[Rezension] Sasha Filipenko – DER SCHATTEN EINER OFFENEN TÜR

Ich musste zu meiner Überraschung feststellen, dass ich meine Hemmschwelle gegenüber der russischen Literatur immer noch nicht gänzlich überwunden habe. Dabei war ich auf einem so guten Wege: Schon bei DAS ADELSGUT begeisterte mich wie der Autor Iwan Turgenjew die Worte mit Bedacht wählte. Auch die wunderbaren Jahreszeiten-Anthologien mit Erzählungen von Anton Čechov (in der äußerst gelungenen Übersetzung von Peter Urban), die ebenfalls im Diogenes-Verlag erschienen sind, konnten mich für sich einnehmen.

Doch anscheinend sitz der Stachel immer noch recht tief in meinem Fleisch: Ich war ungefähr 20 Jahre alt, als ich mich an ANNA KARENINA von Leo Tolstoi wagte und mich bald kläglich überfordert fühlte. Alles an diesem Roman war mir zu groß, zu mächtig, zu emotional, zu schwülstig und hatte so ganz und gar nichts mit mir und meinem kleinen, unbedeutenden Alltag zu tun. Die Russen mit ihrer Literatur und ich – wir passten wohl nicht zusammen, und diese Haltung sollte sich über Jahre nicht ändern.

Doch nun hatte ich mich doch schon langsam aber stetig angenähert, und trotzdem überlegte ich mit Bedacht, ob ich diesen kriminalistischen Roman (Die Russen und Kriminalromane: Kann das gut gehen?) lesen sollte. Dann trat ich mir selbst – natürlich rein metaphorisch – in den Hintern und bat den Verlag um ein Rezensionsexemplar.

Die gottverlassene Provinzstadt Ostrog wird von einer Suizidserie von Jugendlichen im Waisenhaus erschüttert. Kommissar Alexander Koslow aus Moskau soll die Ermittlungen in die Hand nehmen, doch die örtliche Polizei hat ihre eigenen Theorien. Als Petja, ein Sonderling mit einem Herz für die Natur, verhaftet wird, glaubt Koslow nicht an dessen Schuld. Aber warum geriet Petja damals derart außer sich, als der Bürgermeister von Ostrog den Heimkindern einen Griechenland-Urlaub spendieren wollte?

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Apropos „Hintern“: Ich bekam eben jenen nicht mehr aus dem Lesesessel heraus, nachdem ich mit der Lektüre begonnen hatte. Seite für Seite zog Sasha Filipenko mich immer tiefer in die Handlung hinein. Sein Ermittler Kommissar Alexander Koslow ist ein Sonderling, dem das Leben zwar die eine oder andere schmerzhafte Narben auf der Seele hinterließ, der sich aber bisher nicht hat brechen lassen und weiterhin seine Hoffnung im Herzen trägt. Es ist durchaus eine ambivalente Figur, die sich gerade aufgrund ihre Vielschichtigkeit meiner Sympathie sicher sein konnte.

Filipenko beschreibt die Ödnis einer Kleinstadt im russischen Nirgendwo so genau, dass diese deprimierende Atmosphäre beinah spürbar schien. Gleichgültigkeit prägt den Umgang der Menschen untereinander. Eine Gleichgültigkeit, die auch die ungewollten Kinder des Waisenhauses zu spüren bekommen – Kinder, die niemals eine Kindheit haben durften. Das Leben dieser Kinder ist ein einziger Überlebenskampf, ein Umstand, der sich für sie auch nicht ändern wird, sollten sie das Erwachsenenalter erreichen.

Unser zweiter Held Petja Pawlow ist eines dieser dem Waisenhaus entwachsenen Wesen. Unermüdlich versucht er in dem unwirtlichen Umfeld dieser tristen Kleinstadt seinen Platz zu finden. Er ist ein Phantast, ein Kindskopf, einer, bei dem das Glas stets halbvoll und nie halbleer ist. Er ist jemand, der, selbst nachdem er der brutalen Polizeiwillkür ausgesetzt war, seine positive Haltung zu den Menschen und zum Leben nicht verliert. Petja ist eine tragische Figur und gerade darum so liebenswert.

Zwischen diesen beiden (Anti-)Helden siedelt der Autor die weiteren Figuren der Handlung an, bei denen er überzeugend eine plakative Schwarz-Weiß-Zeichnung vermeidet. Auch die Handlung selbst entwickelt sich nicht stringent in eine einzige Richtung: Filipenko bricht sie auf, legt ihre losen Fäden mal hierhin und mal dorthin, um dann schlussendlich eine Lösung zu präsentieren, die im ersten Moment enttäuschend, doch vom psychologischem Standpunkt nachvollziehbar erscheint. Selbst eine sensationelle, aufsehenerregende Lösung des Falls wird diesem öden Kaff Ostrog nicht gegönnt.

Bei all dieser deprimierenden Trostlosigkeit und der wahrnehmbaren Melancholie, die mich als Leser durchaus hätte niederdrücken können, gelinkt Sasha Filipenko ein wunderbares Kunststück: Er umhüllt Figuren wie Handlung mit einem feinen Netz aus Humor, lässt sie dadurch leicht erscheinen und mildert so die Schwere hin zum Erträglichen.

Wenn ich nun behaupte, es wäre mir eine Freude gewesen, diesen Roman zu lesen, dann meine ich dies im wahrsten Sinn des Wortes: Ja, es war tatsächlich eine Freude!


erschienen bei Diogenes / ISBN: 978-3257071597 / in der Übersetzung von Ruth Altenhofer
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Gaston Leroux – DAS PHANTOM DER OPER/ mit Illustrationen von Michèle Ganser

Lieben wir nicht alle Schauergeschichten: Dieses wohlige Gruseln während die Anspannung stetig steigt. Das Entgegenfiebern bis zum erlösenden Ende. Das Nachspüren der Atmosphäre, wenn uns hinterher unser Gang durch die dunkle und verdächtig stille Wohnung ins Schlafzimmer führt, und wir es uns kaum verkneifen können, einen prüfenden Blick in den Schrank und unter das Bett zu werfen…!

…dabei lässt sich DAS PHANTOM DER OPER gar nicht so leicht einer Kategorie zuordnen: Ist es nun tatsächlich eine Schauergeschichte oder vielmehr ein Kriminalroman oder doch eher ein Tatsachenbericht? Und das, wo wir Deutschen doch diese genetische Disposition haben und alles und jeden – schön geordnet – in eine Schublade stecken möchten.

