[Rezension] Claire Gratias – Hör auf zu lesen!/ mit Illustrationen von Sylvie Serprix

Der kleine Rattenjunge Horatio hat schon eine ganz klare Vorstellung, was er später einmal werden möchte: Leseratte. Doch seine Eltern sind wenig begeistert und können seine Liebe zum Lesen nicht verstehen. Ihnen wäre es lieber, wenn ihr Sohn etwas ganz „normales“ machen würde, wie z. Bps. Fernsehen gucken. Doch Horatio liest, wann immer es geht und wo immer er gerade ist. Dabei vernachlässigt er seine Pflichten, und selbst in der Schule passt er nicht mehr richtig auf. Alle Ermahnungen prallen an ihm ab: So sind seine Eltern mit ihrer Geduld am Ende und greifen zu einer radikalen Maßnahme. Sie verschließen alle Bücher von Horatio in einem großen Koffer. Horatio ist verzweifelt. Ohne seine Bücher erscheint ihm das Leben so viel langweiliger. Doch dann hat er eine ungewöhnliche Idee: Er bewirbt sich als Kandidat bei der beliebten Ratten-Rate-Show zum Fachgebiet „Literatur“…!

Was ist an einem Bilderbuch das wichtigste Element? Naja, die Fragestellung implementiert scheinbar schon die Antwort: die Bilder. In diesem Fall schuf Sylvie Serprix farbenfrohe Bilder, die durch Bleistiftzeichnungen aufgebrochen werden und so die Gedanken der Protagonisten oder eine Nebenhandlung illustrieren. Über alles „verschüttet“ sie Buchstaben oder lässt sie über die Seiten durch Horatios Phantasie tanzen. Aus Buchstaben werden Wörter, aus Wörter werden Sätze, und aus den vielen Sätzen formen sich all die wunderbaren Geschichten, denen Horatio nicht widerstehen kann (und wir schlussendlich ja auch nicht).

Und nun kommt Autorin Claire Gratias ins Spiel, die mit ihrer charmanten Fabel erst den passenden Rahmen für Sylvie Serprix Kunst schafft. Die Welt unserer kleinen Leseratte mutet zwar durchaus phantastisch an, bietet doch ausreichend Anknüpfungspunkte zur Identifikation für die kleinen Leser*innen und punktet mit einer liebenswert-sympathischen Charakterisierung der Figuren. Zudem erscheint mir der Text auch sehr vorlesefreundlich zu sein und bietet mit seinen prallen Charakteren viel Potential für einen spannenden Vortrag.

Die Botschaft ist klar und unmissverständlich: Wenn du für etwas brennst, dann darfst du auch dafür einstehen! Unsere kleine Leseratte muss dies seinen Eltern erst begreiflich machen: Auch wenn Horatios Lösung beinah wie ein Widerspruch wirkt, so holt er doch seine Eltern dort ab, wo ihre Interessen zu liegen scheinen, und weist ihnen damit den Weg zu Toleranz und Akzeptanz.

Vor wenigen Wochen erschien mit „Lies mit mir!“ eine sicherlich ebenso reizende Fortsetzung: Wir dürfen gespannt sein, wie Horatios Geschichte weitergeht.


erschienen bei Anaconda/ ISBN: 978-3730609026

[Rezension] Thomas Gsella – Ich zahl’s euch reim. Neue politische Gedichte

Heinrich Heine hat es getan, Kurt Tucholsky hat es getan, Annette von Droste-Hülshoff hat es getan, Frank Wedekind hat es getan, und selbstverständlich hat Erich Kästner es auch getan, wie unzählige Poet*innen vor und nach ihnen…! Die Rede ist vom „politischen Gedicht“. Die Auseinandersetzung mit politischen Themen in Form der Lyrik ist (beinah) so alt wie die Menschheit. Dichter erhoben schon seit jeher gerne ihre Stimmen, um Missstände anzuprangern und die Mächtigen in Politik und Gesellschaft bloß zu stellen. Der besondere Reiz an dieser Form der Lyrik lag/liegt für die Leserschaft auch in der Offenbarung der persönlichen Meinung des Lyrikers, der mit seinen Versen die eigene Parteilichkeit aufdeckt.

Thomas Gsella ist in der Szene wahrlich kein Unbekannter und somit definitiv auch kein „unbeschriebenes Blatt“. Im Gegenteil: Er hat für Zeitschriften wie „Stern“ und „Titanic“ schon so manches Blatt mit seinen heiter-ironischen Versen gefüllt. Die in diesem Band veröffentlichten Gedichte sind in den Jahren zwischen 2016 und 2021 in div. Magazinen erschienen und hier nun erstmals in Buchform versammelt.

Doch was zeichnet ein politisches Gedicht aus? …vor allem sein Zeitbezug mit dem Wissen der Leser*innen um die momentane Situation. Die Pointe eines politischen Gedichts wird erst dann für mich verständlich, wenn ich um die Hintergründe weiß. Ich muss informiert sein, und dieses „informiert sein“ setzt eine eigenständige Auseinandersetzung mit den aktuellen Themen in Politik und Gesellschaft voraus.

