[Eine Geschichte…] Kai-Uwe Scholz – NACHGETRAGENER ABSCHIED

„Bleib man hier“, hatte meine Mutter zu mir gesagt, als es zur Beerdigung meines Großvaters ging. Sie hielt mich wohl für zu jung für diese Form des Abschieds. Dabei war ich schon 14. Und er war doch mein geliebter Großvater.

Unter buschigen Brauen konnte er gefährlich mit seinen blauen Augen hervorblitzen, wenn ihm etwas nicht passte. Aber er hatte immer ein grundgütiges Herz. Nach außen war er Honoratior – mit Hut, wenn er durch die Stadt ging. Im Inneren war er ganz unkonventionell. Man sah es an seinem ungewöhnlich sortierten Bücherschrank. Meist war er verschlossen und voller verbotener Dinge. Für mich hat er ihn geöffnet und manches Geheimnis gelüftet.

Mitten in dem Satz, mit dem er mir das Wort „Kossät“ erklären wollte – ein norddeutscher Begriff für Kleinbauer -, griff er sich an den Kopf und konnte nicht mehr weiter. Ein paar Tage später wurde er dahindämmernd aus unserem Haus getragen, ein Hüne von Gestalt, nun ganz hilflos…

Ich habe ihn nicht wiedergesehen. Ich habe ihn nicht mehr besucht im Krankenhaus, nicht seine Hand berührt auf dem Totenbett. Auch davor sollte ich wohl bewahrt werden. Nun pilgere ich um sein Grab, denke an ihn, spreche mit ihm. Es ist wohl auch eine Bitte um Verzeihung.

Ich war doch sein Junge – und habe mich gar nicht verabschiedet.

Kai-Uwe Scholz

[Schauspiel] Monika Helfer – DIE BAGAGE / Stadttheater Bremerhaven

von Monika Helfer / Erstaufführung der Fassung von Coco Plümer

Premiere: 12. September 2025 / besuchte Vorstellung: 27. September 2025

Stadttheater Bremerhaven / Kleines Haus


IINSZENIERUNG Ingrid Gündisch
BÜHNE & KOSTÜME
Ilka Meier
DRAMATURGIE
Peter Hilton Fliegel
LICHT 
Frauke Richter
REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG & INSPIZIENZ Florian Thiel
SOUFFLAGE Melia Holl (FSJ Kultur)
EINSTUDIERUNG ENSEMBLE Hartmut Brüsch
EINSTUDIERUNG KINDER Katharina Diegritz, Edward Mauritius Münch

Literaturverfilmungen gibt es zuhauf – mal mehr, mal weniger gelungen. Doch manchmal schafft es auch ein Roman auf die Sprechbühne, und vor den eigenen Augen hauchen Schauspieler*innen den Figuren Leben ein. Jede Aufführung ist einzigartig, und mit jeder Aufführung entwickeln sich die Figuren weiter. Ob Coco Plümer mit ihrer Bühnenadaption von DIE BAGAGE der Roman-Vorlage von Monika Helfer treu geblieben ist und diese gut umgesetzt hat, kann ich leider nicht beurteilen, da ich den Roman bisher noch nicht gelesen habe. Ich kann aber durchaus beurteilen, ob aus einem Stapel beschriebenem Papier unter Bündelung der Talente aller Beteiligten auf der Bühne eine fesselnde Inszenierung geworden ist.

Die Bühne, ohne Vorhang, schwarz und leer, nichts lenkte das Auge ab. Ein Kind setzte sich in den Lichterkegel des Scheinwerfers, malte mit einem Stück Kreide ein Bild auf den Boden und summte leise die Melodie „Maria durch ein Dornwald ging“. Eine junge Frau erschien mit einer Wanne unter dem Arm und begann die strahlend weiße, frisch gewaschene Wäsche aufzuhängen. Aus dem Hintergrund des Zuschauersaals ertönte die Stimme der Erzählerin…


HINWEIS: DIE OBIGE AUFNAHME STAMMTE NICHT AUS DER BESPROCHENEN INSZENIERUNG.

