[Oper] Astor Piazzolla – MARÍA DE BUENOS ÄIRES / Stadttheater Bremerhaven

Tango-Operita von Astor Piazzolla / Text von Horacio Ferrer / in Originalsprache

Premiere: 27. April 2019 / besuchte Vorstellung: 10. Mai 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Ektoras Tartanis
Inszenierung: Sergei Vanaev / Ulrich Mokrusch
Choreographie: Sergei Vanaev

Bühne & Kostüme: Darko Petrovic


Kurz vor Vorstellungsbeginn tritt Juliane Piontek, leitende Dramaturgin am Haus, vor den Vorhang: Nein! Sie kann uns beruhigen! Niemand ist erkrankt! Es ist ihr nur ein Bedürfnis bei diesem besonderen Stück einige Worte vorweg zu sagen. Diese Tango Operita wird in der Originalsprache vorgetragen. Nun ist der Text von Horacio Ferrer so blumig, facettenreich und voller Metaphern, dass eine Übersetzung schier unmöglich scheint. Darum hat das Stadttheater Bremerhaven sich entschlossen auf die üblichen Texteinblendungen zu verzichten, dafür vor jedem Bild dessen Inhalt knapp wiederzugeben,…

…und diese Entscheidung war goldrichtig: Statt – mit der potentiellen Gefahr einer Genickstarre – zwischen Bühnengeschehen und Texteinblendung hin und her zu zwitschen, konzentrierten wir uns ganz auf die Musik und den Tanz…!

Ein Bandoneon wimmert, und El Duende erscheint, um die Geschichte von María zu erzählen. Mit seiner Stimme beschwört er die Geister der Vergangenheit herauf. María tritt auf und berichtet von ihrem Leben, ihrem Leiden und dem Tod. Sie war Heilige und Hure in den Gassen von Buenos Aires, wurde begehrt und verurteilt und hat im Elend ihrer Heimatstadt vergeblich ihr Glück gesucht. Selbst im Tod findet sie keine Ruhe, lebt als Schatten weiter und wird immer wieder von einem Payador besungen – bis sie den Ruf El Duendes erhört: Sie ist zur Wiedergeburt bereit!

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Eine Oper im herkömmlichen Sinn ist dieses Werk nicht: Wer die großen Arien und einen bombastischen Chor erwartet, wird enttäuscht werden – vielmehr tritt der Gesang zugunsten der Musik und des Tanzes zurück.

Hier findet sich die große Anziehungskraft dieses Werkes: Die Musik von Astor Piazzolla ist melancholisch, sehnsuchtsvoll und voller Leidenschaft, schwebt sanft dahin, um im nächsten Moment mit bombastischer Kraft zuzuschlagen. Der Tango wird zelebriert, zitiert und auch karikiert.

Auch wenn Benno Ifland (El Duende) und Vikrant Subramanian (Payador) hervorragend agierten, und Patrizia Häusermann (María) mit Stimme, Präsenz und tänzerischem Können beeindruckte, so waren die wahren Stars des Abend das vorzügliche Tango-Orchester unter der Leitung von Ektoras Tartanis und das wunder-wunderbare Ballett-Ensemble. Die Tänzerinnen und Tänzer zauberten in der Choreographie von Sergei Vanaev Atmosphäre herbei, setzen ihre Bewegungen zwischen Dramatik und Erotik ein und haben es wahrlich verdient, hier einzeln erwähnt zu werden: Lidia Melnikova, Alícia Navas Otero, Rena Somehara, Larissa Tritten, Ting-Yu Tsai, Edward Hookham, Volodymyr Fomenko, Ilario Frigione, Stefano Neri und Oleksandr Shyryayev.

Astor Piazzollas einzige Oper ist eine große Liebeserklärung an seine Heimatstadt Buenos Aires und eine Verbeugung vor dem Tango – dem Tanz, der Zärtlichkeit und Aggressivität, Hingabe und Arroganz, Lust und Schmerz in sich vereint.

Dem „kleinen“ Stadttheater Bremerhaven verdanken wir wieder einen aufregenden und inspirierenden Theaterabend.


MARÍA DE BUENOS AIRES wird ihr Publikum am Stadttheater Bremerhaven noch bis zum Ende der Spielzeit 2018/19 begeistern!

