da er jedes gesprochene Wort für „bare Münze“ nimmt. Dafür verfügt er über außerordentliche Inselbegabungen. Zwangsläufig eckt er mit dieser „Wunderlichkeit“ bei seinen neuen Kollegen an und provoziert so manche heikle Situation im aktuellen Fall: Ein Privatdetektiv wird tot aufgefunden. Oberflächlich betrachtet scheint es ein Unfall zu sein. Bei der routinemäßigen Überprüfung der Büroräume des Detektivs scheucht das ungleiche Ermittler-Trio einen Verdächtigen auf, der, nachdem er Graciana bewusstlos geschlagen und das Büro in Brand gesetzt hat, Carlos als Geisel nimmt. Um das Leben der beiden portugiesischen Inspektoren nicht zu gefährden, schießt Leander Lost seinem neuen Kollegen Carlos ins Bein…!

So saß ich nun auf dem sommerlichen Balkon, ließ mich in die Handlung dieses leichten Krimis fallen und fühlte mich dabei äußerst wohl. Denn nichts anderes ist dem Autor Gil Ribeiro gelungen: ein angenehm kurzweiliger Sommerkrimi mit einer wohldosierten Mischung aus Humor und Spannung, der mich mit seiner originellen Charakterisierung der Protagonisten unterhielt. Überraschend gut passen die einzelnen Komponenten zueinander: Lost wirkt weniger wie ein Fremdkörper in der flirrenden Hitze am Mittelmeer, vielmehr scheint er hier dank der mediterranen Gelassenheit seiner Mitmenschen eine Heimat gefunden zu haben.

Er ist Teil eines Teams von Individuen, in der auch ein spezieller Typ wie er seinen Platz finden kann. Diese Gelassenheit scheint im Lebensgefühl der Portugiesen begründet zu sein. Immer wieder lässt Ribeiro Themen wie Familie, Freundschaft und Kollegialität anklingen. Sie dienen als Anker im gesellschaftlichen Gefüge. Emotionale bzw. sentimentale Szenen versteht Ribeiro durch eine pragmatische Äußerung von Lost humorvoll aufzulösen. Dabei wird er mit seiner Behinderung nicht vorgeführt sondern vom Autor mit Respekt behandelt.

Gil Ribeiro ist mit „Lost in Fuseta“ ein unterhaltsamer Auftakt für diese Krimireihe gelungen.


erschienen bei Kiepenheuer & Witsch/ ISBN: 978-3462051629

 

MONTAGSFRAGE #41: Hardcover oder Taschenbuch?

HARDCOVER!

So, Frage beantwortet: Mehr ist bei diesen Außentemperaturen und meinem Z. n. Frühdienst auch nicht möglich…!

Wie bitte? Ihr wollt auch eine Begründung hören?

WEIL ES EINFACH SCHÖNER IST!

So, nun bin ich aber fertig…!

Was soll das bedeuten, diese Antwort reicht Euch nicht?

???

Okay, dann eben eine Antwort in epischer Breite, aber denkt bitte daran: Während Ihr meine Antwort bei (gefühlten) 35°C im Schatten noch lesen müsst, habe ich meinen Soll (=Beantwortung der Frage) schon längst erfüllt, tauche meine Füße in eine Wanne mit eisgekühltem Wasser und schließe meine Hände um ein ebensolches Getränk. Aber Ihr habt es ja so gewollt…!

Wenn ich die Wahl habe, dann greife ich bei einem literarischen Werk deutlich lieber und öfter nach der Hardcover-Variante. Hardcover ist wertiger verarbeitet in Bezug auf die Papier- und Druck-Qualität, sieht mit seinem Leinen-Einband, Lesebändchen und dem Schutzumschlag edler aus, liegt besser in meiner Hand und bietet mir somit auch haptisch das größere Vergnügen. Zudem empfinde ich bei seinem Anblick in meinem Bücherregal die befriedigende Freude des Jägers und Sammlers (mein Auto, mein Haus, mein Hardcover) und präsentiere sie – selbstverständlich wie zufällig – gerne meinem Besuch mit der unausgesprochenen Botschaft „Schaut her! Ich kann es mir leisten!“.

