[Event] OSTERHOLZER WINTERLICHTER: …und plötzlich war’s auch schon wieder vorbei!

„Ein Dollar und siebenundachtzig Cent.“

…so begann die vierte und letzte Geschichte, die ich an diesem ereignisreichen Tag vortragen sollte. Danach folgte noch ein besinnliches Orgelkonzert, und dann waren die ersten OSTERHOLZER WINTERLICHTER auch schon Geschichte.

Ich starrte in die Flammen der Altarkerzen, lauschte den Klängen der Orgel, und ein seltsames Gefühl breitete sich in mir aus. Es war eine Mischung aus Erschöpfung, Erleichterung und Ungläubigkeit. Nach etlichen Tagen der Vorbereitung gepaart mit Anspannung fühlte ich mich nun erschöpft. Erleichtert war ich, dass alles, was wir geplant hatten, auch reibungslos klappte und somit keine unvorhersehbar eintretenden Katastrophen ein spontanes Handeln nötig machte. Und nun saß ich hier und konnte es kaum glauben, dass das, worauf wir als Orga-Team seit Februar hingearbeitet hatten, nun vorbei sein sollte. Langsam dämmerte es mir, dass nun wahrscheinlich etwas fehlen würde, und eine Art von Phantomschmerz setzte bei mir ein. Dieses Konglomerat an Empfindungen war in diesem Moment so mächtig, dass sich das Gefühl der Zufriedenheit nicht einstellen wollte bzw. konnte.

Schon am Vortag stand ich in der klirrenden Kälte auf dem Kirchenvorplatz und pimpte den Weihnachtsbaum, der freundlicherweise vom Hausmeister der Gemeinde aufgestellt und mit Lichterketten versorgt wurde, zusätzlich mit einer Vielzahl an roten Schleifen auf. Dann bedeckte ich die kahlen Blumentröge mit Tanne und dekorierte sie mit Holzsterne und Lichterkette. Auch der Kircheninnenraum wurde von mir mit Tanne und Schleifen geschmückt. Da die Kirche ein Ort der Begegnung ist, und sie somit am Nachmittag noch anderweitig genutzt wurde, sollten alle weiteren Vorbereitungen direkt am Tag der Veranstaltung erfolgen.

Am Premierentag schenkte uns der Wettergott leichten Schnee und ansonsten eine wunderbar klirrende Kälte. Schon am Abend zuvor wurden wir mit Schnee erfreut, der die passende stimmungsvolle Kulisse bilden sollte. Schon vor Beginn unseres geplanten Programms schlenderten die ersten Besucher über den Kirchenvorplatz, gönnten sich am Foodtruck eine Leckerei oder wärmten sich bei Kaffee oder Tee in unserem Gemeindecafé auf. Insgesamt zehn Aktionen standen auf unserem Programmzettel. Anscheinend hatten wir bei deren Auswahl den Geschmack der Besucher*innen getroffen: Über ein mangelndes Interesse konnte sich niemand beklagen – weder bei uns, noch bei den anderen Institutionen, von deren tollen Aktionen ich als verantwortlicher Orga-Mufti der Kirchengemeinde St. Marien leider nichts mitbekam.

Schon die erste Kirchenführung durch den Lokal-Historiker Volker Müller war sehr gut besucht. Der entzückende Kindergarten-Chor Mallettissimo lockte natürlich Eltern, Geschwister und sonstige Anverwandte in die Kirche. Das Konzert des Instrumental-Ensembles TonArt löste am Ende beim Publikum begeisternde Rufe nach einer Zugabe aus. Die Autorin Christa Lindemann erfreute bei ihrer Lesung mit drei charmanten Erzählungen – natürlich aus ihrer eigenen Feder. Der Posaunenchor sorgte mit weihnachtlichen Klängen für festliche Stimmung auf dem Kirchenvorplatz und lud beim anschließenden Rudelsingen alle Anwesenden zum Mitsingen ein. An der Orgel überzeugte Utz Weißenfeld mit klassischen Werken, überraschte aber auch mit modernen Interpretationen.


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Passend zur Jahreszeit aber unpassend zu diesem Zeitpunkt kämpfte ich seit Tagen gegen eine beginnende Grippe an und sollte (bis jetzt) als Sieger aus diesem Kampf hervorgehen. Einzig eine belegte Stimme musste ich als Zugeständnis wohl oder übel akzeptieren. So lutschte ich hingebungsvoll GeloRevoice Halstabletten und gurgelte äußerst melodisch mit Salbei-Tee, in der Hoffnung, so meine beiden Mini-Lesungen halbwegs glimpflich zu überstehen. Ich sollte sie überstehen, und das – gemessen an den positiven Rückmeldungen – gar nicht mal sooo schlecht.

Ansonsten stand dieser Tag ganz im Zeichen der Begegnung: Begegnungen mit lieben Freunden, alten Bekannten, neuen Bekannten oder gänzlich Unbekannten, die mich ansprachen und mit denen ich so zwanglos ins Gespräch kam. Da stand ein Herr vor unserer Weihnachtskrippe und starrte auf die Lücke zwischen Maria und Josef. Dann blickte er auf, erkannte an meinem Namensschild, dass ich hier wohl was zu sagen hätte, und es platzte empört aus ihm heraus: „Warum liegt der Jesus nicht in der Krippe?“. Ich lächelte ihn freundlich an und meinte „Würde er da jetzt schon liegen, wäre er eine Frühgeburt!“. Es war dem Herrn deutlich anzusehen, dass er diese Information erstmal verarbeiten musste. Dann schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen. „Davon mache ich jetzt ein Foto und schicke es Verwandte in Amerika. Da liegt jetzt schon an jeder Ecke ein Jesus in irgendeiner Krippe!“ sagte er und zückte sein Handy.

