[Rezension] Finn-Ole Heinrich – Gestern war auch schon ein Tag

Sympathisch sind sie mir nun nicht gerade – die Protagonisten in Finn-Ole Heinrichs Erzählungen. Mit keinem von ihnen würde ich einen Abend verbringen wollen. Aber der Autor möchte auch nicht anbiedernd Sympathie beim Leser erhaschen. Kantig sind sie – kantig und schnörkellos. Und dabei so echt und so weit entfernt vom Gut-Menschen.

Lieber würde ich über Gut-Menschen lesen: Es wäre für mich einfacher. Aber „einfacher“ will der Autor auch nicht sein. Er möchte unangenehm sein, seine Geschichten sollen unangenehme Emotionen beim Leser auslösen. Das Lesen dieser Erzählungen kratzt an der schönen Oberfläche des Lesers.

Aber warum empfinde ich es als unangenehm? Weil es wahrhaftig ist! Weil seine Protagonisten mit Emotionen kämpfen, die mir so vertraut sind. Weil sie Menschen sind, und somit ihre Gefühle menschlich sind – so wie auch meine Gefühle menschlich sind. Weil mir ein Spiegel vorgehalten wird, und ich erbarmungslos gezwungen werde, einen kritischen Blick in ihn zu werfen.

Schön ist es nicht unbedingt, was ich dort zu sehen bekomme.

Doch warum lese ich weiter? Weil ich erleichtert bin: Auch ich darf mir Gefühle zugestehen, die nicht „edel, hilfreich und gut“ sind. Und weil der Autor seine Figuren in all ihrer Menschlichkeit nicht bewertet: Sie werden von ihm nicht verraten, und somit fühle auch ich mich nicht bloßgestellt.

Es fällt mir schwer, die Inhalte der Erzählungen wiederzugeben: Dafür sind die Geschichten auch wieder zu unterschiedlich. Dafür sind die Schicksale der Protagonisten auch wieder zu individuell. Nur eines ist ihnen gemein: Finn-Ole Heinrich pfeift in seinen Geschichten auf den schönen Schein. Seine Geschichten sind klar. Seine Sprache ist klar – und erbarmungslos ehrlich: „Man bekommt, was man sieht!“

Glamour? Glamour muss ich mir woanders suchen! Das hier beschreibt nur das schnöde Leben!


erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442713189

[Rezension] Cruschiform – COLORAMA: Das Buch der Farben

Farben über Farben: Doch Blau ist nicht gleich Blau, Rot ist nicht gleich Rot, Grün ist nicht gleich Grün, und selbst Weiß überrascht mit einer immensen Vielfalt,…

…das ist uns allen sicherlich bewusst, aber nehmen wir die Farben auch so intensiv in ihren unterschiedlichen Schattierungen wahr? Ich glaube eher weniger! Und doch verbinden wir etliche Pflanzen, Tiere und Gegenstände mit einem bestimmten Farbton. Oftmals wird beides in einem Atemzug genannt: Kornblumenblau, Feuerwehrrot, Sonnenblumengelb, Eierschalenweiß… – Ich könnte meine Aufzählung unendlich fortführen!

Das Pariser Kreativstudio „Cruschiform“ von Marie-Laure Cruschi widmet sich mit einem kleinen Wälzer diesem Phänomen und zaubert auf 133 Farbtafeln eine „kleine“ Auswahl aus der kunterbunten Welt der Farbtöne und -nuancen. So habe ich nicht gewusst, dass es einen kleinen aber feinen Unterschied gibt zwischen Kurkuma (051) und Indischgelb (052): Auf dem oberflächlichen Blick scheinen beide Farbnuancen identisch, erst der direkte Vergleich offenbart den Unterschied.

Während auf der rechten Buchseite sich ganzseitig der jeweilige Farbton „breitmacht“, erfahre ich auf der linken Buchseite den nötigen Background. Das vermittelte Wissen reicht von „wissenschaftlich-wertvoll“ bis „kurios-unnütz“ (…oder habt Ihr gewusst, dass es ein spezielles Tiffany-Blau gibt, und auch Grünspan ein eigener Farbton ist?). Aber gerade diese bunte Vielfalt macht diesen Wälzer so abwechslungsreich-unterhaltsam.

