[Noch ein Gedicht…] Joachim Ringelnatz – REKLAME

Ich wollte von gar nichts wissen.
Da habe ich eine Reklame erblickt,
Die hat mich in die Augen gezwickt
Und ins Gedächtnis gebissen.

Sie predigte mir von früh bis spät
Laut öffentlich wie im stillen
Von der vorzüglichen Qualität
Gewisser Bettnässer-Pillen.

Ich sagte: „Mag sein!
Doch für mich nicht! Nein, nein!
Mein Bett und mein
Gewissen sind rein!“

Doch sie lief weiter hinter mir her.
Sie folgte mir bis an die Brille.
Sie kam mir aus jedem Journal in die Quer
Und säuselte: „Bettnässer-Pille“.

Sie war bald rosa, bald lieblich grün.
Sie sprach in Reimen von Dichtern.
Sie fuhr in der Trambahn und kletterte kühn
Nachts auf die Dächer mit Lichtern.

Und weil sie so zähe und künstlerisch
Blieb, war ich ihr endlich zu Willen.
Es liegen auf meinem Frühstückstisch
Nun täglich zwei Bettnässer-Pillen.

Die isst meine Frau als ‚Entfettungsbonbon‘.
Ich habe die Frau belogen.
Ein holder Frieden ist in den Salon
Meiner Seele eingezogen.

Joachim Ringelnatz

Heute ist…

…INTERNATIONALER TAG GEGEN HOMOPHOBIE

Traurig genug, dass es immer noch einen internationalen Tag geben muss, um auf die Rechte gleichgeschlechtlich liebender Menschen hinzuweisen. Aber wenn ich mir die weltweite Entwicklung ansehe, ist dieser Tag nach wie vor wichtig und richtig,…

…und auch hier im eigenen Land fordert die rechte Fraktion unter ihrer lesbischen „Führerin“ (Finde den Fehler!) härtere Sanktionen gegenüber Schwule und Lesben.

Ja, ich bin schwul! Es ist aber nur ein einzelnes Teil meiner Persönlichkeit – ein nicht unwichtiges Teil aber auch nur eines von vielen. Die Mischung meiner Teile machen meine Persönlichkeit aus. Ich bin nicht nur das eine oder das andere: Ich bin so wie ich bin! Und ich kann nichts dafür! Ich habe nichts dazu beigetragen, dass dies so ist!

Manchmal beschleicht mich der Eindruck, dass konservativ-denkende Mitmenschen der Meinung sind, es wäre eine bewusste Entscheidung gewesen. Nein! – Das war es ganz sicher nicht! Ich bin nicht morgens aufgewacht und habe gedacht „Hach! So´ n schöner Tag! Was mache ich mal heute? Zuerst mähe ich den Rasen, danach kaufe ich Katzenfutter ein, und dann werde ich mal schwul!“

Ja, ich bin schwul und witzig und pedantisch und loyal und vorlaut und respektvoll und neugierig und hoffentlich auch ein guter Mensch: Ich bin so wie ich bin! Wozu die Aufregung? Ich tue niemanden damit weh! Ich nehme niemanden etwas weg!

So habe ich die – schon beinah paranoid wirkende – Aufregung rund um „Ehe für alle“ nicht verstanden: Von einer „Bedrohung der traditionellen Ehe“ wurde gesprochen oder befürchtet „bald dürfen auch Geschwister heiraten“ und dazu wurde die Bibel rauf und runter zitiert. (Apropos Bibel: Da ich mich nicht selbst schwul „gemacht“ habe, muss es wohl das Werk einer höheren Instanz sein.)

Aber was war denn konkret passiert? Homosexuellen Menschen wurde ein – wie ich finde – Menschenrecht zugesprochen, das heterosexuelle Menschen seit Jahrhunderten ganz selbstverständlich in Anspruch nehmen (könnten). Ich erinnere mich noch an meinen damaligen Beitrag auf meinem Profil bei facebook:

30. Juni 2017 / 9.13 Uhr
Das Ergebnis der Auszählung ist da: Der Bundestag beschließt die Ehe für alle. Für die Gesetzesvorlage stimmten nach Worten von Parlamentspräsident Lammert 393 Abgeordnete bei 226 Gegenstimmen und vier Enthaltungen.

Ein historisches Ereignis…

…und ich hätte nicht gedacht, dass mich – nach 17 Jahren Beziehung incl. 9 Jahren „Eingetragene Lebenspartnerschaft“ – dies so emotional berührt, dass mir gerade Tränen über die Wangen laufen!

Heterosexuelle haben dadurch nichts weniger. Aber das Leben vieler gleichgeschlechtlich liebender Menschen wurde durch dieses Gesetz immens bereichert, und was soll überhaupt die Unterscheidung in homo- und heterosexuell, in „ihr“ und „wir“? Wir sind alle Menschen, Bürger, Brüder, Schwestern, Söhne, Töchter, Eltern, Freunde, Nachbarn…! Somit sind wir alle viel mehr als die Summe unserer Teile oder die bloße Reduzierung auf ein einzelnes Teil!

