[Rezension] MUSIKALISCHER WEIHNACHTSZAUBER. Der Nussknacker / Der Messias / Das Weihnachtsoratorium

Weihnachten – das ist die Zeit der Besinnlichkeit, des zur Ruhe Kommens und der Erinnerung an Traditionen. Gerade in dieser Zeit lassen wir uns nur allzu gerne ins Ballett, Konzert und Oratorium locken, genießen die wunderbare Musik und werden von der Kunst der Darbietung verzaubert. Es ist aber auch die Zeit des Vorlesens: Entweder lesen wir selber vor, oder wir haben das unschätzbare Glück, dass uns vorgelesen wird. Wäre es da nicht schön, wenn wir all dies miteinander vereinen könnten?

Mit DER NUSSKNACKER, DER MESSIAS und DAS WEIHNACHTSORATORIUM hat der Annette Betz-Verlag drei Klassiker und saisonale Publikumslieblinge in diesem Sammelband vereint. Alle drei Werke sind bereits als Einzelbände erschienen (2017, 2020 bzw. 2018), denen jeweils eine CD beigelegt wurde. Hier gibt es nun die vergleichsweise kostengünstigere Variante: Ohne CD, dafür mit der Option, das jeweilige Hörbuch incl. der Musik zu streamen.

Jede*r Autor*in hat eine eigene Handschrift, jede*r Illustrator*in hat einen individuellen Stil. Werden da die Geschichten eher lieblos in einem Sammelband gebündelt, könnte ein verbindendes Element als roter Faden vermisst werden. Dies ist bei MUSIKALISCHER WEIHNACHTSZAUBER nicht der Fall: Das Cover, das Vorsatzpapier und die Titelblätter zu den einzelnen Geschichten sind so geschmackvoll aufeinander abgestimmt, dass die ehemaligen „Solisten“ wunderbar miteinander harmonieren, und das Buch so wie aus einem Guss wirkt.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Susa Hämmerle erzählt die Geschichte DER NUSSKNACKER ganz traditionell und bleibt damit nah am originalen Ablauf des Märchenballetts von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (Warum sollte sie hier auch eine Änderung vornehmen?). Dabei skizziert sie die Figuren stets kindgerecht und streut Dialoge in die Handlung ein, um so die Motivation der Charaktere zu verdeutlichen. Damit schafft sie für mich als Vorleser die Grundlage, meinen Vortrag interessanter und abwechslungsreicher zu gestalten, als es mir bei einer bloßen Nacherzählung möglich gewesen wäre. Auch Christa Unzner bleibt bei ihren Illustrationen ganz beim Tanz. Ihre Figuren scheinen direkt dem weltbekannten Ballett entsprungen zu sein – entsprechen doch Haltung und Gestik ganz diesem Habitus. Mit flinken Strichen erzeugt sie bei den Figuren Dynamik. Ihre Szenerien verleugnen nie den Bezug zur Bühne: Mit einem atmosphärischen Setting, farbenfrohen Kostümen und einer stimmungsvollen „Beleuchtung“ verstärkt sie noch diesen Eindruck.

Für DER MESSIAS schuf Rudolf Herfurtner eine ganz neue Rahmenhandlung um den kleinen Anton, der sich mit seinem Großvater auf den Weg durch einen dunklen Wald macht, um einer Aufführung eben jenen Werkes von Georg Friedrich Händel in der großen Kirche des Nachbarortes zu lauschen. Während des Konzerts nickt Anton ein und träumt sich nach Bethlehem zu Jesus Geburt. Mit einer ganz und gar wunderbaren Ruhe erzählt der Autor diese reizende, beinah melancholische Geschichte und legt dabei besonderes Augenmerk auf die liebevolle Beziehung zwischen Anton und seinem Opa. Die Illustrationen von Anna Severynovska nehmen diese Ruhe auf. Beinah glaubte ich, die Stille eines verschneiten Winterabends wahrnehmen zu können. Ihre Bilder überzeugen sowohl durch ihre Klarheit als auch durch Detailreichtum. Besonders beeindruckend gelangen der Künstlerin die Gesichter der Figuren, die von einer ergreifenden Lebendigkeit sind.

Bei DAS WEIHNACHTSORATORIUM stammte die Rahmenhandlung ebenfalls aus der Feder von Rudolf Herfurtner. Hier begleiten wir den Jungen Thomas, wie er in der Adventszeit des Jahres 1734 die Bekanntschaft mit Johann Sebastian Bach macht, der als Kirchenmusiker und Kantor mit dem Thomanerchor sein neustes Werk zur Aufführung bringt. Thomas ist ganz beseelt, dass er als Kerzenjunge gemeinsam mit dem Chor auf der Empore der Kirche stehen und dieser einzigartigen Musik lauschen darf. Gekonnt verwebt der Autor die historische Fakten mit seiner Fiktion, verheimlicht dabei aber nicht die sozialen Missstände, unter denen die Kinder damals zu leiden hatten. Die Künstlerin Maren Briswalter schuf dafür zarte, beinah sphärische Illustrationen in einem Sepia-Ton, die an alte, verblasste Fotografien erinnern. Die Welt des 18. Jahrhunderts – insbesondere bei den historischen Bauwerken – zeigt sie ebenso detailreich, wie die Kargheit, denen die Menschen damals ausgesetzt waren.

Mit MUSIKALISCHER WEIHNACHTSZAUBER hat der Verlag einen ganz bezaubernden Sammelband geschaffen: Jedes, der hier genannten musikalischen Werke, ist absolut herausragend, und es war mir eine wahre Freude, die traumhaften Kompositionen in Kombination mit einer gelungenen literarischen wie visuellen Umsetzung wiederentdecken zu dürfen.


