[Rezension] Erich Kästner – DAS MÄRCHEN VOM GLÜCK/ mit Illustrationen von Ulrike Möltgen

Es ist das Jahr 1945: Deutschland kämpft mit den Folgen des 2. Weltkrieges, und Erich Kästner übernimmt die Leitung des Feuilletons der „Neuen Zeitung“ in München. Nun, wo die Nazis nicht mehr an der Macht sind, darf er auch wieder schreiben. Dies tut er auf seine eigene, unnachahmliche Art. Es entstehen brillante Satiren und feinfühlige Reportagen, er schreibt für Kabarett und Rundfunk. Mit DER TÄGLICHE KRAM. CHANSONS UND PROSA 1945-1948 (aus dem auch die vorliegende Geschichte stammte) schenkt er den nachfolgenden Generationen einzigartige Einblicke in das Leben in einem Land nach dem Zusammenbruch.

„Es handelt sich um eine bunte, um keine willkürliche Sammlung. Sie könnte, im Abglanz, widerspiegeln, was uns in den drei Jahren nach Deutschlands Zusammenbruch bewegte. Worüber man nachdachte. Worüber man lächelte. Was uns erschütterte. Was uns zerstreute.“ Erich Kästner

Als hellwacher Chronist deutscher Nachkriegsgeschichte kleidete er seine Glossen oder Kritiken gerne in einen märchenhaften Mantel:

Das sitzt ein junger Mann unglücklich und mit sich und der Welt hadernd auf einer Bank. Plötzlich und gänzlich ohne Vorwarnung taucht ein alter Mann neben ihm auf und gewährt ihm drei Wünsche, damit er endlich ein glücklicher Mensch werde. Der junge Mann ist so verbittert und verbiestert, dass er äußerst leichtsinnig seinen ersten Wunsch verschleudert, nur um den alten Mann loszuwerden. Sein Wunsch wird erfüllt. Nun kommen dem jungen Mann Zweifel, und sein schlechtes Gewissen rührt sich. Denn schließlich kann er den alten Mann dort nicht lassen, wo er ihn hingewünscht hat. Und so opfert er seinen zweiten Wunsch…!


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Glück: Was ist das schon? Können wir Glück erzwingen? Oder ist es nicht vielmehr ein flüchtiges Empfinden, dass genau so schnell wieder verschwindet, wie es erschienen ist? Und wann bin ich glücklich, muss ich glücklich sein, wird erwartet, dass ich glücklich bin. Und warum bin ich nicht glücklich, obwohl das Schicksal, der Zufall oder der liebe Gott es so gut mit mir meinte?

Ulrike Möltgen schuf Illustrationen zwischen Realität und Fantasie. Sie wählte strenge Formen und brach diese durch märchenhafte Komponenten auf. Selbst scheinbar Alltägliches wie fliegende Vögel am Firmament entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Origami-Schwäne. Ihr kollagenartiger Stil lässt genügend Freiraum für eigene Interpretationen und bietet doch viele Details für das Auge.

Glück: Was wollte Kästner mit dieser kleinen Parabel ausdrücken? Wer weiß es schon genau? Doch ich könnte mir denken, dass er uns ermutigen wollte, das Glück nicht voller krampfhafter Verzweiflung für sich einzufordern. Besonders das GROSSE Glück klopft äußerst selten an die Tür. Vielmehr gibt er uns einen Fingerzeig, das Glück im Kleinen zu suchen. Denn gerade das kleine Glück lässt sich recht häufig blicken. Und er lehrt uns, nicht allzu verschwenderisch oder unbedarft mit der persönlichen Portion Glück – unabhängig ob sie nun in Gramm, Sekunden oder Wünsche gemessen wird – umzugehen, denn…

„Das Glück ist schließlich keine Dauerwurst, von der man
sich täglich seine Scheibe herunterschneiden kann!“


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855351299

[Retrospektive] Zum 125. Geburtstag von ERICH KÄSTNER…

Heute wäre sein 125. Geburtstag:
ERICH KÄSTNER

Für mich zählt er zu den ganz großen Literaten, die dieses Land der Dichter und Denker hervorgebracht hat – und auf ihn traf diese Bezeichnung vollumfänglich zu. Er war einer der wenigen, der meisterlich „auf verschiedenen Hochzeiten“ tanzen konnte.