Es gibt leider weiterhin viel zu tun – im Großen wie im Kleinen, auf der großen politischen Bühne wie im kleinen privaten Umfeld. Ich gebe zu, dass wir nicht diejenige sind, die sich übermäßig politisch engagiert und bei Demos oder dem CSD teilnehmen. Mein Mann und ich sind einfach „nur“ sichtbar: Wir werden als Paar in unserer ländlich geprägten Stadt wahrgenommen und leben vor, dass wir eine Ehe führen wie Millionen andere Paare auch – mit Höhen und Tiefen, in guten wie in schlechten Zeiten aber vor allem mit Respekt und sehr viel Liebe!

Es gibt leider weiterhin viel zu tun – aber „wenn-schon, denn-schon“ mit Humor: Humor ist eine mächtige Waffe gegen Hass und Intoleranz,…

…und so sende ich Maren Kroymann, Markus Barth und Ralph Ruthe ein großes Dankeschön für diese wunderbaren Videos!!!

Schwul bei der Feuerwehr Tarmstedt:

 

Ehe für alle auf der Insel:

Die Bedrohung der traditionellen Ehe:

[Rezension] Eva Woska-Nimmervoll – Heinz und sein Herrl

Kennt Ihr das auch? Ihr lest ein Buch! Es ist wahrlich nicht schlecht, aber trotzdem…!?

So erging es mir mit „Heinz und sein Herrl“, das mich während der Lektüre immer wieder etwas ratlos innehalten lies. Nun sitze ich vor dem Computer-Bildschirm, starre auf die Tatstatur und versuche, eine Begründung dafür zu finden. Mehrfach habe ich hier schon betont, dass ich Bücher, die mir nicht gefallen, nicht bis zum Ende lese und somit auch keine Rezension darüber verfasse. Diesen Roman habe ich bis zum Ende gelesen! Also muss er mir gefallen haben! Irgendwie…!

Ich habe schlicht und ergreifend etwas anderes erwartet! Anhand der Ankündigung des Verlages habe ich eine witzige, leichte, doch schwarzhumorige Geschichte erwartet, die mich immer wieder vergnügt auflachen lässt. Dass meinen Erwartungen nicht entsprochen wurden, dafür kann ich erstmal weder der Autorin noch ihrer Geschichte einen Vorwurf machen.

„Auf halber Strecke“ empfand ich die Lebensentwürfe der Protagonisten weniger erheiternd als vielmehr deprimierend. Manchmal ertappte ich mich dabei, dass die Protagonisten mich merkwürdig unbeteiligt und somit ein Mitleiden und –fühlen nicht zuließen. Ich wollte dieses Werk schon unter der Rubrik „Falscher Roman zur falschen Zeit“ verbuchen, als plötzlich der Knoten platze.

Unversehens war sie da, die von mir so erhoffte Leichtigkeit: Nachdem ich meine Erwartungen „abgehakt“ und meine Enttäuschung überwunden hatte, konnte ich mit freiem Blick diesen Roman weiterlesen.

Hund Heinz lebt mit seinem Herrchen in einem Wiener Gemeindebau. Ihr Leben läuft in für sie sicheren, monotonen Bahnen, bis der unfreundliche Nachbar, der Heinz immer mit „Scheißköter“ beschimpft, nach einem Streit stürzt und später im Krankenhaus verstirbt. Heinz Herrchen macht sich große Vorwürfe, ob er nun am Tod des unfreundlichen Nachbarn die Schuld trägt und macht sich zum Zwecke der Selbstanzeige auf den Weg zur Polizei. Dabei wäre sein geruhsames Leben schon ohne diesen Vorfall gänzlich durcheinander, hatte er doch zufällig eine wunderbare Frau kennengelernt. Zu allem Überfluss flattert auch noch ein Erpresser-Schreiben in sein Mail-Postfach…!

Eva Woska-Nimmervolls Sprache ist locker, leicht und durchaus pointiert. Ihre Personen entsprechen so ganz und gar nicht dem gängigen Mainstream: Es sind Personen mit Ecken und Kanten, mit Problemen und „Zuständen“, nicht schön aber individuell und somit gezeichnet vom Leben. Nachdem der Knoten bei mir geplatzt war, nahm die Geschichte für mich an Fahrt auf und schenkte mir „mit einem Augenzwinkern“ ein kleines, feines Happy End.

Am Schluss waren „Heinz und sein Herrl“ und ich miteinander versöhnt, so dass ich ihm und mir eine gemeinsame zweite Chance zugestehe und den Roman nach einiger Zeit nochmals lesen werde – diesmal mit realistischen Erwartungen!

erschienen bei Kremayr & Scheriau/ ISBN: 978-3218011556

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #36: Tolle Bücher, starke Mütter – Welche Mutter in einem Buch ist dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Montagsfrage (1)

…und wieder schallt ein Schrei lautstark durch unser Haus: Ich schreie montags sehr gerne – besonders nachdem ich die Montagsfrage von Antonia gelesen habe und das Gefühl mich beschleicht, wieder völlig überfordert zu sein. So, zu Ende geschriene: Nun folgt mein obligatorischer Gang zum Bücherregal…!

