[Rezension] Dominique Ziegler (nach Agatha Christie) – DIE TOTE IN DER BIBLIOTHEK. Ein Miss-Marple-Krimi/ mit Illustrationen von Olivier Dauger

O je, da habe ich es doch tatsächlich wieder getan. Und das, obwohl ich mir beim letzten Mal so sicher war, dass es nicht noch einmal passieren würde. Ich bin leider dem neusten Streich aus dem Carlsen-Verlag, der unter der Rubrik „Agatha Christie Classics“ veröffentlicht wurde, abermals auf den Leim gegangen. Alles, wo Agatha Christie draufsteht, scheint beinah eine unwiderstehliche Sog-Kraft auf mich auszuüben. Vielleicht ist dies auch meinem unausgesprochenen Wunsch geschuldet, endlich eine Comic-Adaption einer Christie-Geschichte in den Händen zu halten, die beides – korrekte Wiedergabe des Inhalts und ansprechende Illustrationen – für mich zufriedenstellend miteinander verbindet.

Bedauerlicherweise habe ich bis jetzt eine entsprechende Graphic Novel noch nicht gefunden…!

In der Bibliothek des Landhauses des Ehepaares Bantry wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Sie wurde augenscheinlich erwürgt. Dolly Bantry zieht ihre alte Freundin Miss Marple hinzu, da sie befürchtet, dass ihr Mann hinter vorgehaltener Hand immer als Verdächtiger gelten würde, sollte der Mord nicht aufgeklärt werden. Da es keinen Hinweis auf eine Verbindung zwischen der Toten und dem Ehepaar gibt, versucht man anhand von Vermisstenmeldungen den Namen der Toten zu ermitteln. Dem Alter nach kommt nur die Pfadfinderin Pamela Reeves infrage, ihre Beschreibung passt aber nicht zu der der Toten. Dann trifft die Vermisstenmeldung von Ruby Keene ein. Sie wird von ihrer Cousine Josie Turner identifiziert, die – wie auch Ruby – als Tänzerin im nahe gelegenen Majestic Hotel in Danemouth arbeitete. Kurzerhand quartieren sich die beiden Damen im besagten Hotel ein, wo Miss Marple den Täter zur Strecke bringen will – mit viel Gespür und noch mehr Verstand. Doch sowohl die ermittelnden Polizeibeamten wie auch Miss Marple werden mit allerlei verdächtigen Personen konfrontiert. Zum einen sind da die verwitweten Schwiegerkindern des vermögenden Mr. Jefferson, der eine gewisse Zuneigung zu Ruby Keene entwickelt hatte und ihr einen erheblichen Teil seines Vermögens vermachen wollte. Dann gibt es da noch einen sehr nervösen jungen Mann namens Bartlett und den im Filmgeschäft tätigen Basil Blake. Allerdings haben die Schwiegerkinder zur Tatzeit ein Alibi. Bartlett verhält sich zwar verdächtig, hat allerdings kein Motiv, und Blake war mit dem Mädchen kaum bekannt. Doch wenig später wird die Leiche einer weiteren jungen Frau im ausgebrannten Wagen von Bartlett gefunden…


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Die wesentlichen Details der Handlung hat Dominique Ziegler bei seiner Konzeption des Comics durchaus berücksichtigt und gibt diese nachvollziehbar wieder. Zwangsläufig musste er einige Passagen kürzen bzw. das Handlungspersonal entsprechend reduzieren, um dem vorgegebenen Rahmen einer Graphic Novel gerecht zu werden. Leider ließ er einige Personen sehr unsympathisch und schon beinah abstoßend arrogant wirken, wieder anderen legte er so manche hohle Plattitüde in den Mund, die absolut unglaubwürdig und somit unpassend zur Szene wirkte.

Die Zeichnungen von Olivier Dauger sind zwar detailreich, wirken allerdings in ihrer einheitlichen „Ausleuchtung“ ohne jegliche Schattierung sehr steril und ließen darum an Atmosphäre deutlich vermissen. Bei der Physiognomie des Handlungspersonals zeigte er durchaus Abwechslung in der Gestaltung. Ob die jeweilig gewählte Optik nun überzeugt, muss jede*r Betrachter*in der Geschichte selbst für sich entscheiden. Ich hätte mir bei einigen Figuren durchaus mehr Charakter – insbesondere bei Miss Marple – gewünscht.

Ist es so, dass das Genre der Graphic Novel mir nicht zu liegen scheint? Das, was den Stil diese Genres ausmacht, entspricht anscheinend so ganz und gar nicht meinen Erwartungen. Doch bin ich deswegen nun enttäuscht oder frustriert? Ja, durchaus, vielleicht ein wenig! Mein Wunsch, eine gelungene Comic-Adaption eines Christie-Klassikers genießen zu dürfen, ist doch recht groß. Und so werde ich hoffnungsvoll wohl auch die nächste Veröffentlichung HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN, die für Herbst dieses Jahres angekündigt ist, genau unter die Lupe nehmen.

Die Hoffnung stirbt eben zuletzt…!


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551794130 / in der Übersetzung von Thomas Schöner
ebenfalls erschienen als Roman bei Atlantik / ISBN: 978-3455650051 und als Hörbuch bei DER HÖRVERLAG / ISBN: 978-3899407860 

[Rezension] Joachim Mischke – DER KLASSIK-KANON. 44 Komponisten, von denen man gehört haben muss/ mit Illustrationen von Lucia Götz

Vielleicht geht´s euch auch so: „Eigentlich“ (Ich bitte, meine Wortwahl zu beachten!) kenne ich doch schon recht viele klassische Kompositionen. „Die vier Jahreszeiten“ von Vivaldi haben sich zu wahren Evergreens gemausert. Wenn Mozart seinen Helden Tamino in „Die Zauberflöte“ von „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ schwärmen lässt, bin ich nur allzu gerne bereit, mich ebenfalls dem Schwärmen hinzugeben. Natürlich weiß ich auch, wo Tschaikowski die Rohrflöten zum Tanzen bringt. Und bei „Da-da-da-da Da-da-da-da“ denke ich weniger an die Neue Deutsche Welle sondern vielmehr an Beethovens „Sinfonie Nr. 5“.

Doch dann dringt eine vertraute Melodie an mein Ohr, bei der ich weder die Komponistin bzw. den Komponisten benennen kann, noch dass ich sie einem Werk zuordnen könnte. Müsste ich mich nun für dieses Unwissen schämen? Ganz sicher nicht! Meine Devise lautete immer „Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nur wissen, wo es steht!“, und so greife ich beherzt zu einer sachkundigen Lektüre…!

