[Rezension] Andrea Tuschka – STILLE POST/ mit Illustrationen von Rebekka Stelbrink

Ein neues Jahr hat begonnen: Wenn ich auf meine ersten Rezension in einem Neuen Jahr zurückblicke, dann hat sich in den letzten Jahren beinah so etwas wie eine kleine Tradition entwickelt. Nur allzu gerne bin ich ins Jahr mit der Rezension eines Bilderbuches gestartet. Warum sollte ich also in diesem Jahr mit dieser schönen Tradition brechen?! 😊

Bär und Maus sind beste Freunde. Eines schönen Tages aber streiten sie sich fürchterlich. Aus lauter Wut, weil der Bär einfach zornig nach Hause gegangen ist, lässt die Maus ihm ausrichten, dass sie ihn nie wieder sehen will! Doch die Nachricht, die bis zur Bärenhöhle am Berggipfel überbracht werden sollte, kommt, weitergenuschelt und -gemurmelt, schließlich so ganz anders an als geplant. Was für ein Glück für Maus und Bär! Inzwischen tut es den zerstrittenen Freunden nämlich ganz schrecklich leid und sie vermissen sich sehr. Der Versöhnung steht nichts mehr im Weg.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Wie gerne haben wir als Kinder „Stille Post“ gespielt und uns dabei gar köstlich amüsiert, wenn am Ende etwas völlig anderes, wenn nicht sogar wahnwitziges herauskam, als das, was die ursprüngliche Nachricht war. Als Kinderspiel völlig harmlos kann diese Vorgehensweise im Alltag etliche Tücken beinhalten. Kommunikation zwischen zwei Personen funktioniert am besten auf dem direkten Wege. Eine Bitte wie „Richte XY bitte aus, dass…!“ an einen Dritten birgt zwangsläufig die Gefahr, dass Fehler in der Übermittlung passieren. Dabei unterstelle ich dem Überbringer der Nachricht noch nicht einmal Böswilligkeit. Viel zu viele Faktoren spielen dabei eine Rolle, die Einfluss auf unsere Wahrnehmung nehmen.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


So ergeht es auch all den Tieren in Andrea Tuschkas charmanter Geschichte, die alle ihr Bestes geben, die Nachricht der Maus korrekt an den Bären weiterzuleiten. Doch wie im wahren Leben gerät der gute Wille ins Straucheln, und heraus kommt eine ganz andere Nachricht. Zum Glück, denn sonst wären unsere beiden Held*innen wahrscheinlich immer noch zerstritten, und das wäre doch zu schade, oder? So ganz nebenbei vermittelt die Autorin ihren jungen Leser*innen, wie Kommunikation funktionieren sollte: respektvoll und auf dem direkten Weg. Auch zeigt sie mit der Wahl ihrer Held*innen (Maus und Bär), dass sich eine Freundschaft völlig unabhängig von der Herkunft entwickeln kann und auch stark genug ist, um eine Meinungsverschiedenheit zu überstehen.

Rebekka Stelbrink hat diese Geschichte nicht einfach „nur“ illustriert: Vielmehr hat sie zu Pinsel, Schere, Papier, Stifte, Aquarell- und Acrylfarbe gegriffen, um daraus – ganz analog – Papiercollagen zu kreieren. Äußert filigran und mit viel Liebe und Geduld ließ sie so die Welt rund um Maus und Bär entstehen. Dabei erschuf sie dreidimensionale Welten, die mich mit vielen witzigen Details begeisterten und amüsierten: Da schlummern die Eulen in ihrer Baumhöhle, hinter einem Strauch lugt der Schwanz des Fuchses hervor, im Fluss tummeln sich die Fisch zwischen dem Farn, und der Waschbär hängt seine frischgewaschene Wäsche auf. Doch ihr besonderes Augenmerk legte die Künstlerin auf unsere beiden Hauptprotagonist*innen, die ihr absolut entzückend gelungen sind und eine ansteckende Positivität ausstrahlen. In ihrer Farbgebung blieb sie wohltuend dezent natürlich und zeigt trotzdem eine immense Variationsbreite.

Ein gutes Bilderbuch vermittelt seine Botschaft(en) nie plakativ. Vielmehr ermöglicht es seinen jungen Leser*innen, sich der Geschichte auf verschiedenen Ebenen anzunähern und bietet ihnen somit Raum für Phantasie und Interpretation. Andrea Tuschka und Rebekka Stelbrink ist dies bei ihrer entzückenden Geschichte STILLE POST gar vortrefflich gelungen.


erschienen bei Bohem / ISBN: 978-3959392358
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Charles Dickens – EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE/ mit Illustrationen von Lisa Aisato

Es ist wohl eine der bekanntesten und beliebtesten Geschichten der Welt: Charles Dickens A CHRISTMAS CAROL. Darum wäre es für mich auch müßig, überhaupt auch nur ein Wort zu diesem Klassiker der Weltliteratur zu verlieren. Ebenso müßig ist es hierbei, der jeweiligen Übersetzung übermäßig Aufmerksamkeit zu schenken, da alle Übersetzer*innen eine großartige Arbeit geleistet haben. Oftmals sind es nur Nuancen, die für mich ausschlaggebend sind, welche Fassung mir als Vor-Leser geschmeidiger über die Lippen kommt. Da die mir vorliegenden Übersetzungen alle auf einem ähnlich hohen Niveau sind, wäre ich allerdings als „purer“ Leser nicht fähig, einen Favoriten zu küren. Da empfinde ich die unterschiedliche Benennung des Titels schon verwirrender: Neben EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE taucht auch EIN WEIHNACHTSMÄRCHEN und EIN WEIHNACHTSLIED als Titel ein und derselben Geschichte auf.

Also erlaube ich mir, mein Augenmerk auf die optische Umsetzung zu legen. Zumal ich bereits zwei Mal das Vergnügen hatte, eine illustrierte Fassung rezensieren zu dürfen. Während ich bei Lisbeth Zwergers Illustrationen die schlichte Zurückhaltung schätze, begeistern mich die Bilder von Patrick James Lynch mit ihrer atmosphärischen Detailgenauigkeit.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Für die Illustration der vorliegenden Fassung war nun die norwegische Künstlerin Lisa Aisato verantwortlich. Wie ihre beiden Vorgänger*innen konnte auch sie mich dank ihres sehr eigenen Stils vollkommen überzeugen.

Sie schuf wahre Kunstwerke: detailreich, phantasievoll, sphärisch.

Ihre Figuren gefallen durch einen ironisierenden Realismus. Ihre Physiognomie erscheint etwas überhöht, gefällt aber durch Skurrilität und einer liebevollen Kauzigkeit. Es sind Charakterköpfe, die ich im klassischen Sinne nicht als schön bezeichnen würde. Dafür lässt sie die Gesichter „sprechen“: Die Empfindungen sind den Figuren ins Gesicht geschrieben, und Lisa Aisato zeigt kunstvoll, wie sich die Mimik durch die unterschiedlichen Gefühlsregungen verändert. Besonders eindrucksvoll empfand ich die Veränderung von Scrooges Gesicht zu Beginn der Geschichte im Vergleich zum Ende: Ein Lächeln bewirkt wahre Wunder!

