[Ausstellung] Laura und Christel Lechner – ALLTAGSMENSCHEN / Stadt Bremerhaven

Dauer der Ausstellung: 24. Juli bis 25. Oktober 2025 / Besuch: 21. August 2025
Kunst im öffentlichen Raum / Skulpturen in der Bremerhavener Innenstadt


KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM kann funktionieren – muss aber nicht. Obwohl: Was bedeutet „funktionieren“? Wie lautet da die Definition? „Funktioniert“ Kunst erst dann, wenn sie sich dem öffentlichen Raum anpasst und möglichst harmonisch mit ihm verschmilzt. Oder ist ein „Funktionieren“ erst dann gelungen, wenn die Kunst einen Bruch zu ihrem Umfeld darstellt und somit die Gemüter der Betrachtenden erhitzt? So viele, schwer zu beantwortende Fragen…!

So vielfältig wie die Kunst ist, so individuell ist der Blickwinkel, und so persönlich ist das Empfinden beim Betrachten incl. der Möglichkeiten zur Interpretation. Die Künstlerinnen Laura Lechner und Christel Lechner beschäftigen sich über Jahrzehnte mit KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM und haben dafür ein ganz und gar wunderbares Medium gewählt. Sie kreieren lebensgroße Skulpturen aus Beton. Ihre ALLTAGSMENSCHEN „stellen eine künstlerische Inszenierung des Alltäglichen dar. Berührende Momentaufnahmen die zeigen, was gemeinhin übersehen wird: Das gelebte Leben in seiner reinsten Form. Ungeschönt und dennoch fern von Banalität.“ (Quelle: Homepage der Künstlerinnen)

​Nach Wiedenbrück, Oberkirch, Höxter, Fulda, Sylt und Montreux haben die ALLTAGSMENSCHEN nun auch den Weg in die Seestadt an der Weser gefunden und bereichern mit ihrer bloßen Anwesenheit die Innenstadt. Dank der div. Foto-Gruppen auf Social Media konnte ich bereits einen Blick auf die lustigen Gesell*innen werfen. So startete auch ich vorfreudig meinen Spaziergang durch die Bremerhavener Innenstadt und kam dabei an vielen Orten vorbei, an denen ich schon sehr lange nicht mehr war.

Da stand der FERNGLASMANN auf der oberen Promenade der Havenwelten. Doch anstatt durch sein Fernglas einen Blick auf die Weite des Wassers zu werfen, drehte er diesem den Rücken zu und richtete seinen Blick die Fassade des ATLANTIC Hotel Sail City hinauf. Stehen normalerweise dort oben die Menschen auf der Aussichtsplattform, genießen das Panorama und wagen einen voyeuristischen Blick hinunter, so hatte der FERNGLASMANN den Spieß umgedreht und sie nun ins Visier genommen. Automatisch folgte auch ich seinem Blick…!

Wenige Meter weiter hätte ich beinah das AMERIKANISCHE PAAR übersehen, das am Museumshafen nahe dem Übergang zum Columbus Center am Hafenbecken stand. Es wirkte, als könnte es frisch mit einem Kreuzfahrtschiff angekommen sein. Dabei hatten die Beiden selbst für den Sommer eine sehr luftige Garderobe gewählt. Vielleicht waren sie mit Badeanzug und Badeshorts auch gerade auf den Weg in die nahe Shopping-Meile, um sich für das abendliche Käpt’ns Dinner neu einzukleiden. Doch wo nur hatten sie bei dem Outfit das Portemonnaie oder die Kreditkarte versteckt?

Direkt an der Columbusstraße gegenüber dem Bergungsschlepper SEEFALKE stolperte ich über einen MANN MIT TRENCHCOAT & KOFFER. Da stand er nun mit seinem Gepäck am Rande des Wassers und wartete stumm. Doch sein südländisch erscheinendes Aussehen sprach zu mir und bot mir reichlich Raum zur Interpretation: Kam er als Geflüchteter gerade an? Oder wollte er sich als Auswanderer auf den Weg in eine neue Welt wagen? Oder war er einer der vielen ausländischen Matrosen, die auf einen der Schiffe der Hochseefischerei anheuern wollten?

