[Rezension] Anthony Trollope – Weihnachten auf Thompson Hall/ mit Illustrationen von Irmela Schautz

Mrs. Brown ist „verschnupft“: Seit 8 Jahren hat sie – aus Rücksicht auf die Gesundheit ihres Gatten – auf ein Weihnachtsfest auf Thompson Hall im Kreise ihrer Familie verzichtet. Doch in diesem Jahr möchte – Nein! – muss sie unbedingt dort sein, da ihre jüngere Schwester ihren Liebsten der Familie vorstellen und sich verloben möchte. Nun haben sie es schon bis in ein Pariser Hotel geschafft, da kränkelt ihr Mann allzu offensichtlich in der Hoffnung, eine Weiterreise zu unterbinden. Nur ein heilsamer Senfwickel könnte ihn von einer tückischen Bronchitis befreien, meint er. Seine Gattin ist wild entschlossen, das Weihnachtsfest unter allen Umständen in der Heimat bei ihrer Familie zu verbringen. So macht sie sich zur späten Stunde auf den Weg Richtung Speisesaal, um dem dort vorhandenen Senftopf seines Inhalts zu berauben. Doch die Flure in so einem schlafenden Hotel sehen alle recht gleich aus, zumal sie nur unzureichend von einer Kerze beleuchtet werden. Nach einigen Irrungen und Wirrungen befindet sie sich doch tatsächlich auf den Rückweg, in der einen Hand ihre dürftige Lichtquelle, in der anderen Hand eine in ihrem Taschentuch gewickelte Portion Senf. Erleichtert schlüpft sie ins Zimmer, wo ihr Mann schon zu schlafen scheint. Aus Rücksichtnahme macht sie kein Licht, sondern vertraut auf den kläglichen Schein der Kerze in ihrer Hand. Die üppige Portion Senf wird auf der Brust des schlafenden Herrn verteilt und mit dem Taschentuch abgedeckt. Mit Schrecken erkennt sie plötzlich, dass sie sich im falschen Zimmer, am falschen Bett und somit beim falschen Mann befindet. Voller Panik flüchtet sie aus dem Raum in der Hoffnung, dass niemand sie mit dem Geschehenen in Verbindung bringen möge. Dummerweise vergisst sie in der Hektik ihr Taschentuch, das ein auffälliges Monogramm ziert und sie am nächsten Morgen als die Übeltäterin identifiziert. War die Erklärung, die sie ihrem Gatten geben musste, schon unangenehm für sie, so ist ihr das Zusammentreffen mit ihrem „Opfer“ über alle Maßen peinlich. Zumal dieser sie bei der Weiterreise scheinbar verfolgt: In welches Transportmittel sie auch immer steigen, er scheint schon dort zu sein. Was mag das nur bedeuten…?

Anthony Trollope gilt als einer der meistgelesenen Autoren der viktorianischen Epoche und erfreut(e) sich in Großbritannien einer großen Beliebtheit. Die vorliegende Erzählung erschien im Jahre 1876 als Serie in der britischen Illustrierten „The Graphic“ und ist definitiv ein Kind ihrer Zeit bzgl. der Rollenbilder, Standesunterschiede und gesellschaftlichen Gepflogenheiten.

„Weihnachten auf Thompson Hall“ lässt vermuten, dass diese Geschichte eben dort spielt. Doch weit gefehlt: Vielmehr fungiert Thompson Hall als eine Art Sehnsuchtsort für unsere Heldin, der sie veranlasst einige unüberlegte Dinge zu tun, die sie unter anderen Umständen nie und nimmer getan hätte. Dies in Kombination mit der damals vorherrschenden Etikette, was sich für eine Dame schickt, liefert die Erklärung für die unüberlegten Übersprungshandlungen der Protagonistin.

So ist dies zwar durchaus charmant zu lesen, die Lektüre weckte nur leider nicht das erhoffte Weihnachtsgefühl in mir. Das schönste Fest des Jahres spielt hier nur eine unwichtige Nebenrolle: Die eigentliche Geschichte könnte sich auch zu jeder anderen Jahreszeit ereignen. Zudem vermisste ich die vielzitierte Trollope’sche Ironie – oder ich erkannte sie nicht als solche. Die Erzählung kitzelte recht wenig den Vor-Leser in mir hervor. Wobei ich mir eine visuelle Umsetzung als Komödie im Stil eines Oscar Wildes durchaus vorstellen könnte.