Dies ist keine Publikation, die ich von Farbtafel 001 (Schneeweiß) bis Farbtafel 133 (Mondlicht) konsequent chronologisch durcharbeiten werde, – Nein! – dieses Buch wird griffbereit in der Nähe meines Lieblingsleseplatzes liegen, damit ich es immer mal wieder zur Hand nehme und darin blättere, um mich an der bunten, lustigen Vielfalt der Farben zu erfreuen.


erschienen bei Prestel/ ISBN: 978-3791373270

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Georges Simenon – Maigret im Haus der Unruhe

„Ich habe gerade einen Mann umgebracht.“ stammelt die verängstigte junge Frau, die, ebenso plötzlich wie sie im Kommissariat erschienen ist, sich auch wieder in Luft auflöst. Kommissar Maigret schenkt dieser kurzen wenn auch kuriosen Begegnung zunächst wenig Beachtung. Doch dann wird er zu einem Mordfall in einem Hause in einem der „anständigen“ Vororte von Paris gerufen: Der pensionierte Kapitän Truffier wird von der Concierge des Hauses tot aufgefunden: erdolcht und beraubt. Bei seiner Befragung der übrigen Mieter des Hauses begegnet Maigret bei der Familie Gastambide eben jene junge Dame wieder, die ihm im Kommissariat aufgesucht hatte. Sie behauptet, ihn nicht zu kennen, und überrascht mit einem Alibi. Ihr Vater wie auch ihr Bruder machen sich aufgrund ihres Verhaltens zudem verdächtig. Aber auch Henry Demassis, der Neffe des Ermordeten, scheint etwas zu verbergen…!

Als deutsche Erstausgabe präsentiert der Kampa-Verlag diesen allersten Roman mit Simenons berüchtigten Kommissar Maigret – sozusagen als Fall „Zéro“: Simenon steht mit Maigret noch deutlich am Anfang. Das merkt man diesem Werk auch an, was dessen Qualität nicht schmälern soll. Hier liegt Simenons Augenmerk weniger auf dem Kommissar als vielmehr auf den Verdächtigen. Er zeichnet interessante Porträts und kreiert einen spannenden und abwechslungsreichen Plot, in dem Maigret den Rahmen bildet und der Handlung Struktur verleiht.

Und auch wenn Simenon noch nicht das gesamte Wesen Maigrets komplett umreißen kann, so sind doch schon einige seiner wesentlichen Charakterzüge und Eigenarten zu erkennen: der stille und beinah stoische Ermittler, der dadurch durchaus ruppig wirken kann; der scharfe Analytiker mit den manchmal unkonventionellen Ermittlungsmethoden; die Liebe zu seiner Pfeife und gutem Tabak…!

Ich habe mich sehr gefreut, dass ich die Möglichkeit bekam, diese geschätzte Krimi-Reihe mit dem Fall „Zéro“ beginnen zu dürfen: Nun werde ich mich Roman für Roman und Fall für Fall mit Kommissar Maigret auf die literarische Verbrecherjagd in Paris begeben.

„Souhaite moi bonne chance!“


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311130000

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] P. G. Wodehouse – Auf geht’s, Jeeves!

„Da weiß Jeeves sicher einen Rat!“, „Mit diesem Problem wende ich mich an Jeeves!“, „Was meint Jeeves denn dazu?“ Jeeves hier! Jeeves da! Immer nur heißt es „Jeeves“! Natürlich hat es auch durchaus seine angenehmen Vorteile, einen intelligenten Butler zu haben, den Freunde wie Verwandte gerne konsultieren. Aber deshalb bräuchte man ihm, Bertram „Bertie“ Wooster, ja nicht gleich die Intelligenz gänzlich abzusprechen. Er findet, es wäre höchste Zeit, seinen Butler in die Schranken zu weisen, und so übernimmt er flugs persönlich die Lösung einiger Problemchen im Freundes- und Familienkreis. Und da gibt es so einiges zu erledigen: Die Ent-lobung seiner Cousine Angela mit Tuppy Glossop muss unter allen Umständen rückgängig gemacht werden. Die Ver-lobung zwischen seinem Freund Gussie Fink-Nottle und Madeline Bassett muss unter allen Umständen forciert werden. Und die drohende Trennung von Onkel und Tante aufgrund Tante Dahlias Spielschulden muss unter allen Umständen verhindert werden.