Beim Eingang der Theaterkasse am Stadttheater Bremerhaven stieß ich mit einem weiteren STADTBESUCHER zusammen, der in entspannter Haltung auf etwas oder jemanden zu warten schien. Auf mein freundliches „Moin! Kann ik wat hölpen?“ verzog er keine Mine. Eindeutig war er nicht von hier und verstand darum kein Platt.


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Bei der Städtischen Sparkasse musste ich hurtig zur Seite springen, da DIE PUTZFRAU, nachdem sie anscheinend frisch durch die Schalterhalle gewischt hatte, ihren Putzeimer mit dem Schmutzwasser direkt vor meinen Füssen auf der Straße entleerte. Meinen Ausruf der Empörung schluckte ich schnell hinunter, da sie ihren Putzlappen noch drohend in der Hand hielt. Bei dieser resoluten Person hätte ich sicherlich den Kürzeren gezogen.

Plötzlich kreuzte eine lustige Schar Typen mit ihrer POLONAISE meinen Weg. Sie schienen direkt aus der großen Kirche zu kommen und wirkten sehr fröhlich, ja, beinah ausgelassen. Sie blickten aus glasigen Augen in die Welt, und ein seliges Lächeln umspielte ihre Lippen. Vielleicht waren sie allesamt Mitglieder des Kirchenvorstands, bei denen die Weinprobe zwecks Wahl des Messweines ein bisschen aus dem Ruder gelaufen war? Wer weiß…?

Bei der Abriss-Ruine des alten Karstadt-Gebäudes stieß ich auf ein Trio BAUARBEITER, das weniger mit Arbeiten beschäftigt war, dafür umso entspannter das Treiben auf dem Wochenmarkt beobachtete. Kein Wunder, das der Abriss dieses traditionsreichen Hauses in den letzten Monaten so ins Stocken geriet: „Meine Herren, wenn sie in dem Tempo weiter-„arbeiten“, wird das hier nie was?“ Was sie wohl in ihren roten Taschen hatten? Pausenbrot und Bier?

Mit GERAFFTE RÖCKE zog die Dame am Wasserspiel in der Fußgängerzone zwischen Mühlenstraße und Keilstraße alle Blicke auf sich. Ihre Mundwinkel zuckten schelmisch, als amüsierte sie sich über die Reaktionen der vorbeieilenden Fußgänger*innen. Doch nichts und niemand könnte sie davon abhalten, diese kleine kühlende Erfrischung zu genießen.

An der Ecke Keilstraße/Columbusstraße direkt gegenüber dem Deutschen Auswandererhaus konnte ich gerade noch ausweichen, sonst hätte mich sicherlich das BERLINER PAAR über den Haufen gerannt. Sie schritt resolut voran, während er verzweifelt versuchte, ihrem Tempo Stand zu halten und sie dabei mit einem großen Schirm vor der Sonne zu beschatten. Ich konnte mir ein amüsiertes Schmunzeln nicht verkneifen. So wirkte dieses charmante Pärchen auf mich, als wären sie aus der Feder des bekannten Illustrators Hans Traxler direkt auf den Fußweg geflossen.

„Mich interessiert das, was die Menschen verbindet. So schafft die Kunst der Alltagsmenschen einen Perspektivenwechsel und dient als das verbindende Element.“ lässt Laura Lechner auf ihrer Homepage verlauten. Ich muss ihr attestieren, dass ihr dies ganz hervorragend gelungen ist. Ich schaute mir die Skulpturen an, sofort startete mein Kopfkino, und ich fragte mich, welche Geschichten sich dahinter verbergen könnten. Beinah automatisch entwarf ich für jeden ALLTAGSMENSCHEN eine eigene kleine Biografie. Ich nahm ihre Wirkung am besagten Standort wahr oder folgte ihrem Blick. Beides veranlasste mich, meine Sichtweise auf die mir bekannte Umgebung zu ändern. Auf meinem Spaziergang durch die Innenstadt erlebte ich zufällige Begegnungen mit Passant*innen und kam mit ihnen ins Gespräch: Es war immer eine angenehm leichte Plauderei, so als würde die Lebendigkeit, die die Figuren ausstrahlten, auch auf uns abfärben.