Einerseits schrieb er wunderbare Kinder- und Jugend-Romane, die mit ihrer Klarheit, Aufrichtigkeit und Wärme auch noch weit bis ins Erwachsenenalter wirken (Zumindest war es bei mir so!). Seine Held*innen sind einzigartig: klug, frech, traurig, mutig, nachdenklich oder ängstlich. Und nie wurden sie von ihrem Schöpfer bewertet, sondern stehen gleichberechtigt beieinander. Auch war er stets offen und ehrlich gegenüber seinen jungen Leser*innen. Er machte ihnen nichts vor, indem er behauptete, dass das Leben eines Kindes voller Sonnenschein wäre. Nein, er thematisierte – für die damalige Zeit durchaus unüblich – auch die unangenehmen Seiten des Kindseins und musste sich dafür so manche Schelte anhören. Dabei blickte er doch stets voller Liebe und Respekt auf diese kleinen Menschen.

Dann gab es den lyrischen Kästner, der erkannte, dass ein Gedicht die hohe Kunst bedienen und zugleich zeitkritisch, humorvoll und modern sein kann. Zumindest zeigte er dies bei seinen eigenen Versen. Für ihn schien es kein Thema zu geben, das er nicht würdig erachtete, in Versmaß beleuchtet zu werden. Sicherlich könnte er dem Zitat „An apple a day keeps the doctor away“ sehr viel abgewinnen und würde es auf das Lesen von Lyrik übertragen. Wer täglich ein wundervolles Gedichte liest, kann doch nicht krank werden, zumindest nicht an Geist und Seele, oder?

Der Kästner für Erwachsene schaute mit lakonischem Humor und ironischem Unterton auf die Schwächen der Menschen, war dabei aber niemals zynisch oder gemein. Dafür liebte er die Menschen zu sehr. Ja, er liebte sie, auch wenn es in seinem Leben eine Zeit gab, wo ihm dies sicherlich manchmal schwer fiel. Doch auch während der Jahre des dritten Reiches hielt er aus und schrieb weiter, auch wenn seine Werke in Deutschland nicht mehr veröffentlicht wurden, sondern den Flammen der Bücherverbrennung zum Opfer fielen. Er schrieb weiter und wurde zum Chronisten der NS-Schreckens-Herrschaft, der auch im Nachkriegsdeutschland weiter den Finger auf die Wunden der Gesellschaft legte, um so auf Unrecht aufmerksam zu machen. Ja, er liebte die Menschen, und so sind auch seine Figuren fehlerhaft, dürfen Fehler machen, sollen Fehler machen, sind eben menschlich und gerade darum so liebenswert.

Der Drehbuchautor Kästner sorgte für einen schlüssigen und spannenden Plot mit brillanten Dialogen voller Witz und Doppeldeutigkeit. Besonders bei den filmischen Umsetzungen seiner eigenen Werke sorgte er dafür, dass die Verfilmungen nah am Original blieben und so auch noch nach all den Jahren immens viel von seinem Geiste verströmen.

Erich Kästner war all das, was ich oben nannte, und noch so viel mehr. Alle seine Talente und Tätigkeiten aufzuzählen, würde den Rahmen dieser kleinen Retrospektive sprengen. Doch bevor ich Euch einladen möchte, in den von mir verfassten Rezensionen zu seinen Werken zu schmökern, sei mir abermals erlaubt zu erwähnen:

Für mich zählt er zu den ganz Großen
als Literat, als Vorbild, als Mensch!
💖


Erich Kästners literarisches Œuvre scheint schier unerschöpflich zu sein. Das mag daran liegen, dass man sich an ihm weder „überlesen“ noch „sattlesen“ kann und selbst beim „Wiederlesen“ immer neue Aspekte in seinen Werken entdeckt. Ich selbst habe bisher – nach eigenem Empfinden – viel zu wenig von ihm gelesen. Doch dieses wenige möchte ich Euch sehr gerne vorstellen:

Einen knappen Überblick über Kästners Leben gewährt das PORTRÄT, das aus Anlass seines 45. Todestages hier auf meinem Blog erschienen ist.

