Der legitime Nachfolger von Joachim Ringelnatz, Heinz Erhardt und Konsorten ist wieder da!
Nach ICH ZAHL’S EUCH REIM. Neue politische Gedichte steht er nun abermals hinter dem Bar-Tresen, kreiert lyrische Cocktails zu allerlei menschlichen Absonderlichkeiten und kredenzt seine Martinis nicht nur gereimt sondern auch noch geschüttelt – mit ein wenig Satire anstatt einer Olive.
Diesmal präsentiert sich Thomas Gsella „ganz privat“, politisches wird tunlichst vermieden (Wer’s glaubt!). Da wird hemmungslos in Vers-Form über Lust und Liebe – gerne auch incl. Orgasmus, sowie passenderweise über Schuld und Sühne schwadroniert. Er thematisiert in Versen Fußball und Zölibat (oder: Zölibat im Fußball?). Allgemein scheint im Leben des Thomas Gsella der Fußball eine feste Größe zu sein, dem er gerne in mannigfachen Facetten – von der WM in Katar über Spielerfrauen bis Frauenfußball – seine Aufmerksamkeit schenkt.
Doch auch mit ganz pragmatischen Alltags-Tipps zu Brückentagen, Grabinschriften und Gehaltsverhandlungen kann er aufwarten und kennt sich nur allzu gut mit so mancher Tücke des Objekts aus, sei es bei Partnerbörsen, dem Schlüsseldienst oder der Post.
Natürlich geht´s nicht gänzlich ohne Politik (s.a. „Vermutungen zu Alice Weidel u.a.“), aber auch hier ist Gsella ganz der innovative Aufklärer, der mit überraschenden Denkanstößen Verständnis beim Gegenüber generiert (ACHTUNG: Ironie). Selbst anlässlich des Todes der Queen findet er tröstende Verse für das trauernde Volk und lotst uns sicher durch das Kalenderjahr mit seinen mannigfaltigen Feiertagen und dem Wechsel der Jahreszeiten.
So manches Mal fordert mich seine Kunst heraus – weniger mit der persönlichen Haltung des Dichters, die zwischen den Zeilen stets sehr deutlich erkennbar bleibt: Da finde ich mich durchaus wieder. Vielmehr reimt er manchmal etwas unorthodox, variiert den Rhythmus und weicht vom erwarteten Reim-Schema ab. Doch mit großer Freude stelle ich mich dieser Herausforderung: Rückt er doch nur allzu gerne auch mit seiner Themenauswahl vom Erwarteten ab.
Jedes, wirklich und wahrhaftig jedes Thema scheint ihm würdig, in Lyrik gebettet zu werden – getreu dem Motto „Wenn es sich reimt, tut es gar nicht mehr so weh!“. Doch es kam durchaus nicht selten vor, dass mir das Lachen beim Lesen einer seiner gereimten Ergüsse spontan im Halse hängen blieb. Mit Thomas Gsella verlasse ich als Leser die gefälligen Pfade und begebe mich auf einen holprigen Untergrund, was es umso aufregender macht, ihn Schritt für Schritt zu erkunden.
Böse, ja, böse sind sie auch, seine Verse, herrlich böse – und so wahr!
AN DIE HETZER & SCHWÄTZER
Ihr Rassisten, die ihr jene tretet, Die das Elend fliehn und den Tyrann, Habt die Lüge Tag und Nacht trompetet: Retter zögen Flüchtlingsboote an.
Wissenschaftler haben nun bestätigt: Nichts an eurer Lüge traf je zu. Doch aus dem, der Tag und Nacht unflätigt, Fallen Fladen wie aus einer Kuh.
Wäre nicht so eklig euer Denken, So verschimmelt euer Wort und faul, Würdet ihr den Kopf nun schamrot senken Und verkünden: „Gut, wir halten’s Maul.“
Thomas Gsella
erschienen bei Kunstmann / ISBN: 978-3956146039
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!
„Hui!“, dachte ich bei mir. „Wenn er da mal nicht zu viel verspricht?!“ Wer plaudert schon aus dem Nähkästchen, gibt pikante Interna preis und verärgert damit die Branche, die einen großgemacht und weiterhin nährt? Nein, das konnte ich mir bei Rainer Moritz nicht vorstellen. Dann doch eher, dass er mit seinem unvergleichlichen Humor auf so manche Kuriositäten blickt, mit kindlicher Freude so einige Absonderlichkeiten bloßlegt und ironisch-heiter sowohl Praktiken wie Taktiken der Branche hinterfragt.
»Es gibt keinen treueren Freund als ein Buch«, sagte schon Ernest Hemingway. Und wie bei unseren Freunden aus Fleisch und Blut wollen wir natürlich auch die aus Papier immer besser kennenlernen und wissen, welche verschlungenen Wege sie zurückgelegt haben, ehe sie bei uns landen. Was tun Agenturen? Welche Bücher helfen uns, guten Schlaf zu finden? Was macht das Fernsehen mit der Literatur? Warum ist es so schwer, über Sex zu schreiben? Welche Bücher schenken wir uns zu Weihnachten? Was steht im Duden? Sind Eselsohren abzulehnen? Was sind Nackenbeißer? Fragen über Fragen, die dieses Buch beantwortet, kurzweilig, abschweifend und informativ – und dank seiner alphabetischen Gliederung auch noch schnell. Es entführt die Leserinnen und Leser in fast alle Ecken und Winkel des Literaturbetriebs – und profitiert davon, dass der Autor die meisten davon gut kennt.
(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)
Von A wie Adventure Writing bis Z wie Zwiebelfisch: Einem Lexikon gleich reihen sich die Schlagworte wie Perlen einer Kette dem Alphabet entlang aneinander.
Handlung, Charaktere, Spannungsbogen: Fehlanzeige! Motto, Widmung, Danksagung: Vergiss es! Hier gibt es nur: Fakten! Fakten! Fakten!
Diese werden allerdings so wunderbar leicht im Plauderton dargeboten, dass ich mich – mir nichts, dir nichts – durch dieses Lexikon fräste, so manches Mal herzhaft auflachte, doch auch voller Verwunderung mit den Augen blinzelte. Wie eingangs bereits erwähnt, hat auch die Buchbranche ihre eigenen „Special Effects“, wie sie in jeder Branche zu finden sind. Einige Angehörige besagter Branche nehmen diese extrem ernst und hüten sie wie einen heiligen Gral. Andere blicken eher entspannt auf sie, arrangieren sich oder tolerieren sie humorvoll. Rainer Moritz scheint definitiv zur letzteren Gattung zu gehören. Zum Glück für uns…!