Josef und Maria Moosbrugger leben mit ihren Kindern am Rand eines Bergdorfes. Sie sind die Abseitigen, die Armen, die Bagage. Es ist die Zeit des ersten Weltkriegs und Josef wird zur Armee eingezogen. Die Zeit, in der Maria und die Kinder allein zurückbleiben und abhängig werden vom Schutz des Bürgermeisters. Die Zeit, in der Georg aus Hannover in die Gegend kommt, der nicht nur hochdeutsch spricht und wunderschön ist, sondern eines Tages auch an die Tür der Bagage klopft. Und es ist die Zeit, in der Maria schwanger wird mit Grete, dem Kind der Familie, mit dem Josef nie ein Wort sprechen wird: der Mutter der Autorin.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Regisseurin Ingrid Gündisch hatte sich von Ausstatterin Ilka Meier eine Black-Box auf die Bühne stellen lassen, die in ihrer dunklen Kargheit automatisch den Fokus auf die Figuren lenkte und diese animierte, auf die inneren wie auch äußeren Reize zu reagieren. Gundisch ließ ihre Figuren einerseits zwischen Wahrnehmung und Reaktion agieren, doch ihre Beweggründe blieben oftmals im Verborgenen. Weiße Blusen und Hemde sowie die weißen Laken, die im Laufe der Vorstellung auf die Leinen gehangen wurden und so unterschiedliche Spielräume bildeten, ließen dagegen einen scharfen Kontrast entstehen. Teilweise schmerzte mir das Strahlen des Weißes in den Augen und ließ die Personen vor ihm wie von einer Aura umrahmt erscheinen. Weiße Wäsche ist unserer Heldin so wichtig: „Wir sind zwar arm, aber wir müssen nicht so aussehen.“ Zwischen all dem vielen Weiß und Schwarz wirkte das hellblaue Kleid, das Maria kurzzeitig trug, wie ein Störfaktor. Und genau dies sollte es wohl auch sein: Maria in ihrem blauen Kleid ist ein Störfaktor in der schwarz-weißen Welt der spießigen Bewohner des Bergdorfes. Die Regisseurin führte ihr Ensemble behutsam durch die Handlung, lässt ihm aber auch genügend Raum, um zu atmen und Gefühl(sausbrüch)e zuzulassen. Die Textfassung von Coco Plümer überzeugte durch ihre glaubwürdigen Dialoge, die stets natürlich zur jeweiligen Person passten. So ermöglichte sie den Schauspieler*innen, aus papierene Figuren Menschen aus Fleisch und Blut zu kreieren.


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Ein Kind setzte sich in den Lichterkegel des Scheinwerfers: Carla Lou Schreuder stand stellvertretend für alle Kinder der Moosbrugger, um sich schlussendlich in der Figur der Grete zu manifestieren. Dabei wirkte sie in ihrer Zartheit so unschuldig und darum so verletzlich.

Angelika Hofstetter gab die Erzählerin – sozusagen die Stimme der Autorin Monika Helfer – energetisch zwischen Sanftheit und Wut und verstand es großartig, die Vielzahl an Erklärungen abwechslungsreich zu gestalten. Zudem schlüpfte sie spielerisch in die Rolle des Sohnes Lorenz und verdeutlichte als Dorfpfarrer dessen verlogene Bigotterie.

Leon Häder gelang es mit nur wenigen Änderungen der Garderobe, dafür vielmehr durch Haltung und Stimmfärbung die unterschiedlichen Männerrollen darzustellen: Scheinbar mühelos wechselte er vom schleimig-anbiedernden Bürgermeister Fink zum offenen, lebensfrohen Georg, um uns dann in die seelischen Tiefen von Josef Moosbrugger, diesem äußerlich stillen, doch durchaus leidenschaftlichen Mann, blicken zu lassen.

Wie Planeten um die Sonne kreisten diese drei Menschen um Anna Caterina Fadda, die Maria Moosbrugger mir einer beeindruckenden wie auch beängstigenden Intensität verkörperte. Sensibel kreierte sie ein kraftvolles Frauenbild, modern zu ihrer Zeit, kämpferisch und mit unverbrüchlicher Haltung. Dabei warf sie sich so schonungslos in die Rolle, dass ihr die Tränen über die Wangen rannen. Und selbst im Stadium der größten Emotionalität war ihre Darstellung reich an Nuancen. Chapeau!!!

Es dauerte einen Moment, bis das Publikum am Ende der Vorstellung in frenetischem Applaus ausbrach: Anscheinend brauchten wir alle einige Sekunden des Innehaltens, bevor wir in einem begeisterten Jubel ausbrechen konnten. Im kleinen Haus des Stadttheaters wurden wir Zeuge, wie große Literatur dank Talent und Respekt auf die Bühnenbretter gezaubert wurde, die uns dann gänzlich verzauberte. Der geheimnisvolle Theaterzauber: Hin und wieder gibt es ihn tatsächlich!

