[Rezension] ESEL HUND KATZE HAHN. Geschichten, Gedichte und Lieder von den Bremer Stadtmusikanten/ Anna Lott (Hrsg.)

Ist es nicht erstaunlich? Da werden vier altersschwache Gesellen die bekanntesten Botschafter einer Stadt, die sie nachweislich nie erreicht haben. Es klingt wie im Märchen.

Es war einmal…

…im Jahre 1819, als DIE BREMER STADTMUSIKANTEN erstmals in der Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm auftauchten. Doch erst 80 Jahre später entdeckten die Bremer selbst das (Werbe-)Potenzial der vier Musikanten und wussten es als Wahrzeichen für ihre Stadt zu nutzen.

Doch irgendwie hatte ich immer schon dieses undefinierbare Gefühl, dass die Geschichte nicht zu Ende erzählt wurde: Da blieben mir zu viele Fragen unbeantwortet. Glücklicherweise kann da nun Anna Lott mit diesem Bilder-Lese-Buch Licht ins märchenhaft-nebulöse Dunkel bringen. Gemeinsam mit einer Vielzahl ihrer Schreiber- und Illustrations-Kolleg*innen, die allesamt in, um oder drumherum von Bremen zuhause sind, bleiben (beinah) keine Fragen mehr offen.

Neben Herausgeberin Anna Lott steuerten ebenfalls Michael Augustin, Carolin Helm, Jörg Isermeyer, Ulrike Kuckero, Hendrik Lambertus, Johanna Lindemann, Florian Müller und Hortense Ullrich ihre phantasievollen Geschichten, Lieder oder Gedichte bei. Die Künstler*innen Anke Bär, Bettina Bexte, Lois Brendel, Ina Clement, Mario Ellert, Martin Ernsting, Ruben Hilgert, Marie-Lulu Högemann, Olaf Kock, Tessa Rath und Valeska Scholz haben das Geschriebene wunderbar in Szene gesetzt. Entstanden ist ein ganz und gar unterhaltsames und abwechslungsreiches Buch, das mir beim Anschauen und darin Schmökern eine Menge Spaß bereitet hat.

Habt ihr euch am Ende eines Märchens nicht auch schon oft gefragt, wie es weiterging? Denn irgendwie ist eine Schlusssatz wie „…und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende!“ sehr unbefriedigend, lässt Raum für Spekulationen und verführt zu einem fordernden

„Ja, und? Was passierte DANN?“

Da lieferte das Original-Märchen unseren Kreativen sowohl Impulse, die Geschichte in mannigfaltigen Richtungen weiterzuspinnen, als auch Inspiration, sich an einer moderneren Deutung zu wagen. So eröffnet das Buch mit „Des Märchens zweiter Teil“ von Michael Augustin in den farbenfrohen Pastell-Illustrationen von Marie-Lulu Högemann und erzählt die Geschichte nicht nur logisch nachvollziehbar weiter, sondern präsentiert gleichzeitig die schon längst überfällige Auflösung zum Märchen DER RATTENFÄNGER VON HAMELN. Bei „Im Taxi durch Bremen“ begleiten wir den Dachs, wie er seine tierischen Fahrgäste per Daxi (!) durch die Hansestadt zum Weserstadion kutschiert, nichtsahnend, dass einige Fahrgäste die berühmten Musiker sind, die in eben jenem Weserstadium ihren großen Auftritt haben werden. In den drolligen Illustrationen von Valeska Scholz erkannte ich viele Orte und Sehenswürdigkeiten Bremens wieder. Aber auch den vertriebenen Räubern wird eine Geschichte bzw. eine Räuberballade gewidmet: Hendrik Lambertus berichtet in „Der kleine Räuber Balduin“ von einem raffinierten Komplott zwischen den Stadtmusikanten und dem kleinsten Räuber aus der kriminellen Bande.

Bei Jörg Isermeyer scheint es sich um einen Tolkien-Fan zu handeln: Anders kann ich es mir nicht erklären, dass er die zwei Teile seines Endzeit-Märchens „Der Lauf der Dinge“ mit „Die Gefährten“ und „Die zwei Türme“ untertitelte. Natürlich schickt er in seiner modernen Version andere Tiere (Eisbär, Rentier, Orang-Utan und eine Hummel) auf eine wichtige Mission, die mit einer reduzierten aber stimmungsvollen Farbgebung von Bettina Bexte visualisiert wurde.

Kinderliedermacher Florian Müller widmet dem dynamischen Quartett gleich fünf Songs, die von Martin Ernsting eindrucksvoll verschönt wurden. Dank Anke Bär und Max Görgen dürfen wir einen exklusiven Blick in das Tour-Tagebuch der fantastischen Vier (😉) werfen und erhalten so einen humorvollen Eindruck vom Leben dieser Superstars. Anna Lott verrät uns charmant, „Wie die Bremer Stadtmusikanten unter die Erde gekommen sind“, und liefert so die Erklärung, warum aus einem Gully vor der Bremer Bürgerschaft tierische Töne zu hören sind.

Silhouette DIE BREMER STADTMUSIKANTEN

Ach, und wer von euch nun unbedingt wissen möchte, „Warum die Bremer Stadtmusikanten nie in Bremen ankamen…!“, dem wird die entsprechende Antwort von Johanna Lindemann in ihrer zwei-geteilten Geschichte beschert, die übrigens herrlich skurril von Mario Ellert verschönt wurde. Doch natürlich darf auch das Original-Märchen von 1819 nicht fehlen, das nach wie vor seinen ganz besonderen Charme hat. Lois Brendel hat das Märchen mit eleganten Illustrationen in einer Art Linoldruck verschönt, die an die wundervollen Reliefs erinnern, wie sie noch in einigen Alt-Bremer Häusern zu finden sind.

Es gibt in diesem Buch noch so viel mehr zu entdecken, und jede*r, ob nun klein oder groß, wird dabei sicherlich seine Favoriten küren: Der einen gefällt mehr diese Geschichte, dem anderen gefällt mehr jenes Gedicht. Doch genau so soll/muss es bei einem guten Bilder-Lese-Buch sein, das so sehr verführerisch ist, dass es immer wieder nur allzu gerne in die Hand genommen wird.

Stellte sich mir nur noch die (nicht ernst gemeinte) Frage, ob der Carl Schünemann-Verlag nun zu früh oder zu spät mit diesem Buch auf dem Markt kam? Der 200. Geburtstag der vier Musiker wurde schon im Jahre 2019 ganz groß gefeiert, und ihren 205. Geburtstag haben sie erst im nächsten Jahr.