Mit spitzbübischer Freude stichelt er mal hier, schalkhaft schwatzt er mal dort über Buchmessen, Duden und Eselsohren, über Fräuleinwunder, Gendern und Kultbücher, über Literaturkritik, Me-too-Bücher und (schreibende) Politiker, über Romananfänge, Schafkrimis und Verlagsvertreter und über dieses und über jenes und über noch vieles mehr. Dies macht er so charmant-humorvoll, da verzeihe ich ihm auch, dass er sich hin und wieder ein wenig verplaudert und Themen anspricht, die ich nicht primär der Literatur-Branche zuordnen würde.
Apropos Humor: Ja, mit dem Humor ist es ja so eine Sache. Nicht immer bzw. nicht von jeder/jedem wird er erkannt und als solcher wahrgenommen. Schon bei LESEPARADIESE. Eine Liebeserklärung an die Buchhandlung wurde ihm sein lakonischer Ton von einigen Rezensent*innen als Arroganz ausgelegt. Es wäre leider durchaus vorstellbaren, dass dies auch bei DAS BUCH ZUM BUCH der Fall sein könnte. Da tut mir weniger Herr Moritz leid (Der steckt es sicherlich mit Humor weg!), als vielmehr diese bemitleidenswerten Puristen, denen mit ihrem eingeschränkten Blickfeld so viel Schönes entgeht.
Doch muss auch eine grundsätzliche Frage gestellt werden dürfen: Brauche ich als literaturinteressierter Mensch diese vielen Informationen? Antwort: Nein, ich brauche sie nicht! Vielmehr fallen sie für mich unter die Rubrik „Wissen, das die Welt nicht braucht!“. Doch unterhaltsam war die Lektüre dieses Büchleins allemal. 🙃
erschienen bei OKTOPUS (bei Kampa) / ISBN: 978-3311300540
Nach Rezensionen zu Hörspiel und Graphic Novel schien die Zeit reif – wenn nicht gar: überreif – zu sein für einen echten, unverfälschten „Christie“. So gelungen auch die vielfältigen Adaptionen durchaus sein können, das wahrhaftige „Whodunit“-Feeling stellt sich bei mir nur während der Lektüre eines ihrer Original-Werke ein.
Eigentlich sucht Bobby Jones am Fuß der Klippe nur seinen verschlagenen Golfball. Statt diesem findet er einen dort abgestürzten Mann. Der stirbt mit den rätselhaften letzten Worten: „Warum nicht Evans?“ Die Frage lässt Bobby keine Ruhe, und gemeinsam mit seiner lebenslustigen Freundin Frances macht er sich auf die Suche nach ihrer Bedeutung. Spätestens als Bobby mit einem zweifelhaften Angebot außer Landes gelockt werden soll und ein Mordanschlag mit Gift fehlschlägt, ist klar: Es war kein Unfall, und wer immer dahintersteckt, wird sich nicht so leicht zu erkennen geben.
(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)
Die mir bereits bekannte und schon oft erlebte Sog-Wirkung hatte wieder eingesetzt: Ab Kapitel 1 war ich verfallen und nutzte jede Gelegenheit, um zu lesen. Wenn sich zudem bei mir der bekannte Effekt einstellt, dass ich am Ende eines Kapitels denke „Ach, eins schaff’ ich noch!“, spricht dies für die Qualität der Geschichte.
Agatha Christie hat im Laufe ihrer jahrzehntelangen Karriere durchaus Werke unterschiedlicher Güte zu Papier gebracht, ohne je ein gewisses Niveau zu unterschreiten. So konnte ihre Leserschaft sicher sein, egal welches Werk gewählt wurde, zumindest einen soliden Krimi, der zu unterhalten weiß, in den Händen zu halten. Doch aus diesem prachtvollen Collier strahlen einige Brillanten besonders hervor und zeugen für das schriftstellerische Können der Autorin: Da wären Titel wie MORD IM ORIENTEXPRESS, VORHANG, 16 UHR 50 AB PADDINGTON, TÖDLICHER IRRTUM sowie UND DANN GAB’S KEINES MEHR zu nennen. EIN SCHRITT INS LEERE darf sich ebenfalls in diese illustre Runde einreihen.
Da werden die beiden jungen Held*innen zwar sympathisch aber nicht frei von Fehlern und Allüren porträtiert. Um sie herum spinnt die Autorin geschickt eine feine Vita, die als plausible Erklärung für deren Verhalten überzeugt. Als vierter und somit jüngster Sohn eines Landpfarrers wohnt Bobby Jones nach seiner Entlassung aus der Navy wieder bei seinem Vater und hat Mühe, sein Leben in eine neue Richtung zu lenken. Noch aus Kindertagen kennt er Lady Frances Derwent, die mit aristokratischer Herablassung und dank Papas großzügigen Zuwendungen sehr unbeschwert und sorgenfrei lebt bzw. sich langweilt. Da bereitet ihr die Wahl des passenden Hutes durchaus schon Kopfschmerzen. Es war mir eine Freude, die kurzweiligen Dialoge der beiden zu folgen: In einer wunderbar leichten und ironisch-humorvollen Art kommunizieren sie miteinander und zeigen dabei die Arroganz der Jugend gegenüber der älteren Generation. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, umso mehr verändert sich die Haltung unseres jugendlichen Duos: Beide durchlaufen einen Reifungsprozess, wodurch die Figuren an Tiefe gewinnen.
Agatha Christie vereint hier abermals die Charakteristika, die ich so sehr an ihren Werken schätze. Wie bereits erwähnt, überzeugt die Autorin in EIN SCHRITT INS LEERE durch geschliffene Dialoge. Diese bettet sie in eine im besten Sinne verwirrende Geschichte ein, deren Plot sich in mannigfaltige Richtungen entwickelt und eine gediegene Schar an prägnanten Protagonist*innen bietet, bei denen nie sicher war, wer Freund und wer Feind ist. So führen so manche Hinweise nicht nur unseren Held und unsere Heldin in die Irre, auch ich selbst tappte im Dunkeln. Doch Christie verstand es abermals, dieses Knäul meisterlich zu entwirren, und präsentierte mir eine Lösung, die keine Fragen unbeantwortet ließ und mich somit wie durch Zauberhand aus dem Nebel der Unwissenheit befreite.
Die „Queen of Crime“ hat sich mit diesem Kriminalroman wieder von ihrer allerbesten Seite gezeigt!
erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455011852 / in der Übersetzung von Michael Mundhenk
Suleyken: dieses kleine ostpreußische Dorf im Masurenland, das mit seinen knapp über 300 Einwohnern und ohne Anschluss an eine Bahnverbindung kaum einer Erwähnung wert wäre. Hätte es da nicht diesen Literaten gegeben, der den dort lebenden Menschen mit seinen Geschichten ein literarisches Denkmal setzte.