Wobei mir die (überschaubaren) Nachteile gegenüber der Taschenbuch-Ausgabe durchaus bewusst sind: Mal abgesehen von den höheren Anschaffungskosten ist die Hardcover-Version deutlich schwerer und nimmt mehr Platz im Bücherregal ein. Dafür sehen Taschenbücher häufig schon nach dem ersten Lesen wie „hingeschlunzt“ aus: Der Buchrücken biegt sich zusammen wie eine in der Sonne vergessene Scheibe Mortadella gen Himmel. Das Papier überrascht mit einem solch intensiven „Duft“, dass ich lieber an einer Flasche Klebstoff schnüffeln würde und bekommt zudem recht schnell einen dunkleren Farbton „dank“ Sonnenbestrahlung. Das Cover zieren recht schnell unschöne Abstoßungen und Knicke.

Und dieser neumodische Kram mit Namen „Softcover“ ist für mich keine mögliche Alternative zum Hardcover: Das ist doch nix Halbes und nix Ganzes! Wenn ich ein solches Exemplar in der Buchhandlung meines Vertrauens zu Gesicht bekomme, verspüre ich den Impuls, ihm zuzurufen „Na, was willst Du denn mal werden, wenn du groß bist?“, um ihm dann – in Gedanken – in seine nichtvorhandene Wange zu kneifen…!

Darum gibt es auf diese Frage nur eine mögliche Antwort für mich:

HARDCOVER!

…und welche gedruckte Form präferiert Ihr???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Rezension] Ria Neumann – Flugangst und Regenträume

Wie schon häufig erwähnt, stellt jede Lesung für mich eine Herausforderung dar: In diesem Fall war ich allerdings im besonderen Maße gefordert.

Auf Bitte der Autorin Ria Neumann hatte ich im Rahmen einer privaten Lesung anlässlich des Erscheinens ihres neusten Buches „Flugangst und Regenträume“ die Geschichte „Zulassen“ vorgetragen. 45 Minuten lang entführte ich die Zuhörer in die Gefühlswelt einer älteren Frau – zwischen Selbstmitleid und Hoffnung, zwischen Vorwürfen und leisem Humor, zwischen Trauern um die Vergangenheit und Sehnen nach der Zukunft.

Bei dieser anspruchsvollen Geschichte war es mir einerseits wichtig, dass ich die wechselnden Stimm(ung)en herausarbeite, andererseits ihr eine positive Leichtigkeit gebe und somit nicht als „Depri“-Stück diskreditiere.

Ob mir dies gelungen war? Direkt nach der Lesung war die Autorin nicht fähig, mir ein Feedback zu geben: Nachdem sie sehr konzentriert meinem Vortrag gelauscht hatte, schienen wechselnde Gefühle in ihr zu toben. Später gestand sie mir ein, dass es ihr sehr schwer fiel, ihrer Geschichte durch einen anderen Leser zu lauschen. Zudem hätte es sie erstaunt, wo ich meine Schwerpunkte setzte, und wie ich manche Passagen interpretierte. Dadurch hätte ihre Geschichte eine weitere Perspektive erhalten. Ihr Fazit: Mein Vortrag wäre wundervoll gewesen!


„Kurzgeschichten von der Lust und der Last des Lassens“ lautet der Untertitel dieses kleinen, feinen Buches: Auch die anderen Kurz-Geschichten handeln von Menschen, die sich alle in ihrem Leben  nicht für etwas oder jemanden entschieden haben, und über dieses „Lassen“ entweder erleichtert sind oder mit dieser verpassten Chance hadern.

Aber dieses „Lassen“ birgt auch Interpretationsmöglichkeiten in die gegensätzliche Richtung: Einige Protagonist*innen in den Geschichten hätte es mal lieber ge-lassen. Aber das „Nein!“-sagen scheint manchmal schier unmöglich, wenn der/das Gegenüber zu übermächtig wirkt.

Ria Neumann macht es sich und ihren Leser*innen nicht leicht: Manches bleibt in ihren Geschichten bewusst vage, bleibt unausgesprochen in der Schwebe und fordert zur Interpretation auf. Auch sind die Deutungsmöglichkeiten je nach eigenem Erfahrungsschatz vielfältig und regen zur Kontroverse an. Ihre Sätze sind fein und wohlüberlegt konstruiert: Kein Verb ist zu wenig, kein Adjektiv ist zu viel. Metaphern werden synonym eingesetzt, um Situationen präzise aber ohne schmückendes Beiwerk zu verbildlichen.