Doch auch das Setting, in dem unsere Held*innen agieren, gestaltete sie atmosphärisch dicht mit einem Touch in Richtung Aquarell, der die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit fließend erscheinen ließ. Dabei wählt sie interessante Perspektiven und einen abwechslungsreichen Bildaufbau.

Welcher illustrierten Fassung würde ich nun den Vorrang geben? Ich kann es nicht sagen! Eine Entscheidung fiele mir schwer. Jede Künstlerin und jeder Künstler hat eine sehr persönliche Handschrift und eröffnet mir so immer wieder neue und überraschende Blickwinkel auf eine Geschichte, die ich so sehr liebe.

Umso schöner ist es, dass ich mich nicht entscheiden muss!


erschienen bei Woow Books / ISBN: 978-3039670024 / in der Übersetzung von Gabriele Haefs

[Rezension] Hans Fallada – DER GESTOHLENE WEIHNACHTSBAUM/ mit Illustrationen von Ulrike Möltgen

Ich liebe die Bücher aus der Insel-Bücherei! Jedes für sich ist ein kleiner literarischer Schatz, hochwertig in der Ausstattung, verführerisch im Inhalt. Diesmal konnte ich der unnummerierten Sonderausgabe mit Erzählungen von Hans Fallada nicht widerstehen, die in diesem Jahr in einem größeren Format erschienen ist.

Zumal es mir eine wunderbare Möglichkeit bot, mich diesem Autor dezent anzunähern. Hans Fallada zählt zu den Literaten, an dessen Werk ich mich bisher noch nicht herangetraut hatte, dies aber gerne ändern möchte. Schließlich gilt Hans Fallada als einer der bedeutendsten sozialkritischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts Deutschlands. Wenn ich mir sein Leben – zwischen Sucht und Suizid, zwischen Systemkritik, Opportunismus und Repression, zwischen Genie und Wahnsinn – anschaue, dann ist es umso erstaunlicher, welche Fülle an Werke er geschaffen hatte. Doch vielleicht konnte er nur so seine kreative Kraft vollständig entfalten.

Ebenso erstaunlich ist es, dass (zumindest) die in diesem Büchlein vereinten vier weihnachtlichen Geschichten trotzdem eine wunderbare Leichtigkeit ausstrahlen und durch ihre kesse Ironie und einem spitzbübischen Humor überzeugen. Die durchaus vorhandene Kritik an Obrigkeit und Gesellschaft drängt sich nie dominant in den Vordergrund. Vielmehr stecken diese Geschichten voller Witz, Wärme und einer Menge Menschlichkeit.

Was tun, wenn Weihnachten kurz vor der Tür steht und immer noch kein Baum im Haus ist? Oder der Wunschzettel lang ist, aber man „immer so mit dem Pfennig rechnen muss“? Und ob die Tiere draußen auch das Fest feiern können? Der Bestsellerautor Hans Fallada erinnert in seinen Erzählungen an die schönste Zeit des Jahres: „Dies Gefühl aufzuwachen und zu wissen: Heute ist wirklich Weihnachten. Wovon wir seit einem Vierteljahr geredet, auf was wir so lange schon gehofft hatten, nun war es wirklich…“

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Jede Familie entwickelt im Laufe der Zeit eigene, ganz persönliche FAMILIENBRÄUCHE zur Weihnachtszeit: Es beginnt mit der Essensauswahl, nimmt Einfluss auf den Ablauf des Heiligen Abends und endet mit dem Besorgen des Weihnachtsbaumes, und dabei sind die Rollen klar verteilt. So auch hier: Da macht der Vater ein großes Gewese um den Kauf des Weihnachtsbaumes. Das Objekt der Begierde darf nicht zu groß, nicht zu schlank, nicht unregelmäßig gewachsen und (vor allem) nicht zu teuer sein. Jedes Jahr treibt er seine Familie in den Wahnsinn und schürt so die Ängste der Kinder, dass der perfekte Baum nicht rechtzeitig gefunden wird. Doch ebenfalls wie in jedem Jahr lösen sich alle Ängste in Wohlgefallen auf, wenn am Heiligen Abend ein üppig geschmückter Baum mit den Kinderaugen um die Wette strahlt.

In LÜTTENWEIHNACHTEN machen sich die Kinder Friedrich, Alwert und Frieda auf den Weg, um für die Tiere des Hofes einen kleinen, eigenen Weihnachtsbaum zu besorgen. Dabei dürfen sie sich nicht vom Rotvoß, wie sie den rotbärtigen Förster insgeheim nennen, erwischen lassen. Rotvoß ist ein strenger Mann, der hart durchgreift, wenn in seinem Revier Bäume „gewildert“ werden. So machen sich die Kinder an einem besonders nebligen Tag auf den Weg, in der Hoffnung, unerkannt ein Bäumchen für die Tiere stibitzen zu können. Doch gerade als sie eine passende Fichte gefunden und gefällt hatten, laufen sie dem Förster in die Arme. Doch der ist weit davon entfernt, sie auszuschimpfen: Hat er doch selbst genau in jenem Moment ein Lüttenweihnachten für die Wildgänse ausgerichtet. Und so schließen der Mann und die drei Kinder stillschweigend einen Pakt…!

Jung, frisch verheiratet und verliebt: Da fehlen nur noch FÜNFZIG MARK UND EIN FRÖHLICHES WEIHNACHTSFEST zum vollkommenden Glück. Doch bis diese Wünsche sich erfüllen, muss sich unser junges Paar ordentlich strecken. Die Zeiten sind schlecht, das Geld sitzt bei niemanden mehr so locker, und alles ist teurer geworden. Da werden die Taler von einem Posten der Haushaltskasse zum nächsten Posten der Haushaltskasse verschoben. Und ein Loch wird aufgerissen, um ein anderes zu stopfen, stets mit der Hoffnung, dass es sich irgendwie irgendwann schon richten wird. Da sorgt die Weihnachtsgratifikation, die am 24. Dezember dann doch noch überraschend ins Haus flattert, dass sich die kleine Mansardenwohnung zu einem Stückchen vom Paradies verwandelt.

