[Rezension] Thomas Mann – Weihnachten bei den Buddenbrooks

Es gibt sie. Zumindest: Bei mir gibt es sie, diese besonderen Bücher. Diese besonderen literarischen Werke, vor denen ich so viel Respekt habe, dass ich mich bisher nicht traute, sie zu lesen. Und „Buddenbrooks. Verfall einer Familie“ von Thomas Mann gehört für mich dazu. Warum ich davor so viel Respekt habe? Ich weiß nicht. Ich kann es gar nicht so genau benennen. Es ist ein Gefühl!

Irgendwie umgibt diesem Roman ein elitärer Hauch von Hochkultur, von hoher Hochkultur, von erhabener Hochkultur – schließlich wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur geadelt. Was wäre, wenn er mir nicht gefällt? Ausgerechnet „Buddenbrooks“, dieses Bastion der deutschen Literatur, könnte mir nicht gefallen. Ich wäre schockiert!

Schließlich ist „Buddenbrooks“ unser Bollwerk gegen all den Schund, den der heimische Buchmarkt in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat. Da gab es Sarrazin, Pirinçci und der „neue deutsche Frauenromane“ – aber: Wir haben ja zum Glück auch „Buddenbrooks“, und der wiegt die enorme Papierverschwendung für alle absolut entbehrlichen „Sarrainçcis“ (!) wieder auf.

So kann und darf diese Rezension von „Weihnachten bei den Buddenbrooks“ als meine sukzessive Annäherung an das Gesamtwerk gesehen und verstanden werden. Und genauso wie dieser Auszug aus dem Zusammenhang der komplexen Geschichte herausfällt, so werde ich als Leser aus meiner Welt heraus in das Lübeck des 19. Jahrhunderts katapultiert. Es war mir, als hätte sich ein Fenster geöffnet, dass es mir erlaube, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Dabei waren mir weder die agierenden Personen bekannt, noch hatte ich eine Ahnung bzgl. der Zusammenhänge. Es schien, als öffnete sich ein Vorhang nur für einen gewissen Zeitraum, und mir würde ein kurzer Einblick in ein anderes Leben, in eine andere Epoche gewährt werden.

Da regiert die alte Frau Konsulin mit strenger Hand und gerechtem Sinn über Familie, Haushalt und Personal und zelebriert Weihnachten traditionell als opulentes Fest. Sie hat – wie in jedem Jahr – die Honoratioren der Stadt wie die nahen und ferneren Familienangehörigen geladen, und weder das Personal noch die Hausarmen wurden von ihr vergessen. Der Festsaal ist prunkvoll geschmückt, erstrahlt im Glanz des großen Christbaums und ist bereit für die Bescherung. In der Säulenhalle haben sich schon die Marien-Chorknaben versammelt, um andächtig „Tochter Zion, freue dich!“ zu intonieren. Hanno, der Enkel der Frau Konsulin ist schon ganz aufgeregt und kann es kaum bis zur Bescherung abwarten. Seit er die Oper „Fidelio“ im hiesigen Opernhaus sehen durfte, träumt er von einem eigenen, kleinen Puppentheater, und sein Wunsch soll sich erfüllen. Während des üppigen Mahls wird geplaudert, politisiert und Kontakte geknüpft. Alle bemühen sich zum Feste und vor den strengen Augen der Frau Konsulin, sich von der allerbesten Seite zu zeigen. Nur ihr Sohn Christian schlägt mal wieder über die Strenge und löst bei der Frau Konsulin ein empörtes Zucken der Augenbrauen aus. Doch Hanno ist dies gleichgültig: Er darf endlich an der Großen Tafel mit den Erwachsenen speisen. Später im Bett gleitet er hinüber in den Schlaf und träumt von seiner ersten Aufführung im eigenen Theater.

Beinah war mir so, als würde mich der Erzähler an die Hand nehmen und durch die Wirrungen dieses literarischen Weihnachtstages führen. Da machte es mir auch nichts aus, dass mir Personen nicht bekannt waren und mir bei einigen Bemerkungen und Gesprächen die Zusammenhänge fehlten. Vielmehr kam ich mir vor wie ein Geist, der unerkannt mal hierhin und mal dorthin huschte, hier ein Gespräch belauschte, dort neugierig bei den Vorbereitungen zuschaute. In dieser hochherrschaftlichen Welt der Lübecker Kaufleute voller Rituale und Etikette wird selbstverständlich auch das Weihnachtsfest mit Akribie vorbereitet. Es gilt den guten Ruf zu erhalten und den Einfluss in der Gesellschaft zu festigen. Einige Familienmitglieder suchen sich ihre Nischen, um diesem starren Korsett aus Erwartungen und Konventionen – wenigstens für eine kurze Zeit – zu entfliehen.

Doch gerade die Traditionen rund ums Weihnachtsfest, die mit Freude zelebriert werden, wirkten auf mich anheimelnd und stilvoll. Da gab es keine grellbunt-blinkende Lichterkette am Baum, da wurde der Punsch nicht aus Pappbechern geschlürft, und da wurden die Geschenke nicht am Amazonas bestellt. „Stil“ scheint in unserer heutigen Welt mehr und mehr auszusterben. Mit „der- oder diejenige hat Stil“ ist nicht nur das Tragen flotter Klamotten gemeint. Das Wort „Stil“ vereint in sich so viel mehr, u.a. Tugenden wie Respekt, Rücksichtnahme und Toleranz, die im zwischenmenschlichen Miteinander so wichtig und so wertvoll sind.

Wer von Euch nun – wie die Familie Buddenbrook – stilvoll speisen möchte, bekommt mit diesem bezaubernden Büchlein die Gelegenheit dazu an die Hand: Im Anhang gibt es alle Rezepte des Weihnachtsmenüs.

Mein Fazit: Ich würde mich sehr freuen, könnte ich der Familie Buddenbrook abermals einen Besuch abstatten! 🙃


erschienen bei Fischer / ISBN: 978-3596523245

[Rezension] Charles Dickens – Eine Weihnachtsgeschichte/ mit Illustrationen von Patrick James Lynch

Da war er wieder, der alte Miesepeter Ebenezer Scrooge, der nun schon auf dem Tag genau seit 180 Jahren immer wieder aus der Versenkung auftaucht. Auch bei mir war er schon häufiger zu Gast…!

