[Konzert] Adventskonzert MERRY CHRISTMAS / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy, Georg Friedrich Händel, Tom A. Kennedy, César Franck, Morten Lauridsen, Johann Sebastian Bach, Gustav Holst, Georges Bizet, Jesse Edgar Middleton, James Bobby, John Williams sowie traditionelle Weihnachtslieder

Premiere: 30. November 2025/ besuchtes Konzert: 27. Dezember 2025

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


DIRIGENT & MODERATION Hartmut Brüsch 
CHOR Edward Mauritius Münch
SOLIST:INNEN  Meredith Hoffmann-Thomson, Boshana Milkov, Weilian Wang, Timothy Edlin

Opernchor des Stadttheaters Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Kinderchor des Stadttheaters Bremerhaven
Kinder- und Jugendchöre der Musikschule Geestland

ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz
EINSTUDIERUNG KINDER- UND JUGENDCHÖRE DER MUSIKSCHULE GEESTLAND Gabriele Brüsch


An den Tagen zwischen den Feiertagen habe ich in jedem Jahr erneut das Gefühl, als würde sich die Welt langsamer drehen, so als würde sie – nur für diese wenigen Tage – ausgebremst werden. Natürlich ist mir bewusst, dass dies leider nicht der Fall ist: Die Welt dreht und dreht und dreht sich unbeirrbar, und irgendwo auf ihr passieren ungeheure Ungerechtigkeit – auch jetzt in diesem Moment, in dieser Sekunde.

Doch ich brauche am Ende eines ereignisreichen Jahres diese kurze Zeitspanne so sehr, um atmen zu können, zur Ruhe zu kommen und auch um zu träumen. Die Wochen vor Weihnachten brachten mir noch eine gehörige Portion Aufregung und sorgten so für reichlich Verwirrung. Doch nun waren alle Unsicherheiten beseitigt, und auch die vor-weihnachtliche Hektik war von mir abgefallen. Entsprechend entspannt machte ich mich auf den Weg in Richtung Bremerhaven, um einen Tag nach Weihnachten beim Adventskonzert MERRY CHRISTMAS die besinnliche Zeit nochmals „nachzuschmecken“. Der Weihnachtsmarkt in der Seestadt dauert traditionell bis zum 30. Dezember an, und so drehte sich auf dem Theodor-Heuss-Platz vor dem Theater immer noch das bunt beleuchtete Riesenrad. Von den geschmückten Buden wehten köstliche Düfte zu mir herüber: Bratwürstchen und Churros munden auch nach Weihnachten gar köstlich!

Nachdem der Leib im ausreichenden Maße gefüttert wurde, waren nun Herz und Hirn an der Reihe, um genussvoll gesättigt zu werden. Magnetisch zog mich das warme Licht durch die geöffneten Türen ins Innere des Theaters, wo zahlreiche Weihnachtsbäume und Lichterketten für ein festliches Ambiente sorgten. Auf der stimmungsvoll dekorierten Bühne hatten bereits vereinzelt Musiker*innen des Philharmonischen Orchester Platz genommen, um an ihren Instrumenten die eine oder andere tückische Passage nochmals zu üben.

Peu à peu füllte sich das Orchesterpodium. Das Licht im Zuschauersaal wurde gedimmt, und unter Applaus betrat der musikalische Leiter Hartmut Brüsch mit den Sänger*innen des Opernchors die Bühne, um gemeinsam das Konzert mit „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ von Felix Mendelsohn Bartholdy musikalisch prachtvoll zu eröffnen. Hartmut Brüsch erwies sich abermals als versierter Moderator, der es verstand, Wissen so leicht und humorvoll zu vermitteln, das wir im Publikum kaum wahrnahmen, dass wir etwas lernten.


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Das Programm führte uns durch 400 Jahre Musikgeschichte (vom Barock über die Romantik zu zeitgenössischen Werken), ließ uns musikalisch – neben Deutschland – auch Länder wie England, USA, Kanada und Frankreich bereisen und war so imposant gefüllt mit so vielen bemerkenswerten Momenten, dass es mir unmöglich ist, die mitwirkenden Künstler*innen für alle ihrer Darbietungen gebührend zu würdigen.

