URLAUBSLEKTÜRE 2024

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Sommer, Sonne, Sandstrand…!

In wenigen Tagen beginnen hier in Niedersachsen die Sommerferien und somit begeben sich viele meiner Mitmenschen auf eine urlaubsbedingte Völkerwanderung. Doch bevor es so richtig losgehen kann, stürzen sich einige freiwillig in den Vor-Urlaubs-Stress beim Abarbeiten div. To do-Listen: Da werden Klamotten zurecht gelegt, scheinbar unentbehrliche Utensilien zusammengestellt sowie Papiere und Unterlagen griffbereit platziert. Absprachen mit Nachbarn, Verwandtschaft oder Freunden werden getroffen, damit auch Tiere und/oder Zimmerpflanzen versorgt sind und der Briefkasten regelmäßig geleert wird. Ach, und hat jemand die Zeitung abbestellt? Die To do-Liste weist zu diesem Posten einen beruhigenden Haken auf, was ein erleichterndes Ausatmen zur Folge hat.

Allerdings zweifle ich ernsthaft daran, dass auf wirklich jeder To do-Liste einer der wichtigsten Posten verzeichnet ist:

🔲 sich mit ausreichend Urlaubslektüre in der Buchhandlung des Vertrauens eindecken

Doch was wäre ein Urlaub ohne eine unterhaltsame Urlaubslektüre? Es wäre wie BA ohne AB, wie Hila ohne Voku, wie Doof ohne Dick – genau, es wäre doof.

Ein Urlaub ohne Urlaubslektüre wäre einfach nur doof!

Darum habe ich es mir nicht nehmen lassen, aus den von mir gelesenen Büchern der vergangenen 12 Monate eine kleine, urlaubstaugliche Auswahl zu treffen. Da nehmen die Krimis unübersehbar den deutlich größten Raum ein. Aber ihr müsst zugeben: Krimi und Urlaub passen einfach sensationell gut zusammen!

Urlaubslektüre 2024-1

MORD AUF DER KREUZFAHRT von Nicholas Blake
🌈 EIN SPIEL ZUVIEL von P.D. James
WIE EIN HAUCH IM WIND von Josephine Tey

Urlaubslektüre 2024-2

🌈 NEUN LEBEN von Peter Swanson
LACROIX UND DIE TOTEN VOM PONT-NEUF von Alex Lépic
🌈 DER TWYFORD-CODE von Janice Hallett

Urlaubslektüre 2024-3

LEB WOHL, MISTER CHIPS von James Hilton
🌈 WER BRAUCHT SCHON WUNDER von Anne Müller
SO ZÄRTLICH WAR SULEYKEN von Siegfried Lenz

Und so gibt es neben den eher klassischen bzw. klassisch-angehauchten Kriminalromanen auch drei neuere Werke aus dem Genre der Spannungsliteratur zu entdecken. Trotzdem kann ich euch zu den Krimis auch noch zwei wunderbare Romane bieten, die mir beide – jeder auf seiner ganz besonderen Weise – sehr gefallen haben. Zu meinem letzten Vorschlag gibt es doch tatsächlich noch keine Rezension hier auf meinem Blog: Die Erzählungen in SO ZÄRTLICH WAR SULEYKEN von Siegfried Lenz lese ich gerade selbst, bin aber so begeistert von den entzückenden und warmherzigen Geschichten, dass ich sie euch nicht vorenthalten wollte.

Sowohl bei der Suche als auch bei der Beschaffung dieser oder einer anderen Urlaubslektüre ist Euch mit Freude die Buchhandlung Eures Vertrauens behilflich! 💖

Ich wünsche Euch einen wunderbaren Urlaub
mit viel Spaß beim entspannten Schmökern!!!

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[Rezension] Erich Kästner – DAS MÄRCHEN VON DER VERNUNFT/ mit Illustrationen von Ulrike Möltgen

Noch bevor ich auch nur ein einziges Wort von der Hauptgeschichte lesen konnte, fiel mein Blick auf diesen Zusatz im vorderen Teil des Buches:

„Erich Kästners Werke erscheinen im Atrium Verlag in ihrer originalen Textgestalt. Die Sprache hat sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt, manche Begriffe werden nicht mehr oder anders verwendet. Aus urheberrechtlichen Gründen wurde darauf verzichtet, Kästners Sprache – die eines aufgeklärten Moralisten und Satirikers – dem heutigen Sprachgebrauch anzupassen.“

Ich las und jubelte innerlich! Der Atrium Verlag ist nicht dem momentanen Trend verfallen, die Texte deutscher Autor*innen zu modernisieren und dem momentanen Sprachgusto anzupassen. Ich gewinne eh den Eindruck, dass diese Unsitte vornehmlich hier in unserem Land praktiziert wird – oder kann sich irgendjemand ernsthaft vorstellen, dass die Engländer ihren Shakespeare oder die Franzosen die Texte von Molière dem heutigen Sprachgebrauch angleichen? Natürlich ist die Sprache immer Veränderungen unterworfen, und das ist auch gut und schön und richtig. Doch für mich als Leser und vor allem als Vor-Leser ist es immer wieder eine freudige Herausforderung, mich der Sprachmelodik vergangener Zeiten zu stellen, um mich an ihrer Schönheit zu erfreuen. Sprache zu entdecken – sei es die Muttersprache oder die Sprache eines anderen Landes – stellt eine ganz besondere, beinah sinnliche Erfahrung dar. So danke ich dem Atrium Verlag von ganzem Herzen für ihre klare Haltung, die von gesundem Menschenverstand und Vernunft zeugt.