Maria und Birgit von unserem Kirchencafé St. Marien hatten am Ende des Tages keinen einzigen sauberen Teller mehr im Schrank: Der Andrang an Besuchern war so enorm, dass zum Abwaschen kaum Zeit blieb. Und auch Britta und Andreas vom Foodtruck MoorKitchen blickten müde aber zufrieden über ihren Tresen und vergaßen nicht anzumerken „Beim nächsten Mal denkt bitte an uns! Wir sind gerne wieder dabei!“.

Beim nächsten Mal: Ja, es wird sicherlich ein nächstes Mal geben. Wann und in welchem zeitlichen Rhythmus wird sich noch klären. Doch die OSTERHOLZER WINTERLICHTER haben nachdrücklich bewiesen, dass sie mehr sind als nur eine Eintagsfliege, mehr als nur ein One-Hit-Wonder.

Doch für dieses Jahr löschte ich vorerst die Kerzen auf dem Altar…!


Ich danke Britta, Marcus, Nadine, Sven, Sabrina, Stephanie, Debbie, Anne, Irmgard und Astrid für die ganz und gar wunderbar kollegiale Zusammenarbeit:

Ihr Lieben, es war mir eine wahre Freude!!!
💖


Auf unserer Homepage sowie auf den Accounts bei facebook und Instagram findet ihr viele, weitere Impressionen von den ersten OSTERHOLZER WINTERLICHTERn…!

[Rezension] Merry Christmas! Weihnachtsgeschichten von der Insel

Weihnachten auf der Insel: Da buddeln sich bei mir in meinem Gedächtnis alle Klischee-Bilder von England an die Oberfläche, und ich denke an Mistelzweige, Sternsinger und Plumpudding, an verschneite Landschaften, idyllische Cottages und pittoreske Kirchen. Doch beinah zwangsläufig – als bekennender Christie-Fan – drängt sich mir auch ein anderes Bild auf. Ein zünftiger Weihnachts-Mord dürfte dabei eigentlich nicht fehlen: erschossen unterm Mistelzweig, vergiftet mit Plumpudding oder erhängt im Glockenturm eben jener pittoresken Kirche.

Nun, in dieser Anthologie sucht man Mord vergebens, dafür bietet dieses Büchlein aber ansonsten so einiges, was das anglophile Herz begehrt und erfreut. Der Dörlemann-Verlag hat hier eine feine Auswahl an sieben Geschichten von mir bisher eher unbekannten Autor*innen zusammengestellt, bei denen es mir große Freude bereitet hat, ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.

Saki aka Hector Hugh Munroe startet diese Anthologie mit „Reginalds Weihnachtssause“, die so herrlich „sophisticated“ von einer anämischen Weihnachtsfeier berichtet, die durch besagtem Reginald ein wenig aus den Angeln gehoben wird. Laurie Lee beschreibt in „Ein kalter Weihnachtsspaziergang auf dem Lande“ eben genau das: Unser namenloser Spaziergänger lässt uns an seiner bescheidenen Freude an der Landschaft Englands teilhaben. Martha Gellhorn erzählt in „Eins nach dem anderen“ wie Trauer und Verlust, die Sicht auf das Weihnachtsfest verändert und so aus einem freudigen ein unerträgliches Fest machen kann.

In „Bald haben wir Weihnachten, Miss“ von Sylvia Townsend Warner stöbert eine junge Frau in einem dieser gediegenen Dorfläden nach Weihnachtsgeschenken für Familie und Freunde und muss dabei feststellen, dass „gut gemeint“ nicht unbedingt mit „gut gemacht“ gleichzusetzen ist. Bei Elizabeth Taylor in „Nur eine Frage der Zeit“ sieht die jugendliche Heldin sich in ihrer pubertären Phantasie schon als erfolgreiche Autorin und merkt nicht, wie sehr sie mit ihrem Verhalten ihre Mutter verletzt.

Patrick Hamilton beschreibt in „Wann also sollte es soweit sein?“ den stetigen Verfall eines Mannes, der immer wieder „tote“ Momente hat und gerade am Weihnachtstag sich Gründe zurechtlegt, warum er eine bestimmte Frau töten muss. In „Die Zeit der Gaben“ erzählt Patrick Leigh Fermor, wie er als Reisejournalist im Jahre 1933 bei einer Wanderung durch Bayern die Gastfreundschaft der Bevölkerung zu Weihnachten erlebte.

Auf dem Markt gibt es Weihnachtsbücher zuhauf und jedes Jahr kommen „neue“ hinzu. Wobei die „Neuen“ oftmals nur die aufgefrischten Exemplare der Backlist sind, die ein zeitgemäßes Outfit und einen schmissigen Titel verpasst bekamen, aber leider die allseits bekannten Geschichten beinhalten.

