[Rezension] Ute Woltron – HEUTE NICHT, ICH HAB MIGRÄNE

„Heute nicht, Schatz, ich habe Migräne!“ Wer kennt ihn nicht, diesen Altherrenwitz aus der Mottenkiste des schlechten Humors. Es ist erschreckend, dass sich solche Bilder nach wie vor fest in den Köpfen Nichtbetroffener festgesetzt haben. Doch welche Botschaft versteckt sich hinter einem solchen „Witz“? Bedeutung: Migräne ist ein Leiden, von dem vornehmlich sexuell unbefriedigte wenn nicht sogar frigide Frauen betroffen sind. „Solche Weiber müssten mal so richtig…!“ sind sich die Herr(lichkeit)en mancher Stammtischrunden einig. Im Umkehrschluss stelle ich mir als Mann, der unter Migräne leidet, natürlich folgende Frage „Was müsste ich mal so richtig…, damit die Migräne wie durch Zauberhand von mir abfällt?“

Autorin Ute Woltron weiß, wovon sie schreibt. Hat sie doch, wie viele von uns, die betroffen sind, alle dummen Witze, ungewollten Ratschläge und jegliche Reaktionen von Unverständnis im Laufe ihrer „Migräne-Karriere“ selbst erleben oder vielmehr erdulden müssen. Was musste ich mir im Laufe der 25 Jahre, in denen dieser Untermieter, den ich nie haben wollte, bei mir eingezogen ist, schon alles anhören. Jedes mögliche (und auch unmögliche) Thema fand Erwähnung und war Ursache und Lösung zugleich: Ernährung, Schlaf, Sex, Stress, Sport und Bewegung, Chakren, Körpersäfte undnochvielesmehr – entweder hatte/machte ich zuviel oder zuwenig, und prinzipiell war irgendetwas davon nicht in der Balance. Besonders liebe ich die Aussagen ohne jeglichen Nährwert: „Du machst dir einfach zu viele Gedanken!“ Danke, sechs, setzen! Wenn es wirklich einfach wäre, dann hätte ich es längst geändert.

Ausgenommen davon sind die Tipps und Hinweise, die ich von anderen Betroffenen erhalten habe: Hier sprachen wir auf Augenhöhe miteinander. Und so manches Mal half ein verständnisvoller Blick und ein wissendes Nicken so viel mehr und schenkte mir Trost.

Die Autorin schafft es wunderbar, eigenes Erleben mit wissenschaftlichen Fakten und Zahlen zu vermischen. Sie vergisst dabei auch nicht, eine Prise Humor einzustreuen – manchmal ist es auch Ironie, und hin und wieder meinte ich wahrzunehmen, dass in ihren Worten auch ein sarkastischer Unterton mitschwang. Bei dem, was sie durchleben und erleiden musste, ist dies absolut nachvollziehbar und verständlich.

Jede Migräne ist ebenso einzigartig, wie der Mensch, der von ihr betroffen ist. Doch es gibt viele Parallelen, und ich konnte mich oft in den Worten der Autorin wiederfinden. Auch die Zahlen, wie viele betroffene Menschen es weltweit gibt, haben mich sehr erstaunt. Diese Dimension nimmt durchaus Einfluss auf die Produktivität einer Bevölkerung. Umso verwunderlicher, dass dieser Umstand weiterhin noch viel zu wenig Beachtung erfährt.

Dass Frauen und Männer verschieden ticken und ihre Körper unterschiedlich „funktionieren“, sollte hinlänglich bekannt sein. Entsprechend variiert auch die Ausprägung der Migräne bei den Geschlechtern. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer, weshalb Migräne oftmals als reines Frauenleiden abgetan wird. So ganz von diesem gängigen Vorurteil konnte sich anscheinend auch der Verlag dieses Buches nicht freimachen: Wenn ich mir das Design und die Farbgebung des Umschlags anschaue, scheint hier eher eine weibliche Leserschaft angesprochen zu werden. Schade, da hätte ich mir ein wenig mehr Diversität in der Gestaltung gewünscht.

Doch ehrlich gesagt, achte ich bei einem Sachbuch viel mehr auf den Inhalt als auf die Verpackung. Hier liefert Ute Woltron in knappen, doch nie oberflächlichen Kapiteln eine Auswahl an vielfältigen Informationen, von denen sich jede*r wie an einem Buffet bedienen und so seinen persönlichen Teller an „Leckereien“ zusammenstellen kann. Da finden Trigger, die Auslöser einer Migräne, ebenso Erwähnung wie die Möglichkeiten der medikamentösen Therapie. Gerade hier hat sich in den vergangenen Jahres einiges getan, wie am geschichtlichen Exkurs verdeutlicht wird. Auch die Variationen in der Ausprägung der Migräne (mit Aura, ohne Aura etc.) werden verständlich geschildert. Als kulturell interessierter Mensch fesselte mich das Kapitel über Künstler, die angeblich unter Migräne litten, und wo vermutet wird, dass dieser Umstand Einfluss auf ihre Kunst nahm.