Leichtigkeit, Lebendigkeit, Leben: Da saß ich nun an der Weser, spürte den Wind, der die Weiten der Nordsee schon erahnen ließ, und blickte über das Wasser in die Ferne. Dank dem schützenden Deich hinter mir durfte ich für einen kostbaren Moment dem Lärm der Stadt entsagen und genoss so sehr diesen stillen, friedvollen Augenblick. Ohne meinen Besuch bei den ALLTAGSMENSCHEN wäre mir dies entgangen…!


Habt ihr Lust auf einen humorvollen Spaziergang durch die Innenstadt Bremerhavens? Dann findet ihr auf der HOMEPAGE der ALLTAGSMENSCHEN alle nötigen Informationen.

[Rezension] Marko Simsa – MEIN ERSTES BUCH VOM ORCHESTER. Willkommen in der Welt der Musikinstrumente/ mit Illustrationen von Christine Faust

Die Sommerpause neigt sich langsam dem Ende entgegen. Es dauert nicht mehr lange, und die Theater- und Konzerthäuser öffnen wieder ihre Türen für die Spielzeit 2025/2026. Auch mein Stammtheater, das Stadttheater Bremerhaven wird in wenigen Tagen in die neue Saison mit einem fulminanten Eröffnungs-Wochenende starten. Ich freue mich schon sehr…!

Und so endet mit MEIN ERSTES BUCH VOM ORCHESTER auch meine kleine Vorstellung von Literatur, die mir helfen sollte, die theaterlose Zeit zu überbrücken. Hierbei handelt es sich um einen erfolgreichen Klassiker aus dem Annette Betz-Verlag, der nach über 25 Jahren in einer überarbeiteten und neu illustrierten Fassung nun abermals veröffentlicht wurde, um weiteren Generationen an Kids die Welt der Musik näher zu bringen. Und dies gelingt Autor Marko Simsa mit Illustratorin Christine Faust und dem Orchester Camerata Wien unter der musikalischen Leitung von Erke Duit auch recht gut.

Lina ist aufgeregt: Sie darf Onkel Theo, der Dirigent ist, bei einer Orchesterprobe begleiten! Alle Musikerinnen und Musiker zeigen Lina ihre Instrumente. Dass die Geige sogar miauen kann und die Querflöte wie ein Vogel trillert, beeindruckt auch Kater Silvester: Lina durfte ihn ausnahmsweise mitnehmen! Mit Lina und ihrem Kater lernen Kinder spielerisch das Orchester kennen. Im Begleit-Hörbuch wird jedes Instrument in Tonbeispielen und Text vorgestellt. Zum Abschluss spielt das ganze Orchester zusammen beim großen Konzert!

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Man merkt Marko Simsas Text deutlich an, dass er reichlich Erfahrung mit einem jungen Publikum hat: Charmant doch unaufgeregt erzählt er die Geschichte von Linas Begegnung mit den Musiker*innen und ihren Instrumenten. Dabei streute er immer wieder humorvolle Dialoge in die Handlung, blieb dicht an der kindlichen Erlebniswelt und ließ potentielle Fragen der kleinen Leser*innen in Vertretung durch Lina stellen. Sehr genau, doch nicht ermüdend detailliert erklärte er die einzelnen Instrumente – sowohl die Einzigartigkeit als auch die Gemeinsamkeiten – und ihre Spielweise und wies auf Besonderheiten hin, die die zukünftigen Orchesterfans bei ihrem nächsten Konzertbesuch selbst bei den jeweiligen Instrumenten im Orchestergraben entdecken könnten. Auch eine Erklärung zu den jeweiligen Instrumentengruppen, die sich in einer besonderen Aufstellung schlussendlich zu einem Orchester formieren, fehlte selbstverständlich ebenso wenig.

Christine Faust blieb mit ihren Illustrationen ebenso nah an der kindlichen Erlebniswelt wie Simsa mit seinem Text. Mit klaren Formen und Farben kreierte sie sympathische Figuren mit einer sehr individuellen Optik, die ein Wiedererkennen der Musiker*in auf den Folgebildern erleichterten, Details hervorhoben und so eine deutliche Unterscheidung der Instrumente möglich machten.

