[Rezension] Yoshi Yoshitani – Das Buch der Mythen und Märchen. 78 inspirierende Geschichten aus aller Welt

Märchen schreibt die Zeit,
immer wieder wahr,
eben kaum gekannt,
dann doch zugewandt,
unerwartet klar.

…summte ich vor mich hin, als ich erstmals durch die Seiten dieses Buches blätterte. Ein Blick auf die Vita der Künstlerin offenbarte mir, dass ich instinktiv den passenden Song geträllert hatte. So hatte Yoshi Yoshitani u.a. schon für Produktionsfirmen wie Disney und Dreamworks gearbeitet. Dabei sind die Illustrationen zu diesem Buch fern jeglicher Disney-Romantik. Vielmehr hat Yoshitani Geschichten aus aller Welt ausgewählt, deren Handlung sich so manches Mal recht drastisch entwickelt und sich somit nicht als Gute-Nacht-Geschichte für die Kleinen eignet. Dies war von der Künstlerin auch nicht beabsichtigt: Vielmehr wendet sie sich an eine erwachsene(re) Leserschaft, die aus den Märchen und Mythen Inspirationen für das eigene Leben ziehen sollen. Passend zum Buch (und nicht im Buch inbegriffen) gibt es ein Tarot mit allen 78 Illustrationen als Karten-Set. So tauchen bei den Bildern immer wieder die aus dem klassischen Tarot geläufigen Symbole, wie Schwerter, Kelche, Münzen und Stäbe, auf. Besonders bei den Illustrationen zu den mir bekannten Geschichten irritierten mich anfangs diese Symbole etwas, da sie für mich keinen nachvollziehbaren Bezug zur Handlung hatten. Später nach wiederholter Betrachtung der Bilder konnte ich dies gut als ein rein gestalterisches Element akzeptieren.

Für jedes Märchen hält die Künstlerin eine Doppelseite bereit: Während die linke Seite eine farbenfrohe Illustration ziert, wird auf der rechten Seite der Inhalt wiedergegeben. Hierbei handelt es sich allerdings eher um Nacherzählungen aus der Feder der Autorin und weniger um die Wiedergabe des Original-Textes. So sind die Nacherzählungen zwar durchaus gelungen, komprimieren die Geschichten allerdings zwangsläufig auf die nötigsten Handlungselemente. Am Ende des Buches hätte ich mir darum einen Anhang mit Quellenangaben bzw. Literaturhinweise sehr gewünscht, um so auf die Original-Texte zugreifen zu können.

Die Ursprungsländer der Original-Geschichten umspannen den gesamten Erdball. Da sind die uns bekannten Märchen von Hans Christian Andersen und den Brüdern Grimm ebenso vertreten, wie die Märchen aus Frankreich oder England. Persische bzw. orientalische Volksmärchen finden sind neben Mythen aus West- und Nordafrika. Auch Geschichten aus Japan, China und Vietnam dürfen hier nicht fehlen. Die Nordischen Sagen aus Alaska oder Norwegen stehen ebenbürtig neben Erzählungen aus Indien, Ägypten und Griechenland. Und auch der amerikanische Kontinent, Australien und Russland werden mit ihren oft jahrhundertealten Überlieferungen nicht vergessen.


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Im Mittelpunkt der Geschichten steht oft ein Lebensumbruch mit dem die Held*innen umzugehen versuchen. Dabei verzichtet die Autorin wohltuend auf das abgegriffene Klischee der hilflosen Prinzessin, die darauf wartet, dass ein wagemutiger Prinz auf seinem weißen Pferd angetrottet kommt, um sie aus ihrer misslichen Lage zu erretten. Vielmehr strahlen gerade die weiblichen Figuren eine enorme mentale wie körperliche Stärke aus und brauchen sicherlich so einiges zur Lösung ihres Problems aber definitiv keinen depperten Prinzen.

Bei dieser üppigen Auswahl an internationalen Geschichten wird nur allzu deutlich, dass die Menschen – egal wo sie leben – ähnliche Ängste und Sehnsüchte haben. Wir sind im Grunde eben doch nur ein Erden-Volk, was sich auch anhand einer ähnlichen Grundstruktur von Märchen aus unterschiedlichen Ländern widerspiegelt. So findet Die kleine Meerjungfrau (Dänemark, Seite 23) ihre Schwester in Julnar die Meerfrau (Persien, Seite 145). Die Schöne und das Biest (Frankreich, Seite 121) könnten mit Der weiße Bär König Walemon (Norwegen, Seite 131) verwandt sein. Und sowohl Die wunderschöne Wassilissa (Russland, Seite 101) als auch Die gute Fee (Frankreich, Seite 167) zeigen deutliche Ähnlichkeiten zu „unserem“ Aschenputtel.

Dank ihrer Eltern vereinen sich in Yoshi Yoshitani sowohl die japanische wie auch die US-amerikanische Kultur und nehmen so Einfluss auf ihre Werke. So meinte ich (aus meiner europäischen Sichtweise heraus), die besondere Ästhetik japanischer Grafiken in den Illustrationen wiederzuerkennen. Ihre Farbwahl erzeugt eine Lebendigkeit, die so die Aufmerksamkeit des Betrachtenden auf die Details lenkt. Die Illustrationen strahlen zudem eine enorme Dynamik aus, und es wirkt beinah so, als wären die Figuren in einer stetigen Bewegung.

Die kulturellen Besonderheiten eines Landes werden durchaus wiedergegeben aber nie protzig hervorgehoben. Vielmehr wird vermittelt, dass das besagte Märchen zwar in einem bestimmten Land spielt, und somit die Kulisse passend gewählt wurde. Allerdings könnte sich die Geschichte auch in jedem anderen Land zugetragen haben. Stichwort: Erden-Volk!

Dank Yoshi Yoshitani kann ich meine Märchenbuch-Sammlung um ein weiteres interessantes Werk ergänzen, das mit seiner Auswahl an Geschichten ganz wunderbar einen Bogen um den Erdball spannt und so Länder und Völker miteinander verbindet.


erschienen bei Irisiana / ISBN: 978-3424154573 / in der Übersetzung von Sven Beier

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Maurice Leblanc – Arsène Lupin. Der Gentleman-Gauner/ mit Illustrationen von Annika Siems

Arsène Lupin, der feinsinnige Gentleman-Gauner und Meister der Verkleidungskunst, brilliert im rasanten Schlagabtausch mit seinen Gegenspielern. Galant wickelt er seine Geschäfte ab, entwendet mit Leichtigkeit prächtige Diamanten, teuerste Gemälde und brisante Dokumente. Selbst ein Aufenthalt im berüchtigten Gefängnis von Paris hält Lupin nicht davon ab, seine diebischen Vorhaben in die Tat umzusetzen. Intrigen, falsche Fährten, Täuschungen und Verrat – nichts kann dem Meisterdieb gefährlich werden. Nur eines bringt den ausgewiesenen Kunstkenner aus der Fassung: die Liebe zu einer Frau…

(Inhaltsangabe dem Klappentext des Buches entnommen!)

Zwischen den Jahr(zehnt)en 1905 und 1935 erzählte Autor Maurice Leblanc seinem stetig wachsenden Publikum in 20 Romanen, zwei Theaterstücken und etlichen Kurzgeschichten von den haarsträubenden Abenteuern des Arsène Lupin. Dabei gelten die Romane als eine wichtige Entwicklung in der Geschichte des Kriminalromans. Hier stand nicht ein gewiefter Ermittler im Rampenlicht, vielmehr galt die gesamte Aufmerksamkeit erstmals einem Kriminellen, der allerdings mit so viel Charme, Stil und Klasse agierte, dass er sich der Sympathie der Leserschaft sicher sein konnte.