Als Insel-Bücherei Nr. 1792 in eben dieser erschienen, erfreut das Büchlein natürlich wieder mein bibliophiles Herz, wozu auch die lose in den Text eingestreuten Illustrationen von Irmela Schautz im nicht unerheblichen Maße beitrugen und es optisch zu einem Schmankerl machen.


erschienen bei Insel-Bücherei/ ISBN: 978-3458194927

[Rezension] Agatha Christie – Das Geheimnis von Sittaford

Auf dem Landsitz Sittaford House haben die Mieterinnen des Anwesens Mrs. Willett und Miss Violet (Mutter und Tochter) ihre wenigen Nachbarn zum Tee geladen. Während außerhalb des Hauses ein ungemütlicher Schneesturm wütet, vertreibt sich die Gesellschaft in dessen Inneren die Zeit mit einer Séance. Alle reagieren überrascht bis bestürzt als bei diesem anfangs als Albernheit verspotteten Tischrücken scheinbar tatsächlich eine Nachricht aus dem Jenseits sie erreicht: Der Tod von Captain Joseph Trevelyan wird angekündigt. Der Captain ist der eigentliche Hausherr von Sittaford House, der das Anwesen über die Wintermonate an die Willetts vermietet und sich somit selbst vorübergehend in einem kleinen Haus in der Ortschaft Exhampton einquartiert hat. Einer der anwesenden Gäste Major Burnaby sorgt sich um seinen Freund Trevelyan und macht sich auf den beschwerlichen Weg nach Exhampton. Dort findet er den Captain in seinem Haus erschlagen vor. Der tüchtige Inspector Narracott nimmt die Ermittlungen auf und findet auch schnell einen Verdächtigen: James Pearson, der Neffe des Opfers, war zur fraglichen Zeit vor Ort und hätte auch durchaus ein Tatmotiv. Zudem verstrickt er sich in Widersprüche. Alles scheint perfekt, würde die Verlobte des Tatverdächtigen sich nicht ständig einmischen und eigene Ermittlungen anstellen: Emily Trefusis ist eine äußerst patente junge Dame, die mit einem bewundernswerten Selbstbewusstsein immer wieder die Wege des Inspectors (durch)kreuzt…!

Wie sehr ich Mrs. Christie verehre, habe ich schon vor beinah genau 2 Jahren bei Die Bücher meines Lebens verlauten lassen, und diese Verehrung ist nach wie vor ungebrochen. Auch in diesem Fall bescherte sie mir ein wohlig-warmes Lese-Vergnügen. Einerseits kann ich mir sicher sein, dass sie ein Garant für vergnügliche Lesestunden ist, da ich einschätzen kann, was mich erwartet. Andererseits schafft sie es trotzdem, mich immer wieder mit einem „Plot-Twist“, einer unerwarteten Wendung in der Handlung, und ihrer interessanten Charakterzeichnung des Handlungspersonals zu überraschen.

Natürlich (!) ist der offensichtlich Verdächtige nicht der Täter – Das wäre ja auch viel zu einfach! – vielmehr heftete ich mich als Leser mit Vergnügen an die Fersen unserer jugendlichen Heldin auf der Suche nach dem wahren Mörder (Aber vielleicht war hier ja auch eine Mörderin am Werk!).

Apropos: Christie war da immer sehr großzügig bei der Verteilung für die Rolle der Übeltäterin/ des Übeltäters und zeigte keine nennenswerte Präferenz zu nur einem Geschlecht. Vielmehr erstaunte sie mich auch diesmal, da sie schon im Jahre 1931 sowohl für die Haupt- wie auch Neben-Charaktere vielfältige Frauen-Porträts entwarf, die autark und selbstbestimmt agieren und weit entfernt vom gängigen Klischee der damaligen Epoche sind.

Diese Frauen nehmen durchaus gerne die Hilfe eines „Ritters in glänzender Rüstung“ in Anspruch, könnten ihr Leben aber auch spielend „ohne“ bewältigen. Sie sind sich ihrer Weiblichkeit durchaus bewusst und setzten diese – natürlich im schicklichen Maße – für ihre Zwecke ein. Dabei vermeidet Christie bei ihrer Charakterisierung auf eine Eindimensionalität – vielmehr sind ihre Heldinnen durchaus ambivalent zu betrachten, da sie positive wie negative Eigenschaften in sich vereinen.

Ähnlich wie bei Lucy Eyelesbarrow in 16 Uhr 50 ab Paddington bedauerte ich auch hier sehr, dass es keinen weiteren literarischen Auftritt von Emily Trefusis gab. Beide Ladies hätten durchaus Potential für ein längeres Leben gehabt…!


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455011845

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Nancy Campbell – Fünfzig Wörter für Schnee

Es gibt Regen, Hitze, Hagel, Stürme, Dürre, Wind und Kälte. Doch kein meteorologisches Phänomen gibt so viel Raum für märchenhafte Mystik und romantische Verklärung wie SCHNEE. Die fallenden Flocken im reinen Weiß lösen bei mir immer wieder ein kindliches Staunen aus. Ich stehe dann gerne in der Natur (oder auch nur am Fenster) und wundere mich, wie die Welt sich plötzlich unter einer jungfräulichen Decke versteckt und völlig verändert, Geräusche nur noch gedämpft wahrnehmbar sind, und die Hast des Alltags plötzlich ausgebremst wird. Doch die verschneite Landschaft birgt auch Geheimnisse. Es ist nicht einschätzbar, was sich alles unter dieser unschuldig weißen Decke verbirgt: Eine Wurzel könnte mich zum Straucheln bringen, oder eine versteckte Eisschicht lässt mich ausrutschen und hart zu Boden stürzen. Doch immer wieder verzeihe ich dem Schnee seine kleinen, launischen Tücken. Sorgt er doch mit seiner bloßen Anwesenheit dafür, dass ich immer wieder aufs Neue einen tiefen Frieden in mir spüre.