Womit wir direkt beim Thema wären: Aus Kästners scheinbar unerschöpflicher Wundertüte DER TÄGLICHE KRAM. CHANSONS UND PROSA 1945-1948 wählte der Verlag als illustrierte Neu-Auflage zu seinem Geburtstag eben genau DAS MÄRCHEN VON DER VERNUNFT aus.

Ein alter Mann, reich und angesehen, hat leider diese dumme Angewohnheit, sich vernünftige Dinge auszudenken und seine Gedanken auch noch öffentlich kundzutun. Die Staatshäupter und Staatsoberhäupter hören sich Zähne knirschend immer wieder seine in ihren Augen wirren Vorschläge an. Nun sitzt der alte Mann abermals mit einer seiner vernünftigen Ideen vor ihnen und behauptet, er wüsste, wie sie langfristig Zufriedenheit für alle Menschen auf der Erde schaffen könnten. Es würde nur die lächerliche Summe von einer Billion Dollar kosten, genau die Summe, die auch der letzte Krieg gekostet hätte. Die Staatshäupter und Staatsoberhäupter sind empört über diesen irrsinnigen Vorschlag. Doch der alte Mann lässt sich nicht beirren: Warum darf ein langer Friede nicht ebenso viel wert sein wie ein langer Krieg?


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Und wieder kleidete Ulrike Möltgen Kästners Geschichte in ihren kollagenartigen Illustrationen ein. In atmosphärischen Bildern, die einer Theater-Inszenierung würdig wären, versieht sie den namenlosen Helden mit dem Konterfei Kästners. Auch lässt sie bei den Staatshäupter und Staatsoberhäupter so manches bekannte Gesicht auf der Bühne erscheinen. Dabei arbeitet sie mit einer deutlichen Symbolik: Da umgibt die hohen Herren eine Art Blase, die wohl verdeutlichen soll, dass alles, was sich außerhalb befindet, nicht für die Herrschaften von Interesse ist. Ähnliches drücken die identischen Masken mit ihrer neutralen bis desinteressierten Mimik aus, die die Staatsmänner sich vor ihre Gesichter halten. Auch sitzt der alte Mann, der in einem Harlekin’eskem Sakko gekleidet ist, bei seinen Gesprächen mit den hohen Tieren an einem Tisch, der eine frappierende Ähnlichkeit mit dem bekannten Tisch von Vladimir Putin aufweist.

Abermals zeigte Kästner mit dieser Geschichte sein herausragendes Können, mit schlichten Mitteln hinter die Fassaden des gesellschaftlichen Konformismus zu blicken, um beinah lapidar-harmlos auf vorhandene Missstände hinzuweisen. Einerseits ist Kästners Geschichte fest mit seiner Entstehungszeit und den noch sehr frischen Eindrücken des 2. Weltkrieges verhaftet, andererseits hat sie bedauerlicherweise nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Denn die beinah kindlich-naive Frage des alten Mannes „Warum darf ein langer Friede nicht ebenso viel wert sein wie ein langer Krieg?“ hat leider auch noch heute seine gültige Berechtigung. Kästner stellte eine scheinbar einfache Frage, auf die er wohl nie eine vernünftige Antwort erhalten hat. Wie auch? Sie blieb bis heute unbeantwortet. Doch seine Frage implementiert den Gedanken zu einer weiteren, viel wichtigeren Frage:

„Sollte der Friede nicht mehr wert sein als ein Krieg?“


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855350704

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Erich Kästner – DAS MÄRCHEN VOM GLÜCK/ mit Illustrationen von Ulrike Möltgen

Es ist das Jahr 1945: Deutschland kämpft mit den Folgen des 2. Weltkrieges, und Erich Kästner übernimmt die Leitung des Feuilletons der „Neuen Zeitung“ in München. Nun, wo die Nazis nicht mehr an der Macht sind, darf er auch wieder schreiben. Dies tut er auf seine eigene, unnachahmliche Art. Es entstehen brillante Satiren und feinfühlige Reportagen, er schreibt für Kabarett und Rundfunk. Mit DER TÄGLICHE KRAM. CHANSONS UND PROSA 1945-1948 (aus dem auch die vorliegende Geschichte stammte) schenkt er den nachfolgenden Generationen einzigartige Einblicke in das Leben in einem Land nach dem Zusammenbruch.

„Es handelt sich um eine bunte, um keine willkürliche Sammlung. Sie könnte, im Abglanz, widerspiegeln, was uns in den drei Jahren nach Deutschlands Zusammenbruch bewegte. Worüber man nachdachte. Worüber man lächelte. Was uns erschütterte. Was uns zerstreute.“ Erich Kästner

Als hellwacher Chronist deutscher Nachkriegsgeschichte kleidete er seine Glossen oder Kritiken gerne in einen märchenhaften Mantel:

Das sitzt ein junger Mann unglücklich und mit sich und der Welt hadernd auf einer Bank. Plötzlich und gänzlich ohne Vorwarnung taucht ein alter Mann neben ihm auf und gewährt ihm drei Wünsche, damit er endlich ein glücklicher Mensch werde. Der junge Mann ist so verbittert und verbiestert, dass er äußerst leichtsinnig seinen ersten Wunsch verschleudert, nur um den alten Mann loszuwerden. Sein Wunsch wird erfüllt. Nun kommen dem jungen Mann Zweifel, und sein schlechtes Gewissen rührt sich. Denn schließlich kann er den alten Mann dort nicht lassen, wo er ihn hingewünscht hat. Und so opfert er seinen zweiten Wunsch…!