Doch unabhängig vom Etikett, mit dem wir diesen Roman vielleicht nur allzu gerne schmücken würden, handelt es sich hier auch nach all den Jahren immer noch um eine spannende wie berührende Geschichte, die schon die Kreativität vieler Künstler*innen angeregt hat und nach wie vor die Leser*innen weltweit bestens unterhält.

Seit geraumer Zeit setzt ein dubioses Wesen die Direktion der Pariser Oper unter Druck und Künstler und Bühnenarbeiter in Angst und Schrecken. Er hat ganz klare Vorstellungen, wie „seine“ Oper zu führen sei, und nimmt Einfluss an der künstlerischen Arbeit des Hauses. Sollten seine Anweisungen nicht befolgt werden, geschieht Schreckliches. Zu aller Überraschung protegiert er die junge, unerfahrene Sängerin Christine Daaé, die sich dank seinem Unterricht auf der Bühne als brillante Sängerin profiliert. Doch auch Raoul, Vicomte de Chagny, ein Jugendfreund von Christine, ist von ihr entzückt. Doch die Liebe der beiden jungen Menschen bleibt dem Phantom nicht verborgen, und er setzt skrupellos alles daran, um Christine für ewig an sich zu binden…!

Abermals legt der Reclam-Verlag eine sehr hochwertige Neu-Auflage eines literarischen Klassikers vor: Da wurde auf viele Feinheiten geachtet, sei es bei der verwendeten Papierqualität, dem Druck und der Prägung bis zur sehr geschmackvollen Farbgebung in den Farben Schwarz, Weiß und Rot.

Leider haben mich ausgerechnet die Illustrationen von Michèle Ganser ein wenig enttäuscht, die als Randverzierungen in den laufenden Text eingefügt wurden. Dies wirkt beinah wie klassische Vignetten, doch anstatt Ranken gibt es Bilder von Requisiten und Dekorationsteilen zu bewundern. Diese sind durchaus sehr ansprechend und detailliert gestaltet und nehmen jeweils Bezug zur Handlung. Aber sie sind eher schmückendes Beiwerk und können für mich die ganzseitigen Illustrationen nicht ersetzen. Die einzige Illustration, die über zwei Seiten geht, ist eine Innenansicht des Zuschauersaals der Oper, die recht unspektakulär ausfällt. Unspektakulär deshalb, da eben jene Illustration bereits als Vorsatzblatt diente, bei dem nur ein paar Zuschauer*innen hinzugefügt wurden. Da konnte mich der Reclam-Verlag in der Vergangenheit mit seinen illustrierten Fassungen schon deutlich mehr überzeugt, wie z. Bsp. mit DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY von Oscar Wilde.

Doch der größte Pluspunkt und somit die absolute Kaufempfehlung ist für mich die neue Übersetzung von Rainer Moritz. Ich habe mir (mal wieder) die Mühe gemacht und einige Passagen parallel gelesen, um so die Unterschiede der neuen zur alten Übersetzung von Johannes Piron besser nachvollziehen zu können. Pirons Übersetzung stammte aus den 60er Jahren, weißt den sprachlichen Duktus jener Zeit auf und wirkt aus heutiger Sicht ein wenig schwülstig. Auch glaubte ich bei einigen Beschreibungen einen eher negativen Unterton im Vergleich zur aktuellen Übersetzung wahrzunehmen: Da wird aus „ein Hirngespinst der Dämchen vom Corps de ballet“ (alt) zu „die unscheinbare Erfindung erregter Gehirne unter Ballettmädchen“ (neu). Zudem klingen einige Formulierungen (von „Garderobenfrauen“ zu „Garderobieren“) deutlich eleganter in meinen Ohren. Gerade beim Vorlesen klang die alte Übersetzung oftmals holpriger und kam weniger geschmeidig über meine Lippen: „Ja, es hat leibhaftig existiert, wenn es auch wie ein echtes Phantom auftrat, das heißt als Schemen.“ (alt) im Vergleich zu „Ja, es hat leibhaftig existiert, obwohl es sich in allen den Anschein eines wahren Phantoms gab, also einer Schattengestalt.“ (neu)

Alles in allem scheint die Übersetzung von Rainer Moritz fließender, klarer, beinah nüchterner zu sein und kommt damit dem Stil des Originals recht nah. Gaston Leroux, der ja nicht nur als Schriftsteller tätig war sondern auch als Journalisten arbeitete, hatte diesen Roman als eine Art Tatsachenbericht verfasst, beinah so als würde er die bei Recherchen erhaltenen Informationen zusammenfassen. Dies kam der Erstveröffentlichung als Episoden-Roman in der Zeitung Le Gaulois sehr entgegen. Zumal nicht ganz nachvollziehbar war, was der Phantasie des Autors entsprungen ist, und was auf Tatsachen beruhte. Leroux war so pfiffig, dass er sich von realen Hintergründen inspirieren ließ und die entsprechenden Fakten geschickt in seine Geschichte einbaute.

Erstmals gibt es ein unbekanntes Kapitel zu entdecken, das von Leroux, nachdem die Geschichte erstmals in der Zeitung erschien, gestrichen wurde. Er empfand dieses Kapitel als nicht relevant genug für den Fortgang der Handlung. Tatsächlich ist es nun nicht so, dass mir als Leser ohne dieses Kapitel signifikante Sachverhalte fehlen würden. Trotzdem war es eine Freude, jenes Kapitel zu lesen, da der Autor sowohl Handlung wie Personen in seinem herrlich skurrilem Humor beschreibt und somit sehr zu meiner Erheiterung beitrug.

Abermals überzeugt der Reclam-Verlag mit der geschmackvollen Umsetzung einer beliebten Geschichte – nur als „illustrierte Fassung“ würde ich sie nun nicht unbedingt anpreisen.


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150114926 / in der Übersetzung von Rainer Moritz
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] AGATHA CHRISTIE’S MISS MARPLE. Zwölf neue Kriminalgeschichten

„Sex, Crime & Action“ werden gerne als scheinbar unverzichtbare Zutaten für einen gelungenen Kriminalroman bemüht. Wer würde da vermuten, dass eine Roman-Heldin, die mit der erstgenannten Ingredienz so absolut nicht dienen kann, trotzdem zu einer der beliebtesten Kriminalfiguren der Welt avancierte. Mit einer gehörigen Portion Sex-Appeal kann Miss Jane Marple nun wahrlich nicht für sich einnehmen. Muss sie auch, denn sie hat dafür andere Reize – Äh! – ich meinte natürlich: Qualitäten.

