[Rezension] Marko Simsa – MEIN ERSTES BUCH VOM ORCHESTER. Willkommen in der Welt der Musikinstrumente/ mit Illustrationen von Christine Faust

Die Sommerpause neigt sich langsam dem Ende entgegen. Es dauert nicht mehr lange, und die Theater- und Konzerthäuser öffnen wieder ihre Türen für die Spielzeit 2025/2026. Auch mein Stammtheater, das Stadttheater Bremerhaven wird in wenigen Tagen in die neue Saison mit einem fulminanten Eröffnungs-Wochenende starten. Ich freue mich schon sehr…!

Und so endet mit MEIN ERSTES BUCH VOM ORCHESTER auch meine kleine Vorstellung von Literatur, die mir helfen sollte, die theaterlose Zeit zu überbrücken. Hierbei handelt es sich um einen erfolgreichen Klassiker aus dem Annette Betz-Verlag, der nach über 25 Jahren in einer überarbeiteten und neu illustrierten Fassung nun abermals veröffentlicht wurde, um weiteren Generationen an Kids die Welt der Musik näher zu bringen. Und dies gelingt Autor Marko Simsa mit Illustratorin Christine Faust und dem Orchester Camerata Wien unter der musikalischen Leitung von Erke Duit auch recht gut.

Lina ist aufgeregt: Sie darf Onkel Theo, der Dirigent ist, bei einer Orchesterprobe begleiten! Alle Musikerinnen und Musiker zeigen Lina ihre Instrumente. Dass die Geige sogar miauen kann und die Querflöte wie ein Vogel trillert, beeindruckt auch Kater Silvester: Lina durfte ihn ausnahmsweise mitnehmen! Mit Lina und ihrem Kater lernen Kinder spielerisch das Orchester kennen. Im Begleit-Hörbuch wird jedes Instrument in Tonbeispielen und Text vorgestellt. Zum Abschluss spielt das ganze Orchester zusammen beim großen Konzert!

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Man merkt Marko Simsas Text deutlich an, dass er reichlich Erfahrung mit einem jungen Publikum hat: Charmant doch unaufgeregt erzählt er die Geschichte von Linas Begegnung mit den Musiker*innen und ihren Instrumenten. Dabei streute er immer wieder humorvolle Dialoge in die Handlung, blieb dicht an der kindlichen Erlebniswelt und ließ potentielle Fragen der kleinen Leser*innen in Vertretung durch Lina stellen. Sehr genau, doch nicht ermüdend detailliert erklärte er die einzelnen Instrumente – sowohl die Einzigartigkeit als auch die Gemeinsamkeiten – und ihre Spielweise und wies auf Besonderheiten hin, die die zukünftigen Orchesterfans bei ihrem nächsten Konzertbesuch selbst bei den jeweiligen Instrumenten im Orchestergraben entdecken könnten. Auch eine Erklärung zu den jeweiligen Instrumentengruppen, die sich in einer besonderen Aufstellung schlussendlich zu einem Orchester formieren, fehlte selbstverständlich ebenso wenig.

Christine Faust blieb mit ihren Illustrationen ebenso nah an der kindlichen Erlebniswelt wie Simsa mit seinem Text. Mit klaren Formen und Farben kreierte sie sympathische Figuren mit einer sehr individuellen Optik, die ein Wiedererkennen der Musiker*in auf den Folgebildern erleichterten, Details hervorhoben und so eine deutliche Unterscheidung der Instrumente möglich machten.

Die beigefügte CD kann beinah als eigenständiges Medium gesehen werden: Zwar nimmt Sprecher Marko Simsa durchaus Bezug auf das Bilderbuch, doch gestaltete den Text nicht als bloße Nacherzählung der Bilderbuchhandlung, sondern er hob diesen auf eine zusätzliche Erzählebene.

Vielmehr legte er den Schwerpunkt deutlich mehr auf die einzelnen Instrumente, erläuterte anhand vieler Musikbeispiele, wie unterschiedlich die Instrumente bei ein und derselben Melodie klingen und schloss die Vorstellung der einzelnen Instrumente mit einer Passage aus dem klassischen Repertoire, bei dem das jeweilige Instrument besonders prägnant hervortritt. Bei der Musikauswahl wählte er beliebte Kinderlieder und bekannte klassische Stücke, die sicherlich einen hohen Wiedererkennungswert beim jungen Publikum haben.

Beste musikalische Unterstützung erhielt er durch Dirigent Erke Duit und den Musiker*innen des Orchesters Camerata Wien, die die CD mit einem gelungenen „Mini-Konzert“ beschlossen und so verdeutlichten, wie wunderschön es klingt, wenn die Instrumente der einzelnen Gruppen sich zu einem harmonischen Klangkörper vereinen.

Die Geschichte von Ninas Besuch bei einem Orchester mag für viele wie ein Märchen klingen, doch vielen Orchestern liegt die Musikvermittlung an Kinder und Jugendliche sehr am Herzen, wie auch dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven. Da gibt es beim FAMILIENKONZERT immer ein musikalisches Vorprogramm im oberen Foyer des Stadttheaters Bremerhaven, bei dem die Kids unter Anleitung der Orchester-Profis Instrumente kennenlernen und ausprobieren können. Zudem gibt es unter dem Motto MUSIK FÜR ALLE vielfältige Kooperationen mit Kitas und Schulen.


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219120615
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Annette Roeder – FRAG PHILOMENIA FREUD. DIE PERLENSPINNE

Da saßen vor wenigen Wochen die Podcast-Hosts von eat.READ.sleep Katharina Mahrenholtz und Daniel Kaiser bei Moderatorin Bettina Tietjen auf dem roten Sofa von DAS! und plauderten (natürlich, wie könnte es auch anders sein) voller Begeisterung über Bücher. Katharina Mahrenholtz stellte dabei den Auftakt-Band einer neuen Kinderbuch-Reihe vor und schwärmte so sehr in den höchsten Tönen, dass meine Neugier geweckt war.

