[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2026/2027 / Stadttheater Bremerhaven

mit der Sinfonia bzw. Ouvertüre zu LUISA MILLER von Giuseppe Verdi sowie Arien, Songs und Musiken von Bedřich Smetana, Camille Saint-Saëns, Johann Strauss (Sohn), Giuseppe Verdi, Herbert Grönemeyer und Norbert Schultze

mit Ausschnitten aus TRUE CRIME. DIE THOMASKATASTROPHE von Coco Plümer, DIE MAUSEFALLE von Agatha Christie, DIE LEBEN DER ANDERSEN von John von Düffel und Kai Tietje, AALI MUSS LOS von Dita Zippel und Finn-Ole Heinrich, DIDO AND AENEAS – A LOVE STORY? frei nach Henry Purcell sowie aus dem Tanzabend TANZRAUSCH von Kinsun Chan und Alfonso Palencia

Premiere: 5. September 2026 / besuchte Vorstellung: 5. September 2026

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marco Comin, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch
CHOR Kristina Pernat Ščančar
MODERATION Lars Tietje, Marco Comin, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Alfonso Palencia, Markus Tatzig
SZENISCHE EINRICHTUNG Annika Ellen Flindt
REGIEASSISTENZ Finn Lorenz
INSPIZIENZ Mahina Gallinger

Musiktheater: Kellan Dunlap, Timothy Edlin, Victoria Kunze, Boshana Milkov, Kai Preußker, Weilian Wang
Ballett: Melissa Festa, Marco Marongiu, Pedro Alves Marques, Kiko Noguchi, Melissa Panetta, Adrián Sánchez, Ming-Hung Wenig, Dawon Yang, Javier Zotano Bermúdez
Schauspiel: Frank Auerbach, Marscha B Zimmermann, Anna Caterina Fadda, Lotta Hackbeil, Leon Häder, Ulrike Knospe, Kay Krause, Gernot Schmidt, Alexander Smirzitz, Marc Vinzing, Henning Z Bäcker
JUB: Ümran Algün, Sander Lybeer, Coco Plümer, Tobias Sill

Opernchor am Stadttheater Bremerhaven
Kinderchor am Stadttheater Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


Ich hatte diesem Wochenende so sehr entgegengefiebert und vorab vehement Wünsche für den Dienstplan eingefordert, damit auch nichts, absolut gar nichts meiner Teilnahme an der turbulenten Spielzeiteröffnung an meinem Stadttheater Bremerhaven im Wege stand. Und wehe, irgendjemand hätte sich mir in den Weg gestellt…!!!

Die Zuschauer*innen strömten ins Theater. Überall war die Lust auf den Beginn der neuen Spielzeit spürbar. Voller Enthusiasmus begrüßte ich bekannte Gesichter und schmetterte ihnen vergnügt strahlend „Auf ein Neues!“ oder „Schön, dass es wieder losgeht!“ entgegen. Dann saß ich voller Vorfreude endlich wieder im Zuschauersaal, der rote Samtvorhang öffnete sich, und eine weitere Saison voller Theaterzauber sollte beginnen.

Bereits Ende August hatte Marco Comin, der neue GMD am Haus, sein Antrittskonzert mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven vor begeisterten Konzertbesuchern gegeben. Nun stellte er auch seine Qualitäten für das Musiktheater unter Beweis und konnte uns ebenso mit seinem Dirigat der Sinfonia zu LUISA MILLER begeistern. Diese eher selten gespielte Oper von Giuseppe Verdi wird die Spielzeit im Musiktheater eröffnen.

Intendant Lars Tietje führte souverän durch das Programm und holte sich gerne zu den einzelnen Programmpunkten mit Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Alfonso Palencia die Leitung der jeweiligen Sparte auf die Bühne.