Ab dem Jahre 1927 hatte die ältliche Jungfer aus dem beschaulichen Dörfchen St. Mary Mead ihre ersten Auftritte in einigen Kurzgeschichten, bevor ihre Schöpferin Agatha Christie sie dann 1930 erstmals in dem Roman MORD IM PFARRHAUS umfangreicher kriminalisieren ließ. Insgesamt sollte in 12 Romanen und 20 Kurzgeschichten ihr scharfer Verstand gepaart mit einer gehörigen Portion Menschenkenntnis beim Lösen vielfältiger Mordfälle zum Einsatz kommen.

Doch wäre Agatha Christie der Meinung gewesen, dass weitere Miss Marple-Stories benötig werden, hätte sie diese sicherlich während ihrer langandauernden Karriere verfasst, oder? Hat sie aber nicht!

Ergo: Wozu brauchen wir nun zwölf neue Kriminalgeschichten?
Antwort: „Brauchen“ brauchen wir sie nicht! Aber es macht so viel Spaß, sie zu lesen!

Zumal die hier versammelten Autorinnen mit so viel Liebe und Respekt einen Blick auf die erdachte Figur ihrer großen Kollegin werfen. Allen Geschichten ist gemein, dass sie nah am Original und somit innerhalb des bekannten Rahmens bleiben und sich höchstens nur kleine, charmante „Zugaben“ zum Charakter der Hauptperson erlauben. Somit muss kein eingefleischter Christie-Fan befürchten, dass seiner geliebte Miss Marple „neue“ Eigenschaften angedichtet werden, und sie womöglich nun Motorrad fährt, sich vulgär ausdrückt oder vielleicht sogar hemmungslos über Sex spricht („Shocking!“). Nein, Miss Marple ist und bleibt so, wie wir sie alle kennen und lieben.

Überrascht und mit Freude durfte ich feststellen, dass sich alle Autorinnen anscheinend so intensiv mit der Welt der Miss Marple beschäftigt haben, dass die jeweiligen Geschichten beinah nahtlos an die Originale anknüpfen konnten. Da tauchen die schon bekannten und beliebten Personen abermals auf, aber auch die neu-erdachten Figuren fügen sich ganz wunderbar in Miss Marples Welt ein. Nur der eine oder andere Handlungsort ist ein wenig „exotischer“, als wir es vom Original gewöhnt sind.

Bei DER ZWEITE MORD IM PFARRHAUS knüpft Val McDermid an den ersten Marple-Roman an und lässt auch diesmal die Geschichte aus der Sicht von Rev. Leonard Clement erzählen, dem es äußerst unangenehm ist, dass in seinem Haus ein zweiter Mord verübt wurde. In MISS MARPLE EROBERT MANHATTAN von Alyssa Cole begleitet Miss Marple ihren Neffe Raymond West und dessen Frau Joan nach New York, wo ein Stück von Raymond innerhalb der alternativen Theater-Szene am Broadway zur Aufführung kommen soll, was einige dubiose Gestalten zu verhindern versuchen.

Bei DIE JADEKAISERIN von Jean Kwok befindet sich Miss Marple auf einem Kreuzfahrt-Schiff Richtung Hongkong, wo der überraschende Tod eines Mitreisenden gepaart mit chinesischen Ritualen ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Den an einer Schaffenskrise leidende Schriftsteller Felix Jeffries, der einen unorthodoxen Mord plant, lernt Miss Marple bei einem MORD IN DER VILLA ROSA (von Elly Griffiths) an der wunderschönen Amalfiküste Italiens kennen.

Ein Wiedersehen mit Miss Marples langjähriger Freundin Dolly Bantry gibt es gleich im Doppelpack: In DAS VERSCHWINDEN von Leigh Bardugo sorgen sowohl der Selbstmord eines jungen Mädchens als auch das Verschwinden eines ebenso jungen Mannes für Unruhe in der Gemeinde. MISS MARPLES WEIHNACHTEN von Ruth Ware verspricht ein stimmungsvolles Rätselraten um verschwundene Perlen auf dem Landsitz der Bantrys.

Die weiteren, ebenso kurzweiligen Geschichten stammen aus den Federn von Lucy Foley, Natalie Haynes, Naomi Alderman, Dreda Say Mitchell, Karen M. McManus und Kate Mosse.

Bei solchen Anthologien scheint es beinah unvermeidbar, dass sie Erzählungen unterschiedlicher Qualität in sich vereinen: Da überzeugt dann leider nicht jede Geschichte gleichermaßen. Doch in diesem Fall darf ich den versammelten Autorinnen das große Kompliment machen, dass sie sich alle literarisch auf einem ähnlich hohen Niveau bewegen. Bravo!

Nein, „brauchen“ brauchen wir diese zwölf neuen Kriminalgeschichten sicherlich nicht. Aber das Leben besteht nicht nur aus dem, was der Mensch wirklich lebensnotwendig braucht. Manchmal darf es für mich gerne dieses Quäntchen „mehr“ sein, das das Leben versüßt und mir eine gute Zeit schenkt. Diese Anthologie hat dies definitiv geschafft…!


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455017014 / in der Übersetzung von Alexander Weber
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Saša Stanišić – MÖCHTE DIE WITWE ANGESPROCHEN WERDEN, PLATZIERT SIE AUF DEM GRAB DIE GIESSKANNE MIT DEM AUSGUSS NACH VORN

Irgendetwas Außergewöhnliches muss an diesem Kerl doch dran sein, dass er mit Preisen nur so überschüttet und von Kritiker*innen und Leser*innen (Ein äußerst seltener Fall!) frenetisch bejubelt wird. Selbst ein Denis Scheck vollführt während eines Interviews zu seiner Sendung DRUCKFRISCH vor ihm einen verbalen Kniefall. „Okay“, dachte ich mir „dann reicht mir doch mal sein neustes Werk rüber – mit diesem ellenlangen Titel, der kaum fehlerfrei ausgesprochen werden kann.“ Meine eh schon faltige Stirn legte sich voller Skepsis in zusätzliche Falten: „Will ich doch selbst mal sehen, was an diesem Kerl dran ist. So leicht lasse ich mich nicht überzeugen…!“,…

…und schon mit der ersten Geschichte hatte er mich am Haken.