Die beigefügte CD kann beinah als eigenständiges Medium gesehen werden: Zwar nimmt Sprecher Marko Simsa durchaus Bezug auf das Bilderbuch, doch gestaltete den Text nicht als bloße Nacherzählung der Bilderbuchhandlung, sondern er hob diesen auf eine zusätzliche Erzählebene.

Vielmehr legte er den Schwerpunkt deutlich mehr auf die einzelnen Instrumente, erläuterte anhand vieler Musikbeispiele, wie unterschiedlich die Instrumente bei ein und derselben Melodie klingen und schloss die Vorstellung der einzelnen Instrumente mit einer Passage aus dem klassischen Repertoire, bei dem das jeweilige Instrument besonders prägnant hervortritt. Bei der Musikauswahl wählte er beliebte Kinderlieder und bekannte klassische Stücke, die sicherlich einen hohen Wiedererkennungswert beim jungen Publikum haben.

Beste musikalische Unterstützung erhielt er durch Dirigent Erke Duit und den Musiker*innen des Orchesters Camerata Wien, die die CD mit einem gelungenen „Mini-Konzert“ beschlossen und so verdeutlichten, wie wunderschön es klingt, wenn die Instrumente der einzelnen Gruppen sich zu einem harmonischen Klangkörper vereinen.

Die Geschichte von Ninas Besuch bei einem Orchester mag für viele wie ein Märchen klingen, doch vielen Orchestern liegt die Musikvermittlung an Kinder und Jugendliche sehr am Herzen, wie auch dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven. Da gibt es beim FAMILIENKONZERT immer ein musikalisches Vorprogramm im oberen Foyer des Stadttheaters Bremerhaven, bei dem die Kids unter Anleitung der Orchester-Profis Instrumente kennenlernen und ausprobieren können. Zudem gibt es unter dem Motto MUSIK FÜR ALLE vielfältige Kooperationen mit Kitas und Schulen.


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219120615
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Annette Roeder – FRAG PHILOMENIA FREUD. DIE PERLENSPINNE

Da saßen vor wenigen Wochen die Podcast-Hosts von eat.READ.sleep Katharina Mahrenholtz und Daniel Kaiser bei Moderatorin Bettina Tietjen auf dem roten Sofa von DAS! und plauderten (natürlich, wie könnte es auch anders sein) voller Begeisterung über Bücher. Katharina Mahrenholtz stellte dabei den Auftakt-Band einer neuen Kinderbuch-Reihe vor und schwärmte so sehr in den höchsten Tönen, dass meine Neugier geweckt war.

Doch manchmal benötige ich einen zusätzlichen Anstoß, einen Extra-Kick, der mich aus meiner Passivität löst und mich aktiv werden lässt: Da kam die Möglichkeit, an einer Leserunde teilzunehmen, wie gerufen. Zumal ich mich zu den Glücklichen zählen durfte, die ein Exemplar des besagten Buches gewonnen und dieses somit bald in den Händen hielt. Voller Vorfreude startete ich die Lektüre in der Hoffnung auf ein kurzweiliges Lesevergnügen,…

Das Straßenmädchen Philomena ist in Wien wohlbekannt. Vor Sigmund Freuds Praxis verdient sie sich ihren Unterhalt als Schuhputzerin und gibt oft bessere Ratschläge für alle Lebenslagen als der berühmte Begründer der Psychoanalyse. Dessen Gespräche kann sie gelegentlich mitverfolgen und stößt so auf manches Geheimnis. Als die junge Patientin Sidonie von Wallersee verdächtigt wird, ihre Erbtante ermordet zu haben, wird Philomena misstrauisch. Ist es nicht merkwürdig, dass die Mordwaffe ausgerechnet eine Haarnadel mit einer perlenbesetzten Spinne ist, wo Sidonie doch wegen einer Spinnenphobie behandelt wird? Philomena forscht nach und stößt auf eine Intrige, die sie bis in Wiens berüchtigte Heilanstalt für Nervenkranke führt.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

…und ich wurde wahrlich nicht enttäuscht: Autorin Annette Roeder erzählte ihre Geschichte erfreulich gradlinig und vermied so überflüssige Schlenker in der Handlung, die die Geschichte nur unnötig aufgebläht hätten. Dabei kreierte sie ein wunderbar stimmiges Setting vom Wien der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. So konnte ich mich ganz hervorragend in die damalige Zeit hineinversetzen, zumal dies durch die eingestreuten Wörter im Wiener-Idiom noch erleichtert wurde. Dabei floss der österreichische „Schmäh“ ganz natürlich sowohl in die Handlung wie auch in die Dialoge ein, ohne überstrapaziert zu werden.