Doch im Endeffekt spielt es keine Rolle, da dieses Buch einfach nur durch und durch Freude bereitet!


Schon so einige Male sind sie mir über den Weg gelaufen, und darum gibt es hier auf meinem Blog unter dem Schlagwort DIE BREMER STADTMUSIKANTEN auch bereits einiges zu entdecken.


erschienen bei Carl Schünemann / ISBN: 978-3796112089
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Gaston Leroux – DAS PHANTOM DER OPER/ mit Illustrationen von Michèle Ganser

Lieben wir nicht alle Schauergeschichten: Dieses wohlige Gruseln während die Anspannung stetig steigt. Das Entgegenfiebern bis zum erlösenden Ende. Das Nachspüren der Atmosphäre, wenn uns hinterher unser Gang durch die dunkle und verdächtig stille Wohnung ins Schlafzimmer führt, und wir es uns kaum verkneifen können, einen prüfenden Blick in den Schrank und unter das Bett zu werfen…!

…dabei lässt sich DAS PHANTOM DER OPER gar nicht so leicht einer Kategorie zuordnen: Ist es nun tatsächlich eine Schauergeschichte oder vielmehr ein Kriminalroman oder doch eher ein Tatsachenbericht? Und das, wo wir Deutschen doch diese genetische Disposition haben und alles und jeden – schön geordnet – in eine Schublade stecken möchten.

Doch unabhängig vom Etikett, mit dem wir diesen Roman vielleicht nur allzu gerne schmücken würden, handelt es sich hier auch nach all den Jahren immer noch um eine spannende wie berührende Geschichte, die schon die Kreativität vieler Künstler*innen angeregt hat und nach wie vor die Leser*innen weltweit bestens unterhält.

Seit geraumer Zeit setzt ein dubioses Wesen die Direktion der Pariser Oper unter Druck und Künstler und Bühnenarbeiter in Angst und Schrecken. Er hat ganz klare Vorstellungen, wie „seine“ Oper zu führen sei, und nimmt Einfluss an der künstlerischen Arbeit des Hauses. Sollten seine Anweisungen nicht befolgt werden, geschieht Schreckliches. Zu aller Überraschung protegiert er die junge, unerfahrene Sängerin Christine Daaé, die sich dank seinem Unterricht auf der Bühne als brillante Sängerin profiliert. Doch auch Raoul, Vicomte de Chagny, ein Jugendfreund von Christine, ist von ihr entzückt. Doch die Liebe der beiden jungen Menschen bleibt dem Phantom nicht verborgen, und er setzt skrupellos alles daran, um Christine für ewig an sich zu binden…!

Abermals legt der Reclam-Verlag eine sehr hochwertige Neu-Auflage eines literarischen Klassikers vor: Da wurde auf viele Feinheiten geachtet, sei es bei der verwendeten Papierqualität, dem Druck und der Prägung bis zur sehr geschmackvollen Farbgebung in den Farben Schwarz, Weiß und Rot.

Leider haben mich ausgerechnet die Illustrationen von Michèle Ganser ein wenig enttäuscht, die als Randverzierungen in den laufenden Text eingefügt wurden. Dies wirkt beinah wie klassische Vignetten, doch anstatt Ranken gibt es Bilder von Requisiten und Dekorationsteilen zu bewundern. Diese sind durchaus sehr ansprechend und detailliert gestaltet und nehmen jeweils Bezug zur Handlung. Aber sie sind eher schmückendes Beiwerk und können für mich die ganzseitigen Illustrationen nicht ersetzen. Die einzige Illustration, die über zwei Seiten geht, ist eine Innenansicht des Zuschauersaals der Oper, die recht unspektakulär ausfällt. Unspektakulär deshalb, da eben jene Illustration bereits als Vorsatzblatt diente, bei dem nur ein paar Zuschauer*innen hinzugefügt wurden. Da konnte mich der Reclam-Verlag in der Vergangenheit mit seinen illustrierten Fassungen schon deutlich mehr überzeugt, wie z. Bsp. mit DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY von Oscar Wilde.

Doch der größte Pluspunkt und somit die absolute Kaufempfehlung ist für mich die neue Übersetzung von Rainer Moritz. Ich habe mir (mal wieder) die Mühe gemacht und einige Passagen parallel gelesen, um so die Unterschiede der neuen zur alten Übersetzung von Johannes Piron besser nachvollziehen zu können. Pirons Übersetzung stammte aus den 60er Jahren, weißt den sprachlichen Duktus jener Zeit auf und wirkt aus heutiger Sicht ein wenig schwülstig. Auch glaubte ich bei einigen Beschreibungen einen eher negativen Unterton im Vergleich zur aktuellen Übersetzung wahrzunehmen: Da wird aus „ein Hirngespinst der Dämchen vom Corps de ballet“ (alt) zu „die unscheinbare Erfindung erregter Gehirne unter Ballettmädchen“ (neu). Zudem klingen einige Formulierungen (von „Garderobenfrauen“ zu „Garderobieren“) deutlich eleganter in meinen Ohren. Gerade beim Vorlesen klang die alte Übersetzung oftmals holpriger und kam weniger geschmeidig über meine Lippen: „Ja, es hat leibhaftig existiert, wenn es auch wie ein echtes Phantom auftrat, das heißt als Schemen.“ (alt) im Vergleich zu „Ja, es hat leibhaftig existiert, obwohl es sich in allen den Anschein eines wahren Phantoms gab, also einer Schattengestalt.“ (neu)

Alles in allem scheint die Übersetzung von Rainer Moritz fließender, klarer, beinah nüchterner zu sein und kommt damit dem Stil des Originals recht nah. Gaston Leroux, der ja nicht nur als Schriftsteller tätig war sondern auch als Journalisten arbeitete, hatte diesen Roman als eine Art Tatsachenbericht verfasst, beinah so als würde er die bei Recherchen erhaltenen Informationen zusammenfassen. Dies kam der Erstveröffentlichung als Episoden-Roman in der Zeitung Le Gaulois sehr entgegen. Zumal nicht ganz nachvollziehbar war, was der Phantasie des Autors entsprungen ist, und was auf Tatsachen beruhte. Leroux war so pfiffig, dass er sich von realen Hintergründen inspirieren ließ und die entsprechenden Fakten geschickt in seine Geschichte einbaute.