Siegfried Lenz lässt als Ich-Erzähler die Leserschaft sehr nah an sich und seine Figuren heran. Da werden wir direkt von ihm angesprochen und aufgefordert, uns einen eigenen Eindruck von den manchmal merkwürdig anmutenden Geschehnissen in Suleyken zu machen. So lernen wir Hamilkar Schaß, den Großvater des Erzählers, kennen, der als hochgebildet gilt, da er eine ausgeprägte Liebe zur Literatur pflegt. Diese Liebe ist so mächtig, dass weder ein dramatischer feindlicher Überfall noch die Einberufung zu den Kulkaker Füsiliere seine Lese-Sucht stoppen kann. Dank dieser Sucht bleibt unser wackerer Hamilkar Schaß selbst bei den zähen Verhandlungen um die Poggenwiese völlig entspannt und lässt sich durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen. Der Erfolg gibt ihm Recht.
Doch auch die anderen Leut’ in diesem kleinen Dorf bezaubern durch eine listige Bauernschläue und einem recht ursprünglichen Gefühl für Ehre. Bei ihrer sehr eigensinnigen Auslegung von Recht und Ordnung, die durchaus auch sehr handgreiflich ausgetragen werden kann, sind sie niemals bösartig, hinterhältig oder gemein. So würde Alec Puch nie von Diebstahl sprechen, wenn er für sich und seine Söhne Köstlichkeiten für das Osterfest „organisiert“ (s.a. DER OSTERTISCH). Ich glaube, dass das Adjektiv „plietsch“ es am ehesten beschreibt.
Der Obrigkeit stehen die Bewohner*innen von Suleyken durchaus mit Respekt, doch nicht übermäßig ehrerbietig gegenüber. Verordnungen sind dafür da, – Naja! – um für Ordnung zu sorgen. Doch oftmals entspricht diese Ordnung nicht den Vorstellungen der Dorfbewohner*innen. Da beherbergt Jadwiga Plock, die – obwohl seit Jahren Witwe – es sich nicht nehmen lässt, regemäßig strammen Kindern das Leben zu schenken, eine mehr-köpfige Gesundheits-Kommission äußerst geduldig und gastfreundlich in ihrem Heim. Diese Kommission ist extra zusammengekommen, um die Plocksche Kinderschar zu impfen. Dumm nur, dass diese sich direkt nach Ankunft im nahen Wald versteckt hat und erst wieder auftaucht, als die Kommission nach Wochen des Ausharrens unverrichteter Dinge wieder abzieht.
Vielmehr tragen die Suleykener*innen ein gütiges Herz in ihrer Brust, das oftmals auch auf der Zunge zu finden ist. Doch manches Mal schlägt dieses Herz so voller Macht bis zum Hals, dass das Sprechen kaum möglich scheint. Wie sonst wäre der ungewöhnliche Heiratsantrag zu erklären, den der große, schweigsame Holzfäller Joseph Waldemar Gritzan seiner angebeteten Maid Katharina Knack macht (s.a. EINE LIEBESGESCHICHTE). So lässt der Autor vor unserem inneren Auge prägnante Porträts von einfachen Menschen entstehen, die stets sehr viel Wärme ausstrahlen und nie die Wertschätzung vermissen lassen.
Doch schon im Jahre 1955, als Siegfried Lenz diese zwanzig gar kunstvollen „Masurischen Geschichten“ zu Papier brachte, gab es das von ihm beschriebene Masurenland nicht mehr. Selbst direkt um die Ecke in der Stadt Lyck geboren, wurde Suleyken für ihn zum Sehnsuchtsort seiner Kindheit, zur Erinnerung an eine längst vergangene Zeit. Seine Figuren sind urwüchsig, skurril und gütig. Sie stolpern von der einen in die nächste unglaubliche Geschichte, die Lenz liebevoll mit schelmischen Witz, feiner Sensitivität und einem unverwechselbaren Charme erzählt.
Ach, Syleyken, du bist mir so sehr ans Herz gewachsen!
erschienen bei Hoffmann und Campe / ISBN: 978-3455405309
ebenfalls erschienen bei Fischer/ ISBN: 978-3596203123 und 978-3596520879
Da kann ein Autor bzw. eine Autorin noch so fleißig sein und Romane, Erzählungen, Essays und Gedichte in Hülle und Fülle aufs Papier bannen. Doch so manches Mal ist es „nur“ ein einziges Werk, das im kollektiven Gedächtnis haften bleibt und scheinbar für immer und ewig stellvertretend für alle anderen Werke in einem Atemzug mit dem Namen des Verfassers/der Verfasserin genannt wird.
Wer denkt bei MORD IM ORIENTEXPRESS nicht augenblicklich an Agatha Christie. Beim Klang des Namens Thomas Mann kommt uns sofort BUDDENBROOKS in den Sinn. Und kann jemand ein weiteres Werk von Johanna Spyri – abgesehen von HEIDI – nennen? Auch Arthur Conan Doyle gelang dieses Kunststück mit DER HUND DER BASKERVILLES.
Bastian Pastewka, Schauspieler, Komiker, Drehbuchautor, Synchronsprecher u.v.m. hegt eine tiefe Liebe zu den Krimi-Hörspielen der Vergangenheit und frönt dieser hemmungslos in seinem Podcast KEIN MUCKS! – Der Krimi-Podcast – zwischenzeitlich in der 5. Staffel. Wen wundert’s, dass er dem Angebot nicht widerstehen konnte, zu diesem Krimi-Klassiker nicht nur die Hörspielfassung zu erstellen sondern auch die Regie zu übernehmen.