Mütter! Mütter! Überall tummeln sich Mütter in der Literatur! Ich musste nur genau hinsehen:

In Astrid Lindgrens Werk spielen die Mütter eine immens wichtige Rolle. Natürlich stehen immer die starken Kinderfiguren im Mittelpunkt der Handlung, aber was wären sie ohne ihre Mütter…? Dabei drängen sie sich nie auf: Mit einer Selbstverständlichkeit nehmen sie die Rolle der Mutter ein – ohne Firlefanz und Brimbamborium, ohne große Worte – und stehen ihrer Frau. Ohne die bedingungslose Liebe seiner Mutter, die auch immer einen Blick hinter seine Taten wirft, würde Michel aus dem Schuppen nicht mehr rauskommen. Und Pelle konnte nur ausziehen, da er sich unbewusst dem Rückhalt seiner klugen Mutter sicher war, die ihn ziehen ließ, damit er seine ersten, kleinen Schritte zur Selbständigkeit machen konnte.

Auch Erich Kästner schuf besondere Mutter-Figuren. Bei „Pünktchen und Anton“ stellte er zwei Mütter-Typen nebeneinander: Auf der einen Seite haben wir Frau Pogge, die in erster Instanz von Beruf Direktors-Gattin ist und weder für ihren Mann noch für ihre Tochter Pünktchen viel Interesse aufbringt. Auf der anderen Seite haben wir Frau Gast, die Mutter von Anton, die sich trotz Krankheit und geringem Einkommen nicht unterkriegen lässt und auf ihren Anton stolz ist „wie Bolle“. Oder lasst uns einen Blick auf „Das doppelte Lottchen“ werfen: Welche große Trauer musste Frau Körner (geschiedene Palfy) über Jahre still ertragen, indem sie ein Kind ihrem geschiedenen Mann überlassen musste, ohne dass sie auch nur ein Wort darüber verlieren durfte. Und auch in Kästners  Erwachsenen-Werk „Drei Männer im Schnee“ taucht „am Rande“ eine Mutter-Figur auf: Frau Hagedorn, ihres Zeichens Mutter von einem der Männer im Schnee, hat es trotz Witwendasein und kleiner Rente geschafft, ihrem Sohn das Studium zu ermöglichen, das ihn zwar hochgebildet aber zur Zeit der Geschichte bedauerlicherweise auch ohne Anstellung sein ließ. Lässt sich diese patente Frau von diesem Umstand entmutigen? Nein! Stattdessen bietet sie in ihrer Wohnung Zimmer zur Untermiete an.

In Victor Hugos Epos „Die Elenden“ opfert sich die einfache Fabrikarbeiterin Fantine, um ihrer Tochter Cosette ein besseres Leben und somit eine vorteilhaftere Zukunft zu ermöglichen. Nachdem herauskommt, dass sie ein uneheliches Kind hat, verliert sie ihre Arbeit in der Fabrik. Um die Unterbringung ihrer Tochter bei den Wirtsleuten Thénardier zu finanzieren, verkauft sie erst ihr Amulett, dann Haar und Zähne und zum Schluss ihren Körper. Sie kämpft für ihre Tochter mit aller ihr zur Verfügung stehender Kraft bis zu ihrem Tod und stirbt ohne noch einmal ihr Kind in die Arme schließen zu können. Großes, zu Herzen gehendes Drama…!

Aber nicht nur die Mütter – ob nun in der Literatur oder im realen Leben – sind in der Verpflichtung, auf die Kinder zu achten:

Liebe Erwachsene dort draußen! Wir alle haben eine immense Verantwortung gegenüber unseren Kindern – egal ob als Eltern, Freunde, Verwandte, Nachbarn, Lehrer oder (wie in unserem Fall) als Paten. Wir alle legen den Grundstein für die Zukunft unserer Kinder. Wir alle nehmen Einfluss auf die Entwicklung unserer Kinder. Gebt Acht!

Astrid Lindgren hat es 1978 in ihrer Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels so treffend und wahr formuliert. Hier ein kleiner Auszug ihrer Rede:

Ein Kind, das von seinen Eltern liebevoll behandelt wird und das seine Eltern liebt, gewinnt dadurch ein liebevolles Verhältnis zu seiner Umwelt und bewahrt diese Grundeinstellung sein Leben lang. Und das ist auch dann gut, wenn das Kind später nicht zu denen gehört, die das Schicksal der Welt lenken. Sollte das Kind aber wider Erwarten eines Tages doch zu diesen Mächtigen gehören, dann ist es für uns alle ein Glück, wenn seinen Grundhaltung durch Liebe geprägt worden ist und nicht durch Gewalt. Auch künftige Staatsmänner und Politiker werden zu Charakteren geformt, noch bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht haben – das ist erschreckend, aber es ist wahr.

 Jenen aber, die jetzt so vernehmlich nach härterer Zucht und strafferen Zügeln rufen, möchte ich das erzählen, was mir einmal eine alte Dame berichtet hat. Sie war eine junge Mutter zu der Zeit, als man noch an diesen Bibelspruch glaubte, dieses „Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben“.