Klassik ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln und zudem ein Thema, bei dem man sich leicht blamiert: Was war noch mal der Unterschied zwischen Haydn und Händel, Schostakowitsch und Schubert? Dabei verbinden sich mit diesen Komponisten und ihren Werken die faszinierendsten Geschichten. Joachim Mischke stellt die 44 Wichtigsten von ihnen vor und erzählt von bunten Pullovern, tödlichen Duellen, wüsten Fehden – und lässt uns dabei erleben, warum man die Welt der Klassik am Liebsten nie wieder verlassen möchte, wenn man sie erst einmal betreten hat.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„Dieses Buch soll ein kurzer, kein erschöpfender Ratgeber sein, eine legale Einstiegsdroge in die Kunstform des Komponierens von Musik. Für Vollständigkeit ist hier kein Platz, dann wäre es bloß ein weiteres Lexikon. Die Lust an der Lücke ist mir wichtiger.“ verrät uns der Autor schon im Vorwort, traf mit diesen Worten bei mir genau ins Schwarze und ließ mich innerlich jubeln. So macht er Mut, sich gänzlich unbefangen mit der klassischen Musik zu beschäftigen. Ressentiments gegenüber dieser oft als Hochkultur betitelten Kunstform sind gänzlich unbegründet: Im Mittelpunkt sollte immer die Freude an der Musik (insbesondere, wenn sie live dargeboten wird) stehen.

Als interessierter Laie brauche ich zum Einstieg ins Thema kein seitenstarkes Lexikon und keine allumfassende Biografie. Im Gegenteil: Kurz, knapp und möglichst unterhaltsam möchte ich etwas über die Komponistin bzw. den Komponisten erfahren. Und genau dies bietet mir Joachim Mischke auf jeweils 4½ Seiten, auf denen er im lässigen Plauderton die Höhen und Tiefen aber auch so manche Anekdote aus dem Künstler*innen-Leben nicht verschweigt. Musik-Tipps bietet er uns am Ende des Lebenslaufs unter den Rubriken „Die Einstiegsdroge“, „Das typischste Stück“ und „Für Fortgeschrittene“ sowie mit ein bis zwei weiteren Punkten, die Hinweise auf Originelles, Ungewöhnliches oder Kurioses im jeweiligen Œuvre geben.

Glücklicherweise vermied Lucia Götz in ihren Illustrationen eine ironische Überhöhung. Vielmehr tilgte sie aus den Porträts den unnötigen Tand, indem sie sie auf die markantesten Merkmale reduzierte. Und doch blieb die Persönlichkeit stets klar zu erkennen – wenn auch mit einem humorvollen Augenzwinkern. Dieses launige Gesamtpaket aus Porträt, Text und Musik-Tipps animierte mich, mich mit der einen oder anderen Komposition weiter zu beschäftigen bzw. sie neu für mich zu entdecken.

Mit „Abgesehen von den Giganten, an denen man wirklich nicht vorbeikommt, ist die Auswahl der Komponisten und Komponistinnen sehr subjektiv und gerade deswegen garantiert ein Anlass, sich aufzuregen, weil diese fehlt oder jener.“ versucht Joachim Mischke bereits im Vorwort potenziellen Unken-Rufern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Nein, aufregen will und mag ich mich nicht, denn dafür gefällt mir dieses Buch zu sehr. Unken muss ich aber leider trotzdem: Es verwundert mich schon sehr, dass Herr Mischke als ein ausgewiesener Klassik-Experte unter den „44 Komponisten, von denen man gehört haben muss“ mit Fanny Hensel und Clara Schumann nur zwei Frauen einen Platz einräumte. Ich unterstelle Herrn Mischke, das er da sicherlich noch einige mehr benennen könnte. Zumal die Frauen nicht weniger oder schlechter komponiert haben als die Männer. Oftmals erschufen sie ihre Meisterinnen-Werke sogar unter deutlich beschwerlicheren Bedingungen. Diesen Umstand empfinde ich bei einem relativ aktuellen Werk (Erstveröffentlichung: 2020) wie diesem als sehr bedauerlich. Nur allzu gerne hätte ich seine launigen Lebensläufe zu weiteren herausragenden Komponistinnen gelesen, die somit meine Neugier geweckt hätten, mehr über sie in Erfahrung zu bringen. Dass es da für mich als amateurhafter Klassik-Fan noch viel zu entdecken gilt, verdeutlicht mir sehr eindrucksvoll diese Liste von Komponistinnen verschiedener Epochen der Musikgeschichte.

Lieber Herr Mischke, lieber Hoffmann und Campe-Verlag! Ich hoffe sehr auf eine Neu-Auflage, bei der die Damen gleichermaßen berücksichtigt werden. Es würde mich sehr freuen!


erschienen bei Hoffmann und Campe / ISBN: 978-3455010039

[Rezension] Janice Hallett – DER TWYFORD-CODE

Da gibt es Brief-Romane, wo wir Leser*innen die Handlung aus der Korrespondenz meistens zweier Personen herauslesen können (wie beispielsweise: DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER von Johann Wolfgang von Goethe/ GUT GEGEN NORDWIND von Daniel Glattauer). Auch sind Romane bekannt, in denen nur ein*e Einzelne*r einen inneren Monolog führt und so die Handlung aus der Sicht eben dieser einzigen Person wiedergeben wird (ULYSSES von James Joyce/ MEDEA von Christa Wolf). Und vor einiger Zeit überraschte Robert Galbraith aka Joanne K. Rowling uns damit, dass er/sie in DAS TIEFSCHWARZE HERZ seitenweise Chat-Verläufe und Auszüge aus Twitter-Accounts eingewoben hatte. Doch ein Roman, der komplett aus Transkriptionen von Audiodateien besteht, ist mir bisher nicht in die Finger geraten.

Als Teenager findet Steven Smith, genannt Smithy, zufällig ein Kinderbuch, geschrieben von Edith Twyford. Seine Lehrerin Miss Trout ist davon überzeugt, dass darin ein geheimer Code verborgen ist. Auf einem anschließenden Klassenausflug verschwindet Miss Trout spurlos. Vierzig Jahre später beschließt Smithy, gerade aus dem Gefängnis entlassen, dem Geheimnis von damals nachzugehen. Wurde Miss Trout ermordet? Hatte sie mit dem Code recht? Und wird er heute noch verwendet? Als Smithy auf der Suche nach Antworten die Menschen und Orte seiner Kindheit aufsucht, wird bald klar, dass Edith Twyford nicht nur eine Autorin vergessener Kindergeschichten war. Der Twyford-Code hat große Macht, und Smithy ist nicht der Einzige, der versucht, ihn zu lösen.

(Inhaltsangabe der Homepage der Presseagentur entnommen!)

Da vermittelt die offizielle Inhaltsangabe des Verlages zwar durchaus einen groben Eindruck der Handlung, doch Rückschlüsse auf die Besonderheit dieses Romans lässt sie nicht zu: Dieser Roman besteht komplett – und wenn ich sage „komplett“, dann meine ich es auch so – aus Abschriften von einer Fülle an Audiodateien. Zum besseren Verständnis bedarf es zudem eine Erklärung, wie und warum diese Audiodateien entstanden sind.