Der Landarzt Dr. Mortimer fürchtet um das Leben des jungen Sir Henry Baskerville, der aus Amerika anreist um im Dartmoor sein Erbe anzutreten. Er ist der letzte aus dem Geschlecht der Baskervilles. Sein Onkel Sir Charles starb vor kurzem an einem Herzinfarkt, als er allein in der Dunkelheit wartete. Sein ganzes Leben lang fürchtete er den Fluch der Baskervilles in Form eines riesigen Hundes, und nun sieht es so aus, als hätte eben dieser Hund aus der Hölle ihn in den Tod geängstigt. Auch Sir Henry hat schon eine anonyme Warnung erhalten, die ihn vor dem Einzug auf Baskerville Hall warnte. Zudem verschwanden erst ein neuer Stiefel und dann ein alter Stiefel von ihm. Nur der neue Stiefel tauchte wieder auf, was Sherlock Holmes nachdenklich stimmt. So schickt er Dr. Watson gemeinsam mit Sir Henry und Dr. Mortimer nach Dartmoor, damit er ein wachsames Auge auf den jungen Erben werfen kann. Auf Baskerville Hall werden die Herren vom alten Haushälter-Ehepaar Barrymore begrüßt, die – wie sich im Verlauf des Aufenthaltes zeigt – ein dunkles Geheimnis verbergen. Der Bruder von Mrs. Barrymore ist aus dem Gefängnis geflohen, versteckt sich nun im Moor und wird von den Barrymores mit Nahrung und der alten, abgelegten Kleidung von Sir Henry versorgt. Dies wird dem Flüchtigen zum Verhängnis, da der geheimnisvolle Hund ihn als Sir Henry wittert, anfällt und so tödlich verletzt. Sir Henry findet Gefallen an der jungen Beryl Stapleton, die mit ihrem Bruder Jack, einem Insektenforscher, in der Nachbarschaft lebt. Jack Stapleton scheint von der Freundschaft seiner Schwester zu Sir Henry wenig angetan zu sein und reagiert höchst verdächtigt. Dies alles beunruhigt Dr. Watson ebenso, wie der geheimnisvolle Fremde, der sich im Moor versteckt und die Geschehnisse rund umBaskerville Hall zu beobachten scheint…!
2 CDs/ Der Hund der Baskervilles (2014) von Arthur Conan Doyle/ Hörspielbearbeitung & Regie: Bastian Pastewka/ Übersetzung: Gisbert Haefs/ Musik: Henrik Albrecht/ mit Frank Röth, Gerhard Garbers, Thomas Kügel, Peter Jordan, Robert Gallinowski, Debora Weigert, Walter Renneisen, Johanna Gastdorf, Ulrich Voß, Susanne Pätzold, Jochen Striebeck u.a.
Die Neu-Auflage einer alten Geschichte im Gewand des Hörspiels kommt überraschend unaufgeregt, beinah von überflüssigen Ballast befreit um die Ecke. Alle Ingredienzien, wie sie bei den Verfilmungen und Hörspiel-Fassungen der Vergangenheit bemüht wurden und die Story gerne in Richtung Mystery, Horror und Gothic rückten, wurden hier tunlichst vermieden. Vielmehr baut Bastian Pastewka bei seiner Fassung ganz auf die Kraft des Originals. Schließlich präsentierte der Autor Arthur Conan Doyle hier eine gut skizzierte Handlung mit prallen Charakteren und überraschenden Wendungen. So bemüht Pastewka den legendären Hund auch nur wohldosiert und lässt die Spannung sich aus dem Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Personen entwickeln. Musik und Ton-Technik gelingt bestens die schwierige Aufgabe, das Klangbild fein zu beeinflussen und so für die unverzichtbare Atmosphäre in einem Sherlock Holmes-Krimi zu sorgen, ohne hier mit billigen Effekten zu übertreiben.
Wie nicht anders bei einer Produktion des Westdeutschen Rundfunks zu erwarten, wurde wieder ein erlesenes Ensemble zusammengestellt: Frank Röth gibt den Meisterdetektiv Sherlock Holmes mit präziser Artikulation, analytischem Habitus und einem Hauch Arroganz. Der Dr. Watson von Gerhard Garbers ist da deutlich rustikaler, ohne trottelig zu wirken, und meistert zudem die schwierige Aufgabe, als Erzähler die Aufmerksamkeit der Zuhörenden auf ein hohes Niveau zu halten. Peter Jordan stattet Sir Henry Baskerville mit einer aristokratischen Schnöseligkeit aus, ohne an Sympathie einzubüßen. Bei Robert Gallinowski ist Jack Stapleton von einer schmierigen Freundlichkeit, er lässt aber die Gefährlichkeit in seiner Stimme unterschwellig mitschwingen. Debora Weigert erscheint als Beryl Stapleton zwar durchaus überzeugend verängstigt aber mimt erfreulich wenig das hilfsbedürftige Weib, das auf ihren edlen Retter wartet. Inspector Lestrade wirkt in der Interpretation von Jochen Striebeck äußerst handfest und zupackend, so als könnte ihn irgend so eine Töle im Moor nicht ängstigen. Selbst für die wenigen Sätze einer Mrs. Barrymore konnte die wundervolle Johanna Gastdorf als Sprecherin gewonnen werden.
Bastian Pastewka bleibt bei seiner Bearbeitung sehr nah an der originalen Vorgabe, nimmt zwar die für eine Hörspielfassung unumgänglichen Kürzungen vor, vermeidet allerdings den Handlungsablauf zu verfälschen. Und doch überrascht er am Ende der Geschichte mit einer so genannten „kriminal-kritischen Analyse“, indem er Holmes die Aussage treffen lässt:
„Wenn man seinen Standpunkt erst einmal verändert hat, dann wir gerade der belastenste Beweis zum Schlüssel für die Wahrheit!“
Dies bedeutet so viel, dass unter Berücksichtigung aller vorliegenden Fakten in Kombination mit dem gesunden Menschenverstand auch eine andere Lösung des Falls möglich wäre,…
…eine Lösung des Falls, die erschreckend plausibler erscheint, als die, die Conan Doyle sich erdachte. Ich hörte dies und war verwirrt: Als meine Verwirrung sich peu à peu auflöste, und ich mich langsam von diesem Schock erholt hatte, brach ich in schallendes Gelächter aus.
Da hatte der Schelm Pastewka meine schöne bequeme und über Jahre antrainierte Sicht auf die Welt von Sherlock Holmes kräftig durcheinander gewirbelt. Und gleichzeitig passt dieses durchaus möglich erscheinende Alternativ-Ende, das raffiniert konzipiert und ebenso vertont wurde, ganz und gar wunderbar in den bekannten Holmes-Kosmos.
Chapeau!
Doch lassen wir den Regisseur gerne selbst zu Wort kommen:
erschienen bei Der Hörverlag/ ISBN: 978-3844515152
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Hör-Exemplar!
In der Ferne hört man den typischen Lärm der Großstadt, hastige Schritte hallen auf nassem Asphalt, ein Schuss durchbricht die Sille der einsamen Straße, und der durchdringende Schrei einer Frau prallt als Echo von den Häuserwänden ab,…
…und erst nach diesem dramatischen Opener erklang die Titelmelodie:
Hach, war das damals nicht herrlich? Da versammelte sich die Familie kollektiv vereint vor dem Radio, um einer weiteren Folge einer der damals so beliebten Krimi-Hörspiele zu lauschen. Ein Fernsehapparat war damals noch eine sehr teure Anschaffung, die sich nur wenige Gutbetuchte leisten konnten. Die Mehrheit saß vor dem Radio und kreierte die Bilder mit viel Fantasie und mit Hilfe der akustischen Vorgaben aus den Rundfunkanstalten im eigenen Kopf.
