[Rezension] Finn-Ole Heinrich – Gestern war auch schon ein Tag

Sympathisch sind sie mir nun nicht gerade – die Protagonisten in Finn-Ole Heinrichs Erzählungen. Mit keinem von ihnen würde ich einen Abend verbringen wollen. Aber der Autor möchte auch nicht anbiedernd Sympathie beim Leser erhaschen. Kantig sind sie – kantig und schnörkellos. Und dabei so echt und so weit entfernt vom Gut-Menschen.

Lieber würde ich über Gut-Menschen lesen: Es wäre für mich einfacher. Aber „einfacher“ will der Autor auch nicht sein. Er möchte unangenehm sein, seine Geschichten sollen unangenehme Emotionen beim Leser auslösen. Das Lesen dieser Erzählungen kratzt an der schönen Oberfläche des Lesers.

Aber warum empfinde ich es als unangenehm? Weil es wahrhaftig ist! Weil seine Protagonisten mit Emotionen kämpfen, die mir so vertraut sind. Weil sie Menschen sind, und somit ihre Gefühle menschlich sind – so wie auch meine Gefühle menschlich sind. Weil mir ein Spiegel vorgehalten wird, und ich erbarmungslos gezwungen werde, einen kritischen Blick in ihn zu werfen.

Schön ist es nicht unbedingt, was ich dort zu sehen bekomme.

Doch warum lese ich weiter? Weil ich erleichtert bin: Auch ich darf mir Gefühle zugestehen, die nicht „edel, hilfreich und gut“ sind. Und weil der Autor seine Figuren in all ihrer Menschlichkeit nicht bewertet: Sie werden von ihm nicht verraten, und somit fühle auch ich mich nicht bloßgestellt.

Es fällt mir schwer, die Inhalte der Erzählungen wiederzugeben: Dafür sind die Geschichten auch wieder zu unterschiedlich. Dafür sind die Schicksale der Protagonisten auch wieder zu individuell. Nur eines ist ihnen gemein: Finn-Ole Heinrich pfeift in seinen Geschichten auf den schönen Schein. Seine Geschichten sind klar. Seine Sprache ist klar – und erbarmungslos ehrlich: „Man bekommt, was man sieht!“

Glamour? Glamour muss ich mir woanders suchen! Das hier beschreibt nur das schnöde Leben!


erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442713189

Ein Porträt: Finn-Ole Heinrich

Finn-Ole Heinrich (* 13. September 1982)

bildhaft, melancholisch, sprachgewandt,

cool, sensibel, witzig…

Ich hatte das außerordentliche Vergnügen, Finn-Ole Heinrich bei einer Lesung zu erleben, bei der er uns an seinem großen Erzähltalent (…aber auch großem Vorlese-Talent!) teilhaben ließ. Er schaffte es mühelos, die Grenze zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur zu sprengen. Wobei jeder einzelne von uns die Macht hat, diese Grenze im Kopf niederzureißen: ein gutes Buch ist ein gutes Buch ist ein gutes Buch…!!! Es war eine wunderschöne Lesung, die auch am Tag danach noch „wirkte“! Dankeschön!!!

Wer konnte schon in den 80ern im niedersächsischen Cuxhaven ahnen, dass hier DAS neue, deutsche Erzähltalent heranwächst, nach Abitur und Zivildienst ein Filmregie-Studium in Hannover 2008 mit Diplom beendet, parallel noch Stipendiat des Literatur-Labors Wolfenbüttel ist und 2 Jahre in Folge beim Wettbewerb German International Poetry Slam teilnimmt. Auch als Filmemacher und Drehbuchautor war er erfolgreich aktiv und wurde vielfach ausgezeichnet.

Achja, und so ganz nebenbei erschien 2005 sein erster Erzählband „taschen voll wasser“, gefolgt von seinem Roman „Räuberhände“, der in den Jahren 2013 und 2014 Abiturpflichtthema an allen Hamburger Schulen war.

2011 erschien Heinrichs erstes Kinderbuch „ Frerk, du Zwerg!“, das 2012 den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Kinderbuch gewann und zwischenzeitlich auch auf der Theaterbühne Premiere feierte.