Doch manchmal benötige ich einen zusätzlichen Anstoß, einen Extra-Kick, der mich aus meiner Passivität löst und mich aktiv werden lässt: Da kam die Möglichkeit, an einer Leserunde teilzunehmen, wie gerufen. Zumal ich mich zu den Glücklichen zählen durfte, die ein Exemplar des besagten Buches gewonnen und dieses somit bald in den Händen hielt. Voller Vorfreude startete ich die Lektüre in der Hoffnung auf ein kurzweiliges Lesevergnügen,…

Das Straßenmädchen Philomena ist in Wien wohlbekannt. Vor Sigmund Freuds Praxis verdient sie sich ihren Unterhalt als Schuhputzerin und gibt oft bessere Ratschläge für alle Lebenslagen als der berühmte Begründer der Psychoanalyse. Dessen Gespräche kann sie gelegentlich mitverfolgen und stößt so auf manches Geheimnis. Als die junge Patientin Sidonie von Wallersee verdächtigt wird, ihre Erbtante ermordet zu haben, wird Philomena misstrauisch. Ist es nicht merkwürdig, dass die Mordwaffe ausgerechnet eine Haarnadel mit einer perlenbesetzten Spinne ist, wo Sidonie doch wegen einer Spinnenphobie behandelt wird? Philomena forscht nach und stößt auf eine Intrige, die sie bis in Wiens berüchtigte Heilanstalt für Nervenkranke führt.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

…und ich wurde wahrlich nicht enttäuscht: Autorin Annette Roeder erzählte ihre Geschichte erfreulich gradlinig und vermied so überflüssige Schlenker in der Handlung, die die Geschichte nur unnötig aufgebläht hätten. Dabei kreierte sie ein wunderbar stimmiges Setting vom Wien der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. So konnte ich mich ganz hervorragend in die damalige Zeit hineinversetzen, zumal dies durch die eingestreuten Wörter im Wiener-Idiom noch erleichtert wurde. Dabei floss der österreichische „Schmäh“ ganz natürlich sowohl in die Handlung wie auch in die Dialoge ein, ohne überstrapaziert zu werden.

Apropos Dialoge: Auch hier bewies die Autorin ihr Können, indem sie den Figuren die passenden, typgenauen Wörter ins Mundwerk schrieb. Sie porträtierte z.Bsp. unsere jugendliche Heldin als ein aufmerksames, talentiertes und kluges junges Mädchen und bietet so Identifikationsmöglichkeiten für die jugendlichen Leser*innen. Dabei unterließ sie es tunlichst, sie als allwissend, altklug und frühreif darzustellen, zumal dieses (manchmal durchaus nervige) Rollenprofil in der Vergangenheit schon anderweitig in ausreichendem Maße bemüht wurde. Zusätzlich schenkte sie uns einige höchst amüsante, liebenswerte aber auch skurrile Figuren, die eine Bereicherung für die Szenerie darstellten.

Auch wenn es sich hier um einen Unterhaltungsroman handelt, so verschwieg die Autorin nicht die gesellschaftlichen Missstände, die zur damaligen Zeit vorherrschten – seien es die Zustände in einer psychiatrischen Heilanstalt wie auch der Umgang mit den Kindern in einer Einrichtung der Fürsorge: Dies geschah allerdings in Hinblick auf die jugendliche Leserschaft zwar durchaus begreiflich aber stets geschmackvoll.

Als – im besten Sinne – klassischen „Whodunit“ konzipiert, baute Annette Roeder die Spannung raffiniert auf und schickte einige zusätzliche Verdächtige ins Rennen, um für weitere Verwirrung zu sorgen und mich als Leser zum Mit-Rätseln zu animieren. Dabei blieb stets die Motivation der Figuren deutlich nachvollziehbar und somit deren Handeln schlüssig. Raffiniert platzierte sie zum Schluss sogar einen kleinen, dezenten Cliffhanger, der schon in Richtung zukünftiger Romane weist.

Hervorheben möchte ich auch die wunderschöne, ansprechende Ausstattung des Buches, zu der Julia Plath die Illustrationen geschaffen hat. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass Kinder- und Jugendbücher ebenso wertig gestaltet werden wie die Literatur für eine erwachsenere Leserschaft.

Nach dieser ganz und gar gelungenen Premiere wünsche ich unserer sympathischen Heldin ein langes literarisches Leben mit einer Vielzahl an Leserinnen und Lesern. Das Potential bringt sie durchaus mit…!


erschienen bei Knesebeck / ISBN: 978-3957289827
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Caroline Graham – DAS RÄTSEL VON BADGER’S DRIFT

Da begleitet mich eine Fernsehserie bereits seit 20 Jahren, und im Laufe der Zeit habe ich beinah familiäre Gefühle gegenüber den Figuren entwickelt. Bei jedem Wieder(fern)sehen mit „Inspector Barnaby“ (Originaltitel: „Midsomer Murders“) stellt sich bei mir der Miss Marple-Effekt* ein: Ich habe das Gefühl, ich begrüße gute, alte Bekannte – alles ist vertraut, doch es ist immer wieder schön!

Als ich erfuhr, dass die Kriminalromane von Caroline Graham, die als literarische Vorlage der Serie dienten, wieder aufgelegt werden, vollführte ich das entsprechende Duo der Freude: Aufschrei und Luftsprung. Und so krallte ich mir in der Buchhandlung meines Vertrauens auch unverzüglich den ersten spektakulären Fall von einem meiner Lieblings-TV-Schnüffler…

Badger’s Drift, ein verschlafenes Nest zwischen sanft geschwungenen grünen Hügeln. Der Inbegriff von Ruhe. Hier gibt es einen Pfarrer, einen Dorfarzt und eine freundliche alte Jungfer, die sich mit selbst gebackenen Keksen einen Namen gemacht hat. Doch als Miss Simpson im nahe gelegenen Wald spazieren geht, wird sie Zeugin eines Vorfalls, der besser unentdeckt geblieben wäre. Denn kurz darauf ist die freundliche alte Dame tot. Miss Simpsons Tod sei nicht verdächtig, sagen die Dorfbewohner. Aber Miss Lucy Bellringer will sich damit nicht abfinden: Ihre Freundin wurde ermordet, dessen ist sie sicher. Hartnäckig setzt sie dem unwilligen Detective Chief Inspector Barnaby zu, bis er nachgibt und den Fall untersucht. Und tatsächlich kommt Barnaby bald schon langjährigen Rivalitäten, Skandalen und Affären auf die Spur und entdeckt erste Risse in der blankpolierten Fassade des Dorfes…

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„Inspector Barnaby“: einschalten – zurücklehnen – wohlfühlen! Ähnliches erhoffte ich mir auch von der Romanvorlage. Es begann so vielversprechend: Wie beim Pilot-Film der Serie begann auch der Roman mit dem bekannten Opening. Ich frohlockte innerlich und wartete gespannt auf das erste Auftauchen der von mir so geliebten Figuren. Allzu lange wurde meine Geduld nicht auf die Probe gestellt, denn schon ab Seite 21 waren sie präsent. Doch je weiter ich las, umso mehr verdunkelte sich meine Stirn und legte sich in tiefe Falten, die nichts Gutes erahnen ließen.