Neben seinen eigenen Werken findet Ihr auch Bücher anderer Autoren, die sich mit ihm beschäftigt haben – sei es in Form eines Jugendromans oder als Stadtführer der besonderen Art. Dabei möchte ich Euch besonders meinen Beitrag zu Kästners Freund Erich Ohser (aka E.O. Plauen) ans Herz legen, dessen Schicksal mich äußerst berührt hat.

KINDER- UND JUGENDLITERATUR

LYRIK

   …eine kleine Auswahl seiner Gedichte:

LITERATUR FÜR ERWACHSENE

   …mit Kästner unterwegs:

KÄSTNER AUF DER BÜHNE

FREUND UND WEGGEFÄHRTE

UND SONST SO?

  • alle BEITRÄGE meines Blogs zu Erich Kästner in chronologischer Reihenfolge der Veröffentlichung (u.a. mit Zitaten von ihm oder aus seinen Werken)

HINWEIS: Im Laufe dieses Tages gibt es auf meinem Blog noch einiges mehr von Erich Kästner zu entdecken. Ich hoffe, Ihr bleibt „dran“!!! 😊

[Kinder- und Jugendtheater] Erich Kästner – DAS DOPPELTE LOTTCHEN / Stadttheater Bremerhaven

Familienstück zur Vorweihnachtszeit / nach dem Kinderbuchklassiker von Erich Kästner / für die Bühne bearbeitet von Henning Bock und Jürgen Popig // ab 6 Jahren

Premiere: 17. November 2023 / besuchte Vorstellung: 10. Dezember 2023
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


INSZENIERUNG Jens Kerbel
BÜHNE & KOSTÜME Toto
DRAMATURGIE Bianca Sue Henne
REGIEASSISTENZ Sydney Mikosch
INSPIZIENZ Regina Wittmar
THEATERPÄDAGOGIK Katharina Dürr


Die Schwingtür hinter mir pendelte sich langsam aus, als ich an diesem frühen Nachmittag den Kassenraum verließ und weiter zur Garderobe schlenderte. Die Dame an der Garderobe und ich sahen uns an, beinah zeitgleich öffneten wir die Münder zum Gruß, dann zögerten wir beide. „Jetzt hätte ich ihnen beinah einen guten Abend gewünscht!“ stammelte ich. Die Dame an der Garderobe lachte und sagte „Ich hatte es auch auf der Zunge. Es ist nicht ihre Zeit!“. Stimmt, es war nicht meine übliche Zeit, an der ich sonst dieses Theater betrete. Doch was blieb mir anderes übrig: Für Erich Kästner erscheine ich auch gerne zur unüblichen Zeit! 😄

Sie sind wahrscheinlich das bekannteste Zwillingspaar in der Literaturgeschichte: Luise Palfy aus Wien und Lotte Körner aus München. Schon in den 40er Jahren konzipierte Kästner ein Filmtreatment zu diesem Stoff, dass er dem Filmregisseur Josef von Báky vorstellte. Doch ein von den Nationalsozialisten verhängtes Arbeitsverbot durchkreuzte seine Filmpläne. So arbeitete Kästner nach Kriegsende die Geschichte zunächst zu einem Roman aus, dem wenige Jahre später der Film unter von Bákys Regie folgen sollte.

Kästner sprach im biederen Nachkriegsdeutschland Themen an, die damals zu Diskussionen führten. Das Thema Scheidung war wohl vormals noch nie in einem Kinderbuch zur Sprache gekommen. Auch die Figur der selbstständigen, alleinerziehenden und berufstätigen Mutter entsprach ebenso wenig dem gängigen Klischee, wie die Charakterisierung der beiden Mädchen, die eigenständig agieren und jede für sich eine entscheidende Entwicklung durchmachen.

Nachdem die Verfilmung von 1950 ein großer Erfolg wurde und sogar als erster Film den Bundesfilmpreis erhielt, sollten weitere, auch internationale Verfilmungen folgen. Kein Wunder, dass das doppelte Lottchen zwangsläufig ihren Weg auf die Bühne finden musste.