Auf dem Heimweg saßen mein Mann und ich schweigsam sinnierend nebeneinander im Auto. Wir waren vom Erlebten so sehr ergriffen, da wäre jedes Wort zu viel gewesen. In Gedanken wanderte ich zurück in meine Kindheit und erinnerte mich an Begebenheiten, da das Verhalten von Mitgliedern meiner Bagage durchaus Einfluss auf mein Werden nahm. Und ich fragte mich…

„Wie lange haften die Taten meiner eigenen Bagage noch an mir?“
und
Wann bin ich endlich von der Familienschuld befreit, da das kollektive Gedächtnis
die Verfehlungen meiner Vorfahren vergessen hat?“


Noch bis Anfang Januar 2026 verspricht das Stadttheaters Bremerhaven mit DIE BAGAGE einen intensiven Theaterabend.

Der Roman ist erschienen bei Carl Hanser / ISBN: 978-3446265622

[Rezension] Ute Woltron – HEUTE NICHT, ICH HAB MIGRÄNE

„Heute nicht, Schatz, ich habe Migräne!“ Wer kennt ihn nicht, diesen Altherrenwitz aus der Mottenkiste des schlechten Humors. Es ist erschreckend, dass sich solche Bilder nach wie vor fest in den Köpfen Nichtbetroffener festgesetzt haben. Doch welche Botschaft versteckt sich hinter einem solchen „Witz“? Bedeutung: Migräne ist ein Leiden, von dem vornehmlich sexuell unbefriedigte wenn nicht sogar frigide Frauen betroffen sind. „Solche Weiber müssten mal so richtig…!“ sind sich die Herr(lichkeit)en mancher Stammtischrunden einig. Im Umkehrschluss stelle ich mir als Mann, der unter Migräne leidet, natürlich folgende Frage „Was müsste ich mal so richtig…, damit die Migräne wie durch Zauberhand von mir abfällt?“

Autorin Ute Woltron weiß, wovon sie schreibt. Hat sie doch, wie viele von uns, die betroffen sind, alle dummen Witze, ungewollten Ratschläge und jegliche Reaktionen von Unverständnis im Laufe ihrer „Migräne-Karriere“ selbst erleben oder vielmehr erdulden müssen. Was musste ich mir im Laufe der 25 Jahre, in denen dieser Untermieter, den ich nie haben wollte, bei mir eingezogen ist, schon alles anhören. Jedes mögliche (und auch unmögliche) Thema fand Erwähnung und war Ursache und Lösung zugleich: Ernährung, Schlaf, Sex, Stress, Sport und Bewegung, Chakren, Körpersäfte undnochvielesmehr – entweder hatte/machte ich zuviel oder zuwenig, und prinzipiell war irgendetwas davon nicht in der Balance. Besonders liebe ich die Aussagen ohne jeglichen Nährwert: „Du machst dir einfach zu viele Gedanken!“ Danke, sechs, setzen! Wenn es wirklich einfach wäre, dann hätte ich es längst geändert.

Ausgenommen davon sind die Tipps und Hinweise, die ich von anderen Betroffenen erhalten habe: Hier sprachen wir auf Augenhöhe miteinander. Und so manches Mal half ein verständnisvoller Blick und ein wissendes Nicken so viel mehr und schenkte mir Trost.

Die Autorin schafft es wunderbar, eigenes Erleben mit wissenschaftlichen Fakten und Zahlen zu vermischen. Sie vergisst dabei auch nicht, eine Prise Humor einzustreuen – manchmal ist es auch Ironie, und hin und wieder meinte ich wahrzunehmen, dass in ihren Worten auch ein sarkastischer Unterton mitschwang. Bei dem, was sie durchleben und erleiden musste, ist dies absolut nachvollziehbar und verständlich.

Jede Migräne ist ebenso einzigartig, wie der Mensch, der von ihr betroffen ist. Doch es gibt viele Parallelen, und ich konnte mich oft in den Worten der Autorin wiederfinden. Auch die Zahlen, wie viele betroffene Menschen es weltweit gibt, haben mich sehr erstaunt. Diese Dimension nimmt durchaus Einfluss auf die Produktivität einer Bevölkerung. Umso verwunderlicher, dass dieser Umstand weiterhin noch viel zu wenig Beachtung erfährt.