Was wäre, wenn man nicht diese eine Entscheidung getroffen hätte, sondern jene andere? Was wäre, hätte man der Erwartung getrotzt? Und dann ist da trotzdem die Furcht, feige gewesen zu sein, zu lange gezögert und etwas verpasst zu haben, ein besseres Ich, ein größeres Glück, die lustigeren Haustiere und Partner. Sasa Stanisic führt uns an Orte, an denen das auf einmal möglich ist: den schwierigeren Weg zu gehen, eine unübliche Wahl zu treffen oder die eine gute Lüge auszusprechen. So wie die Reinigungskraft, die beschließt, mit einer Bürste aus Ziegenhaar in der Hand, endlich auch das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. So wie der Justiziar, der bereit ist zu betrügen, um endlich gegen seinen achtjährigen Sohn im Memory zu gewinnen. Und so wie der deutsch-bosnische Schriftsteller, der zum ersten Mal nach Helgoland reist, nur um dort festzustellen, dass er schon einmal auf Helgoland gewesen ist. Am besten wäre ja, man könnte ein Leben probeweise erfahren, bevor man es wirklich lebt.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

12 wunderbare, feine Erzählungen sind in diesem Buch versammelt: Erzählungen, wo durchaus jede für sich stehen kann aber in der Kombination miteinander, in der Gemeinschaft aller Geschichten zueinander eine wundersame Wirkung offenbaren. Staunend nahm ich Anteil an den Leben so unterschiedlicher wie vielschichtiger Persönlichkeiten, bzw. ich durfte sie für wenige Augenblicke, für einige Momente, fragmentarisch in ihrem Leben begleiten.

Schon die erste Geschichte katapultierte mich mitten hinein in Stanišićs Universum, ins „Stanišićum“: Ich machte die Bekanntschaft mit diesen halbstarken Rotznasen (zu denen auch der Autor höchstpersönlich gehörte), die sich nur allzu gerne in ihrem Viertel auf Spielplätzen oder – in diesem Fall – im Weinberg herumtreiben und harmlosen Blödsinn verzapfen. Da kommen sie doch im pubertären Überschwang auf die kuriose Idee, einen Probenraum für das Leben zu entwickeln, in dem man 10 Minuten aus der Zukunft anprobieren könnte. Klingt verrückt, mag man meinen. Doch diese Idee wird mit so viel jugendlichem Elan vorgebracht und besitzt eine solche philosophische Klarheit, dass ich bei mir dachte „Ja, klar, genau so etwas brauchen wir!“.

In der zweiten Geschichte bleibt für eine ausländische Reinigungskraft (zufällig die Mutter einer unserer Protagonisten aus der ersten Geschichte) die Zeit plötzlich stehen und schenkt ihr die einzigartige Gelegenheit, einen unverstellten Blick auf ihr Leben zu werfen, um dieses dann endlich in die eigenen Hände nehmen zu können. In einer anderen Geschichte mutiert die Nordseeinsel Helgoland zum Sehnsuchtsort des Autors, die Erinnerungen nach Begegnungen und Situationen bei ihm heraufbeschwört, die so nie passiert sein können (…oder vielleicht doch?).

Über allen thront herrschaftlich die titelgebende Geschichte dieses Buches, die so warmherzig und lebensbejahend daherkommt und mir während der Lektüre vehement ins Ohr flüsterte „Es ist nie zu spät, eine Veränderung zu wagen! Du musst dich nur trauen!“. Und bevor ich mich versah, schaute ich am Ende des Buches kurz nochmals bei den halbstarken Rotznasen vorbei und stelle mir die Frage „Welche Rolle spielt hierbei eigentlich Heinrich Heine?“.

Im „Stanišićum“ wirkt alles irgendwie real, als könnte es genau so passiert sein. Doch gleichzeitig erscheint jede Geschichte mit einem Hauch Illusion überpudert, der die Grenze zwischen Träumerei und Wirklichkeit verschmelzen lässt. Mit einer unwiderstehlichen Kombination aus Humor und Wehmut lässt der Autor seine Erzählungen aneinander andocken wie Puzzle-Teile, um so Stück für Stück ein Bild in seiner Gesamtheit entstehen zu lassen.

So sehr ich es bedaure, dass der Autor seine ursprüngliche Heimat verlassen musste, so sehr freut es mich, dass uns dadurch ein wundervoller Poet geschenkt wurde.


erschienen bei Luchterhand / ISBN: 978-3630877686
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Saša Stanišić – AVA AUF EINEM BEIN/ mit Illustrationen von Regina Kehn


👧 Heute ist WELTKINDERTAG!👦


Sie sind klein, handlich und erzählen ihre Geschichten auf 24 Seiten zu 10 x 10 cm im Quadrat. Es gibt sie seit 1954, und im Laufe der Jahre haben sie sich zu den beliebtesten deutschsprachigen Vorlesebüchern entwickelt. Teilweise sind sie Kleinausgaben von ursprünglich größeren, die meisten von ihnen wurden aber von vornherein für das kleinere Format geschrieben und illustriert. In der Zwischenzeit haben sich frühere Ausgaben zu begehrten Sammelobjekten gemausert. Ich spreche natürlich von den Pixi-Büchern, die in diesem Jahr ihr 70. Jubiläum feiern.

Doch was macht die Erfolgsgeschichte dieser kleinen Hosentaschen-Bilderbücher aus? Einerseits mit Sicherheit der günstige Preis von -,99 Cent, andererseits die Auswahl der Themen, die oftmals Situationen aus dem Leben von Kindern widerspiegeln und ihnen helfen soll, richtige Entscheidungen zu treffen. Auch waren und sind sich renommierte Autor*innen und Illustrator*innen nie zu schade gewesen, eine Geschichte im Pixi-Format beizusteuern. Waren dies in der Vergangenheit schon namhafte Schreiberlinge wie Cornelia Funke, Fatih Akin oder Peter Härtling, so haben Paul Maar, Marc-Uwe Kling, Axel Scheffler oder auch Saša Stanišić es sich nicht nehmen lassen, Pixi zum 70. Geburtstag zu gratulieren.

Saša Stanišić hat gemeinsam mit Illustratorin Regina Kehn eine ganz zauberhafte kleine Geschichte über Freundschaft geschaffen, bei der auch durchaus ernste, doch sehr hoffnungsvolle Untertöne mitschwingen.