Das Leben hat es mit unserem Helden Steven „Smithy“ Smith nicht gut gemeint: desolates Elternhaus, keine Bezugspersonen, Schwierigkeiten in der Schule, Verwicklungen in illegale Geschäfte. Doch nach seinem letzten Gefängnisaufenthalt soll nun alles anders werden: Ehrlich will er nun leben, zumal ihm das Schicksal gänzlich überraschend einen Sohn in Gestalt des Mathematikprofessors Max Mansfield geschickt hat. Max ist das Ergebnis aus einer früheren Beziehung, und seine Mutter hatte ihm bisher die Identität des Vaters wohlweislich verschwiegen. Und so treffen plötzlich zwei völlig konträre Welten aufeinander: Der angesehene und hochintelligente Professor steht einem Vater mit krimineller Vergangenheit, der kaum lesen und schreiben kann, gegenüber. Die Annäherung gestaltet sich entsprechend schleppend, bis sie von Max gänzlich abgebrochen wird. Und so nutzt Smithy die Aufnahmefunktion eines alten Handys von Max für eine Art Audio-Tagebuch, indem er angeblich seiner Bewährungshelferin Maxine (!) seine Lebensgeschichte erzählt, die sich irgendwie mit dem titelgebenden Code verwoben hat. Doch plötzlich ist Smithy wie vom Erdboden verschwunden. Nur das alte Handy wird gefunden: Die ausgedruckten Transkriptionen der Audiodateien finden ihren Weg zu Max…!

Und genau das ist es, was uns als Roman nun hier vorliegt. Autorin Janice Hallett hat die Handlung sehr raffiniert aufgebaut und mit so vielen Details gespickt, dass meine volle Konzentration gefordert war. Ein Folgen der Geschichte war, solange nur Smithy sprach und somit die Identität des Verfassers eindeutig bestimmt werden konnte, einfach. Allerdings nimmt Smithy auch Gespräche mit anderen Personen auf: Bei diesen Dialogen werden die Sprecher*innen in der Reihenfolge des Auftritts durchnummeriert. Rückschlüsse zur jeweiligen Identität können so nur anhand der Aussagen getätigt werden. Zudem werden Slang-Ausdrücke, Akzente oder auch anstößige Äußerungen verfälscht bzw. zensiert wiedergegeben, was den Lesefluss durchaus hätte erschweren können – aber in keiner Weise tat. Umso überraschter war ich über den stringenten Spannungsbogen, den Hallett gekonnt konstruierte, um sich so die Aufmerksamkeit der Leserschaft zu sichern. Ihre Erzählweise wirkte auf mich äußerst dynamisch und sehr unmittelbar. Beinah schien es so, als würde ich zum Zeitpunkt der Aufnahme neben Smithy stehen.

Für die Kinderbüchern einer Edith Twyford standen eindeutig die Werke von Enid Blyton Pate: Ich musste schmunzeln bei dem Gedanken, dass sich in den gänzlich harmlosen Geschichten einer Enid Blyton ein geheimnisvoller Code verbergen könnte. Doch dieser Kunstgriff war klug gewählt, da Blytons Kinderbücher international sehr bekannt sind und somit viele der Leser*innen – so wie auch ich – diese in ihrer Kindheit regelrecht verschlungen haben. Somit war mir der Charakter der Geschichten durchaus geläufig: Allen voran natürlich die „Fünf Freunde“-Reihe, aber auch die „Geheimnis um…“- bzw. „Rätsel um…“-Reihe sowie die Abenteuer-Serie, die nun gerade eine Wiederbelebung erfährt. Da schon die Originalgeschichten vor geheimnisvollen Phänomenen nur so strotzen, schienen sie für Hallett geradezu prädestiniert zu sein, dass sie die Vorlage für die scheinbaren Verschwörungstheorien innerhalb der fiktiven Twyford-Bücher bildeten.

Vielleicht stellt ihr euch nun die durchaus berechtigte Frage, um welches Genre es sich bei DER TWYFORD-CODE handelt. Wir Deutschen lieben ja das Denken in Schubladen: Da können wir einfach nicht aus unserer Haut. Und so stellte sich auch mir diese Frage, was ich hier nun genau vorliegen hatte. Vater-Sohn-Konflikt? Coming of Age-Story? Kriminalroman? Vergangenheitsbewältigung? Spionage-Thriller? Eine eindeutige Zuordnung war mir leider nicht möglich. Es schien mir schlussendlich auch nicht wichtig genug.

Fakt ist, dass Autorin Janice Hallett mir eine raffiniert gestrickte Geschichte präsentierte, die mich am Ende mit einer unvorhersehbaren Wendung überraschen konnte.

P.S.: Wenn ihr nun erfahren möchtet, was es mit dem Fisch auf dem Cover auf sich hat, bleibt euch leider keine andere Möglichkeit, als den Roman selbst zu lesen. Viel Spaß!


erschienen bei Atrium / ISBN: 978-3855351787 / in der Übersetzung von Stefanie Kremer
Ich danke der presseagentur Politycki & Partner herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Enid Blyton – FÜNF FREUNDE IM ALTEN TURM (Hörspiel)

Kennt ihr das auch? Es gibt Bücher, die man als Kind gelesen hat, die in der Erinnerung einen verklärten Eindruck hinterlassen haben. Obwohl: Es ist weniger ein Eindruck sondern vielmehr ein Gefühl, das man zum besagten Zeitpunkt mit dem Lesen eben jenes Buches verbindet. Allein die Erinnerung daran lässt dieses Gefühl wieder aufleben.

In meinem Fall ist es das Gefühl nach Ruhe und Geborgenheit – beides war in meinem chaotischen Elternhaus eher wenig vorhanden. Dank der Intention meines Großvaters lernte ich, mich dem Chaos zu entziehen, und so wird FÜNF FREUNDE IM ALTEN TURM immer zur Rubrik DIE BÜCHER MEINES LEBENS gehören und somit stets einen Platz in meinem Herzen haben.


1 CD/ FÜNF FREUNDE IM ALTEN TURM von Enid Blyton (1980)/ Hörspielbearbeitung & Regie: Heikedine Körtling/ Musik: Bert Brac/ mit Lutz Mackensy, Oliver Rohrbeck, Oliver Mink, Ute Rohrbeck, Maud Ackermann, Marianne Kehlau, Karl-Walter Diess, Marlen Krause u.a.

In den Weihnachtsferien wollen sich die fünf Freunde in einer tollen Skihütte so richtig erholen und freuen sich auf einen zünftigen Urlaub mit Ski, Rodel und viel, viel Schnee. Doch dann entdecken sie auf dem gegenüberliegenden Berg eine Burg mit einem geheimnisvollen Turm, der von einem scharfen Hund bewacht wird und mit einem elektrischen Zaun gesichert ist. Als die fünf Freunde einen unterirdischen Gang aufspüren, der zu einem verschlossenen Gewölbe führt, sind sie mitten in einem neuen Abenteuer.