 Im Grunde ihres Herzens glaubte sie wohl gar nicht daran, aber eines Tages hatte ihr kleiner Sohn etwas getan, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdient hatte, die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen sollte. Der kleine Junge ging und blieb lange fort. Schließlich kam er weinend zurück und sagte: „Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen.“

 Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des Kindes. Das Kind musste gedacht haben, „Meine Mutter will mir wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein.“

 Sie nahm ihren kleinen Sohn in die Arme, und beide weinten eine Weile gemeinsam. Dann legte sie den Stein auf ein Bord in der Küche, und dort blieb er liegen als ständige Mahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selber gegeben hatte: „NIEMALS GEWALT!“

Die komplette Rede findet Ihr hier!

Irgendwie habe ich jetzt einen Kloß im Hals: Woher kommt der nur? Ich glaube, ich koche mir erstmal einen Salbei-Tee. Prost!

…???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Oper] Astor Piazzolla – MARÍA DE BUENOS ÄIRES / Stadttheater Bremerhaven

Tango-Operita von Astor Piazzolla / Text von Horacio Ferrer / in Originalsprache

Premiere: 27. April 2019 / besuchte Vorstellung: 10. Mai 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Ektoras Tartanis
Inszenierung: Sergei Vanaev / Ulrich Mokrusch
Choreographie: Sergei Vanaev

Bühne & Kostüme: Darko Petrovic


Kurz vor Vorstellungsbeginn tritt Juliane Piontek, leitende Dramaturgin am Haus, vor den Vorhang: Nein! Sie kann uns beruhigen! Niemand ist erkrankt! Es ist ihr nur ein Bedürfnis bei diesem besonderen Stück einige Worte vorweg zu sagen. Diese Tango Operita wird in der Originalsprache vorgetragen. Nun ist der Text von Horacio Ferrer so blumig, facettenreich und voller Metaphern, dass eine Übersetzung schier unmöglich scheint. Darum hat das Stadttheater Bremerhaven sich entschlossen auf die üblichen Texteinblendungen zu verzichten, dafür vor jedem Bild dessen Inhalt knapp wiederzugeben,…

…und diese Entscheidung war goldrichtig: Statt – mit der potentiellen Gefahr einer Genickstarre – zwischen Bühnengeschehen und Texteinblendung hin und her zu zwitschen, konzentrierten wir uns ganz auf die Musik und den Tanz…!

Ein Bandoneon wimmert, und El Duende erscheint, um die Geschichte von María zu erzählen. Mit seiner Stimme beschwört er die Geister der Vergangenheit herauf. María tritt auf und berichtet von ihrem Leben, ihrem Leiden und dem Tod. Sie war Heilige und Hure in den Gassen von Buenos Aires, wurde begehrt und verurteilt und hat im Elend ihrer Heimatstadt vergeblich ihr Glück gesucht. Selbst im Tod findet sie keine Ruhe, lebt als Schatten weiter und wird immer wieder von einem Payador besungen – bis sie den Ruf El Duendes erhört: Sie ist zur Wiedergeburt bereit!

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Eine Oper im herkömmlichen Sinn ist dieses Werk nicht: Wer die großen Arien und einen bombastischen Chor erwartet, wird enttäuscht werden – vielmehr tritt der Gesang zugunsten der Musik und des Tanzes zurück.

Hier findet sich die große Anziehungskraft dieses Werkes: Die Musik von Astor Piazzolla ist melancholisch, sehnsuchtsvoll und voller Leidenschaft, schwebt sanft dahin, um im nächsten Moment mit bombastischer Kraft zuzuschlagen. Der Tango wird zelebriert, zitiert und auch karikiert.

Auch wenn Benno Ifland (El Duende) und Vikrant Subramanian (Payador) hervorragend agierten, und Patrizia Häusermann (María) mit Stimme, Präsenz und tänzerischem Können beeindruckte, so waren die wahren Stars des Abend das vorzügliche Tango-Orchester unter der Leitung von Ektoras Tartanis und das wunder-wunderbare Ballett-Ensemble. Die Tänzerinnen und Tänzer zauberten in der Choreographie von Sergei Vanaev Atmosphäre herbei, setzen ihre Bewegungen zwischen Dramatik und Erotik ein und haben es wahrlich verdient, hier einzeln erwähnt zu werden: Lidia Melnikova, Alícia Navas Otero, Rena Somehara, Larissa Tritten, Ting-Yu Tsai, Edward Hookham, Volodymyr Fomenko, Ilario Frigione, Stefano Neri und Oleksandr Shyryayev.

Astor Piazzollas einzige Oper ist eine große Liebeserklärung an seine Heimatstadt Buenos Aires und eine Verbeugung vor dem Tango – dem Tanz, der Zärtlichkeit und Aggressivität, Hingabe und Arroganz, Lust und Schmerz in sich vereint.

Dem „kleinen“ Stadttheater Bremerhaven verdanken wir wieder einen aufregenden und inspirierenden Theaterabend.


MARÍA DE BUENOS AIRES wird ihr Publikum am Stadttheater Bremerhaven noch bis zum Ende der Spielzeit 2018/19 begeistern!