Anmerkung bzgl. STREAMEN:

Leider bin ich alter Zausel zu dusselig, um auf der Homepage des Verlages die Hörbücher mit Musik freizuschalten. Nachdem ich mehrmals im Rahmen der Anmeldung bei der Eingabe von Benutzername und/oder Passwort gescheitert bin, habe ich ermattet aufgegeben. So kann ich leider nichts über die Qualität der Sprecher sagen. Da der Verlag allerdings bei den Musikaufnahmen auf das Archiv des renommierten Klassik-Labels NAXOS zurückgreifen konnte, bin ich mir sehr sicher, dass die musikalische Umsetzung gelungen ist. Ich selbst habe – nach dem Anmelde-Debakel – ganz entspannt auf meine eigenen CDs zurückgegriffen und mir die Geschichten selbst vorgelesen. 😊


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219120486
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Kerstin Hau – DAS LIED DES ENGELS/ mit Illustrationen von Selda Marlin Soganci

„Bald ist Weihnachten. Auf der Erde träumt jeder Käfer,
jede Katze und jedes Kind von großen Wünschen.
Andernorts träumt ein kleiner Engel von großen Taten…“

Ganz fein und zurückhaltend kommt diese Geschichte daher. Da gibt es kein großes Getöse, keinen lauten Wumms oder sonstigen Krawall, der die Aufmerksamkeit für sich einfordert. Nein, hier geht Autorin Kerstin Hau sehr leise zu Werke. Sie kreierte eine Geschichte, die gerade aufgrund ihrer Schlichtheit ganz besonders mein Herz berührt. Wie so oft bei mir sind es nicht die Bücher, die mit plakativen Mitteln versuchen auf ihre Botschaft aufmerksam zu machen. Dabei wirken die dort eingesetzten literarischen Mittel beinah wie eine billige Neon-Reklame, die grell blinkend immer wieder betont „Huhu! Hier kommt die Botschaft!“.

Engel helfen den Menschen auf vielfältige Weise: Sie trösten, beschützen oder heilen. Nur ein kleiner Engel kann seine Bestimmung einfach nicht finden. So gern möchte er den Menschen helfen. Am Weihnachtsabend dann erklingt eine Melodie, die alle Menschen froh macht – es ist das Lied des Engels. Mit einem Mal spürt er: Seine Gabe ist es, das Wunder der Weihnacht zu den Menschen zu bringen, um ihre Herzen zum Leuchten zu bringen.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages bzw.
dem Klappentext des Buches entnommen!)

Ⓒ Kerstin Hau. DAS LIED DES ENGELS – Illustration Selda Marlin Soganci (1)

In Kerstin Haus Geschichte geht es „nur“ um einen kleinen Engel, der für sich noch nicht herausgefunden hat, was seine Bestimmung ist. Auf seiner Suche muss er keine spektakulären Abenteuer bestehen oder sich großen Gefahren aussetzten: Er darf sich bei den großen Engeln, die z. Bsp. als Trostengel, Schutzengel oder Heilengel den Menschen beistehen, erproben, um so besser entscheiden zu können, welche Bestimmung zu ihm am besten passt.

Da ergeht es diesem kleinen Engel nicht anders als es uns ergangen ist: Wer von uns wusste als Kind schon, was seine Bestimmung ist. Auch wir mussten uns in unserem Leben oftmals erproben und so manches Mal den einen oder anderen Umweg in Kauf nehmen, bis wir dort gelandet sind, wo wir hingehören.

Wenn wir dort gelandet sind, wo wir hingehören! Manche von uns sind leider ein Leben lang auf der Suche oder haben sich notgedrungen mit den aktuellen Begebenheiten arrangiert. Doch auch uns spricht diese Geschichte Mut zu, die Suche nicht aufzugeben. Dabei muss es nicht immer die große, allumfassende Veränderung sein. Manchmal genügen nur kleine Neuerungen, um das eigene Leben wieder erfüllter werden zu lassen. So ist diese Geschichte auch ein Plädoyer an uns Erwachsene, uns eine kindliche Neugier zu bewahren und das Große im Kleinen zu wagen.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Selda Marlin Soganci hat bei ihren Illustrationen einen ganz eigenen, ganz besonderen Stil, der in der Wahl ihrer „Leinwand“ begründet liegt. Sie verwendet als Untergrund Fichtenholz, auf dem sie mit Gouache und Stiften malt. Als ich von dieser Technik erfuhr, hatte ich ein wenig bedenken, dass bei den Illustrationen die Holzmaserung dominieren und das Bild somit zu rustikal erscheinen könnte. Meine Bedenken waren völlig unbegründet: Leicht und zart verschmelzen die Farben mit dem Holz und schaffen so eine ganz eigene Optik.

Die Maserung dieses Naturprodukts bleibt zwar stets sichtbar, steht aber nicht im Kontrast zu den filigranen Zeichnungen, die von phantasievolle Figuren bevölkert werden. Jeder Engel erhält von der Künstlerin seine persönliche, außergewöhnliche Erscheinung, die mit vielen witzigen Details begeistert.

Die besten Bilderbücher sind eben die, die Klein und Groß, Jung und Alt gleichermaßen ansprechen: Dies ist eine zauberhafte kleine Geschichte über das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten!


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314107016
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Charles M. Schulz – ADVENT MIT DEN PEANUTS

Nicht nur die klassischen Werke von Friedrich Schiller, Heinrich von Kleist und Johann Wolfgang von Goethe tummeln sich zwischen den zwei Einbandpappen im prägnanten Gelb. In den letzten Jahren haben auch einige der sogenannten „modernen Klassiker“ ihren Weg ins Portfolie des rührigen Verlages aus Ditzingen in der Nähe von Stuttgart gefunden. So fand nun – wie zuvor bereits Loriot und Janosch – auch Charles M. Schulz eine gemütliche Bleibe für seine vorwitzige, altkluge und absolut bezaubernde Rasselbande:

Die PEANUTS

Sowohl pünktlich wie auch passend zur baldigen Adventszeit präsentiert uns der Reclam Verlag mit ADVENT MIT DEN PEANUTS in Form eines Adventskalenders ein Wiedersehen mit Charlie Brown, Snoopy, Woodstock, Charlies jüngere Schwester Sally, Peppermint Patty, Marcie („Sir“), Lucy, Linus und all den anderen liebenswerten Figuren. Erwachsene treten als handelnde Personen bei den PEANUTS höchst selten auf (in diesem Fall: gar nicht), werden auch weder benötigt noch vermisst.

So begleiten wir Tag für Tag, vom 1. bis zum 24. Dezember unsere charmanten Held*innen durch die Vorweihnachtszeit und werden Zeuge, wie sie souverän die kleinen Tücken des Alltags meistern und Antworten auf die großen Fragen der Kindheit finden. Da ist Charlie Brown so verliebt in ein Mädchen, dass er alles (un)mögliche unternimmt, um ihr ein schönes Paar Handschuhe zu Weihnachten schenken zu können. Snoopy erlebt mit Woodstock und ihrer gemeinsamen Pfadfindergruppe aufregende Zeiten bei einer Schneewanderung. Sally Brown greift ihrem Bruder (eher weniger als mehr) hilfreich unter die Arme beim Verkauf von Adventskränzen. Peppermint Patty würde so gerne die Maria im Krippenspiel geben und muss doch wieder ein Schaf („Mäh!“) mimen, während Marcie die begehrte Rolle ergattert, obwohl sie doch Brillenträgerin ist. Snoopy jobbt wenig überzeugend als Nikolaus, und Lucy und Linus diskutieren über die Formensprache von Schneeflocken.