So berichtete Alfonso Palencia vom spannenden Entstehungsprozess des dreigeteilten Tanzabends TANZRAUSCH, zu dem er zwei befreundete Choreografinnen eingeladen hat, um dem Publikum wie auch den Tänzer*innen die Möglichkeit zu geben, unterschiedliche Stile erleben zu können. Als Appetizer präsentierte die Ballettcompagnie aus TANZRAUSCH einerseits die Arbeit mit dem Titel „Storm“ der Choreografin Kinsun Chan sowie direkt nach der Pause „Rush Rojo“ von Alfonso Palencia. Die Tänzer*innen erstaunten mich abermals mit einer schier unendlich scheinenden Ausdruckskraft ihrer Körper. Es ist für mich immer wieder faszinierend, wie Musik über den Tanz visualisiert werden kann.

Das Jahr 2027 wird ganz im Zeichen des Stadtjubiläums von Bremerhaven stehen, und so werden auch am Stadttheater Bremerhaven einige Produktionen zu sehen sein, die einen unmittelbaren Bezug zur Stadt haben. Im kleinen Haus startet die Saison mit TRUE CRIME. DIE THOMASKATASTROPHE und erinnert an einen furchtbaren Tag im Dezember 1875 als im Bremerhavener Hafen eine Bombe explodierte. In diesem Live-Hörspiel, bei dem Frank Auerbach, Lotta Hackbeil und Marc Vinzing unzählige Rollen verkörpern und so ihre enorme Wandelbarkeit zeigen, werden die Geräusche von einer Sounddesignerin ebenso live vor Ort produziert. Der hier gezeigte Prolog machte Lust auf diesen sicherlich spannenden Theaterabend.

Davide Perniceni übernahm den Taktstock und somit die musikalische Leitung bei den Arien aus DIE VERKAUFTE BRAUT von Bedřich Smetana. Sopranistin Victoria Kunze gestaltete die beiden Arien „Gern ja will ich dir vertrauen“ und „Wie fremd und tot ist alles um mich her“ mit schlichter Würde und fein dosierter Melancholie und zeigte so überzeugend den Wandel der Figur von „hoffnungsvoll in die Zukunft schauend“ zu „verzweifelnd über den Verlust ihres Liebsten“. Ergreifend!

Natürlich durfte auch in diesem Jahr die Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden, nicht fehlen. Insider werfen einen wissenden Blick auf den Programmzettel. Die Wahrscheinlichkeit ist immer recht hoch, dass der Programmpunkt, der nach der Verleihung an der Reihe ist, im direkten Zusammenhang mit dieser steht. In diesem Jahr nützte mir dieses Wissen „nüscht“, da eine Szene mit acht Schauspieler*innen aus dem Krimi DIE MAUSEFALLE folgen sollte. Es blieb somit auch für mich spannend. Preisträger wurde in diesem Jahr der Schauspieler Leon Häder, der in der vergangenen Spielzeit durch sein exzellentes Spiel überzeugen konnte. Die ausführliche Laudatio der Jury versüßte er – sehr zum Vergnügen des Publikums – mit humoristischen Akzenten in Gestik, Mimik und Haltung. Lieber Leon: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Ich jubilierte inner- wie äußerlich als ich erfuhr, dass ein Kriminalstück von Agatha Christie wieder auf dem Spielplan stehen sollte. Mit Marscha B Zimmermann, Anna Caterina Fadda, Leon Häder, Ulrike Knospe, Kay Krause, Gernot Schmidt, Alexander Smirzitz und Henning Z Bäcker standen nun Künstler*innen auf der Bühne, die in der dargebotenen Szene aus DIE MAUSEFALLE ganz wunderbar Christies Figuren zum Leben erweckten. Es wird mir eine immense Freude sein, mich in „Monkswell Manor“ (wiederholt) einzumieten.