Dass Frauen und Männer verschieden ticken und ihre Körper unterschiedlich „funktionieren“, sollte hinlänglich bekannt sein. Entsprechend variiert auch die Ausprägung der Migräne bei den Geschlechtern. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer, weshalb Migräne oftmals als reines Frauenleiden abgetan wird. So ganz von diesem gängigen Vorurteil konnte sich anscheinend auch der Verlag dieses Buches nicht freimachen: Wenn ich mir das Design und die Farbgebung des Umschlags anschaue, scheint hier eher eine weibliche Leserschaft angesprochen zu werden. Schade, da hätte ich mir ein wenig mehr Diversität in der Gestaltung gewünscht.

Doch ehrlich gesagt, achte ich bei einem Sachbuch viel mehr auf den Inhalt als auf die Verpackung. Hier liefert Ute Woltron in knappen, doch nie oberflächlichen Kapiteln eine Auswahl an vielfältigen Informationen, von denen sich jede*r wie an einem Buffet bedienen und so seinen persönlichen Teller an „Leckereien“ zusammenstellen kann. Da finden Trigger, die Auslöser einer Migräne, ebenso Erwähnung wie die Möglichkeiten der medikamentösen Therapie. Gerade hier hat sich in den vergangenen Jahres einiges getan, wie am geschichtlichen Exkurs verdeutlicht wird. Auch die Variationen in der Ausprägung der Migräne (mit Aura, ohne Aura etc.) werden verständlich geschildert. Als kulturell interessierter Mensch fesselte mich das Kapitel über Künstler, die angeblich unter Migräne litten, und wo vermutet wird, dass dieser Umstand Einfluss auf ihre Kunst nahm.

Doch besonders ihr Appell, die wenige Zeit (ohne Migräne) zu nutzen, traf bei mir auf offene Ohren. Ich empfinde die Tage unter Migräne immer, als würde mir wertvolle Lebenszeit gestohlen werden. Wie oft konnte ich inspirierende Theater- und Konzertabende nicht wahrnehmen? Wie oft musste ich gesellige Treffen mit lieben Menschen absagen? Wie oft…? Zu oft!

So nehme ich aus der Lektüre dieses Buches nicht nur eine Fülle an Informationen mit. Vielmehr fühle ich mich bestätigt und gesehen. Unter Migräne zu leiden, kann sehr einsam machen, da ist es schön zu wissen, dass ich nicht alleine bin.

NACHTRAG Auf der Homepage von Ute Woltron findet man – neben vielen wunderbaren Beiträgen – sogar eine MIGRÄNE-TRACKLIST mit Songs, die die Autorin durch die guten und die weniger guten Tage des Lebens begleitet haben. Dazu schreibt sie: „Die besten Tracklists sind die eigenen. Hauptsache, man hat eine.“

Habt ihr eine Tracklist? Ich habe eine – schon lange!


erschienen bei ecoWING (Benevento) / ISBN: 978-3711003713
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Ausstellung] DIE STILLE REVOLTE DER DINGE / Kunstmuseum Bremerhaven

Dauer der Ausstellung: 23. März 2025 bis 29. März 2026 / Besuch: 10. September 2025
Kunstmuseum Bremerhaven


„Ich finde die so hässlich.“ war in einem Kommentar zu meinem Beitrag ALLTAGSMENSCHEN in einem der Bremerhaven-Foren zu lesen. Ich teile diese Einschätzung in keiner Weise, doch ich respektiere selbstverständlich die Meinung dieser Kommentatorin. Meine Antwort lautete: „Das ist das Gute bei Kunst: Wir müssen nicht alle das Gleiche schön finden. Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters.“

Liegt Schönheit immer im Auge des Betrachters? Ja, liegt es! Dafür sind wir alle, jede*r für sich, individuelle Persönlichkeiten mit einem unterschiedlichen Erfahrungsschatz, aus dem wir schöpfen, aber aus dem wir auch werten. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass Kunst nicht unbedingt im klassischen Sinne schön sein muss, um mein Interesse zu wecken. Wäre dies der Fall, dann hätte mein Besuch des Kunstmuseums in Bremerhaven direkt im ersten Raum schon geendet.

