[Rezension] Guy de Maupassant – DER HORLA/ mit Illustrationen von Anna und Elena Balbusso

Wie eng ist der Grat zwischen Genie und Wahnsinn? Wie schmal ist die Grenze zwischen mentaler Gesundheit und geistiger Verwirrung? Wie durchlässig sind die Übergänge unserer Psyche zu Phantasie und Wahrheit? Eben war der Held dieser Erzählung noch ein gesunder, dem Leben zugewandter Mann, nur einen Augenblick später zweifelt er am Zustand seines Geistes.

Guy de Maupassant wurde zu Lebzeiten von den vermeintlichen Literaturkennern eher belächelt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts galten die ausschweifenden Romane von Gustave Flaubert, Honoré de Balzac oder Stendhal als das Nonplusultra der französischen Literatur. So kleine, niedliche Erzählungen, die für jedermann leicht zugänglich waren, wurden da eher gering geschätzt. Erst viel später sollte Maupassant die ihm zustehende Anerkennung für seine Impulse auf die französische Literatur erhalten.

„Der Horla“ ist eine der wenigen phantastischen Geschichten aus seiner Feder und spiegelt sein Interesse an der Beinflussbarkeit der menschlichen Psyche wider. So soll er selbst wiederholt an Halluzinationen und Wahnvorstellungen gelitten haben. Umso erstaunlicher, wie klar und differenziert er den mentalen Verfall des Protagonisten beschreibt. In Tagebuchform lässt er uns am Leid seines Helden teilhaben. In Wellen verschlechtert sich dessen Zustand, was der Autor auch mit einer Veränderung im Schreibstil erkennen lässt. In den entspannten Phasen berichtet der Held ausschweifend und in blumigen Sätzen von seinem Leben, während bei den psychotischen Schüben eine Stakkato-artige Sprache den stätigen geistigen Verfall kennzeichnet.


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Anfangs hatte ich eher ein Schauermärchen à la Edgar Allan Poe erwartet und war umso erstaunter über die beinah analytische Herangehensweise des Autors an diesem Thema. Maupassant versteht es brillant, die Spannung in dieser Novelle aus der inneren Zerrissenheit des Protagonisten und seinem Gefühl einer ständigen Gehetztheit zu entwickeln. Dieser versucht anfangs noch, rationale Erklärungen für seine irrationale Wahrnehmung zu finden, um dann mehr und mehr von seiner Autonomie als eigenständige Persönlichkeit zu verlieren. Je mehr sich die Sinne verwirrten und die Seelenpein zunahm, umso mehr steigerte sich die Handlung zum beinah unumgänglichen Finale.

Für diese illustrierte Fassung der Novelle konnte der Reclam-Verlag wieder auf die Kunstwerke von Anna und Elena Balbusso zurückgreifen, die für die französischsprachige Ausgabe im Jahre 2010 erschaffen wurden. Wie schon bei Das Bildnis des Dorian Gray schufen die Balbusso-Zwillinge auch hier abermals ätherisch-phantastische Illustrationen. Die Darstellung von Gesichtern bzw. deren Mimik fiel diesmal detailreicher aus und zeigt so die Ängste der Figuren in aller Deutlichkeit. Mit ihrer ausgeprägten Bildsprache sprengen sie die Grenzen zwischen Realität und Surrealismus und erinnerten mich sowohl an die Schöpfungen eines Salvador Dalí als auch an die skurrile Ästhetik von Monty Python.

Neben seiner großartigen Übersetzung bereichert Ernst Sander diese Edition mit einem informativen Nachwort, in dem er Wissenswertes zum Autor preisgibt und das Werk im Zusammenhang zu dessen Lebenslauf einordnet.

Abermals ist es dem Reclam-Verlag gelungen, einen Klassiker der Weltliteratur in einem äußerst geschmackvollen und hochwertigen Erscheinungsbild zu präsentieren und so mein bibliophiles Herz zu erfreuen.


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150114568 / in der Übersetzung von Ernst Sander

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

ebenfalls erschienen bei Hofenberg/ ISBN: 978-3843076135 (ohne Illustrationen)

[Rezension] Chloé Perarnau – Mit dem Orchester um die Welt. Wimmelbuch

Schon vor über einem Monat hat die Spielzeit 2023/2024 auch an meinem Stammtheater begonnen, und somit ist auch das Philharmonische Orchester Bremerhaven wieder voll im Einsatz. Doch in der Sommerpause genossen die Orchestermusiker*innen ihren verdienten Urlaub und waren über alle Länder verstreut. Doch via Social Media ließen sie ihre Fans und Follower daran teilhaben, indem sie fleißig Fotos schickten.

Beinah scheint es so, als hätte Chloé Perarnau sich dies zum Vorbild für ihr Wimmelbuch genommen. Doch im Vergleich zu den Musiker*innen in ihrer Geschichte, waren die Mitglieder des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven wieder pünktlich zur Stelle und mussten nicht persönlich von ihrem GMD Marc Niemann eingesammelt werden.

Das große Konzert findet schon in einer Woche statt, aber alle Mitglieder des Orchesters sind noch im Urlaub. Daher müssen der Maestro und sein treuer Assistent sich auf die Suche nach ihnen machen. Rund um die Welt haben sich die Musiker verstreut: die Harfenistin ist in Porto, die Trompeter sind in Rio, die Flötisten in Abidjan, die Geiger in Tokio. Aber in den überfüllten und hektischen Straßen ist es nicht leicht, die Musiker aufzuspüren! Kannst du dem Maestro helfen, die Musiker zu finden?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Als Kind liebte ich die Bücher von Ali Mitgutsch, der als „Vater der Wimmelbücher“ galt und leider im letzten Jahr verstorben ist. Mitgusch schärfte die Sicht von uns Kindern auf die Welt und zeigte den Zauber im Alltäglichen. So freute ich mich sehr, als ich in der Herbst-Vorschau vom Kunstmann-Verlag von diesem Wimmelbuch erfuhr – zumal es gleich zwei meiner Interessensgebiete streift: meine Schwärmerei für das Wimmelbuch und meinen Hang zum Theater und zum Konzert.