(Inhalt dem Cover der CD bzw. der Homepage der Produktionsfirma entnommen.)

Auch das vorliegende Hörspiel drehte sich häufig auf meinem Plattenteller. Ja, ich besaß noch Schallplatten. Für die jüngere Generation: Die Schallplatte war der Vorgänger der Compact Disc, war allerdings größer, hatte dafür in der Mitte ein kleineres Loch und konnte von beiden Seiten abgespielt werden. 😉🙂😄

Dieses Hörspiel lief so oft – gefühlte unendliche Male – auf dem kleinen orange-farbenen Plattenspieler in meinem Kinderzimmer, dass ich die Dialoge mitsprechen konnte. Und auch diesmal ertappte ich mich dabei, wie meine Lippen sich lautlos bewegten. So lauschte ich voller Sentimentalität den ach so bekannten Stimmen von Lutz Mackensy als Erzähler, Oliver Rohrbeck (Julian), Oliver Mink (Dick), Ute Rohrbeck (Anne) und Maud Ackermann (George). Ich erfreute mich an der liebevollen Umsetzung der Geschichte, die dank der versierten Arbeit der Tontechniker auch akustisch trefflich in Szene gesetzt wurde.

Doch auch der verklärte Blick durch die Brille der Nostalgie täuschte mich nicht darüber hinweg, dass Enid Blytons Geschichten mir als Erwachsener eher wenig bieten können. Sie hat sehr genau für „ihre“ Zielgruppe der 8- bis 12-jährigen Kinder geschrieben. Ein „Extra“, eine zweite Ebene oder einen Untertext in der Geschichte, wie z. Bsp. die sanfte Melancholie einer Astrid Lindgren oder die feine Ironie des Erich Kästners, die ihre Werke auch für ältere Generationen so reizvoll machen, suchte ich bei Enid Blyton vergeblich.

Enid Blyton schrieb ganz und gar wahrhaftig „nur“ für die Kinder. Und das ist auch gut so und darf so sein!


erschienen bei Europa (Sony Music)/ ISBN: 978-3866296251

[Rezension] Loriot – LORIOTS KLEINER OPERNFÜHRER

Schallendes Gelächter hallte durch das Haus. Mein Mann öffnete die Tier zu unserem Lesezimmer einen Spalt, spähte herein und fragte „Na, was liest Du denn da, das so witzig ist?“. Ich blickte von meiner Lektüre auf und antwortete lachend „Einen Opernführer!“. Er schaute mich fragend an. Dann hielt ich ihm den Titel des Buches entgegen. Ein Blick genügte, und er schloss verständnisvoll lächelnd wieder die Tür.

Bekanntermaßen war Loriot alias Vicco von Bülow ein großer Freund und Bewunderer der Oper im Allgemeinen und der Werke von Richard Wagner im Besonderen. Doch dieser Umstand ließ ihn weder vor Ehrerbietung zur Salzsäule erstarren, noch fehlten ihm vor Ergriffenheit die Worte. Vielmehr spornte ihn diese Liebe zu humoristischen Höchstleistungen an, getreu dem bekannten und (zugegeben) von mir zurechtgebogenen Motto „Was man liebt, das neckt man!“.

Über viele, viele Jahre war Loriot der Moderator der Berliner Operngala, die nach wie vor jährlich zugunsten der Deutschen AIDS-Stiftung in der Deutschen Oper Berlin stattfindet. Loriots Moderationstexte sollten später als Grundstock für diesen witzigen Opernführer dienen.

Nur noch einige wenige Vorstellungen: Dann ist der letzte Ton gesungen, der Taktstock wird zur Seite gelegt, und der Vorhang fällt zur Sommerpause. Doch für mich ist die Musiktheater-Saison an „meinem“ Stamm-Theater nun bereits beendet. Und so nutze ich diese Rezension auch, um voller Dankbarkeit einen liebevollen Blick auf die vergangene Spielzeit zu werfen. Dank der Original-Texte aus diesem Büchlein erinnerte ich mich abermals an die vielen äußerst unterhaltsam im Theater verbrachten Stunden und kann mir so die nun kommende theaterlose Zeit ein wenig versüßen.


Giacomo Puccini – TOSCA

Ein Aufenthalt in Rom ist nur dann ein Gewinn, wenn man sich bei täglichen Unternehmungen nicht überanstrengt. Die Sängerin Floria Tosca beispielsweise und ihr Bekannter, der Kunstmaler Mario Cavaradossi, verhelfen vormittags in der Kirche Sant’ Andrea della Valle einem gesuchten Staatsfeind zur Flucht, ermorden nachmittags im Palazzo Farnese den Polizeipräsidenten und treffen sich abends auf der Engelsburg zur standrechtlichen Erschießung. Das ist für den Anfang einfach zuviel. Darum endet der Tag auch eher enttäuschend.


Loriot wäre nicht Loriot würde er nicht auch die hehre Kunstform „Oper“ durch die ironisch-schelmische Brille des Humors betrachten. Dabei wirft er einen sehr genauen Blick auf die Sujets, die voller Liebe, Leid, Aufopferung und Entbehrung nur so triefen, und stößt diese vom hohen Sockel der überbordenden Emotionen hinunter auf die Stufe der banalen Normalität. Und plötzlich – nüchtern betrachtet – entwickelt die Tragik eine höchst erfrischende Komik.


Antonín Dvořák – RUSALKA

Die Teichnixe Rusalka – nach Nixenart halb Frau, halb Fisch – empfindet im Hinblick
auf eine ersehnte Liebschaft mit dem ortsansässigen Prinzen, ihren Unterleib als unzweckmäßig. Nach Rücksprache mit einer sachkundigen Hexe und Umwandlung in eine Menschenfrau versucht sie, dem Prinzen Appetit zu machen. Doch diesem, einem Mann mit feiner Zunge, ist nicht nach Fisch, und Rusalka plumpst mit Schwanz in ihren Teich zurück. Von dort bezaubert sie uns – nun gewissermaßen als Verflossene – mit ihrem Lied „Du lieber Mond“. Übrigens wird das Werk in der Originalsprache gesungen, aber soviel tschechisch werden Sie ja wohl noch können.


Dabei outet sich der Autor mit diesen kleinen, höchst pointierten Inhaltsangaben als versierter Kenner der Materie. Denn nur mit einer fundierten Kenntnis der Opern-Literatur hätte er so spitzfindig wie -züngig und gleichzeitig auf das Wesentliche reduziert die Handlung so gekonnt auf den Punkt bringen können. Und doch spürte ich beim Lesen dieses Ulks auch den tiefen Respekt, den Loriot gegenüber dieser „Kunst der Widersprüche“ hegte.