[Rezension] Birand Bingül – Der Hodscha und die Piepenkötter

Passend zu den anstehenden Wahlen am 26. Mai (Neben der Europawahl wird in einigen Bundesländern auch der Land- bzw. Kreistag gewählt.) habe ich einen etwas älteren Roman aus meinem Regal gekramt:

In einer mittelgroßen Stadt unserer Republik geschehen merkwürdige Dinge: Die Oberbürgermeisterin Frau Ursel Piepenkötter kämpft mit harten Bandagen um jede Stimme im Wahlkampf zu ihrer Wiederwahl, und der neue Vorsteher der islamischen Gemeinde Nuri Hodscha kämpft mit nicht minder harten Bandagen um die Bau-Genehmigung einer adäquaten Moschee für sich und seine Glaubensbrüder und -schwestern. Und schon liegen sich diese beiden Dickköpfe, beide von ihrer Mentalität her Alpha-Tiere, kräftig in den Haaren: Mal behält sie Oberwasser, mal hat er die Trümpfe in der Hand. Ein amüsanter, verbaler Schlagabtausch beginnt und steigert sich zunehmend zur spannenden Polit-Satire.

Hierbei scheuen die beiden Streithähne nicht davor zurück, ihre Kinder in ihre Machenschaften mit hineinzuziehen. Während sich zwischen Hülya, der Tochter von Nuri Hodscha, und Patrick, dem Sohn von Ursel Piepenkötter, eine scheue Liebesbeziehung anbahnt, sind die beiden ständig hin und her gerissen zwischen Loyalität zu ihrem jeweiligen Elternteil und Verwunderung bzw. Wut über so viel Unverstand – und zeigen dabei deutlich mehr Vernunft und Reife als ihre Eltern.

Birand Bingül schafft es ganz ausgezeichnet, glaubhafte Personen zu beschreiben, die sehr menschlich agieren. Hier gibt es nicht nur SCHWARZ und WEISS – sondern er kreiert die Personen in allen Fassetten, in allen Farbtönen des Lebens und ergreift dabei nie Partei (außer in seiner Ablehnung gegenüber radikale Islamisten und Rechtsradikale). Dabei nutzt der Autor auch die Einteilung der Kapitel, um dem Leser die zunehmende Spannung zu vermitteln, werden hier doch die noch verbleibenden Tage bis zur Wahl angegeben.

Beim Lesen musste ich immer wieder schmunzelnd feststellen, wie ähnlich sich diese beiden Kontrahenten sind und als Team mit Sicherheit unschlagbar wären.

Besonders amüsierten mich auch die Zwiegespräche Nuri Hodschas mit Allah, bei denen mir bestätigt wurde, was ich immer vermutet hatte: Allah ist mächtig, Allah ist weise, und (vor allem) Allah ist sehr modern und weltoffen. Und Allah darf diesen Roman auch schließen, indem er den Leser mit einer leichten Ahnung, dass wir vom Hodscha und von der Piepenkötter noch weiteres hören bzw. lesen werden, entlässt.

Übrigens: Personen und Handlung sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist natürlich rein zufällig – NATÜRLICH!


erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3862520152

 

MONTAGSFRAGE #35: Was macht eine gute Buchhandlung aus?

Montagsfrage (1)

Uih, Antonia, ganz dünnes Eis! Ich kann mich noch sehr gut an die hitzigen Diskussionen hier unter den Blogger-Kolleg*innen erinnern, die ihren Unmut über verstaubte Buchhandlungen, arrogante Buchhändler*innen und unflexiblen Service kundgetan haben,…

…und ich habe mit Betroffenheit und Unverständnis diese Beiträge gelesen:

  • Betroffenheit für die Menschen, die eine solch negative Erfahrung in einer Buchhandlung erleben mussten.
  • Betroffenheit für die jeweilige Buchhandlung, die, gefangen in ihrer intellektuellen Blase, nicht ihr Potenzial erkennt.
  • Unverständnis für die Menschen, die aufgrund einer negativen Erfahrung, den gesamten Buchhandel verteufeln.
  • Unverständnis für die jeweilige Buchhandlung, die es nicht schafft, eine verbindliche Kundenbindung herzustellen.

Frisch nach Osterholz-Scharmbeck zugezogen und auf der Suche nach einer zu mir passenden Buchhandlung, war auch ich nicht vor unangenehmen Situationen in einer Buchhandlung gefeit. Was habe ich getan? Ich habe freundlich lächelnd diese besagte Buchhandlung verlassen, mich einer anderen Buchhandlung zugewandt, diese dann (nach einer eingehenden Prüfung) zur „Buchhandlung meines Vertrauens“ gekürt, und was soll ich Euch sagen:

Sie ist es bis heute!!!