Dabei waren die Verantwortlichen auf ihrer Suche nach spannenden Stories durchaus sehr erfindungsreich, griffen auf bekannte und bewährte Vorlagen zurück oder ließen eigene Krimi-Formate entwickeln. Viele der hier genannten Formate waren so beliebt und erfolgreich, dass sie es auch als Serie ins Fernsehen schafften. Warum auch nicht: Die bekannten Figuren waren schon so etabliert, dass die Wahrscheinlichkeit, sie würden auch mit Ton und Bild ebenso erfolgreich sein, als sehr hoch einzuschätzen war. So sollte es auch sein.
In der Zwischenzeit haben sie alle, die Hörspiele ebenso wie die Serien mit ihrem schwarz-weißen Retro-Charme, einen wahren Kultstatus erreicht. So peu à peu werden die alten Krimi-Hörspiele aus ihrem erzwungenen Dornröschen-Schlaf in den Archiven der Rundfunkanstalten befreit. Unter der Rubrik KRIMI KULT KISTE hat „der Hörverlag“ einige dieser Schätzchen wieder ausgegraben und sich hierbei auf die Werke des Schriftstellerehepaars Alexandra und Rolf Becker sowie der beiden Engländer Francis Durbridge und Lester Powell konzentriert. Entstanden sind insgesamt sieben Editionen mit jeweils 3 Hörspiele auf (durchschnittlich) 10 CDs, aus denen dieses BEST OF zusammengestellt wurde, das einen wunderbaren Querschnitt bietet und mir äußerst unterhaltsame wie spannende Hör-Stunden bescherte.
3 CDs/ Gestatten, mein Name ist Cox. Tod auf Gepäckschein 3311 (1959) von Alexandra & Rolf Becker/ Regie: Walter Netzsch/ mit Carl-Heinz Schroth, Konrad Georg, Karin Jacobsen, Siegfried Lowitz, Ulrich Bernsdorff, Uli Steigberg, Heinz Leo Fischer, Elisabeth Linhardt, Ursula Kube u.a.
4 CDs/ Paul Temple und der Fall Lawrence (1958) von Francis Durbridge/ Regie: Eduard Hermann/ mit René Deltgen, Annemarie Cordes, Kurt Liek, Ingeborg Schlegel, Robert Neugebauer, Carl Brückel, Willi Zickel, Peter René Körner, Herbert Hennies, Hans Fuchs, Karl-Heinz Bender, Magda Hennings u.a.
4 CDs/ Die Dame mit den grauen Löckchen (1959) von Lester Powell/ Regie: A.C. Weiland/ mit A.C. Weiland, Brigitte Dryander, Christa Adomeit, Heinz Pielbusch, Erich Herr, Hans Dilg, Friedrich Otto Scholz, Susanne Heym, Ernst Köstling, Margot Schönberger u.a.
Bonus-CD/ Kaum zu glauben (1962) von Francis Durbridge/ Regie: Heinz-Günter Stamm/ mit Eberhard Müller-Elmau, Martin Benrath, Gisela Zoch-Westphal, Alexander Kerst, Susanne Korda, Erwin Faber, Ernst Fritz Fürbringer, Horst Sachtleben, Hans Eichleiter u.a.
Wie meine verehrte Leserschaft vielleicht schon bemerkt hat, habe ich mir nicht die Mühe gemacht, für jedes Hörspiel eine Kurzfassung der Handlung zu erstellen. Es schien mir auch nicht nötig. Jede*r Krimi-Freund*in kennt das eine oder andere Hörspiel. Alle Unwissenden müssen sich nun eben auf meine Lobhudelei verlassen. Und dieses BEST OF KRIMI KULT KISTE bietet einen ganz wunderbaren Einstieg in die Materie. Schenkt sie der Zuhörerschaft doch alles, was sie für einen unterhaltsamen Krimi-Abend benötigen. Da sind zum einen die aufregenden Original-Geschichten der versierten Autor*innen, die ganz wunderbar gealtert sind und trotz Remastering glücklicherweise ihre charmante Patina nicht verloren haben. Natürlich darf bei einem Radio-Hörspiel die Musik nicht fehlen, die als Original-Kompositionen sowohl als Titel- und somit Erkennungs-Melodie zum Einsatz kam als auch zur atmosphärischen Untermalung diente. Apropos „Atmosphäre“: Hier machte auch die Tontechnik einen ganz hervorragenden Job und schuf für jeden Raum den passenden Hall, für jede Situation das passende Ambiente.
Und dann waren da noch die herausragenden Sprecher*innen, die alle Könner*innen ihres Fachs waren. Aus der Fülle an Namen möchte ich nur einige exemplarisch nennen: René Deltgen schlüpfte hier in die Rolle des plitschen Privatdetektivs Paul Tempel, bevor er später als Edgar Wallace Bösewicht „Der Hexer“ auch im Kino für Furore sorgen sollte. Ernst Fritz Fürbringer war prädestiniert für destingierte, doch auch undurchsichtige Charaktere, wie er sie später gerne in Krimi-Serien wie „Derrick“ verkörperte. Gisela Zoch-Westphal galt als eine der wichtigsten Stimmen für Hörbuch/Hörspiel und legte ihr Augenmerk auf Vertonungen der Werke von Schriftstellerinnen wie Ingeborg Bachmann, Katherine Mansfield und (insbesondere) Mascha Kaléko. Mir ging das Herz auf, als die Stimmen von Carl-Heinz Schroth und Siegfried Lowitz erklangen, die als Paul Cox und Kriminalinspektor Carter zwar beide auf der Seite von Recht und Ordnung stehen, dabei aber sehr unterschiedliche, sich konkurrierende Methoden anwenden. Auch sie sollten beide später Fernsehgeschichte schreiben. All diesen tollen Schauspieler*innen zu lauschen, die ihr Handwerk noch verstanden, bereitete mir eine außerordentliche Freude.
Darum: Gönnt euch dieses BEST OF KRIMI KULT KISTE, dimmt das Licht, huscht mit einem Getränk eurer Wahl und ein paar Knabbereien unter die Wolldecke, und dann steht einem gemütlichen Abend vor dem CD-Player nichts mehr im Wege.