Allein der Anblick des Gebäudes, dieses viereckigen, dunkel verkleideten Quaders, gradlinig, schnörkellos, funktionell, das sich zwischen Stadttheater und Kino presst und die Ecke mit dem Eingangsportal keck in Richtung Theodor-Heuss-Platz reckt, löste auch bei mir keine Begeisterungsstürme aus und würde unter der Rubrik „Schöne Bauwerke in Bremerhaven“ mir nicht unbedingt als erstes in den Sinn kommen. Doch das Kunstmuseum ist auch nicht dazu da, um Schönheitswettbewerbe zu gewinnen. Es ist dazu da, um zeitgenössischer Kunst einen Rahmen zu bieten, in dem sie sich entfalten kann und darf.

„Der Titel der Ausstellung DIE STILLE REVOLTE DER DINGE bezieht sich unter anderem darauf, der Kunst die Verweigerung zuzugestehen, nur eine weitere elitäre Ware zu werden. Er könnte aber auch andeuten, dass man nicht willens ist, einen öffentlichen Dienst zu leisten, um ihre Existenz zu rechtfertigen. In dieser Ausstellung gibt es keine Anbiederung und kein Buckeln, keine offensichtlichen Gefälligkeitsversuche, keine gönnerhaften Rechtfertigungen oder Erklärungen.“

…las ich im Begleitheft zur Ausstellung und betrat gespannt den ersten Raum. Direkt gegenüber dem Eingang begrüßte mich mit ROSE PAINTING eine Wandinstallation von Yngve Holen, die mich an ein Rosettenfenster eines Doms erinnerte, dann meinte ich das Wurzelwerk eines Baumes zu erkennen. Umso erstaunter war ich, als ich erfuhr, dass es sich hierbei einen vergrößerten Scan der Radspeiche eines SUV, der aus Leimholz gefertigt wurde, handelte. Erstaunlich, wie die Wahrnehmung einer Form sich verändert, sobald Größe und Material nicht mehr dem Gewohnten entspricht.

Im 1. Stock betrat ich einen Raum und wurde mit einer Begegnung mit mir selbst beschenkt: Anfangs fragte ich mich „Wer kommt denn da durch die Tür?“, dann realisierte ich, dass es sich beim „Man in the Mirror“ um mich höchstpersönlich handelte. Mit MIRRORS WOULD DO WELL TO REFLECT MORE BEFORE SENDING BACK IMAGES möchte uns Juliette Blightman einladen, dass wir auf dem Stuhl vor dem Spiegel Platz und uns Zeit zur Reflexion nehmen. Denn was wir über andere Menschen sagen, ist vielmehr ein Spiegelbild unserer selbst.


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Im Nebenraum stolperte ich beinah über zwei graue Plastikwannen mit schmutzigen Geschirr, an dem die Essensreste schon unschön festgetrocknet waren. Irritiert blickte ich zu Boden und fragte mich „Ist in Villarriba und Villabajo das Spülmittel ausgegangen?“. Doch irgendwie wirkte das Arrangement MALEWHITECORPORATEOPPRESSION von Georgie Nettells auch wie eine stille Revolte, als wolle jemand mir provokant zurufen „Wenn’s dich stört, dann mach doch selber!“

Wie konnte sich eine Tür, die wirkt als käme sie aus der Gründerzeit, in eine Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst verirren? Hat irgendjemand sie hier abgestellt und versehentlich vergessen? Bei näherer Betrachtung erkannte ich, dass es sich zwar durchaus um eine alte Kassettentür handelte, die allerdings ein neues Farbkleid erhalten hatte. Leider war dieses neue Kleid nicht in derselben hohen Qualität ausgeführt, wie diese ursprünglich wunderschöne Tür handwerklich gearbeitet wurde. Mit MACKDOOR hinterfragt Lucy MxKenzie die Trennung zwischen Handwerk und Kunst.

Ich schob den Vorhang zur Seite und betrat einen beinah dunklen Raum. Nur direkt im Mittelpunkt war eine Lichtquelle, die LIGHT BOX von Kitty Kraus auszumachen, die an Intensität gewann, je mehr sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Erstaunt stelle ich fest, dass die sichtbare Horizontallinie nicht auf die Wand gemalt wurde, sondern aufgrund der Ausrichtung der Lichtquelle entstand.

Außerhalb dieses Raumes gab es noch eine weitere Lichtinstallation OHNE TITEL von Kitty Kraus zu bewundern, die auch auf dem Plakat zur Ausstellung zu sehen ist – allerdings in ihrem Ursprungszustand. Die Arbeit besteht aus einer klassischen Glühbirne, die in einen Eisblock, der während der Dauer der Ausstellung langsam schmilzt, eingeschlossen wurde. Die Künstlerin bedient damit zwei Dimensionen: So sucht sich das geschmolzene Eis seinen Weg als Pfützen und Rinnsale seinen Weg durch den Raum und verändert sich dabei, je länger dieser Prozess andauert.