Erstmals gibt es ein unbekanntes Kapitel zu entdecken, das von Leroux, nachdem die Geschichte erstmals in der Zeitung erschien, gestrichen wurde. Er empfand dieses Kapitel als nicht relevant genug für den Fortgang der Handlung. Tatsächlich ist es nun nicht so, dass mir als Leser ohne dieses Kapitel signifikante Sachverhalte fehlen würden. Trotzdem war es eine Freude, jenes Kapitel zu lesen, da der Autor sowohl Handlung wie Personen in seinem herrlich skurrilem Humor beschreibt und somit sehr zu meiner Erheiterung beitrug.

Abermals überzeugt der Reclam-Verlag mit der geschmackvollen Umsetzung einer beliebten Geschichte – nur als „illustrierte Fassung“ würde ich sie nun nicht unbedingt anpreisen.


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150114926 / in der Übersetzung von Rainer Moritz
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Saša Stanišić – AVA AUF EINEM BEIN/ mit Illustrationen von Regina Kehn


👧 Heute ist WELTKINDERTAG!👦


Sie sind klein, handlich und erzählen ihre Geschichten auf 24 Seiten zu 10 x 10 cm im Quadrat. Es gibt sie seit 1954, und im Laufe der Jahre haben sie sich zu den beliebtesten deutschsprachigen Vorlesebüchern entwickelt. Teilweise sind sie Kleinausgaben von ursprünglich größeren, die meisten von ihnen wurden aber von vornherein für das kleinere Format geschrieben und illustriert. In der Zwischenzeit haben sich frühere Ausgaben zu begehrten Sammelobjekten gemausert. Ich spreche natürlich von den Pixi-Büchern, die in diesem Jahr ihr 70. Jubiläum feiern.

Doch was macht die Erfolgsgeschichte dieser kleinen Hosentaschen-Bilderbücher aus? Einerseits mit Sicherheit der günstige Preis von -,99 Cent, andererseits die Auswahl der Themen, die oftmals Situationen aus dem Leben von Kindern widerspiegeln und ihnen helfen soll, richtige Entscheidungen zu treffen. Auch waren und sind sich renommierte Autor*innen und Illustrator*innen nie zu schade gewesen, eine Geschichte im Pixi-Format beizusteuern. Waren dies in der Vergangenheit schon namhafte Schreiberlinge wie Cornelia Funke, Fatih Akin oder Peter Härtling, so haben Paul Maar, Marc-Uwe Kling, Axel Scheffler oder auch Saša Stanišić es sich nicht nehmen lassen, Pixi zum 70. Geburtstag zu gratulieren.

Saša Stanišić hat gemeinsam mit Illustratorin Regina Kehn eine ganz zauberhafte kleine Geschichte über Freundschaft geschaffen, bei der auch durchaus ernste, doch sehr hoffnungsvolle Untertöne mitschwingen.

Ava spielt mit ihren drei Freunden Ari, Anouk und Hilei: Ari kann auf einem Bein stehen, Anouk kann auf einem Bein stehen, nur Ava kann nicht auf einem Bein stehen – zumindest nicht lange genug, so dass es zählt. Das wurmt Ava. Sie schnappt sich Hilei und geht mit ihr nach Hause. Hilei ist nämlich in Wirklichkeit ein als Ente getarnter Drache und Avas engste Vertraute. Gemeinsam mit ihr und Papa hat Ava auf der Flucht schon eine Wüste durchquert. Ava und Hilei überlegen, dass es so vieles gibt, das wichtiger ist, als auf einem Bein stehen zu können, z.Bsp. Tomaten schneiden. Und sie kommen zu einer wichtigen Erkenntnis: Nicht jeder muss alles können!

Abermals ist Saša Stanišić eine warmherzige Geschichte gelungen, bei deren Entstehung seine eigene Vergangenheit Einfluss nahm. Dabei wirkt seine Erzählung oberflächlich betrachtet eher unspektakulär. Erst beim wiederholten Lesen brachten einige Zeilen mein Herz zum Schwingen und verströmten ihren poetischen Charme. So bildet der Text von Stanišić den Überbau bzw. das Grundgerüst der Geschichte, während die wunderbaren Illustrationen von Regina Kehn mir den Sub-Text zu den Personen lieferten. Gänzlich unaufgeregt, beinah nebenbei erfuhr ich noch so viel mehr von unserer kleinen Heldin, ihrer Familie und ihren Freunden. So entdeckte ich über dem Bett von Asa ein Foto von ihr und ihrer Mutter. Da schaute Avas Papa erschrocken auf die blutroten Flecke an der Wand, die Ava beim Tomatenschneiden hinterlässt. Und natürlich konnte Ari ganz toll auf einem Bein stehen: Er ist ja schließlich darin trainiert, da er als Flüchtlingskind (wahrscheinlich) aus einem Kriegsgebiet auch nur noch ein Bein hat. Solche und weitere Details boten mir Raum für Interpretationen und überzogen die fiktiven Figuren mit einem realistischen Schimmer.

Ich staune über die Kunst von Saša Stanišić und Regina Kehn, die es schafften, mit wenigen Worten und ein paar Bildern ein ganzes Leben auf nur 24 kleinen Seiten zu zaubern.


erschienen bei Pixi (im Carlsen-Verlag) / ISBN: 978-3551039293 (Pixi-Serie 295 / Nr. 2688)

[Rezension] Brüder Grimm – MEIN GROSSER MÄRCHENSCHATZ. Das Original aus den 70ern


👧 Heute ist WELTKINDERTAG!👦


Ja, auch ich bin ein Kind der 70er: Aufgewachsen mit Heidi und Priel-Blume, eingekleidet mit Pullundern in grellen Farben und Strumpfhosen ohne Füße (Eine Erfindung, die den Begriff „Strumpfhose“ ad absurdum führte und erst ein Jahrzehnt später durch den Begriff „Leggins“ ersetzt wurde.). Musikalisch fuhr ich – Dalli Dalli – mit einem Zug nach nirgendwo, nach Mendocino oder sonst wo hin, und auf die Frage „Was willst du denn mal werden, wenn du groß bist?“ gab ich im Brustton der Überzeugung als Berufswunsch „Ziegenhüter auf der Alm“ an. Wie jedes Jahrzehnt hatten auch die 70er ihre ganz eigene Ästhetik,…

…und diese Ästhetik hatte natürlich ihren Einfluss auf die Bildsprache in Kinderbüchern und war somit auch ein Ausdruck des jeweiligen Zeitgeschmacks. Dieser Umstand kann so prägend sein, dass ein Wiedersehen mit Illustrationen aus dieser Zeit zwangsläufig Erinnerungen heraufbeschwören. Ich habe damals mein Papp-Märchenbuch ständig mit mir herumgeschleppt und bei jeder Gelegenheit – egal, ob zur Tages- oder auch Schlafenszeit – darin geblättert und mir stundenlang die Bilder angeschaut. Mein Exemplar war irgendwann so abgestoßen, dass die Ecken schon ausgefranst waren und der graue Karton hervorlugte.