Ⓒ Illustration Charles M. Schulz (1)

Ab den 50er Jahren schuf Charles M. Schulz mit einer Vielzahl an Comicstrips eine ganz eigene kleine Welt rund um den liebenswerten Pechvogel Charlie Brown, seinem äußerst regen Hund Snoopy und dem Vogel Woodstock. Die Geschichten spielen zwar in einem typischen amerikanischen Vorort, sind aber so allumfassend gültig, dass mir eine Identifikation mit den Figuren nie schwerfiel. Als Kind stand für mich der Spaß beim Betrachten der drolligen Abenteuer der PEANUTS im Vordergrund, während sich mir nun als Erwachsener zunehmend der Subtext, der tiefere Sinn offenbart.

Schulz scheint unsere Sicht auf die jeweilige Handlung bewusst einengen zu wollen: Er fokussiert und sorgt dadurch für eine Komprimierung auf das Wesentliche. Die scheinbar unbedeutenden Sorgen und Nöte der Kids bekommen so eine enorme Relevanz. Die Äußerungen von Charlie Brown und seinen Freund*innen erhalten eine philosophische Tiefe, die weit über den gewohnten Rahmen eines Comicstrips, der als Gimmick einer Tageszeitung für kurzfristige Erheiterung sorgen soll, hinausgeht. Hier wird mit einer kindlich-verführerischen Naivität über Ängste, Depressionen, Freundschaft, Liebe, (Selbst-)Zweifel und Hoffnung gesprochen. Die Themen der PEANUTS werden plötzlich universell, treten aus dem Fokus heraus und ermöglichen mir als Leser so eine unbefangenere Sichtweise.

Mein Fazit nach der Lektüre dieses kleinen Büchleins:

Die PEANUTS sind weise! Die PEANUTS sind zauberhaft!
Die PEANUTS sind Kult!

Ⓒ Illustration Charles M. Schulz (2)


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150145814 / in der Übersetzung von Matthias Wieland

[Rezension] Hauck & Bauer – CARTOONS ZU WEIHNACHTEN

Kurz bevor ich hier auf meinem Blog mit der Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST feierliche Stimmung verbreite und meiner Lust an weihnachtlicher Besinnlichkeit in literarischer Form fröne, möchte ich allen Advents-Muffeln gerne dieses aparte Büchlein (14,5 x 9,5 cm) wärmstens ans Herz legen. Da gibt es Mitmenschen, die schon jetzt kaum mehr in den Schlaf finden, da sie mit Grausen einer Zeit mit zu viel Lebkuchen, zu viel Kitsch, zu viel Lametta, zu viel „Last Christmas“, zu viel „von allem“ entgegenzittern. Diese bemitleidenswerten Zeitgenossen haben mit CARTOONS ZU WEIHNACHTEN aus der Ideenschmiede von Hauck & Bauer nun ein wirksames Antidot gegen die zu erwarteten Grausamkeiten. Dabei setzt die Wirksamkeit dieses Gegenmittels nicht erst ab der Einnahme einer höheren Dosis ein, auch bei homöopathisch genossenen Mengen zeigt sich durchaus schon eine Wirkung.

Beim Cartoonisten-Duo Hauck & Bauer handelt es sich um Elias Hauck (Zeichnungen) und Dominik Bauer (Text). Größere Bekanntheit erreichten sie ab 2003 mit dem wöchentlich erscheinenden Comicstrip „Am Rande der Gesellschaft“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Veröffentlichungen in der Titanic, bei Spiegel Online sowie in der Apotheken Umschau sollten ebenso folgen wie div. Preise und Auszeichnungen.

Hier nehmen sie nun das Fest der Liebe mit spitzer Feder und flinkem Wort aufs Korn und offenbaren uns so sehr treffsicher die Gedanken einer piefigen Spießbürgerlichkeit. Ups, ich übersah, es sind ja gar keine Gedanken: Dieses Wort wurde im Titel durchgestrichen und durch „Cartoons“ ersetzt. „Gedanken“ klingt ja auch irgendwie nach „rauchendem Schädel“, „weltverändernden Erkenntnissen“ und „Kritik am Establishment“. Nein, so weit wollen die Zwei nicht gehen: Sie haben doch „nur“ ein paar Bildchen gemalt und mit Wörtern verschönt.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Doch diese Bildchen mit Wörtern haben es durchaus in sich: Da gibt es so manchen Streit am und um den Weihnachtsbaum. Sie verraten etliche pikante Anekdötchen zu Christis Geburt – direkt vom Rand der Krippe und somit brandaktuell. Es geht um nachhaltiges Bauen zu Grimmschen Zeiten: Da steht selbst bei der Knusperhexe die Ökobilanz ihres Lebkuchenhauses im Vordergrund. Auch der Weihnachtsmann mit all seinen Nöten findet ebenso Gehör wie die Klagelieder so manch armer Kreaturen, die auf der Suche nach einem passenden Geschenk für Familie, Verwandtschaft oder Kollegium sind. Und die Serie „Gedanken zum Advent mit Elmar Punsch“ wird selbstverständlich in vier Teilen kredenzt.

Dabei schrammt das kreative Autoren-Duo häufig knapp an der Grenze der „political correctness“ vorbei, bekommt aber immer wieder rechtzeitig die Kurve. So stutzte ich häufig und schaute mir den Cartoon durchaus ein weiteres Mal an, um sicher zu sein, dass ich die Botschaft verstanden hatte. Erst dann brach ich in ein schallendes Gelächter aus. Geschickt vermeiden die Zwei ein „Zuviel“, ein „über das Ziel hinausschießen“, da dies bei mir sicherlich keine Lachen ausgelöst sondern eher zu einer unangenehmen Befangenheit geführt hätte.