Nur was macht diese Buchhandlung zur „Buchhandlung meines Vertrauens“? Es sind ganz viele Einzelteile, die dann das große mich überzeugende Ganze bilden.

Die Buchhandlung meines Vertrauens…

  • …bietet div. Aktionen (Autor*innen-Lesungen, Exkursionen, Vorlesewettbewerb, Welttag des Buches, „einschließen lassen“, Bundesweiter Vorlesetag, Woche der unabhängigen Buchhandlungen, ungewöhnliche Werbe-Ideen) an, auf die ich per Mail-Newsletter hingewiesen werde,
  • …ist offen für neue Ideen (Zeit für Geschichten, Lesen an ungewöhnlichen Orten, Kooperationen mit anderen Geschäften und Vereinen etc.),
  • …zeigt Internet-Präsenz (Homepage mit Shop, Facebook, Instagram, YouTube),
  • …sorgt für Vielfalt in meinem Heimatort.

Aber neben diesen, eher formalen Gründen spielt für mich das Zwischenmenschliche eine immens wichtige Rolle. So sind meine Buchhändlerinnen und ich in der Zwischenzeit so vertraut miteinander, dass wir uns duzen und durchaus auch über Privates plaudern. Zudem machen sie mich regelmäßig darauf aufmerksam, wenn meine Lieblingsautor*innen wieder etwas Neues veröffentlicht haben, ohne dass ich sie darum gebeten habe – einfach weil sie wissen, was ich gerne lese. Auch bekomme ich unkomplizierte Unterstützung bei meinen Lesungen, indem sie den Kartenvorverkauf übernehmen oder mit einem Büchertisch vor Ort sind.

Aber der wichtigste Grund ist für mich, dass ich mich in ihrem Laden wohl fühle. Ich muss mich nicht verstellen und werde nicht anhand meiner Buchauswahl be- bzw. verurteilt. Zudem überraschen sie mich immer wieder mit außergewöhnlichen Büchern, die ich nicht gesucht habe, die mich aber dann dort finden, denn…

Bücher kauft man am Scharmbecker Bach, nicht am Amazonas.

…wo sind Eure Lobhudeleien auf den Buchhandel? Ich erwarte sie mit Spannung!


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Rainer Moritz – Zum See ging man zu Fuß: Wo die Dichter wohnen. Spaziergänge von Lübeck bis Zürich/ mit Fotografien von Anna Aicher

So, nun reicht es mir! So langsam mache ich mir ernsthafte Sorgen um mich: Wie schon erwähnt, scheine ich in diesem Frühjahr ganz im Bann von Rainer Moritz zu stehen. Nachdem mein Lese-Eindrücke zu Leseparadiese: Eine Liebeserklärung an die Buchhandlung und Mein Vater, die Dinge und der Tod schon erschienen sind, halte ich nun den neusten prachtvollen Bildband aus dem Knesebeck-Verlag in den Händen, zu dem Herr Moritz wieder seine launigen Texte beigetragen hat.

Als Leser habe ich meine imaginären Wanderschuhe geschnürt, mich auf den Weg gemacht und somit auf den Spuren von 14 großen Literaten begeben: Da streift Thomas Mann durch die Gassen von Lübeck vorbei am „Buddenbrock“-Haus. Arthur Schnitzler lebt, schreibt und liebt im achtzehnten Bezirk in Wien. Franz Kafka liest sehnsuchtsvoll Gedichte im Café Louvre in Prag. Und Marcel Proust schlendert über die Pariser Champs-Elysée.

Aber nicht nur die großen Metropolen findet in diesem „Wanderführer“ Erwähnung: Auch die Hass-Liebe zwischen Ingeborg Bachmann und ihrer Geburtsstadt Klagenfurt wird ebenso genannt, wie Gerhard Hauptmanns Schwärmerei zu Hiddensee und Gerhard Meiers Verbundenheit zu Niederbipp.

Alle diese Orte haben die Literaten nicht nur als Person geprägt, – Nein! – sie flossen ebenso in ihr literarisches Œuvre ein und inspirierten sie zu ihren herausragenden Werken, entweder indem sie der Fiktion Pate standen oder den äußerst realen Rahmen für ihre Geschichten bildeten. Umgekehrt nahmen auch die Literaten Einfluss auf die jeweiligen Orte, werden dort verehrt und gehegt als bedeutendes Detail im kulturellen Erbe und sind nicht selten Teil der dortigen Tourismusindustrie.