Apropos Dialoge: Auch hier bewies die Autorin ihr Können, indem sie den Figuren die passenden, typgenauen Wörter ins Mundwerk schrieb. Sie porträtierte z.Bsp. unsere jugendliche Heldin als ein aufmerksames, talentiertes und kluges junges Mädchen und bietet so Identifikationsmöglichkeiten für die jugendlichen Leser*innen. Dabei unterließ sie es tunlichst, sie als allwissend, altklug und frühreif darzustellen, zumal dieses (manchmal durchaus nervige) Rollenprofil in der Vergangenheit schon anderweitig in ausreichendem Maße bemüht wurde. Zusätzlich schenkte sie uns einige höchst amüsante, liebenswerte aber auch skurrile Figuren, die eine Bereicherung für die Szenerie darstellten.

Auch wenn es sich hier um einen Unterhaltungsroman handelt, so verschwieg die Autorin nicht die gesellschaftlichen Missstände, die zur damaligen Zeit vorherrschten – seien es die Zustände in einer psychiatrischen Heilanstalt wie auch der Umgang mit den Kindern in einer Einrichtung der Fürsorge: Dies geschah allerdings in Hinblick auf die jugendliche Leserschaft zwar durchaus begreiflich aber stets geschmackvoll.

Als – im besten Sinne – klassischen „Whodunit“ konzipiert, baute Annette Roeder die Spannung raffiniert auf und schickte einige zusätzliche Verdächtige ins Rennen, um für weitere Verwirrung zu sorgen und mich als Leser zum Mit-Rätseln zu animieren. Dabei blieb stets die Motivation der Figuren deutlich nachvollziehbar und somit deren Handeln schlüssig. Raffiniert platzierte sie zum Schluss sogar einen kleinen, dezenten Cliffhanger, der schon in Richtung zukünftiger Romane weist.

Hervorheben möchte ich auch die wunderschöne, ansprechende Ausstattung des Buches, zu der Julia Plath die Illustrationen geschaffen hat. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass Kinder- und Jugendbücher ebenso wertig gestaltet werden wie die Literatur für eine erwachsenere Leserschaft.

Nach dieser ganz und gar gelungenen Premiere wünsche ich unserer sympathischen Heldin ein langes literarisches Leben mit einer Vielzahl an Leserinnen und Lesern. Das Potential bringt sie durchaus mit…!


erschienen bei Knesebeck / ISBN: 978-3957289827
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Caroline Graham – DAS RÄTSEL VON BADGER’S DRIFT

Da begleitet mich eine Fernsehserie bereits seit 20 Jahren, und im Laufe der Zeit habe ich beinah familiäre Gefühle gegenüber den Figuren entwickelt. Bei jedem Wieder(fern)sehen mit „Inspector Barnaby“ (Originaltitel: „Midsomer Murders“) stellt sich bei mir der Miss Marple-Effekt* ein: Ich habe das Gefühl, ich begrüße gute, alte Bekannte – alles ist vertraut, doch es ist immer wieder schön!

Als ich erfuhr, dass die Kriminalromane von Caroline Graham, die als literarische Vorlage der Serie dienten, wieder aufgelegt werden, vollführte ich das entsprechende Duo der Freude: Aufschrei und Luftsprung. Und so krallte ich mir in der Buchhandlung meines Vertrauens auch unverzüglich den ersten spektakulären Fall von einem meiner Lieblings-TV-Schnüffler…