Gekrönt wir diese Ansammlung humoresker Skizzen mit einer festlichen Geschichte von Kristof Magnusson: Sollte hier nun eine spritzig-witzig-satirische Erzählung erwartet werden, da muss ich leider enttäuschen. Vielmehr schenkt Magnusson uns eine kleine traurig-anrührende Geschichte, die einen deutlichen Kontrast zu den Cartoons bildet und so umso mehr ihre Wirkung entfaltet.

Einziger Nachteil dieses Büchlein: das kleine Format! Der Zeichenstil von Elias Hauck in Kombination mit den Texten von Dominik Bauer wirken so filigran, dass es mir manches Mal schwer fiel, Details im Bild bzw. die Schrift deutlich zu erkennen.

Ansonsten: Frohe Weihnachten!


erschienen bei Kunstmann / ISBN: 978-3956146084
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] ESEL HUND KATZE HAHN. Geschichten, Gedichte und Lieder von den Bremer Stadtmusikanten/ Anna Lott (Hrsg.)

Ist es nicht erstaunlich? Da werden vier altersschwache Gesellen die bekanntesten Botschafter einer Stadt, die sie nachweislich nie erreicht haben. Es klingt wie im Märchen.

Es war einmal…

…im Jahre 1819, als DIE BREMER STADTMUSIKANTEN erstmals in der Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm auftauchten. Doch erst 80 Jahre später entdeckten die Bremer selbst das (Werbe-)Potenzial der vier Musikanten und wussten es als Wahrzeichen für ihre Stadt zu nutzen.

Doch irgendwie hatte ich immer schon dieses undefinierbare Gefühl, dass die Geschichte nicht zu Ende erzählt wurde: Da blieben mir zu viele Fragen unbeantwortet. Glücklicherweise kann da nun Anna Lott mit diesem Bilder-Lese-Buch Licht ins märchenhaft-nebulöse Dunkel bringen. Gemeinsam mit einer Vielzahl ihrer Schreiber- und Illustrations-Kolleg*innen, die allesamt in, um oder drumherum von Bremen zuhause sind, bleiben (beinah) keine Fragen mehr offen.

Neben Herausgeberin Anna Lott steuerten ebenfalls Michael Augustin, Carolin Helm, Jörg Isermeyer, Ulrike Kuckero, Hendrik Lambertus, Johanna Lindemann, Florian Müller und Hortense Ullrich ihre phantasievollen Geschichten, Lieder oder Gedichte bei. Die Künstler*innen Anke Bär, Bettina Bexte, Lois Brendel, Ina Clement, Mario Ellert, Martin Ernsting, Ruben Hilgert, Marie-Lulu Högemann, Olaf Kock, Tessa Rath und Valeska Scholz haben das Geschriebene wunderbar in Szene gesetzt. Entstanden ist ein ganz und gar unterhaltsames und abwechslungsreiches Buch, das mir beim Anschauen und darin Schmökern eine Menge Spaß bereitet hat.

Habt ihr euch am Ende eines Märchens nicht auch schon oft gefragt, wie es weiterging? Denn irgendwie ist eine Schlusssatz wie „…und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende!“ sehr unbefriedigend, lässt Raum für Spekulationen und verführt zu einem fordernden

„Ja, und? Was passierte DANN?“

Da lieferte das Original-Märchen unseren Kreativen sowohl Impulse, die Geschichte in mannigfaltigen Richtungen weiterzuspinnen, als auch Inspiration, sich an einer moderneren Deutung zu wagen. So eröffnet das Buch mit „Des Märchens zweiter Teil“ von Michael Augustin in den farbenfrohen Pastell-Illustrationen von Marie-Lulu Högemann und erzählt die Geschichte nicht nur logisch nachvollziehbar weiter, sondern präsentiert gleichzeitig die schon längst überfällige Auflösung zum Märchen DER RATTENFÄNGER VON HAMELN. Bei „Im Taxi durch Bremen“ begleiten wir den Dachs, wie er seine tierischen Fahrgäste per Daxi (!) durch die Hansestadt zum Weserstadion kutschiert, nichtsahnend, dass einige Fahrgäste die berühmten Musiker sind, die in eben jenem Weserstadium ihren großen Auftritt haben werden. In den drolligen Illustrationen von Valeska Scholz erkannte ich viele Orte und Sehenswürdigkeiten Bremens wieder. Aber auch den vertriebenen Räubern wird eine Geschichte bzw. eine Räuberballade gewidmet: Hendrik Lambertus berichtet in „Der kleine Räuber Balduin“ von einem raffinierten Komplott zwischen den Stadtmusikanten und dem kleinsten Räuber aus der kriminellen Bande.

Bei Jörg Isermeyer scheint es sich um einen Tolkien-Fan zu handeln: Anders kann ich es mir nicht erklären, dass er die zwei Teile seines Endzeit-Märchens „Der Lauf der Dinge“ mit „Die Gefährten“ und „Die zwei Türme“ untertitelte. Natürlich schickt er in seiner modernen Version andere Tiere (Eisbär, Rentier, Orang-Utan und eine Hummel) auf eine wichtige Mission, die mit einer reduzierten aber stimmungsvollen Farbgebung von Bettina Bexte visualisiert wurde.

Kinderliedermacher Florian Müller widmet dem dynamischen Quartett gleich fünf Songs, die von Martin Ernsting eindrucksvoll verschönt wurden. Dank Anke Bär und Max Görgen dürfen wir einen exklusiven Blick in das Tour-Tagebuch der fantastischen Vier (😉) werfen und erhalten so einen humorvollen Eindruck vom Leben dieser Superstars. Anna Lott verrät uns charmant, „Wie die Bremer Stadtmusikanten unter die Erde gekommen sind“, und liefert so die Erklärung, warum aus einem Gully vor der Bremer Bürgerschaft tierische Töne zu hören sind.

Silhouette DIE BREMER STADTMUSIKANTEN

Ach, und wer von euch nun unbedingt wissen möchte, „Warum die Bremer Stadtmusikanten nie in Bremen ankamen…!“, dem wird die entsprechende Antwort von Johanna Lindemann in ihrer zwei-geteilten Geschichte beschert, die übrigens herrlich skurril von Mario Ellert verschönt wurde. Doch natürlich darf auch das Original-Märchen von 1819 nicht fehlen, das nach wie vor seinen ganz besonderen Charme hat. Lois Brendel hat das Märchen mit eleganten Illustrationen in einer Art Linoldruck verschönt, die an die wundervollen Reliefs erinnern, wie sie noch in einigen Alt-Bremer Häusern zu finden sind.