Arsène Lupin ist frech, dreist und unverschämt, dann wieder zartfühlend, zurückhaltend und empathisch. Die Armen haben nichts zu befürchten. Vielmehr beutelt er die, die eh alles im Übermaß besitzen und sich oftmals verzweifelt an ihre Besitztümer klammern gemäß dem Motto „Ich habe, also bin ich wer!“. Sein genialer „Spiritus rector“ erlaubt ihm sogar die Freiheit bzw. Frechheit, dass er seine zukünftigen Opfer vorwarnt und sie trotz aller getroffenen Vorsichtsmaßnahmen selbstverständlich (!) um ihrer Wertgegenstände erleichtert.

Dabei pflegt er ein beinah freundschaftliches Verhältnis zur Polizei, selbst wenn diese, wie z.Bsp. der von ihm geschätzte Inspector Ganimard, ihn verhaftet und ins berüchtigte Pariser Gefängnis Santé verfrachtet. Er kann ihnen nicht lange böse sein, denn schließlich ist selbst ein Gefängnisaufenthalt für einen Gentleman-Gauner, wie er einer ist, nur von kurzer Dauer. Doch es gibt zwei Menschen, die es schaffen den Meisterdieb aus sehr unterschiedlichen Gründen durch ihre bloße Anwesenheit zu irritieren: Einerseits ist es die entzückende Miss Nelly Underdown, andererseits der wohl berühmteste Detektiv der Welt Mr. Sherlock Holmes.

Gerüchten zufolge soll Leblanc den Meisterdieb als Gegenstück zum sehr erfolgreichen Sherlock Holmes von Arthur Conan Doyle geschaffen haben. Aus urheberrechtlichen Gründen durfte bei der Erstveröffentlichung der korrekte Name des Meisterdetektivs nicht genannt werden, der dann zu „Herlock Sholmes“ mutierte. Diese Schreibweise wurde auch in der vorliegenden Ausgabe der Büchergilde Gutenberg beibehalten.

Aus dem Füllhorn an Geschichten wurden für die vorliegende Edition neun Erzählungen gewählt, die wunderbar aufeinander aufbauen bzw. sich aufeinander beziehen. Alle Erzählungen wurden von Martin Barkawitz mit viel Witz und Esprit vortrefflich übersetzt.

Die Illustrationen von Annika Siems, die jeweils am Anfang einer Geschichte stehen, sind ein nettes „Beiwerk“ aber durchaus auch entbehrlich. Leider erreichen sie nicht die Intensität, die ihre Illustrationen vorweisen, die sie für Graham Greenes „Der dritte Mann“ ebenfalls für die Büchergilde Gutenberg kreiert hat.

Arsène Lupin ist ein Meister der Verkleidung, der in eine Vielzahl verschiedener Identitäten schlüpft: So ist es natürlich müßig zu erwähnen, dass Maurice Leblanc in keinem einzigen Satz und nicht mit der winzigsten Andeutung einen Hinweis auf das wahre Erscheinungsbild seiner Schöpfung gibt. So blieb es für mich als Leser immer wieder spannend zu rätseln, hinter welchem Pseudonym sich der Gentleman-Gauner diesmal verbergen könnte.

„Oldies but Goldies!“ lautet ein vielbemühter Ausspruch, der mal mehr, mal weniger zutreffend ist. In diesem Fall trifft er allerdings direkt ins Schwarze: Ich habe mich bei der Lektüre dieser neun Erzählungen gar prächtig amüsiert und bestens unterhalten gefühlt.

Easter Eeg: Beim Lesen der letzten Erzählung „Herlock Sholmes kommt zu spät“ stutze ich plötzlich und musste spontan auflachen. Da hatte sich doch tatsächlich der korrekte Name des Meisterdetektivs in die Geschichte geschummelt. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Suchen!


erschienen bei Büchergilde Gutenberg / ISBN: 978-3763272938 / in der Übersetzung von Martin Barkawitz

[Rezension] Heinz Janisch – Hans Christian Andersen. Die Reise seines Lebens/ mit Illustrationen von Maja Kastelic

„Buch des Monats“ im März 2020, Nominierung für „Jugendsachbuchpreis 2020 des Vereins für Leseförderung e. V.“ und eine Platzierung auf der Shortlist „Die schönsten Deutschen Bücher 2020“ – zudem war dieses Buch für drei Jahre ein fester Gast auf meiner Wunschliste. Und das ist wahrlich die größte Auszeichnung, da dies absolut nicht selbstverständlich ist. Denn die Wunschliste eines Buchbloggers ist einem stetigen Wandel ausgesetzt: Da sehe ich bei Blogger-Kolleg*innen, auf einer Verlagsseite oder in einschlägigen Foren ein Buch, dass mir interessant erscheint, und – Schwupps! – notiere ich mir den Titel auf meiner Wunschliste. Einige Monate später entdecke ich den Titel wieder auf eben jener Liste, frage ich mich, was mich daran interessiert hat, und – Schwupps! – ist der Titel wieder gestrichen. Doch einige Werke verbleiben auf dieser geheimnisvollen Wunschliste und landen dann bestenfalls im heimischen Bücherregal. So wie dieses Buch…

In einer Kutsche sitzt das Mädchen Elsa. Zusammen mit ihrer Mutter ist sie auf dem Weg nach Kopenhagen. Ihnen gegenüber sitzt ein weiterer Passagier, der Elsas Aufmerksamkeit erregt. Neugierig fragt sie ihn „Bist du alt?“. Ihre Mutter ist entsetzt, doch der Fremde entpuppt sich als der berühmte Schriftsteller Hans Christian Andersen, der nur allzu gerne auf die Fragen des wissbegierigen Kindes reagiert. Und so entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch zwischen den Beiden in dessen Verlauf Andersen Elsa erzählt, wie aus dem Sohn eines armen Schuhmachers der gefeierte Schriftsteller werden konnte. Beinah so phantastisch wie seine Märchen mutet auch diese Geschichte an…!


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Hans Christian Andersen war wahrlich keine einfache Persönlichkeit. Er galt als Außenseiter, der mit seinem unkonventionellen Verhalten bei gesellschaftlichen Anlässen aneckte. Auch sein Erscheinungsbild schien wenig für ihn einzunehmen. So beschrieb Friedrich Hebbel ihn als „lange, schlottrige, lemurenhaft-eingeknickte Gestalt mit einem ausnehmend hässlichen Gesicht“. Auch strapazierte er die Geduld von Gastgebern und ihm bekannten Schriftstellern über Gebühr: Ein anfangs auf 14 Tage angedachter Besuch bei Charles Dickens und dessen Familie verlängerte er unabgesprochen um weitere drei Wochen. Dabei legte er solch ausgefallene Allüren an den Tag, mit denen er gewaltig am Nervenkostüm seiner Gastgeber zerrte. So kann man durchaus die Notiz verstehen, die Dickens nach Andersens Abreise auf dem Spiegel des Gästezimmers hinterließ: „Hans Andersen schlief fünf Wochen in diesem Zimmer. Der Familie kam es vor wie eine Ewigkeit.“

Zeitlebens – selbst auf der Höhe seines Erfolges – schien der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Andersen das Gefühl zu haben, er würde zu wenig Anerkennung erhalten, und so forderte er diese vehement von seinem Gegenüber ein. Mit dem Wissen um die Hintergründe ist es umso erstaunlicher, dass diese komplizierte Dichter-Persönlichkeit so wunderbare Kunstmärchen voller Anmut und Zartheit schuf. Autor Heinz Janisch nimmt in seiner Geschichte die dichte Atmosphäre der Anderschen Märchen auf und zeichnet ein ansprechenderes Bild von Dänemarks berühmtesten Dichter: Aus dem exzentrischen Eigenbrötler wird die freundliche und zugewandte Reisebekanntschaft, die nur allzu gerne mit seiner kleinen Begleiterin plaudert. Dabei verknüpft Janisch gekonnt die Lebensgeschichte des Autors mit dessen Märchen und zeigt so mögliche Parallelen auf bzw. verdeutlicht Andersens Abneigung gegen die Pädagogik der damaligen Zeit. Dabei bedient er sich einer beinah poetischen Sprache, die ihren Zauber insbesondere beim Vorlesen entfaltet (Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe es erprobt!). Wunderbar flüssig perlen Sätze und Dialoge über die Zunge. Janisch schuf einen charmanten Spannungsbogen, bei dem er das Märchenhafte der Geschichte nie aus dem Fokus verliert.