Ava spielt mit ihren drei Freunden Ari, Anouk und Hilei: Ari kann auf einem Bein stehen, Anouk kann auf einem Bein stehen, nur Ava kann nicht auf einem Bein stehen – zumindest nicht lange genug, so dass es zählt. Das wurmt Ava. Sie schnappt sich Hilei und geht mit ihr nach Hause. Hilei ist nämlich in Wirklichkeit ein als Ente getarnter Drache und Avas engste Vertraute. Gemeinsam mit ihr und Papa hat Ava auf der Flucht schon eine Wüste durchquert. Ava und Hilei überlegen, dass es so vieles gibt, das wichtiger ist, als auf einem Bein stehen zu können, z.Bsp. Tomaten schneiden. Und sie kommen zu einer wichtigen Erkenntnis: Nicht jeder muss alles können!

Abermals ist Saša Stanišić eine warmherzige Geschichte gelungen, bei deren Entstehung seine eigene Vergangenheit Einfluss nahm. Dabei wirkt seine Erzählung oberflächlich betrachtet eher unspektakulär. Erst beim wiederholten Lesen brachten einige Zeilen mein Herz zum Schwingen und verströmten ihren poetischen Charme. So bildet der Text von Stanišić den Überbau bzw. das Grundgerüst der Geschichte, während die wunderbaren Illustrationen von Regina Kehn mir den Sub-Text zu den Personen lieferten. Gänzlich unaufgeregt, beinah nebenbei erfuhr ich noch so viel mehr von unserer kleinen Heldin, ihrer Familie und ihren Freunden. So entdeckte ich über dem Bett von Asa ein Foto von ihr und ihrer Mutter. Da schaute Avas Papa erschrocken auf die blutroten Flecke an der Wand, die Ava beim Tomatenschneiden hinterlässt. Und natürlich konnte Ari ganz toll auf einem Bein stehen: Er ist ja schließlich darin trainiert, da er als Flüchtlingskind (wahrscheinlich) aus einem Kriegsgebiet auch nur noch ein Bein hat. Solche und weitere Details boten mir Raum für Interpretationen und überzogen die fiktiven Figuren mit einem realistischen Schimmer.

Ich staune über die Kunst von Saša Stanišić und Regina Kehn, die es schafften, mit wenigen Worten und ein paar Bildern ein ganzes Leben auf nur 24 kleinen Seiten zu zaubern.


erschienen bei Pixi (im Carlsen-Verlag) / ISBN: 978-3551039293 (Pixi-Serie 295 / Nr. 2688)

[Rezension] Brüder Grimm – MEIN GROSSER MÄRCHENSCHATZ. Das Original aus den 70ern


👧 Heute ist WELTKINDERTAG!👦


Ja, auch ich bin ein Kind der 70er: Aufgewachsen mit Heidi und Priel-Blume, eingekleidet mit Pullundern in grellen Farben und Strumpfhosen ohne Füße (Eine Erfindung, die den Begriff „Strumpfhose“ ad absurdum führte und erst ein Jahrzehnt später durch den Begriff „Leggins“ ersetzt wurde.). Musikalisch fuhr ich – Dalli Dalli – mit einem Zug nach nirgendwo, nach Mendocino oder sonst wo hin, und auf die Frage „Was willst du denn mal werden, wenn du groß bist?“ gab ich im Brustton der Überzeugung als Berufswunsch „Ziegenhüter auf der Alm“ an. Wie jedes Jahrzehnt hatten auch die 70er ihre ganz eigene Ästhetik,…

…und diese Ästhetik hatte natürlich ihren Einfluss auf die Bildsprache in Kinderbüchern und war somit auch ein Ausdruck des jeweiligen Zeitgeschmacks. Dieser Umstand kann so prägend sein, dass ein Wiedersehen mit Illustrationen aus dieser Zeit zwangsläufig Erinnerungen heraufbeschwören. Ich habe damals mein Papp-Märchenbuch ständig mit mir herumgeschleppt und bei jeder Gelegenheit – egal, ob zur Tages- oder auch Schlafenszeit – darin geblättert und mir stundenlang die Bilder angeschaut. Mein Exemplar war irgendwann so abgestoßen, dass die Ecken schon ausgefranst waren und der graue Karton hervorlugte.

So war das Blättern in diesem Jubiläumsband von MEIN GROSSER MÄRCHENSCHATZ für mich ein einziges großes Déjà-vu: Über Jahrzehnte nicht an sie gedacht, sprangen nun beim ersten Blick auf die Illustrationen die Schubladen meiner Erinnerungs-Kommode auf und bescherten mir eine Lawine an wohligen Empfindungen. Da waren sie wieder, die zauberhaften Märchengestalten mit den etwas überproportionierten Köpfen, dem ausdrucksvollen Blick und den rosigen Wangen. Da gab es runde Formen und leuchtende, doch nie grelle Farben. Der Wolf war nie zu böse, der Wald nie zu dunkel, und Stiefmütter wie auch böse Feen waren nie zu garstig.

Ebenso gemäßigt präsentieren sich die Märchentexte: Sind die Originaltexte manchmal doch recht brutal, wurden hier die Geschichten dem Verständnis eines eher jüngerem Publikums angepasst und werden so nie allzu gruselig. Wobei die Texte sich ganz famos zum Vor-Lesen eignen: Wenn man sich dann noch nebeneinander gemütlich auf das Sofa kuschelt, besteht für die kleinen Zuhörer die Möglichkeit, sich währen des Vor-Lesens die wunderbaren Illustrationen anzuschauen.


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An der Illustration der vorliegenden 14 Märchen waren drei Künstlerinnen beteiligt: Während Gerti Mauser-Lichtl ihren Beitrag bei „nur“ einem Märchen leistete, und Anny Hoffmann mit zwei Märchen auf sich aufmerksam machen konnte, kreierte Felicitas Kuhn die bunten Welten für üppige elf Märchen und prägte so die Sehgewohnheit einer ganzen Kindergeneration.