Sie waren alle da: DCI Tom Barnaby mit Gattin Joyce und Tochter Cully, Doktor Bullard und Sergeant Troy sowie die kauzige Landbevölkerung. Doch warum nur wurden sie alle von Caroline Graham so negativ porträtiert? Anscheinend gibt es nach Einschätzung der Autorin in der von ihr erdachten Grafschaft Midsomer niemanden, der es verdient hätte, liebenswert charakterisiert zu werden.

Dabei schreibt Graham durchaus flott und versteht es, die Handlung detailliert aufzubauen. Auch die Rückblenden in die Vergangenheit einiger Protagonist*innen sind ihr gut gelungen und erlaubten mir als Leser Rückschlüsse für deren Handlungen in der Roman-Gegenwart.

Nur leider drängte sich mir bei der weiteren Lektüre die Frage auf, ob die Autorin selbst ihre Figuren mag? Da ich dies in Zweifel zog, erschien es nicht verwunderlich, dass die Figuren auch zueinander wenig Sympathie aufbringen konnten. Es fehlten mir die feinen Nuancen in deren Charakterisierung, wie die – mit einem Augenzwinkern quittierten – drolligen Eigenarten, die eine Person so liebenswert machen. Auch die im TV so amüsanten Frotzeleien zwischen Barnaby und Troy haben hier aufgrund des mangelnden Humors einen deutlich beißenderen Unterton. Sollte Humor in diesem Roman vorhanden sein, dann hat sich diese spezielle Art des Humors mir leider nicht erschlossen.

Umso mehr bewunderte ich im Nachhinein die Kreativen der TV-Serie, allen voran die Schauspieler*innen, die mit Können und Charme liebenswerte Nuancen aus ihren Figuren herauskitzelten und so den Weg bereiteten, dass diese Serie zu einem internationalen Hit wurde.

Auf dem Umschlag wurde wieder einmal (wie so oft) ein Vergleich mit der „Queen of Crime“ bemüht: „Seit Agatha Christie hat niemand bessere Krimis geschrieben.“ Dieser Einschätzung der Londoner The Sunday Times kann ich mich leider nicht anschließen.


*Der Miss Marple-Effekt beruht auf den 4 Filmen aus den 60ern mit Margaret Rutherford in der Titelrolle. Da lege ich mich mit einer Tüte Chips auf’s Sofa, kuschle mich unter die Wolldecke und spreche die bekannten und geliebten Dialoge mit: „Es können nicht alle Menschen jung und hübsch sein. Das wissen Sie doch am besten, Mr. Ackenthorpe.“

Na, wer von euch errät, aus welchem Film dieses Zitat stammt?


erschienen bei Alibi (Dörlemann) / ISBN: 978-3038201588 / in der Übersetzung von Ursula Walther

[Rezension] Michel Faber – HÖR ZU! Was Musik mit uns macht

Es ist weniger eines dieser vielen auf dem Markt erhältlichen Sachbücher, die von schlauen Leuten verfasst ebenso schlaue Einblicke in die kulturhistorische Entwicklung der Musik geben und mit einer Vehemenz Werke und Komponisten in den Mittelpunkt rücken, die ich unbedingt kennen, hören und gefälligst auch (Verdammt nochmal!) verehren sollte, da ich sonst ein Kulturbanause par excellence und musikalischer Kretin sei, der somit die Berechtigung verspielt hätte, auf diesen unseren schönen Planeten zu leben. Nö! So ein Sachbuch ist dies nicht!

Ich möchte mich in aller Form für den obigen Schachtelsatz entschuldigen! 🙂

Vielleicht war es von Vorteil, dass Autor Michel Fabers seine Meriten bisher durch Romane und Novellen erworben hat, und er sich so unbefangener an das Thema herantasten konnte. Denn Faber geht es hier nicht um irgendwelche Top 10-Listen mit „Must-Hear“ und gibt somit auch keine Hör-Tipps. Vielmehr pustet er mit diesem Buch den Staub von der Erinnerungs-Kommode seiner Leserschaft. Auch bei mir stößt er dabei die eine oder andere Schublade auf, in die ich seit Jahren nicht mehr hineingeschaut habe.

Er stellt sich und uns die Frage, wie der individuelle Musikgeschmack entsteht. Ja, er wagt sogar die Aussage, dass unser Musikgeschmack gar nicht so individuell ist, wie wir vielleicht bisher vermutet haben. Schließlich diente Musik auch immer dazu, sich einer Gruppe von Menschen, der so genannten Peergroup, zugehörig zu fühlen. Jede*r von uns hatte doch mit Sicherheit die eine oder andere CD im Regal stehen, die wir uns in jungen Jahren gekauft haben, weil die Gruppe oder die/der Interpret*in damals so mega-mäßig angesagt war und von allen hippen Leuten gehört wurde. Früher oder später landeten dann genau diese CDs auf dem Flohmarkt. Zumindest bei mir landeten sie auf dem Flohmarkt, da sich mein Musikgeschmack im Laufe der Jahr(zehnt)e glücklicherweise weiterentwickelt hat. Dabei wagt der Autor die Theorie, dass wir alle auch vom Musikgeschmack unserer Eltern geprägt werden, indem wir diesen entweder übernehmen oder uns bewusst davon abgrenzen. Zudem spielen viele weitere Faktoren, wie die soziale Herkunft und das Bildungsniveau, eine nicht unerhebliche Rolle welcher Musikrichtung wir uns zuwenden.

Auch blickt Faber auf das Phänomen, dass Musik uns emotional deutlich tiefer berührt als das gesprochene oder geschriebene Wort. Da lösen nur wenige Takte einer Melodie, vielleicht in Kombination mit einer ganz besonderen Stimme, eine Flut an Empfindungen bei mir aus. Genau dies machen sich findige Strateg*innen zu Nutze, um uns mit Musik zu manipulieren, wie sie z.Bsp. in der Werbung oder im Film zum Einsatz kommt.