Gsellas Interessen sind da breit gefächert. Ob Laschet/Söder/Scholz, ob Biden/Trump, ob Plagiatsvorwürfe/Fridays for Future/die Alternativen, ob Podcasts/Talkshows/wahlweise mit oder ohne Till Schweiger: Sie alle bekommen bei ihm genüsslich ihr Fett weg. Selbst die Farce um die Übersetzung der Gorman-Gedichte wird von seiner spitzen Feder nicht verschont. Vielmehr ritzt er mit ihr ins Fleisch der Gleichgültigkeit und erzwingt so meine volle Aufmerksamkeit. So manches Mal stockte mir beim Lesen erst der Atem vor so viel Frechheit, bis sich ein Lachen aus meiner Kehle befreien konnte. Der Mann hat Chuzpe – mein Respekt!

Dabei muten seine Verse bei einer oberflächlichen Betrachtung eher harmlos an. Erst ein zweiter oder sogar dritter Blick enthüllt die Respektlosigkeit. Wobei es durchaus nicht schaden kann, bei der Lektüre sein Gehirn einzuschalten. Denn für den Genuss von einer intelligenten Lyrik brauche ich als Leser eben genau das: Intelligenz! Mit einem originellen Versmaß, charmanten Formulierungen bzw. Umschreibungen und einem locker-leichten Vers-Rhythmus konnte er so auch den Vor-Leser in mir sowohl überzeugen wie auch begeistern.

Doch die Anziehungskraft eines guten Lyrikers speist sich nicht nur aus seinem Talent, zielsicher den Finger in die Wunden seiner Opfer zu legen bzw. hemmungslos mit Verse um sich zu schlagen. Vielmehr sollte er einen ausgeprägten Hang zur Selbst-Ironie besitzen. Denn die Kunst besteht darin, sich und sein Profession, zwar ernst aber nicht allzu ernst zu nehmen. Der Gsella beherrscht diese Kunst!

Wahl

Er hat ja nicht, wie man erzählt,
Die Macht sich nur ergriffen.
Nein, Hitler wurde auch gewählt.
So ist auf Wahl gepfiffen.

Gewählt sind Trump und Erdogan
(Ab jetzt wird’s immer doofer:)
Und May und Merkel und Orbán
Und, ächz, der Horst Seehofer!

Doch herrschen soll der beste Mann!
Der tollste Weltenleiter!
Sein Name fängt mit Thomas an
(Und geht mit Gsella weiter…)

Thomas Gsella


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956144578

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Alan Bradley – Flavia de Luce. Mord im Gurkenbeet (Hörspiel)

Die 11-jährige Flavia stolpert eines Morgens unversehens über den Körper eines Fremden, der im Gurkenbeet liegend sein Leben aushaucht. Doch so fremd scheint der Tote auf dem Familienanwesen Buckshaw nicht allen Familienmitgliedern zu sein: Ihr Vater Colonel de Luce hatte noch am Vorabend eine heftige Auseinandersetzung mit dem Verblichenen. So fokussiert sich die Arbeit vom ermittelnden Inspektor Hewitt auch genau in diese Richtung. Flavia glaubt felsenfest an die Unschuld ihres Vaters: Schließlich wurde das Opfer vergiftet, und der Colonel ist zwar eine Koryphäe der Philatelie, kennt sich mit der Chemie allerdings überhaupt nicht aus – ganz im Gegensatz zu seiner vorlauten Tochter Flavia, die sich nun in die Ermittlungen einmischt, für ordentlich Verwirrung sorgt und den wahren Täter somit zwingt, wieder aktiv zu werden…!

Mr Bradley lässt sich mit der Veröffentlichung eines neuen aufregenden Abenteuers einer meiner Lieblings-Spürnasen leider sehr viel Zeit. Umso erfreuter war ich, als ich entdeckte, dass es zum allerersten Roman eine Hörspielfassung gibt. So konnte ich der Versuchung einfach nicht widerstehen,…

…und nun sitze ich in meinem gemütlichen Ohren-Sessel, neben mir dampft ein Becher gefüllt mit köstlichem Kaffee, und lausche der akustischen Umsetzung einer Geschichte, die ich so gut kenne. Schließlich habe ich selbst schon zwei Lesungen mit Flavia bestritten und somit ihr und ihren Freunden meine Stimme geliehen,…


2 CDs/ Flavia de Luce. Mord im Gurkenbeet von Alan Bradley (2013)/ Buch & Regie: Markus Winter/ mit Luisa Wietzorek, Zalina Sanchez Decke, Tom Jacobs, Torsten Münchow, Maria Koschny, Inken Baxmeier, Helmut Winkelmann, Hildegard Meier, Corinna Dorenkamp u.a.

…und nun sitze ich und lausche und lausche und lausche und bin irritiert. Nicht, dass ich es hier mit einer schlechten Umsetzung der Geschichte zu tun hätte. Vielmehr habe ich bei meinen Lesungen zwangsläufig einige Rollen anders interpretiert, ihnen sozusagen stimmlich eine andere Färbung, einen anderen Rhythmus, einen anderen Ton verliehen. Zudem hatte ich Flavia nie ernsthaft als 11-jährige wahrgenommen, und sie somit auch nie als solche bei meinen Lesungen dargestellt. Doch nun wird sie – als logische Konsequenz – selbstverständlich von einem 12-jährigen jungen Mädchen gesprochen. Doch ich wundere mich über mich selbst, dass ich diesen Umstand bisher geflissentlich ausgeblendet habe, und muss darum meine Sichtweise auf die Figur/die Figuren neu justieren.