Doch mein persönlicher Favorit ist DER GESTOHLENE WEIHNACHTSBAUM: Seitdem der Förster Kniebusch den Herrn Rogge beim „Besorgen“ eines Weihnachtsbaumes im Forst erwischt hat, und der eine saftige Strafe zahlen musste, sind die Beiden nicht mehr gut aufeinander zu sprechen. Nur allzu gerne würde Kniebusch den Rogge wieder auf frischer Tat ertappen. Und woher sonst soll Familie Rogge – bei klammer Haushaltskasse – einen Baum zum Weihnachtfest herbekommen. Herr Rogge macht sich schon seit Wochen so seine Gedanken. Ebensolche Gedanken machen sich auch seine drei Kinder, die allerdings zur Tat schreiten und im Wald nach einem passenden Bäumchen Ausschau halten. Zufällig stoßen sie dabei auf den Hallodri Kakeldütt, der just in diesem Moment eine Tanne gefällt hat. Zufällig taucht Herr Rogge auf und Kakedütt ab. Zufällig stößt Kniebusch dazu und erwischt seinen Erzfeind scheinbar „in Flagranti“. Doch bei all diesen Zufälligkeiten nimmt die Geschichte plötzlich eine ganz und gar überraschende Wendung…!


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Von einem Büchlein aus der Insel-Bücherei erwarte ich, dass die optische Umsetzung eine nicht unwesentliche Rolle spielt: Wie schon bei Erich Kästners DAS MÄRCHEN VOM GLÜCK und DAS MÄRCHEN VON DER VERNUNFT schuf Ulrike Möltgen auch hier wieder ganz wunderbare Kollagen zwischen Realismus und Romantik, lässt die Szenerie sich wie bei der Aufführung eines Weihnachtsmärchens entblättern und umrahmt dieses Buch mit einem stimmungsvollen Einband.

Es war mir eine Freude, diesen außergewöhnlichen Literaten etwas näher kennenzulernen. Falladas KLEINER MANN – WAS NUN? liegt schon viel zu lange auf meinem SuB. Was meint ihr? Soll ich es endlich wagen?


erschienen bei Insel-Bücherei / ISBN: 978-3458644651
textidentisch mit Insel-Bücherei 2532 / ISBN: 978-3458205326

[Rezension] Isabelle Bottier (nach Agatha Christie) – HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN/ mit Illustrationen von Callixte

„Ist es so, dass das Genre der Graphic Novel mir nicht zu liegen scheint? Das, was den Stil diese Genres ausmacht, entspricht anscheinend so ganz und gar nicht meinen Erwartungen. Doch bin ich deswegen nun enttäuscht oder frustriert? Ja, durchaus, vielleicht ein wenig! Mein Wunsch, eine gelungene Comic-Adaption eines Christie-Klassikers genießen zu dürfen, ist doch recht groß. Und so werde ich hoffnungsvoll wohl auch die nächste Veröffentlichung HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN, die für Herbst dieses Jahres angekündigt ist, genau unter die Lupe nehmen. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt…!“

…tönte ich bei meiner Rezension zur Graphic Novel von DIE TOTE IN DER BIBLIOTHEK und entsprechend verhalten war mein Enthusiasmus, als ich HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN bei der Buchhandlung meines Vertrauens vorbestellte. So erregte sein Erscheinen auch nur rudimentär meine Aufmerksamkeit. Vielmehr stattete ich wegen eines ganz anderen Buches, das ich bestellt hatte, der Buchhandlung einen Besuch ab, als die Buchhändlerin meines Vertrauens mich darauf aufmerksam machte, dass da noch etwas auf mich warten würde. Ich überlegte, doch mir wollte partout nicht einfallen, was es sein könnte. Dann kam sie mit HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN um die Ecke. Ich überlegte kurz, ob ich mir diese Graphic Novel wirklich zumuten wollte, nachdem die beiden Vorgänger eher eine gemäßigte Begeisterung bei mir ausgelöst hatten. Doch bestellt war bestellt, und zudem – wie wir hier im Bremischen gerne sagen – „Drei Mal ist Bremer Recht!“. Also bezahlte ich, trug das Buch nach Hause, wo es erstmal auf den SuB wanderte und dort unbeachtet liegen blieb.

Doch dann näherte sich der Tag der Entscheidung: Ich musste (wollte) eine Auswahl treffen, welche Bücher in meiner geliebten Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST vorgestellt werden sollten, und da fiel meine Wahl auch auf HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN. Also schlug ich dieses Buch auf und tauchte in die Geschichte ein…

Weihnachten auf dem Landsitz Gorston Hall: Mit durchschnittener Kehle liegt der alte Simeon Lee tot in einer Lache aus Blut in seinem Arbeitszimmer. Im Zimmer herrscht ein heilloses Chaos als hätte ein erbitterter Kampf stattgefunden, und aus dem Tresor wurden wertvolle Roh-Diamanten entwendet. Die einzige Tür ist verschlossen, und der Schlüssel steckt von innen im Schloss. Eine Flucht des Täters durch eines der Fenster ist nicht möglich, da sich der Raum in einer der oberen Stockwerke befindet. So deutet alles darauf hin, dass einer von der Familie, den Gästen oder der Dienerschaft der Täter zu sein scheint. Und alle Anwesende hätten mehr als einen triftigen Grund, einen tiefen Groll gegenüber dem Opfer zu hegen. Superintendent Sugden von der örtlichen Polizei steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe und bittet den Chief Constable Colonel Johnson um Unterstützung. Dieser hat über die Feiertage niemand geringeren als Hercule Poirot zu Gast. Mit vereinten Kräften stürzt sich das ungleiche Trio in die Ermittlungen, wobei Poirot seine Mitstreiter immer wieder mit seinen unorthodoxen Ermittlungsmethoden irritiert und die Verdächtigen mit unberechenbaren Fragen aus der Fassung bringt. Poirots kleinen grauen Zellen arbeiten auch zu Weihnachten wie ein präzises Uhrwerk, und so verwundert es nicht, dass er – „et voilà“ – auch diesmal eine verblüffende Lösung des Falls bietet…!

(Inhaltsangabe meiner Rezension des Romans entnommen!)


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Es ist passiert! Ich habe nicht mehr zu hoffen gewagt, aber: Es ist passiert! Diese Comic-Adaption eines Christie-Klassikers konnte mich endlich überzeugen.

Isabelle Bottier bleibt bei ihrer Konzeption der Handlung so nah am Original, dass es mir möglich war, die Inhaltsangabe des Romans – ohne Striche oder Kürzungen – hier ebenfalls nutzen zu können. Reduzierungen sind bei einer Graphic Novel zwangsläufig zwingend notwendig und den Vorgaben des Genres geschuldet. Doch wenn mir bei der Lektüre keine nennenswerten Auslassungen auffallen und sich die Handlung sowohl schlüssig wie auch flüssig entwickelt, dann hat die Autorin vieles richtig gemacht. Zudem verstand sie es, die Dialoge den handelnden Personen passgenau in die Münder zu legen.