Interessant ist es auch zu erfahren, wie sich das Hören von Musik im Laufe der Jahre verändert hat. Früher legte die Hörerschaft viel Wert auf „echten“ Gesang, der wahr und wahrhaftig vorgetragen wurde. Da konnte die Erkenntnis, dass die Jungs von Milli Vanilli nie selbst gesungen haben und somit eine Mogelpackung waren, durchaus schwerwiegende Traumata bei den Fans auslösen. Heutzutage erwartet man von den Superstars die große, schweißtreibende Show voller athletischer Einlagen: Da will niemand die keuchend-atemlose Original-Stimme der Stars hören und nimmt gerne das gut produzierte Playback in Kauf, um sich der Illusion einer perfekten Show hinzugeben.

Auch hat das Image einer Künstlerin/ eines Künstlers heutzutage einen bedeutend höheren Marktwert als der Gesang, und selbstverständlich darf dabei der passende Style nicht fehlen. Dieses Gesamtpaket dient als Identifikationsgrundlage für die Fans (oder sollte ich lieber „Verbraucher“ sagen?).

Ja, die Musik ist auch ein Produkt, das auf dem Basar meistbietend verschachert wird. Die Protagonist*innen tauchen so manches Mal (scheinbar) aus dem Nichts auf, setzen zu Höhenflüge an, krachen spektakulär zu Boden, bleiben zerstört liegen oder rappeln sich wieder auf, um nochmals unter veränderten Bedingungen ein Comeback zu wagen. Der Körper und somit auch die Stimme verändern sich mit dem Alter: Manche Sänger*innen nutzen diesen Wandel für ihre Kunst. Sie treffen zwar nicht mehr die hohen oder lauten Töne der Jugend, dafür zeugt die Brüchigkeit in ihren Stimmen von einem echten gelebten Leben und berührt ihre Hörer*innen auf einer ganz anderen emotionalen Ebene.

Oft wirkte es auf mich, als würde Michel Faber sich in seiner Plauderei verlieren. Scheinbar maßlos schüttete er seine Gedanken über mich als Leser aus. Doch gerade diese Fülle an Denkanstöße motivierte mich, dass ich selbst einen Blick auf meine Geschichte, meine Entwicklung, mein Werden warf und mir eine Vielzahl an Fragen stellte. Woher komme ich? Welcher Musik war ich durch meiner frühen Umwelt ausgesetzt? Bei welcher Musik war ich „Mitläufer“, wo war ich „Anführer“? Welche Brüche gab es in meiner Biografie, die mich zu einer anderen Art von Musik hintreiben ließ? Diese und noch viele weitere Fragen stellte ich mir während und nach der Lektüre dieses Buches. Antworten fand ich selbstverständlich nicht in ihm, dafür eine Fülle an Impulse, die mir halfen, dass ich mir die Fragen selbst beantworten konnte.

Doch Michel Faber stellte auch sich selbst diese Fragen und ging somit auf Spurensuche in seiner eigenen bewegten Vergangenheit. Er kam zu der Erkenntnis, dass die einzigartige Biografie eines Menschen den Musikgeschmack formt, der dann eben doch sehr individuell ist.

Ich persönlich liebe Musical, Oper und Operette, habe durchaus meine Favoriten bei der Klassik, lausche gerne Swing und Jazz, begeistere mich für den deutschen Schlager der 60er bis 80er Jahre und singe laut und hemmungslos zu Disney-Songs. Habe ich nun einen guten oder eher einen schlechten Musikgeschmack? Nein, bitte nicht antworten! Es ist nicht so, dass ich eine negative Antwort nicht verkraften könnte. Vielmehr ist es mir völlig egal, was andere von meinem Musikgeschmack halten.

Diese Musik gehört zu mir, und sie zu hören, macht mich glücklich. Das ist für mich die Hauptsache!


erschienen bei btb / ISBN: 978-3442762927 / in der Übersetzung von Bernd Gockel
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Peter Overbeck – OPER. 100 SEITEN

Der letzte Ton ist gesungen. Die letzte Note ist gespielt. Was bleibt? Abwarten…

…und Tee trinken, oder man greift zwecks Einstimmung auf die kommende Spielzeit zu einem thematisch stimmigen Buch. In meinem Fall lächelte mich in der Buchhandlung meines Vertrauens aus dem Kollektiv der vorhandenen Bücher der Reclam-Reihe 100 SEITEN passenderweise genau dieses Buch an und wollte unbedingt mitgenommen werden.

Für diese Reihe findet der Reclam-Verlag immer wieder kundige Autor*innen, die Kompetenz mit Kurzweil zu paaren verstehen. Peter Overbeck ist Musikwissenschaftler, Tonmeister, Musikjournalist sowie Opernfan und verfügt somit um ausreichend Expertise für dieses Thema. So lüftet er den Theatervorhang und entblättert „seine“ 100 SEITEN einer Opernaufführung gleich vor unseren Augen. Da gibt er schon mit der Ouvertüre den einstimmenden Ton vor, um dann über fünf Akte hinweg die Dramatik in dieser Kunst zu zelebrieren. Glücklicherweise gönnt er uns nach Akt 3 eine Pause zum Verschnaufen, um danach mit einem schmissigen Intermezzo wieder in die Vollen einzusteigen. Selbst den Applaus füllt er mit Sachverstand und lässt es sich auch nicht nehmen, uns eine Zugabe zu gewähren.

Die einzelnen Programmpunkte überzeugen mit einer üppigen Menge an unterhaltsamen Informationen: Bei der Ouvertüre lässt der Autor uns an Kindheitserinnerungen teilhaben und berichtet von seinen erste zarten Berührungspunkten mit dieser Kunstgattung. Zudem gibt er Aufschluss über die immense Zahl vorhandener Opern im Vergleich zu den tatsächlich an den Häusern gespielten. Im 1. Akt liefert er das Basiswissen für alle, die sich immer schon einmal gefragt haben, was OPER überhaupt ist, bzw. wie sie entstanden ist. Der 2. Akt geht da weiter in die Tiefe und beleuchtet, welche Art von Geschichten die Komponisten und Librettisten animierten, aus ihnen eine Oper zu kreieren. Akt 3 stellt nun das ausführende Personal in den Mittelpunkt (Sängerinnen, Sänger und Dirigenten) und erläutert die unterschiedlichen Stimmlagen und die damit verbundenen Rollenfächer. Dann ist endlich Pause, und das Publikum strömt in die Foyers der jeweiligen Opernhäuser, um sich dort zu erfrischen bzw. etwas über das Publikum in Opernhäusern zu erfahren.