Richard Strauss – DER ROSENKAVALIER

Dieses Werk hat ein ungewöhnliches Verdienst:
es zeigt die Männer als solche von ihrer dämlichsten Seite. Nur der jugendliche
Liebhaber hat unsere Sympathie, und den singt eine Frau!
Sonderbar: Man gewöhnt sich an alles…


Der Kunsthistoriker und Musikschriftsteller Oskar Bie formulierte in seinem 1913 erschienen Werk „Geschichte der Oper“ sieben Widersprüche. „Die Oper ist die Kunst der Widersprüche.“ äußerte er und meinet damit, dass es für uns völlig selbstverständlich ist, dass wir bei der Oper Unlogik oder auch Irrationales akzeptieren und nicht hinterfragen. Im realen Leben würde eben genau dies für Verwirrung und Irritationen sorgen. Die Oper als Kunstform funktioniert entgegen (oder vielleicht auch vielmehr: aufgrund) aller Widersprüche.

Loriot besaß die Dreistigkeit und beraubte die Opernsujets von all diesem Schnickschnack, und so lachen wir nicht nur über die manchmal allzu hanebüchenen Handlungen. Nein, wir lachen auch über uns selbst, da wir uns diesen Bären haben widerstandslos aufbinden lassen. Doch seien wir ehrlich: Auch bei unserem nächsten Opernbesuch wird sich besagter Bär wieder fest auf unseren Buckel schnüren. Und warum lassen wir es zu? Weil es sooo schön ist, die Grenzen der Logik ausblenden zu dürfen und nichts hinterfragen zu müssen!

Beim Schmökern in den 56 Inhaltsangaben, dem Exkurs „Rund um die Oper“ und einem Interview „“Statt eines Nachworts“ stellte ich mir vor, wie einst der Meister des Humors dies alles mit einem wissenden aber auch verständnisvollen Lächeln zu Papier brachte, während aus den Boxen seiner Stereo-Anlage die holden Töne von Wagners „Götterdämmerung“ flossen und die Fensterscheiben zum Klirren brachten. 🙃🙂


erschienen bei Diogenes / ISBN: 978-3257261738 (diogenes deluxe)
ebenfalls erschienen bei Diogenes / ISBN:978-3257064827 (Hardcover) und ISBN: 978-3257235951 (Taschenbuch)

[Rezension] Joanna Kończak – FESTE DER WELT/ mit Illustrationen von Ewa Poklewska-Kozietto

Wer liebt es nicht, zu feiern?! Menschen kommen zusammen, essen und trinken, reden und lachen. Sie fühlen sich in der Gemeinschaft geborgen, und für wenige Stunden scheint die Zeit stillzustehen. Ja, sogar eine Ahnung von Friede ist wahrnehmbar. Doch welche Feste gibt es auf der Welt überhaupt? Da gibt es durchaus mannigfaltige Unterschiede. Doch allen ist das gemein, was ich eingangs schon beschrieben habe: Es geht um das gemeinsame friedvolle Erleben!

Wie feiert man den Frühling in Japan? Wann wird das jüdische Neujahrsfest zelebriert? Und was tragen Menschen zum Karneval in Venedig? In diesem Sammelband begeben wir uns auf eine Reise um die Welt. In informativen Texten begleitet von bunten Illustrationen werden Feste aus allen Jahreszeiten lehrreich vorgestellt, z. B. Chanukka, Halloween, Holi, Nouruz, Ramadan, Thanksgiving. Der viel gereisten Autorin Joanna Kończak gelingt es, 36 Feste kurzweilig zu beschreiben, und durch die kunstvollen Illustrationen von Ewa Poklewska-Kozietto erwachen sie zum Leben.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Wie schon bei DIE SCHÖNSTE ZEIT. Weihnachten in aller Welt legt der NordSüd-Verlag auch diesmal wieder ein traumhaft schönes Bilder- und Lese-Buch vor, das einen wunderbaren Bogen spannt über Länder und Völker, über Religionen und Kulturen. Dabei stehen immer die verbindenden Elemente im Vordergrund. Das Kennenlernen der Unterschiede, die vielleicht auf dem ersten Blick uns trennen könnten, wird in diesem Buch deutlich als Gewinn betrachtet, da diese Andersartigkeit der Menschen das Leben auf unserer Erde so bunt, so spannend, so abwechslungsreich macht.


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Doch warum sollte ich wissen, wie die Menschen anderer Kulturen feiern? Was geht es mich an? Wäre es nicht viel einfacher, wenn die Menschheit sich auf einige wenige Feste einigt, die dann überall und von allen gefeiert werden? Allein bei dem Gedanken treten Schweißperlen auf meine Stirn. Das wäre ja ungefähr so, als müssten wir uns alle identisch kleiden und dürften nur die gleichen Bücher lesen.

Dies wäre eine grauenvolle Vorstellung!

Darum: JA! Wir sollten es wissen. Denn erst ein Wissen schafft Respekt für ein friedvolles Miteinander und macht uns toleranter für andere Sicht- und Lebensweisen. Wie passend dieses Buch mir zur rechten Zeit in die Hände viel, zeigt folgendes Beispiel: Seit etlichen Jahren besuche ich ein und denselben Frisör-Salon und lasse mir dort von Murat meine Haare schneiden und den Bart stutzen. Die Tatsache, dass er Muslime ist und ich Christ bin, hat uns noch nie gestört. In der vergangenen Woche rief ich im Salon an, um bei ihm einen Termin zu vereinbaren, und erhielt die Auskunft, dass er frei hätte, da er das Zuckerfest feiert. Schnellstens griff ich zum Buch und wurde natürlich fündig. Das Fest des Fastenbrechens Eid al-Fidr, auch „Zuckerfest“ genannt, wird am Ende der Fastenzeit begangen. Die Fastenzeit soll daran erinnern, dass es auch viele Bedürftige auf der Welt gibt, die Unterstützung benötigen. Gerne wird auch an soziale Organisationen gespendet. Beim „Zuckerfest“ darf dann wieder geschlemmt werden: Die Menschen treffen sich mit Familie und Freunden und machen einander kleine Geschenke. Wie wunderbar, oder?

Ich bin nun ganz und gar nicht der Meinung, dass auch ich mir dieses Fest aneignen und zukünftig selbst feiern müsste. Ich habe meine eigenen traditionellen Feste, die auf meiner Kultur begründet sind. Doch ich würde mich durchaus freuen, wenn mich jemand mal zum „Zuckerfest“ einladen würde.