Dabei haben die Produzenten die Titelpartie klug mit zwei Sprecherinnen besetzt. Zalina Sanchez Decke spricht in den Dialogen die junge Flavia mit jugendlichem Elan und kindlicher Naivität, während Luisa Wietzorek als Erzählerin die reifere Flavia verkörpert und uns somit aus Sicht der Vergangenheit an den Geschehnissen auf Buckshaw teilhaben lässt. Ein durchaus raffinierter Schachzug, der auch ohne Bruch auskommt, da beide Stimmen sehr gut nebeneinander harmonieren. Torsten Münchow gibt einen souveränen Inspektor Hewitt und gestaltet glaubhaft die Wandlung vom zurückhaltenden Ermittler zum besorgten väterlichen Freund. Tom Jacobs als Colonel de Luce hätte für meinen Geschmack durchaus ein wenig fahriger und weltentrückter sein können. Dafür punkten Inken Baxmeier als Daphne und besonders Maria Koschny als Ophelia mit prägnanten wie humorvollen Auftritten. Als kleinen Frische-Kick empfand ich auch Corinna Dorenkamp in der Rolle der Mary Stoker. Besonders die Interpretationen von Helmut Winkelmann (Dogger) und Hildegard Meier (Mrs. Mullet) wurden „Opfer“ meiner vorgefassten Meinung, da ich mir gerade diese beiden Rollen prägnanter bzw. kauziger gewünscht hätte. Zudem intonieren einige Sprecher*innen in einem Duktus als würden sie ein klassisches Kinder-Hörspiel à la „Bibi Blocksberg“ einsprechen und kein Hörspiel für reifere Zuhörer – die Heldin ist zwar erst zarte 11 Jahre alt, aber trotzdem handelt es sich hierbei um einen reellen Krimi.

Regisseur Markus Winter ist eine solide Umsetzung der Geschichte gelungen, die mir Freude bereitet hat aber durchaus noch ausbaufähiger ist. Dafür gebührt ihm das große Kompliment, dass er das Buch geschickt auf die Länge von zwei CDs komprimiert hat, ohne dass wesentliche Inhalte verloren gingen oder der Fluss der Geschichte gestört wurde.


erschienen bei WinterZeit Audiobooks/ ISBN: 978-3943732221

[Rezension] Agatha Christie – Der seltsame Mr Quin. Kriminalistische Erzählungen

„Ein seltenes Vergnügen.“
The New York Times

…lautete das Urteil damals im Jahre 1930 als diese Sammlung von kriminalistischen Erzählungen erstmals in den USA erschien. Und diesem Urteil kann ich mich zumindest in Teilen anschließend: Agatha Christie hat nach dem besagten Jahr so viele brillante Kriminalromane verfasst, dass ich heute im Vergleich zu anderen Werken den Begriff „selten“ nicht unbedingt verwenden würde. Doch ein „Vergnügen“ war diese Lektüre für mich auf jedem Fall…!

Mr Sattersway ist ein ältlicher, wohlhabender, doch beinah unauffälliger Mann. Mit einer snobistischen Freude sammelt er Bekanntschaften mit Adeligen, Künstlern und sonstigen Mitgliedern der High-Society. Dank seiner hervorragenden Beobachtungsgabe, einem untrüglichen Gespür und seinem Verständnis für die menschlichen Schwächen nimmt er jede Nuance im Zusammenspiel seiner Mitmenschen wahr. Denn genau so sieht er sich sehr gerne: Bei den stattfindenden Tragödien und Dramen in seinem Umfeld ist er „nur“ der unbeteiligte Zuschauer. Erst das Auftauchen seines geheimnisvollen Freundes Mr Quin scheucht ihn aus seiner Komfort-Zone und zwingt ihn, aktiv in das Geschehen einzugreifen, um so Schicksal für die betroffenen Menschen zu spielen. Und so lüftet Mr Sattersway – mit der (göttlichen) Fügung durch den seltsamen Mr Quin – so manches Mysterium, löst Verbrechen, verhindert (Selbst-)Morde, vertreibt die Geister der Vergangenheit und führt Liebende zusammen…!

Mrs. Christie ist doch immer wieder für eine Überraschung gut: So würde ich diese Erzählungen nicht unbedingt den klassischen Kriminalgeschichten zuordnen. Vielmehr schöpft sie aus verschiedenen Genres, lässt das Mystische und Übersinnliche ebenso in die Handlung einfließen, wie sie sich der Figuren der Commedia dell’arte bedient. Ihr seltsamer Mr Quin bewegt sich dem Harlekin gleich zwischen den Welten, springt von Ebene zu Ebene und tritt unvermittelt in Erscheinung. Bei seinen Auftritten erwartete ich beinah ein schelmisches „Da bin ich!“ zu hören. Gerne beschreibt die Autorin die Lichtverhältnisse der Szenerie so, als würde sein Anzug dem karierten Kostüm des Harlekins gleichen. Auch greift er nie selbst in die Handlung ein, bleibt geheimnisvoll im Hintergrund und überlässt den aktiven Part seinem verlängerten Arm Mr Sattersway. Dieser wird von Christie als ein zurückhaltender Beobachter porträtiert, der erst mit Auftauchen von Quin erahnt, dass sich in seinem Umfeld eine Tragödie anbahnt, die er mit Empathie zu verhindern versucht. Dabei bleibt Quin auch für ihn stets ein Rätsel, das ihn zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht, Wirklichkeit und Fiktion wandeln lässt, wobei die jeweiligen Grenzen oft verschwimmen.