So war das Blättern in diesem Jubiläumsband von MEIN GROSSER MÄRCHENSCHATZ für mich ein einziges großes Déjà-vu: Über Jahrzehnte nicht an sie gedacht, sprangen nun beim ersten Blick auf die Illustrationen die Schubladen meiner Erinnerungs-Kommode auf und bescherten mir eine Lawine an wohligen Empfindungen. Da waren sie wieder, die zauberhaften Märchengestalten mit den etwas überproportionierten Köpfen, dem ausdrucksvollen Blick und den rosigen Wangen. Da gab es runde Formen und leuchtende, doch nie grelle Farben. Der Wolf war nie zu böse, der Wald nie zu dunkel, und Stiefmütter wie auch böse Feen waren nie zu garstig.

Ebenso gemäßigt präsentieren sich die Märchentexte: Sind die Originaltexte manchmal doch recht brutal, wurden hier die Geschichten dem Verständnis eines eher jüngerem Publikums angepasst und werden so nie allzu gruselig. Wobei die Texte sich ganz famos zum Vor-Lesen eignen: Wenn man sich dann noch nebeneinander gemütlich auf das Sofa kuschelt, besteht für die kleinen Zuhörer die Möglichkeit, sich währen des Vor-Lesens die wunderbaren Illustrationen anzuschauen.


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An der Illustration der vorliegenden 14 Märchen waren drei Künstlerinnen beteiligt: Während Gerti Mauser-Lichtl ihren Beitrag bei „nur“ einem Märchen leistete, und Anny Hoffmann mit zwei Märchen auf sich aufmerksam machen konnte, kreierte Felicitas Kuhn die bunten Welten für üppige elf Märchen und prägte so die Sehgewohnheit einer ganzen Kindergeneration.

Folgende Märchen sind in diesem prächtigen Sammelband enthalten:
Felicitas Kuhn Rotkäppchen / Hänsel und Gretel / Dornröschen / Die Bremer Stadtmusikanten / Der Wolf und die sieben Geißlein / Aschenputtel / Der gestiefelte Kater / Frau Holle / Das tapfere Schneiderlein / Tischlein deck dich / Der kleine Däumling
Anny Hoffmann Der Froschkönig / Rumpelstilzchen
Gerti Mauser-Lichtl Schneewittchen

Glücklicherweise vermeidet der Verlag eine absolut entbehrliche Aktualisierung der Märchen, die ursprünglich in Einzelbänden erschienen sind, und schenkt uns so eine wunderbar nostalgische Neu-Auflage dieses Märchenbuch-Klassikers aus den 70ern. So erhält die heutige Großeltern-Generation die unschätzbare Gelegenheit, sich gemeinsam mit ihren Enkeln in die Bilderwelt der eigenen Kindheit fallen zu lassen.


erschienen bei Esslinger / ISBN: 978-3480238705

[Rezension] Lene Mayer-Skumanz – BEETHOVEN. Leben und Werk des großen Komponisten/ mit Illustrationen von Winfried Opgenoorth

Er zählt zu den herausragenden Komponisten in der Musikgeschichte. In den 57 Jahren, die er auf Erden verweilen sollte, kreierte eine wahre Fülle an Kompositionen. Sinfonien, Klaviersonaten, Streichquartetts, Messen, Kantaten, Singspiele und die Oper FIDELIO sowie eine Vielzahl an Liedern und Kanons stammen aus seiner Feder und zeugen von einer immensen künstlerischen Kraft. Da ist es mehr als selbstverständlich, dass er – neben Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart – im Portfolio des Annette Betz-Verlages in der Reihe „Das Musikalische Bilderbuch“ auftaucht.

Musste ich mich bei DER KLASSIK-KANON mit einem knappen Lebenslauf auf 4½ Seiten begnügen, nimmt sich hier Autorin Lene Mayer-Skumanz den nötigen Raum und erlaubt einen deutlich detaillierteren Blick auf das Leben von Ludwig van Beethoven. Die Irrungen und Wirrungen dieses außergewöhnlichen Künstlerlebens beschreibt sie mit leichter Feder und vermeidet dabei wohltuend eine pure Aneinanderreihung von Fakten, das schnell sehr oberflächlich hätte wirken können. Vielmehr lässt sie ihre Leser*innen auch an der Tragik im Leben des Künstlers teilhaben und porträtiert dessen manchmal recht schwierigen Charakter immer mit Respekt und Sympathie.

Nun ist Leben und Werk dieses Komponisten eng miteinander verbunden, da er überwältigende Kompositionen oft aufgrund einer persönlichen Not, einer Schwärmerei oder einer unerwiderten Liebe schuf und so seine Emotionen in eine enorme musikalische Kreativität umwandelte. So gibt es im gelungenen Text von Mayer-Skumanz auch immer wieder Hinweise auf den jeweiligen Lebensumstand zu den im entsprechenden Zeitraum entstandenen Kompositionen, von denen etliche auf der beigefügten CD zu finden sind. Hier ist dem Verlag eine gute Auswahl gelungen: Wenn auch oftmals „nur“ in Auszügen bietet die Musikauswahl einen gelungenen Querschnitt aus Beethovens Œuvre. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass im Text die entsprechende Track-Nummer vermerkt worden wäre, um mir eine Verknüpfung zwischen Text, Musik und Bild zu erleichtern.

Die Illustrationen von Winfried Opgenoort nehmen immer wieder Bezug auf im Text erwähnte Details und erinnern an die Gemälde des Klassizismus. Die Attribute dieser Epoche „Gleichmaß und Harmonie“ finden sich auch hier wieder: So sorgt Opgenoort innerhalb seiner Zeichnungen für beinah filmische Übergänge bzw. Überblenden, schafft es so, mehrere Handlungsebenen miteinander zu verbinden und lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachtenden immer wieder auf interessante Kleinigkeiten.

Entstanden ist ein gelungenes Lese-, Bilder- und Hör-Buch für die ganze Familie, das sowohl lehrreich aus dem Leben und Wirken dieses einzigartigen Komponisten berichtet, dabei aber auch höchst unterhaltsam und kurzweilig daherkommt.