[Rezension] Birand Bingül – Der Hodscha und die Piepenkötter

Passend zu den anstehenden Wahlen am 26. Mai (Neben der Europawahl wird in einigen Bundesländern auch der Land- bzw. Kreistag gewählt.) habe ich einen etwas älteren Roman aus meinem Regal gekramt:

In einer mittelgroßen Stadt unserer Republik geschehen merkwürdige Dinge: Die Oberbürgermeisterin Frau Ursel Piepenkötter kämpft mit harten Bandagen um jede Stimme im Wahlkampf zu ihrer Wiederwahl, und der neue Vorsteher der islamischen Gemeinde Nuri Hodscha kämpft mit nicht minder harten Bandagen um die Bau-Genehmigung einer adäquaten Moschee für sich und seine Glaubensbrüder und -schwestern. Und schon liegen sich diese beiden Dickköpfe, beide von ihrer Mentalität her Alpha-Tiere, kräftig in den Haaren: Mal behält sie Oberwasser, mal hat er die Trümpfe in der Hand. Ein amüsanter, verbaler Schlagabtausch beginnt und steigert sich zunehmend zur spannenden Polit-Satire.

Hierbei scheuen die beiden Streithähne nicht davor zurück, ihre Kinder in ihre Machenschaften mit hineinzuziehen. Während sich zwischen Hülya, der Tochter von Nuri Hodscha, und Patrick, dem Sohn von Ursel Piepenkötter, eine scheue Liebesbeziehung anbahnt, sind die beiden ständig hin und her gerissen zwischen Loyalität zu ihrem jeweiligen Elternteil und Verwunderung bzw. Wut über so viel Unverstand – und zeigen dabei deutlich mehr Vernunft und Reife als ihre Eltern.

Birand Bingül schafft es ganz ausgezeichnet, glaubhafte Personen zu beschreiben, die sehr menschlich agieren. Hier gibt es nicht nur SCHWARZ und WEISS – sondern er kreiert die Personen in allen Fassetten, in allen Farbtönen des Lebens und ergreift dabei nie Partei (außer in seiner Ablehnung gegenüber radikale Islamisten und Rechtsradikale). Dabei nutzt der Autor auch die Einteilung der Kapitel, um dem Leser die zunehmende Spannung zu vermitteln, werden hier doch die noch verbleibenden Tage bis zur Wahl angegeben.

Beim Lesen musste ich immer wieder schmunzelnd feststellen, wie ähnlich sich diese beiden Kontrahenten sind und als Team mit Sicherheit unschlagbar wären.

Besonders amüsierten mich auch die Zwiegespräche Nuri Hodschas mit Allah, bei denen mir bestätigt wurde, was ich immer vermutet hatte: Allah ist mächtig, Allah ist weise, und (vor allem) Allah ist sehr modern und weltoffen. Und Allah darf diesen Roman auch schließen, indem er den Leser mit einer leichten Ahnung, dass wir vom Hodscha und von der Piepenkötter noch weiteres hören bzw. lesen werden, entlässt.

Übrigens: Personen und Handlung sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist natürlich rein zufällig – NATÜRLICH!


erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3862520152

 

MONTAGSFRAGE #35: Was macht eine gute Buchhandlung aus?

Montagsfrage (1)

Uih, Antonia, ganz dünnes Eis! Ich kann mich noch sehr gut an die hitzigen Diskussionen hier unter den Blogger-Kolleg*innen erinnern, die ihren Unmut über verstaubte Buchhandlungen, arrogante Buchhändler*innen und unflexiblen Service kundgetan haben,…

…und ich habe mit Betroffenheit und Unverständnis diese Beiträge gelesen:

  • Betroffenheit für die Menschen, die eine solch negative Erfahrung in einer Buchhandlung erleben mussten.
  • Betroffenheit für die jeweilige Buchhandlung, die, gefangen in ihrer intellektuellen Blase, nicht ihr Potenzial erkennt.
  • Unverständnis für die Menschen, die aufgrund einer negativen Erfahrung, den gesamten Buchhandel verteufeln.
  • Unverständnis für die jeweilige Buchhandlung, die es nicht schafft, eine verbindliche Kundenbindung herzustellen.

Frisch nach Osterholz-Scharmbeck zugezogen und auf der Suche nach einer zu mir passenden Buchhandlung, war auch ich nicht vor unangenehmen Situationen in einer Buchhandlung gefeit. Was habe ich getan? Ich habe freundlich lächelnd diese besagte Buchhandlung verlassen, mich einer anderen Buchhandlung zugewandt, diese dann (nach einer eingehenden Prüfung) zur „Buchhandlung meines Vertrauens“ gekürt, und was soll ich Euch sagen:

Sie ist es bis heute!!!

Nur was macht diese Buchhandlung zur „Buchhandlung meines Vertrauens“? Es sind ganz viele Einzelteile, die dann das große mich überzeugende Ganze bilden.

Die Buchhandlung meines Vertrauens…

  • …bietet div. Aktionen (Autor*innen-Lesungen, Exkursionen, Vorlesewettbewerb, Welttag des Buches, „einschließen lassen“, Bundesweiter Vorlesetag, Woche der unabhängigen Buchhandlungen, ungewöhnliche Werbe-Ideen) an, auf die ich per Mail-Newsletter hingewiesen werde,
  • …ist offen für neue Ideen (Zeit für Geschichten, Lesen an ungewöhnlichen Orten, Kooperationen mit anderen Geschäften und Vereinen etc.),
  • …zeigt Internet-Präsenz (Homepage mit Shop, Facebook, Instagram, YouTube),
  • …sorgt für Vielfalt in meinem Heimatort.