Alle, der hier versammelten Autor*innen, hatten ihre Schaffensphase in der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts und galten bzw. gelten auch weiterhin als Könner*innen ihrer Zunft, die jeweils durch einen sehr eigenen Stil überzeugen. So bietet diese Anthologie eine ausgesuchte Auswahl an Geschichten, die auf vielfältige Weise unterhalten, und allesamt so wunderbar „very british“ daherkommen.

Wer allerdings auf der Suche ist nach Geschichten, die das eingangs beschriebene Klischee bedienen, sollte die Finger von diesem Büchlein lassen. Für dieses Klientel wäre das Buch eine herbe Enttäuschung. Stattdessen ist dies die absolut richtig Wahl für Leser*innen, die Erzählungen lieben, die so manches Mal recht „un-weihnachtlich“ daher kommen, fern vom Kitsch und vielleicht darum noch nicht überall bei „Hinz und Kunz“ erschienen sind.


erschienen bei Dörlemann/ ISBN: 978-3038201182 / in der Übersetzung von Manfred Allié, Miriam Mandelkow, Ann Anders und Bettina Abarbanell

[Show] Mary Roos & Wolfgang Trepper – MEHR NUTTEN, MEHR KOKS, SCHEISS AUF DIE ERDBEEREN! / Stadthalle Osterholz-Scharmbeck

Premiere: 10. September 2020 / besuchte Show: 1. Dezember 2023 / Stadthalle Osterholz-Scharmbeck


INSZENIERUNG Corny Littmann
MUSIKALISCHE LEITUNG & PIANO Nick Flade
GITARRE Ferdi Kirner
BASS Christian Diener
SCHLAGZEUG Thomas Käfel
BACKGROUNDSÄNGERIN Katja Friedenberg
CHEFTECHNIKER Roman Flume


Sie wissen ja, wie es ist: Manchmal hören die schlimmen Dinge einfach nicht auf. So auch hier, sie machen es wieder! Nach dem großen Erfolg und 150.000 Zuschauer bei „Nutten, Koks und frische Erdbeeren“ haben sich Mary Roos auf dem Altenteil und Wolfgang Trepper im Anti-Aggressionskurs so gelangweilt, und dann viele traurige Briefe geschrieben. Mary wollte wissen: Wie geht’s eigentlich Peter Alexander? Wolfgang denkt über alte Sachen aus dem Fernsehen nach: Wann kommt der Hustinettenbär wieder? Und dann haben sie beschlossen, Oliver Kahn hatte Recht: immer weiter, weiter, weiter! Und weil Mary die Karriere als Sängerin ja an den Nagel gehängt hat, kommt sie jetzt wieder auf die Bühnen der deutschen Theater zurück. Es gibt noch so viel Neues aus Hitparade und Disco zu erzählen, die alten Zeiten liegen wieder aufgeschlagen da, und was neu ist, bekommt sein Fett weg. Die Grande Dame des Schlagers Mary Roos stellt sich gelassen souverän dem König des Verrisses Wolfgang Trepper, der sich über Schlagerstars der letzten Jahrzehnte und Marys Sangeskollegen auslässt, tot oder lebendig: Alle können sich auf was gefasst machen.

(Inhaltsangabe den Presseinformationen zu dieser Show entnommen.)

Was geschah, als die Ikone des deutschen Schlagers mit internationalem Renommee den bösen, alten Mann mit der scharfen Zunge ansprach und fragte, ob sie nicht mal etwas zusammen machen könnten, und der auch noch zustimmte? Alle potentiellen Produzenten schrien auf und rieten von diesem Unterfangen ab. Sie verweigerten die Unterstützung mit der Begründung, dass sie als Duo zu ungleich seinen, und darum die Fallhöhe des Scheiterns zu groß wäre.

Nach 300 Vorstellungen und Tausenden von begeisterten Zuschauer*innen bei ihrer ersten gemeinsamen Show konnten Mary Roos und Wolfgang Trepper allen pessimistischen Unkenrufern mit Stolz einen eindeutigen Fingerzeig geben. Und da Frau Roos ihre Gesangskarriere offiziell an den Nagel gehängt hat, blieb ja mehr Zeit für eine nostalgisch-kabarettistische Fortsetzung der Erfolgsshow, getreu dem Motto „Never change a winning team!“.

Und so fand dieses Dream-Team gemeinsam mit einer 4-köpfigen Band samt Backgroundsängerin seinen Weg nach Osterholz-Scharmbeck, um dort in der ausverkauften Stadthalle für Stimmung zu sorgen. Schon die obligatorische Durchsage bzgl. Handybenutzung, Ton- und Bildaufnahmen gestaltet der Maestro des bösen Wortes höchst persönlich und legt damit die Messlatte der Lästerei schon recht hoch. Dann erscheint er persönlich und versprüht eine schmackhafte Bosheit nach der anderen.