Euch gelüstet es nach mehr Krimi-Spaß im Retro-Charme? Dann schaut euch gerne das Video KEIN MUCKS! in concert an. Bastian Pastewka lässt gemeinsam mit dem WDR Rundfunkorchester den Sound der legendären Krimis aus den 50er und 60er Jahren wieder aufleben und kredenzt zusätzlich herrlich amüsante Anekdoten.
erschienen bei Der Hörverlag/ ISBN: 978-3844525946
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Hör-exemplar!
Seit Oktober des letzten Jahres liegt dieser Roman auf meinem SuB und wartet darauf, dass ich ihn endlich aus seinem durchsichtigen Cellophan-Kleidchen befreie. Mehrfach hielt ich ihn schon in der Hand, trug schwer an seinem Gewicht, wiegte ihn unschlüssig hin und her, zauderte und legte ihn dann doch wieder zurück. Nur zu gut erinnerte ich mich an den letzten „Galbraith“, der mir zwar durchaus sehr gefiel aber auch mit „parallel abgedruckte Chat-Verläufe, Auszüge aus Twitter-Accounts, lange Dialog-Passagen über mehrere Seiten, ein üppiges Handlungspersonal mit Klarnamen und Internet-Pseudonymen“ (Zitat aus meiner damaligen Rezension) meine Konzentration extrem herausforderte. Zudem waren mir meine Versuche noch recht präsent in Erinnerung, diesen schweren „Backstein“, der aus 1343 Seiten bestand, in einer für mich halbwegs angenehmen Art zu händeln.
Und darum lag sein Nachfolger nun schon so lange auf meinem SuB, bis ich vor einigen Tagen ein gänzlich anderes Buch suchte, dies zwar nicht fand, dafür aber wieder diesen Roman in der Hand hin und her wiegte. Aus einem spontanen Impuls heraus riss ich ihm sein Kleidchen vom papierenen Leib und begann zu lesen…
Cormoran Strike wird von einem besorgten Vater kontaktiert, dessen Sohn Will sich im ländlichen Norfolk einer undurchsichtigen Glaubensgemeinschaft angeschlossen hat. Die Universal Humanitarian Church ist nach außen hin eine friedfertige Organisation, die sich für eine bessere Welt einsetzt. Doch Strike entdeckt bald, dass unter der harmlosen Oberfläche böse Machenschaften und unerklärte Todesfälle lauern. Um Will zu retten, reist Strikes Geschäftspartnerin Robin Ellacott nach Norfolk, um sich der Sekte anzuschließen und inkognito unter den Mitgliedern zu leben. Doch sie ist nicht auf die Gefahren vorbereitet, die sie dort erwarten, geschweige denn auf den Preis, den sie wird zahlen müssen …
(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)
Auch wenn Robert Galbraith aka Joanne K. Rowling meinen Handgelenken eine Erleichterung von 47 Seiten schenkte, die dieser Schmöker weniger als sein Vorgänger auf die Waage bringt, ist auch er mit 1296 Seiten wahrlich kein Leichtgewicht. Doch trotz dieser Fülle hatte ich während der Lektüre zu keiner Zeit das Gefühl, es wäre ein „Zuviel“. Im Gegenteil: Galbraith/Rowling baute auch diesmal die Handlung wieder äußerst raffiniert auf, so dass sie sich erst Schritt für Schritt steigerte, um mich dann beim großen Showdown mit unvorhersehbaren Wendungen zu überraschen. Dabei verteilte sie die Geschehnisse auf viele Kapitel mit überschaubaren Seitenzahlen. Dies erzielte bei mir den bekannten Effekt, dass ich am Ende eines Kapitels dachte „Ach, eins schaff’ ich noch!“. Ruckzuck hatte ich so – statt der anfangs geplanten ½ Stunde – über STUNDEN in meinem Lieblingssessel verbracht, um zu lesen.
Die Szenen, die bei der Universal Humanitarian Church spielen, sind wahrlich keine leichte Kost. Die dort praktizierte menschenverachtende Haltung erinnerte mich an Vorgehensweisen totalitärer Regime, die die Menschen mit Unterdrückung und Angst geißeln, um ihre dogmatischen Lehren mit aller Macht durchzusetzen. Die Szenen sind sehr plastisch beschrieben, wühlen emotional auf und zeugen in ihrer Detailliertheit von einer akribischen Recherche der Autorin.
Abermals staunte ich über Rowlings Talent, Dialoge schlüssig, glaubhaft, beinah organisch zu entwickeln und dabei nah an der Gefühlswelt der Protagonist*innen zu sein. Sowohl den Haupt- wie auch den Nebenrollen schenkte sie den nötigen Raum, um abermals zu reifen. Dazu verriet sie bisher unbekannte Details oder setzte sie herausfordernden Situationen aus, wodurch das Profil des jeweiligen Charakters deutlich an Schärfe gewann. So hielten – neben der Haupthandlung – auch die zwischenmenschlichen Irrungen und Wirrungen der Protagonisten so manche Überraschung bereit und sorgten dafür, dass mich die Held*innen – allen voran natürlich Cormoran Strike und Robin Ellacott – nicht eine Sekunde lang langweilten.
Und wie schon am Ende meiner Rezension zu DAS TIEFSCHARZE HERZ fordere ich auch nun: Wann gibt es bei den Kriminalromanen von Robert Galbraith endlich die längst überfällige Änderung im Titel: Ein Fall für Cormoran Strike sollte abgelöst werden von Ein Fall für Strike und Ellacott – Robin hätte es mehr als verdient!!!
erschienen bei Blanvalet / ISBN: 978-3764508654 / in der Übersetzung von Wulf Bergner,Christoph Göhler und Kristof Kurz
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!
Er zählt zu den herausragenden Komponisten in der Musikgeschichte. In den 57 Jahren, die er auf Erden verweilen sollte, kreierte eine wahre Fülle an Kompositionen. Sinfonien, Klaviersonaten, Streichquartetts, Messen, Kantaten, Singspiele und die Oper FIDELIO sowie eine Vielzahl an Liedern und Kanons stammen aus seiner Feder und zeugen von einer immensen künstlerischen Kraft. Da ist es mehr als selbstverständlich, dass er – neben Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart – im Portfolio des Annette Betz-Verlages in der Reihe „Das Musikalische Bilderbuch“ auftaucht.