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Glück: Was ist das schon? Können wir Glück erzwingen? Oder ist es nicht vielmehr ein flüchtiges Empfinden, dass genau so schnell wieder verschwindet, wie es erschienen ist? Und wann bin ich glücklich, muss ich glücklich sein, wird erwartet, dass ich glücklich bin. Und warum bin ich nicht glücklich, obwohl das Schicksal, der Zufall oder der liebe Gott es so gut mit mir meinte?

Ulrike Möltgen schuf Illustrationen zwischen Realität und Fantasie. Sie wählte strenge Formen und brach diese durch märchenhafte Komponenten auf. Selbst scheinbar Alltägliches wie fliegende Vögel am Firmament entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Origami-Schwäne. Ihr kollagenartiger Stil lässt genügend Freiraum für eigene Interpretationen und bietet doch viele Details für das Auge.

Glück: Was wollte Kästner mit dieser kleinen Parabel ausdrücken? Wer weiß es schon genau? Doch ich könnte mir denken, dass er uns ermutigen wollte, das Glück nicht voller krampfhafter Verzweiflung für sich einzufordern. Besonders das GROSSE Glück klopft äußerst selten an die Tür. Vielmehr gibt er uns einen Fingerzeig, das Glück im Kleinen zu suchen. Denn gerade das kleine Glück lässt sich recht häufig blicken. Und er lehrt uns, nicht allzu verschwenderisch oder unbedarft mit der persönlichen Portion Glück – unabhängig ob sie nun in Gramm, Sekunden oder Wünsche gemessen wird – umzugehen, denn…

„Das Glück ist schließlich keine Dauerwurst, von der man
sich täglich seine Scheibe herunterschneiden kann!“


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855351299

[Rezension] Siegfried Lenz – EINE LIEBESGESCHICHTE. Zärtliches aus Suleyken/ mit Illustrationen von Franziska Harvey

Wo die Liebe so hinfällt! Manchmal braucht sie Zeit zur Entfaltung, muss wachsen und reifen. Dann schlägt sie ein wie ein Blitz, trifft gänzlich unvorbereitet aus heiterem Himmel. So oder ähnlich muss es auch Joseph Waldemar Gritzan ergangen sein, als er zum ersten Mal Katharina Knack erblickte…

Da steht er nun, dieser große, schweigsame Holzfäller, und ist bis über beide Ohren verliebt. Amor hat ihn nicht nur mit einem kleinen Pfeil getroffen, gefühlsmäßig steckt eine stattliche Axt zwischen seinen Schulterblättern. Er weiß nicht, wie er sich seiner Angebeteten erklären soll, aber er ist sich sicher, dass kein Weg an ein Ehebündnis vorbei führt. So besorgt er sich beim Pfarrer von Suleyken vorsorglich einen Taufschein. Doch die holde Maid weiß noch nichts von ihrem Glück. Vielmehr kniet sie ahnungslos am Flussufer und walkt die Wäsche, bis sich dieser stille Hüne zu ihr setzt. Da sitzen sie nun nebeneinander, schauen über Wiesen und Wälder und werfen sich verstohlene Blicke zu, bis er in die Tasche greift und scheu fragt „Lakritz?“


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„Entzückend…!!!“ kann ich nach der Lektüre dieser kleinen, durch und durch charmanten Geschichte nur ausrufen. Während ich die drolligen Bilder von Franziska Harvey betrachtete, umspielte ein Lächeln meine Lippen. Wie schon bei DAS WUNDER VON STRIEGELDORF. Eine Weihnachtsgeschichte hat sie auch hier wieder berückende Illustrationen geschaffen, die sowohl mit einer gewinnenden Leichtigkeit die Atmosphäre im ländlichen Dörfchen Suleyken im ostpreußischen Masuren einfangen, wie auch die von Siegfried Lenz erschaffenen Figuren sympathisch und gar trefflich charakterisieren.

Möglich machten dies natürlich die Worte des großen Meisters: Siegfried Lenz Sprache ist einfach gehalten. Seine Sätze überzeugen durch ihre schlichte Poesie und berühren so mein Herz als Leser viel unmittelbarer. Er trifft den Kern einer Szene, ohne dass der Blick von literarischem Firlefanz abgelenkt wird. Das Ganze umhüllt er mit einem gut dosierten Hauch Ironie, der nicht bloßstellt und nie verletzend wirkt. Da wirft er zwar durchaus einen humorvollen doch nie diffamierenden Blick auf seine Schöpfungen und ihre Beweggründe. Voller Respekt und Liebe porträtiert er die einfachen Menschen aus dem Masurenland und schenkte der literarischen Welt Typen voller schlichter Eleganz und mit immens viel Herzenswärme.

Ich wünsche Euch heute
einen wundervollen VALENTINSTAG!

💞


erschienen bei cadeau (bei Hoffmann und Campe)/ ISBN: 978-3455381344

[Rezension] Thomas Mann – Weihnachten bei den Buddenbrooks

Es gibt sie. Zumindest: Bei mir gibt es sie, diese besonderen Bücher. Diese besonderen literarischen Werke, vor denen ich so viel Respekt habe, dass ich mich bisher nicht traute, sie zu lesen. Und „Buddenbrooks. Verfall einer Familie“ von Thomas Mann gehört für mich dazu. Warum ich davor so viel Respekt habe? Ich weiß nicht. Ich kann es gar nicht so genau benennen. Es ist ein Gefühl!

Irgendwie umgibt diesem Roman ein elitärer Hauch von Hochkultur, von hoher Hochkultur, von erhabener Hochkultur – schließlich wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur geadelt. Was wäre, wenn er mir nicht gefällt? Ausgerechnet „Buddenbrooks“, dieses Bastion der deutschen Literatur, könnte mir nicht gefallen. Ich wäre schockiert!