Die Mitglieder der Band stellt er als Saisonarbeiter vor, die nach dem letzten Spargelstechen nicht mehr rechtzeitig nach Polen zurückgekehrt sind: „Klatschen brauchen sie nicht. Die verstehen kein Deutsch!“. Seine Bühnenpartnerin betitelt er gerne als die „alte Frau“ und fordert uns hier auf „Klatschen sie lauter. Sie hört nicht mehr so gut!“. Er zieht genüsslich vom Leder und schwadroniert über Schlager, Show-Größen und Zeitgeist-Phänomene. Und wir? Wir sitzen im Publikum und amüsieren uns gar prächtig, lassen uns lachend beleidigen und nehmen ihm dies nicht für eine Sekunde krumm. Und warum nicht? Weil er sich selbst nicht verschont und die Spitze der Ironie ins eigene Hinterteil bohrt. Da lästert er genüsslich über die Fernsehserie „Der Bergdoktor“, kann dabei alle Irrungen und Wirrungen der Titelfigur aus dem Effeff wiedergeben und beendet diesen Monolog mit den Worten „…aber ich gucke sowas ja nicht!“. Unnachahmlich steigert er sich immer mehr und mehr in seine Schimpf-Tiraden hinein – scheinbar bis zur Erschöpfung.

Die „alte Frau“ erscheint unter tosendem Applaus, singt die Songs (eigene wie geborgte) mit ihrem unverwechselbaren Timbre und zeigt dabei eine solch enorme Bühnenpräsenz, dass akrobatische Show-Einlagen, wie sie gerne von den Jüngeren des Genres dargeboten werden, absolut obsolet scheinen. Sie macht sich Nenas „99 Luftballons“ ebenso zu Eigen, wie sie „Verdammt, ich lieb dich“ von Matthias Reim ihren eigenen Stempel aufdrückt. Trotz aller Erfolge steht hier eine sympathische Künstlerin auf der Bühne, die nie die Bodenhaftung verloren hat. Die Trepper’schen Beleidigungen lässt sie stoisch an sich abperlen, um dann im entscheidenden Moment zurückzuschießen: „Sie sind zwar jünger. Dafür sehe ich besser aus!“

Dann plaudern die Beiden von der guten alten Zeit, wo die heimischen Kacheln mit Prilblumen verschönt wurden, man sich darauf einen Dujardin gönnte, Clementine für Reinheit sorgte. und Show-Master wie Hans-Joachim Kuhlenkampff und Peter Frankenfeld den Samstagabend beherrschten. O-Ton Trepper: „Wie erkläre ich den Jüngeren, wer Peter Frankenfeld war? Also, ihr kennt doch Joko und Klaas! Peter Frankenfeld war beide zusammen, nur in gut!“. Das Zusammenspiel dieser Bühnen-Profis ist exzellent, ihr verbaler Schlagabtausch brillant. Da gibt es sicherlich ein Skript, an dem sich die Beiden entlanghangeln, doch „unverhofft kommt oft“: Wenn zum Beispiel mitten in ihrem Dialog ein Fan am Bühnenrand auftaucht, um Mary ein Präsent zu überreichen, wird gar köstlich improvisiert.

Doch was ist es, was dieses ungleiche Paar miteinander vereint? Die Roos bekannte sich unlängst als schrille Alte und ist bekannt für ihren schwarzen Humor, der kongenial zu ihrem Partner passt. Und der Trepper lässt trotz aller boshaften Sticheleien und verbalen Frechheiten keinen Zweifel aufkommen, welche tiefe Sympathie er für sie empfindet. Apropos Stichelei: Genüsslich offenbart Trepper so manche Jugendsünde der Schlager-Ikone. So hat sie in den 70er Jahren einen Werbesong mit dem originellen Namen „Happy-Pizza-Song“ für Dr. Oetker aufgenommen, den er zur Erheiterung des Publikums von der Technik einspielen lässt.

Doch selbst der scheinbar ewige Nörgler Wolfgang Trepper ist nicht gefeit vor Sentimentalität. So offenbart er dem Publikum, dass selbst er ein Lieblingslied von Mary hat, und nur allzu gerne stimmt sie – auch sehr zur Freude des Publikums – den Song „Pinoccio“ an. Nach „Aufrecht geh’n“ und einem sehr emotionalem „So leb‘ Dein Leben (My Way)“ werden „die Roos“ und „der Trepper“ mit Standing Ovation, Jubelrufe und einem frenetischen Applaus verabschiedet.

Diese zwei alten Bühnen-Profis haben nachdrücklich den Beweis erbracht, dass es „nur“ Talent, Witz und Charisma braucht, um verdammt gute Unterhaltung auf die Bretter zu zaubern.


Roos und Trepper sind einfach nicht tot zu kriegen und touren wahrscheinlich mit MEHR NUTTEN, MEHR KOKS, SCHEISS AUF DIE ERDBEEREN! auch im neuen Jahr weiterhin durch die Lande. Vielleicht auch in Eurer Nähe!