Doch die Würdigungen des Abends waren noch nicht vorbei: In diesem Jahr gab es zusätzlich den Herzlieb-Kohut-Sonderpreis zu vergeben, den der Kinderchor des Stadttheaters für DIDO AND AENEAS – A LOVE STORY? in Empfang nehmen durfte. Mit Unterstützung von Edward Mauritius Münch, Bianca Sue Henne, Katharina Diegritz und Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters erarbeiteten sich die Kinder und Jugendlichen eine sehr eigene, höchst individuelle Variation von Henry Purcells Oper, indem sie dessen Musik mit modernen Songs und persönlichen Gedanken rund um das Thema Liebe kombinierten. Wie sehr die Kids diesen Preis verdient hatten, zeigten sie mit ihrer stimmschönen und emotionalen Interpretation von Herbert Grönemeyers „Demo (Letzter Tag)“. Gänsehaut! Auch an euch: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Dann wurde es plötzlich glitschig: Das JUB – Junges Theater Bremerhaven bringt mit AALI MUSS LOS ein Stück über Veränderung und Abschied aus Sicht der Tiere am und im Fluss auf die Bühne. Daraus boten uns die Schauspieler*innen Ümran Algün, Coco Plümer, Tobias Sill und Sander Lybeer einen äußerst vergnüglichen wie auch erstaunlich beweglichen Ausschnitt.

„Und ewig lockt das Weib“, das war schon in der Bibel so, und so ist es auch noch heute. Mezzosopranistin Boshana Milkov ließ ihre samtene Stimme lockend und gurrend in der Arie „Amour, viens aider ma faiblesse!“ erklingen. Wehe allen Kerlen, die ihrem bezirzenden Ruf verfallen. Die Oper SAMSON ET DALILA von Camille Saint-Saëns kommt als beeindruckendes Konzerterlebnis auf die Bühne.

Deutlich fröhlicher ging es in der Operette EINE NACH IN VENEDIG zu, aus der die beiden Neuzugänge des Musiktheaters Ausschnitte zeigten. Die musikalische Leitung lag in den bewerten Händen von Hartmut Brüsch. Tenor Kellan Dunlop gab mit „Evviva Caramello“ den Barbier Caramello mit leichter flexibler Stimme. Kai Preußker stellte bei „Wenn vom Lido sacht … Pappacoda ist da“ den Makkaronikoch Pappacoda mit seinem charakteristischen Bariton männlich-markant auf die Bretter. Flankiert wurden die Beiden von einem bestens aufgelegten Opernchor.

Es ist immer eine besondere Herausforderung, einen Song zu interpretieren, der im kollektiven Gedächtnis so eng mit der Ursprungsinterpretin verankert ist. Einerseits sollte eine eigene Interpretation gefunden werden, andererseits darf sich auch nicht zu sehr vom Original entfernt werden. Schauspielerin Ulrike Knospe stand sichtbar nervös auf der Bühne. Doch sie gestaltet den bekannten Evergreen „Lili Marleen“ von Lale Andersen so schön und so berührend. Bravo! Als Background-Chor standen ihr die Mannen Frank Auerbach, Marc Vinzing und Henning Z Bäcker mit harmonischem Gesang zur Seite. Auch das Schauspiel mit Musik DIE LEBEN DER ANDERSEN hat wieder einen engen Bezug zur Seestadt und deren Geburtstag.

Mit LUISA MILLER hatte diese Eröffnungsgala begonnen, und mit LUISA MILLER sollte sie nun auch enden. Bei „Ti desta, o Luisa“ zeigten die Sänger*innen des Chores, dass sie nicht nur die leichte Operette beherrschen sondern ebenso im musikalischen Drama brillieren können. Bassbariton Timothy Edlin ließ seine Stimme bei der Arie „Ah! Tutto m´arride … Il mio sangue, la vita darei“ mit fein nuancierter Koloratur erklingen. Weilian Wang brachte seinen potenten Tenor bei „Oh! fede negar potessi … Quando le sere al placido“ vom auftrumpfenden Fortissimo bis zum sensiblen Piano zum Strahlen. So sorgten diese zwei stimmlichen „Schwergewichte“ gemeinsam mit dem Opernchor für den fulminanten Schluss dieser rundum gelungenen Gala.

Beschwingt verließ ich das Theater und machte ich mich bestens gelaunt auf den Heimweg,…


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THEATERFEST 2026 …um nur wenige Stunden später meine Karosse wieder gen Bremerhaven zu lenken: Das Stadttheater Bremerhaven hatte zum Theaterfest geladen und versprach ein pickepackevolles Programm mit Konzerten, Führungen, Besuche der verschiedenen Werkstätten, Einblicke in Proben, Lesungen, div. Workshops, Mitmach-Aktionen für Groß und Klein, einer Mini-Gala und vielem mehr. Da fiel es mir wahrlich schwer, eine Entscheidung zu treffen. Wählte ich den einen Programmpunkt würde ich einen anderen ebenso spannenden aber bedauerlich zeitgleich stattfindenden Programmpunkt verpassen. Luxusprobleme „at its best“!