Am 19. Dezember 1843 erschien erstmals diese Geschichte unter dem Original-Titel „A Christmas Carol“ mit dem Zusatz „in prose“ und „being a Ghost-Story of Christmas“ mit den Illustrationen von John Leech und sollte seinen Siegeszug rund um den Globus antreten.

Doch wer kennt sie nicht, die Geschichte vom griesgrämigen Geizkragen Ebenezer Scrooge, der am Weihnachtsabend Besuch vom Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Jacob Marley erhält, um ihn zu warnen: Die Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht würden ihn heimsuchen, um ihm verschüttete Erinnerungen in den Sinn zu rufen und vergessene Empfindungen ins Herz zu pflanzen und ihm einen Blick in die Zukunft zu gewähren, um zu offenbaren, welche Auswirkungen sein bisheriges Verhalten haben könnte. So wartet Scrooge mit bangem Herzen auf die Ankunft der Geister, die ihn nacheinander – wie vorhergesagt – auf absonderlich-abenteuerliche Reisen durch Raum und Zeit mitnehmen, von denen er als geläuterter Mann zurückkehrt.

Erstausgabe von A CHRISTMAS CAROL von Charles Dickens mit Illustrationen von John Leech

Erstausgabe von A CHRISTMAS CAROL von Charles Dickens
mit Illustrationen von John Leech

Schon bei meiner ersten literarischen Begegnung mit Scrooge vor zwei Jahren, da unter dem Titel Ein Weihnachtsmärchen beim NordSüd-Verlag erschienen, öffnete sich mein Herz für diese anrührende Geschichte, und dies sollte sich nun beim erneuten Lesen wiederholen.

Wie in vielen seiner Werke prangert der große Menschenfreund auch in „Eine Weihnachtsgeschichte“ mit seinen sozialkritischen Tönen die damaligen Missstände im England des 19. Jahrhunderts an. Seine Held*innen stehen stellvertretend für ganze Bevölkerungsschichten, die so eine Stimme erhalten. Sie merken auf und rücken damit ihre Probleme in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Abermals traf mich Dickens Appell für mehr Menschlichkeit und ein friedvolles Miteinander mitten ins Herz. Satz für Satz las ich, und sie berührten meine Seele unverzüglich. Wieder verströmte diese wunderbare Geschichte ein Übermaß an Wärme und Charme, und wieder rührte sie mich während der Lektüre so sehr, dass ich Tränen nicht verhindern konnte – nicht verhindern wollte.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Auch in diesem Fall wird die Geschichte gepaart mit ausdrucksstarken Illustrationen: Niemand geringerer wie der irische Künstlers Patrick James Lynch, der mich im letzten Jahr schon mit seinen Bildern zu O. Henrys Das Geschenk der Weisen begeistern konnte, schuf auch hierfür wundervolle Illustrationen.

Lynchs Kunstwerke sind von einer enormen atmosphärischen Dichte. Er versteht es einerseits den märchenhaften Aspekt kongenial zu treffen, andererseits erspart er den Betrachtenden auch nicht einen gemilderten Realismus in seiner Darstellung. Sehr detailreich lässt er das London der Vergangenheit ebenso wiederaufleben, wie er Scrooges Reisen mit den Geistern der Weihnacht einen beinah sphärischen Touch verleiht. Dabei hat er bei seiner Darstellung der Personen wieder sehr genau dem Inhalt der Geschichte gelauscht: Da stimmt jeder Blick, eine Geste, die Körperhaltung, einfach alles. Großartig!

Doch bedauerlicherweise wurde mein Enthusiasmus ein wenig gedämpft: Der Grund dafür lag nicht beim Künstler sondern vielmehr beim Verlag. Wenn ich die Bilder im Buch mit denen auf der Homepage des Künstlers vergleiche, lässt sich unschwer erkennen, dass leider viele der feinen Nuancen in den Bildern von P.J. Lynch aufgrund der schlechten Druckqualität verloren gegangen sind. Dieser Umstand ist nicht nur bedauerlich, sondern schlichtweg ärgerlich und dürfte einem so renommierten Verlag wie Cecilie Dressler nicht passieren. Da bleibt nur zu hoffen, dass sich der Verlag diesem Klassiker irgendwann bei einer Wiederauflage etwas wohlwollender annähert.

Momentan befindet sich eine aktuelle, natürlich ebenfalls illustrierte Fassung von Dickens „Eine Weihnachtsgeschichte“ auf einem Siegeszug durch die Literatur-Blogs. Das bisher Gesehene erschien mir recht vielversprechend: Ich glaube, ich werde es für LEKTÜRE ZUM FEST 2024 vormerken…! 😉


erschienen bei Dressler / ISBN: 978-3791528045 / in der Übersetzung von Curt Noch

[Rezension] P.D. James – Der Mistelzweig-Mord. Weihnachtliche Kriminalgeschichten

Die Beschriftung auf ihren Visitenkarten müsste beeindruckend gewesen sein, hätte sie dort ihren vollen Namen incl. Titel und Auszeichnungen verewigt:

Phyllis Dorothy James, Baroness James of Holland Park, OBE, FRSA, FRSL

Für ihre Fans war sie „nur“ P.D. James. Dabei hat sie zu Lebzeiten immer beteuert, dass sie mit diesem Kürzel nie vorgehabt hat, ihr Geschlecht zu leugnen. Vielmehr hätte sie ihren Vornamen auf P.D. verkürzt, weil es rätselhaft wirke und zudem auf dem Buchrücken so gut aussähe.

Im Jahre 1962 erschien ihr erster Roman mit dem Titel „Ein Spiel zuviel“ (im eng. Org.: „Cover Her Face“). Mit ihm erblickte gleichzeitig ein neuer Ermittler das Licht der literarischen Welt: Chief Inspector Adam Dalgliesh ist ein schweigsamer Kriminalist. Zudem hat der früh Verwitwete eine poetische Ader und schon einige Gedichtbände veröffentlicht. Schon der erste Fall zeigt in seinen Grundzügen viele Gemeinsamkeiten mit den klassischen „Whodunits“, die in der Zeit zwischen den Weltkriegen in Großbritannien so populär waren. Auch in zwei von den insgesamt vier Geschichten dieser Anthologie spielt Adam Dalgliesh eine Hauptrolle. Doch schön der Reihe nach…!