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219116694

[Rezension] Dominique Ziegler (nach Agatha Christie) – DIE TOTE IN DER BIBLIOTHEK. Ein Miss-Marple-Krimi/ mit Illustrationen von Olivier Dauger

O je, da habe ich es doch tatsächlich wieder getan. Und das, obwohl ich mir beim letzten Mal so sicher war, dass es nicht noch einmal passieren würde. Ich bin leider dem neusten Streich aus dem Carlsen-Verlag, der unter der Rubrik „Agatha Christie Classics“ veröffentlicht wurde, abermals auf den Leim gegangen. Alles, wo Agatha Christie draufsteht, scheint beinah eine unwiderstehliche Sog-Kraft auf mich auszuüben. Vielleicht ist dies auch meinem unausgesprochenen Wunsch geschuldet, endlich eine Comic-Adaption einer Christie-Geschichte in den Händen zu halten, die beides – korrekte Wiedergabe des Inhalts und ansprechende Illustrationen – für mich zufriedenstellend miteinander verbindet.

Bedauerlicherweise habe ich bis jetzt eine entsprechende Graphic Novel noch nicht gefunden…!

In der Bibliothek des Landhauses des Ehepaares Bantry wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Sie wurde augenscheinlich erwürgt. Dolly Bantry zieht ihre alte Freundin Miss Marple hinzu, da sie befürchtet, dass ihr Mann hinter vorgehaltener Hand immer als Verdächtiger gelten würde, sollte der Mord nicht aufgeklärt werden. Da es keinen Hinweis auf eine Verbindung zwischen der Toten und dem Ehepaar gibt, versucht man anhand von Vermisstenmeldungen den Namen der Toten zu ermitteln. Dem Alter nach kommt nur die Pfadfinderin Pamela Reeves infrage, ihre Beschreibung passt aber nicht zu der der Toten. Dann trifft die Vermisstenmeldung von Ruby Keene ein. Sie wird von ihrer Cousine Josie Turner identifiziert, die – wie auch Ruby – als Tänzerin im nahe gelegenen Majestic Hotel in Danemouth arbeitete. Kurzerhand quartieren sich die beiden Damen im besagten Hotel ein, wo Miss Marple den Täter zur Strecke bringen will – mit viel Gespür und noch mehr Verstand. Doch sowohl die ermittelnden Polizeibeamten wie auch Miss Marple werden mit allerlei verdächtigen Personen konfrontiert. Zum einen sind da die verwitweten Schwiegerkindern des vermögenden Mr. Jefferson, der eine gewisse Zuneigung zu Ruby Keene entwickelt hatte und ihr einen erheblichen Teil seines Vermögens vermachen wollte. Dann gibt es da noch einen sehr nervösen jungen Mann namens Bartlett und den im Filmgeschäft tätigen Basil Blake. Allerdings haben die Schwiegerkinder zur Tatzeit ein Alibi. Bartlett verhält sich zwar verdächtig, hat allerdings kein Motiv, und Blake war mit dem Mädchen kaum bekannt. Doch wenig später wird die Leiche einer weiteren jungen Frau im ausgebrannten Wagen von Bartlett gefunden…


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Die wesentlichen Details der Handlung hat Dominique Ziegler bei seiner Konzeption des Comics durchaus berücksichtigt und gibt diese nachvollziehbar wieder. Zwangsläufig musste er einige Passagen kürzen bzw. das Handlungspersonal entsprechend reduzieren, um dem vorgegebenen Rahmen einer Graphic Novel gerecht zu werden. Leider ließ er einige Personen sehr unsympathisch und schon beinah abstoßend arrogant wirken, wieder anderen legte er so manche hohle Plattitüde in den Mund, die absolut unglaubwürdig und somit unpassend zur Szene wirkte.

Die Zeichnungen von Olivier Dauger sind zwar detailreich, wirken allerdings in ihrer einheitlichen „Ausleuchtung“ ohne jegliche Schattierung sehr steril und ließen darum an Atmosphäre deutlich vermissen. Bei der Physiognomie des Handlungspersonals zeigte er durchaus Abwechslung in der Gestaltung. Ob die jeweilig gewählte Optik nun überzeugt, muss jede*r Betrachter*in der Geschichte selbst für sich entscheiden. Ich hätte mir bei einigen Figuren durchaus mehr Charakter – insbesondere bei Miss Marple – gewünscht.

Ist es so, dass das Genre der Graphic Novel mir nicht zu liegen scheint? Das, was den Stil diese Genres ausmacht, entspricht anscheinend so ganz und gar nicht meinen Erwartungen. Doch bin ich deswegen nun enttäuscht oder frustriert? Ja, durchaus, vielleicht ein wenig! Mein Wunsch, eine gelungene Comic-Adaption eines Christie-Klassikers genießen zu dürfen, ist doch recht groß. Und so werde ich hoffnungsvoll wohl auch die nächste Veröffentlichung HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN, die für Herbst dieses Jahres angekündigt ist, genau unter die Lupe nehmen.

Die Hoffnung stirbt eben zuletzt…!


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551794130 / in der Übersetzung von Thomas Schöner
ebenfalls erschienen als Roman bei Atlantik / ISBN: 978-3455650051 und als Hörbuch bei DER HÖRVERLAG / ISBN: 978-3899407860 

[Rezension] Joachim Mischke – DER KLASSIK-KANON. 44 Komponisten, von denen man gehört haben muss/ mit Illustrationen von Lucia Götz

Vielleicht geht´s euch auch so: „Eigentlich“ (Ich bitte, meine Wortwahl zu beachten!) kenne ich doch schon recht viele klassische Kompositionen. „Die vier Jahreszeiten“ von Vivaldi haben sich zu wahren Evergreens gemausert. Wenn Mozart seinen Helden Tamino in „Die Zauberflöte“ von „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ schwärmen lässt, bin ich nur allzu gerne bereit, mich ebenfalls dem Schwärmen hinzugeben. Natürlich weiß ich auch, wo Tschaikowski die Rohrflöten zum Tanzen bringt. Und bei „Da-da-da-da Da-da-da-da“ denke ich weniger an die Neue Deutsche Welle sondern vielmehr an Beethovens „Sinfonie Nr. 5“.

Doch dann dringt eine vertraute Melodie an mein Ohr, bei der ich weder die Komponistin bzw. den Komponisten benennen kann, noch dass ich sie einem Werk zuordnen könnte. Müsste ich mich nun für dieses Unwissen schämen? Ganz sicher nicht! Meine Devise lautete immer „Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nur wissen, wo es steht!“, und so greife ich beherzt zu einer sachkundigen Lektüre…!