So wählte ich mit Bedacht. Nach der Begrüßung durch Intendant Lars Tietje lauschte ich sowohl dem Opernchor unter der Leitung der neuen Chordirektorin Kristina Pernat Ščančar wie auch den solistischen Auftritten von Tenor Kellan Dunlap und Mezzosopranistin Boshana Milkov. Der von Boshana Milkov brillant vorgetragene Gershwin-Song „Summertime“ schien beinah programmatisch. Die sommerlichen Außentemperaturen trieben mich ins Theaterinnere direkt zum Kuchenbüfett der Landfrauen („Köstlich!“). Bestens gestärkt wartete ich im Foyer auf den Beginn der Theaterführung mit Sopranistin Victoria Kunze, die uns einmal kreuz, einmal quer durch das Theater führte und neben interessanten Infos zum Theateralltag auch köstliche Anekdoten parat hatte, wozu sie gerne die launige Unterstützung von Chefmaskenbildner Henrik Pecher in Anspruch nahm. Beim öffentlichen Balletttraining bestaunte ich voller Hochachtung abermals die Grazie und die Eleganz der Tänzer*innen.

Apropos Anekdote: Ich bog auf der Seitenbühne um die Ecke und stand unvermutet einem Tisch mit  Lebensmitteln gegenüber. Angewidert blickte ich auf einen Teller und dachte „Wie kann man nur ein Mettbrötchen hier ungekühlt liegen lassen? Da tanzen die Salmonellen vor Freude Samba.“ Ich benötigte einige Sekunden, bis ich registrierte, dass hier die Requisite ihre Kunst der täuschend echten Imitation präsentierte.

Nach einem ereignisreichen Nachmittag voller Begegnungen und Eindrücke trug mich meine brave Karosse müde aber sehr, sehr glücklich wieder zurück in Richtung Heimat.


Mit der Eröffnungsgala und dem Theaterfest beginnt offiziell die SAISON 2026/2027 am Stadttheater Bremerhaven, das mich wieder mit einem vielfältigen Programm begeistert.

[Kolumne] LESUNGEN: …immer eine Freude?!

„Und an manchen Abenden verwandelt sich dieser Ort, wo alles so zueinanderpasst, in Lesebühnen. Wenige Handgriffe genügen, um Tische zu verschieben, Stuhlreihen aufzubauen und aus einem Laden eine kleine Lesebühne zu machen. Dann treten Autorinnen und Autoren auf, lesen aus ihren Werken, nippen am obligatorischen Wasserglas und kommen mit den Gästen ins Gespräch. Keine Performance, kein Event, nein, die intime Erfahrung vorgetragener Texte und das Kennenlernen derjenigen, die sie geschrieben haben.“

(aus DAS BUCH ZUM BUCH von Rainer Moritz)

Gestern war es wieder soweit: Rainer Moritz war zum x-ten Mal zu Gast in der Buchhandlung meines Vertrauens (Die genaue Zahl seiner Besuche kann ich nicht benennen, aber es waren einige). Für mich als passionierter Vor-Leser kam es wieder einer „Fortbildung“ gleich…

Nicht jede*r gute Autor*in ist auch ein*e guter Vor-Leser*in: Diese Erfahrung musste ich leider bei so einigen Lesungen machen – somit verwundert es kaum, dass viele Hörbücher von Schauspieler*innen eingelesen werden. Im Umkehrschluss kann somit ein eher mittelmäßiger Roman von einem guten Vor-Lesenden auch durchaus aufgewertet werden.