Schon mit der titelgebenden Geschichte für diese kleine Sammlung Krimi-Erzählungen gelang es P.D. James, mich zu ködern. Ich hatte vorher noch nichts von ihr gelesen – zumindest kann ich mich nicht darin erinnern. Und schon beim Lesen der ersten Geschichte „Der Mistelzweig-Mord“ fragte ich mich, wie dies möglich sein konnte. Wie konnte mir bisher diese talentierte Autorin von Kriminalromanen verborgen bleiben?

Sowohl bei „Der Mistelzweig-Mord“ als auch bei „Ein ganz banaler Mord“ wird die Handlung aus der Erinnerung einer Person geschildert, die einen mehr oder weniger schmerzhaften Blick in die Vergangen wagt und so die Geschichte durchaus sehr emotional und mit persönlicher Färbung wiedergibt. Beide Geschichten fesselten mich durch ihren raffinierten Aufbau, der langsamen Steigerung der Spannung und einem überraschenden Twist am Schluss.

In „Das Boxdale-Erbe“ und „Die zwölf Weihnachtsindizien“ kommt der schon eingangs erwähnte Chief Inspector Adam Dalgliesh zum Zuge. Dieser noble und zurückhaltende Ermittler konnte mich sofort für sich einnehmen. Auch diese Mini-Krimis überzeugten mich durch ihre klar gezeichneten Figuren und dem gut durchdachten Handlungsaufbau. Mit einem herrlich kuscheligen Gefühl ließ ich mich in die Handlungen fallen, die – wie aus der Zeit gefallen – auch von Agatha Christie oder Dorothy L. Sayers hätten stammen können. Doch dann tauchte plötzlich eine Formulierung oder ein zeittypisches Detail auf, und mir wurde bewusst, dass P.D. James erst ab den 60er Jahren literarisch aktiv war.

„Die Krimis spielen in der Gegenwart, sind aber so gotisch, dass es fast verwundert, wenn erwähnt wird, dass Frauen aus dem Figurenensemble die Pille nehmen.“ ist in Reclams Krimi-Lexikon zu lesen. Genau diese Erfahrung durfte auch ich erleben. Doch stellt dies für mich durchaus kein Kritikpunkt dar. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass es hier eine Autorin gab, die sich mit Respekt auf die Tugenden ihrer Vorgängerinnen besann, in ihren eigenen Werken diese mit aktuellen Gegebenheiten kombinierte und so für die Nachfolgenden den Weg in die Moderne ebnete.

Die beiden spannenden Appetizer mit Adam Dalgliesh waren so schmackhaft, dass ich „Ein Spiel zuviel“ bei der Buchhandlung meines Vertrauens bestellt und schon einen Tag später abgeholt habe. Es spricht somit nichts dagegen, dass ich meine flüchtige Bekanntschaft mit ihm weiter vertiefe. Ich freue mich schon darauf…!


erschienen bei Droemer / ISBN: 978-3426282175 / in der Übersetzung von Susanne Wallbaum und Christa E. Seibicke

[Rezension] Merry Christmas! Weihnachtsgeschichten von der Insel

Weihnachten auf der Insel: Da buddeln sich bei mir in meinem Gedächtnis alle Klischee-Bilder von England an die Oberfläche, und ich denke an Mistelzweige, Sternsinger und Plumpudding, an verschneite Landschaften, idyllische Cottages und pittoreske Kirchen. Doch beinah zwangsläufig – als bekennender Christie-Fan – drängt sich mir auch ein anderes Bild auf. Ein zünftiger Weihnachts-Mord dürfte dabei eigentlich nicht fehlen: erschossen unterm Mistelzweig, vergiftet mit Plumpudding oder erhängt im Glockenturm eben jener pittoresken Kirche.

Nun, in dieser Anthologie sucht man Mord vergebens, dafür bietet dieses Büchlein aber ansonsten so einiges, was das anglophile Herz begehrt und erfreut. Der Dörlemann-Verlag hat hier eine feine Auswahl an sieben Geschichten von mir bisher eher unbekannten Autor*innen zusammengestellt, bei denen es mir große Freude bereitet hat, ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.

Saki aka Hector Hugh Munroe startet diese Anthologie mit „Reginalds Weihnachtssause“, die so herrlich „sophisticated“ von einer anämischen Weihnachtsfeier berichtet, die durch besagtem Reginald ein wenig aus den Angeln gehoben wird. Laurie Lee beschreibt in „Ein kalter Weihnachtsspaziergang auf dem Lande“ eben genau das: Unser namenloser Spaziergänger lässt uns an seiner bescheidenen Freude an der Landschaft Englands teilhaben. Martha Gellhorn erzählt in „Eins nach dem anderen“ wie Trauer und Verlust, die Sicht auf das Weihnachtsfest verändert und so aus einem freudigen ein unerträgliches Fest machen kann.

In „Bald haben wir Weihnachten, Miss“ von Sylvia Townsend Warner stöbert eine junge Frau in einem dieser gediegenen Dorfläden nach Weihnachtsgeschenken für Familie und Freunde und muss dabei feststellen, dass „gut gemeint“ nicht unbedingt mit „gut gemacht“ gleichzusetzen ist. Bei Elizabeth Taylor in „Nur eine Frage der Zeit“ sieht die jugendliche Heldin sich in ihrer pubertären Phantasie schon als erfolgreiche Autorin und merkt nicht, wie sehr sie mit ihrem Verhalten ihre Mutter verletzt.

Patrick Hamilton beschreibt in „Wann also sollte es soweit sein?“ den stetigen Verfall eines Mannes, der immer wieder „tote“ Momente hat und gerade am Weihnachtstag sich Gründe zurechtlegt, warum er eine bestimmte Frau töten muss. In „Die Zeit der Gaben“ erzählt Patrick Leigh Fermor, wie er als Reisejournalist im Jahre 1933 bei einer Wanderung durch Bayern die Gastfreundschaft der Bevölkerung zu Weihnachten erlebte.

Auf dem Markt gibt es Weihnachtsbücher zuhauf und jedes Jahr kommen „neue“ hinzu. Wobei die „Neuen“ oftmals nur die aufgefrischten Exemplare der Backlist sind, die ein zeitgemäßes Outfit und einen schmissigen Titel verpasst bekamen, aber leider die allseits bekannten Geschichten beinhalten.