Also spinnt Bertram Wooster in seiner grenzenlosen Selbstüberschätzung seine hirnrissigen Ideen und spielt höchstpersönlich den Schicksalsgott. Nur leider sind seine Ideen – wie gewohnt – sehr unausgegoren: Er lässt mögliche Konsequenzen gänzlich unberücksichtigt und hinterlässt so eine Schneise der emotionalen Verwüstung. Die Welt der oberen 10.000 versinkt im Chaos, bis Jeeves eingreift…!

Ich sitze auf meinem Sofa mit der Nase in diesem Buch, kichere vor mich hin oder lache schallend auf und ertappe mich dabei, wie ich ganze Passagen laut lese: Welch ein grenzenlos alberner Spaß…!!!

P. G. Wodehouse ist ein absoluter Könner der leichten Posse, ein nimmermüder Verfasser humoristisch-ironischer Dialoge und ein kolossaler Profi im Verteilen von satirischen Seitenhieben auf die gehobene Gesellschaft. Wer in den „Jeeves“-Geschichten von Wodehouse irgendeinen Realismus sucht, der wird sehr, sehr lange suchen müssen und schlussendlich erschöpft und erfolglos aufgeben. Hier verbinden sich die Übertreibung, das Hemmungslose und die Frechheit zu einer respektlosen Leichtigkeit. Nährwert: Fehlanzeige! Spaßfaktor: „…bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter!“

Teilweise sind die Dialoge so fein-gemein-spitzzüngig, dass sie mich schier verführt haben, sie laut vorzulesen, um noch eine größere Wirkung zu erzielen: Da buddelte sich in mir der Vor-Leser, die alte Rampensau, wieder einmal hemmungslos an die Oberfläche!

Zudem möchte ich Thomas Schlachter meinen allerhöchsten Respekt für seine gelungene Übersetzung zollen: Ich kann sicher nur ansatzweise erahnen, wie herausfordernd es für einen Übersetzer sein musste, die vielfältigen Bonmots, fantasievollen Beschimpfungen und bildhaften Beschreibungen aus dem Englischen adäquat ins Deutsche zu übersetzen – ohne den Witz des Originals zu schmälern und den Lesefluss zu behindern. Chapeau! Das Nachwort von Denis Scheck liefert ferner aufschlussreiche Hintergründe über Wodehouses Leben.

Nur bedauerlicherweise habe ich nun ein äußerst verzwicktes Problem: Wodehouse lesen macht süchtig – süchtig nach einem Mehr an Geschichten, bei denen ich mich beim Lesen so heiter „sophisticated“ fühle, während in meinem Kopf alte Cole Porter-Songs den idealen Soundtrack bilden und so meine Seele gänzlich unbeschwert zum „Swingen“ bringt.

Book-Dealer, ich komme!


erschienen bei Insel/ ISBN: 978-3458177036

[Rezension] Karsten Dusse – Achtsam Morden

Karsten Dusse ist in der Medienlandschaft kein Unbekannter mehr: Als Volljurist hat er sich gegen eine Laufbahn in einer Kanzlei und für eine Karriere im Fernsehen entschieden. Hier war er als Strafverteidiger bei „Richterin Barbara Salesch“ ebenso wie als Rechtsexperte bei „Verklag mich doch“ vor der Kamera zu sehen. Als Redakteur schrieb er hinter der Kamera Texte u.a. für TV-Hits wie „Ladykracher“. Für seine Autorenarbeiten wurde er bereits mit dem Deutschen Fernsehpreis und mehrfach mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet. Auch als Schriftsteller trat er schon in Erscheinung: In seinen bisher erschienenen juristischen Sachbüchern kombiniert er Entertainment mit Fachwissen. Nun hat er seinen ersten Kriminalroman vorgelegt, in dem er seine Kernkompetenzen bündelt und dessen Held – wie könnte es auch anders sein – als Strafverteidiger seine Brötchen verdient.