Die Texte von Joanna Kończak sind informativ, doch ebenso locker und leicht, positiv und absolut wertschätzend. Beim Lesen flog ich so mühelos über die Seiten, dass ich nahtlos von einem außergewöhnlichen Fest zum nächsten, ebenso außergewöhnlichen Fest wanderte. Ewa Poklewska-Kozietto hat abermals ganz prächtige Illustrationen geschaffen, die in ihrer Farbigkeit die Vielfalt feiert und eine immense Lebensfreude ausstrahlen. Gemeinsam haben sie ein so entzückendes Buch kreiert, das vielleicht nur einen kleinen aber dafür absolut herzerwärmenden Beitrag zur Völkerverständigung leistet. Denn…

…die Menschen sollten viel mehr miteinander feiern
als gegeneinander kämpfen!
💞


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314106873 / in der Übersetzung von Lisa Palmes
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Danièle Linhart – BURNOUT. Arbeiten, bis man den Verstand verliert/ mit Illustrationen von Zoé Thouron

Vor 12 Jahren traf es auch mich: Nicht aus heiterem Himmel, nicht unvorbereitet, nicht ohne Vorwarnung, denn die Anzeichen waren schon Wochen, sogar Monate vorher für jede*n in meinem näheren Umfeld wahrnehmbar. Nur nicht für mich, bzw. ich wollte sie nicht sehen! Dabei waren die Zeichen mehr als eindeutig: Ich fühlte mich ständig müde und antriebsarm. Freude verspürte ich nur noch sehr selten. Dafür nisteten sich Knochen- und Gliederschmerzen bei mir ein und teilten sich meinen Körper mit unspezifischen Grippe-Symptomen. Schlafstörungen gepaart mit Rücken- und Nacken-Verspannungen sorgten dafür, dass die Migräne häufig bei mir zu Gast war. Die Signale, dass mit mir und meinem Leben etwas nicht stimmte, hätten nicht deutlicher ausfallen können. Doch ich funktionierte!

Ich war erst bereit, eine Entscheidung zu treffen, als mein Körper und meine Seele drohten, gänzlich zu streiken. Es war an einem Wochenende im März: Wie ein weidwundes Tier streifte ich unruhig durch die Wohnung, weinend und wimmernd, bis die Entscheidung feststand „Du brauchst Ruhe – sofort und reichlich!“. Trotzdem schleppte ich mich die nächsten beiden Tage zu meinem Arbeitsplatz. Einerseits gab es an beiden Tagen noch Termine, die wichtig für die mir anvertrauten Menschen waren. Andererseits wollte ich nochmals in mich hineinspüren, ob mein Gefühl mich nicht trüge. Meine Selbstwahrnehmung war so sehr durcheinander geraten, dass ich mir und meinen Empfindungen nicht mehr traute. Am Dienstagabend saß ich im Sprechzimmer meines damaligen Hausarztes, brach zusammen und bat inständig um eine AU. Am Mittwochmorgen war ich außerstande, das Bett zu verlassen. Doch der Heilungsprozess konnte nun endlich beginnen…!

Warum haben sich Burnout, Depressionen und sogar Selbstmorde am Arbeitsplatz in allen westlichen Gesellschaften so ausgebreitet, obwohl es heißt, dass die Arbeit in den letzten Jahrhunderten so viel weniger anstrengend geworden ist? Danièle Linhart beschreibt, auch auf humorvolle Art und Weise, was die perversen Auswirkungen der heutigen Managementmethoden sind, die die Arbeitnehmer*innen zunehmend prekarisieren und sie manchmal sogar an ihrem eigenen Wert und ihren Rechten zweifeln lassen.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Ich glaube, selten klaffte bei mir die Schere aus Erwartung und Realität so weit auseinander, wie bei diesem Werk aus der Comic-Bibliothek des Wissens des Verlagshauses Jacoby & Stuart. Die Comic-Bibliothek des Wissens beschäftigt sich mit zeittypische Themen, die in dieser modernen Form der Wissensvermittlung dem nach Aufklärung Suchenden näher gebracht werden – eine großartige Idee, um auch sperrige Themen ansprechend und überschaubar zu präsentieren.

Doch warum wurde meine Erwartung enttäuscht, schließlich wurde mir genau das geboten, was der Werbetext versprach? Im Grunde belausche ich als Leser eine Unterhaltung zwischen Großvater und Tochter, die sich über die Arbeitsbedingungen der Vergangenheit im Vergleich zur Gegenwart (und der daraus resultierenden Belastungen) austauschen. In diese Unterhaltung schaltet sich der erwachsene Sohn der Tochter per Telefon ein, und später taucht eine Freundin des Großvaters auf. Beide – Sohn wie Freundin – zeigen deutliche Anzeichen eines Burnouts. Das war’s! Mehr passiert nicht!

Die Fakten bringt die Autorin auf den Punkt und schafft es, ein komplexes Thema, komprimiert und somit verständlich darzustellen. Doch mir fehlte die Leichtigkeit in der Umsetzung: Hätte ich damals während des Burnouts dieses Buch in die Hand bekommen, es hätte mich womöglich noch zusätzlich deprimiert. Der im besagten Werbetext versprochene Humor war leider für mich nicht wahrnehmbar. Vielmehr registrierte ich eher einen pessimistischen Grundton, der einem vom Burnout Betroffenen zusätzlich depressiv verstimmen könnte. Zudem gefiel mir die plakative Schwarz-Weiß-Einteilung nicht, in der der Arbeitgeber der Feind und der Arbeitnehmer das Opfer darstellt. Das Zustandekommen von Burnout lässt sich leider nicht damit begründen, dass nur ein Partner der Schuldige ist. Dazwischen gibt es eine Vielzahl an Grau-Abstufungen, und – Ja! – manchmal schimmert es trotz allem auch ein wenig bunt durch die angekratzte Oberfläche der geschundenen Seele.

Apropos bunt: Die Illustrationen sind zwar durchaus gefällig und zeigen eine eigenständige Handschrift bei den Charakteren. Doch hätte ich mir mehr Kreativität gewünscht, die das manchmal sehr starr wirkende Korsett eines Gesprächs aufbricht.

Wer sich für die arbeitsgeschichtlichen Hintergründe zu Burnout interessiert, ist mit dieser Ausgabe aus der Comic-Bibliothek des Wissens bestens beraten. Doch ich stellte mir die Frage „Ist es wirklich das, was ich über Burnout wissen möchte?“. Als betroffener Mensch wäre es mir egal, zu wissen, woher Burnout kommt. Ich möchte nur, dass es wieder geht!


erschienen bei Jacoby & Stuart / ISBN: 978-3964282217 / in der Übersetzung von Edmund Jacoby
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Nicholas Blake – MORD AUF DER KREUZFAHRT

Wie schon bei DAS GEHEIMNIS DER SILVESTERNACHT angekündigt, geht das Roulett bzgl. der Chronologie der Nigel Strangeways-Krimis fröhlich weiter. Waren wir beim eben erwähnten Krimi schon im Jahr 1964 angekommen, hüpfen wir mit der aktuellen Wiederveröffentlichung aus dem Klett-Cotta Verlag wieder um einige Jahre zurück. Sollte/könnte/müsste ich mich über diese nicht nachvollziehbare Veröffentlichungspraxis des Verlages aufregen? Ach, nö!