Nancy Campbell versucht diesem Phänomen in ihrem Buch auf den Grund zu gehen und kann uns zwangsläufig nur einen „kleinen“ Ausschnitt präsentieren. Doch dieser „kleine“ Ausschnitt lässt uns unseren Blick weiten und verlockt uns, neugierig in die Ferne zu schauen. So schickt sie uns in 50 kurzen Episoden auf Weltreise und erzählt uns so von vielfältigen Mythen und Märchen, die sich um den SCHNEE ranken.

Da lockt in Japan die Yuki-onna (Schneefrau) ihre auserwählten Liebhaber in einen Schneesturm, um sie so für sich zu gewinnen. Im Hebräischen ist eine Geschichte überliefert, in der ein armer Mann so sehnsüchtig dem Studium der Thora lauschen wollte, dass er sich heimlich auf das Dach der Studierhalle legte und selbst der einsetzende Sheleg (Schnee) ihn nicht vertreiben konnte. Auch wenn die Ebene in Russland wie ein einziges vereistes Plateau wirkt, so kann das geübte Auge anhand der Sastrugi (Erhebung im Schnee) den sicheren Weg finden. Auch in Estland ist es im Winter so kalt, dass die Einwohner die Jäätee (Eisstraßen) nutzen, d.h. sie nehmen die direkten Wege über die zugefrorenen Seen und Flüsse. Der Name des Himalayas setzt sich aus einer Verbindung zweier Wörter aus dem Sanskrit – himá (Schnee) und á-laya (Wohnsitz) – zusammen und beschreibt ihn damit ganz wunderbar. Jedes Jahr am 5. August begehen die Spanier das Fest der Virgen de las Nieves (Jungfrau vom Schnee), die der Legende nach an einem heißen Augustabend Schnee auf einen der Berge fallen ließ. Doch nicht nur Naturereignisse, Mystisches und Märchenhaftes hat die Autorin zusammengetragen, auch Skurriles gibt es zu erfahren. Oder habt Ihr etwa gewusst, dass hier in Deutschland Kunstschnee für Hollywood produziert wird?

Auch die Gestaltung wird dem Inhalt des Buches ganz wunderbar gerecht: Die Illustrationen sind in Weiß und in einem Blau-Violett gehalten, das auch für die Schrift zum Einsatz kam. Zudem sind den Kapitell die Abbildungen von Schneeflocken vorangestellt, die vom ersten bekannten Schneeflockenfotografen Wilson Bentley (1865-1931) stammten. Diese – mal verspielte, mal stringente – Formgebung ließ mich ehrfürchtig staunen über die mannigfachen Darstellungsformen, die die Natur uns schenkt.

Und so einzigartig wie sich jede Schneeflocke in ihrer Struktur unter dem Mikroskop zeigte, so vielfältig sind die Worte und Bedeutungen von SCHNEE in den Sprachen, in den Ländern, in den Kulturen dieser unserer gemeinsamen Welt.


erschienen bei Hoffmann und Campe/ ISBN: 978-3455011807

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Gilbert Adair – OH DEAR! MISS MOUNT UND DER MORD IM HERRENHAUS

Weihnachtsstimmung auf ffolkes Manor: Colonel Roger ffolkes (sic!) und seine Gattin Mary haben ihre engsten Freunde zum Feste geladen. So findet sich in dem alten Gemäuer eine illustre Gästeschar zusammen: Neben dem Vikar der Gemeinde Clem Wattis und seiner Gattin Cynthia sind der Hausarzt der Familie Doktor Henry Rolfe nebst Gattin Madge ebenso anwesend wie auch der Sekretär Farrar. Für den nötigen Glamour sorgen die berühmte Bühnen- und Filmschauspielerin Cora Rutherford und die berüchtigte Kriminalautorin Evadne Mount. Alle Anwesende verstehen sich gar prächtig, und es verspricht ein angenehmes Weihnachtsfest zu werden. Doch dann tauchen Selina, die Tochter des Hauses, und ihr Freund Donald Duckworth auf und haben einen äußerst unangenehmen wie ungebetenen Gast im Schlepptau. Raymond Gentry, seines Zeichens Klatsch-Kolumnist bei einem schmierigen Boulevard-Blatt, entpuppt sich als eine widerwärtige Natter, die ihre Zähne mit Genuss ins Fleisch der Gäste rammt und voller Bosheit droht, deren intimsten Geheimnisse zu offenbaren. So hält sich die Anteilnahme der Anwesenden in Grenzen, als er am nächsten Morgen in einer von innen verschlossenen Dachkammer erschossen aufgefunden wird. Selbstverständlich muss ein solch schändlicher Mord (auch wenn alle der Meinung sind, dass das Opfer es verdient hätte) aufgeklärt werden. Aufgrund der misslichen Wetterlage ist mit einer Unterstützung durch die Polizei nicht zu rechnen und so wird sich mit dem pensionierten Chefinspektor Trubshaw vom Scotland Yard, der unweit von ffolkes Manor in der Nachbarschaft wohnt, beholfen. Trubshaw findet nicht nur die Gäste in gereizter Atmosphäre vor, von denen jede*r bei näherer Betrachtung ein Motiv für die Tat hätte, – Nein! – zudem muss er mit dem Übereifer einer Evadne Mount konkurrieren, die sich mit Elan in seine Ermittlungen einmischt. Wer von den beiden wird den Mörder/die Mörderin als Erste*r entlarven…?