Die Autorin lässt dieses ungewöhnliche Team in zwölf Erzählungen in Erscheinung treten, die beinah wie Vorläufer der heute recht beliebten Mystery-Thriller anmuten. Dabei waren ihr bei dieser Erzählform (zwangsläufig) Grenzen gesetzt: So wirkten manche Lösung durchaus vorhersehbar, und die eine oder andere Geschichte endete für mein Empfinden etwas abrupt. Doch diese Schwächen machte die Autorin charmant wieder wett, indem sie die Angehörigen der Upper-Class sowohl mit witzig-respektlosen Beschreibungen bedachte als auch pointierte Dialoge in den Mund legte.

So ist „Der seltsame Mr Quin“ nicht unbedingt der strahlendste Stern im Kosmos der „Queen of Crime“, aber durchaus eine Wiederentdeckung, die sich lohnt.


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455010831

[Rezension] Gustave Flaubert – Bibliomanie/ mit Illustrationen von Burkhard Neie

„Kleines Büchlein, doch innerlich ganz groß“ so lassen sich die Publikationen der Insel-Bücherei durchaus treffend charakterisieren. In feiner, bibliophiler Ausstattung erfreute mich bisher jeder Band, der bisher seinen Weg in eines meiner Bücherregale gefunden hat, und verlockte mich so, auch einen interessierten Blick auf mir bisher Unbekanntes zu werfen…!

Alles im Leben des Buchhändlers Giacomo dreht sich um die Bücher. Sein ganzes Sein hat er ihnen gewidmet. Er liebt die Bücher. Er betet sie an. Er verehrt sie. Dabei ist es nicht ihr Inhalt, der ihn fasziniert: Er kann nicht lesen. Vielmehr ist es ihre Haptik, ihr Duft, ihre Aura, die Geräusche, die sie verursachen, wenn sich Seite an Seite reibt, und die Geschichten ihrer Vorbesitzer, die sich untrennbar mit ihnen vereinen. Giacomo ist ihnen verfallen – mit Haut, Haar und Seele. Als er erfährt, dass in seiner Heimatstadt Barcelona ein seltenes, besonders wertvolles Manuskript versteigert werden soll, ergreift er die Gunst der Stunde, bietet mit und unterliegt. Doch Giacomo ist ein äußerst schlechter Verlierer: Seine Liebhaberei steigert sich zur Manie. Als er erfährt, dass das Haus des Kontrahenten in Flammen steht, dringt er dort ein, um dem geliebten Manuskript habhaft zu werden. Die wilden Spekulationen seiner Nachbarn, er hätte dieses Feuer nur aus eben diesem Grund gelegt, vermag er nichts entgegenzusetzten. All sein Sein dreht sich nun nur noch um dieses eine Manuskript…!

Zarte 15 Jahre war Gustave Flaubert erst alt, als er diese Gruselstory über einen übergeschnappten Bibliophilen schrieb und dabei schon sein enormes erzählerisches Talent offenbarte. So wirkt dieses Werk überraschend reif auf mich. Sehr detailliert beschreibt er die einzelnen Stufen von einer Liebhaberei bis zur ausgewachsenen und somit krankhaften Manie. Gekonnt kreiert er eine verstörende Atmosphäre, die für mich beim Lesen bedrückend deutlich spürbar war. Sein Stil erinnerte mich an die klassischen Schauer-Geschichten eines Edgar Allan Poe, der zum Zeitpunkt der Entstehung von „Bibliomanie“ schriftstellerisch schon äußerst aktiv war. Der Stil des Älteren hätte durchaus auf den Stil des Jüngeren Einfluss nehmen können. Doch ob der junge Flaubert überhaupt die Möglichkeit hatte, Werke seines Kollegen zu lesen, bleibt fraglich.

Mit Illustrator Burkhard Neie hat die Insel-Bücherei allerdings einen Künstler für sich gewonnen, der ein geschicktes Händchen für die Erschaffung morbider und geheimnisvoller Bilder zu haben scheint. So stellen seine Illustrationen eine gelungene Ergänzung zur Geschichte dar. In Tönen zwischen Schwarz, Braun und Sepia bilden bei Burkhard Neie Bücher(-seiten) das gestalterische Element, welches die Struktur innerhalb der Szenerie vorgibt. Zudem lässt er Motten, Käfer und sonstiges Ungeziefer über die Seiten dieses Büchleins krabbeln und symbolisiert so die ungesunde und zwangsläufig in der Vergänglichkeit endenden Sucht unseres Anti-Helden.

Für mich war „Bibliomanie“ ein spannender Auftakt, um mich dem Werk Gustave Flauberts anzunähern.

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin IRIS MÖNCH-HAHN von „Durchleser“.


erschienen bei Insel-Bücherei/ ISBN: 978-3458205296

[Rezension] Josephine Tey – NUR DER MOND WAR ZEUGE

Ein überraschender Anruf rüttelt Rechtsanwalt Robert Blair aus seiner gewohnten Routine: Marion Sharpe bittet ihn um Unterstützung. Ihr und ihrer Mutter wird vorgeworfen die 15-jährige Betty Kane entführt, sie beinah 4 Wochen auf dem Dachboden festgehalten und sogar geschlagen zu haben, bis diese sich durch Zufall befreien konnte. Die Indizien sind erdrückend. Das Mädchen kann sehr genaue Angaben über das Innere des Sharpe-Hauses machen – ein Umstand, der die beiden Frauen schwer belastet. Die Sharpes weisen alle Vorwürfe von sich, und so steht Aussage gegen Aussage. Doch die Boulevard-Presse bekommt Wind von der Geschichte, ergreift Partei für das augenscheinlich unschuldige Opfer und heizt so die öffentliche Meinung an. Die Sharpes müssen einen Spießrutenlaufen über sich ergehen lassen und so manche üblen Repressalien erdulden. Robert Blair setzt alles und jeden in Bewegung, um die Anschuldigungen von Betty Kane zu widerlegen. Wo hielt sich das Mädchen zum besagten Zeitraum wirklich auf…?