Schließlich ist „Buddenbrooks“ unser Bollwerk gegen all den Schund, den der heimische Buchmarkt in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat. Da gab es Sarrazin, Pirinçci und der „neue deutsche Frauenromane“ – aber: Wir haben ja zum Glück auch „Buddenbrooks“, und der wiegt die enorme Papierverschwendung für alle absolut entbehrlichen „Sarrainçcis“ (!) wieder auf.

So kann und darf diese Rezension von „Weihnachten bei den Buddenbrooks“ als meine sukzessive Annäherung an das Gesamtwerk gesehen und verstanden werden. Und genauso wie dieser Auszug aus dem Zusammenhang der komplexen Geschichte herausfällt, so werde ich als Leser aus meiner Welt heraus in das Lübeck des 19. Jahrhunderts katapultiert. Es war mir, als hätte sich ein Fenster geöffnet, dass es mir erlaube, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Dabei waren mir weder die agierenden Personen bekannt, noch hatte ich eine Ahnung bzgl. der Zusammenhänge. Es schien, als öffnete sich ein Vorhang nur für einen gewissen Zeitraum, und mir würde ein kurzer Einblick in ein anderes Leben, in eine andere Epoche gewährt werden.

Da regiert die alte Frau Konsulin mit strenger Hand und gerechtem Sinn über Familie, Haushalt und Personal und zelebriert Weihnachten traditionell als opulentes Fest. Sie hat – wie in jedem Jahr – die Honoratioren der Stadt wie die nahen und ferneren Familienangehörigen geladen, und weder das Personal noch die Hausarmen wurden von ihr vergessen. Der Festsaal ist prunkvoll geschmückt, erstrahlt im Glanz des großen Christbaums und ist bereit für die Bescherung. In der Säulenhalle haben sich schon die Marien-Chorknaben versammelt, um andächtig „Tochter Zion, freue dich!“ zu intonieren. Hanno, der Enkel der Frau Konsulin ist schon ganz aufgeregt und kann es kaum bis zur Bescherung abwarten. Seit er die Oper „Fidelio“ im hiesigen Opernhaus sehen durfte, träumt er von einem eigenen, kleinen Puppentheater, und sein Wunsch soll sich erfüllen. Während des üppigen Mahls wird geplaudert, politisiert und Kontakte geknüpft. Alle bemühen sich zum Feste und vor den strengen Augen der Frau Konsulin, sich von der allerbesten Seite zu zeigen. Nur ihr Sohn Christian schlägt mal wieder über die Strenge und löst bei der Frau Konsulin ein empörtes Zucken der Augenbrauen aus. Doch Hanno ist dies gleichgültig: Er darf endlich an der Großen Tafel mit den Erwachsenen speisen. Später im Bett gleitet er hinüber in den Schlaf und träumt von seiner ersten Aufführung im eigenen Theater.

Beinah war mir so, als würde mich der Erzähler an die Hand nehmen und durch die Wirrungen dieses literarischen Weihnachtstages führen. Da machte es mir auch nichts aus, dass mir Personen nicht bekannt waren und mir bei einigen Bemerkungen und Gesprächen die Zusammenhänge fehlten. Vielmehr kam ich mir vor wie ein Geist, der unerkannt mal hierhin und mal dorthin huschte, hier ein Gespräch belauschte, dort neugierig bei den Vorbereitungen zuschaute. In dieser hochherrschaftlichen Welt der Lübecker Kaufleute voller Rituale und Etikette wird selbstverständlich auch das Weihnachtsfest mit Akribie vorbereitet. Es gilt den guten Ruf zu erhalten und den Einfluss in der Gesellschaft zu festigen. Einige Familienmitglieder suchen sich ihre Nischen, um diesem starren Korsett aus Erwartungen und Konventionen – wenigstens für eine kurze Zeit – zu entfliehen.

Doch gerade die Traditionen rund ums Weihnachtsfest, die mit Freude zelebriert werden, wirkten auf mich anheimelnd und stilvoll. Da gab es keine grellbunt-blinkende Lichterkette am Baum, da wurde der Punsch nicht aus Pappbechern geschlürft, und da wurden die Geschenke nicht am Amazonas bestellt. „Stil“ scheint in unserer heutigen Welt mehr und mehr auszusterben. Mit „der- oder diejenige hat Stil“ ist nicht nur das Tragen flotter Klamotten gemeint. Das Wort „Stil“ vereint in sich so viel mehr, u.a. Tugenden wie Respekt, Rücksichtnahme und Toleranz, die im zwischenmenschlichen Miteinander so wichtig und so wertvoll sind.

Wer von Euch nun – wie die Familie Buddenbrook – stilvoll speisen möchte, bekommt mit diesem bezaubernden Büchlein die Gelegenheit dazu an die Hand: Im Anhang gibt es alle Rezepte des Weihnachtsmenüs.

Mein Fazit: Ich würde mich sehr freuen, könnte ich der Familie Buddenbrook abermals einen Besuch abstatten! 🙃


erschienen bei Fischer / ISBN: 978-3596523245

[Rezension] Charles Dickens – Eine Weihnachtsgeschichte/ mit Illustrationen von Patrick James Lynch

Da war er wieder, der alte Miesepeter Ebenezer Scrooge, der nun schon auf dem Tag genau seit 180 Jahren immer wieder aus der Versenkung auftaucht. Auch bei mir war er schon häufiger zu Gast…!

Am 19. Dezember 1843 erschien erstmals diese Geschichte unter dem Original-Titel „A Christmas Carol“ mit dem Zusatz „in prose“ und „being a Ghost-Story of Christmas“ mit den Illustrationen von John Leech und sollte seinen Siegeszug rund um den Globus antreten.