Badger’s Drift, ein verschlafenes Nest zwischen sanft geschwungenen grünen Hügeln. Der Inbegriff von Ruhe. Hier gibt es einen Pfarrer, einen Dorfarzt und eine freundliche alte Jungfer, die sich mit selbst gebackenen Keksen einen Namen gemacht hat. Doch als Miss Simpson im nahe gelegenen Wald spazieren geht, wird sie Zeugin eines Vorfalls, der besser unentdeckt geblieben wäre. Denn kurz darauf ist die freundliche alte Dame tot. Miss Simpsons Tod sei nicht verdächtig, sagen die Dorfbewohner. Aber Miss Lucy Bellringer will sich damit nicht abfinden: Ihre Freundin wurde ermordet, dessen ist sie sicher. Hartnäckig setzt sie dem unwilligen Detective Chief Inspector Barnaby zu, bis er nachgibt und den Fall untersucht. Und tatsächlich kommt Barnaby bald schon langjährigen Rivalitäten, Skandalen und Affären auf die Spur und entdeckt erste Risse in der blankpolierten Fassade des Dorfes…

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„Inspector Barnaby“: einschalten – zurücklehnen – wohlfühlen! Ähnliches erhoffte ich mir auch von der Romanvorlage. Es begann so vielversprechend: Wie beim Pilot-Film der Serie begann auch der Roman mit dem bekannten Opening. Ich frohlockte innerlich und wartete gespannt auf das erste Auftauchen der von mir so geliebten Figuren. Allzu lange wurde meine Geduld nicht auf die Probe gestellt, denn schon ab Seite 21 waren sie präsent. Doch je weiter ich las, umso mehr verdunkelte sich meine Stirn und legte sich in tiefe Falten, die nichts Gutes erahnen ließen.

Sie waren alle da: DCI Tom Barnaby mit Gattin Joyce und Tochter Cully, Doktor Bullard und Sergeant Troy sowie die kauzige Landbevölkerung. Doch warum nur wurden sie alle von Caroline Graham so negativ porträtiert? Anscheinend gibt es nach Einschätzung der Autorin in der von ihr erdachten Grafschaft Midsomer niemanden, der es verdient hätte, liebenswert charakterisiert zu werden.

Dabei schreibt Graham durchaus flott und versteht es, die Handlung detailliert aufzubauen. Auch die Rückblenden in die Vergangenheit einiger Protagonist*innen sind ihr gut gelungen und erlaubten mir als Leser Rückschlüsse für deren Handlungen in der Roman-Gegenwart.

Nur leider drängte sich mir bei der weiteren Lektüre die Frage auf, ob die Autorin selbst ihre Figuren mag? Da ich dies in Zweifel zog, erschien es nicht verwunderlich, dass die Figuren auch zueinander wenig Sympathie aufbringen konnten. Es fehlten mir die feinen Nuancen in deren Charakterisierung, wie die – mit einem Augenzwinkern quittierten – drolligen Eigenarten, die eine Person so liebenswert machen. Auch die im TV so amüsanten Frotzeleien zwischen Barnaby und Troy haben hier aufgrund des mangelnden Humors einen deutlich beißenderen Unterton. Sollte Humor in diesem Roman vorhanden sein, dann hat sich diese spezielle Art des Humors mir leider nicht erschlossen.

Umso mehr bewunderte ich im Nachhinein die Kreativen der TV-Serie, allen voran die Schauspieler*innen, die mit Können und Charme liebenswerte Nuancen aus ihren Figuren herauskitzelten und so den Weg bereiteten, dass diese Serie zu einem internationalen Hit wurde.

Auf dem Umschlag wurde wieder einmal (wie so oft) ein Vergleich mit der „Queen of Crime“ bemüht: „Seit Agatha Christie hat niemand bessere Krimis geschrieben.“ Dieser Einschätzung der Londoner The Sunday Times kann ich mich leider nicht anschließen.