Ein stattliches Haus, ein protziger Dienstwagen, ein üppiges finanzielles Polster auf der Bank, zudem eine reizende kleine Tochter mit der dazugehörigen (zugegeben: im Moment nervigen) Ehefrau: Das Leben von Björn Diemel könnte – zumindest oberflächlich betrachtet – so schön sein. Doch nun zwingt ihn seine Angetraute zu einem Achtsamkeits-Seminar bei diesem Esoterik-Guru Joschka Breitner zwecks Rettung ihrer Beziehung. Naja, wenn es hilft, dann soll es ihm recht sein. Und so atmet er seit einiger Zeit den Stress weg und spricht gegen Panik einfach ein Mantra. Und sollte er mal gar nicht mehr „achtsam“ weiter wissen, dann hat er zum Glück immer Joschka Breitners Bibel der Achtsamkeit mit dem Titel „Entschleunigt auf der Überholspur – Achtsamkeit für Führungskräfte“ griffbereit. Die Weisheiten dieses Werkes hätte übrigens auch sein Hauptmandant, der Gangsterboss Dragan Sergowicz berücksichtigen sollen, dann wären einige Mitglieder einer rivalisierenden Gang noch am Leben und eine Busladung mit Schulkindern nicht traumatisiert. Dragan muss untertauchen und erwählt für diese Mission ausgerechnet Björn, der mit seiner Tochter ein ruhiges Wochenende am See verbringen möchte. Während Dragan seine Körpermasse zwecks unerkanntes Entkommen in den Kofferraum von Björns Wagen zwängt, begeht er den unverzeihlichen Fehler, seiner Forderung mittels Bedrohung Björns Tochter Nachdruck zu verleihen. Björn findet dieses Verhalten so ganz und gar nicht nett, schließlich geht ihm das Wohl seiner Kleinen über alles und jeden. Da kann es durchaus passieren, dass er einen im Kofferraum sowohl versteckten als auch eingesperrten Mafioso einige Tage bei sommerlichen Temperaturen „vergisst“ und ganz achtsam im Hier und Jetzt die gemeinsame Zeit mit dem Töchterchen genießt. Alles andere kann später noch weg-geatmet werden: Eine Technik, die sich insbesondere nach dem Öffnen der Kofferraumklappe bewehren sollte…!

Karsten Dusse versteht und beherrscht sein Handwerk: Sein Winkeladvokat Björn Diemel ist mit allen Wassern gewaschen, gleichzeitig gelingt es dem Autor, ihn nie unsympathisch wirken zu lassen – im Gegenteil: Bei jedem Schritt, den wir Leser ihn tiefer in dieser Affäre folgen, kann er sich unserer vollsten moralischen Unterstützung sicher sein. Überraschenderweise empfindet der Leser herzlich wenig Mitgefühl mit Herrn Diemels Opfern (Ja, sie haben richtig gelesen: Es bleibt nicht bei einer einzelnen Kofferraumleiche.). Einerseits konnte ich mich während der Lektüre nicht dem Eindruck verwehren, alle Opfer hätten ein solch schändliches Gemeuchel und Gemetzel mehr als verdient. Andererseits hegte ich den Verdacht, dass die jedem Kapitel vorangestellten Tipps von Esoterik-Guru Joschka Breitner ebenfalls ihre Wirkung auf mich Leser zeigten, denn zu „Achtsam Morden“ gehört eben auch achtsam lesen.

Herrn Dusses Erfahrung mit dem Medium Fernsehen merkt man diesem Krimi deutlich an – und ich möchte diesen Hinweis durchaus positiv besetzen: So verteilt sich der Inhalt über 413 Seiten und auf 37 Kapitel. Schnelle Schnitte sind vorprogrammiert. Die Handlung nimmt zügig an Fahrt auf ohne in Hektik zu verfallen. Für Langeweile bleibt somit kaum Raum, dafür gibt es häufig überraschende Wendungen incl. des einen oder anderen Lachers. Dieser Krimi „schreit“ geradezu nach einer visuellen Umsetzung. Sicherlich liegt zuhause bei Herrn Dusse in irgendeiner Schublade schon fix und fertig ein Drehbuch und wartet auf die Chance, beispielsweise in die „fähigen“ Hände eines Herrn Schweigers zu gelangen. Doch ich werde inbrünstig zum Gott der darstellenden Kunst beten in der Hoffnung, dass für diese Rolle ein richtiger Schauspieler gecastet wird.