Doch wer kennt sie nicht, die Geschichte vom griesgrämigen Geizkragen Ebenezer Scrooge, der am Weihnachtsabend Besuch vom Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Jacob Marley erhält, um ihn zu warnen: Die Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht würden ihn heimsuchen, um ihm verschüttete Erinnerungen in den Sinn zu rufen und vergessene Empfindungen ins Herz zu pflanzen und ihm einen Blick in die Zukunft zu gewähren, um zu offenbaren, welche Auswirkungen sein bisheriges Verhalten haben könnte. So wartet Scrooge mit bangem Herzen auf die Ankunft der Geister, die ihn nacheinander – wie vorhergesagt – auf absonderlich-abenteuerliche Reisen durch Raum und Zeit mitnehmen, von denen er als geläuterter Mann zurückkehrt.

Erstausgabe von A CHRISTMAS CAROL von Charles Dickens mit Illustrationen von John Leech

Erstausgabe von A CHRISTMAS CAROL von Charles Dickens
mit Illustrationen von John Leech

Schon bei meiner ersten literarischen Begegnung mit Scrooge vor zwei Jahren, da unter dem Titel Ein Weihnachtsmärchen beim NordSüd-Verlag erschienen, öffnete sich mein Herz für diese anrührende Geschichte, und dies sollte sich nun beim erneuten Lesen wiederholen.

Wie in vielen seiner Werke prangert der große Menschenfreund auch in „Eine Weihnachtsgeschichte“ mit seinen sozialkritischen Tönen die damaligen Missstände im England des 19. Jahrhunderts an. Seine Held*innen stehen stellvertretend für ganze Bevölkerungsschichten, die so eine Stimme erhalten. Sie merken auf und rücken damit ihre Probleme in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Abermals traf mich Dickens Appell für mehr Menschlichkeit und ein friedvolles Miteinander mitten ins Herz. Satz für Satz las ich, und sie berührten meine Seele unverzüglich. Wieder verströmte diese wunderbare Geschichte ein Übermaß an Wärme und Charme, und wieder rührte sie mich während der Lektüre so sehr, dass ich Tränen nicht verhindern konnte – nicht verhindern wollte.


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Auch in diesem Fall wird die Geschichte gepaart mit ausdrucksstarken Illustrationen: Niemand geringerer wie der irische Künstlers Patrick James Lynch, der mich im letzten Jahr schon mit seinen Bildern zu O. Henrys Das Geschenk der Weisen begeistern konnte, schuf auch hierfür wundervolle Illustrationen.

Lynchs Kunstwerke sind von einer enormen atmosphärischen Dichte. Er versteht es einerseits den märchenhaften Aspekt kongenial zu treffen, andererseits erspart er den Betrachtenden auch nicht einen gemilderten Realismus in seiner Darstellung. Sehr detailreich lässt er das London der Vergangenheit ebenso wiederaufleben, wie er Scrooges Reisen mit den Geistern der Weihnacht einen beinah sphärischen Touch verleiht. Dabei hat er bei seiner Darstellung der Personen wieder sehr genau dem Inhalt der Geschichte gelauscht: Da stimmt jeder Blick, eine Geste, die Körperhaltung, einfach alles. Großartig!

Doch bedauerlicherweise wurde mein Enthusiasmus ein wenig gedämpft: Der Grund dafür lag nicht beim Künstler sondern vielmehr beim Verlag. Wenn ich die Bilder im Buch mit denen auf der Homepage des Künstlers vergleiche, lässt sich unschwer erkennen, dass leider viele der feinen Nuancen in den Bildern von P.J. Lynch aufgrund der schlechten Druckqualität verloren gegangen sind. Dieser Umstand ist nicht nur bedauerlich, sondern schlichtweg ärgerlich und dürfte einem so renommierten Verlag wie Cecilie Dressler nicht passieren. Da bleibt nur zu hoffen, dass sich der Verlag diesem Klassiker irgendwann bei einer Wiederauflage etwas wohlwollender annähert.

Momentan befindet sich eine aktuelle, natürlich ebenfalls illustrierte Fassung von Dickens „Eine Weihnachtsgeschichte“ auf einem Siegeszug durch die Literatur-Blogs. Das bisher Gesehene erschien mir recht vielversprechend: Ich glaube, ich werde es für LEKTÜRE ZUM FEST 2024 vormerken…! 😉


erschienen bei Dressler / ISBN: 978-3791528045 / in der Übersetzung von Curt Noch

[Rezension] P.D. James – Der Mistelzweig-Mord. Weihnachtliche Kriminalgeschichten

Die Beschriftung auf ihren Visitenkarten müsste beeindruckend gewesen sein, hätte sie dort ihren vollen Namen incl. Titel und Auszeichnungen verewigt:

Phyllis Dorothy James, Baroness James of Holland Park, OBE, FRSA, FRSL

Für ihre Fans war sie „nur“ P.D. James. Dabei hat sie zu Lebzeiten immer beteuert, dass sie mit diesem Kürzel nie vorgehabt hat, ihr Geschlecht zu leugnen. Vielmehr hätte sie ihren Vornamen auf P.D. verkürzt, weil es rätselhaft wirke und zudem auf dem Buchrücken so gut aussähe.

Im Jahre 1962 erschien ihr erster Roman mit dem Titel „Ein Spiel zuviel“ (im eng. Org.: „Cover Her Face“). Mit ihm erblickte gleichzeitig ein neuer Ermittler das Licht der literarischen Welt: Chief Inspector Adam Dalgliesh ist ein schweigsamer Kriminalist. Zudem hat der früh Verwitwete eine poetische Ader und schon einige Gedichtbände veröffentlicht. Schon der erste Fall zeigt in seinen Grundzügen viele Gemeinsamkeiten mit den klassischen „Whodunits“, die in der Zeit zwischen den Weltkriegen in Großbritannien so populär waren. Auch in zwei von den insgesamt vier Geschichten dieser Anthologie spielt Adam Dalgliesh eine Hauptrolle. Doch schön der Reihe nach…!