Aber neben diesen, eher formalen Gründen spielt für mich das Zwischenmenschliche eine immens wichtige Rolle. So sind meine Buchhändlerinnen und ich in der Zwischenzeit so vertraut miteinander, dass wir uns duzen und durchaus auch über Privates plaudern. Zudem machen sie mich regelmäßig darauf aufmerksam, wenn meine Lieblingsautor*innen wieder etwas Neues veröffentlicht haben, ohne dass ich sie darum gebeten habe – einfach weil sie wissen, was ich gerne lese. Auch bekomme ich unkomplizierte Unterstützung bei meinen Lesungen, indem sie den Kartenvorverkauf übernehmen oder mit einem Büchertisch vor Ort sind.

Aber der wichtigste Grund ist für mich, dass ich mich in ihrem Laden wohl fühle. Ich muss mich nicht verstellen und werde nicht anhand meiner Buchauswahl be- bzw. verurteilt. Zudem überraschen sie mich immer wieder mit außergewöhnlichen Büchern, die ich nicht gesucht habe, die mich aber dann dort finden, denn…

Bücher kauft man am Scharmbecker Bach, nicht am Amazonas.

…wo sind Eure Lobhudeleien auf den Buchhandel? Ich erwarte sie mit Spannung!


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Rainer Moritz – Zum See ging man zu Fuß: Wo die Dichter wohnen. Spaziergänge von Lübeck bis Zürich/ mit Fotografien von Anna Aicher

So, nun reicht es mir! So langsam mache ich mir ernsthafte Sorgen um mich: Wie schon erwähnt, scheine ich in diesem Frühjahr ganz im Bann von Rainer Moritz zu stehen. Nachdem mein Lese-Eindrücke zu Leseparadiese: Eine Liebeserklärung an die Buchhandlung und Mein Vater, die Dinge und der Tod schon erschienen sind, halte ich nun den neusten prachtvollen Bildband aus dem Knesebeck-Verlag in den Händen, zu dem Herr Moritz wieder seine launigen Texte beigetragen hat.

Als Leser habe ich meine imaginären Wanderschuhe geschnürt, mich auf den Weg gemacht und somit auf den Spuren von 14 großen Literaten begeben: Da streift Thomas Mann durch die Gassen von Lübeck vorbei am „Buddenbrock“-Haus. Arthur Schnitzler lebt, schreibt und liebt im achtzehnten Bezirk in Wien. Franz Kafka liest sehnsuchtsvoll Gedichte im Café Louvre in Prag. Und Marcel Proust schlendert über die Pariser Champs-Elysée.

Aber nicht nur die großen Metropolen findet in diesem „Wanderführer“ Erwähnung: Auch die Hass-Liebe zwischen Ingeborg Bachmann und ihrer Geburtsstadt Klagenfurt wird ebenso genannt, wie Gerhard Hauptmanns Schwärmerei zu Hiddensee und Gerhard Meiers Verbundenheit zu Niederbipp.

Alle diese Orte haben die Literaten nicht nur als Person geprägt, – Nein! – sie flossen ebenso in ihr literarisches Œuvre ein und inspirierten sie zu ihren herausragenden Werken, entweder indem sie der Fiktion Pate standen oder den äußerst realen Rahmen für ihre Geschichten bildeten. Umgekehrt nahmen auch die Literaten Einfluss auf die jeweiligen Orte, werden dort verehrt und gehegt als bedeutendes Detail im kulturellen Erbe und sind nicht selten Teil der dortigen Tourismusindustrie.

Einige Literaten sind zudem untrennbar mit dem jeweiligen Ort verbunden, wie beispielsweise Hans Christian Andersen mit Kopenhagen: Bei einem Spaziergang durch die dänische Hauptstadt wird der Besucher zwangsläufig über Andersen stolpern. Andersen galt als ein schwieriger Zeitgenosse und war nicht unbedingt ein angenehmer Gast, wie Freunde und Weggefährten bestätigen konnten…

„Hans Andersen schlief fünf Wochen in diesem Zimmer. Der Familie kam es vor wie eine Ewigkeit.“ Charles Dickens

Was wäre ein Bildband ohne Bilder? Genau! – Nur ein Lesebuch! Im vorliegenden Fall liefert Anna Aicher hervorragende Fotos zum Text: Sie fängt die Stimmungen in den Refugien und Treffpunkten der Literaten ebenso kunstvoll ein, wie sie die noch erhaltenden Arbeitsplätze in Szene setzt und die inspirierende Schönheit der Natur auf „Celluloid bannt“.