Werfen wir doch einmal einen Blick auf die Zutatenliste. Was haben wir denn hier?

  • ein Weihnachtsfest auf einem alten englischen Landsitz: Hatten wir schon!
  • ein Tatort, der von der Außenwelt abgeschnitten ist: Hatten wir schon!
  • ein Mord in einem von innen verschlossenen Raum: Hatten wir schon!
  • eine Vielzahl an Verdächtigen mit ebenso vielen Motiven: Hatten wir schon!
  • ein brummig-kauziger Inspektor: Hatten wir schon!
  • eine skurrile Amateurdetektivin: Hatten wir schon!
  • ein großer Showdown mit überraschender Auflösung: Hatten wir schon!

Gibt es somit einen logischen Grund, warum Ihr diesen Krimi lesen solltet?
Nein, den gibt es nicht, aber lest ihn trotzdem. Warum? Weil es einfach Spaß macht!

Autor Gilbert Adair erfindet das Genre wahrlich nicht neu. Vielmehr spielt er mit den Erwartungen, die die Leserschaft an einen guten, alten, englischen Krimi haben, und erfüllt uns diese. Dabei erlaubt er sich die Freiheit, in manchen Aspekten frecher zu sein als seine literarischen Vorbilder (Hinweis: Der Roman spielt im Jahre 1935 ist allerdings erst 2006 entstanden.). Im Zuge der Aufklärung des Falls müssen die Verdächtigen skandalöse Enthüllungen und pikante Anekdötchen offenbaren, die im Jahre 1935 durchaus Karrieren wie auch das gesellschaftliche Ansehen ruiniert hätten.

Nebenbei zitiert er genüsslich die Großen der Krimi-Zunft, lässt Evadne Mount über ihre schärfste Konkurrentin Agatha Christie wettern oder Cora Rutherford über ihr Treffen mit „Hitch“ (Alfred Hitchcock) berichten, in dessen nächsten Film sie (natürlich!) die Hauptrolle spielen soll. Dies geschieht so selbstverständlich mit einer signifikanten Leichtigkeit, dass diese Details sich absolut logisch und somit glaubwürdig in die Geschichte einfügen.

Zudem sorgt er mit seinen prallen Charakteren für eine Menge Unterhaltung und versteht es in den witzigen Dialogen, das Tempo der Geschichte immer wieder aufs Neue anzuziehen. Wenn ich mitten in der Geschichte plötzlich anfange, laut zu lesen, dann darf dieser Umstand durchaus positiv bewertet werden. Zeugt dies doch von meiner Lust als „alter“ Vor-Leser, den besagten Text zu interpretieren. Darum: Dies ist genau der richtige Krimi, um während der Feiertage im gemütlichen Kreise der Liebsten vorgelesen zu werden. Gibt es etwas Schöneres?


erschienen bei Oktopus (bei Kampa)/ ISBN: 978-3311300182

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Thierry Dedieu – Auf der Suche nach dem Schneemann

Tag für Tag treffen sich das Eichhörnchen, die Eule, der Igel und der Hase mit ihrem Freund dem Schneemann zum Spielen. Denn niemand kennt schönere Spiele, weiß lustigere Rätsel oder kann interessantere Geschichten erzählen als der Schneemann, der schon vieles gesehen und noch mehr erlebt hat. Die Freunde verbringen eine herrliche Zeit gemeinsam, bis eines Tages die ersten Frühlingsboten auftauchen. Die vier tierischen Freunde machen sich Sorgen um ihren eisigen Kumpel, der Tag für Tag schwächer wird, bis er eines Tages ganz verschwunden ist. Doch wo ist er nur geblieben? Er kann doch nicht gänzlich verschwunden sein? Und so folgen die Freunde den Spuren der Schneeschmelze in der Hoffnung, ihren Freund wieder zu treffen…!

Thierry Dedieu – Autor und Illustrator in Personalunion – hat ein niedliches Bilderbuch geschaffen, das die Themen Vergänglichkeit, Hoffnung, Trennung und Abschied kindgerecht anspricht und „nebenbei“ den Kreislauf der Natur auch für die Kleinsten nachvollziehbar erklärt.

Seine Illustrationen versprühen in ihrem Sepia-Look beinah einen Retro-Charme. Seine Figuren sind sehr detailreich-naturalistisch mit einem kleinen Hang ins Phantastische gezeichnet: So wirken die Tiere zwar recht naturgetreu, tragen allerdings auch Pudelmütze oder Sturzhelm. Gerade diese Requisiten im Zusammenspiel mit dem drolligen Habitus der Figuren sorgen für den märchenhaften Zauber der Geschichte.

Mir persönlich wirkten die Bilder beinah zu sehr wie Nahaufnahmen, bei denen die Freunde sehr dominant im Mittelpunkt stehen. Ich hätte mir hin und wieder gerne einen Blick aus der Entfernung gewünscht, um auch mehr von der Atmosphäre ihrer Umgebung wahrnehmen zu können.