Nun halte ich dieses Buch in den Händen und fühle einen Hauch Enttäuschung in mir aufkeimen: Ja, ich weiß, dass ich unvoreingenommen sein und keine Vergleiche anstellen sollte. Doch ist es nicht allzu menschlich, dass ich voreingenommen bin und Vergleiche anstelle? Mitgutsch ist und bleibt in seiner Kunst unerreicht, und jede*r, die/der sich an ein Wimmelbuch wagt, begibt sich auf das berüchtigte und gefährliche „dünne Eis“.

Dabei hat Chloé Perarnau durchaus ihren eigenen Stil, der mich an kindliche Filzstift-Zeichnungen erinnert, und ist damit nah an der Erfahrungswelt ihres jungen Publikums. Zumal ihre Illustrationen recht detailreich daherkommen und mit so manchen skurril-witzigen Einzelheiten überraschen (Selbstverständlich besucht die Triangel-Spielerin die Pyramiden in Ägypten. 😉).

Auch gelingt es ihr gut, die Unterschiede der Länder in Architektur, Vegetation und Lebensgefühl zu vermitteln. Doch leider erfährt man von den jeweiligen Instrumenten so gut wie nichts. Gerade da hätte ich mir ein wenig „Mehr“ gewünscht, um das Interesse der Kids an ein klassisch besetztes Orchester zu wecken, und sie so sehr neugierig zu machen, dass sie ein Live-Konzert besuchen möchten.

Was bleibt, ist die Erinnerung an eine charmante Idee und meine Sehnsucht nach den alten Wimmelbüchern aus Kindertagen.


erschienen bei Kunstmann / ISBN: 978-3956145711 / in der Übersetzung von Mathilde Lully

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Maurice Leblanc – Arsène Lupin und die Frau mit den jadegrünen Augen (Hörspiel)

Seit einigen Jahren erfreut PIDAX Film- & Hörspielverlag sowohl mich wie auch sicherlich jeden anderen begeisterten Anhänger mit ihren Wiederveröffentlichungen von alten Serien, Filmen und Hörspielen. Dabei hatten die Verantwortlichen ein mal mehr, mal weniger glückliches Händchen bei der Sortimentsauswahl. Da wurde durchaus schon so manches verschollene Schätzchen wieder ans Tageslicht befördert. Allerdings gab es auch Funde, die meiner Meinung nach gerne in der Versenkung hätten bleiben dürfen. Aber Geschmäcker sind zum Glück recht verschieden: Medien, deren Inhalte nicht zu meinen Interessensgebieten zählen, können durchaus anderswo ihre Liebhaber*innen finden, gemäß dem Motto „Jedes Tierchen sein Pläsierchen“.

In diesem Fall entdeckte ich in der Reihe PIDAX HÖRSPIEL KLASSIKER die vertonten Abenteuer des bekannten Meisterdiebs. Nachdem mich die gedruckte Form von Arsène Lupin. Der Gentleman-Gauner so wunderbar unterhalten konnte, freute ich mich schon auf die akustische Umsetzung einer der Geschichten vom Autor Maurice Leblanc.

Frühling in Paris in den Zwanziger Jahren. Von ihren Wintermänteln befreit, flanieren die Menschen auf den großen Boulevards. Auch Arsène Lupin, mittlerweile 34 Jahre alt und ein eleganter Lebemann, genießt die laue Luft. Eine schöne Dame mit schweren blonden Haaren und blauen Augen gerät in sein Blickfeld – sie wird von einem Herrn verfolgt. Lupin folgt dem Verfolger bis in ein Café am Boulevard Haussmann. Dort sitzt an einem Tisch eine andere, auch sehr schöne Frau, jünger als die Blauäugige, mit jadegrünen Augen. Die Grünäugige verlässt das Café, Lupin geht ihr nach und wird Zeuge einer Szene: Der Verfolger der Blauäugigen und der herbeigeeilte Vater der Grünäugigen streiten sich schreiend um die grünäugige Frau. Der aufgebrachte Vater fährt schließlich mit ihr davon. Die Blauäugige nimmt einen Wagen zum Gare de Lyon und besteigt einen Zug nach Monte Carlo. Lupin folgt ihr bis ins Abteil und erfährt ihren Namen: Miss Bakefield, eine Engländerin. Dann überstürzen sich die Ereignisse. Lupin wird niedergeschlagen, drei Reisende werden ermordet, und drei Maskierte jagen auf der Flucht an Lupin vorbei. Er blickt kurz in jadegrüne Augen, dann steht er dem Verfolger von Miss Bakefield gegenüber: Es ist Kommissar Marescal. Im Mittelpunkt des Abenteuers steht die Frau mit den jadegrünen Augen, Aurélie d’Asteux, die immer wieder auftaucht und verschwindet. Lupin muss seinen einmaligen Charme einsetzen, um ihr Herz zu gewinnen – denn erst so kann er zum Grund der hochpolitischen Verwicklungen vordringen: Auf dem Boden eines Stausees liegt angeblich ein Schatz. Ist es gar die Quelle ewiger Jugend?

(Inhaltsangabe der ARD-Hörspieldatenbank entnommen.)


1 CDs/ Arsène Lupin und die Frau mit den jadegrünen Augen von Maurice Leblanc (2009)/ Übersetzung und Hörspielbearbeitung: Sabine Grimkowski/ Regie: Stefan Hilsbecher/ Musik: Helena Rüegg/ mit Rüdiger Vogler, Samuel Weiss, Odine Johne, Thomas Thieme, Heinrich Giskes, Barbara Stoll, Bijan Zamani, Hubertus Gertzen u.a.

Was eine entzückende Schönheit mit bestechenden Augen nicht alles anrichten kann: Bei ihrem Anblick entflammt selbst das Herz unseres genialen Meisterdiebs, der dann Logik, Sicherheit und Identität mit leichter Hand über Bord wirft, um der Dame in Nöten zur Hilfe zu eilen.