So, und nun werde ich versuchen, den Moritzschen Bann zu durchbrechen und mich anderen Autoren zuzuwenden: Drückt mir bitte die Daumen, damit Herr Moritz nicht doch noch ein weiteres Buch in diesem Jahr veröffentlicht. Ich wüsste nicht, ob ich stark genug wäre…!!!


erschienen bei Knesebeck/ ISBN: 978-3957280565

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Ein Porträt: Elke Heidenreich

Elke Helene Heidenreich (* 15. Februar 1943)

„Vielfalt“ ist ihr zweiter Vorname: Alles, was auch nur im Entferntesten mit Literatur zu tun hat, weckt ihr Interesse. So verwundert es nicht, dass sie auf vielen Gebieten aktiv ist: Schriftstellerin, Drehbuchautorin, Literaturkritikerin, Kabarettistin, Moderatorin, Journalistin und Opern-Librettistin. Zudem wurde sie bekannt durch ihrer Moderation zahlreicher Fernseh- und Hörfunksendungen. 1975 trat sie zum ersten Mal in der Rolle der Comedy-Figur Else Stratmann auf und kommentierte mit der Schnauze der Metzgersgattin aus Wanne-Eickel das gesellschaftliche Zeitgeschehen rund um Politik, Prominenz, Sport und Adel mit einer entwaffnenden Menschenkenntnis.

Heidenreich wurde in Hessen-Nassau als Elke Riegert geboren und wuchs in Essen in einfachen Verhältnissen auf. Ihr Vater war Kfz-Mechaniker und Inhaber einer Tankstelle, ihre Mutter war Näherin für Kinovorhänge. Hier erklärt sich Elkes Liebe zu rotem Samt: Gerne tritt sie in einer roten Samtjacke bei Lesungen in Erscheinung.

Nach bestandenen Abitur in Bonn studierte sie von 1963 bis 1969 in München, Hamburg und Berlin Germanistik, Publizistik und Theatergeschichte ohne Abschluss, sowie Religionswissenschaft, das sie mit einer Arbeit über Marienverehrung im Protestantismus und mit Examen abschloss.

1965 heiratete sie Gert Heidenreich, trennte sich später von ihm und heiratete 1972 Bernd Schroeder, von dem sie seit 1995 ebenfalls getrennt lebt. Sowohl mit Gert Heidenreich als auch mit Bernd Schroeder arbeitet sie bis heute zusammen. Seit 2005 lebt sie mit dem Hamburger Pianisten und Komponisten Marc-Aurel Floros zusammen. Heute lebt Elke Heidenreich in Köln.

Seit 1970 arbeitet Heidenreich als freie Autorin und Literaturkritikerin für Presse und Verlage und schrieb Hörspiele, Fernsehspiele und Radiofeatures. Besondere Aufmerksamkeit erreichte sie 1981 als Nachfolgerin von Alfred Biolek im „Kölner Treff“. Beim Sender Freies Berlin moderierte sie von 1984 bis 1987 die Talkshow „Leute“ und war ebenso Gastkritikerin beim legendären „Literarischen Quartett“.

Auch mit der Zeitschrift „Brigitte“ fühlte sie sich lange verbunden: Dort erschien nicht nur 17 Jahre lang ihre Kolumne „Also …“, sondern unter dem Label „Brigitte Edition“ brachte sie auch 26 literarische Empfehlungen, die ihr sehr am Herzen liegen, heraus.

In der ZDF-Literatursendung „Lesen!“ stellte sie von 2003 bis 2008 Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt vor und wurde in dieser Zeit zu einer einflussreichen Literaturkritikerin. Nahezu alle von ihr vorgestellten Werke standen auf den Bestseller-Listen. Dabei sah sie sich weniger als analytische Kritikerin als vielmehr passionierte Leserin, die mit Leidenschaft das Lesen und gute Bücher präferierte. Nach einem Streit mit dem ZDF rund um den Eklat bzgl. Marcel Reich-Ranicki und dem Deutschen Fernsehpreis wurde die Sendung eingestellt.

Im Jahr 1992 erschien ihr erster Erzählband „Kolonien der Liebe“, der zu einem Erfolg avancierte. Weitere Erzählbände sollten folgen. Bei „Rudernde Hunde“ und „Alte Liebe“ arbeitete sie eng mit Bernd Schroeder zusammen: Während bei „Rudernde Hunde“ die Autoren abwechselnd in sich abgeschlossene Erzählungen präsentieren und auch jeweils ihre eigene Wahrheit zu der kleinen Skulptur „Rudernde Hunde“ abgeben, spielen sie sich in „Alte Liebe“ beim Blick auf das Leben eines älteren Ehepaares kongenial die Bälle zu.

Auch die Kinderbücher von Elke Heidenreich erfreuen sich großer Beliebtheit, wobei hier „Nero Corleone“ eine Sonderstellung gebührt: Dieser kleine Macho-Kater aus Italien schleicht sich frech und charmant in die Herzen seiner Fans…! Das Buch wurde in 23 Sprachen übersetzte und erhielt vielfältige, auch ausländische Auszeichnungen.

Elke Heidenreichs Geschichten erzählen von komplizierten Beziehungen, Konflikte zwischen den Geschlechtern und unerfüllten Wünschen. Sie ist eine exzellente Menschenbeobachterin: Bei ihr steht nicht der Umgang mit der Liebe im Zentrum, sondern das Leben, wenn die Liebe versagt bleibt. Häufig durchzieht Trauer gepaart mit einer leisen Melancholie ihre Erzählungen, gleichzeitig erzählt sie mit Witz und einer beinah trotzigen Ironie. Ihre Sprache ist einfach und direkt und bar jedem Pathos, dafür voller Wärme und Zartheit.