Leider mussten wir auch Lesungen über uns ergehen lassen, wo gefühlt NICHTS stimmte. Ich kann mich noch allzu gut an eine Lesung erinnern, bei der ein extrem gelangweilter und unsympathisch wirkender Autor aus seinem neusten (Mach-)Werk las, dabei wenig Kontakt zu seinem Publikum suchte (anscheinend dies auch nicht wünschte) und in seiner arroganten Selbstüberschätzung demonstrierte, dass DIESE Lesung in DIESER Buchhandlung in DIESEM Kaff absolut unter seinem Niveau sei.

Dies sind die wenigen Momente bei denen ich mir bei einer Lesung eine Pause wünsche, um (wenigstens theoretisch) dezent verschwinden zu können. Natürlich sind wir höflich geblieben – schließlich saßen wir in UNSERER Buchhandlung, die sich in UNSEREM heimatlichen Kaff befand – und haben uns über die  Damen-Riege in der ersten Reihe gewundert, die schmachtend dem Autor an den Lippen hingen und jedes gesprochene Wort wie Ambrosia zu inhalieren schienen. Es scheint an dem Gerücht tatsächlich etwas dran zu sein, dass es beim weiblichen Geschlecht einen gewissen Typus gibt, der bei Männern auf A….l…er steht!

Spüre ich, dass ein*e Autor*in mit Herz bei der Sache ist, Spaß an der Lesung hat und zudem seinem Publikum zugewannt ist, dann schaue ich auch gerne über „Mängel“ im Vortrag hinweg und empfinde dies eher als liebenswerte Eigenart einer interessanten Persönlichkeit.

Wenn ein*e gute*r Autor*in aber auch gleichzeitig ein*e gute*r Vor-Leser*in ist, dann wird es himmlisch. Dann wird aus einer „Fortbildung“ das pure Vergnügen, und ich lausche völlig verzückt meinen VOR-Bildern der VOR-lesenden Zunft, wie z. Bsp. Karsten Dusse, Elke Heidenreich, Finn-Ole Heinrich, Melanie Raabe, Rafik Schami oder…

…Rainer Moritz, die mit einem sympathischen Auftreten, seiner erfrischenden, humorvollen Art und einer positiven Ausstrahlung uns wieder einen unterhaltsamen Abend schenkte – auch dank UNSERER Buchhandlung in UNSEREM Kaff.

Vielen, herzlichen Dank!

„Bücher kauft man am Scharmbecker Bach, nicht am Amazonas.“ – BUY LOCAL

MONTAGSFRAGE #66: Können Autoren in mehreren Genres brillieren?

Als ich die heutige Montagsfrage von Antonia las, hatte ich sofort einen Namen im Kopf und kann somit diese Frage kurz & knackig mit einem überzeugtem „JA!“ beantworten.

Der große, einzigartige und von mir hochverehrte Erich Kästner war ein „Hans Dampf in allen Gassen“: ob Prosa oder Lyrik, ob Kabarett oder Drehbuch, ob humorvoll oder sozialkritisch, ob für die Kleinen oder für die Großen – Kästner kann’s! (vielmehr: Er konnte es!). Dabei traf er immer den richtigen Ton, blieb aber – auch in den Kinderbüchern – seiner literarischen Linie treu und verriet nie seine Überzeugung. So war er Humorist ebenso wie Mahner von Missständen, Unterhalter ebenso wie Kritiker an der Gesellschaft. Schon vor einiger Zeit habe ich Euch hier auf meinem Blog sein Werk vorgestellt, dass ich jeder/m wärmstens ans Herz legen möchte. So verwundert es nicht, dass eines seiner Werke zur illustren Runde der Bücher meines Lebens zählt,…

…und während ich diese Zeilen schreibe, fällt mir noch ein weiterer Name ein: Finn Ole Heinrich zählt zur neuen, wilden Schriftsteller-Generation, der mit einer schlafwandlerischen Selbstsicherheit zwischen Kinder- und Erwachsenen-Literatur pendelt, mit seinen Stücken auch die Bühnen der Republik erobert, und von dem wir sicherlich noch einiges erwarten dürfen.

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ Erich Kästner

…und mit den weisen Worten des großen Meisters möchte ich Euch in eine möglichst angenehme Woche entlassen.