Bei dieser irrwitzigen Geschichte fühlte ich mich zwar durchaus unterhalten, allerdings unterstelle ich mal, dass das Original in Fortsetzungen in einer Zeitschrift erstmals veröffentlicht wurde. Die Handlung entwickelte sich so krude, dass bei mir der Eindruck entstand, Leblanc musste jede Folge mit einem Knalleffekt beenden (Heute nennt sich so etwas „Cliffhanger“.), um so seine Leserschaft bei der Stange zu halten, damit sie auch die nächste Zeitungsausgabe kaufen. Anders kann ich mir diese wirre Entwicklung der Story nicht erklären: Eine plausible Handlung mit entsprechendem Aufbau incl. Spannungsbogen sucht man hier vergebens. Auch kann keine differenzierte Charakterisierung der Personen erwartet werden. Vielmehr bedient sich Leblanc der gängigen Klischees: Der Held ist mutig, der Schurke böse, der Bulle nachtragend, und die Frauen sind entweder schön naiv oder schön durchtrieben.

Können da wenigstens die Sprecherinnen und Sprecher „das Ruder rumreißen“ und aus einer mittelprächtigen Vorlage ein unterhaltsames Hörspiel zaubern? Antwort: Bedingt! Samuel Weiss gibt den Meisterdetektiv mit charakteristischer Stimme zwischen selbstbewusstem Held, raffiniertem Gauner und verliebtem Jüngling. Zudem verfügt er über ein solch einnehmendes Timbre, das mich aufhorchen ließ und viel Wiedererkennungswert besitzt. Seinen Gegenspieler Kommissar Marescal gibt Thomas Thieme mit schnoddrigen Tonfall und cholerischen Attitüden. Rüdiger Vogler gefällt als Sprecher mit sonorer Stimme. Auch die weitere Herrenriege mit Heinrich Giskes, Bijan Zamani, Hubertus Gertzen u.a. kann überzeugen.

Gleiches kann ich leider den Damen nicht attestieren: Barbara Stoll verpasst Miss Bakefield nicht nur einen (wenig überzeugenden) englischen Akzent, auch gestaltet sie ihre Rolle allzu herb und lässt so an Charme vermissen. Die Angebetete unseres Helden, Aurélie d’Asteux, bleibt bei Odine Johne bedauerlicherweise recht blass, strahlt kaum Charisma aus und kann so zumindest rein akustisch nicht vermitteln, warum Lupin in Liebe zu ihr entbrennt. Schade!

Sabine Grimkowski bemühte sich redlich, um aus der verworrenen Vorlage eine brauchbare  Hörspielfassung zu zaubern und stieß dabei an dessen Grenzen. Regisseur Stefan Hilsbecher sorgte für eine flüssige Verknüpfung der vielen Handlungsorte und Szenen. Seine Arbeit ist absolut solide, bietet aber auch keine Überraschungen. Helena Rüegg schuf mit ihrer Musik (gemeinsam mit der Tontechnik bei den Geräuschen) eine stimmige Hintergrund-Atmosphäre und versprühte mit ihrem Akkordeon frankophiles Flair.

Leider konnte mich diese akustische Umsetzung nicht vollends überzeugen. Doch unser charmanter Gentleman-Gauner hat es durchaus verdient, dass ich ihm bzw. eine seiner Hörspieladaptionen eine weitere Chance einräume.


erschienen bei Pidax/ EAN: 4260158194235

[Rezension] Anton Čechov – Späte Blumen. Herbstgeschichten

„Wir verdanken Peter Urban einen deutschen Čechov,
wie er schöner nicht sein könnte.“

…auch auf dem Umschlag zu dieser Anthologie darf das Zitat von Manfred Papst von der Züricher „NZZ am Sonntag“ natürlich nicht fehlen. Unwillkürlich musste ich schmunzeln, denn einerseits fragte ich mich, wie alt besagtes Zitat nun wohl schon sei, und ob es auch für Zitate ein Mindesthaltbarkeitsdatum gäbe, andererseits bewahrheitet sich wie schon so oft der Ausspruch „Papier ist geduldig“. Doch mein Unken soll die Leistung von Peter Urban in keiner Weise schmälern. Dank der herausragenden Arbeit des Übersetzers der Čechov’schen Geschichten habe ich mich zwar nicht unbedingt in einem ergebenen Fan verwandelt aber durchaus eine kleine Schwärmerei für den russischen Literaten entwickelt.

Der Diogenes-Verlag schließt mit diesem Band die noch offene Lücke zur bisher fehlenden literarischen Jahreszeit und kredenzt uns auch diesmal eine feine Auswahl aus dem Gesamtwerk des russischen Dichters. Ich hatte den Eindruck, dass wir mit „Herbst“ nun die raueste und unwirtlichste Jahreszeit erreicht haben. Während der „Frühling“ vom Aufkeimen in Liebe und Natur erzählte, der „Sommer“ in voller Pracht erstrahlte, und der „Winter“ sich in sein zauberhaftes, schneeweißes Kleid hüllte, schleudert uns der „Herbst“ mit brutaler Kraft seine Mahnung an die Vergänglichkeit entgegen. Natürlich erzählten nicht alle Geschichten aus den anderen Anthologien nur von „Friede, Freude, Eierkuchen“. Auch hier stolperten die handelnden Personen und fielen manches Mal unvermittelt und mit Wucht in ihr noch unbekanntes Schicksal. Doch ich hatte den Eindruck, dass es in den Herbstgeschichten besonders stürmisch zugeht.