Maja Kastelic unterstützt mit ihren Illustrationen die Erzählung von Heinz Janisch kongenial, indem sie Elemente eines klassischen Bilderbuchs mit denen der Graphic Novel kombiniert, und so eine ganz eigen Dynamik in der Erzählweise kreiert. Dabei variierte sie in der Farbgebung, um so die unterschiedlichen Erzählebenen hervorzuheben. So wählte sie für die Vergangenheit, also für den Teil der Geschichte, der vom Werdegang Andersen handelt, einen düsteren Sepia-Ton. Die Gegenwart leuchtet in den Farben eines sonnigen Sommertags, während die Märchenaspekte in bunten Farben erstrahlen.

Zudem verführt sie uns zum besonders aufmerksamen Betrachten des Buches, da sie in ihren Bildern sowohl einige Held*innen aus Kinderbüchern wie auch deren Schöpfer*innen versteckte – eine ganz und gar charmant-respektvolle Verbeugung vor dem Talent wunderbarer Kinderbuch-Autor*innen, denen wir als Kind vergnügliche Lese-Stunden verdankten, da sie uns die Welt erklärten und sie so erfahrbarer machten.


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314104220

[Rezension] Christoph Wagner-Trenkwitz – Die Fledermaus. Operette von Johann Strauß/ mit Illustrationen von Lisa Manneh

Überall und allerorten schließen die Theater so peu à peu ihre Pforten und begeben sich in die wohlverdiente Sommerpause. Und ich? Was mache ich? Ich versuche den Abschied der Saison 2022/2023 mit entsprechender „Theater“-Lektüre hinauszuzögern.

Und so trudelt mit „Die Fledermaus“ von Johann Strauß ein weiteres musikalisches Bilderbuch aus dem Annette Betz-Verlag bei mir ein. „Die Fledermaus“ wird auch gerne als die Königin der „Goldenen Ära der Operette“ bezeichnet, und dies auch völlig zu Recht. Neben einer turbulenten Handlung mit viel Humor, prallen Charakteren und der Möglichkeit zur opulenten Ausstattung, punktet sie mit der wundervollen Musik von Johann Strauß. Diese charmant-pikante aber gänzlich harmlose Verwechslungskomödie eignet sich ganz hervorragend, um Kinder an das Musiktheater heranzuführen.

Vorgeschichte: Herr von Eisenstein lässt den Notar Dr. Falke nach einer Ballnacht betrunken als Fledermaus verkleidet durch die Straßen irren. Das ist für den Notar, der von dem Zeitpunkt an „Dr. Fledermaus“ genannt wird, eine peinliche Situation. Er will sich an Eisenstein rächen und klügelt einen Plan zur „Rache der Fledermaus“ aus.

Adele, das Stubenmädchen, erhält eine Einladung zu einem Fest von Prinz Orlofsky, angeblich von ihrer Schwester Ida. Eisenstein muss wegen Beamtenbeleidigung eine Gefängnisstrafe antreten. Dr. Falke überredet ihn, mit ihm zum Souper bei Prinz Orlofsky zu kommen und die Gefängnisstrafe erst am nächsten Morgen anzutreten. Eisenstein ist bald überredet. Er nimmt Abschied von der „betrübten“ Rosalinde, die aber schon Alfred, ihre Jugendliebe erwartet. Nachdem Eisenstein gegangen ist, kommt Alfred vorbei und macht es sich in Eisensteins Schlafrock gemütlich. Da erscheint Gefängnisdirektor Frank, der Eisenstein persönlich inhaftieren will und hält Alfred für Eisenstein. Dieser folgt Frank ins Gefängnis, um Rosalinde nicht in eine peinliche Situation zu bringen. Das Fest bei dem reichen aber stets gelangweilten Prinzen Orlofsky ist im vollen Gange. Alles verläuft so, wie Falke es sich vorgestellt hat. Adele erscheint in der Garderobe der gnädigen Frau und wird für eine aufstrebende Künstlerin gehalten. Weiter erscheint Eisenstein, den Falke als Marquis Renard in die Gesellschaft einführt. Auch der Gefängnisdirektor erscheint unter dem falschen Namen Chevalier Chargrin. Doch der Höhepunkt des Abends ist das Erscheinen einer geheimnisvollen ungarischen Gräfin. Diese maskierte Gräfin ist niemand andere als Rosalinde, die entsetzt ist, dass ihr Mann sie angelogen hat und hier ungeniert erst mit dem verkleideten Stubenmädel und dann mit ihr selbst flirtet. Dabei gelingt es ihr, ihm seinen sogenannten „Damenköder“, eine Uhr mit Melodie, abzunehmen. Man feiert, preist den Champagner, verbrüdert sich und macht sich nach der durchzechten Nacht wieder auf nach Hause, beziehungsweise ins Gefängnis. Im Gefängnis erlebt Eisenstein eine Überraschung nach der anderen: Nicht nur, dass sich sein neuer Freund Chevalier Chargrin als Gefängnisdirektor Frank entpuppt, auch irritiert ihn, dass er bereits inhaftiert wurde. Eisenstein ist wütend, als er erfährt, wie es zu dieser Verwechslung mit Alfred kam, und fühlt sich von Rosalinde hintergangen. Er schreit nach Rache. Doch als Rosalinde erscheint, hält sie ihm seine Uhr unter die Nase: Ihr Gatte war um keinen Deut besser als sie und hat ihr somit nichts vorzuwerfen. Bevor die Situation eskaliert, erscheint Dr. Falke mit dem Prinzen und den Ballgästen und erklärt Eisenstein, dass diese ganze Inszenierung nur Falkes gelungene „Rache der Fledermaus“ war. Eisenstein nimmt es mit Humor und entschuldigt sich mit „Schuld war nur der Champagner…!“

HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um die, die dem Buch beigefügt ist. Es ist eine ältere Aufnahme, und sie dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln. 

Mit Christoph Wagner-Trenkwitz, einst langjähriger Chefdramaturg der Volksoper Wien, nun Dramaturg am Staatstheater am Gärtnerplatz in München, war ein Fachmann des Genres am Werk, der für Konzept und Text verantwortlich zeichnete, sowie als Sprecher auf der beigefügten CD fungierte. Bei dieser geballten Ladung an Fachkompetenz hätte ich mir in der Umsetzung ein wenig mehr Innovation gewünscht. Wagner-Trenkwitz bleibt mit seinem Konzept auf dem bekannten Pfad des Genres und liefert mit seinem Text eine flüssige, gut zu lesende Inhaltsangabe der Operette – nicht weniger, leider auch nicht mehr. Die Rahmenhandlung, um die kleine Steffi, die mit ihrer Oma eine Aufführung der berühmten Operette besucht, ist so rudimentär ausgearbeitet, dass sie vernachlässigt werden kann. Als Sprecher gefällt Wagner-Trenkwitz mit seinem charmanten Wiener Idiom.