…???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Finn-Ole Heinrich – Gestern war auch schon ein Tag

Sympathisch sind sie mir nun nicht gerade – die Protagonisten in Finn-Ole Heinrichs Erzählungen. Mit keinem von ihnen würde ich einen Abend verbringen wollen. Aber der Autor möchte auch nicht anbiedernd Sympathie beim Leser erhaschen. Kantig sind sie – kantig und schnörkellos. Und dabei so echt und so weit entfernt vom Gut-Menschen.

Lieber würde ich über Gut-Menschen lesen: Es wäre für mich einfacher. Aber „einfacher“ will der Autor auch nicht sein. Er möchte unangenehm sein, seine Geschichten sollen unangenehme Emotionen beim Leser auslösen. Das Lesen dieser Erzählungen kratzt an der schönen Oberfläche des Lesers.

Aber warum empfinde ich es als unangenehm? Weil es wahrhaftig ist! Weil seine Protagonisten mit Emotionen kämpfen, die mir so vertraut sind. Weil sie Menschen sind, und somit ihre Gefühle menschlich sind – so wie auch meine Gefühle menschlich sind. Weil mir ein Spiegel vorgehalten wird, und ich erbarmungslos gezwungen werde, einen kritischen Blick in ihn zu werfen.

Schön ist es nicht unbedingt, was ich dort zu sehen bekomme.

Doch warum lese ich weiter? Weil ich erleichtert bin: Auch ich darf mir Gefühle zugestehen, die nicht „edel, hilfreich und gut“ sind. Und weil der Autor seine Figuren in all ihrer Menschlichkeit nicht bewertet: Sie werden von ihm nicht verraten, und somit fühle auch ich mich nicht bloßgestellt.

Es fällt mir schwer, die Inhalte der Erzählungen wiederzugeben: Dafür sind die Geschichten auch wieder zu unterschiedlich. Dafür sind die Schicksale der Protagonisten auch wieder zu individuell. Nur eines ist ihnen gemein: Finn-Ole Heinrich pfeift in seinen Geschichten auf den schönen Schein. Seine Geschichten sind klar. Seine Sprache ist klar – und erbarmungslos ehrlich: „Man bekommt, was man sieht!“

Glamour? Glamour muss ich mir woanders suchen! Das hier beschreibt nur das schnöde Leben!


erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442713189

Ein Porträt: Finn-Ole Heinrich

Finn-Ole Heinrich (* 13. September 1982)

bildhaft, melancholisch, sprachgewandt,

cool, sensibel, witzig…

Ich hatte das außerordentliche Vergnügen, Finn-Ole Heinrich bei einer Lesung zu erleben, bei der er uns an seinem großen Erzähltalent (…aber auch großem Vorlese-Talent!) teilhaben ließ. Er schaffte es mühelos, die Grenze zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur zu sprengen. Wobei jeder einzelne von uns die Macht hat, diese Grenze im Kopf niederzureißen: ein gutes Buch ist ein gutes Buch ist ein gutes Buch…!!! Es war eine wunderschöne Lesung, die auch am Tag danach noch „wirkte“! Dankeschön!!!

Wer konnte schon in den 80ern im niedersächsischen Cuxhaven ahnen, dass hier DAS neue, deutsche Erzähltalent heranwächst, nach Abitur und Zivildienst ein Filmregie-Studium in Hannover 2008 mit Diplom beendet, parallel noch Stipendiat des Literatur-Labors Wolfenbüttel ist und 2 Jahre in Folge beim Wettbewerb German International Poetry Slam teilnimmt. Auch als Filmemacher und Drehbuchautor war er erfolgreich aktiv und wurde vielfach ausgezeichnet.

Achja, und so ganz nebenbei erschien 2005 sein erster Erzählband „taschen voll wasser“, gefolgt von seinem Roman „Räuberhände“, der in den Jahren 2013 und 2014 Abiturpflichtthema an allen Hamburger Schulen war.

2011 erschien Heinrichs erstes Kinderbuch „ Frerk, du Zwerg!“, das 2012 den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Kinderbuch gewann und zwischenzeitlich auch auf der Theaterbühne Premiere feierte.