Dafür komplementiert der wenige aber unterstützenden Text die Bilder sehr gelungen und trägt zum Verständnis der Handlung bei. Unsere possierlichen Helden werfen sich mit so viel liebenswerten Elan in ihr Abenteuer, dass es mir ganz und gar nicht schwerfiel, sie in mein Herz zu schließen…!


erschienen bei aracari/ ISBN: 978-3907114216

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Georges Simenon – Weihnachten bei den Maigrets

Weihnachten könnte für Monsieur und Madame Maigret so ruhig und entspannend sein – wo doch der berühmteste Kommissar von Paris über die Feiertage frei hat. Doch leider durchkreuzt eine aufdringliche Nachbarin ihnen ihre Pläne und weckt die Neugier des Kommissars mit einer mysteriösen Geschichte. Neben ihr in der Wohnung lebt ein junges Paar mit seiner Pflegetochter, die aufgrund eines Beinbruchs das Bett hüten muss. Und dieses Mädchen berichtet nun, dass sie in der Nacht zuvor Besuch vom Weihnachtsmann erhalten hätte, der ihr eine Puppe schenkte aber auch die Dielen in ihrem Zimmer untersuchte. Auf Drängen der Nachbarin befragt Maigret das Mädchen und ist durchaus bereit, ihr zu glauben. Zumal ihre Pflegemutter sich äußerst verdächtig benimmt, da sie sich dem Kind gegenüber beinah emotionslos verhält und versucht, die Geschichte herunterzuspielen. Maigret hat zwar keine Beweise, doch sein Instinkt rührt sich heftig, und er bittet seine Mitarbeiter um Unterstützung. So mutiert seine Wohnung zum inoffiziellen Hauptquartier einer ebenso inoffiziellen Ermittlung. Madame Maigret hätte sich viel lieber ein friedliches Weihnachtsfest gewünscht, doch Maigrets Instinkt trügt ihn auch diesmal nicht…!

Simenon lesen bedeutet, in Atmosphäre zu baden! Nun mag dieser Satz vielleicht etwas pathetisch erscheinen, doch genau diese Empfindung spüre ich, wenn ich Simenon lese. Selten habe ich einen Autor erlebt, der es schafft, mit wenigen Sätzen so punktgenau ein Milieu zu schildern. Wenige Sätze, manchmal nur Wörter genügen und vor meinem inneren Auge entsteht das entsprechende Setting der Geschichte. Dabei gehören seine Figuren selten der gehobenen Klasse an. Vielmehr skizziert er Menschen, die gestrauchelt und somit vom Leben gezeichnet sind. Manche sind mir als Leser sympathischer, andere sind es eher weniger. Doch allen ist gemein, dass sie Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten sind.

Ebenso wie er mit nur einem Wort das Milieu treffend beschreibt, lässt er zwischen seinen Figuren manches unausgesprochen, um die Verbindung der Figuren zueinander zu porträtieren. An seinem freien Tag könnte Maigret endlich mal ausschlafen: So schleicht sich Madame Maigret leise aus dem Schlafzimmer, um ebenso leise das Frühstück zu richten. Maigret liegt unterdessen wach im Bett und würde lieber aufstehen. Doch seine Frau wäre sehr enttäuscht, wenn er dies täte, da sie sich so sehr wünscht, dass er mal ausschläft.

Diese kleine Szene könnte sich so oder ähnlich zwischen machen langjährigen Eheleuten abspielen: Der großen stürmischen Liebe ist einer innigen Vertrautheit gewichen. Man fühlt sich einander verbunden und hat sich im gemeinsamen Leben angenehm arrangiert. Doch die Träume der Jugend sind ausgeträumt oder zumindest werden sie verdrängt. Nur manchmal brechen sie wieder an die Oberfläche hervor: So fühlte ich als Leser bei den Maigrets die Trauer um die eigene Kinderlosigkeit, die sie – besonders zu Weihnachten und speziell mit dem Wissen um das kranke Kind im Nachbarhaus – zu überrollen schien. Diese ungewohnt intimen Einblicke, die der Autor uns hier gewährt, werden von ihm aber so feinfühlig geschildert, dass ein Gefühl von Voyeurismus gar nicht erst aufkommt.

Vielmehr streute Simenon über diese kleine kriminalistische Weihnachtsgeschichte mit seinem weltberühmten Kommissar nehmst ebenso berühmter Gattin einen Hauch Melancholie, der mir beim Lesen die Augen feucht werden ließ…!


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311130949

[Rezension] Siegfried Lenz – Das Wunder von Striegeldorf. Eine Weihnachtsgeschichte/ mit Illustrationen von Franziska Harvey

„Ich gestehe, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen.“
Siegfried Lenz

Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der deutschsprachigen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. In seinen Werken setzte er sich immer gerne mit gesellschaftskritischen Themen auseinander, hinterfragte hierarchische Strukturen oder thematisierte die Zeit des Nationalsozialismus bzw. seine Aufarbeitung. Dabei blieb er seiner Heimat bzw. seinen Wurzeln stets verbunden. Schon die Erzählungen seines Erstlingswerks „So zärtlich war Suleyken“ siedelte er im ostpreußischen Masuren an, und auch die im Jahre 1957 erschienene Novelle „Das Wunder von Striegeldorf“ zeigt ein verspieltes Bild seiner Heimat.