*Der Miss Marple-Effekt beruht auf den 4 Filmen aus den 60ern mit Margaret Rutherford in der Titelrolle. Da lege ich mich mit einer Tüte Chips auf’s Sofa, kuschle mich unter die Wolldecke und spreche die bekannten und geliebten Dialoge mit: „Es können nicht alle Menschen jung und hübsch sein. Das wissen Sie doch am besten, Mr. Ackenthorpe.“

Na, wer von euch errät, aus welchem Film dieses Zitat stammt?


erschienen bei Alibi (Dörlemann) / ISBN: 978-3038201588 / in der Übersetzung von Ursula Walther

[Rezension] Michel Faber – HÖR ZU! Was Musik mit uns macht

Es ist weniger eines dieser vielen auf dem Markt erhältlichen Sachbücher, die von schlauen Leuten verfasst ebenso schlaue Einblicke in die kulturhistorische Entwicklung der Musik geben und mit einer Vehemenz Werke und Komponisten in den Mittelpunkt rücken, die ich unbedingt kennen, hören und gefälligst auch (Verdammt nochmal!) verehren sollte, da ich sonst ein Kulturbanause par excellence und musikalischer Kretin sei, der somit die Berechtigung verspielt hätte, auf diesen unseren schönen Planeten zu leben. Nö! So ein Sachbuch ist dies nicht!

Ich möchte mich in aller Form für den obigen Schachtelsatz entschuldigen! 🙂

Vielleicht war es von Vorteil, dass Autor Michel Fabers seine Meriten bisher durch Romane und Novellen erworben hat, und er sich so unbefangener an das Thema herantasten konnte. Denn Faber geht es hier nicht um irgendwelche Top 10-Listen mit „Must-Hear“ und gibt somit auch keine Hör-Tipps. Vielmehr pustet er mit diesem Buch den Staub von der Erinnerungs-Kommode seiner Leserschaft. Auch bei mir stößt er dabei die eine oder andere Schublade auf, in die ich seit Jahren nicht mehr hineingeschaut habe.

Er stellt sich und uns die Frage, wie der individuelle Musikgeschmack entsteht. Ja, er wagt sogar die Aussage, dass unser Musikgeschmack gar nicht so individuell ist, wie wir vielleicht bisher vermutet haben. Schließlich diente Musik auch immer dazu, sich einer Gruppe von Menschen, der so genannten Peergroup, zugehörig zu fühlen. Jede*r von uns hatte doch mit Sicherheit die eine oder andere CD im Regal stehen, die wir uns in jungen Jahren gekauft haben, weil die Gruppe oder die/der Interpret*in damals so mega-mäßig angesagt war und von allen hippen Leuten gehört wurde. Früher oder später landeten dann genau diese CDs auf dem Flohmarkt. Zumindest bei mir landeten sie auf dem Flohmarkt, da sich mein Musikgeschmack im Laufe der Jahr(zehnt)e glücklicherweise weiterentwickelt hat. Dabei wagt der Autor die Theorie, dass wir alle auch vom Musikgeschmack unserer Eltern geprägt werden, indem wir diesen entweder übernehmen oder uns bewusst davon abgrenzen. Zudem spielen viele weitere Faktoren, wie die soziale Herkunft und das Bildungsniveau, eine nicht unerhebliche Rolle welcher Musikrichtung wir uns zuwenden.

Auch blickt Faber auf das Phänomen, dass Musik uns emotional deutlich tiefer berührt als das gesprochene oder geschriebene Wort. Da lösen nur wenige Takte einer Melodie, vielleicht in Kombination mit einer ganz besonderen Stimme, eine Flut an Empfindungen bei mir aus. Genau dies machen sich findige Strateg*innen zu Nutze, um uns mit Musik zu manipulieren, wie sie z.Bsp. in der Werbung oder im Film zum Einsatz kommt.

Interessant ist es auch zu erfahren, wie sich das Hören von Musik im Laufe der Jahre verändert hat. Früher legte die Hörerschaft viel Wert auf „echten“ Gesang, der wahr und wahrhaftig vorgetragen wurde. Da konnte die Erkenntnis, dass die Jungs von Milli Vanilli nie selbst gesungen haben und somit eine Mogelpackung waren, durchaus schwerwiegende Traumata bei den Fans auslösen. Heutzutage erwartet man von den Superstars die große, schweißtreibende Show voller athletischer Einlagen: Da will niemand die keuchend-atemlose Original-Stimme der Stars hören und nimmt gerne das gut produzierte Playback in Kauf, um sich der Illusion einer perfekten Show hinzugeben.