Bei der Musikaufnahme handelt es sich um eine Live-Aufnahme mit Solisten, Chor und Orchester aus der Volksoper Wien, die zwar recht ordentlich ausfällt, bei mir aber trotzdem einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt. Einerseits vermittelt sie gut Theater-Atmosphäre, da vom Stimmen der Instrumente über Schritte auf der Bühne bis zum Husten und Räuspern im Publikum alles zu hören ist, und zudem die meisten Ensemblemitglieder mit Spielfreude überzeugen. Andererseits sind die Solist*innen bedauerlicherweise manchmal schlecht zu verstehen, was die Aufmerksamkeit der jungen Zuhörerschaft etwas herausfordern könnte. Auch sind leider nicht alle Solist*innen auf dem gleichen gesanglichen Level, was aber wohl eher dem erwachsenen Zuhörer auffallen würde.

Schade finde ich es auch, dass hier die Chance vertan wurde, auf die Besonderheit der sogenannten Hosenrolle in Oper und Operette einzugehen. Bei der Hosenrolle handelt es sich um eine männliche Figur, die von einer Frau verkörpert wird, um so zu verdeutlichen, dass der Charakter besonders jung bzw. androgyn-geheimnisvoll ist. Auch bei dieser Aufnahme wird die Partie des Prinzen Orlofsky von einem Mezzo-Sopran gesungen. Die entsprechende Figur in den Illustrationen zeigt dagegen deutlich männlich-markante Züge.

Die Illustrationen von Lisa Manneh fangen ganz wunderbar den Zauber der Operette ein. Weit entfernt von jedweden Realismus lässt sie in eleganten Bühnenbildern die Paare wie im Traum beschwingt tanzen. Ihr gelingt das Kunststück, dass trotz der Vielzahl an Frackschöße und Tüll die einzelnen Figuren in ihrer Physiognomie gut zu unterscheiden sind. Dabei ist eine ironische Überhöhung durchaus erkennbar, die wunderbar zur Leichtigkeit des Werkes passt.


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219116557

[Rezension] Doris Eisenburger – Ein Amerikaner in Paris. Sinfonische Dichtung von George Gershwin

Ungefähr zur selben Zeit als ich über Die Flöhe in der Oper stolperte, polterte mir auch dieses Bilderbuch vor die Füße. Bei diesem Titel musste ich zugreifen, zwangsläufig, ohne zu zögern und ohne Wenn und Aber, dafür liebe ich das gleichnamige MGM-Musical zu sehr. Doch ich sollte eine kleine Überraschung erleben: Doris Eisenburger, Autorin und Illustratorin in Personalunion, machte sich nämlich nicht die Filmgeschichte zu eigen, sondern kreierte eine eigenständige visuelle Fassung. Dabei lauschte sie dem Orchesterwerk von George Gershwin sehr genau und schuf um diese Komposition herum ihre Geschichte…

Paris an einem Frühlingstag im Jahre 1928: Der junge George Gershwin kommt am Bahnhof an. Einige Wochen wird er in Paris verbringen, in der Hoffnung, Inspiration für ein neues Orchesterwerk zu erhalten. Nachdem er sein Gepäck im Hotel verstaut hat, macht er sich auf einen Spaziergang durch die Straßen der legendären Seine-Metropole. Hungrig saugt er die Geräusche der Stadt in sich auf. Am Montmartre macht er die Bekanntschaft mit einer entzückenden Französin, die ihn zum Jardin des Tuileries begleitet. Doch die Liebe ist unstet – besonders in Paris: Am Pont Neuf trennen die Beiden sich wieder, und George setzt seinen Spaziergang alleine fort. Doch gänzlich alleine ist er nicht: Ein kleiner, entzückender Hund verfolgt ihn schon seit einer Weile. Gemeinsam besteigen sie den Eifelturm. Die Aussicht von dort oben ist einfach atemberaubend. Zurückgekehrt in seinem Hotelzimmer setzt er sich ans Klavier, beginnt zu komponieren und verwandelt alle seine Eindrücke des Tages in Musik.

HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um die, die dem Buch beigefügt ist. Es ist eine ältere Aufnahme, und sie dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln. 

Dieses Bilderbuch ist einfach nur entzückend! Bei dieser Thematik muss das entsprechende Orchesterwerk parallel zum Lesen der Geschichte angehört werden, und selbstverständlich ist eine CD mit der Musik zu „An American in Paris“ diesem Buch beigefügt. In ihren Texten kommentiert Doris Eisenburg den Spaziergang Gershwins, erklärt den Einsatz der Instrumente, gibt Hinweise zum Gehörten, symbolisiert dies aber auch in ihren Illustrationen. Entsprechende Hinweise, welcher Track zu welchem Bild gehört, sind im Text vermerkt.

Bei der Musikaufnahme konnte der Verlag dankenswerter Weise auf das Archiv vom renommierten NAXOS-Label zurückgreifen und wählte eine Aufnahme aus dem Jahre 1989 mit dem Slovak Philharmonic Orchestra unter der musikalischen Leitung von Richard Hayman, die frisch remastert sehr dynamisch erklingt.


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Auf zweiseitigen Panoramabildern begleiten wir den Komponisten von rechts nach links zu den Sehenswürdigkeiten von Paris. Dabei wirken die Bilder in ihren zarten pudrigen Aquarell-Tönen wie durch leichter Hand aufs Papier gezaubert und besitzen eine flirrende Lebendigkeit. Detailreich fängt Eisenburger das Savoir-vivre dieser Stadt ganz und gar bezaubernd ein und schafft so kunstvolle Illustrationen voller Atmosphäre. Sogar der Wechsel der Tageszeiten wird bei ihr dadurch angedeutet, dass die Schatten immer länger werden und die Farbgebung der Bilder sich dezent verändert. Wunderbar!

So folgte ich dem berühmten Komponisten George Gershwin auf seinem Rundgang durch Paris. Und während ich seiner grandiosen Musik lauschte, schniefte ich voller Ergriffenheit ein wenig in ein Taschentuch.


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219116175

ebenfalls erschienen bei Naxos/ CD 8.550295 (nur die Musik)

[Rezension] Fulvio Tomizza – Die Flöhe in der Oper/ mit Illustrationen von Axel Scheffler

Mit dem Besuch einer Oper in meinem Stamm-Theater war am vergangenen Sonntag die Abo-Saison 2022/2023 für mich beendet. Nur wenige Vorstellungen stehen noch auf dem Spielplan, bei vielen Inszenierungen taucht der Hinweis „zum letzten Mal“ auf, und bei mir macht sich ein wenig der Trennungsschmerz bemerkbar. Natürlich leide ich da auf sehr hohem Niveau: Schließlich startet mein Stamm-Theater im September mit der Oper „Tosca“ von Giacomo Puccini fulminant in die neue Spielzeit, und ich wünsche ihm bzw. jedem Theater viele, viele ausverkaufte Vorstellungen. In der noch aktuellen Spielzeit blieben leider so manche Plätze leer (An der Qualität der Inszenierungen kann es nicht gelegen haben, wie ich mich persönlich überzeugen durfte.).

Natürlich stellte ich mir die Frage, woran es liegen könnte. Stirbt da etwa so langsam eine Publikumsgeneration weg, wobei die nächste Generation noch nicht nachgewachsen ist? Scheuen die jungen Menschen den Besuch eines Theaters, weil sie der irrigen Meinung sind, dass die Oper eine veraltete Kunstform ist? Oder gibt es da Berührungs- bzw. Schwellenängste aus Unsicherheit, sich im holden Musentempel evt. daneben zu benehmen? Je früher der Nachwuchs an das Theater herangeführt wird, umso besser: Eine Berührungs- bzw. Schwellenangst entsteht dann erst gar nicht. Zudem gibt es da einige ganz wunderbare Kinder- und Jugendbücher, die dabei unterstützen können, Unsicherheiten zu vermeiden.