Klassik ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln und zudem ein Thema, bei dem man sich leicht blamiert: Was war noch mal der Unterschied zwischen Haydn und Händel, Schostakowitsch und Schubert? Dabei verbinden sich mit diesen Komponisten und ihren Werken die faszinierendsten Geschichten. Joachim Mischke stellt die 44 Wichtigsten von ihnen vor und erzählt von bunten Pullovern, tödlichen Duellen, wüsten Fehden – und lässt uns dabei erleben, warum man die Welt der Klassik am Liebsten nie wieder verlassen möchte, wenn man sie erst einmal betreten hat.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„Dieses Buch soll ein kurzer, kein erschöpfender Ratgeber sein, eine legale Einstiegsdroge in die Kunstform des Komponierens von Musik. Für Vollständigkeit ist hier kein Platz, dann wäre es bloß ein weiteres Lexikon. Die Lust an der Lücke ist mir wichtiger.“ verrät uns der Autor schon im Vorwort, traf mit diesen Worten bei mir genau ins Schwarze und ließ mich innerlich jubeln. So macht er Mut, sich gänzlich unbefangen mit der klassischen Musik zu beschäftigen. Ressentiments gegenüber dieser oft als Hochkultur betitelten Kunstform sind gänzlich unbegründet: Im Mittelpunkt sollte immer die Freude an der Musik (insbesondere, wenn sie live dargeboten wird) stehen.

Als interessierter Laie brauche ich zum Einstieg ins Thema kein seitenstarkes Lexikon und keine allumfassende Biografie. Im Gegenteil: Kurz, knapp und möglichst unterhaltsam möchte ich etwas über die Komponistin bzw. den Komponisten erfahren. Und genau dies bietet mir Joachim Mischke auf jeweils 4½ Seiten, auf denen er im lässigen Plauderton die Höhen und Tiefen aber auch so manche Anekdote aus dem Künstler*innen-Leben nicht verschweigt. Musik-Tipps bietet er uns am Ende des Lebenslaufs unter den Rubriken „Die Einstiegsdroge“, „Das typischste Stück“ und „Für Fortgeschrittene“ sowie mit ein bis zwei weiteren Punkten, die Hinweise auf Originelles, Ungewöhnliches oder Kurioses im jeweiligen Œuvre geben.

Glücklicherweise vermied Lucia Götz in ihren Illustrationen eine ironische Überhöhung. Vielmehr tilgte sie aus den Porträts den unnötigen Tand, indem sie sie auf die markantesten Merkmale reduzierte. Und doch blieb die Persönlichkeit stets klar zu erkennen – wenn auch mit einem humorvollen Augenzwinkern. Dieses launige Gesamtpaket aus Porträt, Text und Musik-Tipps animierte mich, mich mit der einen oder anderen Komposition weiter zu beschäftigen bzw. sie neu für mich zu entdecken.

Mit „Abgesehen von den Giganten, an denen man wirklich nicht vorbeikommt, ist die Auswahl der Komponisten und Komponistinnen sehr subjektiv und gerade deswegen garantiert ein Anlass, sich aufzuregen, weil diese fehlt oder jener.“ versucht Joachim Mischke bereits im Vorwort potenziellen Unken-Rufern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Nein, aufregen will und mag ich mich nicht, denn dafür gefällt mir dieses Buch zu sehr. Unken muss ich aber leider trotzdem: Es verwundert mich schon sehr, dass Herr Mischke als ein ausgewiesener Klassik-Experte unter den „44 Komponisten, von denen man gehört haben muss“ mit Fanny Hensel und Clara Schumann nur zwei Frauen einen Platz einräumte. Ich unterstelle Herrn Mischke, das er da sicherlich noch einige mehr benennen könnte. Zumal die Frauen nicht weniger oder schlechter komponiert haben als die Männer. Oftmals erschufen sie ihre Meisterinnen-Werke sogar unter deutlich beschwerlicheren Bedingungen. Diesen Umstand empfinde ich bei einem relativ aktuellen Werk (Erstveröffentlichung: 2020) wie diesem als sehr bedauerlich. Nur allzu gerne hätte ich seine launigen Lebensläufe zu weiteren herausragenden Komponistinnen gelesen, die somit meine Neugier geweckt hätten, mehr über sie in Erfahrung zu bringen. Dass es da für mich als amateurhafter Klassik-Fan noch viel zu entdecken gilt, verdeutlicht mir sehr eindrucksvoll diese Liste von Komponistinnen verschiedener Epochen der Musikgeschichte.

Lieber Herr Mischke, lieber Hoffmann und Campe-Verlag! Ich hoffe sehr auf eine Neu-Auflage, bei der die Damen gleichermaßen berücksichtigt werden. Es würde mich sehr freuen!


erschienen bei Hoffmann und Campe / ISBN: 978-3455010039

[Rezension] Joanna Kończak – FESTE DER WELT/ mit Illustrationen von Ewa Poklewska-Kozietto

Wer liebt es nicht, zu feiern?! Menschen kommen zusammen, essen und trinken, reden und lachen. Sie fühlen sich in der Gemeinschaft geborgen, und für wenige Stunden scheint die Zeit stillzustehen. Ja, sogar eine Ahnung von Friede ist wahrnehmbar. Doch welche Feste gibt es auf der Welt überhaupt? Da gibt es durchaus mannigfaltige Unterschiede. Doch allen ist das gemein, was ich eingangs schon beschrieben habe: Es geht um das gemeinsame friedvolle Erleben!

Wie feiert man den Frühling in Japan? Wann wird das jüdische Neujahrsfest zelebriert? Und was tragen Menschen zum Karneval in Venedig? In diesem Sammelband begeben wir uns auf eine Reise um die Welt. In informativen Texten begleitet von bunten Illustrationen werden Feste aus allen Jahreszeiten lehrreich vorgestellt, z. B. Chanukka, Halloween, Holi, Nouruz, Ramadan, Thanksgiving. Der viel gereisten Autorin Joanna Kończak gelingt es, 36 Feste kurzweilig zu beschreiben, und durch die kunstvollen Illustrationen von Ewa Poklewska-Kozietto erwachen sie zum Leben.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Wie schon bei DIE SCHÖNSTE ZEIT. Weihnachten in aller Welt legt der NordSüd-Verlag auch diesmal wieder ein traumhaft schönes Bilder- und Lese-Buch vor, das einen wunderbaren Bogen spannt über Länder und Völker, über Religionen und Kulturen. Dabei stehen immer die verbindenden Elemente im Vordergrund. Das Kennenlernen der Unterschiede, die vielleicht auf dem ersten Blick uns trennen könnten, wird in diesem Buch deutlich als Gewinn betrachtet, da diese Andersartigkeit der Menschen das Leben auf unserer Erde so bunt, so spannend, so abwechslungsreich macht.