Es gibt in diesem Buch noch so viel mehr zu entdecken, und jede*r, ob nun klein oder groß, wird dabei sicherlich seine Favoriten küren: Der einen gefällt mehr diese Geschichte, dem anderen gefällt mehr jenes Gedicht. Doch genau so soll/muss es bei einem guten Bilder-Lese-Buch sein, das so sehr verführerisch ist, dass es immer wieder nur allzu gerne in die Hand genommen wird.

Stellte sich mir nur noch die (nicht ernst gemeinte) Frage, ob der Carl Schünemann-Verlag nun zu früh oder zu spät mit diesem Buch auf dem Markt kam? Der 200. Geburtstag der vier Musiker wurde schon im Jahre 2019 ganz groß gefeiert, und ihren 205. Geburtstag haben sie erst im nächsten Jahr.

Doch im Endeffekt spielt es keine Rolle, da dieses Buch einfach nur durch und durch Freude bereitet!


Schon so einige Male sind sie mir über den Weg gelaufen, und darum gibt es hier auf meinem Blog unter dem Schlagwort DIE BREMER STADTMUSIKANTEN auch bereits einiges zu entdecken.


erschienen bei Carl Schünemann / ISBN: 978-3796112089
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Gaston Leroux – DAS PHANTOM DER OPER/ mit Illustrationen von Michèle Ganser

Lieben wir nicht alle Schauergeschichten: Dieses wohlige Gruseln während die Anspannung stetig steigt. Das Entgegenfiebern bis zum erlösenden Ende. Das Nachspüren der Atmosphäre, wenn uns hinterher unser Gang durch die dunkle und verdächtig stille Wohnung ins Schlafzimmer führt, und wir es uns kaum verkneifen können, einen prüfenden Blick in den Schrank und unter das Bett zu werfen…!

…dabei lässt sich DAS PHANTOM DER OPER gar nicht so leicht einer Kategorie zuordnen: Ist es nun tatsächlich eine Schauergeschichte oder vielmehr ein Kriminalroman oder doch eher ein Tatsachenbericht? Und das, wo wir Deutschen doch diese genetische Disposition haben und alles und jeden – schön geordnet – in eine Schublade stecken möchten.

Doch unabhängig vom Etikett, mit dem wir diesen Roman vielleicht nur allzu gerne schmücken würden, handelt es sich hier auch nach all den Jahren immer noch um eine spannende wie berührende Geschichte, die schon die Kreativität vieler Künstler*innen angeregt hat und nach wie vor die Leser*innen weltweit bestens unterhält.

Seit geraumer Zeit setzt ein dubioses Wesen die Direktion der Pariser Oper unter Druck und Künstler und Bühnenarbeiter in Angst und Schrecken. Er hat ganz klare Vorstellungen, wie „seine“ Oper zu führen sei, und nimmt Einfluss an der künstlerischen Arbeit des Hauses. Sollten seine Anweisungen nicht befolgt werden, geschieht Schreckliches. Zu aller Überraschung protegiert er die junge, unerfahrene Sängerin Christine Daaé, die sich dank seinem Unterricht auf der Bühne als brillante Sängerin profiliert. Doch auch Raoul, Vicomte de Chagny, ein Jugendfreund von Christine, ist von ihr entzückt. Doch die Liebe der beiden jungen Menschen bleibt dem Phantom nicht verborgen, und er setzt skrupellos alles daran, um Christine für ewig an sich zu binden…!

Abermals legt der Reclam-Verlag eine sehr hochwertige Neu-Auflage eines literarischen Klassikers vor: Da wurde auf viele Feinheiten geachtet, sei es bei der verwendeten Papierqualität, dem Druck und der Prägung bis zur sehr geschmackvollen Farbgebung in den Farben Schwarz, Weiß und Rot.

Leider haben mich ausgerechnet die Illustrationen von Michèle Ganser ein wenig enttäuscht, die als Randverzierungen in den laufenden Text eingefügt wurden. Dies wirkt beinah wie klassische Vignetten, doch anstatt Ranken gibt es Bilder von Requisiten und Dekorationsteilen zu bewundern. Diese sind durchaus sehr ansprechend und detailliert gestaltet und nehmen jeweils Bezug zur Handlung. Aber sie sind eher schmückendes Beiwerk und können für mich die ganzseitigen Illustrationen nicht ersetzen. Die einzige Illustration, die über zwei Seiten geht, ist eine Innenansicht des Zuschauersaals der Oper, die recht unspektakulär ausfällt. Unspektakulär deshalb, da eben jene Illustration bereits als Vorsatzblatt diente, bei dem nur ein paar Zuschauer*innen hinzugefügt wurden. Da konnte mich der Reclam-Verlag in der Vergangenheit mit seinen illustrierten Fassungen schon deutlich mehr überzeugt, wie z. Bsp. mit DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY von Oscar Wilde.

Doch der größte Pluspunkt und somit die absolute Kaufempfehlung ist für mich die neue Übersetzung von Rainer Moritz. Ich habe mir (mal wieder) die Mühe gemacht und einige Passagen parallel gelesen, um so die Unterschiede der neuen zur alten Übersetzung von Johannes Piron besser nachvollziehen zu können. Pirons Übersetzung stammte aus den 60er Jahren, weißt den sprachlichen Duktus jener Zeit auf und wirkt aus heutiger Sicht ein wenig schwülstig. Auch glaubte ich bei einigen Beschreibungen einen eher negativen Unterton im Vergleich zur aktuellen Übersetzung wahrzunehmen: Da wird aus „ein Hirngespinst der Dämchen vom Corps de ballet“ (alt) zu „die unscheinbare Erfindung erregter Gehirne unter Ballettmädchen“ (neu). Zudem klingen einige Formulierungen (von „Garderobenfrauen“ zu „Garderobieren“) deutlich eleganter in meinen Ohren. Gerade beim Vorlesen klang die alte Übersetzung oftmals holpriger und kam weniger geschmeidig über meine Lippen: „Ja, es hat leibhaftig existiert, wenn es auch wie ein echtes Phantom auftrat, das heißt als Schemen.“ (alt) im Vergleich zu „Ja, es hat leibhaftig existiert, obwohl es sich in allen den Anschein eines wahren Phantoms gab, also einer Schattengestalt.“ (neu)

Alles in allem scheint die Übersetzung von Rainer Moritz fließender, klarer, beinah nüchterner zu sein und kommt damit dem Stil des Originals recht nah. Gaston Leroux, der ja nicht nur als Schriftsteller tätig war sondern auch als Journalisten arbeitete, hatte diesen Roman als eine Art Tatsachenbericht verfasst, beinah so als würde er die bei Recherchen erhaltenen Informationen zusammenfassen. Dies kam der Erstveröffentlichung als Episoden-Roman in der Zeitung Le Gaulois sehr entgegen. Zumal nicht ganz nachvollziehbar war, was der Phantasie des Autors entsprungen ist, und was auf Tatsachen beruhte. Leroux war so pfiffig, dass er sich von realen Hintergründen inspirieren ließ und die entsprechenden Fakten geschickt in seine Geschichte einbaute.