Einige Literaten sind zudem untrennbar mit dem jeweiligen Ort verbunden, wie beispielsweise Hans Christian Andersen mit Kopenhagen: Bei einem Spaziergang durch die dänische Hauptstadt wird der Besucher zwangsläufig über Andersen stolpern. Andersen galt als ein schwieriger Zeitgenosse und war nicht unbedingt ein angenehmer Gast, wie Freunde und Weggefährten bestätigen konnten…

„Hans Andersen schlief fünf Wochen in diesem Zimmer. Der Familie kam es vor wie eine Ewigkeit.“ Charles Dickens

Was wäre ein Bildband ohne Bilder? Genau! – Nur ein Lesebuch! Im vorliegenden Fall liefert Anna Aicher hervorragende Fotos zum Text: Sie fängt die Stimmungen in den Refugien und Treffpunkten der Literaten ebenso kunstvoll ein, wie sie die noch erhaltenden Arbeitsplätze in Szene setzt und die inspirierende Schönheit der Natur auf „Celluloid bannt“.

So, und nun werde ich versuchen, den Moritzschen Bann zu durchbrechen und mich anderen Autoren zuzuwenden: Drückt mir bitte die Daumen, damit Herr Moritz nicht doch noch ein weiteres Buch in diesem Jahr veröffentlicht. Ich wüsste nicht, ob ich stark genug wäre…!!!


erschienen bei Knesebeck/ ISBN: 978-3957280565

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Ein Porträt: Elke Heidenreich

Elke Helene Heidenreich (* 15. Februar 1943)

„Vielfalt“ ist ihr zweiter Vorname: Alles, was auch nur im Entferntesten mit Literatur zu tun hat, weckt ihr Interesse. So verwundert es nicht, dass sie auf vielen Gebieten aktiv ist: Schriftstellerin, Drehbuchautorin, Literaturkritikerin, Kabarettistin, Moderatorin, Journalistin und Opern-Librettistin. Zudem wurde sie bekannt durch ihrer Moderation zahlreicher Fernseh- und Hörfunksendungen. 1975 trat sie zum ersten Mal in der Rolle der Comedy-Figur Else Stratmann auf und kommentierte mit der Schnauze der Metzgersgattin aus Wanne-Eickel das gesellschaftliche Zeitgeschehen rund um Politik, Prominenz, Sport und Adel mit einer entwaffnenden Menschenkenntnis.

Heidenreich wurde in Hessen-Nassau als Elke Riegert geboren und wuchs in Essen in einfachen Verhältnissen auf. Ihr Vater war Kfz-Mechaniker und Inhaber einer Tankstelle, ihre Mutter war Näherin für Kinovorhänge. Hier erklärt sich Elkes Liebe zu rotem Samt: Gerne tritt sie in einer roten Samtjacke bei Lesungen in Erscheinung.

Nach bestandenen Abitur in Bonn studierte sie von 1963 bis 1969 in München, Hamburg und Berlin Germanistik, Publizistik und Theatergeschichte ohne Abschluss, sowie Religionswissenschaft, das sie mit einer Arbeit über Marienverehrung im Protestantismus und mit Examen abschloss.

1965 heiratete sie Gert Heidenreich, trennte sich später von ihm und heiratete 1972 Bernd Schroeder, von dem sie seit 1995 ebenfalls getrennt lebt. Sowohl mit Gert Heidenreich als auch mit Bernd Schroeder arbeitet sie bis heute zusammen. Seit 2005 lebt sie mit dem Hamburger Pianisten und Komponisten Marc-Aurel Floros zusammen. Heute lebt Elke Heidenreich in Köln.

Seit 1970 arbeitet Heidenreich als freie Autorin und Literaturkritikerin für Presse und Verlage und schrieb Hörspiele, Fernsehspiele und Radiofeatures. Besondere Aufmerksamkeit erreichte sie 1981 als Nachfolgerin von Alfred Biolek im „Kölner Treff“. Beim Sender Freies Berlin moderierte sie von 1984 bis 1987 die Talkshow „Leute“ und war ebenso Gastkritikerin beim legendären „Literarischen Quartett“.

Auch mit der Zeitschrift „Brigitte“ fühlte sie sich lange verbunden: Dort erschien nicht nur 17 Jahre lang ihre Kolumne „Also …“, sondern unter dem Label „Brigitte Edition“ brachte sie auch 26 literarische Empfehlungen, die ihr sehr am Herzen liegen, heraus.

