[Rezension] Eine Leiche zum Advent. Das große Buch der Weihnachtskrimis/ herausgegeben von Otto Penzler

Mit Schwung wuchtete ich den Wälzer aus dem Bücherregal, schwankte leicht unter dem Gewicht, bis mein Gleichgewicht sich wieder ausbalanciert hatte, und taperte dann mit kleinen vorsichtigen Schritten Richtung Lesesessel. Mit einem leidvollen Stöhnen ließ ich mich ins Polster fallen, während besagter Wälzer auf meinem Bauch den nötigen Halt zur Ablage fand…!

Üppiges Format, über 700 Seiten starker Umfang, gefüllt mit 49 kriminellen Erzählungen: Bei der Zusammenstellung dieser Anthologie dachte Herausgeber Otto Penzler sicherlich nicht an „weniger ist mehr“. Vielmehr stand hier wohl eher „klotzen und nicht kleckern“ im Vordergrund. Und dabei bewies er zudem bei der Auswahl der Stories ein äußerst glückliches Händchen. Doch nichts anderes hätte ich von einer Koryphäe, wie er sie ist, auch erwartet. Schließlich zählt er zu den international führenden Fachleuten für Kriminalliteratur.

Nun ergeben – zumindest für mich – Krimis und Weihnachten den „perfect match“: Nichts fesselt meine Aufmerksamkeit mehr als ein zünftiger Mord – selbstverständlich nur rein literarisch: Wenn sich durch die perfekte Idylle langsam das Grauen seinen Weg bahnt, und die festliche Besinnlichkeit dem Horror eines Verbrechens weicht…! Vielleicht sollte ich Krimis schreiben?!

Nein, das überlasse ich doch lieber den Profis dieser Zunft. Selbstverständlich findet man in einer solchen Zusammenstellung auch die üblichen Verdächtigen: Da blinkt „Der blaue Karfunkel“ von Arthur Conan Doyle. Bei Mary Higgins Clark wird „Das große Los“ gezogen. Rex Stout schickt seinen Schnüffler Nero Wolfe auf „Die Weihnachtsfeier“. Edgar Wallace stolpert über „Die Chapham-Affäre“. Und Gilbert Keith Chesterton lässt Father Brown über „Die fliegenden Sterne“ sinnieren. Nun könnte ich mich über eine wenig originelle Auswahl mokieren, die wieder Werke beinhaltet, die gefühlt schon überall erschienen sind. Ich könnte mich mokieren, tue es aber nicht, da ich diese Entscheidung durchaus nachvollziehen kann. Eine Krimi-Anthologie ohne bekannte Namen würde dem durchschnittlichen Leser kaum einen Anreiz zum Kauf bieten. Seien wir ehrlich: Jeder von uns greift eher bei dem zu, was er kennt, oder?

So sind diese hinlänglich bekannten Geschichten, die in all den Jahren seit ihrer Entstehung nichts von ihrer literarischen Qualität eingebüßt haben, von weniger bekannten Geschichten „umzingelt“, die von Autor*innen stammen, die sich bzgl. Talent, Originalität und Qualität nicht hinter den großen Namen zu verstecken brauchen.

Zumindest mir waren Namen wie Catherine Aird, Thomas Hardy, Meredith Nicholson, Marjorie Bowen oder Norvell Page bisher kein Begriff. Wie schön, dass Penzler vor jeder Geschichte den/die Autor*in kurz vorstellt. Dabei sind so manche Kuriositäten zu entdecken: Da veröffentlichen zwei Cousins unter dem Pseudonym Ellery Queen äußerst erfolgreich ihre Kriminal-Stories, in denen sie ihren Detektiv ebenfalls Ellery Queen nennen. Oder Autor Peter Todd schenkte uns herrlich skurrile Sherlock Holmes-Parodien, in denen er die Marotten des Helden genüsslich persifliert, um sich durch sie gleichzeitig respektvoll vor der Vorlage zu verbeugen.

Zudem begeistert mich diese Zusammenstellung durch seine Vielfalt: Sei es aufgrund der unterschiedlichen Entstehungszeiten der Geschichten, der vielfältigen Ausdrucksformen der Autor*innen, der vielen phantasievollen Arten des „Um-die-Ecke-bringens“ oder der stilistischen Bandbreite, die von traditionell bis modern, von lustig bis unheimlich, von trashig bis rätselhaft reicht.

Oftmals gibt es bei solchen Anthologien einige herausragende Leistungen zu bewundern aber ebenso viel Mittelmaß zu ertragen. Ohne Licht gibt es eben auch keinen Schatten! Doch überraschenderweise konnte ich hier keinen nennenswerten literarischen Ausrutscher ausmachen. Im Gegenteil: Ich fühlte mich rundum bestens unterhalten!