Mit dem Intermezzo startet die Aufführung in die zweite Hälfte und lässt uns einen Blick auf die Organisation eines Opernhauses werfen und bietet Hinweise bzgl. der Finanzierung. Der 4. Akt bietet Raum für Skandale und Skandälchen, die es im Schatten der Oper immer gab und auch immer geben wird. Sind sie doch der Salz in der Suppe des Opern-Betriebs. Im 5. Akt betrachten wir, welchen Einfluss die modernen Massenmedien auf die Kunstgattung Oper hatten und haben, und wie sie sich dadurch in ihrer Präsentation verändert hat. Und während wir dem Autor reichlich Applaus zusprechen, müssen wir uns aber auch Gedanken um die Zukunft der Oper machen: Ist sie verdammt, ein Relikt aus der Vergangenheit zu werden, oder hat sie sich bereits zu einer moderne Kunstform entwickelt, die auch ein jüngeres Publikum anspricht? Als Zugabe schenkt uns Overbeck noch etliche Tipps zum Hören, Lesen und Surfen, damit wir uns auch nach dieser literarischen Opernaufführung weiter in die Materie vertiefen können.

Mit OPER. 100 SEITEN ist Peter Overbeck ein sehr kompakter aber nie oberflächlicher Einstieg ins Thema gelungen. Mit seiner informativen wie gelungenen Abhandlung lädt er uns ein, dass wir uns weiter mit dieser „unmöglichen“ aber so wundervollen Kunstform beschäftigen.


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150205372

[Rezension] Tomasz Jedrowski – IM WASSER SIND WIR SCHWERELOS

Anfang Februar des Jahres 2021 erreichte mich eine Nachricht von der Buchhändlerin meines Vertrauens: „Tolles Buch, unbedingt lesen, lass dir ein Rezi-Exemplar schicken, wenn du keins mehr bekommst, leihe ich Dir meins.“ Die Rede war von IM WASSER SIND WIR SCHWERELOS von Tomasz Jedrowski. Ich bestellte ein Rezensionsexemplar, das mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt wurde, und begann voller Vorfreude und Neugier zu lesen…!

Ludwik ist verliebt. Es ist der Sommer nach dem Examen, ein Sommer, in dem alles anders wird. Denn Ludwik ist verliebt in Janusz, eine Unmöglichkeit in Polen im Jahr 1980. Zu zweit verbringen sie magische Tage an einem verborgenen See im Wald. Hier können sie sich einander offenbaren, hier erleben sie die große Liebe. Doch irgendwann ist der Sommer zu Ende, sie müssen zurück in die Stadt. Die Welt befindet sich im Umbruch, Ludwik träumt von der Flucht in den Westen, Janusz wählt eine Karriere innerhalb des Systems. Ludwik muss sich entscheiden: für ein Leben voller Heimlichkeiten – oder den Mut, er selbst zu sein.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Über die ersten Seiten schien ich damals nur so zu fliegen. Dann bahnte sich bereits vor Ostern ein kleines persönliches Drama an, das sich über die weiteren zwei Wochen nach Ostern ausdehnen sollte. Mein Lesefluss wurde abrupt unterbrochen und tat sich in den Wochen danach extrem schwer, wieder in einen entspannten Flow zu geraten. Ich begann wieder mit der Lektüre des Romans. Doch nach nur wenigen Seiten schlug ich den Buchdeckel wieder zu. Irgendwie war aufgrund der Anspannung der vorangegangenen Wochen meine Leselust in Mitleidenschaft gezogen, und dieser Roman war leider nicht dazu geeignet, mich aus dieser Lese-Lethargie zu befreien. So legte ich ihn vorerst – durchaus mit Bedauern – zur Seite und hoffte auf eine weitere gemeinsame Chance zu einem späteren Zeitpunkt.

Im Laufe der Jahre bei Durchsicht meines SuBs hielt ich diesen Roman immer wieder in den Händen. Oft haderte ich mit mir und fragte mich, ob es nicht besser wäre, wenn ich ihn ungelesen gehenlasse – vor allem nachdem auch mein zweiter Versuch der Annäherung ähnlich scheiterte wie der erste Versuch. Doch irgendetwas hielt mich davon ab: Die Zeit war (noch) nicht reif, ihm die Chance zu geben, dank einem der nahen öffentlichen Bücherschränke ein neues Zuhause zu finden. Und so blieb er vorerst bei mir,…

…bis die Zeit für uns beide reif zu sein schien: Schmerzvoll, melancholisch und bittersüß erzählt Tomasz Jedrowski eine Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Männern vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse im Polen der 80er Jahre. Dabei ist es eigentlich unerheblich um welches Geschlecht es sich handelt. Hier gibt es zwei Menschen, die trotz ihrer großen Liebe zueinander nicht zueinander kommen können. Die Gründe können vielfältig sein und entziehen sich jeglicher Beurteilung Außenstehender. Was bleibt, ist eine große Tragik, ein großer Verlust und eine Lücke, die nicht gefüllt werden kann. Sie kann durchaus verdeckt werden, wird aber immer spürbar bleiben. Den inneren Barrieren unserer Helden stellt der Autor ein gesellschaftliches System gegenüber, das sie zusätzlich von außen hemmt, einengt und so zu ihren individuellen Handlungen „zwingt“.

Tomasz Jedrowski entlockt seinen Worten eine geballte emotionale Wucht – mal zart, mal heftig, immer echt. Ein Humor, der vielleicht lindert oder entschärfend wirkt, war für mich kaum wahrnehmbar. Er wurde von mir aber auch weder vermisst noch gewollt, da die Figuren so authentisch, so lebendig sind, und jedweder Humor die fragile Bitterkeit der Emotionen unangebracht verwässert hätte.

Gleichzeitig erinnerte mich diese Geschichte an meine eigene Suche nach Identität in den 80ern. Wie unsere Romanhelden fragte auch ich mich, wer ich bin, und (vor allem) was bin ich? Beim Lesen schien es mir, als würde ich Ludwiks Schmerz, der ein Sehnen nach etwas Unaussprechlichem erzeugen kann, körperlich spüren. Doch auch Janusz Ängste nach Ablehnung und Ausgrenzung konnte ich nur allzu gut nachempfinden. Tröpfchenweise sickerte die Erkenntnis in mein Bewusstsein, dass ich wohl deshalb intuitiv mit diesem Roman gefremdelt hatte, da er so nah an meine eigenen Geschichte, an meinen eigenen Empfindungen, an meinem eigenen Erlebten ist.