Erstmals gibt es ein unbekanntes Kapitel zu entdecken, das von Leroux, nachdem die Geschichte erstmals in der Zeitung erschien, gestrichen wurde. Er empfand dieses Kapitel als nicht relevant genug für den Fortgang der Handlung. Tatsächlich ist es nun nicht so, dass mir als Leser ohne dieses Kapitel signifikante Sachverhalte fehlen würden. Trotzdem war es eine Freude, jenes Kapitel zu lesen, da der Autor sowohl Handlung wie Personen in seinem herrlich skurrilem Humor beschreibt und somit sehr zu meiner Erheiterung beitrug.

Abermals überzeugt der Reclam-Verlag mit der geschmackvollen Umsetzung einer beliebten Geschichte – nur als „illustrierte Fassung“ würde ich sie nun nicht unbedingt anpreisen.


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150114926 / in der Übersetzung von Rainer Moritz
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Saša Stanišić – AVA AUF EINEM BEIN/ mit Illustrationen von Regina Kehn


👧 Heute ist WELTKINDERTAG!👦


Sie sind klein, handlich und erzählen ihre Geschichten auf 24 Seiten zu 10 x 10 cm im Quadrat. Es gibt sie seit 1954, und im Laufe der Jahre haben sie sich zu den beliebtesten deutschsprachigen Vorlesebüchern entwickelt. Teilweise sind sie Kleinausgaben von ursprünglich größeren, die meisten von ihnen wurden aber von vornherein für das kleinere Format geschrieben und illustriert. In der Zwischenzeit haben sich frühere Ausgaben zu begehrten Sammelobjekten gemausert. Ich spreche natürlich von den Pixi-Büchern, die in diesem Jahr ihr 70. Jubiläum feiern.

Doch was macht die Erfolgsgeschichte dieser kleinen Hosentaschen-Bilderbücher aus? Einerseits mit Sicherheit der günstige Preis von -,99 Cent, andererseits die Auswahl der Themen, die oftmals Situationen aus dem Leben von Kindern widerspiegeln und ihnen helfen soll, richtige Entscheidungen zu treffen. Auch waren und sind sich renommierte Autor*innen und Illustrator*innen nie zu schade gewesen, eine Geschichte im Pixi-Format beizusteuern. Waren dies in der Vergangenheit schon namhafte Schreiberlinge wie Cornelia Funke, Fatih Akin oder Peter Härtling, so haben Paul Maar, Marc-Uwe Kling, Axel Scheffler oder auch Saša Stanišić es sich nicht nehmen lassen, Pixi zum 70. Geburtstag zu gratulieren.

Saša Stanišić hat gemeinsam mit Illustratorin Regina Kehn eine ganz zauberhafte kleine Geschichte über Freundschaft geschaffen, bei der auch durchaus ernste, doch sehr hoffnungsvolle Untertöne mitschwingen.

Ava spielt mit ihren drei Freunden Ari, Anouk und Hilei: Ari kann auf einem Bein stehen, Anouk kann auf einem Bein stehen, nur Ava kann nicht auf einem Bein stehen – zumindest nicht lange genug, so dass es zählt. Das wurmt Ava. Sie schnappt sich Hilei und geht mit ihr nach Hause. Hilei ist nämlich in Wirklichkeit ein als Ente getarnter Drache und Avas engste Vertraute. Gemeinsam mit ihr und Papa hat Ava auf der Flucht schon eine Wüste durchquert. Ava und Hilei überlegen, dass es so vieles gibt, das wichtiger ist, als auf einem Bein stehen zu können, z.Bsp. Tomaten schneiden. Und sie kommen zu einer wichtigen Erkenntnis: Nicht jeder muss alles können!

Abermals ist Saša Stanišić eine warmherzige Geschichte gelungen, bei deren Entstehung seine eigene Vergangenheit Einfluss nahm. Dabei wirkt seine Erzählung oberflächlich betrachtet eher unspektakulär. Erst beim wiederholten Lesen brachten einige Zeilen mein Herz zum Schwingen und verströmten ihren poetischen Charme. So bildet der Text von Stanišić den Überbau bzw. das Grundgerüst der Geschichte, während die wunderbaren Illustrationen von Regina Kehn mir den Sub-Text zu den Personen lieferten. Gänzlich unaufgeregt, beinah nebenbei erfuhr ich noch so viel mehr von unserer kleinen Heldin, ihrer Familie und ihren Freunden. So entdeckte ich über dem Bett von Asa ein Foto von ihr und ihrer Mutter. Da schaute Avas Papa erschrocken auf die blutroten Flecke an der Wand, die Ava beim Tomatenschneiden hinterlässt. Und natürlich konnte Ari ganz toll auf einem Bein stehen: Er ist ja schließlich darin trainiert, da er als Flüchtlingskind (wahrscheinlich) aus einem Kriegsgebiet auch nur noch ein Bein hat. Solche und weitere Details boten mir Raum für Interpretationen und überzogen die fiktiven Figuren mit einem realistischen Schimmer.