Unterstützung erfuhr Bottier durch die Illustrationen von Callixte (alias Damien Schmitz), der zu den Dialogen sehr individuelle Physiognomien zum Handlungspersonal kreierte, die die Person genau charakterisieren und zudem mit witzigen Details gefallen. Eine Verwechslung der Personen – selbst bei den Familienmitgliedern, die eine deutliche Ähnlichkeit vorweisen müssen (!) – ist somit ausgeschlossen. Auch die Settings überzeugen durch Diversität, Detailreichtum und Atmosphäre. Zudem wechselte er raffiniert den Blickwinkel, erzeugte dadurch Spannung und konnte sich so meiner Aufmerksamkeit sicher sein.

Im April 2025 erscheint im Carlsen-Verlag mit TOD AUF DEM NIL der nächste Christie-Klassiker, bei dem genau dieses kreative Team am Werk war: Ich freue mich jetzt schon!


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551804266 / in der Übersetzung von Thomas Schöner
ebenfalls erschienen als Roman bei Atlantik / ISBN: 978-3455600308 und als Hörbuch bei DER HÖRVERLAG / ISBN: 978-3844547405 

[Rezension] MUSIKALISCHER WEIHNACHTSZAUBER. Der Nussknacker / Der Messias / Das Weihnachtsoratorium

Weihnachten – das ist die Zeit der Besinnlichkeit, des zur Ruhe Kommens und der Erinnerung an Traditionen. Gerade in dieser Zeit lassen wir uns nur allzu gerne ins Ballett, Konzert und Oratorium locken, genießen die wunderbare Musik und werden von der Kunst der Darbietung verzaubert. Es ist aber auch die Zeit des Vorlesens: Entweder lesen wir selber vor, oder wir haben das unschätzbare Glück, dass uns vorgelesen wird. Wäre es da nicht schön, wenn wir all dies miteinander vereinen könnten?

Mit DER NUSSKNACKER, DER MESSIAS und DAS WEIHNACHTSORATORIUM hat der Annette Betz-Verlag drei Klassiker und saisonale Publikumslieblinge in diesem Sammelband vereint. Alle drei Werke sind bereits als Einzelbände erschienen (2017, 2020 bzw. 2018), denen jeweils eine CD beigelegt wurde. Hier gibt es nun die vergleichsweise kostengünstigere Variante: Ohne CD, dafür mit der Option, das jeweilige Hörbuch incl. der Musik zu streamen.

Jede*r Autor*in hat eine eigene Handschrift, jede*r Illustrator*in hat einen individuellen Stil. Werden da die Geschichten eher lieblos in einem Sammelband gebündelt, könnte ein verbindendes Element als roter Faden vermisst werden. Dies ist bei MUSIKALISCHER WEIHNACHTSZAUBER nicht der Fall: Das Cover, das Vorsatzpapier und die Titelblätter zu den einzelnen Geschichten sind so geschmackvoll aufeinander abgestimmt, dass die ehemaligen „Solisten“ wunderbar miteinander harmonieren, und das Buch so wie aus einem Guss wirkt.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Susa Hämmerle erzählt die Geschichte DER NUSSKNACKER ganz traditionell und bleibt damit nah am originalen Ablauf des Märchenballetts von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (Warum sollte sie hier auch eine Änderung vornehmen?). Dabei skizziert sie die Figuren stets kindgerecht und streut Dialoge in die Handlung ein, um so die Motivation der Charaktere zu verdeutlichen. Damit schafft sie für mich als Vorleser die Grundlage, meinen Vortrag interessanter und abwechslungsreicher zu gestalten, als es mir bei einer bloßen Nacherzählung möglich gewesen wäre. Auch Christa Unzner bleibt bei ihren Illustrationen ganz beim Tanz. Ihre Figuren scheinen direkt dem weltbekannten Ballett entsprungen zu sein – entsprechen doch Haltung und Gestik ganz diesem Habitus. Mit flinken Strichen erzeugt sie bei den Figuren Dynamik. Ihre Szenerien verleugnen nie den Bezug zur Bühne: Mit einem atmosphärischen Setting, farbenfrohen Kostümen und einer stimmungsvollen „Beleuchtung“ verstärkt sie noch diesen Eindruck.

Für DER MESSIAS schuf Rudolf Herfurtner eine ganz neue Rahmenhandlung um den kleinen Anton, der sich mit seinem Großvater auf den Weg durch einen dunklen Wald macht, um einer Aufführung eben jenen Werkes von Georg Friedrich Händel in der großen Kirche des Nachbarortes zu lauschen. Während des Konzerts nickt Anton ein und träumt sich nach Bethlehem zu Jesus Geburt. Mit einer ganz und gar wunderbaren Ruhe erzählt der Autor diese reizende, beinah melancholische Geschichte und legt dabei besonderes Augenmerk auf die liebevolle Beziehung zwischen Anton und seinem Opa. Die Illustrationen von Anna Severynovska nehmen diese Ruhe auf. Beinah glaubte ich, die Stille eines verschneiten Winterabends wahrnehmen zu können. Ihre Bilder überzeugen sowohl durch ihre Klarheit als auch durch Detailreichtum. Besonders beeindruckend gelangen der Künstlerin die Gesichter der Figuren, die von einer ergreifenden Lebendigkeit sind.

Bei DAS WEIHNACHTSORATORIUM stammte die Rahmenhandlung ebenfalls aus der Feder von Rudolf Herfurtner. Hier begleiten wir den Jungen Thomas, wie er in der Adventszeit des Jahres 1734 die Bekanntschaft mit Johann Sebastian Bach macht, der als Kirchenmusiker und Kantor mit dem Thomanerchor sein neustes Werk zur Aufführung bringt. Thomas ist ganz beseelt, dass er als Kerzenjunge gemeinsam mit dem Chor auf der Empore der Kirche stehen und dieser einzigartigen Musik lauschen darf. Gekonnt verwebt der Autor die historische Fakten mit seiner Fiktion, verheimlicht dabei aber nicht die sozialen Missstände, unter denen die Kinder damals zu leiden hatten. Die Künstlerin Maren Briswalter schuf dafür zarte, beinah sphärische Illustrationen in einem Sepia-Ton, die an alte, verblasste Fotografien erinnern. Die Welt des 18. Jahrhunderts – insbesondere bei den historischen Bauwerken – zeigt sie ebenso detailreich, wie die Kargheit, denen die Menschen damals ausgesetzt waren.

Mit MUSIKALISCHER WEIHNACHTSZAUBER hat der Verlag einen ganz bezaubernden Sammelband geschaffen: Jedes, der hier genannten musikalischen Werke, ist absolut herausragend, und es war mir eine wahre Freude, die traumhaften Kompositionen in Kombination mit einer gelungenen literarischen wie visuellen Umsetzung wiederentdecken zu dürfen.