[Musical] John Du Prez & Eric Idle – SPAMELOT / Stadttheater Bremerhaven

Musik von John Du Prez & Eric Idle / Buch und Liedtexte von Eric Idle / Ein neues Musical, entstanden durch liebevolles Fleddern des Monty Python Films Die Ritter der Kokosnuss nach dem Originalbuch von Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin / Deutsch von Daniel Große Boymann

Premiere: 22. Oktober 2023 / besuchte Vorstellung: 26. November 2023 & 13. April 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


INSZENIERUNG Achim Lenz
MUSIKALISCHE LEITUNG Tonio Shiga
BÜHNE & KOSTÜME Bernhard Niechotz
CHOREOGRAFIE Yara Hassan
CHOR Mario Orlando El Fakih Hernández
DRAMATURGIE Peter Hilton Fliegel
REGIEASSISTENZ Justine Wiechmann, Jens Bache
GESANGSCOACHING Gabriele Brüsch
VIDEOANIMATION Steffen Focken
INSPIZIENZ Regina Wittmar
SOUFFLAGE Birgit Ermers
THEATERPÄDAGOGIK Florian von Zameck-Glyscinski
LEITUNG DER STATISTERIE Sabrina Eggerichs


Es war kurz vor Beginn der Vorstellung: Meine Begleitung beugte sich zu mir rüber und flüsterte mir leise ins Ohr „Andreas, ich habe immer noch nicht so ganz verstanden, worum es hier eigentlich geht…!“ Ich schaute ihn schmunzelt an und meinte „Oberste Devise: Nichts ernst nehmen, und keinen tieferen Sinn suchen!“ Dann umriss ich kurz die „Handlung“ (!) dieses Musicals…

Britannien an einem Dienstag im Mittelalter: Als ob König Artus nicht schon genügend andere Sorgen mit miesem Wetter, frechen Franzosen und ständig neuen Seuchen hätte, bekommt er jetzt auch noch von ganz Oben den Auftrag, den Heiligen Gral zu finden. Die von ihm mühsam rekrutierten Ritter seiner Tafelrunde namens Sir Lancelot, Sir Galahad, Sir Robin und Sir Bedevere sind von diesem Projekt nicht sonderlich angetan, einzig Artus treuer Knappe Patsy hält unumstößlich zu ihm. Hilfe erhalten die tapferen Recken durch die zauberhafte Fee aus dem See, die mal mehr mal weniger unvermittelt auftaucht, um dann wieder von der Bildfläche zu verschwindet. Die kleine Ritterschar stolpert in eine Reihe skurriler Abenteuer, bei denen sie mit allerlei Tricks wie einem „Trojanischen“ Hasen oder der heiligen Handgranate versuchen, ihre Gegner zu überrumpeln. Auf dem Weg zum erhofften Ziel begegnen sie dem schwarzen Ritter, einem grausamen und blutrünstigen Kaninchen sowie dem verzweifelten Prinzen Herbert – dem sich Ritter Lancelot gerne annimmt, und in dessen Befreiungsaktion er sich als leidenschaftlicher Tänzer entpuppt. Gott treibt sie bei ihrer Gralssuche immer weiter und weiter in so manche aberwitzige Situationen. So singen und tanzen sich die Ritter der Tafelrunde von der einen zur nächsten schwungvollen Musicalszene bis zum krönenden Happy End, in dem sich König Artus und die Fee aus dem See endlich voller Liebe und Leidenschaft in die Arme fallen dürfen.

Es gibt Komödianten, die haben einen so großen Eindruck hinterlassen, dass sie mit ihrer Kunst im kollektiven Gedächtnis verankert bleiben. Da wird eine Textpassage zu einem geflügelten Zitat, und eine Bemerkung, die in einem speziellen Tonfall geäußert wurde, löst Heiterkeit aus. Die britische Komikergruppe Monty Python wurde durch ihren unvergleichlich schrägen Witz, der Fernsehserie „Monty Python’s Flying Circus“ und ihre Filme „Das Leben des Brian“ und „Der Sinn des Lebens“ weltberühmt. Im Jahre 2004 nahmen sich u.a. Mitglieder der Originaltruppe den Film „Die Ritter der Kokosnuss“ zur Brust und schmiedeten daraus eine freche Musical-Parodie mit skurrilen Typen, einer eingängigen Musik und einer Menge tiefschwarzem Humor.


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Nun wird auch in Bremerhaven nach dem heiligen Gral gesucht: Regisseur Achim Lenz scheint sich bei der Umsetzung des Stoffes genau an meiner oben genannten Devise gehalten zu haben. Er präsentiert einen respektlosen und überdrehten Spaß mit einer Vielzahl an witzigen Details. Dabei setzt er auf Tempo und lässt die Szenen flott vor den Augen der Zuschauer*innen abspielen. Zeit zum Luftholen bleibt weder für das Publikum noch für das Ensemble: Während das Publikum noch über den einen Gag lacht, wird es schon dem nächsten Kalauer erbarmungslos ausgesetzt. Dafür werfen sich sowohl die Schauspieler*innen wie auch die Mitglieder des Opernchores (gefühlt) im Sekundentakt in ein neues Kostüm, um nur einen Wimpernschlag später in einer neuen Rolle wieder auf der Bühne zu erscheinen. Lenz gelingt es sogar, den sonst etwas langatmigen zweiten Akt auf Tempo zu bringen. Zudem setzt er wohldosiert auf Lokalkolorit und erfreut damit Einheimische wie ortkundige Besucher: Da „leiht“ sich Gott die Stimme vom bekannten Radio Bremen-Moderator Dirk Böhling, der (natürlich) launig plattdeutsch spricht. Die Fee aus dem See scheint zeitweise örtlich gering orientiert, da sie uns, dem Publikum in Cuxhaven, Bremen oder dann doch Bremerhaven (Sie weiß es eben nicht so genau!) herzlich für den Applaus dankt. Oder Sir Lancelot bewundert im Gemach von Prinz Herbert die schicken Gardinen am Fenster, die dieser als Schnäppchen im nahgelegenen Outlet-Shopping-Center erstanden hat.