Finn-Ole Heinrich ist nicht nur literarisch, filmisch und theatralisch unterwegs sondern auch höchst musikalisch: So tritt er mit dem Unsortierten Orchester Oldenburg oder Spaceman Spiff auf.

Mit „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt – Mein kaputtes Königreich“ erschien 2013 sein zweites Kinderbuch und der erste Teil seiner Maulina-Trilogie. Dieses kleine Mädchen mit der großen Phantasie schafft sich ihr eigenes Königreich „Mauldawien“ und erlebt erstaunliche Abenteuer. Doch plötzlich ist ihr Reich in Gefahr: Ihre Mutter erkrankt an MS, die Ehe der Eltern zerbricht, und ein Umzug in ein „Plastikhaus“ trennt sie von ihren Freunden…

Finn-Ole Heinrich scheut sich nicht, in seinen Kinderbüchern die ernsten, existentiellen Themen des Lebens anzusprechen: Liebe, Freundschaft, Krankheit, Trauer, Tod – und ist damit in bester Gesellschaft mit der einzigartigen Astrid Lindgren. Er nimmt die Kinder mit ihren Themen ernst!

Sein Erzählstil ist dabei beinah filmisch, gleichzeitig sehr poetisch und gänzlich ohne Pathos.

Kleiner Mann ganz GROSS…!!!


Auswahl seiner Werke:

  • die taschen voll wasser erschienen bei mairisch/ ISBN: 978-3938539019

  • Frerk, du Zwerg! erschienen bei Bloomsbury/ ISBN: 978-3827054760

  • Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt – Mein kaputtes Königreich erschienen bei Hanser/ ISBN: 978-3446243040

  • Helm auf erschienen bei Amiguitos/ ISBN: 978-3943079173

  • Gestern war auch schon ein Tag erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442713189

[Rezension] Finn-Ole Heinrich – Frerk, du Zwerg!/ mit Illustrationen von Rán Flygenring

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„Frerk, du Zwerg!“ rufen die Kinder auf dem Schulhof hinter ihm her. Dabei ist er gar nicht besonders klein – auch nicht besonders groß. Aber es reimt sich,…

…und außerdem ärgern die Kinder ihn gerne – besonders Andi Kolumpeck: Nur weil er aussieht wie sein Vater und gekleidet ist wie sein Vater – dafür sorgt schon seine Mutter. Hätte er einen Hund – einen großen, einen riesengroßen – dann würden die Kinder und besonders der Andi nicht so mit ihm umspringen. Aber einen Hund darf er nicht haben – auch dafür sorgt schon seine Mutter, die hat Allergie und Migräne und auch sonst so allerlei. Das Leben könnte so richtig doof sein, hätte er nicht dieses pelzige Ei gefunden, aus dem bald 5 wunderliche Zwerge schlüpfen…!

…mit Hilfe dieser Zwerge strampelt Frerk sich frei: Er ist nicht mehr das Opfer auf dem Schulhof! Er ist nicht nur die kleinere Kopie seines Vaters! Er muss nicht verhätschelt werden von seiner Helikopter-Mutter. Er ist eine eigenständige Persönlichkeit.

Bunte Bilder, niedliche Illustrationen, possierliche Texte und sonstigen Kinderbuch-Mainstream sucht man bei Finn-Ole Heinrich vergeblich. Sein erstes Kinderbuch ist kantig, es darf kantig sein – das Leben ist eben kantig – auch das Leben eines Kindes – kantig aber nicht hoffnungslos,…

…denn Kinder sind stark, Kinder haben Fantasie.

Fantasie hat auch Rán Flygenring, die schnörkellose und doch detailreiche Illustrationen kreiert.

Fantasie hat natürlich auch Finn-Ole Heinrich, der wunderbar mit Worten spielt, mit seinen Formulierungen Bilder im Geiste des Lesers erschafft und neue Wort-Kreationen erfindet:

„Lach doch mal, lach doch einfach mal, krach drupf murl, im bruzzten rächtäch lurlt brunt wirlt! – Brät! Brät!“

Ein Plädoyer für starke, selbstbewusste und selbstbestimmte Kinder!!!

erschienen bei Bloomsbury/ ISBN: 978-3827054760