Folgende Märchen sind in diesem prächtigen Sammelband enthalten:
Felicitas Kuhn Rotkäppchen / Hänsel und Gretel / Dornröschen / Die Bremer Stadtmusikanten / Der Wolf und die sieben Geißlein / Aschenputtel / Der gestiefelte Kater / Frau Holle / Das tapfere Schneiderlein / Tischlein deck dich / Der kleine Däumling
Anny Hoffmann Der Froschkönig / Rumpelstilzchen
Gerti Mauser-Lichtl Schneewittchen

Glücklicherweise vermeidet der Verlag eine absolut entbehrliche Aktualisierung der Märchen, die ursprünglich in Einzelbänden erschienen sind, und schenkt uns so eine wunderbar nostalgische Neu-Auflage dieses Märchenbuch-Klassikers aus den 70ern. So erhält die heutige Großeltern-Generation die unschätzbare Gelegenheit, sich gemeinsam mit ihren Enkeln in die Bilderwelt der eigenen Kindheit fallen zu lassen.


erschienen bei Esslinger / ISBN: 978-3480238705

[Rezension] Oscar Wilde – DAS GESPENST VON CANTERVILLE (Hörspiel)

Es sollte Oscar Wildes erste veröffentlichte Geschichte werden: Auch 137 Jahre später wird DAS GESPENST VON CANTERVILLE nach wie vor geliebt und gelesen. Zudem animierte sie die Kreativität vieler Künstler*innen, die aus diesem bezaubernden Grusel-Spaß eigene Adaptionen schufen. Natürlich dürfen in diesem illustren Reigen der Versionen die wunderbaren Hörspiele nicht fehlen: Hier entstehen nur dank der Aneinanderreihung vieler Töne die bunten Bilder im imaginären Kopfkino der Zuhörer*innen.

Der amerikanische Gesandte Hiram B. Otis reibt sich begeistert die Hände: Er hat soeben vom amtierenden Lord Canterville das Familienanwesen nebst Hausgeist käuflich erworben. Doch die Warnung des Lords vor eben diesem Gespenst, das seit Hunderten von Jahren im Schloss sein Unwesen treibt und schon so manchen Bewohner in den Wahnsinn getrieben hat, schlägt er leichtfertig in den Wind. Schließlich kommt er aus der neuen Welt und ist sowohl ein modern denkender Mensch als auch waschechter Republikaner. Für übernatürliche Phänomene fehlt ihm schlicht das Verständnis. So zieht Mr. Otis zusammen mit seiner Gattin Lucretia, dem ältesten Sohn Washington, seiner Tochter Virginia und den Zwillingen „The Star and Stripes“ in ihr neues Heim. Der Geist gibt sein Bestes, die neuen Hausbesitzer gebührend zu empfangen, und lässt seine Ketten gar schauerlich nächtens rasseln. Ein Umstand der Mr. Otis veranlasst, ihm eine Flasche Schmieröl auszuhändigen mit der freundlichen aber bestimmten Aufforderung, er möge seine Ketten ölen. Das Gespenst von Canterville ist erschüttert über diese bodenlose Respektlosigkeit und droht mit drastischeren Maßnahmen. Dummerweise hat er nicht mit dem vehementen Widerstand der Familie gerechnet. Nur Virginia hält sich diskret aus dem sich immer weiter zuspitzenden Scharmützel heraus…!


1 CD/ DAS GESPENST VON CANTERVILLE von Oscar Wilde (1993)/ Hörspielbearbeitung & Regie: Lilian Westphal & Gabriele Sachtleben/ Musik: Benedikt Hoenes/ Ton & Technik: Hans Scheck & Susanne Herzig/ mit Peter Fricke, Marion van de Kamp, Robinson Reichel, Dorothee Hartinger, Jakob Haas, Julian Sonner, Horst Sachtleben, Philipp Moog, Irmgard Först, Henning Schlüter, Rufus Beck u.a.


Schritte hallen, Schreie ertönen, Ketten klirren: Doch ein Gefühl des Gruselns – so richtig mit Gänsehaut, angespannten Nerven und sonstigem Zipp und Zapp – wollte sich bei mir nicht einstellen. Und das war auch gut so, denn dafür ist Wildes Geschichte einfach viel zu lustig. So saß ich auch eher lachend vor dem CD-Player und erfreute mich an der gelungenen Hörspiel-Adaption, die trotz obligatorischer Kürzungen den Spirit (in diesem Zusammenhang mochte ich nicht von „Geist“ sprechen) von Oscar Wildes Originalgeschichte ganz wunderbar einfängt.

Zu verdanken ist dies natürlich sowohl der behutsamen Bearbeitung durch Lilian Westphal und Gabriele Sachtleben, die auch für die Regie verantwortlich zeichneten, wie auch der Kunst der Tontechnik durch Hans Scheck und Susanne Herzig. Leider ist Benedikt Hoenes mit seiner Musik nicht kontinuierlich auf diesem hohen Niveau: Da schuf er atmosphärisch stimmige Kompositionen, die sowohl die Szenerie unterstützt wie auch für die Zeit, in der die Geschichte spielt, sehr passend sind. Dann mixte er immer wieder Jingles dazwischen, die an einer TV-Kindersendung erinnern und den Spannungsbogen eher unterbrechen als aufrecht erhalten.

Größtes Pfund dieser Hörspiel-Produktion ist allerdings das talentierte Ensemble, das von dem bekannten TV-Mimen Peter Fricke angeführt wird, der als Mr. Otis einerseits äußerst pragmatisch, andererseits ganz wunderbar nonchalant daherkommt. Seite an Seite steht ihm Marion van de Kamp als resolute Mrs. Otis in nichts nach. Umschwirrt werden sie von talentierten Jung-Sprecher*innen: Robinson Reichel verleiht dem ältesten Sohn Washington eine altkluge Reife, Jakob Haas und Julian Sonner als die Zwillinge begeistern durch eine quirlige Natürlichkeit, und Dorothee Hartinger als Virginia bezaubert durch ihren mädchenhaften Charme.

Horst Sachtleben kann als amtierender Lord Canterville mit aristokratischen Attitüden aufwarten, während sein bemitleidenswerter Vorfahr, eben jenes Titelgebende Gespenst, durch Henning Schlüter mit markanter Stimme überzeugend zwischen „beängstigend“ und „bemitleidend“ hin und her schwankt.

Über 30 Jahre hat diese Ausgrabung aus dem Hörspiel-Archiv des Bayerischen Rundfunks nun schon auf dem Buckel und klingt nach wie vor so herrlich frisch, dass sicherlich auch die nächsten 30 Jahre ihm nichts anhaben werden. Gutes ist und bleibt eben zeitlos!


erschienen bei DAV / ISBN: 978-3742426376

[Rezension] Thomas Gsella – HEREIMSPAZIERT. Neue komische Gedichte

Der legitime Nachfolger von Joachim Ringelnatz, Heinz Erhardt und Konsorten ist wieder da!

Nach ICH ZAHL’S EUCH REIM. Neue politische Gedichte steht er nun abermals hinter dem Bar-Tresen, kreiert lyrische Cocktails zu allerlei menschlichen Absonderlichkeiten und kredenzt seine Martinis nicht nur gereimt sondern auch noch geschüttelt – mit ein wenig Satire anstatt einer Olive.