Schon mit der titelgebenden Geschichte für diese kleine Sammlung Krimi-Erzählungen gelang es P.D. James, mich zu ködern. Ich hatte vorher noch nichts von ihr gelesen – zumindest kann ich mich nicht darin erinnern. Und schon beim Lesen der ersten Geschichte „Der Mistelzweig-Mord“ fragte ich mich, wie dies möglich sein konnte. Wie konnte mir bisher diese talentierte Autorin von Kriminalromanen verborgen bleiben?

Sowohl bei „Der Mistelzweig-Mord“ als auch bei „Ein ganz banaler Mord“ wird die Handlung aus der Erinnerung einer Person geschildert, die einen mehr oder weniger schmerzhaften Blick in die Vergangen wagt und so die Geschichte durchaus sehr emotional und mit persönlicher Färbung wiedergibt. Beide Geschichten fesselten mich durch ihren raffinierten Aufbau, der langsamen Steigerung der Spannung und einem überraschenden Twist am Schluss.

In „Das Boxdale-Erbe“ und „Die zwölf Weihnachtsindizien“ kommt der schon eingangs erwähnte Chief Inspector Adam Dalgliesh zum Zuge. Dieser noble und zurückhaltende Ermittler konnte mich sofort für sich einnehmen. Auch diese Mini-Krimis überzeugten mich durch ihre klar gezeichneten Figuren und dem gut durchdachten Handlungsaufbau. Mit einem herrlich kuscheligen Gefühl ließ ich mich in die Handlungen fallen, die – wie aus der Zeit gefallen – auch von Agatha Christie oder Dorothy L. Sayers hätten stammen können. Doch dann tauchte plötzlich eine Formulierung oder ein zeittypisches Detail auf, und mir wurde bewusst, dass P.D. James erst ab den 60er Jahren literarisch aktiv war.

„Die Krimis spielen in der Gegenwart, sind aber so gotisch, dass es fast verwundert, wenn erwähnt wird, dass Frauen aus dem Figurenensemble die Pille nehmen.“ ist in Reclams Krimi-Lexikon zu lesen. Genau diese Erfahrung durfte auch ich erleben. Doch stellt dies für mich durchaus kein Kritikpunkt dar. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass es hier eine Autorin gab, die sich mit Respekt auf die Tugenden ihrer Vorgängerinnen besann, in ihren eigenen Werken diese mit aktuellen Gegebenheiten kombinierte und so für die Nachfolgenden den Weg in die Moderne ebnete.

Die beiden spannenden Appetizer mit Adam Dalgliesh waren so schmackhaft, dass ich „Ein Spiel zuviel“ bei der Buchhandlung meines Vertrauens bestellt und schon einen Tag später abgeholt habe. Es spricht somit nichts dagegen, dass ich meine flüchtige Bekanntschaft mit ihm weiter vertiefe. Ich freue mich schon darauf…!


erschienen bei Droemer / ISBN: 978-3426282175 / in der Übersetzung von Susanne Wallbaum und Christa E. Seibicke

[Rezension] Merry Christmas! Weihnachtsgeschichten von der Insel

Weihnachten auf der Insel: Da buddeln sich bei mir in meinem Gedächtnis alle Klischee-Bilder von England an die Oberfläche, und ich denke an Mistelzweige, Sternsinger und Plumpudding, an verschneite Landschaften, idyllische Cottages und pittoreske Kirchen. Doch beinah zwangsläufig – als bekennender Christie-Fan – drängt sich mir auch ein anderes Bild auf. Ein zünftiger Weihnachts-Mord dürfte dabei eigentlich nicht fehlen: erschossen unterm Mistelzweig, vergiftet mit Plumpudding oder erhängt im Glockenturm eben jener pittoresken Kirche.

Nun, in dieser Anthologie sucht man Mord vergebens, dafür bietet dieses Büchlein aber ansonsten so einiges, was das anglophile Herz begehrt und erfreut. Der Dörlemann-Verlag hat hier eine feine Auswahl an sieben Geschichten von mir bisher eher unbekannten Autor*innen zusammengestellt, bei denen es mir große Freude bereitet hat, ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.

Saki aka Hector Hugh Munroe startet diese Anthologie mit „Reginalds Weihnachtssause“, die so herrlich „sophisticated“ von einer anämischen Weihnachtsfeier berichtet, die durch besagtem Reginald ein wenig aus den Angeln gehoben wird. Laurie Lee beschreibt in „Ein kalter Weihnachtsspaziergang auf dem Lande“ eben genau das: Unser namenloser Spaziergänger lässt uns an seiner bescheidenen Freude an der Landschaft Englands teilhaben. Martha Gellhorn erzählt in „Eins nach dem anderen“ wie Trauer und Verlust, die Sicht auf das Weihnachtsfest verändert und so aus einem freudigen ein unerträgliches Fest machen kann.

In „Bald haben wir Weihnachten, Miss“ von Sylvia Townsend Warner stöbert eine junge Frau in einem dieser gediegenen Dorfläden nach Weihnachtsgeschenken für Familie und Freunde und muss dabei feststellen, dass „gut gemeint“ nicht unbedingt mit „gut gemacht“ gleichzusetzen ist. Bei Elizabeth Taylor in „Nur eine Frage der Zeit“ sieht die jugendliche Heldin sich in ihrer pubertären Phantasie schon als erfolgreiche Autorin und merkt nicht, wie sehr sie mit ihrem Verhalten ihre Mutter verletzt.