Unter dem Pseudonym Josephine Tey schrieb die schottische Autorin Elizabeth MacKintosh in der „goldenen Ära“ höchst erfolgreich Kriminalromane und galt bzw. gilt als eine der Besten ihrer Zunft. So wurde ihr Roman „Alibi für einen König“ aus dem Jahre 1951 von der englischen Autorenvereinigung Crime Writers’ Association zum besten Kriminalroman aller Zeiten gewählt und 1969 mit dem Grand prix de littérature policière geehrt. Der vorliegende Roman erschien erstmals im Jahre 1948 und zeugt schon vom großen Talent seiner Autorin. Ihr ist ein rundum unterhaltsamer, sehr eleganter Roman gelungen, der einen Vergleich mit den Werken ihrer bekannteren Kolleg*innen nicht zu scheuen braucht.

Formal bietet dieses Werk all die Ingredienzen, die ich mir für einen süffigen Krimi wünsche – allerdings ohne Tote: ein intelligenter aber etwas weltfremder Held, seinen gewitzten jugendlichen Neffen, die liebenswert-schrullige Tante, ein brillanter Strafverteidiger, patente und hilfreiche Handlanger, die kurios-kauzigen „Täterinnen“ und als „Opfer“ die naive Unschuld vom Lande. Zusätzlich fügte die Autorin ihren Zeilen in den Dialogen Witz, in die Handlung rätselhafte Verwicklungen und in die Personenzeichnung spürbare Sympathie für ihre erdachten Kreaturen hinzu. Zudem versteht sie es ganz ausgezeichnet, ihre Leserschaft über lange Zeit nicht nur im Unklaren zu lassen, wer in dieser Geschichte wirklich das Opfer und wer der wahre Täter ist – vielmehr zweifelte ich mal an der Glaubwürdigkeit der einen, mal an der anderen Partei. Selbst als mir dies klar war, fieberte ich weiter der endgültigen Auflösung entgegen.

Für mich wird hier erstmals in einem klassischen Krimi die Macht der Presse thematisiert und ist damit von einer erschreckenden Aktualität. Waren es damals die Boulevard-Zeitungen und Klatsch-Blätter, so sind es heutzutage insbesondere die sogenannten Sozialen Medien, die einen Einfluss auf die öffentliche Meinung nahmen bzw. nehmen und so die Stimmung bei ihren Fans anheizen, die alles unreflektiert für bare Münze nehmen, was schwarz auf weiß geschrieben steht.

Neben den schon bekannten Verdächtigen im Verlagswesen hat es sich nun also auch der Kampa-Verlag auf die Fahnen geschrieben, die Freunde der klassischen Krimi-Literatur mit unterhaltsamen Ausgraben zu erfreuen. Wie ich „aus gut unterrichteter Quelle“ erfahren habe, ist dort die Wiederveröffentlichung von „Alibi für einen König“ schon in Vorbereitung. Ich bin gespannt…!!!

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin JAN ERICHSON von „Meineliteraurwelt“.


erschienen bei Oktopus (bei Kampa)/ ISBN: 978-3311300021
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Fabian Neidhardt – Immer noch wach

Wer mich und meinen Blog kennt und somit regelmäßig meine Rezensionen liest, weiß, dass ich mich nie allzu lange mit den Inhaltsangaben der zu rezensierenden Bücher aufhalte (s.a. Was sonst noch?). Doch diesmal war es mir einfach nicht möglich, den Inhalt auf wenige Zeilen herunter zu brechen. Ich bin mir sicher, Ihr werdet mir verzeihen und – passend zum Grundtenor des Romans – es auch überleben…! 😉