Im Hotel „Zur Oper“ lebt der Familien-Clan der Floh-Familie von Hupf auf dem Dachboden. Unter der Führung des weisen Familienoberhaupts Opa Hinkefuß lässt es sich die gesamte Sippe nicht nehmen, Abend für Abend die Vorstellungen im großen Opernhaus zu besuchen, das direkt gegenüber dem Hotel liegt. Opa Hinkefuß hat seinen Clan instruiert: In der Oper wird kein Quatsch gemacht, und die Zuschauer nicht angesprungen. Es wird nur geschaut, gegessen wird woanders! So werden die Vorstellungen von den Flöhen mit fachkundigem Blick beäugt. Besonders das kleine Flohmädchen Saltellina ist von der bunten Bühnenwelt so fasziniert, dass sie so nah wie möglich am Geschehen sein muss, am liebsten direkt auf dem Souffleurkasten. Ihre Cousins und Cousinen wollen da natürlich nicht zurückstehen und wagen sich noch weiter auf die Bühne. Einige springen sogar der Primmadonna direkt ins Dekolleté, und als der Tenor die Phrase schmettert „Einen Floh hat man mir ins Ohr gesetzt.“, kratzt er sich vehement genau am besungenen Körperteil. Die Sänger*innen können einfach nicht anders, müssen sich dauernd kratzen und lösen damit beim Publikum einen wahren Gelächter-Orkan aus. Opa Hinkefuß ist darüber „not amused“…!

Fulvio Tomizza hat mit „Die Flöhe in der Oper“ eine charmante, niedliche und gänzlich unaufgeregte Geschichte für die Kleinen geschrieben. Dabei lässt er die eine oder andere Verhaltensregel (wenn ich dies so nennen darf) äußerst dezent in die Handlung einfließen. Im Vordergrund steht bei ihm aber, das Interesse der Kids an der Oper zu wecken und deren Neugierde so stark zu schüren, dass sie bestenfalls das Gelesene auch gerne „live“ auf der Bühne erleben möchten. Als Anhang präsentiert er ebenso kindgerecht viele, viele Fakten u.a. zum Opernhaus, zum Orchester sowie zu den Werken und ihren Schöpfern.

Axel Scheffler ist als Illustrator – dank „Der Grüffelo“ – sicherlich vielen ein Begriff. Auch hier zauberte er wieder humorvolle Bilder, in denen er die Kunstform „Oper“ liebevoll auf den Arm nimmt, indem er ironisch mit gängigen Klischees spielt.

Ich freue mich immer, wenn ich Bücher entdecke, die schon den Kids die Magie des Theaters näher bringen und zeigen, dass die Oper eine Kunstform für jede und jedem ist, und seien sie noch so klein…! 😉


erschienen bei Jacoby & Stuart / ISBN: 978-3946593720 / in der Übersetzung von Edmund Jacoby

[Rezension] Oscar Wilde – Das Bildnis des Dorian Gray/ mit Illustrationen von Anna und Elena Balbusso

Er ist schön. Er ist so schön, dass er seinem ergebenen Freund dem Maler Basil Hallward zu einem seiner besten Porträts inspiriert. Er ist so schön, dass selbst der für seinen Sarkasmus bekannte Lord Henry Wotton von seiner Schönheit geblendet ist, ihm mit verführerischen Worten gänzlich neue Gedanken in den Kopf setzt und fortan zu seinem persönlichen Mentor wird. Er ist so schön, dass er den Gedanken nicht ertragen kann, dass diese Schönheit im Laufe der Zeit welkt, während sein Porträt in ewiger Jugend weiterhin erstrahlen wird. Wie ungerecht erscheint Dorian Gray diese Tatsache. Umso erstaunter bemerkt er eine Veränderung am besagten Gemälde, nachdem er beinah herzlos auf den Suizid seiner von ihm verstoßenen Geliebten reagierte. Die Veränderungen am Gemälde sind anfangs nur vage auszumachen, dann werden sie immer offensichtlicher. Keine seiner noch so verworfenen Ausschweifungen der vergehenden Jahre hinterlässt in seinem engelsgleichen Gesicht den allerkleinsten Makel. Stattdessen entwickelt sich sein Porträt zu einer widerwärtigen und abstoßenden Fratze seiner selbst. Dorian fühlt sich so sehr unantastbar, dass er selbst vor dem Mord an dem Schöpfer dieses Bildes nicht zurückschreckt. Doch auch wenn sein Antlitz unberührt bleibt, so bleibt das Bildnis als mahnendes Zeugnis für jede seiner Verfehlungen bestehen. Die Angst um seiner Entdeckung verführt Dorian zu einer verhängnisvollen Tat…!

Neben etlichen Erzählungen und Märchen, Bühnenstücke und Essays war „Das Bildnis des Dorian Gray“ der einzige Roman, den Oscar Wilde veröffentlichte. Ich las diesen Roman und war versucht, alle intelligenten Zitate, geistreichen Bonmots und süffisanten Bemerkungen zu markieren. Doch ich unterließ dies, da ich fürchtete, dass danach in meinem Buch mehr markierter als un-markierter Text zu finden wäre. Nachdem ich schon einige seiner Stücke auf der Bühne bewundern und mich an seinem Erstlingswerk Das Gespenst von Canterville erfreuen durfte, hege ich gegenüber diesem Autor eine kleine Bewunderung. Dieser Mann war ein so genauer Beobachter der menschlichen Natur und zudem ein brillanter Erzähler und fulminanter Satiriker. Mit geschliffenen Worten deckte er die Verlogenheit und Heuchelei der damaligen Gesellschaft auf, in der Schönheit und Jugend beinah götzenhaft verehrt wurden. Der schöne Schein galt mehr als die realen Personen hinter der Fassade. Wer es wagte, diese Fassade einzureißen, musste bestraft werden.

Nach Erscheinen des Romans wurde dieser von Kritikern wortwörtlich in der Luft zerrissen. Die Rezensenten fanden kein einziges gutes Wort an diesem Werk und wünschten es auf den Scheiterhaufen. War dieser Umstand schon empörend, sollte im Jahre 1895 im legendären Schauprozess gegen Wilde diese Farce auf die Spitze getrieben werden. Die Anklage versuchte mit genau diesem Roman, den Beweis für Wildes Schuld zu erbringen. Da wurden Textpassagen aus dem Zusammenhang der Handlung gerissen und öffentlich zitiert, um mit ihnen Wildes wahres Wesen, seine dekadenten Gedanken und abstoßenden Moralvorstellungen offenzulegen. Es ging hier nicht um die Wahrheitsfindung, vielmehr sollte eine kritische Stimme an der damaligen verklemmt-viktorianischen Gesellschaft mundtot gemacht und seine Reputation im Kreuzverhör demontiert werden. Der Künstler wurde unter Zuhilfenahme – oder vielmehr: Missbrauchs – seines Kunstwerks diskreditiert. Das Ergebnis: Wilde wanderte für zwei Jahre ins Zuchthaus.


Ich glaube, kaum ein anderer Roman ist in so vielen Übersetzungen und so vielen Verlagen erschienen wie „Das Bildnis des Dorian Gray“. Und auch der renommierte Reclam-Verlag hat schon einige Editionen dieses Romans im Verlags-Portfolie. Nun legt er auch eine illustrierte Fassung vor, zu der die Schwestern Anna und Elena Balbusso Illustrationen schufen, die beinah ätherisch bzw. wie ein Gemälde wirken. Wobei die Figuren mit makellos-maskenhaften Gesichtern theatralisch innerhalb eines Settings agieren, das – auch aufgrund der gewählten Perspektive – wie ein Bühnenbild eines Wilde-Stückes erscheint. Atmosphäre erhalten die Illustrationen durch das Spiel von Licht und Schatten sowie der detaillierten Wiedergabe von den Strukturen der dargestellten Stoffe und Tapeten. Das gesamte Erscheinungsbild dieses Buches ist äußerst geschmackvoll gestaltet: von der feinen Abstimmung der Farben über das ansprechende Muster des Vorsatzpapiers bis zur Gestaltung der Seitenzahlen. Das Papier fühlt sich glatt und seidig an, während der Einband eine leicht raue Textur vorweist, so als wäre er zum Schutz von einem Firnis, wie sie bei Gemälde verwendet werden, überzogen. Ich bin mir sehr sicher, dass der Ästhet Wilde Gefallen an diesem Buch gefunden hätte.