Endlich Sommerferien! Luise hat schnell alle Kinder im Ferienheim fest im Griff – bis Lotte vor ihr steht und sie die Welt nicht mehr versteht, denn dieses Mädchen gleicht ihr wie ein Ei dem anderen – jedoch nur von außen, denn im Temperament könnten die beiden nicht unterschiedlicher sein. Da sie auch am selben Tag Geburtstag haben, kommt schnell heraus, was hier los ist: Ihre feinen Eltern haben sich kurz nach der Geburt der Mädchen getrennt – und die Kinder gleich mit. Doch da haben sie die Rechnung ohne ihre Zwillinge gemacht! Luise und Lotte tauschen nach den Ferien die Rollen, um die Familie wieder zusammen zu bringen. Ein großer Spaß, denn hier geht so einiges schief auf dem Weg zum Happy End!

(Inhaltsangabe dem Programmzettel zu dieser Produktion entnommen.)

Die in Bremerhaven gespielte Fassung von Henning Bock und Jürgen Popig kam 2002 im Staatstheater Stuttgart zur Uraufführung und besticht mit seiner deutlichen Nähe zum Ur-Text. Die Dialoge scheinen eins zu eins dem Roman entnommen zu sein. Dafür vermisste ich die leisen Töne, die Kästner dem Erzähler des Romans bzw. sich selbst bei der Verfilmung in den Mund legte.


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In Bremerhaven setzte Regisseur Jens Kerbel auf Tempo. Dabei schrammte er manchmal nah an der Hektik vorbei. Vielleicht war dies auch der ursprünglich geplanten Aufführungsdichte geschuldet: Bei einer Spiellänge von ca. 75 Minuten ohne Pause und Vorstellungen um 9.00 und 11.00 Uhr bleibt nicht viel Zeit für interpretatorischem Schnickschnack. Dafür passierte ständig etwas auf der Bühne, das die Aufmerksamkeit der kleinen wie großen Zuschauer*innen fesselte. Zusammen mit den Schauspieler*innen kreierte Kerbel so manch herrlich ulkige Szene, verstand es aber auch sowohl die unterschiedlichen Charaktere der Zwillinge als auch deren zögerliche Annäherung und spätere Verbundenheit sichtbar und somit nachvollziehbar zu gestalten. Auch gefiel mir sehr der „offene“ Schluss, der nicht mit der obligatorischen Wieder-Heirat der Eltern endet, sondern aufmerkt, dass es verschiedene Möglichkeiten des familiären Zusammenlebens gibt.

Aussatter Toto (aka Torsten Mittelstädt) stapelte große Bauklötze auf der Drehbühne, die je nach Winkel die unterschiedlichen Handlungsorte darstellten, und ermöglichte so einen flüssigen „Umbau“. Dabei wurde auch die Seitenbühne klug in das Konzept involviert. Gemeinsam mit den markanten Details, die vom Schnürboden schwebten, und den gefälligen Hintergrundprojektionen schuf er eine stimmungsvolle Atmosphäre. Maske und Kostüm verorteten die Handlung in die 50er Jahre und gefielen in ihrem charmanten Retro-Chic.

Diese Verortung empfand ich als äußerst angenehm, da es der Geschichte einen märchenhaften Anstrich gab, aber gleichzeitig zeigte, dass die „gute alte“ Zeit eben genau dies nicht war. Zudem war Kästner (wie so oft) so weitsichtig, dass er in seinen Kinderbüchern solch universelle Themen ansprach, die auch heute noch ihre Gültigkeit besitzen. Würde die Handlung im Hier und Jetzt spielen, wäre es zudem völlig unglaubwürdig, dass das Geheimnis der Zwillinge „dank“ Whatsapp, Tik Tok & Co. geheim bleiben könnte.

Sieben Schauspieler*innen stehen auf der Bühne, erwecken die Kästner’schen Figuren zum Leben und schlüpfen – außer im Falle unserer Titelheldinnen – in die verschiedensten Rollen. Janek Biedermann eröffnet die Szenerie: Sein Erzähler ist eine Mischung aus Zirkusdirektor und Clown. Zudem gibt er – neben Lottes Lehrer in München – noch den Dr. Strobel nebens Hund Pepperl in Wien und amüsiert als Metzger Huber mit seiner Hüften schwingenden Elvis-Imitation. Allein der enorme Größenunterschied zwischen ihm als verhuschter Herr Ulrich und Isabel Zeumer als resolute Frau Muthesius sorgte schon für viele Lacher im Publikum. Isabel Zeumer gefiel zudem als verängstigte Kellnerin und lieferte sich als tolpatschige Resi ein komisches Duell mit dem Telefonkabel oder kämpfte verzweifelt widerwillig mit dem Hund Pepperl auf ihrem Arm.