Manche ihrer Kurzgeschichten sind so kurz, dass sie eher wie zarte Miniaturen anmuten. Es durchziehen alle ihre Geschichten eine zarte Melancholie und ein Hauch von Wehmut! Und doch bleibt ein Funke Hoffnung spürbar…!


erschienen bei Donat/ ISBN: 978-3943425680

MONTAGSFRAGE #40: Wie geht Representation (nicht)? [Pride Month Edition]

Der Juni ist da, und die LGBT-Community feiert sich, das Leben und die bunte Vielfalt auf den mannigfaltigen CSD-Paraden im Land – und es ist gut so…! Ich selbst werde bei keiner dieser Paraden – weder als Teilnehmer noch als Zuschauer – dabei sein. Nichtsdestotrotz finde ich es von enormer Wichtigkeit, dass wir präsent sind, aber nicht nur einmal im Jahr auf einer Parade sondern 365 Tage im Jahr im Alltag als Teil dieser Gesellschaft. Gerne würde ich hierzu auch auf meinen Beitrag vom 17. Mai verweisen.

Aber wie sieht es eigentlich mit der Präsenz von LGBT-Protagonisten in der Literatur aus? Glücklicherweise gibt es nun wunderbare Kinder- und Jugendbücher, die das „Anderssein“ sehr einfühlsam, wertschätzend und auch witzig thematisieren (als Beispiel für viele möchte ich „Kicker im Kleid“ von David Walliams nennen). Als ich in den 70ern/ Anfang der 80er Jahre ein Kind bzw. Jugendlicher war, gab es solche Bücher nicht. Im Rückblick war mir schon recht früh klar, dass ich „anders“ bin. Ich konnte es als junger Mensch aber nicht benennen, und es gab auch niemanden in meinem sozialen Umfeld, der mir als Vorbild hätte dienen können. Dies hatte zur Folge, dass ich mich häufig ausgeschlossen und einsam fühlte. Ein literarisches Vorbild hätte mir vielleicht in dieser Zeit der Selbstzweifel und -findung helfen können. Im Nachhinein wurde mir klar, dass es in den Werken von Astrid Lindgren und Enid Blyton durchaus versteckte Anklänge an LGBT gab: „Karlsson vom Dach“ ist eine absolute Diva mit einem Hang zur Selbstüberschätzung, und trotzdem ist dieses eingebildete Kerlchen so lustig und liebenswert. Bei den „5 Freunden“ wollte Georgina immer lieber ein Junge sein und machte dies mit kurzen Haaren, Kleidung und der Vermännlichung ihres Namens deutlich. Und dies wurde von ihrem sozialen Umfeld akzeptiert!

Ich finde es außerordentlich beruhigend, dass die heutigen Kinder aus einer Vielzahl literarischer Helden ihr persönliches Vorbild wählen können, und auch die Gesellschaft deutlich offener mit diesen Themen umgeht, als es in meiner Jugendzeit der Fall war. (Machen wir uns nichts vor: Es gibt weiterhin noch viel zutun…!)

Als junger Erwachsener (Ende der 80er/ Anfang der 90er) entdeckte ich dann die Werke von Rita Mae Brown und Armistead Maupin für mich, die – man(n) höre und staune – bei renommierten Verlagen veröffentlicht wurden und somit auch im regulären Buchhandel zu finden waren. Endlich wurde offen über schwul-lesbische Themen geschrieben. Die Romane hatten zudem auch eine literarische Qualität: Sie waren witzig, frivol-erotisch, anrührend, spannend aber nie geschmacklos oder schlüpfrig. Die Werke beider Autor*innen stehen nach wie vor in meinem Bücherregal und werden dort ihren Platz für die Ewigkeit innehaben.