Tränen rannen mir beim Lesen über die Wangen. Die Brust wurde mir eng, um sich dann wieder mit Luft zu füllen und zu weiten. Die Wohltat eines frischen Atemzugs signalisierte mir: Es geht weiter! Es geht immer weiter! Irgendwie!


erschienen bei Hoffmann und Campe/ ISBN: 978-3455011173/ in der Übersetzung von Brigitte Jakobeit
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Agatha Christie – EIN MORD WIRD ANGEKÜNDIGT

Es war an einem dieser Tage, an dem es mal wieder nichts im Fernsehen gab – zumindest nichts, das mich hätte interessieren können. Und so warf ich einen Blick in unsere gut gefüllte private Mediothek und pickte mir die TV-Verfilmung zu Agatha Christies EIN MORD WIRD ANGEKÜNDIGT heraus, eine dieser gelungenen Fernsehadaptionen mit Geraldine McEwan als Miss Marple sowie Zoë Wanamaker und Elaine Paige in weiteren Rollen. Wie sehr gelungen diese Adaption war, das sollte ich bei meinem erstmaligen Lesen des Original-Romans feststellen. Denn genau dazu hatte mich dieser gemütliche Fernsehabend verleitet…!

„Am Freitag, den 29. Oktober, wird in Little Paddocks um 18.30 Uhr ein Mord stattfinden. Freunde werden gebeten, diesen Hinweis als Einladung aufzufassen.“ So steht es in einer Anzeige im Lokalblatt des Städtchens Chipping Cleghorn. Die Bewohner sind irritiert, aber auch neugierig. In Scharen strömen sie zum Gutshaus. Während ihnen Sherry gereicht wird, geht plötzlich das Licht aus, und ein Schuss fällt. Als das Licht wieder angeht, offenbart sich ein grausames Bild.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Vieles wurde Agatha Christie schon vorgeworfen: Ihre Werke wären für heutige Zeiten (!) zu bieder, zu langatmig und unglaubwürdig sowie die Figuren zu elitär und die Plots an den Haaren herbeigezogen. Dabei vergessen die Unken unter den Leser*innen, dass manche ihrer Werke vor mehr als hundert Jahren entstanden sind.

(Ironie an) Aber als verantwortungsvolle und in die Zukunft schauende Autorin hätte sie da schon ihre Werke „für heutige Zeiten“ schreiben können, nicht wahr? Doch wann genau wären sie gewesen, diese „heutigen Zeiten“? (Ironie aus)

Okay, ich schweife ab! Was ich vielmehr ausdrücken möchte, ist folgendes: Agatha Christie war ein Kind „ihrer Zeit“, und somit hat sie damals durchaus „für heutige Zeiten“ geschrieben. Wer auch immer dies nicht versteht, der würde sicherlich auch kritisieren, dass William Shakespeares Verse „für heutige Zeiten“ zu schwülstig seien.

Was man Agatha Christie definitiv nicht vorwerfen kann, ist, dass sie es nicht verstanden hätte, unterhaltsame Geschichten zu schreiben, die auch noch „für heutige Zeiten“ mit unvorhersehbaren Twists überraschen – wie auch bei EIN MORD WIRD ANGEKÜNDIGT. Hier geizte sie zudem nicht mit einer Vielzahl an Verwicklungen und prägnanten Figuren, zwischen denen Miss Marple dezent aber nachdrücklich agierte. Beinah schien es, als wäre es dieser kleinen Lady unangenehm, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Umso mehr bewunderte ich sie abermals für ihre stoische Ruhe, ihrem unaufgeregten Auftreten und ihrem wachen, unverstellten Verstand.

Zudem mochte ich das Setting, das Christie erschuf, sehr: Alles wirkte so friedlich, ländlich harmonisch, beinah bieder – und plötzlich passierten diese schändlichen Morde (Ja, es sind mehrere!), und das Bild der perfekten Idylle bekam nicht nur ein paar Kratzer: Es wurde vielmehr gänzlich zerstört. Nichts war danach, wie es zuvor schien.

Apropos Fernsehadaption: Ich wusste durchaus bereits, dass Christie eine wahre Meisterin im Kreieren von Dialogen war, und doch staunte ich, als ich den Roman las und feststellte, dass genau diese Dialoge beinah Eins-zu-eins dem Roman entnommen wurden, ihren Weg ins Drehbuch und somit in die Verfilmung fanden. Großartig!

Allen Unkenrufern zum Trotz: Für mich war, ist und bleibt Agatha Christie ein Garant für gute Krimi-Unterhaltung!


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455650242 / in der Übersetzung von Sylvia Spatz
ebenfalls erschienen als Hörbuch bei Der Hörverlag / ISBN: 978-3844534665

[Rezension] MIT MUSIK GEHT ALLES BESSER & MUSIK IST, WAS ZUSAMMEN KLINGT/ aus der Reihe DER ROTE FADEN

Kennt ihr schon die Reihe DER ROTE FADEN aus dem Coppenrath Verlag? Diese entzückenden Büchlein, die nicht größer sind als ein Oktavheft? Nein! Na, dann wird es aber höchste Zeit! Denn in der Zwischenzeit gibt es unzählige dieser kleinen Heftchen zu ebenso vielen Themen und Anlässen – alle nur jeweils 20 Seiten stark und mit der prägnanten roten Fadenheftung. Zudem sind sie nicht schwerer als ein so genannter Kompaktbrief (Porto: € 1,10) und können in einem Umschlag ganz wunderbar statt einer Grußkarte verschickt werden. Sie sind auch nicht teurer als diese, bereiten dem Adressaten allerdings sicher viel länger Freude. Zu Weihnachten aber auch zu Geburtstagen habe ich sie bereits nur allzu gerne verschickt.

Nun habe ich mir selbst – zwecks Überbrückung der theaterlosen Zeit – zwei Exemplare gegönnt, die sich mit der Musik beschäftigen. Bei MIT MUSIK GEHT ALLES BESSER (von 2018) findet ihr viele kluge Aphorismen, leider vornehmlich von Männern (mit einer Ausnahme: Sophie Scholl), die sowohl von bekannten Philosophen, Dichtern und Denkern als auch von Musikschaffenden wie Komponisten und Dirigenten stammen. Bei MUSIK IST, WAS ZUSAMMEN KLINGT (von 2024) ist man diesem Konzept weitestgehend treu geblieben, hat allerdings auch einige längere Texte und Gedichte hinzugefügt sowie mehr kluge Frauen zu Wort kommen lassen.