Alle, der hier versammelten Autor*innen, hatten ihre Schaffensphase in der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts und galten bzw. gelten auch weiterhin als Könner*innen ihrer Zunft, die jeweils durch einen sehr eigenen Stil überzeugen. So bietet diese Anthologie eine ausgesuchte Auswahl an Geschichten, die auf vielfältige Weise unterhalten, und allesamt so wunderbar „very british“ daherkommen.

Wer allerdings auf der Suche ist nach Geschichten, die das eingangs beschriebene Klischee bedienen, sollte die Finger von diesem Büchlein lassen. Für dieses Klientel wäre das Buch eine herbe Enttäuschung. Stattdessen ist dies die absolut richtig Wahl für Leser*innen, die Erzählungen lieben, die so manches Mal recht „un-weihnachtlich“ daher kommen, fern vom Kitsch und vielleicht darum noch nicht überall bei „Hinz und Kunz“ erschienen sind.


erschienen bei Dörlemann/ ISBN: 978-3038201182 / in der Übersetzung von Manfred Allié, Miriam Mandelkow, Ann Anders und Bettina Abarbanell

[Rezension] Jan Beinßen – Der Wintermordclub

Jung, dynamisch, durchtrainiert und analytisch-hochintelligent: So sind…

…diese Ermittler nicht. Vielmehr trifft hier eher der Satz „Je oller umso doller!“ absolut ins Schwarze. Wer braucht schon hyper-perfekte, makellose Superschnüffler? Ich mit Sicherheit nicht!

In einem kleinen französischen Hotel trifft sich jedes Jahr im Dezember eine Gruppe ehemaliger Ermittler: Polizisten, Detektive, eine Kriminalistikprofessorin und ein Gerichtsmediziner. Die Hotelleitung organisiert stets ein Krimidinner, an dem die ergrauten Profis zwischen Punsch und Plätzchen ihre Fähigkeiten vor dem Einrosten bewahren. Doch als sie im Weinkeller die vermeintliche Leiche finden, stellt sich heraus, dass dort ein echter Toter liegt! Die pensionierten Profis lassen kein gutes Haar an der Arbeit der herbeigerufenen Polizei. Ganz klar: Sie müssen selbst ran!

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Autor Jan Beinßen präsentiert uns eine vielschichtige Schar außergewöhnlicher Protagonist*innen, die alle schon bessere, glorreichere Zeiten erleben durften. Allesamt sind sie über dem Status der „Best Ager“ hinaus, versuchen dies allerdings höchst amüsant vor ihren Freunden zu verschleiern. Dabei wissen alle Bescheid, doch schweigen aus Angst, dass die eigene mühsam verputze Fassade weitere Risse bekommt.

Beinßen überzeugt mit einem kurzweiligen Krimi voller Ungereimtheiten, die er erst nach und nach aufschlüsselt. In kurzen Kapiteln springt er von Protagonist*in zu Protagonist*in, um so aus den individuellen Blickwinkeln die Geschehnisse zu beleuchten, und erlaubt uns so, einen detaillierten Einblick in die jeweiligen Gedanken und Seelenzustände zu erhaschen.

Dabei knüpft der Autor immer wieder Flashbacks aus der Vergangenheit in die Handlung ein, um so die Umstände zu erläutern, die zum jährlichen Treffen dieser außergewöhnlichen Ermittler-Truppe geführt haben. Als sie alle noch im vollen Saft ihrer Schaffenskraft standen, gehörten unsere Senioren einer internationalen Elite-Einheit an, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, einen der größten Drogen-Bosse Europas dingfest zu machen. Dies sollte ihnen erfolgreich gelingen und bei jeder/jedem für einen enormen Karriere-Schub sorgen. Doch niemand konnte damals ahnen, dass dieser Erfolg auch noch Jahre später Einfluss auf ihr Leben nehmen würde.

Anfangs verwirrte mich dieses „Bäumchen Wechsel dich“ der Sichtweisen in Kombination mit den Einschüben aus der Vergangenheit. Ich benötigte ein wenig Geduld, um nachvollziehen zu können, dass der Autor diesen Trick anwendet, um beim Leser für ein Höchstmaß an Verwirrung zu sorgen: Jede*r versucht, etwas zu verheimliche! Jede*r hat eine Leiche im Keller versteckt! Jede*r könnte somit auch die/der Täter*in sein!

Bei diesem ausführlichen Katz-und-Maus-Spiel bleibt die Spannung zwar ein wenig auf der Strecke, doch dies verzeihe bzw. übersehe ich gnädig. Dafür überraschte mich Beinßen immer wieder mit unvorhergesehene Twists. Auch schenkte er uns einen charmanten Krimi mit amüsant-kauzige Held*innen, die alle ihre Ecken und Kanten und somit menschliche Schwächen haben und die eine oder andere altersbedingte Blessur erkennen lassen. Besonders die Szenen, in denen die Masken fallen und mitfühlend-freundschaftlich anstatt professionell-distanziert miteinander umgegangen wird, wissen zu berühren.

Denn: Bei diesen Held*innen liebe ich sehr die Perfektion im Unperfekten!!!


erschienen bei Piper / ISBN: 978-3492318266

[Rezension] Märchenhafte Weihnachten. Wintermärchen aus aller Welt

Weihnachtszeit ist Märchenzeit!

So war es schon immer, und so wird es hoffentlich auch für immer bleiben. Landauf und landab öffnen die Theater ihre Pforten und präsentieren Märchen und Familienstücke zur Weihnachtszeit. Und auch in den heimischen vier Wänden wird näher zueinander gerückt, um einem Märchen zu lauschen. Dazu eignen sich Bilderbücher ganz besonders, bei denen dem Vorleser „über die Schulter geschaut“ werden kann, um so die Illustrationen bewundern zu können.

Der Wunderhaus-Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, sowohl bekannte wie auch weniger bekannte Märchen im neuen Glanz erstrahlen zu lassen und veröffentlicht hierzu thematische Märchenbücher. Unter dem Titel „Märchenhafte Weihnachten. Wintermärchen aus aller Welt“ fanden folgende Märchen ihren Weg ins Buch…

  1. Volksmärchen „Von den zwölf Monaten“
  2. H. C. Andersen „Der standhafte Zinnsoldat“
  3. Brüder Grimm „Sterntaler“
  4. H. C. Andersen „Der Tannenbaum“
  5. Brüder Grimm „Frau Holle“
  6. Manfred Kyber „Der Schneemann“
  7. Brüder Grimm „Die Wichtelmänner“
  8. H. C. Andersen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“
  9. Pavel Bazhov „Silberhuf“
  10. Selma Lagerlöf „Die Heilige Nacht“

…mit Illustrationen von Nina Ignatova, Olesia Kosmodemianskaia, Natalia Grebtsova, Svetlana Kondesyuk, Daria Pneva, Agata Dorobek, Elena Schweitzer und Vlada Shamova.