Da in diesem Jahr das „große“ Musical bei der Schauspiel-Sparte zu finden ist, waren somit alle Hauptrollen wohlweislich aus dem Schauspiel-Ensemble besetzt. Da gab es zwar hin und wieder geringe Einbußen beim Gesang, dafür saß aber jede Pointe auf dem Punkt! Kay Krause mimte mit kindlicher Naivität den edlen König Artus als selbstverliebten und sich selbstüberschätzenden Gockel. Ihm zur Seite stand in der Rolle des treuen Knappen Patsy (als Einspringer für die erkrankte Kollegin) Henning Kallweit, der diese Rolle mit Bodenhaftung versah und dafür sorgte, dass sein Chef vor lauter Höhenflüge keine Schnappatmung bekam.

Henning Becker mutierte vom tumben Landjunker zum charismatischen Ritter Galahad und zeigte beängstigende kinski-eske Attitüden. Frank Auerbach erntete als lüsterne Mrs Galahad schon die ersten Lacher und gab einen rauen, doch herzensguten Sir Bedevere. Marc Vinzing tobte sich als Sir Robin – umringt von Chor und Ballett – in der großen Broadway-Show-Nummer aus. Richard Feist entdeckte als eitler Sir Lancelot (für ihn anfangs entzückend verwirrend) seine homoerotischen Gefühle, als er statt einer jungfräulichen Maid einem strammen Jungen zur Hilfe eilt. Justus Henke zeigt mit seinem jugendlichen Charme die naiv-romantische Seite von Prinz Herbert.

In dieser illustren Männerrunde voller Testosteron und Virilität fehlte allerdings dringend das besondere Etwas, das Tüpfelchen auf dem I, die Kirsche auf der Torte, das letzte Fünkchen zum Glück: Julia Lindhorst-Apfelthaler beherrschte als Fee aus dem See die großen Gesten ebenso wie die zarten Gefühle. Sie brillierte in den Songs mit starker Stimme und zeigte den Kerlen, dass es in diesem Musical nur die eine, einzige und wahre Diva geben konnte.

Umschwärmt wird diese Truppe an „Schmierenkomödianten“ von einem schier ausgelassenen Opernchor: Da treten sie in „bester“ (!) Opernchor-Manier stocksteif auf die Bühne, um völlig emotionslos, dafür äußerst stimmstark ihre Choräle zu trällern. Dann schlüpften sie voller Elan und mit überschäumender Freude am Klamauk in die div. Nebenrollen. Bravo!

Das nächste begeisternde „Bravo!“ entfleuchte mir, als das Ballett erstmals die Bühne betrat. Im Vorfeld fand in Bremerhaven ein Casting statt: Gesucht wurden talentierte und tanzbegeisterte Mädchen und junge Frauen, die als Cheerleaderinnen und Wassernymphen die Szenerie bereichern sollten. Choreografin Yara Hassan wählte dafür sinnlich gerundete Damen aus, die in ihrer pfiffigen Choreografie nachdrücklich den Beweis antraten, dass Ästhetik, Erotik und Esprit nicht nur abgemagerten Hupfdohlen vorbehalten sind. Zudem sorgte Hassan dafür, dass der Opernchor flott die Beine schwingend über die Bühne tobte, und selbst die holden Ritter konnte sie zu einem Tänzchen animieren.

Ausstatter Bernhard Niechotz stellte ein Bilderbuch-Britannien auf die Bühne: Stimmungsvolle Hintergrundprojektionen sorgten für einen märchenhaften Touch und amüsierten mit animierten Details. Die Kulissen waren bewusst sehr plakativ zweidimensional gestaltet, und auch die so genannten „Special Effects“ wirkten gewollt dilettantisch, verfehlten aber nicht ihre Wirkung beim Publikum. Kreativ austoben durfte sich Niechotz auch bei den vielen Kostümen, die stilistisch die enorme Bandbreite vom einfachen Knappen bis zur großen Diva abdeckten.

„Alles, was bei 3 nicht auf dem Baum ist, wird hier gnadenlos verhohnepiepelt!“ So bricht dieses Musical gewollt mit jeglicher Theatertradition und reißt sogar die imaginäre 4. Wand ein. Da richteten die Bühnenfiguren das Wort direkt ans Publikum, diskutieren lauthals mit dem Dirigenten, suchten und fanden am Schluss den heiligen Gral unter dem Sitz eines Zuschauers in der 1. Reihe, der dann auf die Bühne komplementiert wurde, um die Huldigungen aller Ritter der Tafelrunde zu empfangen (Puh, Glück gehabt: Wir saßen in der 2. Reihe!).

Apropos Dirigent: Bei diesem Musical muss die musikalische Leitung nicht „nur“ dirigieren. Oh nein, hier ist er Mit-Akteur, Stichwortgeber und Gag-Lieferant. Zudem heizte Tonio Shiga den Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven ordentlich ein und sorgte dafür, dass die Melodien mit Schmackes aus dem Graben kamen.