Auch im 2. Stock beeindruckte mich eine Lichtinstallation: UNTITELD von Cerith Whyn Evans war eine Lichtsäule bestehend aus mehreren Neon-Röhren, die eine theatralische Kraft ausstrahlte und je nach Position des Betrachtenden ihre Umgebung in unterschiedlich intensive Schatten tauchte. Es war magisch!

Nach dieser Dramatik sorgte mein Blick auf die fünf Grafiken OHNE TITEL von Christian Flamm für eine wohltuende Entspannung: Mit den minimalistischen Formen und der Collagen-artigen Zusammensetzung erinnerten mich die Werke an den reduzierten Stil des Pop-Arts.

Im Treppenhaus im 1. sowie 2. Stock entdeckte ich die Leuchtkästen OHNE TITEL 1 und OHNE TITEL 2 von Daniel Pflumm, die von ihrer Ästhetik durchaus auch ein Produkt eines bekannten schwedischen Möbelhauses hätten sein können. Ich sehe diese Assoziation nicht als Nachteil. Vielmehr sei es auch hier gestattet, die Trennung zwischen Gebrauchsdesign und Kunst zu hinterfragen.

Dies war meine ganz individuelle Auswahl an Kunstwerken: Jedes dieser Werke hatte mich ganz außerordentlich angesprochen, indem es mich verwirrte, zum Nachdenken anregte, zum Lächeln oder zum Staunen brachte und mich so verführte, länger bei ihm zu verweilen. Doch natürlich gibt es noch viele Kunstwerke weiterer Künstler*innen im Kunstmuseum Bremerhaven zu entdecken, und jede*r Besucher*in wird bei einem Besuch eigene Favoriten küren. Und trotz der eingangs erwähnten Schlichtheit und Gradlinigkeit des Gebäudes empfand ich die dortige Atmosphäre auch dank der natürlichen Ausleuchtung als sehr angenehm.


Für alle, die gerne die gewohnten Pfade verlassen und offen sind für neue Impulse, ist die Ausstellung DIE STILLE REVOLTE DER DINGE im Kunstmuseum Bremerhaven wärmstens zu empfehlen.

[Literatur & Artverwandtes] BÜCHERPLAUSCH / Stadtbibliothek Bremerhaven

BÜCHERPLAUSCH am 10. September 2025

Stadtbibliothek im Hanse Carré in Bremerhaven


Schon seit einiger Zeit bin ich am Grübeln, was ich – neben dem fleißigen Bloggen und hin und wieder Vorlesen – sonst noch rund um das Thema „Buch“ machen könnte. Verschiedene halbgare Ideen waberten in meinem Schädel von der einen zur anderen Seite. Einige von diesen Ideen waren dann irgendwann ¾ gar und somit soweit reif, in einem Konzept niedergeschrieben und vorerst konserviert zu werden. Doch keine dieser Ideen passte zu meiner momentanen Lebenssituation, und so suchte ich weiter. Da stolperte ich auf der Homepage der Stadtbibliothek Bremerhaven über die Ankündigung folgender Veranstaltung…

Lesebegeisterte aufgepasst! Einmal im Monat findet in der Stadtbibliothek ein offenes Treffen statt, um sich gegenseitig Literaturtipps zu geben, über Lieblingsbücher oder solche Titel, die es werden könnten, zu sprechen und sich in der Gruppe auszutauschen. Garantiert gibt es für jede und jeden immer wieder Neu- und Wiederentdeckungen von lesenswerten Büchern aus allen Bereichen, ob Krimi, Liebesroman oder auch mal ein Sachbuch. Teilnahme kostenlos, keine Anmeldung erforderlich.

(Text der Homepage der Stadtbibliothek Bremerhaven entnommen.)

Schon während ich diese Zeilen las, war meine Neugier geweckt, und ich stellte mir folgende Fragen: „Gestaltet sich der Austausch über Bücher in der Realität wirklich so ungezwungen, wie die Ankündigung es versprach?“ und „Wäre dieses Format auch auf unsere Stadtbibliothek in Osterholz-Scharmbeck übertragbar?“. Getreu meines favorisierten Mottos „Lieber gut geklaut als schlecht selbstgemacht!“ machte ich mich auf den Weg nach Bremerhaven, um direkt vor Ort meine Feldforschung zu betreiben und Details bzgl. Ablauf und Organisation auszuspionieren.