Anmerkung bzgl. STREAMEN:

Leider bin ich alter Zausel zu dusselig, um auf der Homepage des Verlages die Hörbücher mit Musik freizuschalten. Nachdem ich mehrmals im Rahmen der Anmeldung bei der Eingabe von Benutzername und/oder Passwort gescheitert bin, habe ich ermattet aufgegeben. So kann ich leider nichts über die Qualität der Sprecher sagen. Da der Verlag allerdings bei den Musikaufnahmen auf das Archiv des renommierten Klassik-Labels NAXOS zurückgreifen konnte, bin ich mir sehr sicher, dass die musikalische Umsetzung gelungen ist. Ich selbst habe – nach dem Anmelde-Debakel – ganz entspannt auf meine eigenen CDs zurückgegriffen und mir die Geschichten selbst vorgelesen. 😊


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219120486
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Kerstin Hau – DAS LIED DES ENGELS/ mit Illustrationen von Selda Marlin Soganci

„Bald ist Weihnachten. Auf der Erde träumt jeder Käfer,
jede Katze und jedes Kind von großen Wünschen.
Andernorts träumt ein kleiner Engel von großen Taten…“

Ganz fein und zurückhaltend kommt diese Geschichte daher. Da gibt es kein großes Getöse, keinen lauten Wumms oder sonstigen Krawall, der die Aufmerksamkeit für sich einfordert. Nein, hier geht Autorin Kerstin Hau sehr leise zu Werke. Sie kreierte eine Geschichte, die gerade aufgrund ihrer Schlichtheit ganz besonders mein Herz berührt. Wie so oft bei mir sind es nicht die Bücher, die mit plakativen Mitteln versuchen auf ihre Botschaft aufmerksam zu machen. Dabei wirken die dort eingesetzten literarischen Mittel beinah wie eine billige Neon-Reklame, die grell blinkend immer wieder betont „Huhu! Hier kommt die Botschaft!“.

Engel helfen den Menschen auf vielfältige Weise: Sie trösten, beschützen oder heilen. Nur ein kleiner Engel kann seine Bestimmung einfach nicht finden. So gern möchte er den Menschen helfen. Am Weihnachtsabend dann erklingt eine Melodie, die alle Menschen froh macht – es ist das Lied des Engels. Mit einem Mal spürt er: Seine Gabe ist es, das Wunder der Weihnacht zu den Menschen zu bringen, um ihre Herzen zum Leuchten zu bringen.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages bzw.
dem Klappentext des Buches entnommen!)

Ⓒ Kerstin Hau. DAS LIED DES ENGELS – Illustration Selda Marlin Soganci (1)

In Kerstin Haus Geschichte geht es „nur“ um einen kleinen Engel, der für sich noch nicht herausgefunden hat, was seine Bestimmung ist. Auf seiner Suche muss er keine spektakulären Abenteuer bestehen oder sich großen Gefahren aussetzten: Er darf sich bei den großen Engeln, die z. Bsp. als Trostengel, Schutzengel oder Heilengel den Menschen beistehen, erproben, um so besser entscheiden zu können, welche Bestimmung zu ihm am besten passt.

Da ergeht es diesem kleinen Engel nicht anders als es uns ergangen ist: Wer von uns wusste als Kind schon, was seine Bestimmung ist. Auch wir mussten uns in unserem Leben oftmals erproben und so manches Mal den einen oder anderen Umweg in Kauf nehmen, bis wir dort gelandet sind, wo wir hingehören.

Wenn wir dort gelandet sind, wo wir hingehören! Manche von uns sind leider ein Leben lang auf der Suche oder haben sich notgedrungen mit den aktuellen Begebenheiten arrangiert. Doch auch uns spricht diese Geschichte Mut zu, die Suche nicht aufzugeben. Dabei muss es nicht immer die große, allumfassende Veränderung sein. Manchmal genügen nur kleine Neuerungen, um das eigene Leben wieder erfüllter werden zu lassen. So ist diese Geschichte auch ein Plädoyer an uns Erwachsene, uns eine kindliche Neugier zu bewahren und das Große im Kleinen zu wagen.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Selda Marlin Soganci hat bei ihren Illustrationen einen ganz eigenen, ganz besonderen Stil, der in der Wahl ihrer „Leinwand“ begründet liegt. Sie verwendet als Untergrund Fichtenholz, auf dem sie mit Gouache und Stiften malt. Als ich von dieser Technik erfuhr, hatte ich ein wenig bedenken, dass bei den Illustrationen die Holzmaserung dominieren und das Bild somit zu rustikal erscheinen könnte. Meine Bedenken waren völlig unbegründet: Leicht und zart verschmelzen die Farben mit dem Holz und schaffen so eine ganz eigene Optik.

Die Maserung dieses Naturprodukts bleibt zwar stets sichtbar, steht aber nicht im Kontrast zu den filigranen Zeichnungen, die von phantasievolle Figuren bevölkert werden. Jeder Engel erhält von der Künstlerin seine persönliche, außergewöhnliche Erscheinung, die mit vielen witzigen Details begeistert.

Die besten Bilderbücher sind eben die, die Klein und Groß, Jung und Alt gleichermaßen ansprechen: Dies ist eine zauberhafte kleine Geschichte über das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten!


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314107016
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Charles M. Schulz – ADVENT MIT DEN PEANUTS

Nicht nur die klassischen Werke von Friedrich Schiller, Heinrich von Kleist und Johann Wolfgang von Goethe tummeln sich zwischen den zwei Einbandpappen im prägnanten Gelb. In den letzten Jahren haben auch einige der sogenannten „modernen Klassiker“ ihren Weg ins Portfolie des rührigen Verlages aus Ditzingen in der Nähe von Stuttgart gefunden. So fand nun – wie zuvor bereits Loriot und Janosch – auch Charles M. Schulz eine gemütliche Bleibe für seine vorwitzige, altkluge und absolut bezaubernde Rasselbande:

Die PEANUTS

Sowohl pünktlich wie auch passend zur baldigen Adventszeit präsentiert uns der Reclam Verlag mit ADVENT MIT DEN PEANUTS in Form eines Adventskalenders ein Wiedersehen mit Charlie Brown, Snoopy, Woodstock, Charlies jüngere Schwester Sally, Peppermint Patty, Marcie („Sir“), Lucy, Linus und all den anderen liebenswerten Figuren. Erwachsene treten als handelnde Personen bei den PEANUTS höchst selten auf (in diesem Fall: gar nicht), werden auch weder benötigt noch vermisst.

So begleiten wir Tag für Tag, vom 1. bis zum 24. Dezember unsere charmanten Held*innen durch die Vorweihnachtszeit und werden Zeuge, wie sie souverän die kleinen Tücken des Alltags meistern und Antworten auf die großen Fragen der Kindheit finden. Da ist Charlie Brown so verliebt in ein Mädchen, dass er alles (un)mögliche unternimmt, um ihr ein schönes Paar Handschuhe zu Weihnachten schenken zu können. Snoopy erlebt mit Woodstock und ihrer gemeinsamen Pfadfindergruppe aufregende Zeiten bei einer Schneewanderung. Sally Brown greift ihrem Bruder (eher weniger als mehr) hilfreich unter die Arme beim Verkauf von Adventskränzen. Peppermint Patty würde so gerne die Maria im Krippenspiel geben und muss doch wieder ein Schaf („Mäh!“) mimen, während Marcie die begehrte Rolle ergattert, obwohl sie doch Brillenträgerin ist. Snoopy jobbt wenig überzeugend als Nikolaus, und Lucy und Linus diskutieren über die Formensprache von Schneeflocken.