Nun könnte ich durchaus unken: Einerseits ist „aus aller Welt“ etwas hochgegriffen, wenn man bedenkt, dass mit jeweils drei Märchen der wohl bekanntesten Märchenerzähler zwei Länder sehr überrepräsentiert sind. Andererseits hätte mich bei den anderen Märchen durchaus interessiert, aus welchen Ländern sie ihren Ursprung haben. Auch fehlten mir sowohl entsprechende Hinweise zu den Übersetzer*innen als auch eine Zuordnung, welche Künstlerin zu welchem Märchen ihre wundervollen Illustrationen beigesteuert hat. Zugegeben: Dieser „Makel“ traf zuallererst meinen bibliophilen Nerv und dürfte einem jüngeren Klientel, das ja schließlich die Zielgruppe dieses Buches ist, völlig schnuppe sein.

Die Geschichten wurden mit individuellen Illustrationen geschmückt, die die Stimmung des Märchens jeweils sehr schön einfangen. Auch habe ich es sehr begrüßt, dass die Übersetzung nicht krampfhaft bemüht war, einen modernen, zeitgemäßen Ton anzuschlagen. Vielmehr entspinnen sich die Poesie einer Erzählung und die Schönheit einer Sprache aus dem Klang ungewohnter, wenn nicht gar altmodischer Formulierungen.

Mir hat ebenfalls sehr gefallen, dass die Märchen eine weite Spanne an Emotionen und Empfindungen abdecken: von heiter zu geheimnisvoll, über spannende bis melancholisch-traurig. Ja, auch ergreifend traurige Märchen ohne Happy End sind vertreten – müssen in Kinderbüchern, die wahrhaftig sein wollen, auch vertreten sein (Beispiel: „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“). Einigen mag diese Haltung brutal erscheinen, doch ist das Leben von so manchem Kind nicht genau dies? Ich halte mich da an den großen Erich Kästner:

„Schließlich nahm ich ein Kinderbuch vor, das mir der Verfasser geschickt hatte, und las darin. Aber ich legte es bald wieder weg. So sehr ärgerte ich mich darüber! Ich will euch auch sagen, warum. Jener Herr will den Kindern, die sein Buch lesen, doch tatsächlich weismachen, dass sie ununterbrochen lustig sind und vor lauter Glück nicht wissen, was sie anfangen sollen! Der unaufrichtige Herr tut, als ob die Kindheit aus prima Kuchenteig gebacken sei. Wie kann ein erwachsener Mensch seine Jugend so vollkommen vergessen, dass er eines Tages überhaupt nicht mehr weiß, wie traurig und unglücklich Kinder zuweilen sein können? […] Es ist nämlich gleichgültig, ob man wegen einer zerbrochenen Puppe weint oder weil man, später einmal, einen Freund verliert. Es kommt im Leben nie darauf an, worüber man traurig ist, sondern nur darauf, wie sehr man trauert. Kindertränen sind, bei Gott, nicht kleiner und wiegen oft genug schwerer als die Tränen der Großen.“ (aus „Das fliegende Klassenzimmer“)

Märchen bzw. Bücher sind da eine ganz und gar wunderbare Möglichkeit, dass sich Kinder auch den ernsteren Themen annähern. Die Aufgabe von uns Erwachsenen ist es, ihnen dies zu ermöglichen, für ihre Fragen, Ängste und Sorgen empfänglich zu sein und ihnen den Halt zu geben, den sie brauchen und verdienen.


erschienen bei Wunderhaus / ISBN: 978-3963720314 / in der Übersetzung u.a. von Karin Ruppelt („Silberhuf“)

[Rezension] Angelika Griese – Klaben, Tod und Pfeffernüsse. Kriminelle Weihnachtsgeschichten aus Bremerhaven

Was tun, wenn man von vornherein weiß, dass die Rezension, die man verfassen wird, äußerst „durchwachsen“ ausfallen wird? Es wird zwar nicht ganz so niederschmetternd wie in meinem Beitrag zu Bilderbuch und Hörspiel zur Oper Hänsel und Gretel sein. Allerdings dürfen Lobhudeleien auch nicht erwartet werden.

Seit geraumer Zeit sprießen sogenannte Regional-Krimis wie Pilze aus dem Boden. Beinah scheint es so, dass jedes Kaff, das etwas auf sich hält, seinen eigenen Pilz – Äh! – Krimi vorweisen muss. Warum sollte da Bremerhaven, die Seestadt am Westrand des Elbe-Weser-Dreiecks, leer ausgehen?

In Bremen geboren und in Bremerhaven lebend hat Autorin Angelika Griese sich dieser Aufgabe angenommen und schließt mit ihren Werken diese Lücke auf der Landkarte der Regional-Krimis. Schon im Jahre 2016 erschien die vorliegende Anthologie. In 9 Geschichten auf 193 Seiten versammelt sie eine bunte Schar an Protagonist*innen, die mal mehr, mal weniger originell morden. Dabei handelt es sich jeweils nicht um einen klassischen „Whodunit“: Die Frage „Wer ist die Täterin/der Täter?“ stellt sich erst gar nicht, da dies von Anfang an bekannt ist. Vielmehr dreht die Autorin den Spieß um: Wir erfahren die Beweggründe, die zur Straftat führen. Ist diese erst begangen, endet die Geschichte auch schon.

Die meisten Geschichten sind nach einem ähnlichem Muster gestrickt: Eine Frau (wahlweise Mutter, Ehefrau, Freundin oder Geliebte) fühlt sich von einem Kerl betrogen, hintergangen oder auf eine sonstige Art und Weise gestört und trifft Vorkehrungen zur Beseitigung des Übels. Dabei hätten den Geschichten zwei bis drei Seiten „mehr“ sehr gut getan: Die Charakterisierung der Personen wäre dann vielleicht weniger klischeehaft bzw. weniger oberflächlich und deutlich markanter und individueller ausgefallen.