Patrick Hamilton beschreibt in „Wann also sollte es soweit sein?“ den stetigen Verfall eines Mannes, der immer wieder „tote“ Momente hat und gerade am Weihnachtstag sich Gründe zurechtlegt, warum er eine bestimmte Frau töten muss. In „Die Zeit der Gaben“ erzählt Patrick Leigh Fermor, wie er als Reisejournalist im Jahre 1933 bei einer Wanderung durch Bayern die Gastfreundschaft der Bevölkerung zu Weihnachten erlebte.

Auf dem Markt gibt es Weihnachtsbücher zuhauf und jedes Jahr kommen „neue“ hinzu. Wobei die „Neuen“ oftmals nur die aufgefrischten Exemplare der Backlist sind, die ein zeitgemäßes Outfit und einen schmissigen Titel verpasst bekamen, aber leider die allseits bekannten Geschichten beinhalten.

Alle, der hier versammelten Autor*innen, hatten ihre Schaffensphase in der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts und galten bzw. gelten auch weiterhin als Könner*innen ihrer Zunft, die jeweils durch einen sehr eigenen Stil überzeugen. So bietet diese Anthologie eine ausgesuchte Auswahl an Geschichten, die auf vielfältige Weise unterhalten, und allesamt so wunderbar „very british“ daherkommen.

Wer allerdings auf der Suche ist nach Geschichten, die das eingangs beschriebene Klischee bedienen, sollte die Finger von diesem Büchlein lassen. Für dieses Klientel wäre das Buch eine herbe Enttäuschung. Stattdessen ist dies die absolut richtig Wahl für Leser*innen, die Erzählungen lieben, die so manches Mal recht „un-weihnachtlich“ daher kommen, fern vom Kitsch und vielleicht darum noch nicht überall bei „Hinz und Kunz“ erschienen sind.


erschienen bei Dörlemann/ ISBN: 978-3038201182 / in der Übersetzung von Manfred Allié, Miriam Mandelkow, Ann Anders und Bettina Abarbanell

[Rezension] Angelika Griese – Klaben, Tod und Pfeffernüsse. Kriminelle Weihnachtsgeschichten aus Bremerhaven

Was tun, wenn man von vornherein weiß, dass die Rezension, die man verfassen wird, äußerst „durchwachsen“ ausfallen wird? Es wird zwar nicht ganz so niederschmetternd wie in meinem Beitrag zu Bilderbuch und Hörspiel zur Oper Hänsel und Gretel sein. Allerdings dürfen Lobhudeleien auch nicht erwartet werden.

Seit geraumer Zeit sprießen sogenannte Regional-Krimis wie Pilze aus dem Boden. Beinah scheint es so, dass jedes Kaff, das etwas auf sich hält, seinen eigenen Pilz – Äh! – Krimi vorweisen muss. Warum sollte da Bremerhaven, die Seestadt am Westrand des Elbe-Weser-Dreiecks, leer ausgehen?

In Bremen geboren und in Bremerhaven lebend hat Autorin Angelika Griese sich dieser Aufgabe angenommen und schließt mit ihren Werken diese Lücke auf der Landkarte der Regional-Krimis. Schon im Jahre 2016 erschien die vorliegende Anthologie. In 9 Geschichten auf 193 Seiten versammelt sie eine bunte Schar an Protagonist*innen, die mal mehr, mal weniger originell morden. Dabei handelt es sich jeweils nicht um einen klassischen „Whodunit“: Die Frage „Wer ist die Täterin/der Täter?“ stellt sich erst gar nicht, da dies von Anfang an bekannt ist. Vielmehr dreht die Autorin den Spieß um: Wir erfahren die Beweggründe, die zur Straftat führen. Ist diese erst begangen, endet die Geschichte auch schon.

Die meisten Geschichten sind nach einem ähnlichem Muster gestrickt: Eine Frau (wahlweise Mutter, Ehefrau, Freundin oder Geliebte) fühlt sich von einem Kerl betrogen, hintergangen oder auf eine sonstige Art und Weise gestört und trifft Vorkehrungen zur Beseitigung des Übels. Dabei hätten den Geschichten zwei bis drei Seiten „mehr“ sehr gut getan: Die Charakterisierung der Personen wäre dann vielleicht weniger klischeehaft bzw. weniger oberflächlich und deutlich markanter und individueller ausgefallen.

Zwei Stories stechen aus dieser Anthologie heraus: In „Tödlich rieselt der Schnee“ rächt sich ein Mann an der Person, die für den Tod seiner Nichte verantwortlich ist. Hier spürte ich erstmals Krimi-Feeling, da die Geschichte – dank eines überzeugenden Spannungsbogens – gut aufgebaut war. Bei „Nashville rockt das Altenheim“ mischen drei Rock-Oldies höchst amüsant und unterhaltsam eine Seniorenresidenz auf. Leider war auch diese Geschichte nicht gänzlich frei von ärgerlichen Klischees: Die fiese Pflegerin ist natürlich hässlich und fett, während ihre nette Kollegin als hübsch und schlank beschrieben wird. Solch plakative sowie verletzende Klischees müssen nun wirklich nicht mehr bemüht werden!

Angelika Griese hat solide Gebrauchs-Krimis abgeliefert, die beim Lesen durchaus unterhalten, allerdings auch nur kurz im Gedächtnis haften bleiben. Zudem fehlten mir sowohl eine gewisse Qualität im sprachlichen Ausdruck als auch eine Kreativität in Stil und Sprachmelodie – aber vielleicht fehlten auch hierfür die schon erwähnten zwei bis drei Seiten „mehr“.