Im Mai 1897 wurde Oscar Wilde – durch die Zwangsarbeit psychisch und physisch massiv angeschlagen – aus dem Gefängnis entlassen. Er kehrte seinem Heimatland, dass ihn so wenig schätzte, den Rücken und ging nach Paris ins Exil, wo er mehr schlecht als recht lebte und ständig auf das Wohlwollen von Freunden und Gönnern angewiesen war. Im Laufe der verbleibenden Jahre verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zusehends, und doch blieb er bis zum Schluss der Schöngeist mit dem erlesenen Geschmack. So warf er einen letzten Blick auf die abscheuliche Tapete seiner Unterkunft und verabschiedete sich von der Welt mit den Worten:

„Die Tapete und ich liefern uns ein tödliches Duell. Einer von uns beiden muss gehen.“


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150114445 / in der Übersetzung von Ingrid Rein

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

ebenfalls erschienen bei Reclam/ ISBN: 978-3150050088, Diogenes/ ISBN: 978-3257214116, anaconda/ ISBN: 978-3730612583 und Insel/ ISBN: 978-3458360841 (alle ohne Illustrationen) oder als Graphic Novel erschienen bei Knesebeck/ ISBN: 978-3957285454

[Rezension] E.T.A. Hoffmann – Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde/ mit Illustrationen von Alexander Pavlenko

E.T.A. Hoffmann: Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Romantik, der beeinflusst wurde von den Gespenstergeschichten des 18. Jahrhunderts, der englischen Schauerliteratur und den frühromantischen Märchen. Hieraus schuf er seinen sehr eigenen Stil für seine Novellen und Erzählungen, die wiederum prägend waren für nachfolgende Genrationen an Literaten. Aber seine Werke dienten auch bekannten Komponisten als Vorlage für ihre musikalischen Werke: Jacques Offenbach gestaltete aus seinen Geschichten die Oper Hoffmanns Erzählungen, und das Märchen Nussknacker und Mäusekönig inspirierte Pjotr Iljitsch Tschaikowsky zu seiner weltberühmten Ballettmusik.

Bei „Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde“ handelt es sich um ein so genanntes Kunstmärchen, das im Jahr 1822 erstmals erschienen ist. Nun würde jeder davon ausgehen, dass ein Märchen der Fantasie seines Autors entsprungen ist und somit viel Fiktion und wenig Realismus enthält. In diesem Fall scheint die satirische Adern Hoffmanns mit ihm durchgegangen zu sein: Die Erstfassung wurde zensiert und um zwei Kapitel gekürzt. Sie enthielt Details, die allzu deutlich auf einen Fall schließen ließen, den Hoffmann zuvor als Mitglied der „Immediat-Kommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“ in Preußen zu untersuchen hatte. Und so erschien erst im Jahr 1908 die ursprüngliche Fassung.

Wir lernen in diesem Märchen als erstes nicht den Titelgeber kennen – Nein, der taucht erst im 3. Abenteuer auf! – sondern den jungen Kaufmannssohn Peregrinus Tyß aus Frankfurt, der sehr zurückgezogen ganz in seiner eigenen Welt lebt und Schwierigkeiten mit der Menschheit an sich und mit den jungen Damen im Besonderen hat. Eine Hauptrolle spielen dabei Meister Floh, das gelehrte Oberhaupt der Flöhe, und der intrigante Hofrat Knarrpanti, der Peregrinus Tyß die Entführung einer jungen Frau andichtet, die gar nicht stattgefunden hat. Doch der Hofrat erhofft sich einen Schub für seine Karriere, wenn er nicht nur eine Tat erfindet, sondern gleichzeitig den angeblichen Täter auf dem Silbertablett präsentiert. Doch wie im Märchen erhofft und erwünscht, kommt bei einem sensationellen Verhör die Wahrheit ans Licht, und der lächerliche Hofrat wird vom Rat der Stadt Frankfurt als intriganter Betrüger entlarvt und davongejagt. Die Gerechtigkeit hat gesiegt, und alle leben glücklich und zufrieden bis an ihr selig Ende…!

Ich gebe es gerne zu, dass ich meine Schwierigkeiten hatte, mich in die Geschichte hineinzufinden. Dies lag nicht an Hoffmanns Sprache, die ganz im Duktus der Romantik daherkommt und mit feiner Formulierung und charmant-antiquiert wirkenden Habitus den märchenhaften Charakter des Werkes eher noch unterstreicht. Vielmehr forderte er mich mit dem Aufbau seiner Geschichte heraus. Er verflechtet die verschiedenen Ebenen miteinander und lässt die Übergänge fließend ineinander verlaufen. So spielt er mit den Mitteln der Groteske indem er sowohl Märchenhaftes und Reales wie auch Wunderwelt und Alltagswelt aufeinandertreffen und miteinander verschmelzen lässt. Doch auch seine (reale) Kritik an sozialer Ungerechtigkeit, der Justiz und der Wissenschaft lässt er zwischen den Zeilen durchschimmern und setzt dieser einen Konterpart mit Themen wie Selbstverwirklichung, Kreativität und Liebe gegenüber.

Märchen „schreien“ geradezu nach einer optischen Umsetzung, oder kennt hier irgendjemand ein Märchenbuch, das ohne Illustrationen auskommt? Ich nicht, und wenn es eines gäbe, es würde sehr wenig Reiz auf mich ausüben. In diesem Fall schuf der deutsch-russische Künstler Alexander Pavlenko filigrane Scherenschnitte, die mit ihrer anmutenden Schwarz-Weiß-Ästhetik die romantische Note der Geschichte ganz wunderbar unterstreichen und dabei überraschende Details offenbaren.

In den letzten Jahren haben sich illustrierte Bücher eine treue Fangemeinde erobert und profitieren von einem größeren Format, um so die Illustrationen besser wirken zu lassen. Beim vorliegenden Buch ist dies mit den Maßen 13,5 x 19,5 cm leider nicht gegeben. Die Ausstattung wirkt eher „schlicht“: Es gibt weder einen Schutzumschlag, noch ein Lesebändchen. Auch hätte ich mir einen Anhang gewünscht, aus dem ich mehr aus dem Leben des Autors und zur Entstehungsgeschichte des Märchens erfahren hätte. Ebenso wäre eine kurze Biografie des Künstlers wünschenswert gewesen. Zumal sich dieses Buch in einem Preissegment einreiht, bei dem sonst die illustrierten Bücher der Büchergilde Gutenberg oder des Reclam Verlags zu finden sind.