Finn-Ole Heinrich ist nicht nur literarisch, filmisch und theatralisch unterwegs sondern auch höchst musikalisch: So tritt er mit dem Unsortierten Orchester Oldenburg oder Spaceman Spiff auf.

Mit „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt – Mein kaputtes Königreich“ erschien 2013 sein zweites Kinderbuch und der erste Teil seiner Maulina-Trilogie. Dieses kleine Mädchen mit der großen Phantasie schafft sich ihr eigenes Königreich „Mauldawien“ und erlebt erstaunliche Abenteuer. Doch plötzlich ist ihr Reich in Gefahr: Ihre Mutter erkrankt schwer, die Ehe der Eltern zerbricht, und ein Umzug nach „Plastikhausen“ trennt sie von ihren Freunden…

Finn-Ole Heinrich scheut sich nicht, in seinen Kinderbüchern die ernsten, existentiellen Themen des Lebens anzusprechen: Liebe, Freundschaft, Krankheit, Trauer, Tod – und ist damit in bester Gesellschaft mit der einzigartigen Astrid Lindgren. Er nimmt die Kinder mit ihren Themen ernst!

Sein Erzählstil ist dabei beinah filmisch, gleichzeitig sehr poetisch und gänzlich ohne Pathos.

Kleiner Mann ganz GROSS…!!!


Auswahl seiner Werke:
  • die taschen voll wasser erschienen bei mairisch/ ISBN: 978-3938539019
  • Frerk, du Zwerg! erschienen bei Bloomsbury/ ISBN: 978-3827054760
  • Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt – Mein kaputtes Königreich erschienen bei Hanser/ ISBN: 978-3446243040
  • Helm auf erschienen bei Amiguitos/ ISBN: 978-3943079173
  • Gestern war auch schon ein Tag erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442713189

[Rezension] Finn-Ole Heinrich – Frerk, du Zwerg!/ mit Illustrationen von Rán Flygenring

„Frerk, du Zwerg!“ rufen die Kinder auf dem Schulhof hinter ihm her. Dabei ist er gar nicht besonders klein – auch nicht besonders groß. Aber es reimt sich,…

…und außerdem ärgern die Kinder ihn gerne – besonders Andi Kolumpeck: Nur weil er aussieht wie sein Vater und gekleidet ist wie sein Vater – dafür sorgt schon seine Mutter. Hätte er einen Hund – einen großen, einen riesengroßen – dann würden die Kinder und besonders der Andi nicht so mit ihm umspringen. Aber einen Hund darf er nicht haben – auch dafür sorgt schon seine Mutter, die hat Allergie und Migräne und auch sonst so allerlei. Das Leben könnte so richtig doof sein, hätte er nicht dieses pelzige Ei gefunden, aus dem bald 5 wunderliche Zwerge schlüpfen…!

…mit Hilfe dieser Zwerge strampelt Frerk sich frei: Er ist nicht mehr das Opfer auf dem Schulhof! Er ist nicht nur die kleinere Kopie seines Vaters! Er muss nicht verhätschelt werden von seiner Helikopter-Mutter. Er ist eine eigenständige Persönlichkeit.

Bunte Bilder, niedliche Illustrationen, possierliche Texte und sonstigen Kinderbuch-Mainstream sucht man bei Finn-Ole Heinrich vergeblich. Sein erstes Kinderbuch ist kantig, es darf kantig sein – das Leben ist eben kantig – auch das Leben eines Kindes – kantig aber nicht hoffnungslos,…

…denn Kinder sind stark, Kinder haben Fantasie.

Fantasie hat auch Rán Flygenring, die schnörkellose und doch detailreiche Illustrationen kreiert.

Fantasie hat natürlich auch Finn-Ole Heinrich, der wunderbar mit Worten spielt, mit seinen Formulierungen Bilder im Geiste des Lesers erschafft und neue Wort-Kreationen erfindet:

„Lach doch mal, lach doch einfach mal, krach drupf murl, im bruzzten rächtäch lurlt brunt wirlt! – Brät! Brät!“

Ein Plädoyer für starke, selbstbewusste und selbstbestimmte Kinder!!!

erschienen bei Bloomsbury/ ISBN: 978-3827054760