Zwei Stories stechen aus dieser Anthologie heraus: In „Tödlich rieselt der Schnee“ rächt sich ein Mann an der Person, die für den Tod seiner Nichte verantwortlich ist. Hier spürte ich erstmals Krimi-Feeling, da die Geschichte – dank eines überzeugenden Spannungsbogens – gut aufgebaut war. Bei „Nashville rockt das Altenheim“ mischen drei Rock-Oldies höchst amüsant und unterhaltsam eine Seniorenresidenz auf. Leider war auch diese Geschichte nicht gänzlich frei von ärgerlichen Klischees: Die fiese Pflegerin ist natürlich hässlich und fett, während ihre nette Kollegin als hübsch und schlank beschrieben wird. Solch plakative sowie verletzende Klischees müssen nun wirklich nicht mehr bemüht werden!

Angelika Griese hat solide Gebrauchs-Krimis abgeliefert, die beim Lesen durchaus unterhalten, allerdings auch nur kurz im Gedächtnis haften bleiben. Zudem fehlten mir sowohl eine gewisse Qualität im sprachlichen Ausdruck als auch eine Kreativität in Stil und Sprachmelodie – aber vielleicht fehlten auch hierfür die schon erwähnten zwei bis drei Seiten „mehr“.

Zudem stellte ich mir beim Lesen die Frage „Wann darf sich ein Werk mit Fug und Recht Regional-Krimi nennen?“ Meiner Meinung nach reicht es nicht aus, dass – wie in diesem Fall – Namen von Straßen, Stadtteile oder bekannten Lokalitäten in die jeweilige Handlung eingeflochten werden. Vielmehr sollte es einen direkten Bezug zwischen Straftat und Ort des Geschehens geben. Da hätte ich mir von der Autorin durchaus mehr kriminelle Phantasie gewünscht.

Ich hätte da schon einige Ideen: ertrunken im Hafenbecken direkt neben dem Museumsschiff Gera, erfroren in der Klimazone der Antarktis im Klimahaus, zerstückelt in einer Maschine der fischverarbeitenden Industrie… 😏

Autorin und Verlag verwirren zum Schluss mit einem Mysterium: Ganz am Ende dieser Sammlung taucht eine kurze Abhandlung zum Bremer Klaben auf, deren Sinn sich mir nicht erschloss, da ich keinen plausiblen Zusammenhang zu den Krimis herstellen konnte. Oder sollte diese Abhandlung für die Nichteingeweihten unter uns etwa als erläuternder Hinweis zum Titel dienen? Kurios…!


erschienen bei Prolibris/ ISBN: 978-3954751334

[Rezension] Engelbert Humperdinck – Hänsel und Gretel / im Vergleich: Bilderbuch mit Musik & Oper erzählt als Hörspiel mit Musik

Ojemine, oje, oh Schreck! Ich fürchte, dies wird in der Geschichte dieses Blogs meine erste Rezension, in der es einen reellen Verriss geben wird. Ups, sprach ich etwa von nur einem Verriss? Tschuldigung, da muss ich mich korrigieren: Ihr müsst nun sehr stark sein, denn es werden zwei Verrisse!

Wie unschwer in der Vergangenheit zu erkennen, liebe ich das Theater, besonders das Musiktheater, und bin der felsenfesten Überzeugung, dass die Kinder nicht früh genug an diese wundervolle Kunstform herangeführt werden können. So freue ich mich jedes Mal „wie Bolle“, wenn ich Bücher entdecke, die den potentiellen Mini-Zuschauer*innen auf phantasievolle und kindgerechte Weise den Zugang erleichtern und so die Angst vor einem Theaterbesuch verscheuchen. Da gibt es auf dem Markt glücklicherweise einige Verlage, die hierbei sehr rührig sind. Leider nicht immer überzeugend…

HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um die, die dem Buch bzw. Hörspiel beigefügt ist. Es ist eine ältere Aufnahme, und sie dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln. 

„Hänsel und Gretel“ ist – dank der wundervollen Musik von Engelbert Humperdinck – eine der schönsten Opern, die ich kenne. Gekonnt verknüpfte Humperdinck bekannte Kinderlieder mit seinen eigenen Kompositionen und schuf so ein Werk voller traumhaft-romantischer Melodien. Diese Oper zählt zu den beliebtesten Werken in der Opernliteratur und wird besonders in der Advents- und Weihnachtszeit an vielen Theatern und Opernhäusern im Land aufgeführt. Auch „mein“ Stadttheater Bremerhaven präsentiert in diesem Jahr eine eigenständige Inszenierung, die ich mir selbstverständlich nicht entgehen lassen durfte: Bericht folgt…!


Susa HämmerleHänsel und Gretel. Kinderoper nach Engelbert Humperdinck/ mit Illustrationen von Peter Friedl

Zu den eingangs erwähnten Verlagen zählt auch der Annette Betz-Verlag. Schon die erste Begegnung mit einem der musikalischen Bilderbücher (Ein Amerikaner in Paris) löste eine Welle der Verzückung bei mir aus. Auch das zweite Werk (Die Fledermaus) konnte mich mit kleinen Einschränkungen überzeugen. Doch diesmal blätterte ich fassungslos durch dieses Bilderbuch und war maßlos enttäuscht.

Susa Hämmerle lieferte mit ihrem Text eine zwar solide doch leider wenig märchenhaft-poetische Nacherzählung. Eben auch jenes Märchenhafte suchte ich bei den Illustrationen von Peter Friedl vergebens: Ich empfand sie weniger ansprechend als vielmehr verstörend. Seinem Setting fehlten Charme und Atmosphäre, die Figuren ließen Ausstrahlung vermissen. Zudem verlieh er den Gesichtern der Kinder einen unangenehmen Ausdruck der Leere und ließ sie so unangebracht alt erscheinen.

Bei der Begleit-CD wurde auf das Archiv des renommierten NAXOS-Labels zurückgegriffen und eine historische Aufnahme aus den 50er Jahren gewählt. Unter dem Dirigat von Herbert von Karajan sangen die Sopranistinnen Elisabeth Grümmer und Elisabeth Schwarzkopf das bekannte Geschwisterpaar. Leider hört man der Aufnahme das Alter deutlich an, da auf ein sensibles Remastering verzichtet wurde. Auch bedeuten große Namen nicht zwangsläufig ein zufriedenstellendes Ergebnis. Die beiden weltberühmten Sängerinnen geben die Titelpartien unpassend geziert-damenhaft. Da spielen erwachsene Frauen wenig überzeugend zwei Kinder und gestalten so ihren Rollen völlig unglaubwürdig. Doch auch der legendäre Maestro hatte durchaus schon bessere Tage: Selten habe ich die Ouvertüre so blutleere und wenig dynamisch gehört. Ein Zustand, der leider von ihm während der gesamten Aufnahme konsequent fortgeführt wurde.