Doch besonders ihr Appell, die wenige Zeit (ohne Migräne) zu nutzen, traf bei mir auf offene Ohren. Ich empfinde die Tage unter Migräne immer, als würde mir wertvolle Lebenszeit gestohlen werden. Wie oft konnte ich inspirierende Theater- und Konzertabende nicht wahrnehmen? Wie oft musste ich gesellige Treffen mit lieben Menschen absagen? Wie oft…? Zu oft!

So nehme ich aus der Lektüre dieses Buches nicht nur eine Fülle an Informationen mit. Vielmehr fühle ich mich bestätigt und gesehen. Unter Migräne zu leiden, kann sehr einsam machen, da ist es schön zu wissen, dass ich nicht alleine bin.

NACHTRAG Auf der Homepage von Ute Woltron findet man – neben vielen wunderbaren Beiträgen – sogar eine MIGRÄNE-TRACKLIST mit Songs, die die Autorin durch die guten und die weniger guten Tage des Lebens begleitet haben. Dazu schreibt sie: „Die besten Tracklists sind die eigenen. Hauptsache, man hat eine.“

Habt ihr eine Tracklist? Ich habe eine – schon lange!


erschienen bei ecoWING (Benevento) / ISBN: 978-3711003713
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Ausstellung] DIE STILLE REVOLTE DER DINGE / Kunstmuseum Bremerhaven

Dauer der Ausstellung: 23. März 2025 bis 29. März 2026 / Besuch: 10. September 2025
Kunstmuseum Bremerhaven


„Ich finde die so hässlich.“ war in einem Kommentar zu meinem Beitrag ALLTAGSMENSCHEN in einem der Bremerhaven-Foren zu lesen. Ich teile diese Einschätzung in keiner Weise, doch ich respektiere selbstverständlich die Meinung dieser Kommentatorin. Meine Antwort lautete: „Das ist das Gute bei Kunst: Wir müssen nicht alle das Gleiche schön finden. Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters.“

Liegt Schönheit immer im Auge des Betrachters? Ja, liegt es! Dafür sind wir alle, jede*r für sich, individuelle Persönlichkeiten mit einem unterschiedlichen Erfahrungsschatz, aus dem wir schöpfen, aber aus dem wir auch werten. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass Kunst nicht unbedingt im klassischen Sinne schön sein muss, um mein Interesse zu wecken. Wäre dies der Fall, dann hätte mein Besuch des Kunstmuseums in Bremerhaven direkt im ersten Raum schon geendet.

Allein der Anblick des Gebäudes, dieses viereckigen, dunkel verkleideten Quaders, gradlinig, schnörkellos, funktionell, das sich zwischen Stadttheater und Kino presst und die Ecke mit dem Eingangsportal keck in Richtung Theodor-Heuss-Platz reckt, löste auch bei mir keine Begeisterungsstürme aus und würde unter der Rubrik „Schöne Bauwerke in Bremerhaven“ mir nicht unbedingt als erstes in den Sinn kommen. Doch das Kunstmuseum ist auch nicht dazu da, um Schönheitswettbewerbe zu gewinnen. Es ist dazu da, um zeitgenössischer Kunst einen Rahmen zu bieten, in dem sie sich entfalten kann und darf.

„Der Titel der Ausstellung DIE STILLE REVOLTE DER DINGE bezieht sich unter anderem darauf, der Kunst die Verweigerung zuzugestehen, nur eine weitere elitäre Ware zu werden. Er könnte aber auch andeuten, dass man nicht willens ist, einen öffentlichen Dienst zu leisten, um ihre Existenz zu rechtfertigen. In dieser Ausstellung gibt es keine Anbiederung und kein Buckeln, keine offensichtlichen Gefälligkeitsversuche, keine gönnerhaften Rechtfertigungen oder Erklärungen.“

…las ich im Begleitheft zur Ausstellung und betrat gespannt den ersten Raum. Direkt gegenüber dem Eingang begrüßte mich mit ROSE PAINTING eine Wandinstallation von Yngve Holen, die mich an ein Rosettenfenster eines Doms erinnerte, dann meinte ich das Wurzelwerk eines Baumes zu erkennen. Umso erstaunter war ich, als ich erfuhr, dass es sich hierbei einen vergrößerten Scan der Radspeiche eines SUV, der aus Leimholz gefertigt wurde, handelte. Erstaunlich, wie die Wahrnehmung einer Form sich verändert, sobald Größe und Material nicht mehr dem Gewohnten entspricht.

Im 1. Stock betrat ich einen Raum und wurde mit einer Begegnung mit mir selbst beschenkt: Anfangs fragte ich mich „Wer kommt denn da durch die Tür?“, dann realisierte ich, dass es sich beim „Man in the Mirror“ um mich höchstpersönlich handelte. Mit MIRRORS WOULD DO WELL TO REFLECT MORE BEFORE SENDING BACK IMAGES möchte uns Juliette Blightman einladen, dass wir auf dem Stuhl vor dem Spiegel Platz und uns Zeit zur Reflexion nehmen. Denn was wir über andere Menschen sagen, ist vielmehr ein Spiegelbild unserer selbst.