Boshana Milkovs samtener Mezzo umschmeichelte mit feiner Koloratur insbesondere die Oboe bei „Bereite dich, Zion“ aus WEIHNACHTSORATORIUM von Johann Sebastian Bach. Weilian Wangs schön timbrierter Tenor schien bei „Panis Angelicus“ von César Franck mit dem Klang des Orchesters zu verschmelzen. Sopranistin Meredith Hoffmann-Thomson entzückte mit einem zauberhaft beseelten „In the Bleak Midwinter“ von Gustav Holst. Timothy Edlin gestaltete mit seinem warmen Bass äußerst gefühlvoll „O little Town of Bethlehem“ und bot so dem nachfolgenden Kinderchor einen wunderbaren Einstieg in seinen ersten Auftritt.

Der Kinderchor setzte sich aus dem Kinderchor des Stadttheaters Bremerhaven (Einstudierung: Edward Mauritius Münch und Katharina Diegritz) und den Kinder- und Jugendchören der Musikschule Geestland (Einstudierung: Gabriele Brüsch) zusammen, der die englischen Carols ebenso entzückend zu Gehör brachte wie zu einem späteren Zeitpunkt die deutschen traditionellen Weihnachtslieder. Manche Kinder und Jugendlichen waren so hochkonzentriert bei der Sache, dass ihnen vor Aufregung der Text entfiel. Ich erkannte es an ihrem leicht verschreckten Gesichtsausdruck, was mir ein verständnisvolles Schmunzeln entlockte. Zumal sie bravourös auch anspruchsvolle Chorpartien meisterten, so das älteste kanadische Weihnachtslied „The Huron Carol“ von Jesse Edgar Middleton, das sie gemeinsam mit dem Opernchor a cappella vortrugen.

Auch das mystisch-sphärische „O Magnum Mysterium“ von Morten Lauridsen erklang stimmgewaltig a cappella durch den Opernchor. Beim würdigen Finale mit „Merry Christmas“ aus KEVIN ALLEIN IN NEW YORK von John Williams verband sich die orchestrale Kraft des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven mit dem brillanten Gesang der Sänger*innen des exzellenten Opernchors.

Traditionell endete auch dieses ADVENTSKONZERT mit einem fulminanten Chor – bestehend aus Solist*innen, Opern- und Kinderchor sowie den 685 Zuschauer*innen – im gänzlich ausverkauften Großen Haus des Stadttheaters Bremerhaven. Mit „Stille Nacht, heilige Nacht“ und „Dat Joahr geiht to End“ endete ein so beglückendes Konzert, das mich beseelt nach Hause fahren ließ und einen versöhnlichen Abschluss für dieses herausfordernde Jahr bildete.

„Du denkst still bi di: Wedder een Joahr vorbi,
un wat wür, wür dat schlecht oder good?“

Ich sende ein großes Dankeschön an alle, die dieses wunderbare Konzert möglich gemacht haben: Euch ist es zu verdanken, dass ich nun zuversichtlicher in mein persönliches Neues Jahr 2026 blicke!


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!

[Rezension] Johanna Lindemann – DIE GESTOHLENE WEIHNACHTSGANS/ mit Illustrationen von Andrea Stegmaier

Nun ist er bald da, innig herbeigesehnt und doch so manches Mal gewiss auch verflucht: der Heiligabend. Ich hoffe doch sehr, dass ihr alles, was erledigt werden musste, erledigen konntet, dass alles, was für ein feierliches Weihnachten benötigt wird, längst besorgt wurde. Dann steht hoffentlich einem entspannten Weihnachtsfest nichts mehr im Wege. Oder vielleicht doch noch…?

Bei Emma und ihren Eltern soll dieses Weihnachten alles ganz besonders perfekt sein. Das führt zu sehr viel Stress in der doch eigentlich besinnlichen Zeit. Als auch noch die Weihnachtsgans verschwindet, ist das Chaos komplett. Die Nachbarn haben nichts gesehen. Die Supermärkte haben schon geschlossen. Warum nicht einfach mal Spaghetti an Heiligabend? Doch plötzlich klingelt es an der Tür: Der Reihe nach trudeln Nachbarn ein, bringen Essen mit und alle feiern gemeinsam. So wird es schließlich ein richtig schönes und besonderes Weihnachtsfest.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Was passiert eigentlich alles in dieser Geschichte? Oberflächlich betrachtet passiert nicht viel – doch schaut man genauer hin, dann passiert da eine ganze Menge. Autorin Johanna Lindemann bastelte – in lässiger Anlehnung an die Geschichte von Jesu Geburt – eine charmante Story um ein wunderbar perfekt unperfektes Weihnachtsfest, die erfreulich normal erscheint, wenig Weihnachts-Kitsch dafür umso mehr Weihnachts-Gefühl präsentiert und mir sehr viel Spaß bereitete.