Ⓒ Illustration Charles M. Schulz (1)

Ab den 50er Jahren schuf Charles M. Schulz mit einer Vielzahl an Comicstrips eine ganz eigene kleine Welt rund um den liebenswerten Pechvogel Charlie Brown, seinem äußerst regen Hund Snoopy und dem Vogel Woodstock. Die Geschichten spielen zwar in einem typischen amerikanischen Vorort, sind aber so allumfassend gültig, dass mir eine Identifikation mit den Figuren nie schwerfiel. Als Kind stand für mich der Spaß beim Betrachten der drolligen Abenteuer der PEANUTS im Vordergrund, während sich mir nun als Erwachsener zunehmend der Subtext, der tiefere Sinn offenbart.

Schulz scheint unsere Sicht auf die jeweilige Handlung bewusst einengen zu wollen: Er fokussiert und sorgt dadurch für eine Komprimierung auf das Wesentliche. Die scheinbar unbedeutenden Sorgen und Nöte der Kids bekommen so eine enorme Relevanz. Die Äußerungen von Charlie Brown und seinen Freund*innen erhalten eine philosophische Tiefe, die weit über den gewohnten Rahmen eines Comicstrips, der als Gimmick einer Tageszeitung für kurzfristige Erheiterung sorgen soll, hinausgeht. Hier wird mit einer kindlich-verführerischen Naivität über Ängste, Depressionen, Freundschaft, Liebe, (Selbst-)Zweifel und Hoffnung gesprochen. Die Themen der PEANUTS werden plötzlich universell, treten aus dem Fokus heraus und ermöglichen mir als Leser so eine unbefangenere Sichtweise.

Mein Fazit nach der Lektüre dieses kleinen Büchleins:

Die PEANUTS sind weise! Die PEANUTS sind zauberhaft!
Die PEANUTS sind Kult!

Ⓒ Illustration Charles M. Schulz (2)


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150145814 / in der Übersetzung von Matthias Wieland

[Rezension] Hauck & Bauer – CARTOONS ZU WEIHNACHTEN

Kurz bevor ich hier auf meinem Blog mit der Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST feierliche Stimmung verbreite und meiner Lust an weihnachtlicher Besinnlichkeit in literarischer Form fröne, möchte ich allen Advents-Muffeln gerne dieses aparte Büchlein (14,5 x 9,5 cm) wärmstens ans Herz legen. Da gibt es Mitmenschen, die schon jetzt kaum mehr in den Schlaf finden, da sie mit Grausen einer Zeit mit zu viel Lebkuchen, zu viel Kitsch, zu viel Lametta, zu viel „Last Christmas“, zu viel „von allem“ entgegenzittern. Diese bemitleidenswerten Zeitgenossen haben mit CARTOONS ZU WEIHNACHTEN aus der Ideenschmiede von Hauck & Bauer nun ein wirksames Antidot gegen die zu erwarteten Grausamkeiten. Dabei setzt die Wirksamkeit dieses Gegenmittels nicht erst ab der Einnahme einer höheren Dosis ein, auch bei homöopathisch genossenen Mengen zeigt sich durchaus schon eine Wirkung.

Beim Cartoonisten-Duo Hauck & Bauer handelt es sich um Elias Hauck (Zeichnungen) und Dominik Bauer (Text). Größere Bekanntheit erreichten sie ab 2003 mit dem wöchentlich erscheinenden Comicstrip „Am Rande der Gesellschaft“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Veröffentlichungen in der Titanic, bei Spiegel Online sowie in der Apotheken Umschau sollten ebenso folgen wie div. Preise und Auszeichnungen.

Hier nehmen sie nun das Fest der Liebe mit spitzer Feder und flinkem Wort aufs Korn und offenbaren uns so sehr treffsicher die Gedanken einer piefigen Spießbürgerlichkeit. Ups, ich übersah, es sind ja gar keine Gedanken: Dieses Wort wurde im Titel durchgestrichen und durch „Cartoons“ ersetzt. „Gedanken“ klingt ja auch irgendwie nach „rauchendem Schädel“, „weltverändernden Erkenntnissen“ und „Kritik am Establishment“. Nein, so weit wollen die Zwei nicht gehen: Sie haben doch „nur“ ein paar Bildchen gemalt und mit Wörtern verschönt.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Doch diese Bildchen mit Wörtern haben es durchaus in sich: Da gibt es so manchen Streit am und um den Weihnachtsbaum. Sie verraten etliche pikante Anekdötchen zu Christis Geburt – direkt vom Rand der Krippe und somit brandaktuell. Es geht um nachhaltiges Bauen zu Grimmschen Zeiten: Da steht selbst bei der Knusperhexe die Ökobilanz ihres Lebkuchenhauses im Vordergrund. Auch der Weihnachtsmann mit all seinen Nöten findet ebenso Gehör wie die Klagelieder so manch armer Kreaturen, die auf der Suche nach einem passenden Geschenk für Familie, Verwandtschaft oder Kollegium sind. Und die Serie „Gedanken zum Advent mit Elmar Punsch“ wird selbstverständlich in vier Teilen kredenzt.

Dabei schrammt das kreative Autoren-Duo häufig knapp an der Grenze der „political correctness“ vorbei, bekommt aber immer wieder rechtzeitig die Kurve. So stutzte ich häufig und schaute mir den Cartoon durchaus ein weiteres Mal an, um sicher zu sein, dass ich die Botschaft verstanden hatte. Erst dann brach ich in ein schallendes Gelächter aus. Geschickt vermeiden die Zwei ein „Zuviel“, ein „über das Ziel hinausschießen“, da dies bei mir sicherlich keine Lachen ausgelöst sondern eher zu einer unangenehmen Befangenheit geführt hätte.

Gekrönt wir diese Ansammlung humoresker Skizzen mit einer festlichen Geschichte von Kristof Magnusson: Sollte hier nun eine spritzig-witzig-satirische Erzählung erwartet werden, da muss ich leider enttäuschen. Vielmehr schenkt Magnusson uns eine kleine traurig-anrührende Geschichte, die einen deutlichen Kontrast zu den Cartoons bildet und so umso mehr ihre Wirkung entfaltet.

Einziger Nachteil dieses Büchlein: das kleine Format! Der Zeichenstil von Elias Hauck in Kombination mit den Texten von Dominik Bauer wirken so filigran, dass es mir manches Mal schwer fiel, Details im Bild bzw. die Schrift deutlich zu erkennen.