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Im Nebenraum stolperte ich beinah über zwei graue Plastikwannen mit schmutzigen Geschirr, an dem die Essensreste schon unschön festgetrocknet waren. Irritiert blickte ich zu Boden und fragte mich „Ist in Villarriba und Villabajo das Spülmittel ausgegangen?“. Doch irgendwie wirkte das Arrangement MALEWHITECORPORATEOPPRESSION von Georgie Nettells auch wie eine stille Revolte, als wolle jemand mir provokant zurufen „Wenn’s dich stört, dann mach doch selber!“

Wie konnte sich eine Tür, die wirkt als käme sie aus der Gründerzeit, in eine Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst verirren? Hat irgendjemand sie hier abgestellt und versehentlich vergessen? Bei näherer Betrachtung erkannte ich, dass es sich zwar durchaus um eine alte Kassettentür handelte, die allerdings ein neues Farbkleid erhalten hatte. Leider war dieses neue Kleid nicht in derselben hohen Qualität ausgeführt, wie diese ursprünglich wunderschöne Tür handwerklich gearbeitet wurde. Mit MACKDOOR hinterfragt Lucy MxKenzie die Trennung zwischen Handwerk und Kunst.

Ich schob den Vorhang zur Seite und betrat einen beinah dunklen Raum. Nur direkt im Mittelpunkt war eine Lichtquelle, die LIGHT BOX von Kitty Kraus auszumachen, die an Intensität gewann, je mehr sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Erstaunt stelle ich fest, dass die sichtbare Horizontallinie nicht auf die Wand gemalt wurde, sondern aufgrund der Ausrichtung der Lichtquelle entstand.

Außerhalb dieses Raumes gab es noch eine weitere Lichtinstallation OHNE TITEL von Kitty Kraus zu bewundern, die auch auf dem Plakat zur Ausstellung zu sehen ist – allerdings in ihrem Ursprungszustand. Die Arbeit besteht aus einer klassischen Glühbirne, die in einen Eisblock, der während der Dauer der Ausstellung langsam schmilzt, eingeschlossen wurde. Die Künstlerin bedient damit zwei Dimensionen: So sucht sich das geschmolzene Eis seinen Weg als Pfützen und Rinnsale seinen Weg durch den Raum und verändert sich dabei, je länger dieser Prozess andauert.

Auch im 2. Stock beeindruckte mich eine Lichtinstallation: UNTITELD von Cerith Whyn Evans war eine Lichtsäule bestehend aus mehreren Neon-Röhren, die eine theatralische Kraft ausstrahlte und je nach Position des Betrachtenden ihre Umgebung in unterschiedlich intensive Schatten tauchte. Es war magisch!

Nach dieser Dramatik sorgte mein Blick auf die fünf Grafiken OHNE TITEL von Christian Flamm für eine wohltuende Entspannung: Mit den minimalistischen Formen und der Collagen-artigen Zusammensetzung erinnerten mich die Werke an den reduzierten Stil des Pop-Arts.

Im Treppenhaus im 1. sowie 2. Stock entdeckte ich die Leuchtkästen OHNE TITEL 1 und OHNE TITEL 2 von Daniel Pflumm, die von ihrer Ästhetik durchaus auch ein Produkt eines bekannten schwedischen Möbelhauses hätten sein können. Ich sehe diese Assoziation nicht als Nachteil. Vielmehr sei es auch hier gestattet, die Trennung zwischen Gebrauchsdesign und Kunst zu hinterfragen.

Dies war meine ganz individuelle Auswahl an Kunstwerken: Jedes dieser Werke hatte mich ganz außerordentlich angesprochen, indem es mich verwirrte, zum Nachdenken anregte, zum Lächeln oder zum Staunen brachte und mich so verführte, länger bei ihm zu verweilen. Doch natürlich gibt es noch viele Kunstwerke weiterer Künstler*innen im Kunstmuseum Bremerhaven zu entdecken, und jede*r Besucher*in wird bei einem Besuch eigene Favoriten küren. Und trotz der eingangs erwähnten Schlichtheit und Gradlinigkeit des Gebäudes empfand ich die dortige Atmosphäre auch dank der natürlichen Ausleuchtung als sehr angenehm.


Für alle, die gerne die gewohnten Pfade verlassen und offen sind für neue Impulse, ist die Ausstellung DIE STILLE REVOLTE DER DINGE im Kunstmuseum Bremerhaven wärmstens zu empfehlen.

[Literatur & Artverwandtes] BÜCHERPLAUSCH / Stadtbibliothek Bremerhaven

BÜCHERPLAUSCH am 10. September 2025

Stadtbibliothek im Hanse Carré in Bremerhaven


Schon seit einiger Zeit bin ich am Grübeln, was ich – neben dem fleißigen Bloggen und hin und wieder Vorlesen – sonst noch rund um das Thema „Buch“ machen könnte. Verschiedene halbgare Ideen waberten in meinem Schädel von der einen zur anderen Seite. Einige von diesen Ideen waren dann irgendwann ¾ gar und somit soweit reif, in einem Konzept niedergeschrieben und vorerst konserviert zu werden. Doch keine dieser Ideen passte zu meiner momentanen Lebenssituation, und so suchte ich weiter. Da stolperte ich auf der Homepage der Stadtbibliothek Bremerhaven über die Ankündigung folgender Veranstaltung…

Lesebegeisterte aufgepasst! Einmal im Monat findet in der Stadtbibliothek ein offenes Treffen statt, um sich gegenseitig Literaturtipps zu geben, über Lieblingsbücher oder solche Titel, die es werden könnten, zu sprechen und sich in der Gruppe auszutauschen. Garantiert gibt es für jede und jeden immer wieder Neu- und Wiederentdeckungen von lesenswerten Büchern aus allen Bereichen, ob Krimi, Liebesroman oder auch mal ein Sachbuch. Teilnahme kostenlos, keine Anmeldung erforderlich.