Die Musik von John Du Prez und Eric Idle ist durchaus gefällig, bietet aber wenig Wiedererkennung. Doch vielleicht ist dies auch bewusst so gewählt, um die Wirkung eines bestimmten Songs nicht zu schmälern. Beim abschließenden „Always Look on the Bright Side of Life“ hielt es das Publikum nicht mehr auf den Sitzen: Sehr laut und schön schräg trällerte wir diesen Ohrwurm mit!

Täusche ich mich, oder hat das Stadttheater Bremerhaven einen neuen Publikumsmagneten im Programm?


Lust auf die wirklich echten und ungeschönten Hintergrund-Informationen (im wahrsten Sinne des Wortes)? Dann möchte ich Euch gerne den Bericht Organisiertes Chaos – Ein Blick aus der Seitenbühne auf „Spamalot“ von Björn Gerken auf LOGBUCH BREMERHAVEN ans Herz legen.


Sich ohne Sinn um den Verstand lachen, gerne unter der selbst gesetzten Grenze des persönlichen Niveaus? Mit SPAMELOT am Stadttheater Bremerhaven ist dies absolut kein Problem…!!!

[Rezension] Jan Beinßen – Der Wintermordclub

Jung, dynamisch, durchtrainiert und analytisch-hochintelligent: So sind…

…diese Ermittler nicht. Vielmehr trifft hier eher der Satz „Je oller umso doller!“ absolut ins Schwarze. Wer braucht schon hyper-perfekte, makellose Superschnüffler? Ich mit Sicherheit nicht!

In einem kleinen französischen Hotel trifft sich jedes Jahr im Dezember eine Gruppe ehemaliger Ermittler: Polizisten, Detektive, eine Kriminalistikprofessorin und ein Gerichtsmediziner. Die Hotelleitung organisiert stets ein Krimidinner, an dem die ergrauten Profis zwischen Punsch und Plätzchen ihre Fähigkeiten vor dem Einrosten bewahren. Doch als sie im Weinkeller die vermeintliche Leiche finden, stellt sich heraus, dass dort ein echter Toter liegt! Die pensionierten Profis lassen kein gutes Haar an der Arbeit der herbeigerufenen Polizei. Ganz klar: Sie müssen selbst ran!

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Autor Jan Beinßen präsentiert uns eine vielschichtige Schar außergewöhnlicher Protagonist*innen, die alle schon bessere, glorreichere Zeiten erleben durften. Allesamt sind sie über dem Status der „Best Ager“ hinaus, versuchen dies allerdings höchst amüsant vor ihren Freunden zu verschleiern. Dabei wissen alle Bescheid, doch schweigen aus Angst, dass die eigene mühsam verputze Fassade weitere Risse bekommt.

Beinßen überzeugt mit einem kurzweiligen Krimi voller Ungereimtheiten, die er erst nach und nach aufschlüsselt. In kurzen Kapiteln springt er von Protagonist*in zu Protagonist*in, um so aus den individuellen Blickwinkeln die Geschehnisse zu beleuchten, und erlaubt uns so, einen detaillierten Einblick in die jeweiligen Gedanken und Seelenzustände zu erhaschen.

Dabei knüpft der Autor immer wieder Flashbacks aus der Vergangenheit in die Handlung ein, um so die Umstände zu erläutern, die zum jährlichen Treffen dieser außergewöhnlichen Ermittler-Truppe geführt haben. Als sie alle noch im vollen Saft ihrer Schaffenskraft standen, gehörten unsere Senioren einer internationalen Elite-Einheit an, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, einen der größten Drogen-Bosse Europas dingfest zu machen. Dies sollte ihnen erfolgreich gelingen und bei jeder/jedem für einen enormen Karriere-Schub sorgen. Doch niemand konnte damals ahnen, dass dieser Erfolg auch noch Jahre später Einfluss auf ihr Leben nehmen würde.

Anfangs verwirrte mich dieses „Bäumchen Wechsel dich“ der Sichtweisen in Kombination mit den Einschüben aus der Vergangenheit. Ich benötigte ein wenig Geduld, um nachvollziehen zu können, dass der Autor diesen Trick anwendet, um beim Leser für ein Höchstmaß an Verwirrung zu sorgen: Jede*r versucht, etwas zu verheimliche! Jede*r hat eine Leiche im Keller versteckt! Jede*r könnte somit auch die/der Täter*in sein!

Bei diesem ausführlichen Katz-und-Maus-Spiel bleibt die Spannung zwar ein wenig auf der Strecke, doch dies verzeihe bzw. übersehe ich gnädig. Dafür überraschte mich Beinßen immer wieder mit unvorhergesehene Twists. Auch schenkte er uns einen charmanten Krimi mit amüsant-kauzige Held*innen, die alle ihre Ecken und Kanten und somit menschliche Schwächen haben und die eine oder andere altersbedingte Blessur erkennen lassen. Besonders die Szenen, in denen die Masken fallen und mitfühlend-freundschaftlich anstatt professionell-distanziert miteinander umgegangen wird, wissen zu berühren.

Denn: Bei diesen Held*innen liebe ich sehr die Perfektion im Unperfekten!!!


erschienen bei Piper / ISBN: 978-3492318266

[Rezension] Märchenhafte Weihnachten. Wintermärchen aus aller Welt

Weihnachtszeit ist Märchenzeit!