Alexander Fink ist 30 Jahre alt, Lebenspartner der entzückenden Lisa, gemeinsam mit seinem besten Freund Bene frisch-gebackener Café-Besitzer, an Krebs erkrankt und wird sterben…! Die Nachricht trifft Alex wie ein Hammerschlag: Alle Pläne, Wünsche, Hoffnungen sind mit dieser Diagnose für Null und Nichtig erklärt. Ja, da gäbe es durchaus die eine oder andere vielversprechende Therapie, die ihm zwar nicht heilt aber den Tod evtl. ein, zwei Monate hinauszögern könnte. Doch Alex lehnt kategorisch weitere Behandlungsmethoden und Untersuchungen ab: Er möchte nicht das Schicksal seines Vaters teilen, der erbärmlich am Krebs zugrunde ging. Vielmehr will er die verbliebende Zeit nutzen, um überfällige Dinge zu regeln, aufgeschobene Gespräche zu führen, und noch eine ruhige Zeit mit seinen Lieben verbringen. Dann, wenn er meint, dass die Zeit reif ist, wird er sich von seinen Leuten verabschieden, sich in ein nur ihm bekanntes Hospiz begeben und dort alleine sterben. Doch gerade diese Entscheidung sorgt dafür, dass die verbleibende Zeit alles andere als ruhig verläuft: Denn eine Krebs-Diagnose betrifft nicht nur den Erkrankten sondern auch seine Angehörigen. Und so stößt seine Idee bei Lisa und Bene auf wenig Verständnis sondern löst eine Fülle an Gesprächen mit Tränen und Emotionen aus. Doch Alex bleibt bei seiner Entscheidung und verabschiedet sich in Richtung Hospiz. Das Sterben und der Tod gehören dort zum „Tagesgeschäft“ und sind allgegenwärtig. In den Gesprächen mit seinen Mit-Bewohner*innen werden sie zur alltäglichen Normalität und verlieren so ihren Schrecken. Der todkranke Kasper ist ihm dabei Beichtvater und Stimme des Gewissens zugleich. Doch nach einer Routine-Untersuchung erwartet ihn der nächste Hammerschlag: Ja, er hat einen Tumor! Und: Nein, er wird nicht sterben, denn der Tumor ist gutartig (Vielleicht hätte er doch weiteren Untersuchungen zustimmen sollen.)! Sein Aufenthalt im Hospiz ist somit beendet, und ein neues Leben könnte für ihn beginnen. Doch die Zeit außerhalb des Hospizes ist nicht stehengeblieben, und auch Lisa und Bene haben weitergelebt, haben weiterleben müssen – ohne ihn. Alex wagt es nicht, wieder in deren Leben einzubrechen, und so fasst er gemeinsam mit Kasper einen kühnen Plan. Er wird die letzten Wünsche seiner (auch durchaus schon verstorbenen) Freunde aus dem Hospiz stellvertretend für sie erfüllen: Er gewinnt eine Partie Schach für Peter, tanzt Lindy Hop für Wilhelm, reist in die italienische Heimat von Lilia, lässt sich ein Tattoo für Kasper stechen. Doch Alex hat weder mit den Tücken des Schicksals noch mit der List des Zufalls gerechnet…! Denn Beide können den schönsten, noch so raffiniert ausgeklügelten Plan ruckzuck durchkreuzen…!

„Uih!“ dachte ich „Heikles Thema!“ und „Wenn das mal gut geht!“. Doch dann siegte die Neugierde:  „Mal sehen, wie er (=der Autor) das hinkriegt!“…

…und nun ist der Roman ausgelesen, ich sitze hier vor der Tastatur und weiß nicht, wie ich eine Rezension beginnen soll. Vorweg: Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal bei einer Lektüre so sehr geweint habe. Dabei ist diese Geschichte aus der Feder von Fabian Neidhardt weder kitschig, noch gefühlsduselig, noch sentimental und ebenso wenig wird ein übermäßiger Druck auf die Tränendrüsen ausgeübt. Die Geschichte ist schlicht und ergreifend einfach nur traurig…, traurig und berührend…, traurig, berührend und menschlich…! Und weitere Worte müssen „eigentlich“ (!) nicht darüber verloren werden, außer „Bitte lesen!“.

Natürlich könnte ich mich noch zeilenweise über die Storyline auslassen, die der Autor sehr geschickt aufbaut, um so dem Handlungspersonal dort Entwicklungsmöglichkeiten zu geben, wo es im Sinne der Geschichte angebracht erscheint. Über etliche Zeilen könnte ich auf die Sinnhaftigkeit der Rückblenden hinweisen, die der Autor immer wieder mit der Haupthandlung verwebt, damit seine Leserschaft in der Lage ist, die Gefühle und Beweggründe der Protagonist*innen plausibel nachzuvollziehen. Einige weitere Zeilen könnte ich dafür verwenden, den Autor bis über den grünen Klee zu loben und für seinen Mut zu bewundern, da er darauf verzichtet hat, für seinen zweiten Roman ein massenkompatibles Thema zu wählen. Vielmehr rüttelt er an der gesellschaftlichen Gemütlichkeit und bricht eine Lanze für den selbstbestimmten Umgang des Menschen mit Sterben und Tod.

Das alles und noch viel mehr könnte ich zeilenweise schreiben. Doch ich will nicht! Denn (wie ich bereits erwähnte) weitere Worte müssen nicht darüber verloren werden, außer „Bitte lesen!“.

Doch! Ein Wort sei mir noch gestattet: Denn dieser Roman ist nicht nur traurig…, auch nicht nur traurig und berührend…, schon gar nicht nur traurig, berührend und menschlich…, sondern er ist traurig, berührend, menschlich und durch und durch lebensbejahend…!!!

Auf der Homepage von WAS MIT BÜCHERN! Findet Ihr ein lesenswertes Interview mit Fabian Neidhardt.


erschienen bei Haymon/ ISBN: 978-3709981184

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Chris Campe – Hamburg Alphabet

Hamburg – meine Perle!

Zwar würden die aktuellen Inzidenz-Werte ein Besuch der Hansestadt durchaus in den Rahmen des Möglichen rücken, doch bin ich momentan noch ganz der Euphorie verfallen, die wiedergewonnenen Freiheiten auszukosten und die Möglichkeiten in meinem näheren Umfeld wieder(neu)zuentdecken und zu genießen. Und so reise ich auch weiterhin eher literarisch als real in unsere Lieblingsstadt…!

Das Bild einer Stadt wird durch eine Vielzahl an Faktoren geprägt: Bevölkerung, kulturelle Vielfalt, historischer Kontext…! Doch was fällt jeder/m von uns beinah als erstes auf, würden wir mit dem Zug am Hauptbahnhof eintreffen? Neonreklamen, Fassadenbeschriftungen und Schilder buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Sie werben, weisen den Weg und informieren.