(Text der Homepage der Stadtbibliothek Bremerhaven entnommen.)

Schon während ich diese Zeilen las, war meine Neugier geweckt, und ich stellte mir folgende Fragen: „Gestaltet sich der Austausch über Bücher in der Realität wirklich so ungezwungen, wie die Ankündigung es versprach?“ und „Wäre dieses Format auch auf unsere Stadtbibliothek in Osterholz-Scharmbeck übertragbar?“. Getreu meines favorisierten Mottos „Lieber gut geklaut als schlecht selbstgemacht!“ machte ich mich auf den Weg nach Bremerhaven, um direkt vor Ort meine Feldforschung zu betreiben und Details bzgl. Ablauf und Organisation auszuspionieren.

Treffpunkt des BÜCHERPLAUSCHs war innerhalb der Räumlichkeiten der Stadtbibliothek das BiB_Lab, das Innovationslabor für Bildungsräume in Bewegung. Dabei handelt es sich um eine abgeschlossene Einheit innerhalb eines größeren Raumes, der flexibel und partizipativ die Möglichkeit schafft, kreative Denk-, Handlungs- und Gestaltungsräume zu entwickeln und diese unkompliziert umzusetzen. Wir waren durch die Plexiglasfront deutlich für die Besucher*innen der Bibliothek sichtbar, und auch wir nahmen das dortige Treiben wahr. Doch fühlte ich mich dadurch in keiner Weise gestört: Vielmehr fühlte es sich für mich an, als befände ich mich in einem geschützten Raum, in dem wir ungestört plaudern konnten.

Moderiert wurde die Veranstaltung von zwei Mitarbeiterinnen der Stadtbibliothek, deren Namen mir bedauerlicherweise entfallen sind (Asche auf mein Haupt!). Wer mochte, durfte gerne mitgebrachte Bücher vorstellen, aber es war auch völlig okay, wenn jemand ohne eigenes Buch erschienen war und sich lieber von den Buch-Tipps der anderen inspirieren lassen wollte. Alle Buch-Tipps wurden von den Moderatorinnen schriftlich fixiert und am Schluss der Veranstaltung als Ausdruck an die Anwesenden verteilt.

  • Karin Kalisa – SUNGS LADEN
  • Karin Kalisa – RADIO ACTIVITY
  • Rabea Edel – PORTRÄT MEINER MUTTER MIT IHREN GEISTERN
  • Justin Pust – NEW ADULT ROMANE
  • Romy Fölck – ELBMARSCH-KRIMIS
  • Janice Hallett – DIE ENGEL VON ALPERTON
  • Kate Atkinson – NACHT ÜBER SOHO
  • Siegfried Lenz – SO ZÄRTLICH WAR SULEYKEN
  • Siegfried Lenz – DIE JÜTLÄNDISCHE KAFFEETAFEL
  • David Grossmann – EINE FRAU FLIEHT VOR EINER NACHRICHT
  • Julie Otsuka – WOVON WIR TRÄUMTEN
  • Dimitrij Kapitelman – RUSSISCHE SPEZIALITÄTEN
  • Kristina Bilkau – HALBINSEL

Neben den beiden Moderatorinnen trafen hier zehn Buchbegeisterte (Ich war der Quotenmann!) aufeinander, die vom Alter erfreulich heterogen waren. Da bewahrheitete es sich wieder, dass, wenn gemeinsam mit Begeisterung über ein Buch geplaudert wird, das Alter der Lesenden völlig unerheblich ist. Und geplaudert wurde an diesem Spät-Nachmittag reichlich und zwar wohltuend viel miteinander und weniger nebeneinander bzw. aneinander vorbei. Die Atmosphäre war angenehm entspannt und ungezwungen – auch dank der beiden charmanten Moderatorinnen.

Auf dem Weg Richtung Ausgang entdeckte ich im Flohmarkt-Regal noch ein Buch, das mich sehr interessierte und darum – nachdem ich meinen Obolus in der Spendendose hinterlassen hatte – mich nach Hause begleiten durfte. Und so machte ich mich beschwingt und inspiriert auf den Heimweg.

Durchaus könnte ich mir vorstellen, das Konzept BÜCHERPLAUSCH auch in meiner Heimat-Bibliothek zu initiieren. Doch bis es soweit ist, spioniere ich lieber noch ein wenig mehr bei den Kolleginnen der Stadtbibliothek Bremerhaven. 😉


Der nächste BÜCHERPLAUSCH findet am 8. Oktober 2025 statt bzw. an jedem zweiten Mittwoch im Monat von 16.30 bis 17.30 Uhr. Alle weiteren Termine zu den regelmäßig stattfindenden VERANSTALTUNGSREIHEN findet Ihr auf der Homepage der Stadtbibliothek Bremerhaven.