Die Frage nach der Vergänglichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichten. Dabei meint „Vergänglichkeit“ nicht nur, dass Blätter von den Bäumen fallen oder Blüten im Garten verwelken. Vielmehr müssen sich die Protagonist*innen mit der eigenen, manchmal schon körperlich deutlich spürbaren Vergänglichkeit auseinandersetzen. Aber auch das eigene Heim oder die geliebte Heimat kann durch Naturkatastrophen, Feuer oder Krieg zu einem Teil der Vergangenheit werden. Ein Niedergang scheint somit überall, in jeder Ecke und an allen Fronten unabwendbar. Und doch lässt Čechov in mancher Geschichte eine „späte Blume“ erblühen, die oft unvermittelt Einfluss auf den Lauf der Geschichte nimmt und diesen so sehr verändert, dass er in eine andere Richtung gelenkt wird. Diese „späten Blumen“ stehen für die Hoffnung, dass auch in allem Vergänglichen eine zarte Schönheit wohnen kann, die mit einem kleinen Fingerzeig zu einem möglichen Neubeginn deutet.

Besonders ergriffen haben mich die Erzählungen, in denen die Held*innen von familiären Ritualen und Überlieferungen, liebgewonnenen Gewohnheiten oder gesellschaftliche Strukturen Abschied nehmen mussten. Wir kennen es doch nur allzu gut selbst: Auch bei uns sorgen die genannten Faktoren allesamt für eine Grund-Ordnung im Leben, die ihm Halt und Beständigkeit gibt. Würden sie wegfallen, bedeutete dies einen Verlust an der eigenen, persönlichen und somit höchst individuellen Identität.

Čechovs Figuren sind wenig glamourös, sondern vielmehr kantig, fehlerhaft, eben menschlich. Es sind alles Menschen, die gestrauchelt sind – entweder zum Zeitpunkt an dem die Geschichte spielt, oder in der Vergangenheit, was wiederum Einfluss nimmt auf das, was uns nun von ihnen berichtet wird. Der Autor schildert das Geschehene manchmal mit einer brutalen Direktheit, dann wieder mit einer poetischen Melancholie. Er zeichnet detailreiche Charaktere, die nicht immer sympathisch erscheinen, auch nicht unbedingt sympathisch erscheinen müssen bzw. sollen. Doch stets spürte ich beim Lesen seinen ganz eigenen Rhythmus in den Zeilen und fühlte mich wieder einmal umfangen von der noblen Melodik in der Sprache.

Wer alle vier Bände sein eigen nennt, der ist gut gewappnet. „Mit Čechov durch’s Jahr!“ könnte so ein Motto lauten: Der jeweils passende Erzählband zur aktuellen Jahreszeit findet immer wieder einen Platz auf dem Tischchen neben meinem Lesesessel und lädt mich so ein, den russischen Schriftsteller, Novellist und Dramatiker immer wieder neu zu entdecken.


erschienen bei Diogenes / ISBN: 978-3257072464 / in der Übersetzung von Peter Urban

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Caroline Derlatka – Der Zauber der Bücher/ mit Illustrationen von Sara Ugolotti

Kann irgendein waschechter und eingefleischter Vollblut-Bücher-Nerd einem Titel wie „Der Zauber der Bücher“ ernsthaft widerstehen? Nein, selbstverständlich nicht mal ansatzweise, von „ernsthaft“ brauchen wir da gar nicht erst zu sprechen. Wobei ich den englischen Original-Titel „When You Open a Book“ noch viel ansprechender finde: Ja, was passiert denn da, wenn ich ein Buch zum ersten Mal aufschlage?

Mit magischen Worten
erfasst dich der Wind
und bläst dich zu Orten,
die Buchstaben sind.

Enthüll das Geheimnis,
der Zauber ist groß:
Schlag bloß Seite eins auf
und schon geht es los!

…lässt Caroline Derlatka die Reise zweier Kinder ins Land der literarischen Abenteuer beginnen. Denn wir alle wissen, dass in dem Moment, wo wir ein Buch aufschlagen, wir augenblicklich in eine uns unbekannte Welt entführt werden. Wir begeben uns auf eine spannende Reise, fliegen in Gedanken davon und haben uns real nicht den klitzekleinsten Millimeter von der Stelle bewegt.

Genau so ergeht es unserer Heldin und ihrem kleinen Freund: Sie machen die Bekanntschaft mit mächtigen Bären, großen Walen und freundlichen Riesen. Sie reiten auf eleganten Drachen oder segeln mit aberwitzigen Flugobjekten durch die Wolken. Sie kämpfen gegen Piraten auf dem Meer oder musizieren mit Delphinen und Kraken unter dem Meer. Sie fahren Schlitten auf einem Regenbogen oder erkunden die unendlichen Weiten des Weltraums. Dies geschieht nur, da sie ein Buch geöffnet haben.

Die Autorin schmückt die Geschichte mit poetischen Versen, die eine feine Melodik besitzen, sich ganz wunderbar vorlesen und so Raum für eine individuelle Interpretation lassen. Wobei mein Dank auch der Übersetzerin Cornelia Boese gilt, die sicherlich einen nicht unwesentlichen Anteil daran hat, dass die Poesie des Originals auch in der deutschen Übertragung erhalten blieb.


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Sara Ugolotti greift die Poesie der Verse nicht nur auf, sondern sie potenziert diese in ihren Illustrationen: Farbenfroh und phantasiereich, detailliert und humorvoll, märchenhaft und nuanciert – all dies und noch viel mehr repräsentieren ihre Bilder und laden mit ihrer harmonischen Farbgebung zum Immer-wieder-anschauen ein.

Ich habe mir dieses entzückende Buch insgesamt fünf Mal hintereinander angeschaut. Nach jedem Betrachten habe ich es zugeschlagen, einen Moment gewartet und still in mich hinein sinniert, bevor ich es abermals geöffnet habe. Meine Aufmerksamkeit blieb jedes Mal bei anderen Illustrationen haften, die mich staunend machten oder ein Lächeln auf meine Lippen zauberten. Und ich bin mir sehr sicher, dass mich dieses kleine aparte Gesamtkunstwerk noch sehr lange erfreuen wird.

Welch Abenteuer,
wag den Versuch!
Wunder erwarten dich.
Öffne ein Buch!