Ansonsten: Frohe Weihnachten!


erschienen bei Kunstmann / ISBN: 978-3956146084
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] ESEL HUND KATZE HAHN. Geschichten, Gedichte und Lieder von den Bremer Stadtmusikanten/ Anna Lott (Hrsg.)

Ist es nicht erstaunlich? Da werden vier altersschwache Gesellen die bekanntesten Botschafter einer Stadt, die sie nachweislich nie erreicht haben. Es klingt wie im Märchen.

Es war einmal…

…im Jahre 1819, als DIE BREMER STADTMUSIKANTEN erstmals in der Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm auftauchten. Doch erst 80 Jahre später entdeckten die Bremer selbst das (Werbe-)Potenzial der vier Musikanten und wussten es als Wahrzeichen für ihre Stadt zu nutzen.

Doch irgendwie hatte ich immer schon dieses undefinierbare Gefühl, dass die Geschichte nicht zu Ende erzählt wurde: Da blieben mir zu viele Fragen unbeantwortet. Glücklicherweise kann da nun Anna Lott mit diesem Bilder-Lese-Buch Licht ins märchenhaft-nebulöse Dunkel bringen. Gemeinsam mit einer Vielzahl ihrer Schreiber- und Illustrations-Kolleg*innen, die allesamt in, um oder drumherum von Bremen zuhause sind, bleiben (beinah) keine Fragen mehr offen.

Neben Herausgeberin Anna Lott steuerten ebenfalls Michael Augustin, Carolin Helm, Jörg Isermeyer, Ulrike Kuckero, Hendrik Lambertus, Johanna Lindemann, Florian Müller und Hortense Ullrich ihre phantasievollen Geschichten, Lieder oder Gedichte bei. Die Künstler*innen Anke Bär, Bettina Bexte, Lois Brendel, Ina Clement, Mario Ellert, Martin Ernsting, Ruben Hilgert, Marie-Lulu Högemann, Olaf Kock, Tessa Rath und Valeska Scholz haben das Geschriebene wunderbar in Szene gesetzt. Entstanden ist ein ganz und gar unterhaltsames und abwechslungsreiches Buch, das mir beim Anschauen und darin Schmökern eine Menge Spaß bereitet hat.

Habt ihr euch am Ende eines Märchens nicht auch schon oft gefragt, wie es weiterging? Denn irgendwie ist eine Schlusssatz wie „…und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende!“ sehr unbefriedigend, lässt Raum für Spekulationen und verführt zu einem fordernden

„Ja, und? Was passierte DANN?“

Da lieferte das Original-Märchen unseren Kreativen sowohl Impulse, die Geschichte in mannigfaltigen Richtungen weiterzuspinnen, als auch Inspiration, sich an einer moderneren Deutung zu wagen. So eröffnet das Buch mit „Des Märchens zweiter Teil“ von Michael Augustin in den farbenfrohen Pastell-Illustrationen von Marie-Lulu Högemann und erzählt die Geschichte nicht nur logisch nachvollziehbar weiter, sondern präsentiert gleichzeitig die schon längst überfällige Auflösung zum Märchen DER RATTENFÄNGER VON HAMELN. Bei „Im Taxi durch Bremen“ begleiten wir den Dachs, wie er seine tierischen Fahrgäste per Daxi (!) durch die Hansestadt zum Weserstadion kutschiert, nichtsahnend, dass einige Fahrgäste die berühmten Musiker sind, die in eben jenem Weserstadium ihren großen Auftritt haben werden. In den drolligen Illustrationen von Valeska Scholz erkannte ich viele Orte und Sehenswürdigkeiten Bremens wieder. Aber auch den vertriebenen Räubern wird eine Geschichte bzw. eine Räuberballade gewidmet: Hendrik Lambertus berichtet in „Der kleine Räuber Balduin“ von einem raffinierten Komplott zwischen den Stadtmusikanten und dem kleinsten Räuber aus der kriminellen Bande.

Bei Jörg Isermeyer scheint es sich um einen Tolkien-Fan zu handeln: Anders kann ich es mir nicht erklären, dass er die zwei Teile seines Endzeit-Märchens „Der Lauf der Dinge“ mit „Die Gefährten“ und „Die zwei Türme“ untertitelte. Natürlich schickt er in seiner modernen Version andere Tiere (Eisbär, Rentier, Orang-Utan und eine Hummel) auf eine wichtige Mission, die mit einer reduzierten aber stimmungsvollen Farbgebung von Bettina Bexte visualisiert wurde.

Kinderliedermacher Florian Müller widmet dem dynamischen Quartett gleich fünf Songs, die von Martin Ernsting eindrucksvoll verschönt wurden. Dank Anke Bär und Max Görgen dürfen wir einen exklusiven Blick in das Tour-Tagebuch der fantastischen Vier (😉) werfen und erhalten so einen humorvollen Eindruck vom Leben dieser Superstars. Anna Lott verrät uns charmant, „Wie die Bremer Stadtmusikanten unter die Erde gekommen sind“, und liefert so die Erklärung, warum aus einem Gully vor der Bremer Bürgerschaft tierische Töne zu hören sind.

Silhouette DIE BREMER STADTMUSIKANTEN

Ach, und wer von euch nun unbedingt wissen möchte, „Warum die Bremer Stadtmusikanten nie in Bremen ankamen…!“, dem wird die entsprechende Antwort von Johanna Lindemann in ihrer zwei-geteilten Geschichte beschert, die übrigens herrlich skurril von Mario Ellert verschönt wurde. Doch natürlich darf auch das Original-Märchen von 1819 nicht fehlen, das nach wie vor seinen ganz besonderen Charme hat. Lois Brendel hat das Märchen mit eleganten Illustrationen in einer Art Linoldruck verschönt, die an die wundervollen Reliefs erinnern, wie sie noch in einigen Alt-Bremer Häusern zu finden sind.

Es gibt in diesem Buch noch so viel mehr zu entdecken, und jede*r, ob nun klein oder groß, wird dabei sicherlich seine Favoriten küren: Der einen gefällt mehr diese Geschichte, dem anderen gefällt mehr jenes Gedicht. Doch genau so soll/muss es bei einem guten Bilder-Lese-Buch sein, das so sehr verführerisch ist, dass es immer wieder nur allzu gerne in die Hand genommen wird.

Stellte sich mir nur noch die (nicht ernst gemeinte) Frage, ob der Carl Schünemann-Verlag nun zu früh oder zu spät mit diesem Buch auf dem Markt kam? Der 200. Geburtstag der vier Musiker wurde schon im Jahre 2019 ganz groß gefeiert, und ihren 205. Geburtstag haben sie erst im nächsten Jahr.

Doch im Endeffekt spielt es keine Rolle, da dieses Buch einfach nur durch und durch Freude bereitet!