Der Besenbinder Heinrich Matuschitz und der Forstgehilfe Otto Mulz sitzen für ein halbes Jahr hinter Gittern und müssen sich eine Zelle teilen. Dabei hätte das, wofür sie eingebuchtet wurden, wirklich jedem passieren können: Matuschitz hatte sich zum wiederholten Male ein Motorrad „geborgt“, und Mutz hatte aus Gram, dass sein Weib ihm mit dem Wilddieb abhandengekommen ist, „versehentlich“ den Forst abgefackelt. Nun sitzen sie einträchtig nebeneinander im Kittchen und genießen die berühmten Striegeldorfer Sonnenuntergänge. So schön, so gut – würde nicht Weihnachten nahen: Vieles könnte ein Masure hinnehmen, aber auf einen Heiligen Abend in Freiheit könnte er nicht verzichten. So hecken die beiden Schlitzohren eine List aus, wie sie unbemerkt aus dem Gefängnis entwischen können, um diesen Abend in ihrem Sinne zu begehen. Danach würden sie auch ganz sicher wieder zurückkommen, um ihre restliche Strafe abzusitzen. Gesagt, getan – doch als die beiden Schwerenöter wieder ins Gefängnis hinein möchten, wird ihnen der Zugang verwehrt. Da sie ja nicht offiziell ausgebrochen sind, können sie somit auch nicht wieder einbrechen…!

Lenz lässt die Ereignisse seiner kleinen, charmanten Geschichte von einem namenlosen Ich-Erzähler im Plauderton berichten, der sich als Großneffe von Matuschitz outet. Der persönliche Aspekt bietet so die Möglichkeit, die Geschehnisse in einem wohlwollenden Licht zu beleuchten. Die beiden kriminellen Hallodris werden mit reichlich Sympathie bedacht, die auch auf die Leserschaft abfärbt. Man kann diesen beiden Schlawinern einfach nicht böse sein. Ganz im Gegenteil – vielmehr erhalten sie unsere volle moralische Unterstützung beim Überlisten der Obrigkeit, die dabei ganz und gar nicht vorteilhaft porträtiert wird. Voller urwüchsigem Charme und mit einer üppigen Portion Bauernschläue versehen, lassen sich die Beiden durch den Heiligen Abend treiben und gestalten diesen ganz nach ihrem Gusto. Dabei scheren sie sich nicht um Konventionen, sind in ihrem Spiel niemals böse, sondern vielmehr sehr darauf bedacht, dass niemand Schaden nimmt.

Franziska Harvey fängt in ihren drolligen Illustrationen die Atmosphäre des vergangenen Ostpreußens ganz wunderbar ein. Sie ironisiert wo nötig ohne den märchenhaften Charakter der Geschichte unbeachtet zu lassen. Dabei schafft sie eine solche Einheit zwischen Bild und Text, dass ich mir diese Geschichte ohne ihre Illustrationen nicht mehr vorstellen könnte.

Siegfried Lenz schuf eine ganz und gar herzerwärmende Geschichte, die durch die Kunst der Illustration noch verfeinert wurde…!!!


erschienen bei cadeau (bei Hoffmann und Campe)/ ISBN: 978-3455380835

[Rezension] Nicholas Blake – Das Geheimnis des Schneemanns

Einem Hilferuf gleich mutet die Nachricht von Clarissa Cavendish an, die sie ihrer Cousine Georgia Strangeways schickt, in der Hoffnung so auch das Interesse ihres Gatten dem bekannten Privatermittler Nigel Strangeways zu wecken. Auf dem Anwesen Easterham Manor von Clarissas langjährigen Freunden Charlotte und Hereward Restorick passieren Vorfälle parapsychischer Natur: Während einer Séance gebärdet sich die Hauskatze wie ein tollwütiger Derwisch, als stände sie unter dem negativen Einfluss einer übernatürlichen Macht. Als die Strangeways in Easterham Manor eintreffen, werden sie von einer äußerst ungewöhnlichen Gesellschaft erwartet: Neben dem Hausherren, seiner Gattin und deren beiden Kindern, befinden sich noch seine erwachsenen Geschwister Andrew und Elizabeth sowie der Arzt Dr. Bogan und Elizabeths Freunde Will Dykes und Eunice Ainsley als Gäste auf dem Anwesend. Noch bevor sich Nigel Strangeways eingehend mit dem merkwürdigen Verhalten der Katze beschäftigen kann, wird Elizabeth Restorick erhängt in ihrem Zimmer aufgefunden. Schon bald lassen Indizien den Schluss zu, dass es sich um einen Mord handelt, der als Selbstmord getarnt wurde. Da das Anwesend aufgrund der anhaltenden Schneestürme mehr oder weniger von der Außenwelt abgeschnitten ist, muss sich der Mörder/ die Mörderin noch im Haus befinden. Jede*r der anwesenden Personen erscheint somit verdächtig. Gemeinsam mit Detective Inspector Blount vom Scotland Yard nimmt Nigel die Ermittlung auf und tappt dabei in so manche Sackgasse: logische Schlussfolgerungen können nicht bewiesen werden, mögliche Motive werden entkräftet. Der Fall scheint unlösbar, bis Andrew Restorick und Dr. Bogan eines Nachts verschwinden und wie vom Erdboden verschluckt zu sein scheinen. Erst als Tau-Wetter einsetzt, und der Schnee zu schmelzen beginnt, offenbart der Schneemann im Garten von Easterham Manor sein schauriges Geheimnis…!