Musste ich mich bei DER KLASSIK-KANON mit einem knappen Lebenslauf auf 4½ Seiten begnügen, nimmt sich hier Autorin Lene Mayer-Skumanz den nötigen Raum und erlaubt einen deutlich detaillierteren Blick auf das Leben von Ludwig van Beethoven. Die Irrungen und Wirrungen dieses außergewöhnlichen Künstlerlebens beschreibt sie mit leichter Feder und vermeidet dabei wohltuend eine pure Aneinanderreihung von Fakten, das schnell sehr oberflächlich hätte wirken können. Vielmehr lässt sie ihre Leser*innen auch an der Tragik im Leben des Künstlers teilhaben und porträtiert dessen manchmal recht schwierigen Charakter immer mit Respekt und Sympathie.
Nun ist Leben und Werk dieses Komponisten eng miteinander verbunden, da er überwältigende Kompositionen oft aufgrund einer persönlichen Not, einer Schwärmerei oder einer unerwiderten Liebe schuf und so seine Emotionen in eine enorme musikalische Kreativität umwandelte. So gibt es im gelungenen Text von Mayer-Skumanz auch immer wieder Hinweise auf den jeweiligen Lebensumstand zu den im entsprechenden Zeitraum entstandenen Kompositionen, von denen etliche auf der beigefügten CD zu finden sind. Hier ist dem Verlag eine gute Auswahl gelungen: Wenn auch oftmals „nur“ in Auszügen bietet die Musikauswahl einen gelungenen Querschnitt aus Beethovens Œuvre. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass im Text die entsprechende Track-Nummer vermerkt worden wäre, um mir eine Verknüpfung zwischen Text, Musik und Bild zu erleichtern.
Die Illustrationen von Winfried Opgenoort nehmen immer wieder Bezug auf im Text erwähnte Details und erinnern an die Gemälde des Klassizismus. Die Attribute dieser Epoche „Gleichmaß und Harmonie“ finden sich auch hier wieder: So sorgt Opgenoort innerhalb seiner Zeichnungen für beinah filmische Übergänge bzw. Überblenden, schafft es so, mehrere Handlungsebenen miteinander zu verbinden und lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachtenden immer wieder auf interessante Kleinigkeiten.
Entstanden ist ein gelungenes Lese-, Bilder- und Hör-Buch für die ganze Familie, das sowohl lehrreich aus dem Leben und Wirken dieses einzigartigen Komponisten berichtet, dabei aber auch höchst unterhaltsam und kurzweilig daherkommt.
erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219116694
O je, da habe ich es doch tatsächlich wieder getan. Und das, obwohl ich mir beim letzten Mal so sicher war, dass es nicht noch einmal passieren würde. Ich bin leider dem neusten Streich aus dem Carlsen-Verlag, der unter der Rubrik „Agatha Christie Classics“ veröffentlicht wurde, abermals auf den Leim gegangen. Alles, wo Agatha Christie draufsteht, scheint beinah eine unwiderstehliche Sog-Kraft auf mich auszuüben. Vielleicht ist dies auch meinem unausgesprochenen Wunsch geschuldet, endlich eine Comic-Adaption einer Christie-Geschichte in den Händen zu halten, die beides – korrekte Wiedergabe des Inhalts und ansprechende Illustrationen – für mich zufriedenstellend miteinander verbindet.
Bedauerlicherweise habe ich bis jetzt eine entsprechende Graphic Novel noch nicht gefunden…!
In der Bibliothek des Landhauses des Ehepaares Bantry wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Sie wurde augenscheinlich erwürgt. Dolly Bantry zieht ihre alte Freundin Miss Marple hinzu, da sie befürchtet, dass ihr Mann hinter vorgehaltener Hand immer als Verdächtiger gelten würde, sollte der Mord nicht aufgeklärt werden. Da es keinen Hinweis auf eine Verbindung zwischen der Toten und dem Ehepaar gibt, versucht man anhand von Vermisstenmeldungen den Namen der Toten zu ermitteln. Dem Alter nach kommt nur die Pfadfinderin Pamela Reeves infrage, ihre Beschreibung passt aber nicht zu der der Toten. Dann trifft die Vermisstenmeldung von Ruby Keene ein. Sie wird von ihrer Cousine Josie Turner identifiziert, die – wie auch Ruby – als Tänzerin im nahe gelegenen Majestic Hotel in Danemouth arbeitete. Kurzerhand quartieren sich die beiden Damen im besagten Hotel ein, wo Miss Marple den Täter zur Strecke bringen will – mit viel Gespür und noch mehr Verstand. Doch sowohl die ermittelnden Polizeibeamten wie auch Miss Marple werden mit allerlei verdächtigen Personen konfrontiert. Zum einen sind da die verwitweten Schwiegerkindern des vermögenden Mr. Jefferson, der eine gewisse Zuneigung zu Ruby Keene entwickelt hatte und ihr einen erheblichen Teil seines Vermögens vermachen wollte. Dann gibt es da noch einen sehr nervösen jungen Mann namens Bartlett und den im Filmgeschäft tätigen Basil Blake. Allerdings haben die Schwiegerkinder zur Tatzeit ein Alibi. Bartlett verhält sich zwar verdächtig, hat allerdings kein Motiv, und Blake war mit dem Mädchen kaum bekannt. Doch wenig später wird die Leiche einer weiteren jungen Frau im ausgebrannten Wagen von Bartlett gefunden…
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Die wesentlichen Details der Handlung hat Dominique Ziegler bei seiner Konzeption des Comics durchaus berücksichtigt und gibt diese nachvollziehbar wieder. Zwangsläufig musste er einige Passagen kürzen bzw. das Handlungspersonal entsprechend reduzieren, um dem vorgegebenen Rahmen einer Graphic Novel gerecht zu werden. Leider ließ er einige Personen sehr unsympathisch und schon beinah abstoßend arrogant wirken, wieder anderen legte er so manche hohle Plattitüde in den Mund, die absolut unglaubwürdig und somit unpassend zur Szene wirkte.
Die Zeichnungen von Olivier Dauger sind zwar detailreich, wirken allerdings in ihrer einheitlichen „Ausleuchtung“ ohne jegliche Schattierung sehr steril und ließen darum an Atmosphäre deutlich vermissen. Bei der Physiognomie des Handlungspersonals zeigte er durchaus Abwechslung in der Gestaltung. Ob die jeweilig gewählte Optik nun überzeugt, muss jede*r Betrachter*in der Geschichte selbst für sich entscheiden. Ich hätte mir bei einigen Figuren durchaus mehr Charakter – insbesondere bei Miss Marple – gewünscht.