P.S.: Ich nahm dieses Büchlein in die Hand, und mein erster Gedanke war, dass den wunderbaren Illustrationen von Sara Ugolotti durchaus ein üppigeres Format gut gestanden hätte. Doch dann fiel mir auf, dass ich mit meinen großen Pranken nicht der passende Maßstab sein kann. Ich dachte an die viel kleineren Kinderhände, die in diesem Buch blättern würden, und befand, dass das Format genau richtig ist.


erschienen bei Knesebeck / ISBN: 978-3957287533 / in der Übersetzung von Cornelia Boese

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Josephine Tey – DER LETZTE ZUG NACH SCHOTTLAND

Okay, du hast mich am Haken. Du hast deinen schmackhaften Köder ausgeworfen, und ohne nachzudenken habe ich zugeschnappt und hänge nun am Haken. Ich zapple zwar noch ein wenig hin und her – gänzlich ohne Gegenwehr kann ich mich doch nicht ergeben – aber wir wissen beide genau, dass ich rettungslos verloren bin.

Mit jedem weiteren gelesenen Roman von Josephine Tey, verfalle ich dieser Autorin mehr und mehr. Dabei sind ihre Krimis einerseits absolut „old-fashioned“ und gleichzeitig so wunderbar zeitlos. Zudem schuf sie mit Inspector Alan Grant einen solch bodenständigen und menschlichen Sympathieträger, der gänzlich ohne „Superkräfte“ auskommt, herrlich normal agiert und so deutlich näher an der Leserschaft ist als mancher der beinah übernatürlich brillanten Schnüffler wie Hercule Poirot oder Sherlock Holmes.

Inspector Alan Grant von Scotland Yard reist mit dem Zug nach Schottland. Gemeinsam mit einem alten Schulkameraden will er in den Highlands eine Auszeit nehmen, die herrliche Land­schaft genießen und sich von der, im Wortlaut seines Arztes, „Überarbeitung“ erholen. Kurz vor der Ankunft beobachtet Grant, wie es dem Schaffner im Abteil nebenan nicht gelingen will, einen Mitreisenden zu wecken – der Mann ist tot! Fast freut sich Grant ein bisschen, einmal nicht zuständig zu sein. Doch beim ersten Frühstück im Hotel fällt ihm eine Zeitung in die Hände, die er im Zug eingesteckt haben muss und die offenbar dem Toten gehörte. Ein rätselhaftes Gedicht, zwischen die Meldungen gekritzelt, weckt Grants detektivisches Interesse. Ob sich anhand der Handschrift und der merkwürdigen Verse etwas über die Identität des Mannes herausfinden lässt? Was als munterer Zeitvertreib beginnt, wird allmählich zu einer umfassenden Ermittlung, bei der Grant nicht nur das Gedicht entschlüsselt, sondern schließlich auch die Wahrheit über den Mord aufdeckt.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Seit Alibi für einen König bin ich ein Fan von diesem intelligenten und integren Ermittler, der mit nur allzu menschlichen Eigenschaften bzw. –arten ausgestattet ist. Sein Sinn für Humor überschneidet sich erfreulich häufig mit meinem Sinn für Humor. So sorgte er mit seinen ironisch-spöttischen Bemerkungen bei mir nicht nur einmal für ein spontanes Gelächter. Ebenso wie Josephine Tey die Handlung sich beinah organisch entfalten lässt, so gönnt sie auch den Dialogen ihre natürliche Entwicklung. Alles baut aufeinander auf, und bleibt gleichzeitig recht unspektakulär. So lässt Tey ihren Helden viel angeln, viel wandern und auch sonst sich viel in der Natur aufhalten – und dies geschieht seitenweise…! Nicht unbedingt die typische Vorgehensweise für eine Krimi-Autorin, um Spannung aufzubauen.

Doch warum legte ich das Buch nicht gelangweilt zur Seite? Weil – wie schon erwähnt – alles aufeinander aufbaut, und die Spannung eben genau aus dieser scheinbaren Belanglosigkeit heraus entsteht: Eben noch las ich die harmlose Beschreibung der Natur-Idylle, wenige Sätze weiter offenbarten sich entscheidende Hinweise für die Lösung des Falls. Zudem glänzt sie mit ihrer Figuren-Charakterisierung und überzeugt mit einer unterhaltsamen Beziehungsstruktur der handelnden Personen. Wie der titelgebende Zug, der nach einem Halt am Bahnhof erst langsam wieder die Geschwindigkeit erhöht, lässt sie auch die Handlung nur ganz gemächlich Tempo aufnehmen. Mir blieb somit nichts anderes übrig, als weiterzulesen.

Erstaunt war ich zudem, wie präzise und gleichzeitig respektvoll sie die „Überarbeitung“ unseres Helden beschreibt, der eindeutig Symptome eines Burnouts zeigt. Für das Entstehungsjahr des Buches (1952) war dies eine absolut moderne Sichtweise auf eine psychische Erkrankung. Chapeau!

Abermals war es mir ein großes Vergnügen, den Krimi einer Autorin, die viel zu lange unbeachtet blieb, zu lesen, der erfreulich unblutig daherkam, bar jeglicher billigen Effekthascherei war aber dafür durch eine gekonnte Erzählweise überzeugte. Bitte mehr davon!


erschienen bei Oktopus (bei Kampa) / ISBN: 978-3311704546 / in der Übersetzung von Manfred Allié

[Rezension] Yoshi Yoshitani – Das Buch der Mythen und Märchen. 78 inspirierende Geschichten aus aller Welt

Märchen schreibt die Zeit,
immer wieder wahr,
eben kaum gekannt,
dann doch zugewandt,
unerwartet klar.