In der Neu-Auflage dieses musikalischen Bilderbuches von 2019 tauschte der Verlag sowohl die Illustrationen wie auch die Aufnahme zur Begleit-CD aus. Dieses Buch liegt mir nicht vor, und so darf ich mir zu den neuen Illustrationen von Christa Unzner kein Urteil erlauben. Bei der Auswahl der Aufnahme hatten die Verantwortlichen diesmal ein deutlich glücklicheres Händchen und wählten eine Aufnahme aus dem Archiv der BERLIN CLASSICS (s.a. unten).


1 CDs/ Hänsel und Gretel, erzählt als Hörspiel mit berühmten Melodien und Arien (2008)/ Idee, Text und Regie: Richard Braun/ mit Luca Zamperoni, Thomas Hof, Marina Mehlinger, Hans Henrik Wöhler, Manja Kloss u.a.

„Oper erzählt als Hörspiel mit Musik“: Das Konzept kann klappen, muss aber nicht…! Da hier der visuelle Aspekt durch die Illustrationen fehlte, lag die Aufmerksamkeit gänzlich auf der akustische Umsetzung. Schon mein erster Blick ins Booklet löste Enttäuschung bei mir aus, da auch hier auf die schon erwähnte Einspielung der Oper unter der musikalischen Leitung von Herbert von Karajan zurückgegriffen wurde. Richard Braun bemühte sich um eine kindgerechte und humorvolle Textfassung, die ihm streckenweise auch durchaus gelang. Einige Gags wirkten auf mich allerdings etwas bemüht witzig. Auch das Einfließen der Musik in die Handlung glückte nicht immer zufriedenstellend: Der Erzähler hatte die Handlung schon bis zu einem gewissen Punkt erzählt, als eine Musik-Einspielung folgte, die die Handlung sozusagen wieder „zurückspulte“. Zudem traf der Umstand ein, den ich im Vorfeld schon befürchtet hatte: Die Sprechstimmen harmonierten nicht mit den Gesangsstimmen. Zudem wurde das Geschwisterpaar für mich völlig unpassend von Erwachsenen gesprochen: Es gibt doch sicherlich genügend talentierte Kinder, die die Parts deutlich überzeugender gemeistert hätten, oder?


FAZIT: Liebe Vorleser*innen! Sie brauchen weder das Bilderbuch noch das Hörspiel. Aus dem großen Angebot an Aufnahmen der Oper „Hänsel und Gretel“ suchen sie sich bitte die aus, die ihnen am besten gefällt (Meine Favoriten erfahren sie am Ende dieses Beitrags!). Zudem haben sie doch sicherlich ein Buch mit Märchen der Brüder Grimm im Haus. Dies schnappen sie sich und machen sich im Märchentext dort Notizen, wo welches Musikstück passen könnte. Dann kuscheln sie sich mit ihren „Opfern“ unter einer Wolldecke zusammen, lesen das Märchen vor und lauschen gemeinsam den wundervollen Melodien. Ich bin mir sicher, das wird ganz und gar wunderbar…!!! 💖


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219114195 (Bilderbuch) bzw. aMOR / ISBN: 978-3944063225 (Hörspiel)
Aufnahmen dieser Märchenoper gibt es viele, und natürlich sind mir nicht alle bekannt. Doch von den mir bekannten empfehle ich folgende Aufnahmen:
  • Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Kurt Eichhorn mit Anna Moffo (Hänsel), Helen Donath (Gretel) und Christa Ludwig (Hexe), erschienen bei RCA Classics / EAN: 743212528121
  • Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Otmar Suitner mit Ingeborg Springer (Hänsel), Giesela Schröter (Gretel) und Peter Schreier (Hexe), erschienen bei Berlin Classics / EAN: 782124200725
  • Symphonie-Orchester des Bayrischen Rundfunks unter der Leitung von Jeffrey Tate mit Anne-Sofie von Otter (Hänsel), Barbara Bonney (Gretel) und Marjana Lipovšek (Hexe), erschienen bei EMI / EAN: 077775402223

[Rezension] Zsuzsa Bánk – Weihnachtshaus

Ich klappte das kleine Büchlein zu, behielt es noch für einen kurzen Moment in den Händen, bevor ich es endgültig zur Seite legte, um dann sinnierend in mich hinein zu horchen. Was war es? Welche Gründe könnten es geben? Da hat Zsuzsa Bánk einen melancholischen Roman verfasst, der in beinah märchenhaften Bildern die Geschichte einer Freundschaft erzählt. Doch der berühmte und vielbemühte Funke wollte nicht überspringen…

Zwei Freundinnen betreiben ein Café in Frankfurt am Main. Es ist Weihnachtszeit, Advent. Die eine ist Mutter von zwei Kindern, ihren Ehemann hat sie vor Jahren verloren. Ihre Freundin Lilli ist früh Mutter geworden und hat ebenfalls eine schwierige Vergangenheit. Mit einer guten Gabe Humor und Lebensklugheit meistern die beiden Frauen ihren Alltag – als Mütter, als Freundinnen, als Geschäftsfrauen und als Hausbesitzerinnen. Denn einige Zeit zuvor haben sie zusammen ein Wochenendhaus im Odenwald gekauft, unbewohnbar noch, das Dach offen, keine Fenster. Doch immer wieder Ziel ihrer Gedanken und Träume: Irgendwann einmal Weihnachten in diesem Haus feiern, alle zusammen, das wäre wunderbar! Doch so eingespannt, wie sie in ihrem Lebensalltag sind, brauchte es wohl einen Engel, der sich um alles kümmert…

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Die Autorin versucht das Wagnis, viele Themen in ihrer Erzählung anzusprechen oder zumindest anzudeuten: Trauer, Alltagsbewältigung, Demenz, psychische Erkrankung, erlittene Kränkungen. Dabei gelingt ihr dieses nicht immer ganz ungefährliche Kunststück, dass die Handlung dadurch nicht überladen, nicht zu schwer wird. Vielmehr fließen diese Themen wie selbstverständlich in die Zeilen ein, ganz unaufgeregt, nie wertend. Es sind nun mal Themen, die uns alle tagtäglich streifen könnten. Es sind alltägliche Themen, denen wir uns nicht entziehen können, vielleicht auch nicht entziehen möchten.