In der ZDF-Literatursendung „Lesen!“ stellte sie von 2003 bis 2008 Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt vor und wurde in dieser Zeit zu einer einflussreichen Literaturkritikerin. Nahezu alle von ihr vorgestellten Werke standen auf den Bestseller-Listen. Dabei sah sie sich weniger als analytische Kritikerin als vielmehr passionierte Leserin, die mit Leidenschaft das Lesen und gute Bücher präferierte. Nach einem Streit mit dem ZDF rund um den Eklat bzgl. Marcel Reich-Ranicki und dem Deutschen Fernsehpreis wurde die Sendung eingestellt.

Im Jahr 1992 erschien ihr erster Erzählband „Kolonien der Liebe“, der zu einem Erfolg avancierte. Weitere Erzählbände sollten folgen. Bei „Rudernde Hunde“ und „Alte Liebe“ arbeitete sie eng mit Bernd Schroeder zusammen: Während bei „Rudernde Hunde“ die Autoren abwechselnd in sich abgeschlossene Erzählungen präsentieren und auch jeweils ihre eigene Wahrheit zu der kleinen Skulptur „Rudernde Hunde“ abgeben, spielen sie sich in „Alte Liebe“ beim Blick auf das Leben eines älteren Ehepaares kongenial die Bälle zu.

Auch die Kinderbücher von Elke Heidenreich erfreuen sich großer Beliebtheit, wobei hier „Nero Corleone“ eine Sonderstellung gebührt: Dieser kleine Macho-Kater aus Italien schleicht sich frech und charmant in die Herzen seiner Fans…! Das Buch wurde in 23 Sprachen übersetzte und erhielt vielfältige, auch ausländische Auszeichnungen.

Elke Heidenreichs Geschichten erzählen von komplizierten Beziehungen, Konflikte zwischen den Geschlechtern und unerfüllten Wünschen. Sie ist eine exzellente Menschenbeobachterin: Bei ihr steht nicht der Umgang mit der Liebe im Zentrum, sondern das Leben, wenn die Liebe versagt bleibt. Häufig durchzieht Trauer gepaart mit einer leisen Melancholie ihre Erzählungen, gleichzeitig erzählt sie mit Witz und einer beinah trotzigen Ironie. Ihre Sprache ist einfach und direkt und bar jedem Pathos, dafür voller Wärme und Zartheit.

Zudem ist sie – wie ich mich schon mehrfach selbst überzeugen durfte – eine wunderbare Vorleserin, die ihre Zuhörer charmant einfängt und mitnimmt, sei es bei Lesungen ihrer eigenen Erzählungen oder aus Werken anderer Autor*innen. Keine Selbstverständlichkeit…!


Auswahl ihrer Werke:
  • Kolonien der Liebe. Erzählungen erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3498029111.
  • Nero Corleone mit Illustrationen von Quint Buchholz erschienen bei Hanser/ ISBN: 978-3446183445.
  • Der Welt den Rücken. Erzählungen erschienen bei Hanser/ ISBN: 978-3446200524.
  • Rudernde Hunde. Kurzgeschichten mit Bernd Schroeder erschienen bei Hanser/ ISBN: 978-3446202139.
  • Alte Liebe. Erzählungen mit Bernd Schroeder erschienen bei Hanser/ ISBN: 978-3446233935.
  • Nero Corleone kehrt zurück mit Illustrationen von Quint Buchholz erschienen bei Hanser/ ISBN: 978-3446236615.
  • Alles kein Zufall. Kurze Geschichten erschienen bei Hanser/ ISBN: 978-3596521739.

[Rezension] Regina Scheer – Gott wohnt im Wedding

Das alte Haus im Wedding knackt…
…und lauscht den Geschichten der Menschen, die in seinen Wänden nun wohnen, und erinnert sich an seine eigene Geschichte mit all den Menschen mit ihren Schicksalen, die in seinen Wänden gewohnt, gelebt und geliebt haben. Es ist erstaunt, wie eng diese Schicksale miteinander verknüpft sind – für die Menschen manchmal nicht begreifbar…

Das alte Haus im Wedding knarrt…
…und blickt auf Laila Fidler, einer jungen Sintiza, die in sein Hinterhaus gezogen ist, nichtsahnend, dass ihre Vorfahren ebenfalls hier einmal Zuflucht gefunden haben. Laila, die mit ihrer Familie als Spätaussiedler aus Polen nach Deutschland gekommen ist, fühlt sich zerrissen: Ist sie eine Deutsche? Ist sie eine „Zigeunerin“? Wohin gehört sie? Sie hadert mit ihrer Herkunft und verschweigt sie lieber aus Angst, geächtet zu werden. Sie ist eine Vertriebene in der eigenen Heimat…