Mit Freude las ich all diese weisen Worte und fühlte mich mal wieder sehr bestätigt, dass Musik eine wunderbare Errungenschaft ist, die so wohltuend auf Geist, Körper und somit auf unser Wohlbefinden positiven Einfluss nimmt.

Zudem schienen mir die Aphorismen nicht willkürlich aneinander gereiht: Vielmehr meinte ich einen ROTEN FADEN (!) zu entdecken. Da standen Zitate zueinander, die in ihrer Kombination herrlich amüsant waren. So behauptete Johannes Brahms „Studiere Bach. Dort wirst du alles finden.“, während Johann Sebastian Bach ein Jahrhundert zuvor seine musikalischen Fähigkeiten wie folgt beschrieb „Alles, was man tun muss, ist die richtige Taste zum richtigen Zeitpunkt zu treffen.“. Auch entdeckte ich in beiden Büchlein nur zwei Texte, die identisch waren aber an der jeweiligen Stelle (Stichwort: ROTER FADEN) durchaus Sinn machten.

Apropos Jahrhunderte: Die Herkunft der Zitate erstrecken sich über mehrere Epochen. Und so unterschiedlich die Zeiten ihrer Entstehung auch waren, sie alle huldigen die Musik in all ihren Facetten. Da dürfen die Titel (incl. ihrer Untertitel) dieser reizenden Heftchen durchaus programmatisch verstanden werden:

MIT MUSIK GEHT ALLES BESSER
Von der Kunst der Harmonie und Lebensfreude
&
MUSIK IST, WAS ZUSAMMEN KLINGT
…und was uns zusammenbringt
💜


erschienen bei Coppenrath/ ISBN: 978-3649629818 & 978-3649647058

[Rezension] Josephine Tey – EIN SCHILLING FÜR KERZEN

Er ist nun auch aus seinem Schlummer erwacht. Vielmehr wurde er vom Verlag wieder wachgeküsst, und da lag er nun vor mir – der letzte Fall von Inspector Alan Grant, mit dem der Oktopus Verlag das halbe Dutzend voll macht und die Serie abschließt. Wobei: Aufgrund der nicht nachvollziehbaren Veröffentlichungsstrategie des Verlages, bei der die Bände nicht chronologisch sondern wild durcheinander veröffentlicht wurden, handelt es sich bei EIN SCHILLING FÜR KERZEN zwar durchaus um den letzten Roman dieser Serie, der als Neu-Auflage das Licht der Bücherwelt erblickte, allerdings innerhalb der Serie haben wir es hier erst mit Alan Grants zweiten Fall zu tun.

Verwirrend?! Ja, durchaus! Doch dies ist leicht zu verschmerzen, da die Episoden alle für sich stehen, und die privaten Entwicklungen im Leben des Inspectors auch bei dieser „gemischten“ Reihenfolge trotzdem nachvollziehbar bleiben und somit die Freude an der Lektüre niemals schmälern.

Westover, ein beschauliches Städtchen an der Südküste Englands. Hier wird an einem klaren, sonnigen Morgen die berühmte Schauspielerin Christine Clay tot an den Klippen gefunden. Was zunächst nach Selbstmord oder einem Badeunfall aussieht, entpuppt sich bald als Mord. Verdächtige gibt es wie Sand am Meer, allen voran der mittellose Tisdall. Er war zur Tatzeit vor Ort – und er profitiert von dem Tod des Weltstars: Kurz zuvor hat sie ihm ein stattliches Erbe zugedacht. Nachdem Tisdall spurlos verschwindet und ausgerechnet die Tochter des Polizeichefs ihn entlastet, wird der Fall noch mysteriöser: Wo war Clays Ehemann zur Tatzeit? Wie konnte die Astrologin Lydia ihren Tod vorhersagen? Und was hat der dubiose Bruder mit der Sache zu tun, dem Clay lediglich einen „Schilling für Kerzen“ vermachte? Inspector Alan Grant von Scotland Yard übernimmt den Fall, der bald zum Albtraum wird: zu viele Hinweise, zu viele Motive und zu viele Verdächtige, die der Schauspielerin nichts als den Tod wünschten…

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Inspector Alan Grant: Ich habe diesen ruhigen, besonnenen Ermittler sehr zu schätzen gelernt und verspüre ein wenig wehmütigen Trennungsschmerz bei dem Gedanken, dass es keine weiteren neuen Begegnungen mit ihm geben wird. Umso dankbarer bin ich, dass Autorin Josephine Tey uns wenigstens sechs Romane mit ihm geschenkt hat, die einen so prägenden Eindruck hinterlassen haben, dass sie stets ihren Platz in der „Hall of Fame“ des goldenen Zeitalters der Kriminalliteratur behalten werden.

Alle bereits bei WARTEN AUF DEN TOD erwähnten Qualitäten der Autorin im Kreieren einer spannenden Geschichte hat sie hier nochmals verfeinert. Es schien mir, als hätte sie intensiv am Charakter unseres Hauptdarstellers gearbeitet und ihn weiter im Detail „ausgeformt“. Diese stetige Entwicklung unseres Helden führte sie übrigens konsequent in den Folge-Romanen fort und zeichnete so eine komplexe Figur voller Empathie und Menschlichkeit.

Doch bei EIN SCHILLING FÜR KERZEN hatte ich zudem den Eindruck, dass sie im besonderen Maße auch den Nebenfiguren ihre Beachtung schenkte und uns einen bunten Strauß praller Typen kredenzte. Da haben wir den scheinbar unschuldig verdächtigten Naiven: Robert Tisdall wird so offensichtlich sympathisch gezeichnet, dass ich nicht umhin kam, ihn zu verdächtigen (Ob er tatsächlich der Täter ist, wird hier nicht verraten.). Daneben wirkt Jammy „Knüller“ Hopkins beinah wie die Karikatur eines schmierigen Klatschreporters, der rücksichtslos unverfroren auftritt und dabei sehr amüsant ist. Zudem machen wir die erfreuliche Bekanntschaft mit einer äußerst patenten jungen Dame: Erica Burgoyne ist die 16-jährige Tochter des Chief Constable Colonel Burgoyne, die mit einer Menge Grips in ihrem Schädel und einem so gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet ist, dass sie sich von den Allüren der Erwachsenen nicht irritieren lässt. Doch auch Williams, der treue Assistent von Grant, bekam mehr Kontur und entpuppte sich als durch und durch feiner Kerl, der stets loyal hinter, vor oder neben seinem Chef steht – je nachdem, wo er gerade gebraucht wird.