Ich werde ja wohl noch hoffen dürfen! Hoffen und beten…!


In diesem Zusammenhang möchte ich auch gerne auf die Lesung mit Karsten Dusse in der Buchhandlung meines Vertrauens hinweisen!


erschienen bei Heyne/ ISBN: 978-3453439689

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Callie Shell – Hope, Never Fear: Michelle und Barack Obama/ Ein persönliches Porträt

Bisher hatte mich kein amerikanischer Präsident so sehr beindruckt wie Barack Obama! Bisher hatte mich keine First Lady so sehr entzückt wie Michelle Obama! Von beiden ging ein Zauber aus, den ich weder vorher noch hinterher bei einem Politiker und seiner Gattin gespürt habe. Nicht nur, dass mit ihnen das erste afro-amerikanische Präsidenten-Paar die öffentliche Bühne betrat – Nein! – Hier standen plötzlich auch zwei ebenbürtige Partner im Rampenlicht, die sich und ihre Mitmenschen mit Respekt begegneten.

Callie Shell hatte das große Glück diese beiden außergewöhnlichen Persönlichkeiten als Fotografin begleiten zu dürfen. Einleitend berichtet sie von ihrer ersten Begegnung mit den Obamas und gibt einen äußerst wertschätzenden Eindruck über die Charaktere dieser für sie so bewundernswerten Menschen wieder. Aus einer langsamen Annäherung erwuchs Vertrautheit, aus dieser Vertrautheit entwickelte sich eine Freundschaft.

Diese Freundschaft ermöglichte es Callie Shell diese bemerkenswerten und ausdrucksstarken Fotos zu machen: Einerseits gibt es Fotos voller Glamour zu bewundern, dann werden die Obamas sowohl mit ihren Töchtern in ihrem familiärem Umfeld gezeigt als auch bei offiziellen Anlässen wie Staatsempfängen oder bei ihren sozialen Projekten. Besonders berührend empfand ich die Fotos, die die Beiden in sehr intimen, leisen Momenten porträtieren: Die Erschöpfung im Blick von Barack während des Wahlkampfes, das Vertiefen in ein kurzes Gebet vor einer Kundgebung, oder die zärtliche Berührung Michelles vor dem Beginn einer wichtigen Ansprache.

Für einige Fotos hat Shell den Obamas „den Rücken gekehrt“ und die Linse in die entgegengesetzte Richtung – auf die Menschen, die den Obamas begegnet sind – gehalten und so deren mannigfaltigen Gefühle, die sich in ihren Gesichtern wiederspiegeln, im Bild festgehalten. So kann der Betrachter der Fotos zumindest einen Bruchteilen dessen erahnen, was die Faszination der Obamas ausmacht.

Alle diese Fotos zeugen von Authentizität und spiegeln die Liebe und den Respekt der Partner zueinander wieder. Stichwort: Partner – Ja, das sind sie! Hier begegnen sich zwei Menschen auf Augenhöhe.

Abgerundet wird dieser Bildband durch Zitate von Michelle und Barack Obama, die mit ihren klugen Worten zum Innehalten und zum Nachdenken anregen….

„Wenn jemand grausam ist oder sich wie ein Tyrann verhält, begibt man sich nicht auf seine Ebene. Nein, unser Motto lautet: >When they go low, weg go high.< – Wenn die anderen ihre schlechten Seiten zeigen, zeigen wir unsere besten.“ Michelle Obama

…und ich danke diesen beiden außergewöhnlichen Menschen aus ganzem Herzen für die Würde, die Menschlichkeit und den Glanz, den sie in die Welt gebracht haben, und wünsche Ihnen nur das Beste für Ihr weiteres Leben!