Das alte Haus im Wedding stöhnt…
…und erkennt in dem alten Mann, der seit einigen Tagen unter seinem Torbogen steht, Leo Lehmann wieder, der in den Jahren des Nationalsozialismus als Jude untertauchen musste und mit seinem besten Freund Manfred Neumann im Untergrund operierte. Mit dem Mut und der Kraft der Verzweifelten kämpften sie ums Überleben, bis Manfred hier in der Wohnung von Gertrud Romberg verhaftet wurde. Leo überlebte und wanderte nach Israel aus. Nun ist er nach Jahrzehnten wieder in Berlin in Begleitung seiner Enkelin, die in dieser Stadt ihre Zukunft sieht…

Das alte Haus im Wedding knarzt…
…und schaut voller Sorge auf Gertrud Romberg, die seit ihrer Geburt hier lebt. Sogar die traumatischen Geschehnisse rund um die Verhaftung von ihrem geliebten Manfred konnten sie nicht zum Wegzug bewegen. Wo sollte sie auch hin? Jetzt ist es zu spät: Sie ist alt! Doch die neuen Investoren des Hauses möchten sie gerne loswerten, aber sie wird sich nicht vertreiben lassen. Wenn sie stirbt, dann hier in diesem Haus im Wedding…

Das alte Haus im Wedding brennt…
…und muss so dem Fortschritt weichen. Aber ist Fortschritt nicht auch nur eine andere Form von Vertreibung?

Die Figuren in Regina Scheers Roman sind allesamt Flüchtende: Sie fliehen vor Bedrohungen wie Krieg und Verfolgung. Sie fliehen vor Armut und Unterdrückung. Sie fliehen aber auch vor der eigenen Geschichte.

Und doch suchen sie alle eine Identität und ein kleines Stückchen Heimat, eine Ahnung von „zuhause sein“. Diese Sehnsucht nach Heimat und das Gefühl der ständigen Entwurzelung formen die Seelen dieser Menschen.

Sehnsucht: Endlich angekommen sein! Regina Scheer packte mich als Leser emotional am Schlafittchen und rüttelte am Fundament meiner Existenz. Eine spürbare Trauer durchzieht diesen Roman und lässt mich nachdenklich zurück. Bei der Lektüre schwirrten mir immer wieder Fragen durch meinen Kopf: „Was bedeutet Heimat für mich?“ und „Was wäre ich, wenn ich plötzlich heimatlos wäre?“. Ich musste dann die Lektüre unterbrechen, Luft holen, Gedanken ordnen…! Trauer…!

…und doch verlässt uns der Roman auch wieder mit dem Funken der Hoffnung nach einem Neubeginn: Das alte Haus im Wedding ist nun Geschichte! Aber eine neue Geschichte beginnt…!


erschienen bei Penguin/ ISBN: 978-3328600169

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #34: Prequel oder Sequel?

Montagsfrage (1)

Spontaner Ausruf: Weder noch!

Es hat sich mir nie die Notwendigkeit erklärt, warum es bei einem „in sich geschlossenem“ literarischen Werk ein „davor“ und/oder ein „danach“ geben muss – sofern beides nicht von Anfang an geplant und somit Teil dieses „in sich geschlossenem“ Werkes ist!

Die Harry-Potter-Heptalogie ist ohne Zweifel großartig (Ich liebe sie!): Ich verspüre aber weder die Neugierde noch das Bedürfnis, zu erfahren, was es mit Grindel-dingsbums auf sich hat, und welche fabel-dudideldumdei Kreaturen sonst noch im verbotenen Wald hausen. Zudem habe ich oft den Eindruck, dass weder die Prequels noch die Sequels an die Qualität des Originals heranreichen und somit als Marketingstrategie nur den Hunger der Fans „nach mehr“ befriedigen und für meine Begriffe nichts anderes sind als weitere Produkte im weiten Meer des Merchandisings. Es macht zudem den Anschein, dass das Buch-Genre „Fantasy“ am ehesten von diesem Phänomen betroffen ist. Und da sich meine „Fantasy“-Erfahrung mit „Harry Potter“ auch schon erschöpft hat, dümpelt meine obige Äußerung absolut vorurteilsreich im Nebel der Subjektivität…!!!