Zudem ist sie – wie ich mich schon mehrfach selbst überzeugen durfte – eine wunderbare Vorleserin, die ihre Zuhörer charmant einfängt und mitnimmt, sei es bei Lesungen ihrer eigenen Erzählungen oder aus Werken anderer Autor*innen. Keine Selbstverständlichkeit…!


Auswahl ihrer Werke:
  • Kolonien der Liebe. Erzählungen erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3498029111.
  • Nero Corleone mit Illustrationen von Quint Buchholz erschienen bei Hanser/ ISBN: 978-3446183445.
  • Der Welt den Rücken. Erzählungen erschienen bei Hanser/ ISBN: 978-3446200524.
  • Rudernde Hunde. Kurzgeschichten mit Bernd Schroeder erschienen bei Hanser/ ISBN: 978-3446202139.
  • Alte Liebe. Erzählungen mit Bernd Schroeder erschienen bei Hanser/ ISBN: 978-3446233935.
  • Nero Corleone kehrt zurück mit Illustrationen von Quint Buchholz erschienen bei Hanser/ ISBN: 978-3446236615.
  • Alles kein Zufall. Kurze Geschichten erschienen bei Hanser/ ISBN: 978-3596521739.

[Rezension] Regina Scheer – Gott wohnt im Wedding

Das alte Haus im Wedding knackt…
…und lauscht den Geschichten der Menschen, die in seinen Wänden nun wohnen, und erinnert sich an seine eigene Geschichte mit all den Menschen mit ihren Schicksalen, die in seinen Wänden gewohnt, gelebt und geliebt haben. Es ist erstaunt, wie eng diese Schicksale miteinander verknüpft sind – für die Menschen manchmal nicht begreifbar…

Das alte Haus im Wedding knarrt…
…und blickt auf Laila Fidler, einer jungen Sintiza, die in sein Hinterhaus gezogen ist, nichtsahnend, dass ihre Vorfahren ebenfalls hier einmal Zuflucht gefunden haben. Laila, die mit ihrer Familie als Spätaussiedler aus Polen nach Deutschland gekommen ist, fühlt sich zerrissen: Ist sie eine Deutsche? Ist sie eine „Zigeunerin“? Wohin gehört sie? Sie hadert mit ihrer Herkunft und verschweigt sie lieber aus Angst, geächtet zu werden. Sie ist eine Vertriebene in der eigenen Heimat…

Das alte Haus im Wedding stöhnt…
…und erkennt in dem alten Mann, der seit einigen Tagen unter seinem Torbogen steht, Leo Lehmann wieder, der in den Jahren des Nationalsozialismus als Jude untertauchen musste und mit seinem besten Freund Manfred Neumann im Untergrund operierte. Mit dem Mut und der Kraft der Verzweifelten kämpften sie ums Überleben, bis Manfred hier in der Wohnung von Gertrud Romberg verhaftet wurde. Leo überlebte und wanderte nach Israel aus. Nun ist er nach Jahrzehnten wieder in Berlin in Begleitung seiner Enkelin, die in dieser Stadt ihre Zukunft sieht…

Das alte Haus im Wedding knarzt…
…und schaut voller Sorge auf Gertrud Romberg, die seit ihrer Geburt hier lebt. Sogar die traumatischen Geschehnisse rund um die Verhaftung von ihrem geliebten Manfred konnten sie nicht zum Wegzug bewegen. Wo sollte sie auch hin? Jetzt ist es zu spät: Sie ist alt! Doch die neuen Investoren des Hauses möchten sie gerne loswerten, aber sie wird sich nicht vertreiben lassen. Wenn sie stirbt, dann hier in diesem Haus im Wedding…

Das alte Haus im Wedding brennt…
…und muss so dem Fortschritt weichen. Aber ist Fortschritt nicht auch nur eine andere Form von Vertreibung?

Die Figuren in Regina Scheers Roman sind allesamt Flüchtende: Sie fliehen vor Bedrohungen wie Krieg und Verfolgung. Sie fliehen vor Armut und Unterdrückung. Sie fliehen aber auch vor der eigenen Geschichte.

Und doch suchen sie alle eine Identität und ein kleines Stückchen Heimat, eine Ahnung von „zuhause sein“. Diese Sehnsucht nach Heimat und das Gefühl der ständigen Entwurzelung formen die Seelen dieser Menschen.

Sehnsucht: Endlich angekommen sein! Regina Scheer packte mich als Leser emotional am Schlafittchen und rüttelte am Fundament meiner Existenz. Eine spürbare Trauer durchzieht diesen Roman und lässt mich nachdenklich zurück. Bei der Lektüre schwirrten mir immer wieder Fragen durch meinen Kopf: „Was bedeutet Heimat für mich?“ und „Was wäre ich, wenn ich plötzlich heimatlos wäre?“. Ich musste dann die Lektüre unterbrechen, Luft holen, Gedanken ordnen…! Trauer…!

…und doch verlässt uns der Roman auch wieder mit dem Funken der Hoffnung nach einem Neubeginn: Das alte Haus im Wedding ist nun Geschichte! Aber eine neue Geschichte beginnt…!


erschienen bei Penguin/ ISBN: 978-3328600169

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!