erschienen bei Elisabeth Sandmann/ ISBN: 978-3945543665

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Alan Bradley – Flavia de Luce. Todeskuss mit Zuckerguss

Endlich läuten die Hochzeitsglocken auf Buckshaw: Ophelia de Luce und Dieter Schrantz geben sich endlich das langersehnte Ja-Wort. Der Himmel hängt voller Geigen, und die Luft ist geschwängert vom Blütenduft. Flavia möchte sich bei dieser geballten Anhäufung von Kitsch am liebsten übergeben, wäre da nicht dieser „klitzekleine“ Zwischenfall während der Feierlichkeiten: Beim Anschneiden der Hochzeitstorte fördert die Braut einen abgetrennten Finger aus dem Backwerk zutage! Flavia ist entzückt und stürzt sich begeistert in die Ermittlungen, hat sie doch gemeinsam mit dem treuen Diener Dogger ein Detektivbüro gegründet. Der erste Fall von „Arthur W. Dogger & Partner – Diskrete Ermittlungen“ überrascht mit pikanten Details und verblüffenden Wendungen…!

Flavia macht süchtig! Die Seiten flogen förmlich vor meinen Augen dahin. In Flavias Welt versinken, heißt „nach Hause kommen“ und sich wohl fühlen: Alles ist so bekannt, so vertraut. Nach 9 Bänden kennen wir die kleine, überschaubare Welt von Bishop’s Lacey aus dem Effeff. Da besteht die berechtigte Gefahr, dass beim Leser Monotonie eintreten könnte. Doch zum Glück lässt Bradley bei seinen Protagonisten eine Weiterentwicklung zu: Flavia ist zwar nach wie vor die penetrante, besserwisserische Göre, die wir alle so sehr lieben, gleichzeitig erlaubt Bradley ihr neustens auch sentimentale Gefühlsregungen, die sie weicher, kindlicher und verletzlicher erscheinen lassen. Bei Dogger lässt er unter der Fassade der vom Krieg traumatisierten Kreatur auch seinen brillanten, hochintelligenten Geist durchschimmern. Aber auch den sogenannten „supporting actors“ erlaubt er kleinen Überraschungen und verhindert so deren eindimensionale und auf Dauer langweilige Charakterisierung.

Einzige Wehrmutstropfen sind die manchmal etwas arg konstruiert wirkenden Wendungen in der Handlung, die knapp ausgearbeiteten Konstellationen einiger Handlungspersonen zueinander und die eine oder andere mangelhafte Auflösung zu noch offenen Fragen.

Aber hier „leide“ ich wahrlich auf extrem hohem Niveau. Werden diese „Mängel“ doch mehr als wettgemacht durch den immensen Charme der Geschichte und der liebenswerten Kauzigkeit der Protagonisten. Zudem lässt der Autor einige neue Personen in Erscheinung treten, die die Begehrlichkeit des Lesers nach weiteren Details (und somit auf nachfolgende Auftritte innerhalb der Serie) wecken. Alan Bradley hat uns mit „Flavia de Luce“ absolute Feel Good-Krimis geschenkt!

Bishop’s Lacey ist auf dem besten Wege, das „St. Mary Mead“ unseres Jahrhunderts zu werden.


erschienen bei Penhaligon/ ISBN: 978-3764531157

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Clemens Dreyer – Touristisch für Anfänger: Die wichtigste Sprache der Hauptsaison

Passend zum Ferienbeginn in Niedersachsen und der damit verbundenen Völkerwanderung möchte ich Euch einen besonderen humoristischen Schmankerl der Reiselektüre nicht vorenthalten:

Liebe*r Urlaubsfetischist*in,

hier eine kleine Übung für Sie – eine Lernzielkontrolle sozusagen, um zu überprüfen, ob Sie Ihren Sprachkurs „Touristisch für Anfänger“ konzentriert durchgearbeitet und die wichtigsten Lektionen verstanden haben.