[Noch ein Gedicht…] Hedwig Lachmann – AM STRAND

Das helle Ufer schimmert feucht
Vom Schaum der Welle, die entwich.
In silbern flirrendem Geleucht
Verliert sich fern sein letzter Strich.

Die Segelboote fliegen aus –
Von Mitternacht, von Norden her
Kommt eine Woge hoch und kraus:
Geliebtes Meer, geliebtes Meer!

Hedwig Lachmann

[Rezension] VOM GLÜCK, AUFS MEER ZU SCHAUEN. Die schönsten Geschichten und Gedichte/ ausgewählt von Jan Strümpel

Da unterbrach ich meinen Spaziergang zu den ALLTAGSMENSCHEN in Bremerhaven nur allzu gerne, um mir eine Pause auf einer Bank direkt an der Hafenkante zu gönnen. Vor mir befand sich zwar nicht direkt das Meer, doch die Lage der Stadt lässt die Nordsee durchaus bereits erahnen. So schaute ich sinnierend über das Wasser, lauschte dem Plätschern der Wellen und den Rufen der Möwen und schickte meine Gedanken auf Reise.

„Das muss eine Qualität des Meeres sein, dass es in jeder Form verlocken und entzücken kann, auch ohne Palmen, pittoreske Bergdörfer und gewaltige Brandungen. Wenn es denn nur zur Seele spricht.“ lässt Jan Strümpel in seinem Vorwort zu VOM GLÜCK, AUFS MEER ZU SCHAUEN verlauten, und da kann ich ihm nur beipflichten. Dies scheint eindeutig kein modernes Phänomen zu sein: Zu allen Zeiten übte das Meer seinen Reiz auf die Menschen aus und animierte sie zu Lyrik und Prosa, wie diese feine Sammlung beweist. Wie bereits bei der Auswahl zum Thema FRÜHLING seiner Kollegin Mareike von Landsberg, versammelt auch Jan Strümpel in seiner Anthologie eine äußerst abwechslungsreiche Riege an Literat*innen.

Da tummelt sich eingangs Hedwig Lachmann am Strand und ist da in bester Gesellschaft mit Theodor Storm. Clara Müller-Jahnke schwärmt da eher von einer turbulenten Fahrt auf dem Meer „Fühlst du die Bretter schwanken? Schon brandet dumpf das Meer…“, während Joachim Ringelnatz auf einem schwankenden Boot versucht, nicht den Humor zu verlieren. Erich Fried gibt uns lyrische Anweisungen, wie wir uns am Meer zu verhalten haben. Wilhelm Busch wird am Strand auf Borkum zu einigen Versen für eine mir nicht näher bekannten Dame namens Hermine inspiriert. Und sogar Elisabeth von Österreich (Ja, genau, die Sisi!) lässt sich zu einem Gedicht über die See animieren.

Aber auch die Damen und Herren der Prosa waren nicht untätig: Da gibt es kürzere Appetit-Häppchen aus MOBY Dick von Herman Melville und ZWANZIGTAUSEND MEILEN UNTER DEM MEER von Jules Verne, wie auch längere Passagen aus den Werken von Charles Dickens, Mark Twain, George Sand, Hans Christian Andersen und Victor Hugo. Da beginnen die Schiffsreisen in Stade, auf Ceylon und ab Nordstrand, um dann ihr Ziel auf Helgoland, Norderney, Mallorca und Mauritius nach einer mal mehr mal weniger beschwerlichen Überfahrt endlich zu erreichen. Denn die See kann verführerisch sanft und im nächsten Moment tückisch sein, weiß Else Lasker-Schüler zu erzählen. Doch zum Glück weisen die Lichter der Leuchttürme den Schiffen den Weg, wie Alphonse Daudet, der bereits auf einem von ihnen wohnte, berichten kann.

So vielfältig sich das Meer im Verlauf der Jahreszeiten oder bei unterschiedlichen Wetterbedingungen präsentiert, so kurzweilig sind auch die Texte und Gedichte der hier versammelten Literat*innen. Immer schwingt zwischen den Zeilen der Respekt vor dieser manchmal unberechenbaren Naturgewalt mit, die immer und überall auf der Welt die Phantasie der Menschen beflügelte und das Fernweh und den Drang nach Freiheit steigerte.

Auch auf mich übt das Meer einen unerklärlichen Zauber aus, schürt meine Sehnsucht und nährt meine Melancholie. Kann ich auch lange Zeit ohne sein, so zieht es mich irgendwann doch wieder ans Wasser. Denn nur beim Blick über die Wellen verspüre ich diese absolute Ruhe, die dem Gefühl von Friede sehr nahe kommt.