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Wie bei jedem guten Bilderbuch „erzählen“ die Illustrationen vieles, was der Text verschweigt, auch verschweigen kann und darf. Dabei bleiben einige Fakten wohltuend ungenannt: So wird weder im Text erwähnt, dass es sich bei den Nachbarn aus dem zweiten Stock um ein schwules Paar handelt, noch das die Familie aus dem ersten Stock Migranten zu sein scheinen. Warum wird es nicht erwähnt? Weil es schlicht und ergreifend keine Rolle spielt bzw. keine Rolle spielen sollte. Da wird mit einer erfrischenden Leichtigkeit und einer erfreulichen Selbstverständlichkeit Diversität gezeigt, ohne, dass ich als Betrachter ständig das Gefühl habe, es würde ein imaginärer grell leuchtender Hinweispfeil penetrant darauf aufmerksam machen (Blink! Schaut her, wir sind divers! Blink!).

Gemeinsam mit der Illustratorin Andrea Stegmaier porträtiert die Autorin die Hausbewohner als liebenswerte Typen (durchaus mit einem humorvollen Augenzwinkern), die gemeinsam ein schönes Weihnachtsfest feiern möchten, zu dessen Gelingen jede*r mit Freude etwas beiträgt. Die Illustrationen von Andrea Stegmaier erfreuen sowohl die Jüngsten durch ihre bunte Vielfalt, aber auch die Reiferen werden beim Betrachten der vielen liebevollen Details ihren Spaß haben.

Zudem liebe ich Bilderbücher, die zur offensichtlichen Hauptgeschichte zusätzlich noch eine weitere Ebene bedienen: Emmas liebstes Kuscheltier scheint ein Plüsch-Fuchs zu sein, der in den Bildern immer wieder an allen möglichen und unmöglichen Stellen auftaucht. Da fühlte ich mich geradezu herausgefordert, dass ich – gemäß dem Motto „Finde den Fuchs“ – aktiv werde und mich auf die Suche durch die Illustrationen begebe. Dabei ertappte ich mich doch tatsächlich selbst dabei, dass ich leise die Melodie zu „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ summte.

ACHTUNG SPOILER Schlussendlich erfahren wir dann doch noch, wer die Weihnachtsgans gestohlen hat. Soviel sei verraten: Es war niemand von den Hausbewohner*innen, aber das hatte ich von vornerein bereits ausgeschlossen.


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219118995

[Noch ein Gedicht…] Rudolf Kinau – KUJEES KUMMT GLIEK

„Een Viddelstündn kann’t woll noch du’rn!“
hett Mudder eben segt.
He kümmt nu bald. Man good, – dütt Lu’rn
Dat is mi goarne recht.
Ick hebb vör em keen Angst dütt Joahr,
dat hebbt jo blooß de Görn.
Ick bin man bang‘, dat geiht ne kloar,
ick krieg den Wind van vörn,
van Vadder her. Wenn he dat sühtt, –
mien Büx is achter twei,
mien sünndogs Büx. Ach, wenn ick sitt,
denn is’t jo eenerlei.

Wenn de Kujees hier frogen deit:
„Na, mokt de Jung sick good?“
Un Mudder segt: „Ach jo, dat geiht!“
Denn krieg ick jo woll Noot,
un rappel mien Gebett gau her,
as wenn ick updreiht bün. –
Blooß denn, — denn schall ick no de Dör, –
denn mütt ick doar jo hin,
un mütt mien Fatt mit Appeln holn
un allerhand wat Nees
un mit son „Diener“ glich betolhn:
„Mein Dank ook, Herr Kujees!“

Un Vadder – steiht dann achter mi, –
Un sühtt mien tweide Büx, — ?
Ach ne, Kujees,- goh man vöörbi!
Ick bruk dütt Joahr mol nix!