Hintergrund: Ich befinde mich auf dem hellen und freundlichen Balkon meines Hotelzimmers, der zur Meerseite gelegen ist, und habe meinen Allerwertesten auf eine Komfort-Sitzgelegenheit, die ich am frühen Morgen durch das Auslegen eines Handtuchs für mich reserviert haben, platziert. Während ich an einer Tasse gefüllt mit einem landestypischen Getränk nippe, lese ich im o.g. Sprachkurs und kann partout natürliche akustische Emissionen nicht verhindern. Kann der sich dadurch gestört fühlende Nachbar vom Nebenbalkon zu Recht klagen, oder muss er dies als „Allgemeines Lebensrisiko“ hinnehmen?

Na, alles verstanden? Nein! Dann müssen Sie DRINGEND diesen Sprachkurs wiederholen.

Woher sollten Sie sonst wissen,…

  • …dass ein Süßwasser-Swimmingpool auch für Diabetiker geeignet ist,
  • …dass Sie die Pooltiefe an der Rötung des Wassers erkennen,
  • …dass Sie an der Rezeption Ihres Hotels gefahrlos SM mit HP oder OV buchen können.

Und obwohl die Hotels schon nach der DEHOGA kategorisiert sind, sollten auch Urlaubsreisen einen Warnaufkleber erhalten – wie Zigaretten und Medikamente:

„Verreisen ist gesundheitsschädlich und kann zu Impotenz führen!“

oder

„Zu Risiken und Nebenwirkungen essen Sie die Packungsbeilage oder tragen ihren Arzt zum Apotheker!“

Na, denn: BON VOYAGE!


erschienen bei Langenscheidt/ ISBN: 978-3468738258

[Rezension] Bernard Villiot – Mephisto/ mit Illustrationen von Antoine Guilloppé

Der Kater Mephisto lebt gezwungenermaßen als Einzelgänger in der großen Stadt. Aufgrund seines tiefschwarzen Fells und seiner als unheimlich wahrgenommenen Aura wird er sowohl von seinen Artgenossen wie auch von den Menschen nicht nur gemieden sondern auch immer wieder verjagt. Mephisto sehnt sich nach einem ruhigen Leben und hofft, dieses in der Abgeschiedenheit auf dem Land zu finden. Die Wochen ziehen voller Ruhe ins Land bis der Winter anbricht und Mephisto beschließt, wieder in die schützende Stadt zu wandern. Dort erlebt er eine Überraschung: Freudig wird er von den Menschen begrüßt! Seit seinem Weggang hat sich die Mäuse- und Ratten-Population immens erhöht, und die verwöhnten Hauskatzen waren nicht in der Lage, dieser Plage Herr zu werden. Nur ein versierter Jäger wie Mephisto kann Abhilfe schaffen…!

Tja, was nun? Ich suche nach den passenden Worten, aber kurz ausgedrückt kann ich sagen „Ich bin enttäuscht!“

Dabei haben mir die „Scherenschnitt“-Illustrationen von Antoine Guilloppé sehr gut gefallen: Sie wirken in ihrer Retro-Optik wie etwas aus der Zeit gefallen, verströmen trotz (oder: aufgrund?) dieser Schlichtheit sehr viel Atmosphäre und lösen beim Betrachter genau die Gefühle aus, die für die Handlung wichtig sind. So wirken sie mal bedrohlich, dann wieder witzig, um beim nächsten Bild sehr poetisch zu sein.

So liegt mein größter Kritikpunkt bei der Handlung. In den Texten meldet sich Mephisto als Ich-Erzähler zu Wort und charakterisieren mit ihren philosophisch anmutenden Zeilen recht gut das Wesen dieses einsamen und auch traumatisierten Katers. Doch ich habe immer auf eine besondere Wendung, auf eine positive Botschaft gewartet. Leider wurde ich enttäuscht: Findet Mephisto eine Heimat, und wird er akzeptiert oder gar um seiner selbst geliebt? Nein! – Das „Happy End“ interpretiere ich wie folgt: Er wird am Ende der Geschichte nur geduldet, weil er den Menschen von Nutzen ist, da die eigenen fetten und verwöhnten Hauskatzen außer Stande sind, seinen „Job“ zu erledigen. Es findet kein Umdenken statt – weder bei den Artgenossen noch bei den Menschen. Wenn dies wirklich die Intention des Autors war, dann empfinde ich es als eine äußerst fragwürdige Botschaft – zumal hier überdies die Flüchtlingsthematik angedeutet wurde.