Auch hat das Image einer Künstlerin/ eines Künstlers heutzutage einen bedeutend höheren Marktwert als der Gesang, und selbstverständlich darf dabei der passende Style nicht fehlen. Dieses Gesamtpaket dient als Identifikationsgrundlage für die Fans (oder sollte ich lieber „Verbraucher“ sagen?).

Ja, die Musik ist auch ein Produkt, das auf dem Basar meistbietend verschachert wird. Die Protagonist*innen tauchen so manches Mal (scheinbar) aus dem Nichts auf, setzen zu Höhenflüge an, krachen spektakulär zu Boden, bleiben zerstört liegen oder rappeln sich wieder auf, um nochmals unter veränderten Bedingungen ein Comeback zu wagen. Der Körper und somit auch die Stimme verändern sich mit dem Alter: Manche Sänger*innen nutzen diesen Wandel für ihre Kunst. Sie treffen zwar nicht mehr die hohen oder lauten Töne der Jugend, dafür zeugt die Brüchigkeit in ihren Stimmen von einem echten gelebten Leben und berührt ihre Hörer*innen auf einer ganz anderen emotionalen Ebene.

Oft wirkte es auf mich, als würde Michel Faber sich in seiner Plauderei verlieren. Scheinbar maßlos schüttete er seine Gedanken über mich als Leser aus. Doch gerade diese Fülle an Denkanstöße motivierte mich, dass ich selbst einen Blick auf meine Geschichte, meine Entwicklung, mein Werden warf und mir eine Vielzahl an Fragen stellte. Woher komme ich? Welcher Musik war ich durch meiner frühen Umwelt ausgesetzt? Bei welcher Musik war ich „Mitläufer“, wo war ich „Anführer“? Welche Brüche gab es in meiner Biografie, die mich zu einer anderen Art von Musik hintreiben ließ? Diese und noch viele weitere Fragen stellte ich mir während und nach der Lektüre dieses Buches. Antworten fand ich selbstverständlich nicht in ihm, dafür eine Fülle an Impulse, die mir halfen, dass ich mir die Fragen selbst beantworten konnte.

Doch Michel Faber stellte auch sich selbst diese Fragen und ging somit auf Spurensuche in seiner eigenen bewegten Vergangenheit. Er kam zu der Erkenntnis, dass die einzigartige Biografie eines Menschen den Musikgeschmack formt, der dann eben doch sehr individuell ist.

Ich persönlich liebe Musical, Oper und Operette, habe durchaus meine Favoriten bei der Klassik, lausche gerne Swing und Jazz, begeistere mich für den deutschen Schlager der 60er bis 80er Jahre und singe laut und hemmungslos zu Disney-Songs. Habe ich nun einen guten oder eher einen schlechten Musikgeschmack? Nein, bitte nicht antworten! Es ist nicht so, dass ich eine negative Antwort nicht verkraften könnte. Vielmehr ist es mir völlig egal, was andere von meinem Musikgeschmack halten.

Diese Musik gehört zu mir, und sie zu hören, macht mich glücklich. Das ist für mich die Hauptsache!


erschienen bei btb / ISBN: 978-3442762927 / in der Übersetzung von Bernd Gockel
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Eine Geschichte…] Marc Levy – DAS TAGESGESCHENK

Stell dir vor, jeden Morgen stellt dir eine Bank 86.400 Euro auf deinem Konto zur Verfügung. Du kannst den gesamten Betrag an einem Tag ausgeben. Allerdings kannst du nichts sparen, was du nicht ausgegeben hast, verfällt.

Aber jeden Morgen, wenn du erwachst, eröffnet dir die Bank ein neues Konto mit neuen 86.400 Euro für den kommenden Tag. Außerdem kann dir die Bank das Konto jederzeit ohne Vorwarnung schließen. Sie kann sagen: das Spiel ist aus.

Was würdest du tun?

Dieses Spiel ist Realität: Jeder von uns hat so eine magische Bank: die Zeit. Jeden Morgen bekommen wir 86.400 Sekunden Leben für den Tag geschenkt. Was wir an diesem Tag nicht gelebt haben, ist verloren, für immer verloren. Aber jeden Morgen beginnt sich das Konto neu zu füllen.

Was also machst du mit deinen täglichen 86.400 Sekunden?

Marc Levy