erschienen bei anaconda / ISBN: 978-3730614662

[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2025/2026 / Stadttheater Bremerhaven

mit dem Marsch Nr. 1 aus der SUITE FÜR JAZZORCHESTER NR. 2 von Dimitri Schostakowitsch sowie Arien, Songs und Musiken von Emmerich Kálmán, Sergei Prokofjew, Guiseppe Verdi, Antonio Vivaldi, Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, Vincenco Bellini, Stephen Sondheim und Erich Wolfgang Korngold

mit Ausschnitten aus SEIN ODER NICHTSEIN von Nick Whitby, DIE BAGAGE von Coco Plümer (nach Monika Helfer), 20.000 MEILEN UNTER DEM MEER von Justine Wiechmann (nach Jules Verne), TROJA! BLINDE PASSAGIERE IM TROJANISCHEN PFERD von Henner Kallmeyer, FÜNFTER SEIN von Inda Buschmann und JUB-Ensemble

sowie aus den Balletten DIE VIER JAHRESZEITEN und DER NUSSKNACKER von Alfonso Palencia

Premiere: 30. August 2025 / besuchte Vorstellung: 30. August 2025

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch
CHOR Edward Mauritius Münch
SZENISCHE EINRICHTUNG Annika Ellen Flindt
MODERATION Lars Tietje, Marc Niemann, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Alfonso Palencia, Markus Tatzig

Musiktheater: Timothy Edlin, Meredith Hoffmann-Thomson, Marcin Hutec, Andrew Irwin, Victoria Kunze, Boshana Milkov, Weilian Wang
Ballett: Marco Maronglu, Dawon Yang und Ballettkompagnie
Schauspiel: Frank Auerbach, Anna Caterina Fadda, Leon Häder, Angelika Hofstetter, Julia Lindhorst-Apfelthaler, Alexander Smirzitz und Marc Vinzing
JUB: Ümran Algün, Sander Lybeer, Coco Plümer und Tobias Sill
Opernchor am Stadttheater Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


Wie schön, dass diese furchtbare theaterlose Zeit nun (vorerst) vorbei ist!

Hatte ich mich zwar – wie auch schon in den vergangenen Jahren – mit der entsprechenden Lektüre versucht zu trösten und bin so zwischen zwei Buchdeckeln auf kultureller Wanderschaft gegangen, so war dies doch eher ein schwacher Ersatz für einen Besuch in einem echten Theater. Und so fieberte ich dem vergangenen Wochenende, an dem mein Stammtheater zwei Tage lang den Saison-Beginn zelebrieren sollte, voller Freude und Neugier entgegen.

Äußerst schwungvoll eröffnete GMD Marc Niemann und das Philharmonische Orchester Bremerhaven mit dem Marsch Nr. 1 aus der SUITE FÜR JAZZORCHESTER NR. 2 von Dimitri Schostakowitsch die Gala. Beinah schien es, als hätte der Komponist versucht, alles Militärische in diesem Marsch spielerisch zu ironisieren. Es wird die letzte Spielzeit von Marc Niemann am Hause sein: So kann BRÜCKEN, der Titel der kommenden Konzert-Saison wohl programmatisch interpretiert werden. Doch er hat in den vergangenen Jahren „das Feld“ (aka das Orchester) gut bestellt und mit Davide Perniceni und Hartmut Brüsch zwei feste Stützen am Haus, die auch an diesem Abend zeigten, dass sie das Philharmonische Orchesters souverän zu leiten verstanden.

Auch in diesem Jahr ließ es sich Intendant Lars Tietjen nicht nehmen, die Gala eloquent zu moderieren und uns somit durch den Abend zu geleiten. „Schützenhilfe“ erbat er sich von den jeweiligen Sparten-Leitungen Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Alfonso Palencia, die das Programm gemeinsam mit den Künstler*innen zusammengestellt hatten und so noch viele zusätzliche Informationen zu den entsprechenden Programmpunkten beisteuern konnten.

„So viele Komödien wie in dieser Spielzeit, spielen wir sonst nie“ meinte Peter Hilton Fliegel beinah entschuldigend und fügt hinzu, dass genau diese Art von Komödien so wichtig sei, da sie diejenigen verspottet, die unsere Freiheit bedrohen. Eingedeckt mit diesem Hintergrundwissen erhielt die Szene aus Nick Whitbys SEIN ODER NICHTSEIN, mit der das Schauspiel die Saison im großen Haus einläutet, eine zusätzliche Würze. Julia Lindhorst-Apfeltahler und Marc Vinzing boten einen pointiert-ironischen wie auch amüsanten Ausschnitt aus dieser wohl herrlich doppelbödigen Komödie.

Mit ihrer aparten Erscheinung und der Arie „Heia, in den Bergen ist mein Heimatland“ aus DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN von Emerich Kálmán stellte sich Sopranistin Meredith Hoffmann-Thomson dem Bremerhavener Publikum vor. Gemeinsam mit dem bestens aufgelegten Opernchor unter der Leitung von Edward Mauritius Münch bot sie reichlich Operetten-Seligkeit.

Dann betrat ein schlanker Jüngling die Bühne und überraschte mit seiner vollen Stimme: Bassbariton Timothy Edlin überzeugte gemeinsam mit Andrew Irwin in einer drolligen Szene aus der Oper DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN von Sergei Prokofjew, die Lust auf mehr machte.

Auch der letzte Neu-Zugang im Opern-Ensemble überzeugte auf ganzer Linie: Weilian Wang präsentierte bei „Lunge da lei … O mio rimorso!“ aus LA TRAVIATA, all das, was ich mir von einer tragfähigen, schön timbrierten Tenor-Stimme erhoffe.