Dieses Kinderbuch werde ich mir leider nicht gemeinsam mit dem besten Patenkind der Welt ansehen! Schade!


erschienen bei michael neugebauer edition/ ISBN: 978-3865663962

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Gil Ribeiro – Lost in Fuseta: Ein Portugal-Krimi

Es ist Pfingstsonntag: Nachdem es am Tag zuvor gestürmt hat, und das Wetter sich nicht zwischen Sonne und Schauern entscheiden konnte, zeigt sich dieser Tag mit angenehmen 27°C und sanftem Sonnenschein. Ich sitze auf dem Balkon, schlürfe meinen Kaffee und vertiefe mich zum wiederholten Mal in diesen Kriminalroman. Mein Kater liegt schläfrig mir zu Füßen auf den kühlenden Steinfliesen, während meine Gedanken sich auf den Weg in Richtung Portugal begeben.

Fuseta: ein kleiner Ort im Süden von Portugal direkt an der Küste der Algarve. Hier verschlägt es Inspektor Leander Lost aus Hamburg im Rahmen eines internationalen Austauschprogramms für Polizisten. Während er dies als Auszeichnung sieht, erkennen die beiden portugiesischen Inspektoren Graciana Rosado und Carlos Esteves schnell, dass die deutschen Kollegen das Austauschprogramm „missbraucht“ haben, um sich eines äußerst speziellen Mitarbeiters zu entledigen. Leander Lost leidet am Asberger-Syndrom, einer Form von Autismus: Soziale Interaktionen fallen ihm schwer, zum Lügen ist er nicht in der Lage, und Ironie kann er nicht deuten, da er jedes gesprochene Wort für „bare Münze“ nimmt. Dafür verfügt er über außerordentliche Inselbegabungen. Zwangsläufig eckt er mit dieser „Wunderlichkeit“ bei seinen neuen Kollegen an und provoziert so manche heikle Situation im aktuellen Fall: Ein Privatdetektiv wird tot aufgefunden. Oberflächlich betrachtet scheint es ein Unfall zu sein. Bei der routinemäßigen Überprüfung der Büroräume des Detektivs scheucht das ungleiche Ermittler-Trio einen Verdächtigen auf, der, nachdem er Graciana bewusstlos geschlagen und das Büro in Brand gesetzt hat, Carlos als Geisel nimmt. Um das Leben der beiden portugiesischen Inspektoren nicht zu gefährden, schießt Leander Lost seinem neuen Kollegen Carlos ins Bein…!

So saß ich nun auf dem sommerlichen Balkon, ließ mich in die Handlung dieses leichten Krimis fallen und fühlte mich dabei äußerst wohl. Denn nichts anderes ist dem Autor Gil Ribeiro gelungen: ein angenehm kurzweiliger Sommerkrimi mit einer wohldosierten Mischung aus Humor und Spannung, der mich mit seiner originellen Charakterisierung der Protagonisten unterhielt. Überraschend gut passen die einzelnen Komponenten zueinander: Lost wirkt weniger wie ein Fremdkörper in der flirrenden Hitze am Mittelmeer, vielmehr scheint er hier dank der mediterranen Gelassenheit seiner Mitmenschen eine Heimat gefunden zu haben.

Er ist Teil eines Teams von Individuen, in der auch ein spezieller Typ wie er seinen Platz finden kann. Diese Gelassenheit scheint im Lebensgefühl der Portugiesen begründet zu sein. Immer wieder lässt Ribeiro Themen wie Familie, Freundschaft und Kollegialität anklingen. Sie dienen als Anker im gesellschaftlichen Gefüge. Emotionale bzw. sentimentale Szenen versteht Ribeiro durch eine pragmatische Äußerung von Lost humorvoll aufzulösen. Dabei wird er mit seiner Behinderung nicht vorgeführt sondern vom Autor mit Respekt behandelt.

Gil Ribeiro ist mit „Lost in Fuseta“ ein unterhaltsamer Auftakt für diese Krimireihe gelungen.


erschienen bei Kiepenheuer & Witsch/ ISBN: 978-3462051629