So war es schon immer, und so wird es hoffentlich auch für immer bleiben. Landauf und landab öffnen die Theater ihre Pforten und präsentieren Märchen und Familienstücke zur Weihnachtszeit. Und auch in den heimischen vier Wänden wird näher zueinander gerückt, um einem Märchen zu lauschen. Dazu eignen sich Bilderbücher ganz besonders, bei denen dem Vorleser „über die Schulter geschaut“ werden kann, um so die Illustrationen bewundern zu können.

Der Wunderhaus-Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, sowohl bekannte wie auch weniger bekannte Märchen im neuen Glanz erstrahlen zu lassen und veröffentlicht hierzu thematische Märchenbücher. Unter dem Titel „Märchenhafte Weihnachten. Wintermärchen aus aller Welt“ fanden folgende Märchen ihren Weg ins Buch…

  1. Volksmärchen „Von den zwölf Monaten“
  2. H. C. Andersen „Der standhafte Zinnsoldat“
  3. Brüder Grimm „Sterntaler“
  4. H. C. Andersen „Der Tannenbaum“
  5. Brüder Grimm „Frau Holle“
  6. Manfred Kyber „Der Schneemann“
  7. Brüder Grimm „Die Wichtelmänner“
  8. H. C. Andersen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“
  9. Pavel Bazhov „Silberhuf“
  10. Selma Lagerlöf „Die Heilige Nacht“

…mit Illustrationen von Nina Ignatova, Olesia Kosmodemianskaia, Natalia Grebtsova, Svetlana Kondesyuk, Daria Pneva, Agata Dorobek, Elena Schweitzer und Vlada Shamova.

Nun könnte ich durchaus unken: Einerseits ist „aus aller Welt“ etwas hochgegriffen, wenn man bedenkt, dass mit jeweils drei Märchen der wohl bekanntesten Märchenerzähler zwei Länder sehr überrepräsentiert sind. Andererseits hätte mich bei den anderen Märchen durchaus interessiert, aus welchen Ländern sie ihren Ursprung haben. Auch fehlten mir sowohl entsprechende Hinweise zu den Übersetzer*innen als auch eine Zuordnung, welche Künstlerin zu welchem Märchen ihre wundervollen Illustrationen beigesteuert hat. Zugegeben: Dieser „Makel“ traf zuallererst meinen bibliophilen Nerv und dürfte einem jüngeren Klientel, das ja schließlich die Zielgruppe dieses Buches ist, völlig schnuppe sein.

Die Geschichten wurden mit individuellen Illustrationen geschmückt, die die Stimmung des Märchens jeweils sehr schön einfangen. Auch habe ich es sehr begrüßt, dass die Übersetzung nicht krampfhaft bemüht war, einen modernen, zeitgemäßen Ton anzuschlagen. Vielmehr entspinnen sich die Poesie einer Erzählung und die Schönheit einer Sprache aus dem Klang ungewohnter, wenn nicht gar altmodischer Formulierungen.

Mir hat ebenfalls sehr gefallen, dass die Märchen eine weite Spanne an Emotionen und Empfindungen abdecken: von heiter zu geheimnisvoll, über spannende bis melancholisch-traurig. Ja, auch ergreifend traurige Märchen ohne Happy End sind vertreten – müssen in Kinderbüchern, die wahrhaftig sein wollen, auch vertreten sein (Beispiel: „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“). Einigen mag diese Haltung brutal erscheinen, doch ist das Leben von so manchem Kind nicht genau dies? Ich halte mich da an den großen Erich Kästner:

„Schließlich nahm ich ein Kinderbuch vor, das mir der Verfasser geschickt hatte, und las darin. Aber ich legte es bald wieder weg. So sehr ärgerte ich mich darüber! Ich will euch auch sagen, warum. Jener Herr will den Kindern, die sein Buch lesen, doch tatsächlich weismachen, dass sie ununterbrochen lustig sind und vor lauter Glück nicht wissen, was sie anfangen sollen! Der unaufrichtige Herr tut, als ob die Kindheit aus prima Kuchenteig gebacken sei. Wie kann ein erwachsener Mensch seine Jugend so vollkommen vergessen, dass er eines Tages überhaupt nicht mehr weiß, wie traurig und unglücklich Kinder zuweilen sein können? […] Es ist nämlich gleichgültig, ob man wegen einer zerbrochenen Puppe weint oder weil man, später einmal, einen Freund verliert. Es kommt im Leben nie darauf an, worüber man traurig ist, sondern nur darauf, wie sehr man trauert. Kindertränen sind, bei Gott, nicht kleiner und wiegen oft genug schwerer als die Tränen der Großen.“ (aus „Das fliegende Klassenzimmer“)

Märchen bzw. Bücher sind da eine ganz und gar wunderbare Möglichkeit, dass sich Kinder auch den ernsteren Themen annähern. Die Aufgabe von uns Erwachsenen ist es, ihnen dies zu ermöglichen, für ihre Fragen, Ängste und Sorgen empfänglich zu sein und ihnen den Halt zu geben, den sie brauchen und verdienen.


erschienen bei Wunderhaus / ISBN: 978-3963720314 / in der Übersetzung u.a. von Karin Ruppelt („Silberhuf“)