Diesmal präsentiert sich Thomas Gsella „ganz privat“, politisches wird tunlichst vermieden (Wer’s glaubt!). Da wird hemmungslos in Vers-Form über Lust und Liebe – gerne auch incl. Orgasmus, sowie passenderweise über Schuld und Sühne schwadroniert. Er thematisiert in Versen Fußball und Zölibat (oder: Zölibat im Fußball?). Allgemein scheint im Leben des Thomas Gsella der Fußball eine feste Größe zu sein, dem er gerne in mannigfachen Facetten – von der WM in Katar über Spielerfrauen bis Frauenfußball – seine Aufmerksamkeit schenkt.

Doch auch mit ganz pragmatischen Alltags-Tipps zu Brückentagen, Grabinschriften und Gehaltsverhandlungen kann er aufwarten und kennt sich nur allzu gut mit so mancher Tücke des Objekts aus, sei es bei Partnerbörsen, dem Schlüsseldienst oder der Post.

Natürlich geht´s nicht gänzlich ohne Politik (s.a. „Vermutungen zu Alice Weidel u.a.“), aber auch hier ist Gsella ganz der innovative Aufklärer, der mit überraschenden Denkanstößen Verständnis beim Gegenüber generiert (ACHTUNG: Ironie). Selbst anlässlich des Todes der Queen findet er tröstende Verse für das trauernde Volk und lotst uns sicher durch das Kalenderjahr mit seinen mannigfaltigen Feiertagen und dem Wechsel der Jahreszeiten.

So manches Mal fordert mich seine Kunst heraus – weniger mit der persönlichen Haltung des Dichters, die zwischen den Zeilen stets sehr deutlich erkennbar bleibt: Da finde ich mich durchaus wieder. Vielmehr reimt er manchmal etwas unorthodox, variiert den Rhythmus und weicht vom erwarteten Reim-Schema ab. Doch mit großer Freude stelle ich mich dieser Herausforderung: Rückt er doch nur allzu gerne auch mit seiner Themenauswahl vom Erwarteten ab.

Jedes, wirklich und wahrhaftig jedes Thema scheint ihm würdig, in Lyrik gebettet zu werden – getreu dem Motto „Wenn es sich reimt, tut es gar nicht mehr so weh!“. Doch es kam durchaus nicht selten vor, dass mir das Lachen beim Lesen einer seiner gereimten Ergüsse spontan im Halse hängen blieb. Mit Thomas Gsella verlasse ich als Leser die gefälligen Pfade und begebe mich auf einen holprigen Untergrund, was es umso aufregender macht, ihn Schritt für Schritt zu erkunden.

Böse, ja, böse sind sie auch, seine Verse, herrlich böse – und so wahr!


AN DIE HETZER & SCHWÄTZER

Ihr Rassisten, die ihr jene tretet,
Die das Elend fliehn und den Tyrann,
Habt die Lüge Tag und Nacht trompetet:
Retter zögen Flüchtlingsboote an.

Wissenschaftler haben nun bestätigt:
Nichts an eurer Lüge traf je zu.
Doch aus dem, der Tag und Nacht unflätigt,
Fallen Fladen wie aus einer Kuh.

Wäre nicht so eklig euer Denken,
So verschimmelt euer Wort und faul,
Würdet ihr den Kopf nun schamrot senken
Und verkünden: „Gut, wir halten’s Maul.“

Thomas Gsella


erschienen bei Kunstmann / ISBN: 978-3956146039
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Rainer Moritz – DAS BUCH ZUM BUCH. Ein Blick hinter die Kulissen

Ein Blick hinter die Kulissen???

„Hui!“, dachte ich bei mir. „Wenn er da mal nicht zu viel verspricht?!“ Wer plaudert schon aus dem Nähkästchen, gibt pikante Interna preis und verärgert damit die Branche, die einen großgemacht und weiterhin nährt? Nein, das konnte ich mir bei Rainer Moritz nicht vorstellen. Dann doch eher, dass er mit seinem unvergleichlichen Humor auf so manche Kuriositäten blickt, mit kindlicher Freude so einige Absonderlichkeiten bloßlegt und ironisch-heiter sowohl Praktiken wie Taktiken der Branche hinterfragt.

»Es gibt keinen treueren Freund als ein Buch«, sagte schon Ernest Hemingway. Und wie bei unseren Freunden aus Fleisch und Blut wollen wir natürlich auch die aus Papier immer besser kennenlernen und wissen, welche verschlungenen Wege sie zurückgelegt haben, ehe sie bei uns landen. Was tun Agenturen? Welche Bücher helfen uns, guten Schlaf zu finden? Was macht das Fernsehen mit der Literatur? Warum ist es so schwer, über Sex zu schreiben? Welche Bücher schenken wir uns zu Weihnachten? Was steht im Duden? Sind Eselsohren abzulehnen? Was sind Nackenbeißer? Fragen über Fragen, die dieses Buch beantwortet, kurzweilig, abschweifend und informativ – und dank seiner alphabetischen Gliederung auch noch schnell. Es entführt die Leserinnen und Leser in fast alle Ecken und Winkel des Literaturbetriebs – und profitiert davon, dass der Autor die meisten davon gut kennt.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Von A wie Adventure Writing bis Z wie Zwiebelfisch: Einem Lexikon gleich reihen sich die Schlagworte wie Perlen einer Kette dem Alphabet entlang aneinander. 

Handlung, Charaktere, Spannungsbogen: Fehlanzeige! 
Motto, Widmung, Danksagung: Vergiss es! 
Hier gibt es nur: Fakten! Fakten! Fakten!

Diese werden allerdings so wunderbar leicht im Plauderton dargeboten, dass ich mich – mir nichts, dir nichts – durch dieses Lexikon fräste, so manches Mal herzhaft auflachte, doch auch voller Verwunderung mit den Augen blinzelte. Wie eingangs bereits erwähnt, hat auch die Buchbranche ihre eigenen „Special Effects“, wie sie in jeder Branche zu finden sind. Einige Angehörige besagter Branche nehmen diese extrem ernst und hüten sie wie einen heiligen Gral. Andere blicken eher entspannt auf sie, arrangieren sich oder tolerieren sie humorvoll. Rainer Moritz scheint definitiv zur letzteren Gattung zu gehören. Zum Glück für uns…!