Rudolf Kinau

(Kujees =Wienachtsmann/Weihnachtsmann)

[Rezension] David Wagner – ALLE JAHRE WIEDER

ALLE JAHRE WIEDER ist nicht nur der Titel eines beliebten Weihnachtsliedes. Es könnte auch so treffend als Überschrift für lang gepflegte Weihnachtstraditionen, die wir wie selbstverständlich und ohne zu hinterfragen Jahr für Jahr zelebrieren, gelten. Eine (vielleicht sogar nur minimale) Änderung im gewohnten Ablauf wird da schon als drastische Störung empfunden und hätte das Potential, massive Familiendramen auszulösen…

Kommst du Weihnachten nach Hause? Und was wünschst du dir? Mit diesen Fragen beginnt ein Telefongespräch zwischen einem Vater und seiner erwachsenen Tochter. Humorvoll und leichtfüßig diskutieren die beiden, wer wo mit welchem Elternteil das Fest verbringt und wie Weihnachten heute überhaupt gefeiert werden soll: mit geschmückten Baum oder ohne? Vegetarisch oder doch mit Braten? Mit Jingle Bells oder Stille Nacht, Christkind oder Weihnachtsmann? So wie früher oder ganz anders? In berührendes Nachdenken darüber, was Weihnachten ausmacht und immer wieder besprochen werden muss.

 (Inhaltsangabe dem Klappentext des Buches entnommen!)

„Kommst du Weihnachten nach Hause?“

So startet dieser charmante Dialog. Welches erwachsene Kind hat diese Frage von einem Elternteil nicht schon gestellt bekommen? Manchmal habe ich diese Frage regelrecht gefürchtet. Da war ich selbst bereits in einem Alter, indem ich eine Familie hätte gegründet haben können und wo ein enger Freundeskreis sich etabliert hatte. Da würde manche*r von uns gerne die Chance erhalten, eigene Weihnachtstraditionen zu kreieren und zu festigen. Und gleichzeitig gibt es da dieses Dürsten nach der Vergangenheit, wo man mit glänzenden Kinderaugen zuerst den Christbaum und dann die Geschenke bestaunt hat, und von dem bis heute das Gefühl, dass früher alles besser war, zurückgeblieben ist. Ich weiß sehr wohl, dass früher nicht alles besser war, aber die Empfindung fühlt sich gut an.

David Wagner lässt Vater und Tochter miteinander all diese Fragen diskutieren. Obwohl: Sie diskutieren nicht, vielmehr entspinnt sich ein unaufgeregtes Gespräch über „heute“ und „damals“. Da werden Erinnerungen über vergangene Weihnachtsfeste ausgetauscht, die beide teilweise recht unterschiedlich wahrgenommen haben. Da geht es durchaus sehr viel um Traditionen aber auch um die Erforschung der eigenen Wurzeln. Es gab viele, viele schöne weihnachtliche Momente. Doch sie können nicht über die Krisen und Fehlentscheidungen im Leben hinwegtäuschen und lassen – manchmal nur in einer kleinen Bemerkung – Melancholie in diesem Dialog zweier Generationen anklingen.

„Wie passend!“ dachte ich, als ich dies zwischen den Zeilen erspürte. Melancholie und Weihnachten gehören für mich zusammen. Dabei ist es für mich durchaus eine sehnende aber keine erdrückende Melancholie und sorgt dafür, dass mein Weihnachten nie grell und bunt wird, vielmehr zart und still und darum so schön.

Ebenso still gestaltet sich dieses Telefonat: In der Vergangenheit lief nicht immer alles glatt zwischen Vater und Tochter, aber beide haben dies scheinbar bewältigt und einen wunderbaren Weg gefunden, miteinander umzugehen. Aus ihrem Dialog ist eine Menge Respekt, reichlich Toleranz und ganz viel Liebe herauslesbar. Das vorwurfsvolle Begleichen alter Rechnungen ist nicht nötig, da sie mit sich und miteinander im Reinen sind.

So endet dieses Telefonat auch mit der (von mir erwarteten) Antwort auf die Eingangsfrage:

„Klar komme ich. Ist doch Weihnachten.“


erschienen bei edition chrismon / ISBN: 978-3960383215

[Noch ein Gedicht…] August Heinrich Hoffmann von Fallersleben – LIED DES NUSSKNACKERS

König Nussknacker, so heiß ich.
Harte Nüsse, die zerbeiß ich.
Süße Kerne schluck ich fleißig.
Doch die Schalen, ei, die schmeiß ich
Lieber andern hin,
Weil ich König bin.
Aber seid nicht bang!
Zwar mein Bart ist lang
Und mein Kopf ist dick
Und gar wild mein Blick.
Doch was tut denn das?