Ich staune über die Kunst von Saša Stanišić und Regina Kehn, die es schafften, mit wenigen Worten und ein paar Bildern ein ganzes Leben auf nur 24 kleinen Seiten zu zaubern.


erschienen bei Pixi (im Carlsen-Verlag) / ISBN: 978-3551039293 (Pixi-Serie 295 / Nr. 2688)

[Rezension] Brüder Grimm – MEIN GROSSER MÄRCHENSCHATZ. Das Original aus den 70ern


👧 Heute ist WELTKINDERTAG!👦


Ja, auch ich bin ein Kind der 70er: Aufgewachsen mit Heidi und Priel-Blume, eingekleidet mit Pullundern in grellen Farben und Strumpfhosen ohne Füße (Eine Erfindung, die den Begriff „Strumpfhose“ ad absurdum führte und erst ein Jahrzehnt später durch den Begriff „Leggins“ ersetzt wurde.). Musikalisch fuhr ich – Dalli Dalli – mit einem Zug nach nirgendwo, nach Mendocino oder sonst wo hin, und auf die Frage „Was willst du denn mal werden, wenn du groß bist?“ gab ich im Brustton der Überzeugung als Berufswunsch „Ziegenhüter auf der Alm“ an. Wie jedes Jahrzehnt hatten auch die 70er ihre ganz eigene Ästhetik,…

…und diese Ästhetik hatte natürlich ihren Einfluss auf die Bildsprache in Kinderbüchern und war somit auch ein Ausdruck des jeweiligen Zeitgeschmacks. Dieser Umstand kann so prägend sein, dass ein Wiedersehen mit Illustrationen aus dieser Zeit zwangsläufig Erinnerungen heraufbeschwören. Ich habe damals mein Papp-Märchenbuch ständig mit mir herumgeschleppt und bei jeder Gelegenheit – egal, ob zur Tages- oder auch Schlafenszeit – darin geblättert und mir stundenlang die Bilder angeschaut. Mein Exemplar war irgendwann so abgestoßen, dass die Ecken schon ausgefranst waren und der graue Karton hervorlugte.

So war das Blättern in diesem Jubiläumsband von MEIN GROSSER MÄRCHENSCHATZ für mich ein einziges großes Déjà-vu: Über Jahrzehnte nicht an sie gedacht, sprangen nun beim ersten Blick auf die Illustrationen die Schubladen meiner Erinnerungs-Kommode auf und bescherten mir eine Lawine an wohligen Empfindungen. Da waren sie wieder, die zauberhaften Märchengestalten mit den etwas überproportionierten Köpfen, dem ausdrucksvollen Blick und den rosigen Wangen. Da gab es runde Formen und leuchtende, doch nie grelle Farben. Der Wolf war nie zu böse, der Wald nie zu dunkel, und Stiefmütter wie auch böse Feen waren nie zu garstig.

Ebenso gemäßigt präsentieren sich die Märchentexte: Sind die Originaltexte manchmal doch recht brutal, wurden hier die Geschichten dem Verständnis eines eher jüngerem Publikums angepasst und werden so nie allzu gruselig. Wobei die Texte sich ganz famos zum Vor-Lesen eignen: Wenn man sich dann noch nebeneinander gemütlich auf das Sofa kuschelt, besteht für die kleinen Zuhörer die Möglichkeit, sich währen des Vor-Lesens die wunderbaren Illustrationen anzuschauen.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


An der Illustration der vorliegenden 14 Märchen waren drei Künstlerinnen beteiligt: Während Gerti Mauser-Lichtl ihren Beitrag bei „nur“ einem Märchen leistete, und Anny Hoffmann mit zwei Märchen auf sich aufmerksam machen konnte, kreierte Felicitas Kuhn die bunten Welten für üppige elf Märchen und prägte so die Sehgewohnheit einer ganzen Kindergeneration.

Folgende Märchen sind in diesem prächtigen Sammelband enthalten:
Felicitas Kuhn Rotkäppchen / Hänsel und Gretel / Dornröschen / Die Bremer Stadtmusikanten / Der Wolf und die sieben Geißlein / Aschenputtel / Der gestiefelte Kater / Frau Holle / Das tapfere Schneiderlein / Tischlein deck dich / Der kleine Däumling
Anny Hoffmann Der Froschkönig / Rumpelstilzchen
Gerti Mauser-Lichtl Schneewittchen

Glücklicherweise vermeidet der Verlag eine absolut entbehrliche Aktualisierung der Märchen, die ursprünglich in Einzelbänden erschienen sind, und schenkt uns so eine wunderbar nostalgische Neu-Auflage dieses Märchenbuch-Klassikers aus den 70ern. So erhält die heutige Großeltern-Generation die unschätzbare Gelegenheit, sich gemeinsam mit ihren Enkeln in die Bilderwelt der eigenen Kindheit fallen zu lassen.


erschienen bei Esslinger / ISBN: 978-3480238705

[Rezension] Lene Mayer-Skumanz – BEETHOVEN. Leben und Werk des großen Komponisten/ mit Illustrationen von Winfried Opgenoorth

Er zählt zu den herausragenden Komponisten in der Musikgeschichte. In den 57 Jahren, die er auf Erden verweilen sollte, kreierte eine wahre Fülle an Kompositionen. Sinfonien, Klaviersonaten, Streichquartetts, Messen, Kantaten, Singspiele und die Oper FIDELIO sowie eine Vielzahl an Liedern und Kanons stammen aus seiner Feder und zeugen von einer immensen künstlerischen Kraft. Da ist es mehr als selbstverständlich, dass er – neben Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart – im Portfolio des Annette Betz-Verlages in der Reihe „Das Musikalische Bilderbuch“ auftaucht.

Musste ich mich bei DER KLASSIK-KANON mit einem knappen Lebenslauf auf 4½ Seiten begnügen, nimmt sich hier Autorin Lene Mayer-Skumanz den nötigen Raum und erlaubt einen deutlich detaillierteren Blick auf das Leben von Ludwig van Beethoven. Die Irrungen und Wirrungen dieses außergewöhnlichen Künstlerlebens beschreibt sie mit leichter Feder und vermeidet dabei wohltuend eine pure Aneinanderreihung von Fakten, das schnell sehr oberflächlich hätte wirken können. Vielmehr lässt sie ihre Leser*innen auch an der Tragik im Leben des Künstlers teilhaben und porträtiert dessen manchmal recht schwierigen Charakter immer mit Respekt und Sympathie.

Nun ist Leben und Werk dieses Komponisten eng miteinander verbunden, da er überwältigende Kompositionen oft aufgrund einer persönlichen Not, einer Schwärmerei oder einer unerwiderten Liebe schuf und so seine Emotionen in eine enorme musikalische Kreativität umwandelte. So gibt es im gelungenen Text von Mayer-Skumanz auch immer wieder Hinweise auf den jeweiligen Lebensumstand zu den im entsprechenden Zeitraum entstandenen Kompositionen, von denen etliche auf der beigefügten CD zu finden sind. Hier ist dem Verlag eine gute Auswahl gelungen: Wenn auch oftmals „nur“ in Auszügen bietet die Musikauswahl einen gelungenen Querschnitt aus Beethovens Œuvre. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass im Text die entsprechende Track-Nummer vermerkt worden wäre, um mir eine Verknüpfung zwischen Text, Musik und Bild zu erleichtern.