Mit spitzbübischer Freude stichelt er mal hier, schalkhaft schwatzt er mal dort über Buchmessen, Duden und Eselsohren, über Fräuleinwunder, Gendern und Kultbücher, über Literaturkritik, Me-too-Bücher und (schreibende) Politiker, über Romananfänge, Schafkrimis und Verlagsvertreter und über dieses und über jenes und über noch vieles mehr. Dies macht er so charmant-humorvoll, da verzeihe ich ihm auch, dass er sich hin und wieder ein wenig verplaudert und Themen anspricht, die ich nicht primär der Literatur-Branche zuordnen würde.

Apropos Humor: Ja, mit dem Humor ist es ja so eine Sache. Nicht immer bzw. nicht von jeder/jedem wird er erkannt und als solcher wahrgenommen. Schon bei LESEPARADIESE. Eine Liebeserklärung an die Buchhandlung wurde ihm sein lakonischer Ton von einigen Rezensent*innen als Arroganz ausgelegt. Es wäre leider durchaus vorstellbaren, dass dies auch bei DAS BUCH ZUM BUCH der Fall sein könnte. Da tut mir weniger Herr Moritz leid (Der steckt es sicherlich mit Humor weg!), als vielmehr diese bemitleidenswerten Puristen, denen mit ihrem eingeschränkten Blickfeld so viel Schönes entgeht.

Doch muss auch eine grundsätzliche Frage gestellt werden dürfen: Brauche ich als literaturinteressierter Mensch diese vielen Informationen? Antwort: Nein, ich brauche sie nicht! Vielmehr fallen sie für mich unter die Rubrik „Wissen, das die Welt nicht braucht!“. Doch unterhaltsam war die Lektüre dieses Büchleins allemal. 🙃


erschienen bei OKTOPUS (bei Kampa) / ISBN: 978-3311300540

[Rezension] Agatha Christie – EIN SCHRITT INS LEERE

Nach Rezensionen zu Hörspiel und Graphic Novel schien die Zeit reif – wenn nicht gar: überreif – zu sein für einen echten, unverfälschten „Christie“. So gelungen auch die vielfältigen Adaptionen durchaus sein können, das wahrhaftige „Whodunit“-Feeling stellt sich bei mir nur während der Lektüre eines ihrer Original-Werke ein.

Eigentlich sucht Bobby Jones am Fuß der Klippe nur seinen verschlagenen Golfball. Statt diesem findet er einen dort abgestürzten Mann. Der stirbt mit den rätselhaften letzten Worten: „Warum nicht Evans?“ Die Frage lässt Bobby keine Ruhe, und gemeinsam mit seiner lebenslustigen Freundin Frances macht er sich auf die Suche nach ihrer Bedeutung. Spätestens als Bobby mit einem zweifelhaften Angebot außer Landes gelockt werden soll und ein Mordanschlag mit Gift fehlschlägt, ist klar: Es war kein Unfall, und wer immer dahintersteckt, wird sich nicht so leicht zu erkennen geben.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Die mir bereits bekannte und schon oft erlebte Sog-Wirkung hatte wieder eingesetzt: Ab Kapitel 1 war ich verfallen und nutzte jede Gelegenheit, um zu lesen. Wenn sich zudem bei mir der bekannte Effekt einstellt, dass ich am Ende eines Kapitels denke „Ach, eins schaff’ ich noch!“, spricht dies für die Qualität der Geschichte.

Agatha Christie hat im Laufe ihrer jahrzehntelangen Karriere durchaus Werke unterschiedlicher Güte zu Papier gebracht, ohne je ein gewisses Niveau zu unterschreiten. So konnte ihre Leserschaft sicher sein, egal welches Werk gewählt wurde, zumindest einen soliden Krimi, der zu unterhalten weiß, in den Händen zu halten. Doch aus diesem prachtvollen Collier strahlen einige Brillanten besonders hervor und zeugen für das schriftstellerische Können der Autorin: Da wären Titel wie MORD IM ORIENTEXPRESS, VORHANG, 16 UHR 50 AB PADDINGTON, TÖDLICHER IRRTUM sowie UND DANN GAB’S KEINES MEHR zu nennen. EIN SCHRITT INS LEERE darf sich ebenfalls in diese illustre Runde einreihen.

Da werden die beiden jungen Held*innen zwar sympathisch aber nicht frei von Fehlern und Allüren porträtiert. Um sie herum spinnt die Autorin geschickt eine feine Vita, die als plausible Erklärung für deren Verhalten überzeugt. Als vierter und somit jüngster Sohn eines Landpfarrers wohnt Bobby Jones nach seiner Entlassung aus der Navy wieder bei seinem Vater und hat Mühe, sein Leben in eine neue Richtung zu lenken. Noch aus Kindertagen kennt er Lady Frances Derwent, die mit aristokratischer Herablassung und dank Papas großzügigen Zuwendungen sehr unbeschwert und sorgenfrei lebt bzw. sich langweilt. Da bereitet ihr die Wahl des passenden Hutes durchaus schon Kopfschmerzen. Es war mir eine Freude, die kurzweiligen Dialoge der beiden zu folgen: In einer wunderbar leichten und ironisch-humorvollen Art kommunizieren sie miteinander und zeigen dabei die Arroganz der Jugend gegenüber der älteren Generation. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, umso mehr verändert sich die Haltung unseres jugendlichen Duos: Beide durchlaufen einen Reifungsprozess, wodurch die Figuren an Tiefe gewinnen.

Agatha Christie vereint hier abermals die Charakteristika, die ich so sehr an ihren Werken schätze. Wie bereits erwähnt, überzeugt die Autorin in EIN SCHRITT INS LEERE durch geschliffene Dialoge. Diese bettet sie in eine im besten Sinne verwirrende Geschichte ein, deren Plot sich in mannigfaltige Richtungen entwickelt und eine gediegene Schar an prägnanten Protagonist*innen bietet, bei denen nie sicher war, wer Freund und wer Feind ist. So führen so manche Hinweise nicht nur unseren Held und unsere Heldin in die Irre, auch ich selbst tappte im Dunkeln. Doch Christie verstand es abermals, dieses Knäul meisterlich zu entwirren, und präsentierte mir eine Lösung, die keine Fragen unbeantwortet ließ und mich somit wie durch Zauberhand aus dem Nebel der Unwissenheit befreite.

Die „Queen of Crime“ hat sich mit diesem Kriminalroman wieder von ihrer allerbesten Seite gezeigt!


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455011852 / in der Übersetzung von Michael Mundhenk