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Doch warum sollte ich wissen, wie die Menschen anderer Kulturen feiern? Was geht es mich an? Wäre es nicht viel einfacher, wenn die Menschheit sich auf einige wenige Feste einigt, die dann überall und von allen gefeiert werden? Allein bei dem Gedanken treten Schweißperlen auf meine Stirn. Das wäre ja ungefähr so, als müssten wir uns alle identisch kleiden und dürften nur die gleichen Bücher lesen.

Dies wäre eine grauenvolle Vorstellung!

Darum: JA! Wir sollten es wissen. Denn erst ein Wissen schafft Respekt für ein friedvolles Miteinander und macht uns toleranter für andere Sicht- und Lebensweisen. Wie passend dieses Buch mir zur rechten Zeit in die Hände viel, zeigt folgendes Beispiel: Seit etlichen Jahren besuche ich ein und denselben Frisör-Salon und lasse mir dort von Murat meine Haare schneiden und den Bart stutzen. Die Tatsache, dass er Muslime ist und ich Christ bin, hat uns noch nie gestört. In der vergangenen Woche rief ich im Salon an, um bei ihm einen Termin zu vereinbaren, und erhielt die Auskunft, dass er frei hätte, da er das Zuckerfest feiert. Schnellstens griff ich zum Buch und wurde natürlich fündig. Das Fest des Fastenbrechens Eid al-Fidr, auch „Zuckerfest“ genannt, wird am Ende der Fastenzeit begangen. Die Fastenzeit soll daran erinnern, dass es auch viele Bedürftige auf der Welt gibt, die Unterstützung benötigen. Gerne wird auch an soziale Organisationen gespendet. Beim „Zuckerfest“ darf dann wieder geschlemmt werden: Die Menschen treffen sich mit Familie und Freunden und machen einander kleine Geschenke. Wie wunderbar, oder?

Ich bin nun ganz und gar nicht der Meinung, dass auch ich mir dieses Fest aneignen und zukünftig selbst feiern müsste. Ich habe meine eigenen traditionellen Feste, die auf meiner Kultur begründet sind. Doch ich würde mich durchaus freuen, wenn mich jemand mal zum „Zuckerfest“ einladen würde.

Die Texte von Joanna Kończak sind informativ, doch ebenso locker und leicht, positiv und absolut wertschätzend. Beim Lesen flog ich so mühelos über die Seiten, dass ich nahtlos von einem außergewöhnlichen Fest zum nächsten, ebenso außergewöhnlichen Fest wanderte. Ewa Poklewska-Kozietto hat abermals ganz prächtige Illustrationen geschaffen, die in ihrer Farbigkeit die Vielfalt feiert und eine immense Lebensfreude ausstrahlen. Gemeinsam haben sie ein so entzückendes Buch kreiert, das vielleicht nur einen kleinen aber dafür absolut herzerwärmenden Beitrag zur Völkerverständigung leistet. Denn…

…die Menschen sollten viel mehr miteinander feiern
als gegeneinander kämpfen!
💞


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314106873 / in der Übersetzung von Lisa Palmes
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Danièle Linhart – BURNOUT. Arbeiten, bis man den Verstand verliert/ mit Illustrationen von Zoé Thouron

Vor 12 Jahren traf es auch mich: Nicht aus heiterem Himmel, nicht unvorbereitet, nicht ohne Vorwarnung, denn die Anzeichen waren schon Wochen, sogar Monate vorher für jede*n in meinem näheren Umfeld wahrnehmbar. Nur nicht für mich, bzw. ich wollte sie nicht sehen! Dabei waren die Zeichen mehr als eindeutig: Ich fühlte mich ständig müde und antriebsarm. Freude verspürte ich nur noch sehr selten. Dafür nisteten sich Knochen- und Gliederschmerzen bei mir ein und teilten sich meinen Körper mit unspezifischen Grippe-Symptomen. Schlafstörungen gepaart mit Rücken- und Nacken-Verspannungen sorgten dafür, dass die Migräne häufig bei mir zu Gast war. Die Signale, dass mit mir und meinem Leben etwas nicht stimmte, hätten nicht deutlicher ausfallen können. Doch ich funktionierte!

Ich war erst bereit, eine Entscheidung zu treffen, als mein Körper und meine Seele drohten, gänzlich zu streiken. Es war an einem Wochenende im März: Wie ein weidwundes Tier streifte ich unruhig durch die Wohnung, weinend und wimmernd, bis die Entscheidung feststand „Du brauchst Ruhe – sofort und reichlich!“. Trotzdem schleppte ich mich die nächsten beiden Tage zu meinem Arbeitsplatz. Einerseits gab es an beiden Tagen noch Termine, die wichtig für die mir anvertrauten Menschen waren. Andererseits wollte ich nochmals in mich hineinspüren, ob mein Gefühl mich nicht trüge. Meine Selbstwahrnehmung war so sehr durcheinander geraten, dass ich mir und meinen Empfindungen nicht mehr traute. Am Dienstagabend saß ich im Sprechzimmer meines damaligen Hausarztes, brach zusammen und bat inständig um eine AU. Am Mittwochmorgen war ich außerstande, das Bett zu verlassen. Doch der Heilungsprozess konnte nun endlich beginnen…!

Warum haben sich Burnout, Depressionen und sogar Selbstmorde am Arbeitsplatz in allen westlichen Gesellschaften so ausgebreitet, obwohl es heißt, dass die Arbeit in den letzten Jahrhunderten so viel weniger anstrengend geworden ist? Danièle Linhart beschreibt, auch auf humorvolle Art und Weise, was die perversen Auswirkungen der heutigen Managementmethoden sind, die die Arbeitnehmer*innen zunehmend prekarisieren und sie manchmal sogar an ihrem eigenen Wert und ihren Rechten zweifeln lassen.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Ich glaube, selten klaffte bei mir die Schere aus Erwartung und Realität so weit auseinander, wie bei diesem Werk aus der Comic-Bibliothek des Wissens des Verlagshauses Jacoby & Stuart. Die Comic-Bibliothek des Wissens beschäftigt sich mit zeittypische Themen, die in dieser modernen Form der Wissensvermittlung dem nach Aufklärung Suchenden näher gebracht werden – eine großartige Idee, um auch sperrige Themen ansprechend und überschaubar zu präsentieren.