Autorin Chris Campe hat sich ihre Kamera geschnappt und sich auf einen Rundgang durch die Stadtteile der Metropole an der Elbe gemacht. Ihre Fotos offenbaren die plakative Fassadenwerbung in einer enormen Bandbreite an Typografien und Stilen. In ihrem Hamburg-Fotoalbum finden sich zwar durchaus auch die Beschriftungen von touristisch bekannten Orten, wie z. Bsp. Café Gnosa in St. Georg, dem großen Volksfest „Hamburger Dom“ oder den St. Pauli Landungsbrücken. Um einiges spannender fand ich die Bilder von Typografien, deren Herkunft weniger bekannt ist, die beim Betrachten meine Fantasie anregten und mir so beinah ganze (Lebens-)Geschichten erzählten.

Da entfaltet sich der morbide Charme vergangener Epochen, der verblasste Glanz lässt mich eine ehemals bessere Zeit erahnen, und das grelle Licht der großstädtischen Sündenmeile versucht, ihre Kundschaft zum ebenso sündigen Vergnügen zu locken. Es blättert die Farbe von den Buchstaben, Risse zieren das Glas der Leuchtreklamen, und an manchen Wänden ist ein nicht mehr vorhandener Schriftzug nur noch an der Verfärbung des darunterliegenden Untergrunds zu erkennen.

Aber nicht nur aufgrund des gewählten Sujets hat dieses kleine Büchlein ein großes ästhetisches Potential: Die Autorin arrangiert die Typografien sowohl alphabetisch als auch farblich und thematisch. So schafft sie einen optisch ansprechenden Rahmen für diesen Stadtführer der besonderen Art. Dank des Anhangs, indem die Adressen und somit die „Fundorte“ des Hamburg Alphabets notiert sind, könnte ich mich auf die Spuren der Autorin begeben. Doch ich fürchte, dass viele der hier gezeigten Schriftzüge nicht mehr zu finden sind. Läden wechseln ihre Besitzer, ganze Häuser werden verkauft, modernisiert oder gar abgerissen, Stadtteile verändern ihr Gesicht im Namen des Fortschritts. Und so verschwinden auch an den Fassaden einer Stadt die Zeichen der Vergangenheit und somit ein Stück Identität – für immer und ewig…!


erschienen bei Junius/ ISBN: 978-3885064664

[Rezension] John Bude – Mord in Sussex

Ist ein Mord ohne Leiche immer noch ein Mord? Oder ist es nicht vielmehr ein ungeklärter Vermisstenfall? Diese Fragen stellt sich auch Superintendent Meredith als in der Grafschaft Sussex in direkter Nachbarschaft der imposanten Kalksandsteinfelsen der Wagen von John Rother verlassen aufgefunden wird: Die Windschutzscheibe ist zertrümmert, das Armaturenbrett beschädigt, und in unmittelbarer Nähe des Wagens findet sich die blutbefleckte Mütze des Vermissten. Ins Visier der Ermittlungen gerät sehr schnell sein Bruder William Rother, mit dem der Vermisste gemeinsam einen Brennofen für Bau-Kalk betreibt. Der Verdacht erhärtet sich, als in der Asche der Brennöfen menschliche Knochen entdeckt werden. Zudem können Überreste der Kleidung eindeutig dem Vermissten (Toten?) zugeordnet werden. Meredith arbeitet fieberhaft daran, aus der Fülle an Indizien dem Bruder die Tat nachzuweisen. Doch anstatt dass diese Fülle für Klarheit sorgt, tauchen immer mehr Ungereimtheiten auf und sorgen für Verwirrung. Als dann William Rother tot am Fuße des Kalksteinbruchs aufgefunden wird, droht der Fall Meredith gänzlich aus den Händen zu gleiten…!

Die Briten scheinen ein kriminalistisch veranlagtes Völkchen zu sein: Wie sonst lässt sich diese Fülle an talentierten Kriminal-Autor*innen erklären, die dieses Land bisher hervorgebracht hat. John Bude (Pseudonym von Ernest Carpenter Elmore) zählte in der so genannten „Goldenen Zeit“ zu den renommiertesten Schriftstellern und verfasste mehr als 30 Kriminalromane. Umso bedauerlicher ist der Umstand, dass er bei uns beinah gänzlich unbekannt zu sein scheint. So sind die Bemühungen des Klett-Cotta Verlags, diese Krimi-Klassiker wieder auszugraben, umso höher zu bewerten.

John Bude entschied sich bei der Entwicklung seiner Hauptperson gegen die damals vorherrschende Trend: Sein Superintendent Meredith erscheint dabei sehr menschlich. Er ist kein Superhirn mit legendären grauen Zellen oder übersensibelen Sinnen. Meredith verlässt sich auf Logik, gesundem Menschenverstand und den Fähigkeiten des Polizei-Apparats. So steckt er eben auch einige herbe Rückschläge ein und muss darum bei seinem Vorgesetzten (zähneknirschend) zu Kreuze kriechen. Im Gegenzug empfindet er es nicht unter seiner Würde, die Hilfe von Untergebenen, Privatpersonen oder Zeugen in Anspruch zu nehmen, und auch für die Ideen der Jugend (in Person seines kriminalistisch interessierten Sohnes) hat er ein offenes Ohr. Alles in allem ist Budes Schnüffler so herrlich normal – Ja! – beinah durchschnittlich: kein einsamer Wolf, keine Alkoholexzesse, kein Zynismus – doch dafür hat er Humor.