Bánks Schreibstil ist sehr poetisch in der Form, wie sie Wörter verwendet und dadurch die Sätze zusammenstellt. Durch die Wiederholung der Wörter und der Kreation eigener Wortschöpfungen erhalten ihre Sätze einen sehr besonderen Klang, einen sehr dynamischen Rhythmus. Dank der Leichtigkeit der Melancholie fühlte ich mich beim Lesen nie erdrückt. Zumal die positive Botschaft immer präsent war: Irgendwo ist immer Hoffnung!

Gerade die Advents- und Weihnachtszeit kann sich nach dem Verlust eines geliebten Menschen oder auch „nur“ nach einer Trennung vom Partner sehr bedrückend gestalten: Da blockieren Gedanken an Vergangenes und ein Konglomerat aus vielfachen Gefühlen den Beginn eines Trauer- und somit Heilungsprozesses. Doch trotz Themen wie Trauer und Trauerbewältigung setzt dieses Buch auch einen Appell für die Freundschaft: Freundschaften überstehen durchaus die eine oder andere Zerreisprobe und können haltbarer sein als so manches familiäre Band.

Doch warum – bei all den genannten positiven Attributen – sprang bei mir der Funke nicht über? Ich könnte es lapidar mit dem Spruch „Falsches Buch zur falschen Zeit!“ abtun und zur Tagesordnung übergehen. Doch dann würde ich es mir zu einfach machen. Ich glaube eher, dass hier ein Phänomen zum Tragen kommt, dass mir in der Vergangenheit durchaus schon begegnet ist. Es handelt sich um das Phänomen, dass ein Leser/eine Leserin eine gewisse Reife benötigt, um besondere Geschichten gänzlich begreifen und somit wertschätzen zu können.

Das „Weihnachtshaus“ wandert vorerst wieder ins Regal und bleibt dort so lange, bis ich reif für eine weitere Begegnung bin.


erschienen bei edition chrismon / ISBN: 978-3960381518

[Rezension] Marius Marcinkevičius – Adelheid & Ferkolin/ mit Illustrationen von Lina Dūdaitė

Noch toben die Herbststürme über das Land und hinterlassen eine nebelich-nasse, ungemütliche Welt. Da wünsche ich mir gerne eisige Temperaturen herbei, die die Luft wieder frischer und das Licht wieder klarer erscheinen lassen. Dann liegt plötzlich ein Funkeln auf Bäumen, Wiesen und Wegen, und bei jedem Ausatmen bildet sich eine flauschige Wolke vor den Lippen…

An einem klaren Wintertag, als der Schnee unter den Füßen knirschte, spazierte das kleine Schweinchen Ferkolin unter der strahlenden Wintersonne zum gefrorenen Flüsschen, da kam ihm die Idee: Heut ist der ideale Tag zum Schlittschuhlaufen! Das macht aber viel mehr Spaß zu zweit. So ist er bald mit seiner besten Freundin, der Kuh Adelheid auf dem Weg zum See. Plötzlich machen die beiden eine geheimnisvolle Entdeckung: Jemand unter dem Eis versucht, den beiden etwas zu sagen oder vielmehr: Zu schreiben! Gar nicht so einfach, diese verdrehte, seltsame Sprache zu entziffern – ein SLEW soll es sein, der da von der anderen Seite Botschaften in die dicke Eisschicht kratzt. Wer mag das sein? Und was will dieser SLEW von ihnen?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Autor Marius Marcinkevičius hat eine ganz wunderbare Geschichte erschaffen, die auf so vielen Ebenen berührt. Da ist dieses entzückende Freundespaar, das so völlig ungleich ist. Augenscheinlich gibt es mehr Unterschiede, die sie trennen sollten, doch sie benötigen nur wenige Gemeinsamkeiten, um sich von Herzen zu mögen. Aus Defizite werden plötzlich Stärken, und eine gegenseitige Unterstützung ist selbstverständlich. Dabei vergessen unsere tierischen Helden nicht, ihr Umfeld aufmerksam im Blick zu behalten. Sie schauen über den Tellerrand des eigenen Erfahrungsschatzes und wagen sich in unbekanntes Terrain. Sie sind ängstlich gegenüber fremde Tiere. Doch sie lassen sich von dieser Angst nicht blockieren. Vielmehr siegt ihre Neugier und somit die Freude, neue Freunde kennenzulernen. Dank ihrer ausgeprägten Empathie nehmen sie sehr schnell wahr, dass ihr Gegenüber Hilfe benötigt, und lässt die anfängliche Angst vergessen. Schließlich muss schnell gehandelt werden!

Marcinkevičius erzählt seine Geschichte flott und pointiert voller Charme und Phantasie, die ebenso flott und pointiert vorgelesen werden kann. Durch den dramaturgischen Kniff, dass unsere Helden die Worte nur spiegelverkehrt sehen, werden die kleinen Zuhörer*innen ebenfalls spielerisch animiert, sich mit Buchstaben und Worten zu beschäftigen.

Lina Dūdaitė schuf zu dieser Geschichte gar reizende Illustrationen. Die Welt von Adelheid & Ferkolin scheint wie in rosaroter Zuckerwatte getaucht, wo der Schnee wie flauschige Pudelmützen auf den Bäumen liegt. Die Regeln der Schwerkraft bzw. der Physik setzt sie berückend märchenhaft außer Kraft. Auch amüsierten mich die kleinen Zeichnungen am Seitenrand oder die Skizzen, die im Text „eingebaut“ wurden. Die Farben wurden von ihr so geschmackvoll aufeinander abgestimmt, dass ihre Bilder durch eine pudrige Leichtigkeit bestechen. Grelle, plakative Töne sucht man hier vergeblich.

Solch hinreißende Freunde wie Adelheid & Ferkolin wären jedem Kind (und auch jedem Erwachsenen) zu wünschen, die zeigen, dass es manchmal besser ist, weniger zu grübeln und mehr zu handeln.


erschienen bei bohem / ISBN: 978-3959392228 / in der Übersetzung von Saskia Drude

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!