Vielmehr freue ich mich über jeden klassischen Kriminalroman, der mit einer Wiederveröffentlichung die Chance erhält, eine neue Generation von Leser*innen zu begeistern. Zumal es mir bisher immer Vergnügen bereitete, Nigel Strangeways auf seinen Missionen zu begleiten.

„Haben Sie jemals versucht, eine erwachsene Frau über die Reling eines Schiffes zu werfen?“ Die renommierte Bildhauerin Clare Massinger hat eine kreative Flaute. Um sie zu inspirieren, bucht ihr Partner, der Meisterdetektiv Nigel Strangeways, eine Kreuzfahrt in der Ägäis. Mit seinen griechischen Tempeln und Sandstränden soll dieser malerische Trip der perfekte Kurzurlaub werden. Doch schon, als sie auf die anderen Passagiere treffen, ahnen Nigel und Clare, dass diese Kreuzfahrt böse Überraschungen bereithalten wird. An Bord der Menelaos, einem Kreuzfahrtschiff in der Ägäis, scheint es, als wüsste jeder über die Angelegenheiten der anderen Bescheid: Eine Lehrerin, die sich von einem Nervenzusammenbruch erholt, wird von einer ehemaligen Schülerin zur Rede gestellt. Ein Intellektueller wird von eben dieser Lehrerin in Verlegenheit gebracht. Eine Verführerin bringt die männlichen Gäste ein ums andere Mal in Verlegenheit. Und zu allem Überfluss überwachen zwei Wichtigtuer jeden Passagier des Schiffes auf Schritt und Tritt. Als sich die Leben der Urlauber immer mehr verflechten, scheint Gefahr in der Luft zu liegen. Und dann geschieht tatsächlich ein Mord – und dann noch einer. Plötzlich ist jeder verdächtig. Nigels Urlaub währt also nicht allzu lange, und er muss die Wahrheit aufdecken, bevor ein weiterer Passagier aus dem Leben gerissen wird.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Auch diesmal kredenzte uns Nicholas Blake einen flotten, flüssig zu lesenden Kriminalroman, der in bester „Whodunit“-Manier eine üppige Zahl an Verdächtigen innerhalb einer wendungsvollen Handlung präsentierte. Er griff dabei zu einem oft erprobten und allzeit beliebten Kniff seiner Zunft und ließ sein Handlungspersonal innerhalb eines in sich abgeschlossenen Schauplatzes (Schiff bzw. Insel) agieren. Wobei Blake eine stimmungsvolle wie ansprechende Atmosphäre kreierte, die wie eine Symbiose aus „Das Traumschiff“ und „Tod auf dem Nil“ wirkte: Unterhaltung gepaart mit Spannung.

Am Ende überrumpelte er mich doch tatsächlich mit einer Wendung, die ich durchaus hätte erahnen können, die mich allerdings so unvorbereitet dann doch überraschte.

Doch bis das verdiente Happy End eingeläutet werden konnte, hatte unser Held eine äußerst harte Nuss zu knacken: So musste er diesmal gleich zwei Morde aufklären. Oder waren es vielleicht doch nur ein Mord und ein Selbstmord, ein Unfall und ein Selbstmord oder doch ein Mord und ein Unfall…? Ja, da rauchte unserem Meisterdetektiv so manches Mal der Schädel. Zumal die Aussagen der Zeug*innen nicht immer glaubhaft, und die verdächtigen Personen nur allzu sehr darauf bedacht waren, ihre schmutzigen Geheimnisse für sich zu behalten. Doch auch mir rauchte der Kopf beim Mit-Rätseln. So flog ich nur so über die Seiten, begierig zu erfahren, wer der/die Täter*in ist, und wie er/sie „es“ gemacht hat.

Warum der Autor trotzdem der Meinung war, er müsste die Aufmerksamkeit der Leserschaft mit unheilschwangeren Vorahnungen wie „Hätte er da schon gewusst, dass…!“ oder „Sie konnte ja nicht absehen, was später…!“ ködern, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Zumal dieser fragliche „Kunstgriff“ mir absolut überflüssig und somit entbehrlich erschien. Doch dies ist in der Gesamtheit des positiven Eindrucks nur eine Kleinigkeit und somit eher zu vernachlässigen.

So hoffe ich sehr auf weitere Krimi-Wiederentdeckungen aus dem Klett-Cotta Verlag: Zumal unser gewitzter Privatdetektiv Nigel Strangeways noch von zwölf weiteren spannenden Kriminalfällen berichten könnte…!


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608986969 / in der Übersetzung von Michael von Killisch-Horn
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Kathrin Aehnlich – DER KÖNIG VON LINDEWITZ

Mit ihrem Roman WIE FRAU KRAUSE DIE DDR ERFAND konnte Kathrin Aehnlich mich nicht nur überzeugen sondern auch begeistern. Schon in ihrem Erstlingswerk warf sie einen humor- wie liebevollen Blick auf die Menschen in den so genannten neuen Bundesländern. Dabei sind die „neuen“ Bundesländer nach 35 langen Jahren der Wiedervereinigung bei weiten nicht mehr neu. Sie sind gealtert. Auch die dort lebenden Menschen sind älter geworden. Ihr Leben hat sich durchaus verändert, aber trotz allem haben die gemeinsame Vergangenheit und die persönlichen Schicksale immer noch einen großen Einfluss auf ihr Denken und Handeln…

Bruno Henker weiß mehr als andere. Er kennt die Lebensläufe und Familiengeschichten, auch die Geheimnisse der Lindewitzer. Er weiß, warum der eine trinkt, wer wen verraten hat, wer Zugang zu den begehrten Westwaren hatte, und warum das herbeigesehnte neue leben viele nicht glücklicher macht. Warum Claudia, die sich nach der weiten Welt gesehnt hat, als Touristenführerin in Lindewitz hängen blieb. Warum sich im Leben der 1923 geborenen Zwillinge Anne und Marie die Geschichte des ganzen Jahrhunderts spiegelt. Warum Tante Mausi, die mit 93 Jahren in einem Pflegeheim lebt, sich von ihrem Großneffen täglich eine Flasche Rotwein bringen lässt. Warum Claudius immer noch mit seiner fast hundertjährigen Mutter zusammenwohnt. Warum Benedikt es zum Entsetzen der Familie vorzog, nach einem mit Bravour absolvierten Jurastudium einen Späti in Tante Huldas ehemaligem Gemischtwarenladen zu eröffnen. Bruno weiß auch, wie sich das Viertel durch die „Vorkommnisse“ vor einem Jahr verändert hat. Diesen Überfall der Rechten auf das Viertel, die Nacht, in der sie die Scheiben eingeschmissen und brennende Fackeln auf die Dächer geworfen haben. Und warum darüber geschwiegen wird. Aber hat Schweigen je geholfen?