Ebenso „normal“ ist auch der Schreibstil von John Bude: Literarische Eskapaden sucht man vergebens. Vielmehr liefert er einen gut konstruierten Krimi mit einigen überraschenden Wendungen. Auch die Zeichnung des Settings und die Charakterisierung der Personen gelingen ihm sehr unterhaltsam und ansprechend. Der Leser ist dabei nie klüger als der Ermittler: Wenn schon, dann tappen sie gemeinsam im Dunkeln – in bester „Whodunit“-Manier.

Am Schluss bleibt er dann doch der damals gängigen Praxis treu: Er überlässt am Ende seinem rührigen Detektiv die Bühne, um den Fall in all seinen Facetten nochmals Revue passieren zu lassen und so dem Leser die Auflösung effektvoll zu präsentieren. Auch hier: In bester „Whodunit“-Manier…! Aber genau so wünsche ich es mir bei einem der guten, alten Krimi-Klassiker.


erschienen bei Klett-Cotta/ ISBN: 978-3608964745

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Kerstin Campbell – Ruthchen schläft

Was ist „Familie“? Kann mir mal bitte jemand diesen Begriff definieren? Es ist gar nicht so einfach, oder? Eine Familie besteht eben nicht mehr nur aus der klassischen Konstellation „Vater/Mutter/Kind(er)“. Da wird zwischen biologischer Familie und Wahl-Familie unterschieden, denn in der Zwischenzeit gibt es beinah unzählige Familien-Konstellationen: So bunt wie das Leben, so individuell wie die Menschen, so vielfältig sind die Familien-Zusammensetzungen. Auch für mich setzt sich eine Familie nicht unbedingt aus Blutsverwandten zusammen: Nur weil ich mit einem Menschen verwandt bin, bedeutet es nicht, dass dieser Mensch ein Teil meiner Familie ist. Zu meiner Familie gehören Menschen, die an meinem Leben Anteil nehmen, mich fraglos unterstützen und ebenso fraglos von mir unterstützt werden. Es sind Menschen, die mir gut tun, und denen ich hoffentlich ebenso gut tue, meine Familie…!!!

Frau Lemke lebt schon ihr ganzes Leben in dem Mietshaus, das Georg von seinem Opa geerbt hat. Bei ihr hat er seine Geburtstage gefeiert und sich geborgen gefühlt. Frau Lemke ist seine Familie. Doch nun wird Frau Lemke langsam gebrechlich, und alles scheint ihr beschwerlicher zu fallen. Ihr (blöder) Sohn möchte, dass seine Mutter zu ihm nach New York zieht. Nur solange ihre alte Katze Ruthchen noch lebt, darf sie in ihrem Zuhause in Berlin bleiben. Darum muss gut auf Ruthchen aufgepasst werden, damit sie ein möglichst biblisches Alter erreicht. Doch Ruthchen will bei diesem Plan partout nicht mitspielen und stirbt – einfach so…! Doch was wäre, wenn Ruthchen weiterhin auf dem Sofa liegen und schlafen würde? New York ist weit weg: Wie soll Frau Lemkes blöder Sohn dahinterkommen? So macht sich Georg auf den Weg zum Tierpräparator und stößt auf eine TierpräparatorIN: Caro ist so völlig anders als die Frauen, die er bisher kennengelernt hat, und krempelt sein Leben gehörig um. Zudem scheint New York wohl doch nicht so weit weg zu sein, wie er dachte: Plötzlich steht Frau Lemkes blöder Sohn vor der Tür…!

Manchmal brauche ich sie einfach – diese federleichten Geschichte, bei denen ich schon nach wenigen Seiten weiß, dass alles gut ausgehen wird. Dies ist so eine Geschichte! Und dabei möchte ich nicht, dass der Ausdruck „federleicht“ eventuell als ein Synonym von „seicht“ verstanden und somit verwechselt wird. Denn damit würde ich dem Erstlingswerk von Autorin Kerstin Campbell Unrecht tun und ihm nicht gerecht werden.

Campbell ist eine wunderbare Symbiose aus gut gezeichneten Figuren, einer einnehmenden Handlung und detaillierter Milieuzeichnung gelungen. Die Konflikte der Protagonist*innen werden mir glaubhaft vermittelt. Ich fühle mit, aber ich leide nicht. Es zu lesen „tut mir nicht weh“. Der Autorin gelingt das Kunststück, dass ich als Leser mit diesem zusammengewürfelten Haufen Charaktere, aus dem sich langsam eine originell-unkonventionelle Familie formt, Sympathie empfinden kann (Ja, auch mit Frau Lemkes blöden Sohn!).

So fließt die Handlung zügig dahin, da Campbell sich nicht mit erzählerischem Ballast aufhält. Sie beschränkt sich auf das Wesentliche, was der Handlung gut bekommt und somit auf mich frisch – beinah „entschlackt“ – wirkt. Ich erhalte genügend Einblicke in die Motivationen der Protagonist*innen, ohne dass diese in epischer Breite ausgewalzt werden. Vielmehr sorgt sie – trotz der durchaus vorhandenen Dramatik – für eine ausreichende Wohlfühl-Atmosphäre. So entfleuchte mir am Ende meiner Lektüre ein wohliger Seufzer: Alles ist gut, Georg feiert wieder bei Frau Lemke seinen Geburtstag,…

…und Ruthchen liegt wie eh und je auf ihrem Kissen und schläft!


erschienen bei Oktopus (bei Kampa)/ ISBN: 978-3311300052

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!