Die Illustrationen von Winfried Opgenoort nehmen immer wieder Bezug auf im Text erwähnte Details und erinnern an die Gemälde des Klassizismus. Die Attribute dieser Epoche „Gleichmaß und Harmonie“ finden sich auch hier wieder: So sorgt Opgenoort innerhalb seiner Zeichnungen für beinah filmische Übergänge bzw. Überblenden, schafft es so, mehrere Handlungsebenen miteinander zu verbinden und lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachtenden immer wieder auf interessante Kleinigkeiten.

Entstanden ist ein gelungenes Lese-, Bilder- und Hör-Buch für die ganze Familie, das sowohl lehrreich aus dem Leben und Wirken dieses einzigartigen Komponisten berichtet, dabei aber auch höchst unterhaltsam und kurzweilig daherkommt.


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219116694

[Rezension] Dominique Ziegler (nach Agatha Christie) – DIE TOTE IN DER BIBLIOTHEK. Ein Miss-Marple-Krimi/ mit Illustrationen von Olivier Dauger

O je, da habe ich es doch tatsächlich wieder getan. Und das, obwohl ich mir beim letzten Mal so sicher war, dass es nicht noch einmal passieren würde. Ich bin leider dem neusten Streich aus dem Carlsen-Verlag, der unter der Rubrik „Agatha Christie Classics“ veröffentlicht wurde, abermals auf den Leim gegangen. Alles, wo Agatha Christie draufsteht, scheint beinah eine unwiderstehliche Sog-Kraft auf mich auszuüben. Vielleicht ist dies auch meinem unausgesprochenen Wunsch geschuldet, endlich eine Comic-Adaption einer Christie-Geschichte in den Händen zu halten, die beides – korrekte Wiedergabe des Inhalts und ansprechende Illustrationen – für mich zufriedenstellend miteinander verbindet.

Bedauerlicherweise habe ich bis jetzt eine entsprechende Graphic Novel noch nicht gefunden…!

In der Bibliothek des Landhauses des Ehepaares Bantry wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Sie wurde augenscheinlich erwürgt. Dolly Bantry zieht ihre alte Freundin Miss Marple hinzu, da sie befürchtet, dass ihr Mann hinter vorgehaltener Hand immer als Verdächtiger gelten würde, sollte der Mord nicht aufgeklärt werden. Da es keinen Hinweis auf eine Verbindung zwischen der Toten und dem Ehepaar gibt, versucht man anhand von Vermisstenmeldungen den Namen der Toten zu ermitteln. Dem Alter nach kommt nur die Pfadfinderin Pamela Reeves infrage, ihre Beschreibung passt aber nicht zu der der Toten. Dann trifft die Vermisstenmeldung von Ruby Keene ein. Sie wird von ihrer Cousine Josie Turner identifiziert, die – wie auch Ruby – als Tänzerin im nahe gelegenen Majestic Hotel in Danemouth arbeitete. Kurzerhand quartieren sich die beiden Damen im besagten Hotel ein, wo Miss Marple den Täter zur Strecke bringen will – mit viel Gespür und noch mehr Verstand. Doch sowohl die ermittelnden Polizeibeamten wie auch Miss Marple werden mit allerlei verdächtigen Personen konfrontiert. Zum einen sind da die verwitweten Schwiegerkindern des vermögenden Mr. Jefferson, der eine gewisse Zuneigung zu Ruby Keene entwickelt hatte und ihr einen erheblichen Teil seines Vermögens vermachen wollte. Dann gibt es da noch einen sehr nervösen jungen Mann namens Bartlett und den im Filmgeschäft tätigen Basil Blake. Allerdings haben die Schwiegerkinder zur Tatzeit ein Alibi. Bartlett verhält sich zwar verdächtig, hat allerdings kein Motiv, und Blake war mit dem Mädchen kaum bekannt. Doch wenig später wird die Leiche einer weiteren jungen Frau im ausgebrannten Wagen von Bartlett gefunden…


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Die wesentlichen Details der Handlung hat Dominique Ziegler bei seiner Konzeption des Comics durchaus berücksichtigt und gibt diese nachvollziehbar wieder. Zwangsläufig musste er einige Passagen kürzen bzw. das Handlungspersonal entsprechend reduzieren, um dem vorgegebenen Rahmen einer Graphic Novel gerecht zu werden. Leider ließ er einige Personen sehr unsympathisch und schon beinah abstoßend arrogant wirken, wieder anderen legte er so manche hohle Plattitüde in den Mund, die absolut unglaubwürdig und somit unpassend zur Szene wirkte.

Die Zeichnungen von Olivier Dauger sind zwar detailreich, wirken allerdings in ihrer einheitlichen „Ausleuchtung“ ohne jegliche Schattierung sehr steril und ließen darum an Atmosphäre deutlich vermissen. Bei der Physiognomie des Handlungspersonals zeigte er durchaus Abwechslung in der Gestaltung. Ob die jeweilig gewählte Optik nun überzeugt, muss jede*r Betrachter*in der Geschichte selbst für sich entscheiden. Ich hätte mir bei einigen Figuren durchaus mehr Charakter – insbesondere bei Miss Marple – gewünscht.

Ist es so, dass das Genre der Graphic Novel mir nicht zu liegen scheint? Das, was den Stil diese Genres ausmacht, entspricht anscheinend so ganz und gar nicht meinen Erwartungen. Doch bin ich deswegen nun enttäuscht oder frustriert? Ja, durchaus, vielleicht ein wenig! Mein Wunsch, eine gelungene Comic-Adaption eines Christie-Klassikers genießen zu dürfen, ist doch recht groß. Und so werde ich hoffnungsvoll wohl auch die nächste Veröffentlichung HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN, die für Herbst dieses Jahres angekündigt ist, genau unter die Lupe nehmen.

Die Hoffnung stirbt eben zuletzt…!


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551794130 / in der Übersetzung von Thomas Schöner
ebenfalls erschienen als Roman bei Atlantik / ISBN: 978-3455650051 und als Hörbuch bei DER HÖRVERLAG / ISBN: 978-3899407860