Josephine Tey zählt für mich zu eine der ganz großen Kriminalautorinnen und braucht einen Vergleich mit populäreren Kolleginnen der schriftstellerischen Zunft wahrlich nicht fürchten. Umso mehr freut es mich, dass sie und ihre Werke verdientermaßen endlich wieder mehr Beachtung erfahren.


erschienen bei Oktopus (Kampa) / ISBN: 978-3311300731 / in der Übersetzung von Manfred Allié

[Rezension] Susa Hämmerle – DORNRÖSCHEN. Das Ballett nach Peter Iljitsch Tschaikowsky/ mit Illustrationen von Anette Bley

Krachend fallen nach und nach die Eingangstüren der Theater unserer Republik in die Schlösser. Unzählige Schlüssel drehen sich in eben diesen, um sie zu verschließen. Frühestens in 8 Wochen drehen besagte Schlüssel sich wieder in die andere Richtung, um dem Publikum zur Spielzeit 2025/2026 wieder Einlass in die heiligen Hallen der Musentempel zu gewähren. Auch mein Stamm-Theater hat sich in die Sommerpause verabschiedet, und so versuche ich mich – wie in jedem Jahr – mit Lektüre rund um das Thema Theater abzulenken, um die theaterlose Zeit möglichst kurzweilig zu überstehen.

Mit DORNRÖSCHEN, dem zauberhaften Märchenballett von Peter Iljitsch Tschaikowsky habe ich mir ein Werk ausgesucht, das in der nächsten Saison auch an meinem Stamm-Theater zur Aufführung kommen wird. Beim 3. Familienkonzert wird das Philharmonische Orchesters Bremerhaven unter der musikalischen Leitung von Hartmut Brüsch die gelungene Kooperation mit der Ballettschule Dance Art fortführen. Irina und Marius Manole werden mit den Schüler*innen ihrer Ballettschule sicherlich wieder eine wunderbar kindgerechte wie phantasievolle Choreografie für das junge Publikum erstellen. Bis es soweit ist, muss ich mich leider beinah ein Jahr gedulden.

Wie schön, dass ich mich mit diesem Buch ein wenig trösten konnte: Und so warf ich die beigefügte CD in den Player, setzte mich mit dem Buch bewaffnet gemütlich in meinen Lesesessel, schlug die erste Seite auf und drückte bei der Fernbedienung auf „Play“…


HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um die, die dem Buch beigefügt ist. Es ist eine ältere Aufnahme, und sie dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln.

Susa Hämmerle lieferte wieder eine wunderbare Nacherzählung der Handlung und würzte diese mit witzigen Dialogen, die den Personen mehr Profil verliehen. Sie schuf so eine gelungene Textfassung, die zum Vorlesen prädestiniert ist und genügend Anknüpfungspunkte für die Musik bietet.

Doch so wohlgeraten der Text auch ist, die Schwerpunkte und somit das Hauptaugenmerk liegen bei einem MUSIKalischen BILDerbuch aus dem Annette Betz-Verlag nun einmal auf MUSIK und BILD.

Bei der beigefügten Aufnahme griff man abermals auf das Archiv des renommierten NAXOS-Labels zurück, deren Einspielungen von einer hohen Qualität sind und somit oftmals eine gute Wahl darstellen. Diesmal entschied man sich für eine Einspielung aus dem Jahre 1988 mit dem Tschechisch-Slowakischem Staatsorchester unter der Leitung von Andrew Mogrelia, die Tschaikowskys Kompositionen mit der richtigen Mischung aus theatralem Druck und träumerischen Schmalz „über die Rampe“ brachten. Dabei wurde die beinah 3-stündige Original-Aufnahme auf kindgerechte 62 Minuten eingekürzt, wobei die bekannten Melodien erhalten blieben, allerdings einige Passagen etwas abrupt endeten – ein Umstand, der für die Kids sicherlich eher von geringem Belang ist.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Schon mit dem ersten Bild verdeutlicht die Künstlerin Anette Bley nicht nur die enge Bindung des Werkes zur Bühne, sondern sie schuf auch einen gelungenen Einstieg in die Geschichte. Als Betrachtender dieses Bilderbuches versetzt sie mich in die Rolle des Zuschauers. Ich sitze im Saal eines Theaters und werfe einen Blick über den Orchestergraben zur Bühne. Während die Musiker noch ihre Instrumente stimmen, sitzt der Komponist höchstpersönlich am linken Bühnenrand und notiert in aller Eile noch einige Änderungen in seiner Partitur. Von der Seitenbühne schlendern die Protagonist*innen auf die Bühne, huschen durch den leicht geöffneten Vorhang und begeben sich im dahinter befindlichen Bühnenbild in Position. Es bleiben nur noch wenige Augenblicke bis zum Beginn der Vorstellung, der Dirigent hebt seinen Taktstock, und dann kann das Spiel beginnen.

Weich und fließend fügen sich die Figuren in ein detailreiches und zauberhaftes Setting. Jede Figur überzeugt durch eine prägnante Physiognomie und einem individuellen Kostümdesign, die es den Kids leichter macht, die Figuren auch auf den nachfolgenden Illustrationen wiederzuerkennen. Doch unbedingt sollten nicht nur die Hauptpersonen beachtet werden. Vielmehr bin ich mit meinem Blick auch an den Rand des Geschehens gewandert und habe dort etliches entdeckt, das mich sehr amüsiert hat. Da lohnt es sich, den Fokus auch auf die Nebenrollen zu lenken und darauf zu achten, wo sie im Laufe der Geschichte immer mal wieder auftauchen. Da lugt mal hier eine markante Nase um die Ecke, da schauen mal dort Füße hinter dem Sessel hervor, und auch das, was ich durch eine geöffnete Tür im Hintergrund erspähte, erheiterte mich sehr.

Anette Bley hat wahrlich märchenhafte Bilder kreiert, bei denen ich besonders die wundervolle Harmonie der Farben hervorheben möchte, die dafür sorgt, dass die Illustrationen beinah sphärisch wirken.

Schier endlos lange elf Monate dauert es noch, bis die entzückenden Figuren dieses Märchenballetts auf der Bühne meines Stamm-Theaters ihre Gestalt annehmen und endlich zu tanzen beginnen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich bis dahin wirklich so viel Geduld aufbringen kann! 🤩


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219112122