Nach Das Geheimnis von Dower House (1936) ist dies nun der zweite Fall des smarten Privat-Schnüfflers Nigel Strangeways, der seinen Weg ins heimische Bücherregal findet. Und auch dieses Mal überzeugt Nicholas Blake mit einer geschickt verzwickten Geschichte, die mit prallen Typen und überzeugenden Dialogen (Hier wusste jemand, wie man gute Dialoge schreibt!) punktet. Zudem zeichnet der Autor einige kraftvolle Frauen-Porträts, allen voran die Gattin unseres Helden, deren Erscheinen alles andere als nur schmückendes Beiwerk darstellt.

Schwächelte der vorangehende Krimi ein wenig an einer aufgeblasenen Schluss-Sequenz, setzt Blake diesmal die Lösung des Rätsels an den Anfang – ohne wichtige Fakten zu verraten – und lässt die Leserschaft über die Handlung des gesamten Romans hinweg dem alles entscheidenden Schluss-Akkord entgegen fiebern.

Dieser Roman ist so sehr mit seiner Entstehungszeit (1941) verhaftet, dass – neben dem Charme der Vergangenheit – Äußerungen bzgl. der damaligen politischen Lage unvermeidbar sind. Die Geschichte spielt zu einer Zeit, als der 2. Weltkrieg tobte, und so hätte das Fehlen von entsprechenden Hinweisen und Kommentaren zwangsläufig etwas sonderbar auf mich gewirkt. Doch dem Autor gelingt es, dieses Zeit-Kolorit wohldosiert einzusetzen. Darüber hinaus erfreut er seine Leserschaft mit für die damalige Zeit überraschend pikant-frivolen Anspielungen: Das „anrüchige“ Wörtchen aus drei Buchstaben fällt nicht nur einmal…!

Ansonsten ist dieser Kriminalroman genau das, was ich von ihm erwartet habe: eine kurzweilige Unterhaltung – nicht mehr, nicht weniger, aber selbst das schafft nicht jeder Krimi!


erschienen bei Klett-Cotta/ ISBN: 978-3608983470

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Hamburg zum Verweilen. Mit Geschichten die Stadt entdecken/ herausgegeben von Antje Flemming & Folke Havekost

Hamburg – meine Perle!

In der Zwischenzeit waren wir schon wieder bei dir, haben eine Vorstellung in einem unserer Lieblingstheater besucht, so ganz nebenbei ein bisschen Großstadt-Luft geschnuppert und dabei hautnah erlebt, wie unterschiedlich je nach Bundesland und Inzidenzwert die Corona-Bestimmungen umgesetzt werden. Doch irgendwie hat uns die Corona-Pandemie Stadt-müde gemacht: Unsere Sinne waren so sehr auf „Lockdown“ heruntergefahren, dass uns der städtische Trubel eher unangenehm war. So wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis wir uns wieder auf den Weg zu einem ausgiebigen Rundgang durch die Stadt begeben.

„Mit Geschichten die Stadt entdecken“ verspricht der Reclam-Verlag mit seiner neuen Reihe an Stadtführern, und so setzt der Verlag dem jeweiligen Ort literarisch sein Denkmal. In gewohnter Stadtführer-Manier befinden sich im vorderen wie hinteren Umschlag die Straßenkarten. Hier entdeckt der interessierte Reisende Hinweise zu Sehenswürdigkeiten mit Angabe der Seitenzahl, wo die dazugehörigen Texte im Buch zu finden sind. Zu jedem der genannten Plätze liefern die Herausgeberinnen eine informative Einleitung, bevor sie die Literat*innen selbst zu Wort kommen lassen.

So spazieren wir mit Kurt Tucholsky über die sündige Reeperbahn, besuchen mit Joachim Ringelnatz die Seemannsmission in Altona und vergnügen uns mit Fanny Müller bei einem Straßenfest im Schanzenviertel. Hubert Fichte berichtet uns von der legendären „Palette“ am Gänsemarkt, mit Karen Duve besteigen wir ein Taxi am Jungfernstieg und treffen uns mit Heinrich Heine auf dem Rathausmarkt. Willi Bredel lädt uns ins St. Pauli Theater ein, und Uwe Timm verrät uns, wo es in der Neustadt die beste Currywurst gab.