…summte ich vor mich hin, als ich erstmals durch die Seiten dieses Buches blätterte. Ein Blick auf die Vita der Künstlerin offenbarte mir, dass ich instinktiv den passenden Song geträllert hatte. So hatte Yoshi Yoshitani u.a. schon für Produktionsfirmen wie Disney und Dreamworks gearbeitet. Dabei sind die Illustrationen zu diesem Buch fern jeglicher Disney-Romantik. Vielmehr hat Yoshitani Geschichten aus aller Welt ausgewählt, deren Handlung sich so manches Mal recht drastisch entwickelt und sich somit nicht als Gute-Nacht-Geschichte für die Kleinen eignet. Dies war von der Künstlerin auch nicht beabsichtigt: Vielmehr wendet sie sich an eine erwachsene(re) Leserschaft, die aus den Märchen und Mythen Inspirationen für das eigene Leben ziehen sollen. Passend zum Buch (und nicht im Buch inbegriffen) gibt es ein Tarot mit allen 78 Illustrationen als Karten-Set. So tauchen bei den Bildern immer wieder die aus dem klassischen Tarot geläufigen Symbole, wie Schwerter, Kelche, Münzen und Stäbe, auf. Besonders bei den Illustrationen zu den mir bekannten Geschichten irritierten mich anfangs diese Symbole etwas, da sie für mich keinen nachvollziehbaren Bezug zur Handlung hatten. Später nach wiederholter Betrachtung der Bilder konnte ich dies gut als ein rein gestalterisches Element akzeptieren.

Für jedes Märchen hält die Künstlerin eine Doppelseite bereit: Während die linke Seite eine farbenfrohe Illustration ziert, wird auf der rechten Seite der Inhalt wiedergegeben. Hierbei handelt es sich allerdings eher um Nacherzählungen aus der Feder der Autorin und weniger um die Wiedergabe des Original-Textes. So sind die Nacherzählungen zwar durchaus gelungen, komprimieren die Geschichten allerdings zwangsläufig auf die nötigsten Handlungselemente. Am Ende des Buches hätte ich mir darum einen Anhang mit Quellenangaben bzw. Literaturhinweise sehr gewünscht, um so auf die Original-Texte zugreifen zu können.

Die Ursprungsländer der Original-Geschichten umspannen den gesamten Erdball. Da sind die uns bekannten Märchen von Hans Christian Andersen und den Brüdern Grimm ebenso vertreten, wie die Märchen aus Frankreich oder England. Persische bzw. orientalische Volksmärchen finden sind neben Mythen aus West- und Nordafrika. Auch Geschichten aus Japan, China und Vietnam dürfen hier nicht fehlen. Die Nordischen Sagen aus Alaska oder Norwegen stehen ebenbürtig neben Erzählungen aus Indien, Ägypten und Griechenland. Und auch der amerikanische Kontinent, Australien und Russland werden mit ihren oft jahrhundertealten Überlieferungen nicht vergessen.


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Im Mittelpunkt der Geschichten steht oft ein Lebensumbruch mit dem die Held*innen umzugehen versuchen. Dabei verzichtet die Autorin wohltuend auf das abgegriffene Klischee der hilflosen Prinzessin, die darauf wartet, dass ein wagemutiger Prinz auf seinem weißen Pferd angetrottet kommt, um sie aus ihrer misslichen Lage zu erretten. Vielmehr strahlen gerade die weiblichen Figuren eine enorme mentale wie körperliche Stärke aus und brauchen sicherlich so einiges zur Lösung ihres Problems aber definitiv keinen depperten Prinzen.

Bei dieser üppigen Auswahl an internationalen Geschichten wird nur allzu deutlich, dass die Menschen – egal wo sie leben – ähnliche Ängste und Sehnsüchte haben. Wir sind im Grunde eben doch nur ein Erden-Volk, was sich auch anhand einer ähnlichen Grundstruktur von Märchen aus unterschiedlichen Ländern widerspiegelt. So findet Die kleine Meerjungfrau (Dänemark, Seite 23) ihre Schwester in Julnar die Meerfrau (Persien, Seite 145). Die Schöne und das Biest (Frankreich, Seite 121) könnten mit Der weiße Bär König Walemon (Norwegen, Seite 131) verwandt sein. Und sowohl Die wunderschöne Wassilissa (Russland, Seite 101) als auch Die gute Fee (Frankreich, Seite 167) zeigen deutliche Ähnlichkeiten zu „unserem“ Aschenputtel.

Dank ihrer Eltern vereinen sich in Yoshi Yoshitani sowohl die japanische wie auch die US-amerikanische Kultur und nehmen so Einfluss auf ihre Werke. So meinte ich (aus meiner europäischen Sichtweise heraus), die besondere Ästhetik japanischer Grafiken in den Illustrationen wiederzuerkennen. Ihre Farbwahl erzeugt eine Lebendigkeit, die so die Aufmerksamkeit des Betrachtenden auf die Details lenkt. Die Illustrationen strahlen zudem eine enorme Dynamik aus, und es wirkt beinah so, als wären die Figuren in einer stetigen Bewegung.

Die kulturellen Besonderheiten eines Landes werden durchaus wiedergegeben aber nie protzig hervorgehoben. Vielmehr wird vermittelt, dass das besagte Märchen zwar in einem bestimmten Land spielt, und somit die Kulisse passend gewählt wurde. Allerdings könnte sich die Geschichte auch in jedem anderen Land zugetragen haben. Stichwort: Erden-Volk!

Dank Yoshi Yoshitani kann ich meine Märchenbuch-Sammlung um ein weiteres interessantes Werk ergänzen, das mit seiner Auswahl an Geschichten ganz wunderbar einen Bogen um den Erdball spannt und so Länder und Völker miteinander verbindet.


erschienen bei Irisiana / ISBN: 978-3424154573 / in der Übersetzung von Sven Beier

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] James Hilton – Leb wohl, Mister Chips

Manchmal braucht es nur einige wenige Seiten, und mir wird warm ums Herz. Manchmal braucht es nur eine einfache Geschichte, und eine Träne der Rührung rinnt. Manchmal braucht es nicht viel…!