Als mein „Anderssein“ sich normalisierte, stellte ich auch die Suche nach der entsprechenden „anderen“ Literatur ein. Dies geschah durchaus nicht bewusst, sondern spiegelte eher meine eigene Veränderung und die meiner Umwelt wieder. Zur Verdeutlichung möchte ich eine kleine Anekdote erzählen: Vor ca. 7 Jahren war ich auf der Suche nach einem neuen Stamm-Frisör und bin bei Abdul gelandet. Bei meinem 3. oder 4. Besuch – nachdem Abdul erfahren hatte, dass ich schwul bin – startete er seine Frage-Runde und quetschte mich über das Schwulsein im Allgemeinen wie im Besonderen aus. Bemerkung am Rande: Ich begrüße es, wenn meine Mitmenschen mir interessierte Fragen stellen, anstatt dass sie verklemmt ihren Teil denken und dann mit Halbwahrheiten ihre Vorurteile füttern. Am Ende unserer Frage-Antwort-Runde meinte Abdul „Na, da habt ihr doch bestimmt auch viele schwule Freunde!“ Als ich dies verneinte, wirkte er sehr überrascht. Ich erklärte ihm, dass wir unsere Freunde nicht nach der sexuellen Orientierung aussuchen sondern einzig und allein nach Sympathie…!

Und so ist es bei mir auch mit der Literatur: Mir ist es erstmal völlig egal, ob ein Protagonist schwul ist oder nicht. Nimmt die sexuelle Orientierung der Protagonisten Einfluss auf die Handlung? Nein! Dann hat der Hinweis darauf dort auch nichts verloren.

Bei der Wahl meiner Lektüre spielen nur zwei Faktoren eine Rolle: Ich muss den Autor mögen, und mir muss der Roman gefallen. Basta!

P.S.: Mitleid bzgl. meiner Kindheit ist nicht angebracht. Alles hat im Leben seinen Sinn, und alles Erlebte hat mich zu dem Menschen reifen lassen, der heute ausruft:

Ich bin schwul – und das ist auch gut so! 😉

…???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

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[Rezension] Agatha Christie – N oder M?: Ein Fall für Tommy und Tuppence

Miss Marple ist bekannt! Hercule Poirot ist bekannt! Wer von Euch nun Thomas und Prudence Beresford kennt, hebe bitte die Hand! Ahja, das dachte ich mir schon, dass sich nur wenige Hände in die Höhe strecken werden. Dabei handelt es sich hierbei um ein äußerst gewieftes Ermittler-Duo, dass gerne für besonders heikle Fälle vom Geheimdienst rekrutiert wird.

Agatha Christie hatte es häufig bereut, dass sie sowohl Miss Marple als auch Hercule Poirot schon zu Beginn deren jeweiligen literarischen Karrieren ein so hohes Alter hat angedeihen lassen. So war sie bzgl. des zeitlichen Rahmens äußerst eingeschränkt und konnte wenig aktuelles Zeitgeschehen in die Geschichten einflechten. Bei den vier Romanen und der Sammlung mit Kurzgeschichten rund um die „Partners in Crime“ Tommy und Tuppence – wie Thomas und Prudence Beresford von Familie und Freunden gerne genannt werden – konnte Christie dafür aus den Vollen schöpfen. Sehr bewusst hat sie Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte zwischen den Erscheinungsdaten der Romane verstreichen lassen. Die Handlung spielte immer im jeweiligen Veröffentlichungsjahr des Romans: Während der 1. Fall im Jahre 1922 spielt, in dem Tommy und Tuppence sich als junge Menschen kennenlernen und unversehens in Spionagegeschäfte verstrickt werden, ist die Handlung des 2. Falls im Jahre 1941 fixiert…

Der 2. Weltkrieg tobt! Großbritannien erwartet die Angriffe der Deutschen, und Tommy und Tuppence sitzen in ihrem Heim und fühlen sich völlig unnütz. Das Leben spielt sich woanders und vor allem mit deutlich jüngeren Leuten ab: Ihre Zwillinge Derek und Deborah sind beide schon erwachsen und arbeiten für die Regierung. So fühlen sich Tommy und Tuppence mit Mitte 40 zum alten Eisen gehörend. Doch nicht nur der äußere Feind stellt eine Bedrohung dar: Auch im Inneren der Regierung gibt es feindliche Subjekte, die aus Gründen der Staatssicherheit eliminiert werden müssen. Da die eigenen Agenten zu bekannt sind, erinnert man sich an Tommy und Tuppence. Sie reisen inkognito an die britische Küste, um in der Pension „Sans Souci“ als unscheinbare Gäste unter den Anwesenden den Kopf der Spionagebande auszuspähen. Kein leichtes Unterfangen mit den wenigen vorhandenen Informationen, dass es sich hierbei um einen Mann und eine Frau handelt, bei denen nur die Code-Namen bekannt sind: Jeder – vom Dorfbewohner bis zum Pensionsgast – könnte somit „N oder M“ sein…!