Die Elbe können wir sowohl mit Joachim Mischke von der Plaza der Elbphilharmonie wie auch mit Wolfgang Borchert von Blankenese aus bewundern. Franz Kafka verrät uns seine Gedanken zum Tierpark Hagenbeck, Carl von Ossietzky verführt uns zu einer Fahrt auf der Alster, und mit Matthias Nass werfen wir einen Blick ins Wohnhaus von Loki und Helmut Schmidt. Hans Erich Nossack lässt uns an einem außergewöhnlichen Gespräch auf der Lombardbrücke teilhaben, und Ilse Frapan plaudert über die Leute, die die Kirche St. Michaelis besuchen, während in deren unmittelbarer Nähe Simone Buchholz über die Landungsbrücken schlendert.

Die Namen der Autor*innen lassen es erahnen: Die zeitliche Einordnung der Texte umspannt mehrere Jahrhunderte. So kommen wir in den Genuss sehr unterschiedlicher Erzählstile, spannen einen unterhaltsamen Bogen aus der Vergangenheit bis zur Gegenwart und erleben Hamburg aus den Blickwinkeln verschiedener Epochen.

Wer seine Lieblingsstadt gerne auf einem literarischen Rundgang „neu“ für sich entdecken möchte, der ist mit dieser Reihen bestens beraten.


erschienen bei Reclam/ ISBN: 978-3150205648

[Rezension] Hoppla! Neue Geschichten für andere Zeiten/ herausgegeben von Andere Zeiten e.V./ mit Illustrationen von Elsa Klever

Seit etlichen Jahren begleiten mich die Publikationen von Andere Zeiten e.V., eine Initiative zum Kirchenjahr, die in Hamburg beheimatet ist und sich mit der Zeit vom kleinen Geheimtipp zum begehrten Insider gemausert hat.

Meinen ersten Kontakt mit einer Publikation dieser Initiative hatte ich, als ich vom Pastor der diakonischen Einrichtung, bei der ich gearbeitet hatte, über Jahre deren besonderen Adventskalender geschenkt bekam. „Der Andere Advent“ ist ein Adventskalender mit Texten und Bildern zum Weiterdenken: Es wurde ein richtiges Ritual, morgens vor Arbeitsbeginn einen Moment am Schreibtisch inne zu halten, Bild und Text auf mich wirken zu lassen und erst danach ans Tagwerk zu gehen. Nach einem Wechsel des Arbeitgebers schenke ich mir diesen Kalender nun immer selbst.

Doch auch die anderen Veröffentlichungen gefallen mir sehr. Besonders die „Geschichten für andere Zeiten“ sind ganz wundervoll. Nach „Typisch!“ und „Oh!“ erschien nun brandneu mit „Hoppla!“ der dritte Streich dieser Reihe. In diesen entzückenden Büchern im handlichen Format versammeln sich Geschichten und kleine Anekdoten, die vorab im „Magazin zum Kirchenjahr“, im Fastenwegweiser „wandeln“ oder in vergangenen Adventskalendern erschienen sind und hier mit stimmungsvollen Illustrationen versehen als Sammlung neu veröffentlicht werden.

Für „Hoppla!“ konnte die Hamburger Künstlerin Elsa Klever gewonnen werden, die schon Kinderbücher für die Verlage Carlsen, Thienemann und Aladin illustrierte oder Buch-Cover für Dragonfly, Beltz & Gelberg und Coppenrath schuf. Sie gewann 2015 den Österreichischen Kinderbuchpreis und ist in diesem Jahr für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Hier sorgt sie mit ihren sowohl ansprechenden wie auch stimmungsvollen Bildern, dass die Geschichten originell umrahmt werden. Klever verbeugt sich mit ihrer Kunst vor den Zeilen der versammelten Autor*innen: Neben vielen „Unbekannten“ gibt es auch Texte von Anthony de Mello, Frank Hofmann, Susanne Niemeyer, Martin Auer, Elke Heidenreich, Johann Roth, Hans Heß, Lynn Segal, Shiva Ryu, Gisela Rieger, Sigismund von Radecki, Rabbi Nilton Bonder, Luigi Malerba, Rajinder Singh, Kristina Reftel und Shiva Singh.

Da wird ein Zwiegespräch mit dem Teufel gehalten, für das Gehör eines Musikers singt ein Vogel „falsch“, eine Einsiedlerin zähmt ihre inneren Tiere, und Forscher fordern frech Gott heraus. Andere Geschichten erzählen von dem Meister, der seinen Schüler auf die Suche nach Wahrheit schickt, von einem schielenden Huhn in Pisa und von einem kleinen Junge, der seiner Freundin beim Weinen hilft.

Allen Geschichten ist gemein, dass sie mir ein Lächeln ins Gesicht zauberten und nach der Lektüre meine Gedanken auf eine Reise schickten. Sie erzählen von der Suche nach dem großen Glück, der noch größeren Liebe, dem Finden der kleinen Glücksmomente, vom humorvollen Scheitern, von  viel Menschlichkeit und ganz viel Weisheit. Dieses kleine Buch macht die Welt vielleicht nicht besser, aber es sorgt dafür, dass wir uns in ihr eine Zeit lang besser fühlen. Und ich finde, das ist schon sehr viel wert…!

Übrigens: Den Adventskalender für dieses Jahr habe ich mir natürlich schon zuschicken lassen. Denn: Ruckzuck ist sie da, die Adventszeit…! 😉


erschienen bei Andere Zeiten e.V./ Artikel-Nr.: 525