Treffpunkt des BÜCHERPLAUSCHs war innerhalb der Räumlichkeiten der Stadtbibliothek das BiB_Lab, das Innovationslabor für Bildungsräume in Bewegung. Dabei handelt es sich um eine abgeschlossene Einheit innerhalb eines größeren Raumes, der flexibel und partizipativ die Möglichkeit schafft, kreative Denk-, Handlungs- und Gestaltungsräume zu entwickeln und diese unkompliziert umzusetzen. Wir waren durch die Plexiglasfront deutlich für die Besucher*innen der Bibliothek sichtbar, und auch wir nahmen das dortige Treiben wahr. Doch fühlte ich mich dadurch in keiner Weise gestört: Vielmehr fühlte es sich für mich an, als befände ich mich in einem geschützten Raum, in dem wir ungestört plaudern konnten.

Moderiert wurde die Veranstaltung von zwei Mitarbeiterinnen der Stadtbibliothek, deren Namen mir bedauerlicherweise entfallen sind (Asche auf mein Haupt!). Wer mochte, durfte gerne mitgebrachte Bücher vorstellen, aber es war auch völlig okay, wenn jemand ohne eigenes Buch erschienen war und sich lieber von den Buch-Tipps der anderen inspirieren lassen wollte. Alle Buch-Tipps wurden von den Moderatorinnen schriftlich fixiert und am Schluss der Veranstaltung als Ausdruck an die Anwesenden verteilt.

  • Karin Kalisa – SUNGS LADEN
  • Karin Kalisa – RADIO ACTIVITY
  • Rabea Edel – PORTRÄT MEINER MUTTER MIT IHREN GEISTERN
  • Justin Pust – NEW ADULT ROMANE
  • Romy Fölck – ELBMARSCH-KRIMIS
  • Janice Hallett – DIE ENGEL VON ALPERTON
  • Kate Atkinson – NACHT ÜBER SOHO
  • Siegfried Lenz – SO ZÄRTLICH WAR SULEYKEN
  • Siegfried Lenz – DIE JÜTLÄNDISCHE KAFFEETAFEL
  • David Grossmann – EINE FRAU FLIEHT VOR EINER NACHRICHT
  • Julie Otsuka – WOVON WIR TRÄUMTEN
  • Dimitrij Kapitelman – RUSSISCHE SPEZIALITÄTEN
  • Kristina Bilkau – HALBINSEL

Neben den beiden Moderatorinnen trafen hier zehn Buchbegeisterte (Ich war der Quotenmann!) aufeinander, die vom Alter erfreulich heterogen waren. Da bewahrheitete es sich wieder, dass, wenn gemeinsam mit Begeisterung über ein Buch geplaudert wird, das Alter der Lesenden völlig unerheblich ist. Und geplaudert wurde an diesem Spät-Nachmittag reichlich und zwar wohltuend viel miteinander und weniger nebeneinander bzw. aneinander vorbei. Die Atmosphäre war angenehm entspannt und ungezwungen – auch dank der beiden charmanten Moderatorinnen.

Auf dem Weg Richtung Ausgang entdeckte ich im Flohmarkt-Regal noch ein Buch, das mich sehr interessierte und darum – nachdem ich meinen Obolus in der Spendendose hinterlassen hatte – mich nach Hause begleiten durfte. Und so machte ich mich beschwingt und inspiriert auf den Heimweg.

Durchaus könnte ich mir vorstellen, das Konzept BÜCHERPLAUSCH auch in meiner Heimat-Bibliothek zu initiieren. Doch bis es soweit ist, spioniere ich lieber noch ein wenig mehr bei den Kolleginnen der Stadtbibliothek Bremerhaven. 😉


Der nächste BÜCHERPLAUSCH findet am 8. Oktober 2025 statt bzw. an jedem zweiten Mittwoch im Monat von 16.30 bis 17.30 Uhr. Alle weiteren Termine zu den regelmäßig stattfindenden VERANSTALTUNGSREIHEN findet Ihr auf der Homepage der Stadtbibliothek Bremerhaven.

[Noch ein Gedicht…] Hedwig Lachmann – AM STRAND

Das helle Ufer schimmert feucht
Vom Schaum der Welle, die entwich.
In silbern flirrendem Geleucht
Verliert sich fern sein letzter Strich.