Agatha Christie ist wieder eine kurzweilige und spannende Spionage-Geschichte gelungen, die deutlich mit ihrer Entstehungszeit verankert ist. Dabei versteht sie es famos, nicht allzu klischeehaft die jeweiligen Parteien (böse Deutsche/ gute Engländer) zu porträtieren. Trotzdem spiegeln sich in den Dialogen deutlich die Ansichten der damaligen Zeit wieder: Christie weiß aber durchaus zu differenzieren. Als Meisterin ihres Fachs lockt sie die Leser in klassischer „Whodunit“-Manier seitenlang in die Irre, um dann endgültig „die Katze aus dem Sack“ zu lassen.

Wie schön, dass die Werke von Agatha Christie nun im Atlantik-Verlag ihre Heimat gefunden haben. So werden auch weiterhin die weniger bekannten aber ebenso erstklassigen Krimis der „Queen of Crime“ wieder neu aufgelegt, um so eine größere Leserschaft zu finden. Sie hätten es mehr als verdient!


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455004830

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #39: Welches Buch liegt schon ewig auf dem SuB und wird einfach nicht gelesen?

Montagsfrage (1)

Ihr Lieben! Vorab möchte ich Euch noch einen wunderbaren Pfingstmontag wünschen: Nutzt den Tag für die vielen schöne Dinge des Lebens, die vielleicht im alltäglichem Einerlei etwas stiefmütterlich behandelt werden. Und natürlich gibt es auch heute – trotz (oder gerade wegen) Feiertag – eine Montagsfrage zu beantworten.

Vielleicht sollte ich für alle, die mit der Abkürzung „SuB“ nichts anfangen können, diese kurz erklären: Mit „SuB“ ist nichts Geringeres als der „Stapel ungelesener Bücher“ gemeint, der sich bei jedem Literatur-Enthusiasten zwangsläufig ansammelt.

„Zwangsläufig“ aufgrund eines Phänomens, das jede passionierte Leserin und jeder passionierte Leser kennt: Es gab nicht nur ein Buch – Nein! – Es gab einige Bücher, die MUSSTE ich unbedingt haben. Da gab es keinen Aufschub, kein Warten, kein Wünschen zu Weihnachten, Geburtstag oder Hochzeitstag. Diese Bücher sollten es sein – und zwar SOFORT! Warum? Weil ich sie zu dem besagten Zeitpunkt „heiß begehrt“ habe. Nun stehen sie seit einiger Zeit (grob geschätzt: 3-8 Jahre) in meinem Bücherregal auf dem unteren Brett bei all den anderen ungelesenen Büchern und warten auf ihre Wieder-Entdeckung.

Auch dieses Phänomen kennt jede passionierte Leserin und jeder passionierte Leser: Wann ich welches Buch lese ist von vielen Faktoren abhängig – die richtige Stimmung, der richtige Zeitpunkt, das richtige Licht, die richtige Konstellation der Sterne mit ihrem Einfluss auf Ebbe und Flut und ob ein abnehmender, zunehmender oder gleichbleibender Mond nachts am Himmel steht. 😃 Kurz gesagt: Es muss passen!

Bei diesen Werken hat es bisher leider noch nicht „gepasst“. Darum schlummern sie auch noch auf meinem „SuB“:

  • Matthias Brandt: Raumpatrouille – erschienen bei Kiepenheuer&Witsch/ ISBN: 978-3462045673
  • Antonia Muñoz Molina: Die Augen eines Mörders – erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3498043971
  • Ulrich Tukur: Die Spieluhr – erschienen bei Ullstein/ ISBN: 978-3550080302
  • Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel – erschienen bei Kiepenheuer&Witsch/ ISBN: 978-3462041903
  • Harper Lee: Wer die Nachtigall stört… – erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3498038083

Natürlich kann ich weder zum Inhalt, noch darüber, ob mir die Bücher schlussendlich wirklich gefallen, etwas sagen: Ich habe sie ja noch nicht gelesen. Wenn ich sie gelesen habe, hole ich dies sehr gerne nach – so in 3-8 Jahren. 😉

…und welche literarischen Schätze schlummern noch auf Eurem SuB???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.