Er war jahrzehntelang Lehrer in Brookfield, einem Jungeninternat. Er hat Hunderte, wenn nicht Tausende von Schülern unterrichtet. Er war kein wirklich guter Lehrer, Ambitionen hatte er keine. Aber er hatte Humor, Prinzipien, vor allem aber einen warmherzigen Blick auf die Welt. Die Schüler liebten ihn, und so ist er in Brookfield zur Legende geworden. Einst lebte Mr. Chips für seine Schüler, nun lebt er in den Büchern, die er liest. Ein kurzes, unverhofftes Liebesglück hat er erleben dürfen, aber das ist lange her. Jetzt wohnt er bei der Haushälterin Mrs Wickett, sitz vor allem am Kamin – und erinnert sich.

(Inhaltsangabe dem Klappentext des Buches entnommen!)

Good-bye, Mr. Chips von James Hilton ist eine dieser Geschichten, die nicht mit einem Paukenschlag auf dem literarischen Parkett erscheinen und für einen großen Wirbel sorgen. Vielmehr kommt sie recht unspektakulär daher und erregt dabei kaum Aufsehen. Allzu schnell könnte sie im grellen Karussell der Belletristik ignoriert werden, da ihr die Eitelkeit, sich in den Vordergrund zu drängen, gänzlich fehlt. Doch ihre emotionale Kraft entwickelt sie in aller Stille.

Beinah schlicht wird die Geschichte eines Mannes erzählt, der seinen Platz in einem überschaubaren und geordneten Leben gefunden hatte, der bescheiden sich und seine Fähigkeiten nicht überschätzte, und der somit auch nie nach Höherem strebte. Vielmehr sah er seine Bestimmung genau darin, diesen kleinen Part innerhalb des großen Weltgeschehens zu spielen, um so genau diese minimalistische Lücke zu füllen.

Fragmentarisch lässt uns der Autor einen Blick auf die Biografie seines Helden werfen: Anfangs wirkten die einzelnen Passagen ohne einen sofort erkennbaren Handlungsfaden etwas konfus auf mich. Doch der Autor wirft – wie beim Impressionismus der Maler die Farbkleckse auf die Leinwand – die einzelnen Fragmente auf das Papier, bis sich diese zu einem Gesamtbild bündeln. Am Ende sah ich hinab auf das Büchlein in meiner Hand und erkannte in ihm ein kleines, bescheidenes Kunstwerk.

Mit jedem der Fragmente, die James Hilton mir beim Lesen offenbarte, träufelte er mir ebenso einen Tropfen Melancholie in mein Herz. Melancholie! Keine Trauer! Denn traurig ist diese Erzählung über den einfachen Schullehrer Mr. Chipping (von den Schülern liebevoll Chips genannt) nie: rührend und charmant, bewegend und amüsant – dies alles ist diese Geschichte durchaus – und dazu absolut herzerwärmend.

Die Lektüre schenkte mir eine Ruhe, die oft im launischen Allerlei des Alltags abhandenkommt. Ich durfte wieder einmal tief durchatmen, in mich hineinfühlen und mich auf das besinnen, was wirklich wichtig ist im Leben.

Mister Chips war nicht viel. Er war kein „Jemand“. Er war nur ein warmherziger Lehrer und ein guter Mensch. Und das ist schon eine ganze Menge…! 💖


erschienen bei Kampa / ISBN: 978-3311100799 / in der Übersetzung von Manfred Allié

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Agatha Christie – Etwas ist faul. Kurzgeschichten

Ich saß in meinem Sessel und schwitzte vor mich hin: Draußen brannte die Sonne vom Himmel, die sich nur dann und wann eine Pause gönnte, wenn Regenschauer sie verdunkelten. Doch dies brachte keine Erleichterung. Vielmehr sorgte die Kombination beider Wetterphänomene dafür, dass sich die tropische Flora und Fauna bei uns sehr, sehr wohl fühlen würde. Ich saß in meinem Sessel und schwitzte vor mich hin: In meinen Händen hielt ich das Rezensionsexemplar mit Erzählungen eines russischen Dichters. Ich ertappte mich dabei, wie ich schon seit geraumer Zeit auf immer die gleiche Stelle im Buch starrte ohne einen Hauch von Ahnung, was ich da gerade gelesen hatte. Ich bemitleidete mich voller Inbrunst selbst! Dann traf ich genau die richtige Entscheidung: Unter diesen Bedingungen brauchte es eine leichte unterhaltsame Lektüre…!

Unter dem Original-Titel The Listerdale Mystery erschien in Großbritannien im Jahr 1934 diese Anthologie mit 12 Kurzgeschichten, von denen einige auch über die Grenzen Englands hinaus sehr populär wurden. Besonders zwei Geschichten tauch(t)en gerne auch in anderen Zusammenstellungen auf.

In „Der Traum vom Glück“, die gerne in Sammlungen mit Weihnachtsgeschichten erscheint, schlägt ein junger, naiver Mann über die Stränge, ganz entgegen der Haltung seiner korrekten Verlobten, gönnt sich heimlich von einem Lotto-Gewinn einen Sportwagen. Schon bei seiner ersten Spritztour wird er plötzlich in eine aufregende Verwicklung mit einer unbekannten Schönen verstrickt, wie er sie sonst nur aus seinen geliebten Groschenromanen kennt. Bei „Haus Nachtigall“ (in anderen Übersetzungen auch „Villa Nachtigall“) heiratet eine junge Frau überstürzt einen ihr beinah Fremden und zieht mit ihm in ein abgelegenes Cottage. Merkwürdige Ereignisse und das widersprüchliche Verhalten ihres Gatten veranlassen sie, näheres über ihn und seine Vergangenheit in Erfahrung zu bringen.

Doch auch die anderen Geschichten sind äußerst unterhaltsam, spiegeln den damaligen Zeitgeist mit seinen gesellschaftlichen Unterschieden und den geläufigen Klischees bzw. Vorurteilen wieder. Wobei ich nach wie vor der Meinung bin, dass Agatha Christie dieses Stilmittel sehr bewusst einsetzte, um den vorherrschenden Standesdünkel zu karikieren. Ihren Hang zur Liebesschmonzette (unter dem Pseudonym Mary Westmacott veröffentlichte sie einige Liebesromane) konnte sie auch hier nicht gänzlich unterdrücken, bündelte diesen allerdings in einer heiter-ironischen Überzeichnung in der Beschreibung so mancher Situation.