So gilt meine Kritik ganz und gar nicht dem Inhalt sondern vielmehr der verlegerischen Umsetzung: Das Team „Hoffmann & Pavlenko“ hätte durchaus ein wenig „Mehr“ verdient…!


erschienen bei Edition Faust / ISBN: 978-3949774157

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

ebenfalls erschienen bei Reclam/ ISBN: 978-3150142226 (ohne Illustrationen)

[Rezension] Christopher Isherwood – Leb wohl, Berlin/ illustrierte Ausgabe und Hörspiel

Vor Jahren begegnete mir Christopher Isherwoods Episodenroman „Leb wohl, Berlin“ zum ersten Mal: Damals entflammte meine Liebe zum Musical und ließ mich zu den Klassikern des Genres auch immer einen neugierigen Blick auf die literarischen Vorlagen werfen. Irgendwann spielte mir das Schicksal (oder der Zufall) diesen Roman abermals in die Hände. Mit dem Abstand der Jahre und mit einem gereifteren Blick hatte dieses Werk eine gänzlich andere Wirkung auf mich. Dieser Umstand veranlasste mich, eine Rezension zu verfassen, die am 17. August 2019 hier auf meinem Blog erschien. Schnell kam mir die Idee, diesen interessanten Autor im Rahmen meiner kleinen Reihe LITERATEN IM FOKUS wieder mehr Aufmerksamkeit zu gönnen.

Und so kündigte ich vollmundig im März 2020 die Retrospektive zu Christopher Isherwood für Oktober desselben Jahres an. Doch wie so oft im Leben kommt zuerst etwas dazwischen und danach alles anders als man denkt. So schmachteten seitdem zwei besondere Fassungen von Isherwoods Erfolgsroman „Leb wohl, Berlin“ ein äußerst tristes Dasein auf meinem SuB und waren in ernsthafter Gefahr, in Vergessenheit zu geraten. Dies hätten sie nun wahrlich nicht verdient! So befreite ich sie aus ihrem Dornröschen-Schlaf und puschelte sie ordentlich mit dem Staubwedel ab, um sie von der Patina der vergangenen drei Jahre zu befreien. Und obwohl Christopher Isherwood es wert wäre, eine Retrospektive zu erhalten, verzichte ich momentan auf eben jene, da ich Euch die schon erwähnten Fassungen nicht weiter vorenthalten möchte.



Christopher Isherwood – Leb wohl, Berlin/ mit Illustrationen von Christine Nippoldt

Willkommen! Bienvenue! Welcome!

Berlin, Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts: Der junge Schriftsteller Christopher Isherwood kommt in diese pulsierende Metropole auf der Suche nach Inspiration für einen Roman. Inspiration findet er nicht – dafür verleiten ihn die vielen Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten: Persönlichkeiten, die nur eine Stadt wie Berlin hervorbringen oder anlocken kann. Inspiration! – Inspiration brauchte der reale Isherwood nicht zu suchen! Inspiration hatte Isherwood zuhauf direkt vor seiner Nase! Da ist seine ältliche Zimmerwirtin Fräulein Schroeder, die ihren besseren Zeiten hinterher träumt und trauert, über ihre Mieter stellvertretend am Leben teilnimmt und sich gezwungenermaßen mit jeglicher Regierung akklimatisiert. Was bleibt ihr auch übrig: Wo soll sie sonst hin? Da ist der junge Otto Nowak, der mit seiner Familie in einem Hinterhof des Hinterhofs eines Hinterhofs lebt, und die in ihrer erbärmlichen Trostlosigkeit willig den Nährboden bietet für die Versprechungen der Nazis. Da ist der intellektuelle Bernhard Landauer, Geschäftsmann aus dem noblen Villenviertel, der in seiner passiven Resignation gegenüber der Realität zwangsläufig zum Opfer für die Gräueltaten der Nazis wird. Da ist die kapriziöse Sally Bowles, semi-talentiert aber dafür selbst-überschätzend, mit einem Hauch Verrücktheit, einer sexuellen Freigiebigkeit und einem hohen Maß an Unkompliziertheit, die in der damaligen Zeit sowohl für Faszination wie für Verwirrung bei ihren Mitmenschen sorgt.

 „Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, ganz passiv, ich nehme auf, ich denke nicht.“

Der Autor wirkt beinah neutral und begegnet seinen Protagonisten wertfrei: Er ist Beobachter, nicht Analytiker. Er beschreibt die Szenerie durchaus detailliert aber unvoreingenommen. Trotzdem schafft er Atmosphäre ohne indifferent zu erscheinen.

Er porträtiert seine Protagonisten mit Witz, vermeidet es indes, sie der Lächerlichkeit preiszugeben – im Gegenteil: Oftmals offenbart sich in den alltäglichen Szenen und den scheinbar belanglosen Begegnungen eine bemitleidenswerte Tragik. Während die ersten Kapitel noch sehr detailliert das Geschehen wiedergeben, wirkt das letzte Kapitel mit seinen kurzen Episoden wie schnelle Schlaglichter, die eine wahrgenommenen Situation fragmentiert wiederspiegeln und trotz ihrer Kürze das Vage einer zunehmend unsicheren Wirklichkeit vermitteln.

Somit ist Christopher Isherwoods Episodenroman aus dem Jahre 1939 ein literarisches Zeugnis seiner Zeit und spiegelt eine Gesellschaft im Umbruch wieder: Das Weltoffene und Tolerante der Weimarer Republik ist noch spürbar, das Kleingeistige und Menschenverachtende des Nationalsozialismus ist schon zu erahnen. Das Berlin einer Sally Bowles wird bald Vergangenheit sein: Eine Epoche neigt sich dem Ende entgegen…!

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Die Büchergilde Gutenberg ist bekannt für ihre außergewöhnliche Buchgestaltung: Mit ihren illustrierten Fassungen von (modernen) Klassikern sorgt sie gerne für Furore bei Buchliebhaber*innen und heimste in der Vergangenheit schon so manchen Preis ein. In diesem Fall hat sich die Künstlerin Christine Nippoldt dem Roman von Christopher Isherwood angenommen. So wie Isherwood sich in seinen Geschichten von realen Personen inspirieren ließ, so lässt auch Nippoldt bei der Schaffung ihrer Bilder sich von realen Personen inspirieren (wie sie in einem Nachwort verrät) und stöberte in historischem Bildmaterial. Optisch erinnern ihre Kunstwerke an Linol- oder Holzdrucke und sind in einer Art Collagentechnik entstanden, indem die Farbschichten nacheinander aufgetragen wurden. Dies verleiht ihnen einen beinah morbiden Charme und sorgt für Akzente. Nippoldts Illustrationen sind sehr atmosphärisch und variieren in ihrer Farbgebung je nachdem, welche Episode des Romans zu erzählen gilt. Dabei werden die Illustrationen nicht „nur“ einfach in die Handlung eingefügt: Das gestalterische Konzept wird konsequent auf das gesamte Buch angewendet. So schmückt die passende Vignette jedes Kapitel, und Initiale stehen am Anfang eines jeden Absatzes.


erschienen bei Büchergilde Gutenberg / ISBN: 978-3763269181 / in der Übersetzung von Kathrin Passing und Gerhard Henschel

ebenfalls erschienen bei Hoffmann & Campe/ ISBN: 978-3455405002 und Atlantik/ ISBN: 978-3455650778 (alle ohne Illustrationen)



Christopher Isherwood – Leb wohl, Berlin (Hörspiel)

4 CDs/ Bearbeitung: Heinz Sommer/ Regie: Leonhard Koppelmann/ Originalkomposition & musikalische Leitung: Jörg Achim Keller/ es spielt die HR-Bigband/ mit Mathieu Carrière, Christopher Nell, Laura Maire, Barbara Philipp u.v.m.