Einer der Höhepunkt der jährlichen Gala ist stets die Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden. Die Namensgeberin, die in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts selbst im Ensemble des Stadttheaters Bremerhaven war, hätte in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert. Zudem vergab die Stiftung bereits seit 20 Jahren diesen nach ihr benannten Preis. Anlass genug, ihr Leben in Wort und Bild durch die/den frühere*n Preisträger*in Julia Lindhorst-Apfelthaler, Victoria Kunze und Mark Vinzing Revue passieren zu lassen.

In den vergangenen Jahren habe ich im Vorfeld immer gerätselt, wer den Preis erhalten könnte. Längst habe ich dies aufgegeben und lasse mich an dem Abend gerne überraschen. Wobei Insider, die einen wissenden Blick auf das Programm werfen, natürlich klar im Vorteil sind: Die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch, dass der Programmpunkt, der nach der Verleihung an der Reihe ist, im direkten Zusammenhang mit dieser steht. Auch in diesem Jahr traf es zu: Ballettdirektor und Chefchoreograf Alfonso Palencia, Assistent Bobby Briscoe und die Tänzer*innen der Ballettcompagnie durften diesen Preis für ihre herausragende künstlerische wie tänzerische Leistung in der vergangenen Spielzeit entgegen nehmen. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Direkt im Anschluss zeigte die Compagnie ihre Kunst in einem Ausschnitt aus dem Ballett zu DIE VIER JAHRESZEITEN aus der Saison 2023/2024. Mit dem „Pas de deux“ aus DER NUSSKNACKER begeisterten Dawon Yang und Marco Maronglu voller Grazie, Kraft und Anmut und machten Lust auf Tschaikowskis Märchenballett, dass im Oktober im Großen Haus zur Premiere kommt.


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Im JUB – Junges Theater Bremerhaven steht mit TROJA! BLINDE PASSAGIERE IM TROJANISCHEN PFERD von Henner Kallmeyer anscheinend eine sehr vergnügliche „Geschichtsstunde“ auf dem Programm, wie uns Coco Plümer, Tobias Sill und Sander Lybeer nachdrücklich bewiesen. Zu dem danach folgenden Auszug aus FÜNFTER SEIN gesellte sich zusätzlich Ümran Algün mit einem charmanten Auftritt zu ihren Kolleg*innen vom JUB.

Im kleinen Haus feiert bald DIE BAGAGE nach dem Roman von Monika Helfers seine Premiere. Diese Bühnenfassung wurde von JUB-Schauspielerin Coco Plümer erstellt und kommt somit als Erstaufführung auf die Bühne. Anna Caterina Fadda, Leon Häder und Angelika Hofstetter gaben einen sehr intensiven Einblick von der ersten Szene des Stücks.

„Romeo & Julia III.“: Nachdem in den vergangenen Jahre sowohl der Klassiker von Shakespeare als auch das Ballett mit der Musik von Prokofjew auf einer der Bühnen des Stadttheaters zu sehen war, scheint der Weg zur Opern als logische Folge unausweichlich. Als konzertante Fassung wird I CAPULETI E I MONTECCHI von Vincenzo Bellini den Spielplan bereichern. Sopranistin Victoria Kunze kleidete bei der Romanze „Oh! Quante volte“ Julias Sehnsucht nach ihrem Liebsten in feinen lyrischen Gesangslinien voller sanfter Melancholie.

Mit SWEENEY TODD von Stephen Sondheim steht in dieser Saison ein grandioses Werk aus dem Musical-Kanon auf der Agenda des Stadttheaters Bremerhaven. Wie feinsinnig, subtil und gleichzeitig lustig Musical sein kann, das beweist nicht nur dieses Werk sondern auch die Interpretin bzw. der Interpret. Nuanciert, mit schlichter Zurückhaltung und zartem Schmelz besang Tenor Andrew Irwin als Anthony seine große Liebe „Johanna“. Voller Spielfreude schlüpfte Mezzosopranistin Boshana Milkow in die Rolle der Mrs. Lovett und versuchte schlitzohrig und mit deftigen Charme „Londons schlimmste Pasteten“ unter das Volk zu bringen (Oder doch eher das Volk unter die Pasteten?). Beide meisterten sie grandios die Tücken der anspruchsvollen Partitur.

Apropos „schlichte Zurückhaltung“: Für die Arie „Mein Sehnen, mein Wehnen“ aus DIE TOTE STADT von Erich Wolfgang Korngold schien die lyrische Stimme des Baritons Marcin Hutek geradezu prädestiniert zu sein. Hier bewahrheitete sich abermals das Motto „weniger ist mehr“, denn nicht jedes Musikstück gewinnt durch eine auftrumpfende Stimme.

Doch dank LA TRAVIATA muss auf die große Oper in dieser Saison nicht verzichtet werden: Bevor Victoria Kunze und Weilian Wang mit „Libiamo, ne´lieti calici“ das ganz große Opern-Besteck auspackten, glänzte der Opernchor bei „Cori di Zingarelle/Mattadori“ in schönster stimmlicher Pracht.