Schon so einige Male sind sie mir über den Weg gelaufen, und darum gibt es hier auf meinem Blog unter dem Schlagwort DIE BREMER STADTMUSIKANTEN auch bereits einiges zu entdecken.


erschienen bei Carl Schünemann / ISBN: 978-3796112089
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Gaston Leroux – DAS PHANTOM DER OPER/ mit Illustrationen von Michèle Ganser

Lieben wir nicht alle Schauergeschichten: Dieses wohlige Gruseln während die Anspannung stetig steigt. Das Entgegenfiebern bis zum erlösenden Ende. Das Nachspüren der Atmosphäre, wenn uns hinterher unser Gang durch die dunkle und verdächtig stille Wohnung ins Schlafzimmer führt, und wir es uns kaum verkneifen können, einen prüfenden Blick in den Schrank und unter das Bett zu werfen…!

…dabei lässt sich DAS PHANTOM DER OPER gar nicht so leicht einer Kategorie zuordnen: Ist es nun tatsächlich eine Schauergeschichte oder vielmehr ein Kriminalroman oder doch eher ein Tatsachenbericht? Und das, wo wir Deutschen doch diese genetische Disposition haben und alles und jeden – schön geordnet – in eine Schublade stecken möchten.

Doch unabhängig vom Etikett, mit dem wir diesen Roman vielleicht nur allzu gerne schmücken würden, handelt es sich hier auch nach all den Jahren immer noch um eine spannende wie berührende Geschichte, die schon die Kreativität vieler Künstler*innen angeregt hat und nach wie vor die Leser*innen weltweit bestens unterhält.

Seit geraumer Zeit setzt ein dubioses Wesen die Direktion der Pariser Oper unter Druck und Künstler und Bühnenarbeiter in Angst und Schrecken. Er hat ganz klare Vorstellungen, wie „seine“ Oper zu führen sei, und nimmt Einfluss an der künstlerischen Arbeit des Hauses. Sollten seine Anweisungen nicht befolgt werden, geschieht Schreckliches. Zu aller Überraschung protegiert er die junge, unerfahrene Sängerin Christine Daaé, die sich dank seinem Unterricht auf der Bühne als brillante Sängerin profiliert. Doch auch Raoul, Vicomte de Chagny, ein Jugendfreund von Christine, ist von ihr entzückt. Doch die Liebe der beiden jungen Menschen bleibt dem Phantom nicht verborgen, und er setzt skrupellos alles daran, um Christine für ewig an sich zu binden…!

Abermals legt der Reclam-Verlag eine sehr hochwertige Neu-Auflage eines literarischen Klassikers vor: Da wurde auf viele Feinheiten geachtet, sei es bei der verwendeten Papierqualität, dem Druck und der Prägung bis zur sehr geschmackvollen Farbgebung in den Farben Schwarz, Weiß und Rot.

Leider haben mich ausgerechnet die Illustrationen von Michèle Ganser ein wenig enttäuscht, die als Randverzierungen in den laufenden Text eingefügt wurden. Dies wirkt beinah wie klassische Vignetten, doch anstatt Ranken gibt es Bilder von Requisiten und Dekorationsteilen zu bewundern. Diese sind durchaus sehr ansprechend und detailliert gestaltet und nehmen jeweils Bezug zur Handlung. Aber sie sind eher schmückendes Beiwerk und können für mich die ganzseitigen Illustrationen nicht ersetzen. Die einzige Illustration, die über zwei Seiten geht, ist eine Innenansicht des Zuschauersaals der Oper, die recht unspektakulär ausfällt. Unspektakulär deshalb, da eben jene Illustration bereits als Vorsatzblatt diente, bei dem nur ein paar Zuschauer*innen hinzugefügt wurden. Da konnte mich der Reclam-Verlag in der Vergangenheit mit seinen illustrierten Fassungen schon deutlich mehr überzeugt, wie z. Bsp. mit DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY von Oscar Wilde.

Doch der größte Pluspunkt und somit die absolute Kaufempfehlung ist für mich die neue Übersetzung von Rainer Moritz. Ich habe mir (mal wieder) die Mühe gemacht und einige Passagen parallel gelesen, um so die Unterschiede der neuen zur alten Übersetzung von Johannes Piron besser nachvollziehen zu können. Pirons Übersetzung stammte aus den 60er Jahren, weißt den sprachlichen Duktus jener Zeit auf und wirkt aus heutiger Sicht ein wenig schwülstig. Auch glaubte ich bei einigen Beschreibungen einen eher negativen Unterton im Vergleich zur aktuellen Übersetzung wahrzunehmen: Da wird aus „ein Hirngespinst der Dämchen vom Corps de ballet“ (alt) zu „die unscheinbare Erfindung erregter Gehirne unter Ballettmädchen“ (neu). Zudem klingen einige Formulierungen (von „Garderobenfrauen“ zu „Garderobieren“) deutlich eleganter in meinen Ohren. Gerade beim Vorlesen klang die alte Übersetzung oftmals holpriger und kam weniger geschmeidig über meine Lippen: „Ja, es hat leibhaftig existiert, wenn es auch wie ein echtes Phantom auftrat, das heißt als Schemen.“ (alt) im Vergleich zu „Ja, es hat leibhaftig existiert, obwohl es sich in allen den Anschein eines wahren Phantoms gab, also einer Schattengestalt.“ (neu)

Alles in allem scheint die Übersetzung von Rainer Moritz fließender, klarer, beinah nüchterner zu sein und kommt damit dem Stil des Originals recht nah. Gaston Leroux, der ja nicht nur als Schriftsteller tätig war sondern auch als Journalisten arbeitete, hatte diesen Roman als eine Art Tatsachenbericht verfasst, beinah so als würde er die bei Recherchen erhaltenen Informationen zusammenfassen. Dies kam der Erstveröffentlichung als Episoden-Roman in der Zeitung Le Gaulois sehr entgegen. Zumal nicht ganz nachvollziehbar war, was der Phantasie des Autors entsprungen ist, und was auf Tatsachen beruhte. Leroux war so pfiffig, dass er sich von realen Hintergründen inspirieren ließ und die entsprechenden Fakten geschickt in seine Geschichte einbaute.

Erstmals gibt es ein unbekanntes Kapitel zu entdecken, das von Leroux, nachdem die Geschichte erstmals in der Zeitung erschien, gestrichen wurde. Er empfand dieses Kapitel als nicht relevant genug für den Fortgang der Handlung. Tatsächlich ist es nun nicht so, dass mir als Leser ohne dieses Kapitel signifikante Sachverhalte fehlen würden. Trotzdem war es eine Freude, jenes Kapitel zu lesen, da der Autor sowohl Handlung wie Personen in seinem herrlich skurrilem Humor beschreibt und somit sehr zu meiner Erheiterung beitrug.

Abermals überzeugt der Reclam-Verlag mit der geschmackvollen Umsetzung einer beliebten Geschichte – nur als „illustrierte Fassung“ würde ich sie nun nicht unbedingt anpreisen.


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150114926 / in der Übersetzung von Rainer Moritz
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!