(Inhaltsangabe dem Klappentext des Buches entnommen!)

Lindewitz steht stellvertretend für einen Stadtteil in irgendeiner größeren Stadt im Osten der Republik. Alles scheint hier seinen gewohnten Gang zu gehen: Die Bewohner*innen haben sich in ihrem Mikro-Kosmos eingerichtet. Man kennt sich, kennt auch die Geschichten der Familien und weiß, wer mit wem warum und wie… – Naja, geht ja niemanden etwas an. Ist ja schließlich so ’ne Familienangelegenheit,…

…und dann wird geschwiegen, geschwiegen und weggeschaut. Und plötzlich sind da Kräfte am Werk, die niemand haben wollte. Plötzlich tauchen Gestalten auf, die mit Ihrer Haltung und ihren Handlungen das gemütliche Leben in Lindewitz auf den Kopf stellen. Plötzlich? Nein, diese subversiven Elemente agieren schon viel, viel länger. Denn etwas nicht sehen (wollen), bedeutet nicht, dass es nicht da ist!

Kathrin Aehnlich siedelt ihre Geschichte im Osten unseres Landes an, um so vor dem Hintergrund der DDR-Vergangenheit eine plausible Begründung sowohl für das Handeln wie auch für das Ausharren der Menschen zu bieten. Ja, es sind eben „nur“ Menschen und keine Heiligen oder Helden. Es sind Menschen: fehlerhaft, unvollkommen und doch einzigartig. Schnörkellos erzählt die Autorin uns ihre Geschichten: Sie alle haben ihre ganz individuellen „Alt-Lasten“, mit denen sie versuchen umzugehen. Viele dieser „Alt-Lasten“ wurden tief in der Seele verscharrt, in der Hoffnung, dass sie nie wieder zutage treten mögen. Doch dann passiert etwas Unvorhergesehenes, etwas schier Unmögliches, und Wunden werden aufgerissen, die dann bluten und schmerzen.

Voller Wärme skizziert die Autorin ihre Charaktere und entblättert Seite für Seite die jeweiligen Schicksale – sowohl im hier und jetzt, wie auch in der Vergangenheit. Und je mehr ich von diesen Menschen und ihren Lebensläufen erfahre, umso mehr reift in mir folgende Erkenntnis: Nein, Heilige sind sie ganz bestimmt nicht. Aber Helden sind sie auf jedem Fall!

Kathrin Aenlichs Geschichte ist – trotz einem ernsten Grundton – absolut ermutigend und lebensbejahend, voller Humor und einer großen Portion Respekt für die einfachen Menschen.

Und: Ja, in diese Geschichte liegt Lindewitz im Osten. Aber gibt es ein Lindewitz nicht überall…?


erschienen bei Kunstmann / ISBN: 978-3956145834

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Benjamin Chaud – BÜHNE FREI FÜR PAPA BÄR!

🎭 Heute ist WELTTHEATERTAG! 🎭

Und anstatt – wie in den vergangenen Jahren – markige Zitate div. Theatergrößen zu bemühen, habe ich mich diesmal entschieden, euch stattdessen ein ganz und gar charmantes Bilderbuch zu präsentieren. Ich werde nie müde zu betonen, dass ich Bilderbücher, die den Kids das Theater und die Musik auf so wunderbarer Weise näher bringen, sehr liebe.

Und manchmal fällt mir so ein Kleinod völlig überraschend und somit unvorbereitet in die Hände. In diesem Fall wurde ich in einem öffentlichen Bücherschrank fündig. Ein Hoch auf diese Erfindung: Meine Freude war groß! Somit handelt es sich bei meinem Fund zwar nicht um eine Neu-Erscheinung, doch auch hier gilt der viel zitierte Spruch „Oldies but Goldies!“.

Der Herbst ist da, die Tage sind schon kühl. Es ist ruhig geworden in der Bärenhöhle im Wald. Papa Bär schnarcht bereits, da summt plötzlich eine verspätete Biene an der Höhle vorbei. Wo eine Biene ist, ist auch Honig! Das weiß der kleine Bär und rennt hinterher. Papa Bär wacht auf und macht sich sofort auf die Suche. Er schaut überall nach, aber im Wald ist der kleine Bär nirgends zu finden. Schließlich gelangt er an einen lauten und belebten Ort. Er sieht das Hinterteil des kleinen Bären gerade noch in einem prächtigen Bau verschwinden…

(Inhaltsangabe dem Klappentext dieses Buches entnommen!)


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Benjamin Chaud ist in diesem Fall Texter und Illustrator in Personalunion. Wobei den Texten eher eine erklärend-unterstützende Aufgabe zukommt. Hauptaugenmerk liegt auf den tollen Illustrationen, die eine Menge Dynamik ausstrahlen und mit vielen witzigen Details amüsieren. Dabei weisen sie eine wunderbare Ähnlichkeit mit den beliebten Wimmelbüchern auf: Beim Betrachten verlor ich mich in dem jeweiligen Bild und entdeckte selbst beim wiederholten Anschauen viele skurril-humorige Einzelheiten.

So folgte ich Papa Bär auf seiner Suche nach dem kleinen Bär durch Wald und Stadt, hinein ins Opernhaus und durch das Foyer hinter die Bühne. Plötzlich steht er selbst im Rampenlicht auf der Bühne, blinzelt erstaunt ins helle Licht der Scheinwerfer und versucht, den kleinen Bär im Publikum zu erkennen. Sein vorgetragenes Bären-Lied kommt beim Publikum allerdings nicht gut an und sorgt dort leider eher für Panik. Der einzige, der bei dieser Darbietung ruhig auf seinem Platz sitzen bleibt und Applaus spendet, ist natürlich der kleine Bär.

Auf dem Weg dorthin staunte ich über die Phantasie des Zeichners, die sich Bild für Bild offenbarte: Allein im Stadtbild wird hinter jedem Fenster eine eigene kleine Geschichte erzählt. Oder auch der Blick hinter die Bühne gibt einen wundervollen Einblick über die vielen Werkstätten und Abteilungen, die Anteil an einer Bühnenproduktion haben. Unvermittelt im Bild entdeckte Details lösten bei mir ein spontanes Lachen aus und steigerte meine Freude, dieses entzückende Bilderbuch entdeckt zu haben. Absolut bezaubernd…!

Übrigens: Die alles auslösende Biene finden unsere beiden pelzigen Freunde auf dem Dach des Opernhauses, das dort drei Bienenkörbe beheimatet.


erschienen bei Gerstenberg / ISBN: 978-3836954327 / in der Übersetzung von Anja Malich