Wie ein prall gefüllter Korb mit vielfältigen Leckereien präsentierte das Stadttheater Bremerhaven sein Programm zur Spielzeit 2025/2026 und lockte so verführerisch, dass ich mit Sicherheit das eine oder andere kulturelle Häppchen davon naschen werde.


THEATERFEST 2025 Nur wenige Stunden später lud das Stadttheater Bremerhaven zum Theaterfest ein, öffnete alle seine Türen und präsentierte ein buntes Programm vor, auf, hinter und neben der Bühne, u.a. mit Führungen, Mini-Konzerte, Besuch der Werkstätten, Einblicke in Proben, Kostümverkauf und vielen Mitmach-Aktionen. Da fiel es mir wahrlich schwer, eine Auswahl zu treffen, und ich musste aufpassen, dass es nicht zu einem Theater-Marathon ausartete. Glücklicherweise ist bei mir ein „Programmpunkt“ zwecks Regeneration jedes Jahr fest gesetzt: Der Besuch des Kuchenbüfetts der Landfrauen! 😉

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Mit der Eröffnungsgala und dem Theaterfest beginnt offiziell die SAISON 2025/2026 am Stadttheater Bremerhaven, das mich wieder mit einem vielfältigen Programm begeistert.

[Rezension] Lisa Aisato – ALLE FARBEN DES LEBENS

Stimmen die Farben des Lebens bei allen Menschen überein? Oder gibt es signifikante Unterschiede? Verbinden alle Menschen immer dasselbe mit einer Farbe? Bringen wir alle mit ROT immer die Liebe in Verbindung? Ist GRAU für jede*n gleichbedeutend mit trüb und trist? Ist es nicht vielmehr so, dass wir Farben mit Situationen, Emotionen aber auch Düften in Verbindung bringen? Was sind somit die Farben des Lebens? Oder vielmehr: Welches sind die Farben meines Lebens?

Lisa Aisato, die mich mit ihren Illustrationen zu EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE von Charles Dickens bereits so sehr begeistern konnte, hat mit ALLE FARBEN DES LEBENS ein Portfolio ihren Arbeiten zusammengestellt – sowohl Klassiker als auch bisher unveröffentlichte Werke.

Dabei stellte sie das Menschenleben in den Mittelpunkt. Wie ein roter Faden durchlaufen wir anhand ihrer Kunstwerke die verschiedenen Entwicklungsstufen aber auch die unterschiedlichen Empfindungen, die bei uns Menschen im jeweiligen Stadium präsent scheinen, wie z.Bsp. Liebe, Lust, Hoffnung, Ängste, Wut und Verzweiflung. Als roten Faden würde ich auch ihren begleitenden Text bezeichnen, der sich nie in den Vordergrund drängt, sondern der vielmehr „underscoring“ flankiert, um die Wirkung des Bildes nochmals zu verstärken.


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Wer beim Stil der Bilder Ausschau nach einem roten Faden hält, sucht vergebens, da die Werke zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind. Ich persönlich habe besagten roten Faden in keiner Weise vermisst, vielmehr habe ich die Abwechslung in den Stilen sehr genossen und als Bereicherung empfunden. Da haben einige Bilder eine berührende Realität und zeigen Gesichter voller Emotionen, aus denen Augen leuchten, die zu mir zu sprechen schienen. Andere wirken wie Aquarelle, auf denen Wassertropfen gelandet sind, die die Ränder sanft zum Verschwimmen brachten. Dann gibt es Illustrationen bei denen die Figuren wie Karikaturen wirken oder aus einem Comic entsprungen zu sein scheinen. Weitere Illustrationen haben mit ihren verschobenen Proportionen schon beinah einen surrealen Charakter.

Allen Kunstwerken ist gemein, dass sie – auch durch die jeweilige Farbgebung – eine sehr eigene Vitalität ausstrahlen und mich als Betrachter nie kalt ließen. Natürlich gab es da Abstufungen: Es gab Illustrationen, die mich mal mehr, mal weniger intensiv berührten. Doch alle lösten beim Betrachten etwas bei mir aus: Da spielte ein Lächeln um meine Lippen, ein nachdenkliches Runzeln kräuselte meine Stirn, mit einem tiefen Atemzug löste ich meine Spannung, oder tief bewegt suchte eine Träne ihren Weg über meine Wange.

Lisa Aisato gilt völlig zu Recht als Norwegens beliebteste und bekannteste Illustratorin: Hat sie doch ein untrügliches Gespür, in ihren Bildern die Empfindungen sichtbar zu machen. Mit ALLE FARBEN DES LEBENS ist ihr ein so zauberhaftes, lebensbejahendes, buntes, ergreifendes und mystisches Buch gelungen, das absolut vielfältig ist. Sie hat uns ein Kunstbuch und ein Bilderbuch aber auch ein Lebensbuch geschenkt, das mich nun sehr, sehr lange begleiten wird.

Apropos: Ich verbinde mit GRAU den Morgennebel im Frühjahr, der sich luftig auf die Niederungen am nahen Fluss legt und die Moorlandschaft wie verzaubert erscheinen lässt. Dieser Anblick entzückt mich immer wieder sehr!


erschienen bei Woow Books / ISBN: 978-3961770717 / in der Übersetzung von Neele Bösche