Ist es so, dass das Genre der Graphic Novel mir nicht zu liegen scheint? Das, was den Stil diese Genres ausmacht, entspricht anscheinend so ganz und gar nicht meinen Erwartungen. Doch bin ich deswegen nun enttäuscht oder frustriert? Ja, durchaus, vielleicht ein wenig! Mein Wunsch, eine gelungene Comic-Adaption eines Christie-Klassikers genießen zu dürfen, ist doch recht groß. Und so werde ich hoffnungsvoll wohl auch die nächste Veröffentlichung HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN, die für Herbst dieses Jahres angekündigt ist, genau unter die Lupe nehmen.
Die Hoffnung stirbt eben zuletzt…!
erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551794130 / in der Übersetzung von Thomas Schöner
ebenfalls erschienen als Roman bei Atlantik / ISBN: 978-3455650051 und als Hörbuch bei DER HÖRVERLAG / ISBN: 978-3899407860
Vielleicht geht´s euch auch so: „Eigentlich“ (Ich bitte, meine Wortwahl zu beachten!) kenne ich doch schon recht viele klassische Kompositionen. „Die vier Jahreszeiten“ von Vivaldi haben sich zu wahren Evergreens gemausert. Wenn Mozart seinen Helden Tamino in „Die Zauberflöte“ von „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ schwärmen lässt, bin ich nur allzu gerne bereit, mich ebenfalls dem Schwärmen hinzugeben. Natürlich weiß ich auch, wo Tschaikowski die Rohrflöten zum Tanzen bringt. Und bei „Da-da-da-da Da-da-da-da“ denke ich weniger an die Neue Deutsche Welle sondern vielmehr an Beethovens „Sinfonie Nr. 5“.
Doch dann dringt eine vertraute Melodie an mein Ohr, bei der ich weder die Komponistin bzw. den Komponisten benennen kann, noch dass ich sie einem Werk zuordnen könnte. Müsste ich mich nun für dieses Unwissen schämen? Ganz sicher nicht! Meine Devise lautete immer „Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nur wissen, wo es steht!“, und so greife ich beherzt zu einer sachkundigen Lektüre…!
Klassik ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln und zudem ein Thema, bei dem man sich leicht blamiert: Was war noch mal der Unterschied zwischen Haydn und Händel, Schostakowitsch und Schubert? Dabei verbinden sich mit diesen Komponisten und ihren Werken die faszinierendsten Geschichten. Joachim Mischke stellt die 44 Wichtigsten von ihnen vor und erzählt von bunten Pullovern, tödlichen Duellen, wüsten Fehden – und lässt uns dabei erleben, warum man die Welt der Klassik am Liebsten nie wieder verlassen möchte, wenn man sie erst einmal betreten hat.
(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)
„Dieses Buch soll ein kurzer, kein erschöpfender Ratgeber sein, eine legale Einstiegsdroge in die Kunstform des Komponierens von Musik. Für Vollständigkeit ist hier kein Platz, dann wäre es bloß ein weiteres Lexikon. Die Lust an der Lücke ist mir wichtiger.“ verrät uns der Autor schon im Vorwort, traf mit diesen Worten bei mir genau ins Schwarze und ließ mich innerlich jubeln. So macht er Mut, sich gänzlich unbefangen mit der klassischen Musik zu beschäftigen. Ressentiments gegenüber dieser oft als Hochkultur betitelten Kunstform sind gänzlich unbegründet: Im Mittelpunkt sollte immer die Freude an der Musik (insbesondere, wenn sie live dargeboten wird) stehen.
Als interessierter Laie brauche ich zum Einstieg ins Thema kein seitenstarkes Lexikon und keine allumfassende Biografie. Im Gegenteil: Kurz, knapp und möglichst unterhaltsam möchte ich etwas über die Komponistin bzw. den Komponisten erfahren. Und genau dies bietet mir Joachim Mischke auf jeweils 4½ Seiten, auf denen er im lässigen Plauderton die Höhen und Tiefen aber auch so manche Anekdote aus dem Künstler*innen-Leben nicht verschweigt. Musik-Tipps bietet er uns am Ende des Lebenslaufs unter den Rubriken „Die Einstiegsdroge“, „Das typischste Stück“ und „Für Fortgeschrittene“ sowie mit ein bis zwei weiteren Punkten, die Hinweise auf Originelles, Ungewöhnliches oder Kurioses im jeweiligen Œuvre geben.
Glücklicherweise vermied Lucia Götz in ihren Illustrationen eine ironische Überhöhung. Vielmehr tilgte sie aus den Porträts den unnötigen Tand, indem sie sie auf die markantesten Merkmale reduzierte. Und doch blieb die Persönlichkeit stets klar zu erkennen – wenn auch mit einem humorvollen Augenzwinkern. Dieses launige Gesamtpaket aus Porträt, Text und Musik-Tipps animierte mich, mich mit der einen oder anderen Komposition weiter zu beschäftigen bzw. sie neu für mich zu entdecken.
Mit „Abgesehen von den Giganten, an denen man wirklich nicht vorbeikommt, ist die Auswahl der Komponisten und Komponistinnen sehr subjektiv und gerade deswegen garantiert ein Anlass, sich aufzuregen, weil diese fehlt oder jener.“ versucht Joachim Mischke bereits im Vorwort potenziellen Unken-Rufern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Nein, aufregen will und mag ich mich nicht, denn dafür gefällt mir dieses Buch zu sehr. Unken muss ich aber leider trotzdem: Es verwundert mich schon sehr, dass Herr Mischke als ein ausgewiesener Klassik-Experte unter den „44 Komponisten, von denen man gehört haben muss“ mit Fanny Hensel und Clara Schumann nur zwei Frauen einen Platz einräumte. Ich unterstelle Herrn Mischke, das er da sicherlich noch einige mehr benennen könnte. Zumal die Frauen nicht weniger oder schlechter komponiert haben als die Männer. Oftmals erschufen sie ihre Meisterinnen-Werke sogar unter deutlich beschwerlicheren Bedingungen. Diesen Umstand empfinde ich bei einem relativ aktuellen Werk (Erstveröffentlichung: 2020) wie diesem als sehr bedauerlich. Nur allzu gerne hätte ich seine launigen Lebensläufe zu weiteren herausragenden Komponistinnen gelesen, die somit meine Neugier geweckt hätten, mehr über sie in Erfahrung zu bringen. Dass es da für mich als amateurhafter Klassik-Fan noch viel zu entdecken gilt, verdeutlicht mir sehr eindrucksvoll diese Liste von Komponistinnen verschiedener Epochen der Musikgeschichte.
Lieber Herr Mischke, lieber Hoffmann und Campe-Verlag! Ich hoffe sehr auf eine Neu-Auflage, bei der die Damen gleichermaßen berücksichtigt werden. Es würde mich sehr freuen!
erschienen bei Hoffmann und Campe / ISBN: 978-3455010039