Doch warum wurde meine Erwartung enttäuscht, schließlich wurde mir genau das geboten, was der Werbetext versprach? Im Grunde belausche ich als Leser eine Unterhaltung zwischen Großvater und Tochter, die sich über die Arbeitsbedingungen der Vergangenheit im Vergleich zur Gegenwart (und der daraus resultierenden Belastungen) austauschen. In diese Unterhaltung schaltet sich der erwachsene Sohn der Tochter per Telefon ein, und später taucht eine Freundin des Großvaters auf. Beide – Sohn wie Freundin – zeigen deutliche Anzeichen eines Burnouts. Das war’s! Mehr passiert nicht!

Die Fakten bringt die Autorin auf den Punkt und schafft es, ein komplexes Thema, komprimiert und somit verständlich darzustellen. Doch mir fehlte die Leichtigkeit in der Umsetzung: Hätte ich damals während des Burnouts dieses Buch in die Hand bekommen, es hätte mich womöglich noch zusätzlich deprimiert. Der im besagten Werbetext versprochene Humor war leider für mich nicht wahrnehmbar. Vielmehr registrierte ich eher einen pessimistischen Grundton, der einem vom Burnout Betroffenen zusätzlich depressiv verstimmen könnte. Zudem gefiel mir die plakative Schwarz-Weiß-Einteilung nicht, in der der Arbeitgeber der Feind und der Arbeitnehmer das Opfer darstellt. Das Zustandekommen von Burnout lässt sich leider nicht damit begründen, dass nur ein Partner der Schuldige ist. Dazwischen gibt es eine Vielzahl an Grau-Abstufungen, und – Ja! – manchmal schimmert es trotz allem auch ein wenig bunt durch die angekratzte Oberfläche der geschundenen Seele.

Apropos bunt: Die Illustrationen sind zwar durchaus gefällig und zeigen eine eigenständige Handschrift bei den Charakteren. Doch hätte ich mir mehr Kreativität gewünscht, die das manchmal sehr starr wirkende Korsett eines Gesprächs aufbricht.

Wer sich für die arbeitsgeschichtlichen Hintergründe zu Burnout interessiert, ist mit dieser Ausgabe aus der Comic-Bibliothek des Wissens bestens beraten. Doch ich stellte mir die Frage „Ist es wirklich das, was ich über Burnout wissen möchte?“. Als betroffener Mensch wäre es mir egal, zu wissen, woher Burnout kommt. Ich möchte nur, dass es wieder geht!


erschienen bei Jacoby & Stuart / ISBN: 978-3964282217 / in der Übersetzung von Edmund Jacoby
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Benjamin Chaud – BÜHNE FREI FÜR PAPA BÄR!

🎭 Heute ist WELTTHEATERTAG! 🎭

Und anstatt – wie in den vergangenen Jahren – markige Zitate div. Theatergrößen zu bemühen, habe ich mich diesmal entschieden, euch stattdessen ein ganz und gar charmantes Bilderbuch zu präsentieren. Ich werde nie müde zu betonen, dass ich Bilderbücher, die den Kids das Theater und die Musik auf so wunderbarer Weise näher bringen, sehr liebe.

Und manchmal fällt mir so ein Kleinod völlig überraschend und somit unvorbereitet in die Hände. In diesem Fall wurde ich in einem öffentlichen Bücherschrank fündig. Ein Hoch auf diese Erfindung: Meine Freude war groß! Somit handelt es sich bei meinem Fund zwar nicht um eine Neu-Erscheinung, doch auch hier gilt der viel zitierte Spruch „Oldies but Goldies!“.

Der Herbst ist da, die Tage sind schon kühl. Es ist ruhig geworden in der Bärenhöhle im Wald. Papa Bär schnarcht bereits, da summt plötzlich eine verspätete Biene an der Höhle vorbei. Wo eine Biene ist, ist auch Honig! Das weiß der kleine Bär und rennt hinterher. Papa Bär wacht auf und macht sich sofort auf die Suche. Er schaut überall nach, aber im Wald ist der kleine Bär nirgends zu finden. Schließlich gelangt er an einen lauten und belebten Ort. Er sieht das Hinterteil des kleinen Bären gerade noch in einem prächtigen Bau verschwinden…

(Inhaltsangabe dem Klappentext dieses Buches entnommen!)


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Benjamin Chaud ist in diesem Fall Texter und Illustrator in Personalunion. Wobei den Texten eher eine erklärend-unterstützende Aufgabe zukommt. Hauptaugenmerk liegt auf den tollen Illustrationen, die eine Menge Dynamik ausstrahlen und mit vielen witzigen Details amüsieren. Dabei weisen sie eine wunderbare Ähnlichkeit mit den beliebten Wimmelbüchern auf: Beim Betrachten verlor ich mich in dem jeweiligen Bild und entdeckte selbst beim wiederholten Anschauen viele skurril-humorige Einzelheiten.

So folgte ich Papa Bär auf seiner Suche nach dem kleinen Bär durch Wald und Stadt, hinein ins Opernhaus und durch das Foyer hinter die Bühne. Plötzlich steht er selbst im Rampenlicht auf der Bühne, blinzelt erstaunt ins helle Licht der Scheinwerfer und versucht, den kleinen Bär im Publikum zu erkennen. Sein vorgetragenes Bären-Lied kommt beim Publikum allerdings nicht gut an und sorgt dort leider eher für Panik. Der einzige, der bei dieser Darbietung ruhig auf seinem Platz sitzen bleibt und Applaus spendet, ist natürlich der kleine Bär.

Auf dem Weg dorthin staunte ich über die Phantasie des Zeichners, die sich Bild für Bild offenbarte: Allein im Stadtbild wird hinter jedem Fenster eine eigene kleine Geschichte erzählt. Oder auch der Blick hinter die Bühne gibt einen wundervollen Einblick über die vielen Werkstätten und Abteilungen, die Anteil an einer Bühnenproduktion haben. Unvermittelt im Bild entdeckte Details lösten bei mir ein spontanes Lachen aus und steigerte meine Freude, dieses entzückende Bilderbuch entdeckt zu haben. Absolut bezaubernd…!

Übrigens: Die alles auslösende Biene finden unsere beiden pelzigen Freunde auf dem Dach des Opernhauses, das dort drei Bienenkörbe beheimatet.


erschienen bei Gerstenberg / ISBN: 978-3836954327 / in der Übersetzung von Anja Malich