Zudem stellte ich mir beim Lesen die Frage „Wann darf sich ein Werk mit Fug und Recht Regional-Krimi nennen?“ Meiner Meinung nach reicht es nicht aus, dass – wie in diesem Fall – Namen von Straßen, Stadtteile oder bekannten Lokalitäten in die jeweilige Handlung eingeflochten werden. Vielmehr sollte es einen direkten Bezug zwischen Straftat und Ort des Geschehens geben. Da hätte ich mir von der Autorin durchaus mehr kriminelle Phantasie gewünscht.

Ich hätte da schon einige Ideen: ertrunken im Hafenbecken direkt neben dem Museumsschiff Gera, erfroren in der Klimazone der Antarktis im Klimahaus, zerstückelt in einer Maschine der fischverarbeitenden Industrie… 😏

Autorin und Verlag verwirren zum Schluss mit einem Mysterium: Ganz am Ende dieser Sammlung taucht eine kurze Abhandlung zum Bremer Klaben auf, deren Sinn sich mir nicht erschloss, da ich keinen plausiblen Zusammenhang zu den Krimis herstellen konnte. Oder sollte diese Abhandlung für die Nichteingeweihten unter uns etwa als erläuternder Hinweis zum Titel dienen? Kurios…!


erschienen bei Prolibris/ ISBN: 978-3954751334

[Rezension] Zsuzsa Bánk – Weihnachtshaus

Ich klappte das kleine Büchlein zu, behielt es noch für einen kurzen Moment in den Händen, bevor ich es endgültig zur Seite legte, um dann sinnierend in mich hinein zu horchen. Was war es? Welche Gründe könnten es geben? Da hat Zsuzsa Bánk einen melancholischen Roman verfasst, der in beinah märchenhaften Bildern die Geschichte einer Freundschaft erzählt. Doch der berühmte und vielbemühte Funke wollte nicht überspringen…

Zwei Freundinnen betreiben ein Café in Frankfurt am Main. Es ist Weihnachtszeit, Advent. Die eine ist Mutter von zwei Kindern, ihren Ehemann hat sie vor Jahren verloren. Ihre Freundin Lilli ist früh Mutter geworden und hat ebenfalls eine schwierige Vergangenheit. Mit einer guten Gabe Humor und Lebensklugheit meistern die beiden Frauen ihren Alltag – als Mütter, als Freundinnen, als Geschäftsfrauen und als Hausbesitzerinnen. Denn einige Zeit zuvor haben sie zusammen ein Wochenendhaus im Odenwald gekauft, unbewohnbar noch, das Dach offen, keine Fenster. Doch immer wieder Ziel ihrer Gedanken und Träume: Irgendwann einmal Weihnachten in diesem Haus feiern, alle zusammen, das wäre wunderbar! Doch so eingespannt, wie sie in ihrem Lebensalltag sind, brauchte es wohl einen Engel, der sich um alles kümmert…

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Die Autorin versucht das Wagnis, viele Themen in ihrer Erzählung anzusprechen oder zumindest anzudeuten: Trauer, Alltagsbewältigung, Demenz, psychische Erkrankung, erlittene Kränkungen. Dabei gelingt ihr dieses nicht immer ganz ungefährliche Kunststück, dass die Handlung dadurch nicht überladen, nicht zu schwer wird. Vielmehr fließen diese Themen wie selbstverständlich in die Zeilen ein, ganz unaufgeregt, nie wertend. Es sind nun mal Themen, die uns alle tagtäglich streifen könnten. Es sind alltägliche Themen, denen wir uns nicht entziehen können, vielleicht auch nicht entziehen möchten.

Bánks Schreibstil ist sehr poetisch in der Form, wie sie Wörter verwendet und dadurch die Sätze zusammenstellt. Durch die Wiederholung der Wörter und der Kreation eigener Wortschöpfungen erhalten ihre Sätze einen sehr besonderen Klang, einen sehr dynamischen Rhythmus. Dank der Leichtigkeit der Melancholie fühlte ich mich beim Lesen nie erdrückt. Zumal die positive Botschaft immer präsent war: Irgendwo ist immer Hoffnung!

Gerade die Advents- und Weihnachtszeit kann sich nach dem Verlust eines geliebten Menschen oder auch „nur“ nach einer Trennung vom Partner sehr bedrückend gestalten: Da blockieren Gedanken an Vergangenes und ein Konglomerat aus vielfachen Gefühlen den Beginn eines Trauer- und somit Heilungsprozesses. Doch trotz Themen wie Trauer und Trauerbewältigung setzt dieses Buch auch einen Appell für die Freundschaft: Freundschaften überstehen durchaus die eine oder andere Zerreisprobe und können haltbarer sein als so manches familiäre Band.

Doch warum – bei all den genannten positiven Attributen – sprang bei mir der Funke nicht über? Ich könnte es lapidar mit dem Spruch „Falsches Buch zur falschen Zeit!“ abtun und zur Tagesordnung übergehen. Doch dann würde ich es mir zu einfach machen. Ich glaube eher, dass hier ein Phänomen zum Tragen kommt, dass mir in der Vergangenheit durchaus schon begegnet ist. Es handelt sich um das Phänomen, dass ein Leser/eine Leserin eine gewisse Reife benötigt, um besondere Geschichten gänzlich begreifen und somit wertschätzen zu können.

Das „Weihnachtshaus“ wandert vorerst wieder ins Regal und bleibt dort so lange, bis ich reif für eine weitere Begegnung bin.


erschienen bei edition chrismon / ISBN: 978-3960381518