Da lobe ich mir doch meine Krimi-Autoren, die von Anfang an kein Hehl daraus machen, dass ich als Leser noch viele, viele Verbrechen von ihnen zu erwarten habe. Was wäre mein Leben ohne Miss Marple, Hercule Poirot, Kommissar Maigret, Flavia de Luce, Dr. Siri und Cormoran Strike? Ärmer!!!

Und somit kann ich selbstverständlich alle Fantasy-Leser verstehen, die sich „ein mehr“ ihrer präferierten Held*innen wünschen!

Moment mal! Irgendwie habe ich jetzt den Eindruck, ich hätte mir selbst widersprochen! Ach, egal! Bei meiner genialen Persönlichkeit kann ich mir Widersprüchlichkeiten absolut erlauben: Was interessiert mich mein Geschwafel von eben! 🤣

…mit oder ohne Pre- und Sequel?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Georges Simenon – Der Mörder

„Hochverehrter Herr Doktor, es tut weh, mit anzusehen, wenn ein Mann wie Sie insgeheim der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Jemand, der Sie schätzt, teilt Ihnen mit, dass Frau Kuperus Sie betrügt, jedes Mal wenn Sie unterwegs sind. Sie trifft sich mit einem Ihrer Freunde, Herrn de Schutter, in dessen Bungalow am See und verbringt dort manchmal auch die Nacht.“

…einige wenige Zeilen auf das Papier geworfen und die wohlgeordnete Welt von Doktor Kuperus gerät aus den Fugen. Diese wohlgeordnete Welt hat er sich über Jahre aufgebaut: respektabler Haushalt in einer Kleinstadt mit Frau und Dienstmädchen, eine gutgehenden Arztpraxis, Mitglied im Billard-Club…

…und einmal im Monat nimmt er an einem Ärztetreffen in Amsterdam teil: Monat für Monat und Jahr für Jahr. Nur zwei Mal bleibt er diesem Treffen fern: Beim ersten Mal versichert er sich, ob die Behauptungen des anonymen Schreibens den Tatsachen entsprechen. Beim zweiten Mal erschießt er seine Frau und ihren Liebhaber und versenkt die Leichen im nahen Kanal. Dann wartet er auf seine Verhaftung. Doch nichts passiert, und er lebt weiter…! Leben…?

Georges Simenon entwirft das Psychogramm eines gebrochenen Mannes, dessen Fassade der Gutbürgerlichkeit durch diese Tat ins Wanken gerät. Der anfängliche Taumel des Unerhörten wird abgelöst durch Ängste des Überführtwerdens, um sich dann in manischen Verhaltensweisen zu manifestieren. Eine solch schändliche Tat hinterlässt tiefe Spuren in der Psyche und in der Seele des Täters, spiegelt sich ebenso in seiner Physiognomie wieder und offenbart sich in seinem Verhalten gegenüber seiner Umwelt.

Georges Simenon entwirft ebenso ein Soziogramm und beschreibt anschaulich, wie diese Tat Einfluss auf das Verhalten der Menschen in dieser Kleinstadt nimmt: Der Mörder ist unter ihnen. Sie vermuten es, sie befürchten es und können doch nichts beweisen. Das soziale Gefüge kommt ins Straucheln, wirkt verletzlich und angreifbar und sehnt sich nach dem schützenden Mantel der Gutbürgerlichkeit.

Als Krimi kann und möchte ich „Der Mörder“ nicht bezeichnen: Simenon lässt von Anfang an keinen Zweifel an den Täter aufkommen: Somit bleibt die klassische Aufklärung aus,…

…und doch liest sich dieser fesselnde Roman so spannend wie ein Krimi und beweist anschaulich, warum Simenon als der „meistgelesene, meistübersetzte, meistverfilmte, in einem Wort: der erfolgreichste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts“ (Die Zeit) gilt!!!

erschienen bei Hoffmann & Campe/ ISBN: 978-3455005240

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Anne Cathrine Bomann – Agathe

„Wenn ich mit zweiundsiebzig in den Ruhestand ging, hatte ich noch fünf Monate zu arbeiten. Das entsprach zweiundzwanzig Wochen oder, falls alle Patienten kamen, genau achthundert Gesprächen. War jemand verhindert oder wurde krank, verringerte sich die Zahl natürlich. Darin lag, trotz allem, ein gewisser Trost.“