 „Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, ganz passiv, ich nehme auf, ich denke nicht.“

Mit diesem Satz beginnt auch eines der fulminantesten Hörspiele, das ich mir je anhören durfte. Wie einem Mantra gleich bleibt Mathieu Carrière als Erzähler dieser Aussage treu: Er beobachtet und kommentiert aber urteilt nicht. Er hält Distanz zu seiner Berichterstattung, wirkt dabei aber nie unbeteiligt oder gleichgültig. Dabei verwebt sich seine Stimme immer wieder gekonnt mit der von Christopher Nell. Während Carrière den deutschen Text spricht, können wir auch dem englischen Original durch Nell lauschen, was so für eine beängstigende Nähe zum Autor sorgt. Die Stimme des Erzählers verschmilzt mit der Stimme des jungen Christopher Isherwood. Christopher Nell mimt den aufstrebenden Autor als einen unvoreingenommenen Charakter mit jugendlichem Charme, dem wir den gebildeten Literaten ebenso abnehmen wie den jungen Mann, der nur allzu empfänglich ist für die mannigfaltigen Verführungen im damaligen Berlin.

Laura Maire schafft in ihrem Porträt der Sally Bowles die gekonnte Balance zwischen Pragmatismus, Selbstüberschätzung und Verführung, ohne dass sie ins allzu Ordinäre abrutscht. Ihre Stimme pendelt zwischen unbändiger Lebenslust, verruchter Erotik und kindlicher Naivität. Barbara Philipp verleiht der Zimmerwirtin Fräulein Schroeder mit prägnanter Stimme eine liebenswerte Kauzigkeit und geizt nicht mit bodenständigen Humor. Dabei ist es eine Freude zuzuhören, wie ein tolle Schauspielerin einer literarischen Figur ihre Stimme schenkt: Aufgrund mangelnder Englischkenntnisse spricht Fräulein Schröder Christopher Isherwood immer mit „Herr Issiwu“ an, was von Philipp ganz entzückend moduliert wird.

Diese vier talentierten Schauspieler*innen führen ein hochkarätiges Ensemble an, das in div. Rollen u.a. durch Lucie Heintze, Daniela Kiefer, Ole Lagerpusch, Gisa Flake, Felix von Manteuffel, Wanja Mues, Friedhelm Ptok und Franziska Troegner auf das Vortrefflichste komplementiert wird. Diese renommierten Sprecher*innen sind sich nicht zu schade, um in die div. (Neben-)Rollen zu schlüpfen und so zur hohen Qualität dieses Hörspiels wesentlich beizutragen.

Heinz Sommer bleibt in seiner Bearbeitung der bekannten Übersetzung durch Kathrin Passing und Gerhard Henschel treu und verflechtet die Dialoge gekonnt mit dem Erzähltext. Dabei verzichtet er nur auf die beschreibenden Passagen, die über Musik, historische Original-Einspielungen (z. Bsp. Auszüge aus dem Film „Der blaue Engel“ oder ein Radio-Interview mit Max Schmeling) und den Hintergrundgeräusche dem Hörer vermittelt werden. Den musikalischen Rahmen liefert Jörg Achim Keller mit der HR-Bigband, die mit ihrem authentischen Sound das so genannte Babylon Berlin wiederaufleben lassen. Strippenzieher hinter all dieser einzelnen Komponenten und somit derjenige, der dies alles zu einem Gesamtkunstwerk bündelt, ist der Regisseur Leonhard Koppelmann, der hier eine großartige Arbeit abliefert. Er sorgt für eine enorme „Tiefe“ und verleiht diesem Hörspiel so eine unwiderstehliche Sogkraft, der ich mich nicht entziehen konnte. Ein sensationelles Hör-Erlebnis…!!!

Auf Wiedersehen! A bientôt! Good night!


erschienen bei der Hörverlag/ ISBN: 978-3844536317

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Hörexemplar!

[Rezension] Markus Grolik – Inspektor Salamander. Tatort Schrottplatz

Inspektor Salamander und sein Assistent Spider-Manni staunen nicht schlecht, als plötzlich der bekannte Krötentenor Luigi Crötelli im geöffneten Bullauge ihrer verrosteten Waschmaschine steht, in deren Trommel sie ihr Büro eingerichtet haben. Crötelli bittet um ihre Hilfe: Nicht nur, dass er seine komplette Verwandtschaft vermisst, auch deren Zuhause, ein Krötentümpel ist wie vom Erdboden verschwunden. Dabei hatte er noch vor wenigen Tagen einen Brief von seinem Neffen erhalten, der ihn bittet, ihn schnellstens zu besuchen, da er dringend Hilfe benötigt. Und so machen sich Inspektor Salamander und Spider-Manni auf die Suche nach dem verschwundenen Tümpel samt seiner Bewohner. Dazu müssen sie sich in die Unterwelt des Schrotplatzes begeben, wo zwielichtige Gestalten wie die Spinne Tara Tarantella und die Elster Alster Capone ihr Unwesen treiben. Zudem heftet sich Hazel Maus, Starreporterin der Schrott-News an ihre Fersen, da sie eine sensationelle Story wittert. Anfangs versuchen die beiden Kriminalen die vorwitzige Maus abzuschütteln, erkennen aber schnell, dass es besser wäre, die Kräfte zu bündeln, um gemeinsam das Geheimnis zu lüften…!

Schöpfer dieser kurzweiligen Räuberpistole ist Markus Grolik, den ich bisher nur von seinen Cartoons kenne, in denen er alles – von Politik über gesellschaftliche Phänomene bis Zwischenmenschliches – höchst humorvoll auf die Schippe nimmt. Hier liefert er nun einen witzigen, kindgerechten Mix aus Comic und Kriminalroman, wo die Sprechblasen nahtlos an die Texte anknüpfen und umgekehrt. Auch seine Figuren zeichnet er liebenswert-drollig, wobei selbst die Schurk*innen nie allzu bedrohlich erscheinen.

Vielmehr persifliert er unterhaltsam das Krimi-Genre: So bedient sich Grolik hemmungslos aus dem Füllhorn des Krimi-Universums und zitiert (Gewollt oder ungewollt – wer weiß das schon?) sich quer durch Buch, Comic, TV und Film. So trägt Salamander einen markanten Trenchcoat wie schon vor ihm Peter Falk als Inspektor Columbo oder Humphrey Bogart in Der Malteser Falke. Spider-Manni knackt Schlösser so schnell wie der jeweilige Assistent bei Father Brown bzw. Pfarrer Braun. Hazel Maus ist als Reporterin so intensiv-investigativ unterwegs wie ihre Kollegin Lois Lane bei Superman. Und was Q für James Bond war, das ist Hammy für Salamander: Als genialer Tüftler versorgt er die Spürnase mit raffinierten Erfindungen. Selbst bei der Namensgebung seiner Figuren lässt Grolik sich von Geschöpfen aus der Populärkultur inspirieren, wie z. Bsp. bei Spider-Manni und Alster Capone.

Zudem spielt der Autor hemmungslos mit Klischees: Faultiere schlafen, Eichhörnchen horten, und das Huhn ist so aufgescheucht hysterisch wie es sich eben für ein aufgescheuchtes Huhn gehört. Und natürlich trägt ein Krötentenor einen italienisch klingenden Namen, selbst wenn er im Tümpel nebenan als eine Kaulquappe unter vielen das Licht der Welt erblickte. Doch wenn Klischees so humorvoll wie hier bedient werden, dann kann ich nur belustigt darüber schmunzeln. Insbesondere, wenn besagte Klischees auch gegen den Strich gebürstet werden: Ein Wildschwein namens King Kong ist hier ganz und gar nicht wild, sondern ein sehr, sehr lieber Eber.

Markus Grolik gelingt es mit diesem Vorlesecomic sehr gut, die Kids behutsam ans Krimi-Genre heranzuführen. Eltern brauchen sich keinerlei Sorgen zu machen, dass die Geschichte vielleicht ängstigen könnte. Im Gegenteil: Die Geschichte und ihre Figuren präsentieren sich so charmant, dass selbst der erwachsene Vorleser – dank der vielen Genre-Zitate – sich köstlich beim Schmökern amüsiert.


erschienen bei dtv / ISBN: 978-3423764391

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!