Tu keinem Menschen was,
Bin im Herzensgrund,
Trotz dem großen Mund,
Ganz ein guter Jung,
Lieb Veränderung,
Amüsier mich gern
Wie die großen Herrn.
Arbeit wird mir schwer,
Und dann mag ich sehr
Frommen Kindersinn,
Weil ich König bin.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

[Rezension] SCHAURIGE WEIHNACHTEN. Klassische Horror- und Geistergeschichten/ ausgewählt von Jochen Veit

Wenn die Dunkelheit früh hereinbrach, der Wind unheimlich um das Haus heulte und die Schneeflocken wilde Tänze vollführten, dann saßen im England der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dem so genannten viktorianischen Zeitalter, die Menschen am Weihnachtsabend gerne am prasselnden Kaminfeuer beisammen und erzählten sich Schauergeschichten. Wurden die Geschichten anfangs nur mündlich weitergetragen, fanden mit der steigenden Popularität gedruckter Zeitungen und Zeitschriften die Gothic Novels eine weitverbreitete Anhängerschaft.

Sieben dieser klassischen Horror- und Geistergeschichten hat Herausgeber Jochen Veit in SCHAURIGE WEIHNACHTEN vereint: Amelia B. Edwards lässt in DIE GEISTERKUTSCHE einen im Schneesturm verirrten jungen Mann in eine unheimliche Mitfahrgelegenheit steigen. Bei Arthur Conan Doyle treibt DER CAPTAIN DER POLE STAR mit seinem unberechenbaren Verhalten seine Besatzung beinah zur Meuterei. In DAS ALTE PORTRÄT von Hume Nisbet verbirgt sich hinter den vielen Farbschichten eines alten Bildes das Porträt einer nach Blut dürstenden jungen Dame. Bei Lettice Galbraith verbirgt DAS BLAUE ZIMMER ein tödliches Geheimnis, dem nur Frauen zum Opfer fallen, die es wagen, dort eine Nacht zu verbringen. DAS OMEN DES SCHATTENS beschwört Edith Nesbit herauf, indem bei ihr das Böse fließend von Schatten zu Schatten husch, um dort ihrem Opfer aufzulauern. DER SEESACK eines Mörders beginnt in der Geschichte von Algernon Blackwood ein höchst gruseliges Eigenleben zu führen. In D.H. Lawrences WER ZULETZT LACHT, lacht niemand am besten. Vielmehr wirkt hier das Lachen äußerst bedrohlich.

Jochen Veit hat hier eine feine Auswahl an Erzählungen getroffen, wo jede ihren Grusel aus einer anderen Quelle bezieht. Dies macht einerseits diese Anthologie so abwechslungsreich, andererseits wird auch gekonnt mit den Ängsten der Leser*innen gespielt, da suggeriert wird, dass das Grauen überall auf der Lauer liegen könnte. Dabei dienen das Weihnachtsfest und der Winter als Jahreszeit eher nur als atmosphärische Kulissen und nehmen weniger einen entscheidenden Einfluss auf den Ablauf der Geschichten.

Ich mag sehr gerne den Erzählstil der damaligen Zeit, der einen sehr eigenen Sprachduktus aufweist: Da wird mit Andeutungen gearbeitet, Nebensächlichkeiten erregen Aufmerksamkeit, hinter Alltäglichem wird der Horror vermutet. Zudem waren die Autor*innen von Damals durch das Schreiben der Fortsetzungsgeschichten für die bereits erwähnten Zeitungen und Zeitschriften so gut geschult, dass sie ganz genau wussten, was zu tun ist, um sich Folge für Folge die Aufmerksamkeit der Leserschaft zu sichern.

Dabei spielte es für mich keine Rolle, ob ich alles in den Geschichten nachvollziehbar fand: Gerade das Unvorhersehbare, das Unerklärliche, das Irrationale lösten bei mir den größten Schauer aus.


erschienen bei Anaconda / ISBN: 978-3730614044 / in der Übersetzung von Marion Herbert, Heike Holtsch und Jochen Veit