Die Segelboote fliegen aus –
Von Mitternacht, von Norden her
Kommt eine Woge hoch und kraus:
Geliebtes Meer, geliebtes Meer!

Hedwig Lachmann

[Rezension] VOM GLÜCK, AUFS MEER ZU SCHAUEN. Die schönsten Geschichten und Gedichte/ ausgewählt von Jan Strümpel

Da unterbrach ich meinen Spaziergang zu den ALLTAGSMENSCHEN in Bremerhaven nur allzu gerne, um mir eine Pause auf einer Bank direkt an der Hafenkante zu gönnen. Vor mir befand sich zwar nicht direkt das Meer, doch die Lage der Stadt lässt die Nordsee durchaus bereits erahnen. So schaute ich sinnierend über das Wasser, lauschte dem Plätschern der Wellen und den Rufen der Möwen und schickte meine Gedanken auf Reise.

„Das muss eine Qualität des Meeres sein, dass es in jeder Form verlocken und entzücken kann, auch ohne Palmen, pittoreske Bergdörfer und gewaltige Brandungen. Wenn es denn nur zur Seele spricht.“ lässt Jan Strümpel in seinem Vorwort zu VOM GLÜCK, AUFS MEER ZU SCHAUEN verlauten, und da kann ich ihm nur beipflichten. Dies scheint eindeutig kein modernes Phänomen zu sein: Zu allen Zeiten übte das Meer seinen Reiz auf die Menschen aus und animierte sie zu Lyrik und Prosa, wie diese feine Sammlung beweist. Wie bereits bei der Auswahl zum Thema FRÜHLING seiner Kollegin Mareike von Landsberg, versammelt auch Jan Strümpel in seiner Anthologie eine äußerst abwechslungsreiche Riege an Literat*innen.

Da tummelt sich eingangs Hedwig Lachmann am Strand und ist da in bester Gesellschaft mit Theodor Storm. Clara Müller-Jahnke schwärmt da eher von einer turbulenten Fahrt auf dem Meer „Fühlst du die Bretter schwanken? Schon brandet dumpf das Meer…“, während Joachim Ringelnatz auf einem schwankenden Boot versucht, nicht den Humor zu verlieren. Erich Fried gibt uns lyrische Anweisungen, wie wir uns am Meer zu verhalten haben. Wilhelm Busch wird am Strand auf Borkum zu einigen Versen für eine mir nicht näher bekannten Dame namens Hermine inspiriert. Und sogar Elisabeth von Österreich (Ja, genau, die Sisi!) lässt sich zu einem Gedicht über die See animieren.

Aber auch die Damen und Herren der Prosa waren nicht untätig: Da gibt es kürzere Appetit-Häppchen aus MOBY Dick von Herman Melville und ZWANZIGTAUSEND MEILEN UNTER DEM MEER von Jules Verne, wie auch längere Passagen aus den Werken von Charles Dickens, Mark Twain, George Sand, Hans Christian Andersen und Victor Hugo. Da beginnen die Schiffsreisen in Stade, auf Ceylon und ab Nordstrand, um dann ihr Ziel auf Helgoland, Norderney, Mallorca und Mauritius nach einer mal mehr mal weniger beschwerlichen Überfahrt endlich zu erreichen. Denn die See kann verführerisch sanft und im nächsten Moment tückisch sein, weiß Else Lasker-Schüler zu erzählen. Doch zum Glück weisen die Lichter der Leuchttürme den Schiffen den Weg, wie Alphonse Daudet, der bereits auf einem von ihnen wohnte, berichten kann.

So vielfältig sich das Meer im Verlauf der Jahreszeiten oder bei unterschiedlichen Wetterbedingungen präsentiert, so kurzweilig sind auch die Texte und Gedichte der hier versammelten Literat*innen. Immer schwingt zwischen den Zeilen der Respekt vor dieser manchmal unberechenbaren Naturgewalt mit, die immer und überall auf der Welt die Phantasie der Menschen beflügelte und das Fernweh und den Drang nach Freiheit steigerte.

Auch auf mich übt das Meer einen unerklärlichen Zauber aus, schürt meine Sehnsucht und nährt meine Melancholie. Kann ich auch lange Zeit ohne sein, so zieht es mich irgendwann doch wieder ans Wasser. Denn nur beim Blick über die Wellen verspüre ich diese absolute Ruhe, die dem Gefühl von Friede sehr nahe kommt.


erschienen bei anaconda / ISBN: 978-3730614662