Nun muss ich nur noch diesen Wälzer von meinem Bauch wieder unfallfrei ins Regal bugsieren…! 🙄


erschienen bei Bastei Lübbe/ ISBN: 978-3431039665

MONTAGSFRAGE #135: Bevorzugst Du lieber Roman-Reihen oder eher in einem Band abgeschlossene Geschichten?

Ohje, ich fürchte, dies wird wieder eine von diesen „Sowohl-als-auch“-Antworten, bei der man (also: ich) dem Schwadronieren verfällt, und wo man (also wieder: ich) kein Ende findet. Na denn, auf geht’s…!

Ich liebe…
…Roman-Reihen: Was wäre ich ohne meine liebgewonnenen und verehrten Heldinnen und Helden, die sich – bei mir vornehmlich – in kriminalistischen Gefilden tummeln, mir Stunden der Zerstreuung schenkten und so über so manchen emotionalen Tiefpunkt hinweg halfen. Mein Leben wäre um einiges Ärmer, hätte ich nicht irgendwann die Bekanntschaft mit Hercule Poirot, Miss Marple, Kommissar Maigret, Flavia de Luce, Dr. Siri, Cormoran Strike und Nero Wolfe gemacht.

Ich liebe…
…in einem Band abgeschlossene Geschichten: Was wäre ich ohne meine liebgewonnenen und verehrten Heldinnen und Helden, die sich in ganz unterschiedlichen Ländern und sozialen Milieus tummeln, mir Stunden der Zerstreuung schenkten und so über so manchen emotionalen Tiefpunkt hinweg halfen. Mein Leben wäre um einiges Ärmer, hätte ich nicht irgendwann die Bekanntschaft mit Ruthchen, Alexander, Leo, Laila und Gertrud, Agathe und einem namenlosen Buchhändler gemacht.

Der Text kommt Euch irgendwie bekannt vor? Ist doch logisch: Formal betrachtet mache ich keine Unterschiede zwischen diesen beiden Extremen. Beide sind mir gleich lieb und teuer. Beide haben einen hohen Stellenwert in meinem Leser-Leben. Beide haben „für jetzt und immerdar“ einen Platz in meinem Bücherregal.

Während ich bei der Serie (wie könnte es auch anders sein) am Ende einer Geschichte der Fortsetzung entgegenfiebere, und es kaum abwarten kann, bis der nächste Bande erscheint, habe ich bei Einzel-Büchern noch nie den Wunsch nach einem Nachschlag verspürt. Schließlich ist der Plot dieser Romane ja auch so aufgebaut, dass er ein „mehr“ nicht benötigt: Alles wurde gesagt, und das ist gut so. Oder: Alles wurde nicht gesagt, vieles blieb unausgesprochen, wage, in der Schwebe, aber auch dieser Umstand „ist gut so“.

Besonders dieses kurze Hineinspringen in eine Geschichte übt für mich immer einen besonderen Reiz aus. Als vorübergehender Gast nehme ich für einen klar begrenzten Zeitraum Anteil am Leben meiner Protagonist*innen. Genauso plötzlich wie ich in eine Geschichte hineinpurzel, genauso plötzlich werde ich aus ihr wieder hinauskatapultiert. Dabei kann ein solch abrupter Abschied durchaus ein Wechselbad an Gefühle bei mir auslösen, mich in einer melancholischen Stimmung zurücklassen oder meine Sinne verwirren. Hach, wie schön, dass das Lesen von Büchern so etwas erreichen kann!

Bei den Serien fühle ich mich emotional auf der sicheren Seite: Ich kenne „meine“ Leute, kann sie einschätzen und weiß, was mich erwartet. Und doch können und dürfen Überraschungen mich gerne aus dem Konzept bringen und verdutzt aus der Wäsche gucken lassen. Doch die Rahmenbedingungen sind mir bekannt und versprechen Sicherheit. Dafür freue ich mich immer wieder auf ein Wiedersehen (Naja, eher Wieder-Lesen…!). Beinah ist es so, als würden alte Freunde wieder auf einen Besuch bei mir vorbei schauen, gute Laune verbreiten und mich erst wieder verlassen, wenn meine Seele ausreichend gestreichelt wurde. Und auch hier: Hach, wie schön, dass das Lesen von Büchern so etwas erreichen kann!

Uups, jetzt habe ich es ja doch gefunden: das…
ENDE

…Einzelkind oder einen ganzen Stall voller Geschwister? Was ist Euch lieber???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.