Prinzipiell eine Meisterin im Kreieren von Dialogen zeigt sie hier ihr Können schon in recht frühen Jahren ihrer Karriere. Wieder einmal ertappte ich mich dabei, dass ich mitten bei dieser vergnüglichen Lektüre begann, laut zu lesen. Ein sehr gutes Zeichen für die Qualität der Dialoge! Zudem überzeugt Christie abermals mit prallen Charakteren jeglicher Couleur, wobei sie ihr Augenmerk immer besonders auf die Frauen-Typen richtet, die von ihr stets mit Selbstbewusstsein, Verve und Esprit porträtiert werden.

Der Abschluss dieser amüsanten Anthologie bildet die Geschichte „Schwanengesang“, die von einer höchst ungewöhnlichen Aufführung der Oper Tosca berichtet, bei der der Sänger des Scarpia mit einem Messer in der Brust auf offener Bühne sein Lebenslicht aushaucht. Gerade als passionierter Theaterbesucher bereitete mir diese Geschichte eine besondere Freude – zumal mein Stammtheater die neue Spielzeit mit Tosca eröffnet.

„Geschichten zum Wegnaschen“ urteilte damals The Times Literary Supplement und dieser Einschätzung kann ich mich uneingeschränkt anschließen. Zudem dieses Naschwerk bar jeglicher Kalorien und Kohlehydrate daherkommt. 😋


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455015010 / in der Übersetzung von Pieke Biermann, Hella von Brackel, Günter Eichel, Maria Meinert, Felix von Poellheim, Karl H. Schneider, Edith Walter und Renate Weigl

[Rezension] Heinrich Spoerl – Die Feuerzangenbowle (Hörspiel)

Wer kennt ihn nicht – den Primaner „Pfeiffer mit drei Eff“.

Bei einer launigen Stammtischrunde, die durch Genuss besagter Feuerzangenbowle noch angeheizt wurde, schwelgen die anwesenden Herren in Erinnerungen an ihre Schulzeit. Ja, das waren noch Zeiten, als sie jung und mit Flausen im Kopf Streiche gegen die Pauker ausheckten und sich zum ersten Mal in die Schülerinnen des benachbarten Mädchen-Gymnasiums verliebten. Einzig Dr. Johannes Pfeiffer kann keine Anekdoten beitragen, da er privat unterrichtet wurde. Seine Freunde sind entsetzt: Die beste Zeit im Leben eines jungen Mannes blieb ihm verwehrt. Dieser Umstand muss schleunigst geändert werden. Kurzerhand werden entsprechende Unterlagen fingiert, Pfeiffer passend ausgestattet und auf das Gymnasium einer Kleinstadt verfrachtet. Seine Verlobte Marion ist ganz und gar nicht entzückt. Dafür ist Pfeiffer umso entzückter von der reizenden Eva, der Tochter des Direktors seiner Penne…!

Zu jedem Eff im Namen „Pfeiffer“ gab es bisher eine Verfilmung: Schon 1934 setzte sich Heinz Rühmann die Primaner-Mütze auf und lieferte mit „So ein Flegel“ einen Eindruck zur späteren Verfilmung des Romans. Im Jahre 1970 wagte sich dann Walter Giller unter der Regie von Helmut Käutner an die Rolle. Doch gegen die wunderbare und bekannteste Film-Fassung von 1944, die Rühmann mit seinem unübertroffenen Spiel dominierte, verblasst jegliche andere Verfilmung. Ebenfalls im Jahr 1970 produzierte der Bayrische Rundfunk diese Hörspielfassung, die sehr prominent besetzt wurde.


1 CDs/ Die Feuerzangenbowle von Heinrich Spoerl (1970)/ Hörspielbearbeitung: Bernd Grashoff/ Regie: Heinz-Günter Stamm/ Musik: Raimund Rosenberger/ mit Hans Clarin, Fritz Rémond, Paul Verhoeven, Josef Meinertzhagen, Heini Göbel, Günther Ungeheuer, Thomas Piper, Margot Philipp, Erika von Thellmann, Karin Kleine u.a.

Alle sind sie da! Bernd Grashoff lässt in seiner Hörspielfassung nicht nur die liebgewonnenen Figuren akustisch wieder auferstehen, auch all die wunderbaren Szenen mit den bekannten Zitaten, die ich nur allzu gerne aus dem Film zitiere, sind hier präsent. Unter der Regie von Heinz-Günter Stamm werden diese Ingredienzen zu einer amüsanten und kurzweiligen Schüler-Posse vereint, zu dessen Gelingen auch Raimund Rosenberger mit seiner stimmigen Musik beiträgt.

Auf der Besetzungsliste finden sich bekannte Namen aus Theater, Film und Fernsehen. Bei den Schüler*innen gefallen besonders Margot Philipp als aparte Direktorentochter und Thomas „Tommi“ Piper als Ackermann, der später durch seine Synchronisation von „Alf“ besondere Popularität erlangen sollte. Beim Lehrkörper fallen Namen renommierter Mimen wie Fritz Rémond, Paul Verhoeven, Josef Meinertzhagen, Heini Göbel und Günther Ungeheuer ins Auge, die allesamt durch ihre markanten Stimmen im Zusammenspiel mit gekonnt-kauzigen Rollenporträts überzeugen. Doch Dreh- und Angelpunkt dieser gelungenen Hörspiel-Fassung ist der herausragende Hans Clarin, der sich so herrlich schelmisch-verschmitzt die Pennäler-Mütze aufs Haupt stülpt.

Beim Lauschen des Hörspiels lachte ich so manches Mal herzhaft auf oder stieß einen wohligen Seufzer aus, da mir zwangsläufig Szenen des Films wieder in den Sinn kamen. Und da dachte ich mir, dass es langsam an der Zeit wäre, mich auch einmal der literarischen Vorlage zu widmen.


erschienen bei der Hörverlag/ ISBN: 978-3899409697