Das Leben des alternden Psychiaters hat Struktur. Das Leben des alternden Psychiaters läuft in gewohnten Bahnen. Das Leben des alternden Psychiaters birgt aber auch keine Überraschungen mehr. „Zum Glück!“, meint der alternde Psychiater. Doch überraschend taucht eine junge Patientin in seiner Praxis auf und verlangt nach Behandlung, und plötzlich bekommt seine Struktur Risse und die gewohnten Bahnen verwandeln sich in eine Achterbahn der Gefühle. Doch nicht nur diese junge Patientin mit Namen Agathe reißt ihn aus seiner Lethargie, in der er es sich so schön bequem gemacht hat, auch die anderen Menschen seiner Umgebung versagen ihm ihre gewohnten Reaktionen: Da ist seine korrekte Sekretärin Madame Surrugue, die urplötzlich der Arbeit fern bleibt, oder sein Nachbar, den er seit Jahren durch die Wand zwar hört, aber mit dem er noch nie auch nur ein einziges Wort gesprochen hat,…

…und immer wieder Agathe, die nach Äpfel und Zimt duftet: Ein Duft, der ihn an seine Kindheit erinnert!

Mit „Agathe“ legt Anne Cathrine Bomann ihren ersten Roman vor und beweist mit diesem kleinen, 155-Seiten-schmalen Büchlein, dass große Literatur auch mit wenigen Worten auskommt, auch auskommen kann. Dabei beschreibt sie die Situationen mit einer Klarheit, einer atmosphärischen Dichte und gleichzeitig voller Leichtigkeit. Der Roman mutet an wie eine dieser wunderbaren französischen Komödien, die trotz der spürbaren Melancholie den Zuschauer/ Leser mit einem wohligen Gefühl zurücklassen und die Augen zum Leuchten und das Herz zum Strahlen bringen.

Bowmann ist ein ungewöhnliches Plädoyer für die Lebensfreude, die Spontanität und die Menschlichkeit gelungen. Ebenso wie die verkrusteten Strukturen ihres Hauptdarstellers bröckeln, so schenkt sie auch ihrem Leser die Möglichkeit, den eigenen Lebensentwurf ohne Zwang zu hinterfragen und zu überdenken,…

…damit er somit die Motivation nicht verliert, weiterhin auf das Leben mit all seinen Facetten und vielfältigen Möglichkeiten neugierig zu sein!


erschienen bei hanserblau/ ISBN: 978-3446261914

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Die Oster-MONTAGSFRAGE #33: Buch mit Hase…?

Montagsfrage (1)

Auch am Ostermontag bleibt uns die Montagsfrage (zum Glück) nicht erspart, und wie könnte es auch anders sein, dreht es sich heute im weitesten Sinne um den Hasen in der Literatur…!

Natürlich habe ich schon etwas von „Die Häschenschule“ oder von Beatrix Potters „Peter Hase“ gehört (und nie gelesen). Der Hase „an sich“ und der Osterhase im Besonderen stehen nicht unbedingt im Zentrum meines literarischen Interesses. Da bieten andere Tiere mir ein weitaus größeres Identifikationspotenzial: Zur Katze „an sich“ hätte ich lang & schlapp und rauf & runter so einiges in gedruckter Form zu bieten. Da stapeln sich Lyrik und Prosa, Bildbände, sowie Sach- und Fachbücher in Regalen und auf Tischen…! Aber leider ist der Hase das bevorzugte Tier zum Osterfest und nicht die Katze, obwohl mein Kater durchaus ein sehr ausgeprägtes Talent zur Brut besitzt und dabei mit einer konstanten Leistung zu überzeugen versteht…!

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Während ich zur Advents- und Weihnachtszeit mit vielfältigen Geschichten über Engel, Jesu Geburt, Nikolaus, Weihnachtsmann, Christkind und Co. KG aufwarten kann, geht das Osterfest mir – zumindest literarisch – so ziemlich am Pöter vorbei. Dabei musste ich zu meiner eigenen Überraschung feststellen, dass ein Büchlein mit Geschichten und Gedichten zum besagten Fest schon seit einigen Jahren in einem Regal meiner umfangreichen Bibliothek steht und steht und steht…!

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Da ist das Neue noch nicht von ab, aber zumindest hatte ich das Büchlein schon von seiner Cellophanhülle befreit: So ein Langohr will ja auch atmen!!!

Obwohl: Wo ich es jetzt eh schon aus dem Regal gekramt habe, da könnte ich ja auch einen klitzekleinen Blick hineinwerfen…!

…Hang zum Hasen??? Ja! oder Nein!


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.