Carina Sönksen, Ulrich Fassnacht und Marsha Zimmermann standen vor der herausfordernden Aufgabe sowohl in die Rollen von Kindern wie auch Erwachsenen zu schlüpfen und meisterten diese Wandlung souverän. Konnte Carina Sönksen als Trude zwangsläufig weniger Eindruck hinterlassen, gelang ihr dies als rustikale Anni Habersetzer, die kleinere Kinder trietzt, durchaus besser. Als kapriziöse, eitle und verwöhnte Irene Gerlach, die mit allen Mitteln bekommt, was sie begehrt, sicherte sie sich die Antipathie des Publikums. Ulrich Fassnacht polterte überzeugend als ewig hungriger Rabauke Chris über die Bühne, um dann in den Smoking des schöngeistigen Dirigenten und Komponisten Ludwig Palfy zu schlüpfen, dessen ach so gemütliche Welt plötzlich durcheinander gerät. Marsha Zimmermann sorgte als Scheidungskind Steffie für einen berührenden Moment. Als sympathische Luiselotte Körner war sie von einem handfesten Pragmatismus in ihrem Versuch, ihre Doppelrolle als alleinerziehende Mutter und berufstätige Frau zu meistern.

Das Titel gebende Duo teilten sich Coco Plümer als Lotte Körner und Gästin Fenja Abel als Luise Palfy. Sehr schön harmonierten sie in ihrem gemeinsamen Zusammenspiel und formten – trotz optischer Ähnlichkeit – zwei deutlich voneinander zu unterscheidende Persönlichkeiten. Fenja Abels Luise war der quirligere, spontanere Zwillinge mit einem großen Sinn für Gerechtigkeit. Coco Plümer porträtierte Lotte dagegen ernster, patenter und beinah (zu) erwachsen. Luise handelt erst und überlegt dann; Lotte überlegt, bevor sie handelt: Beide Schauspielerinnen schafften es so, die bisherige Prägung der Figuren aus dem jeweils halben Elternhaus in die Entwicklung ihrer Rollen einfließen zu lassen.

Fun Fact: Ratet mal, welche Oper Ludwig Palfy dirigiert, während seine Tochter Luise alias Lotte ihm von der Loge aus zusieht? Diese Märchenoper spielt im Roman und somit auch in dieser Bühnenfassung eine nicht unerhebliche Rolle und kann als Allegorie für die Situation der Zwillinge gedeutet werden. So wird sie einerseits in der (Alp-)Traum-Sequenz zitiert, aber auch während der Vorstellung erklingen immer wieder ihre Melodien. Diese Märchenoper steht zurzeit auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. Kann das wirklich ein Zufall sein?!

Das Stadttheater Bremerhaven schenkte mir 75 höchst kurzweilige und amüsante Minuten mit einer Inszenierung, bei der nicht nur „Kästner“ drauf stand, sondern auch erfreulich viel „Kästner“ drin war!


Radio Bremen hat seine gnadenlosesten Kritiker*innen in die Premiere geschickt:

https://www.butenunbinnen.de/videos/weihnachtsmaerchen-das-doppelte-lottchen-stadttheater-bremerhaven-100.html


Noch bis zum 2. Weihnachtsfeiertag tollen die berühmten Zwillinge als DAS DOPPELTE LOTTCHEN über die Bühne des Stadttheaters Bremerhaven.

[Rezension] Märchenhafte Weihnachten. Wintermärchen aus aller Welt

Weihnachtszeit ist Märchenzeit!

So war es schon immer, und so wird es hoffentlich auch für immer bleiben. Landauf und landab öffnen die Theater ihre Pforten und präsentieren Märchen und Familienstücke zur Weihnachtszeit. Und auch in den heimischen vier Wänden wird näher zueinander gerückt, um einem Märchen zu lauschen. Dazu eignen sich Bilderbücher ganz besonders, bei denen dem Vorleser „über die Schulter geschaut“ werden kann, um so die Illustrationen bewundern zu können.

Der Wunderhaus-Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, sowohl bekannte wie auch weniger bekannte Märchen im neuen Glanz erstrahlen zu lassen und veröffentlicht hierzu thematische Märchenbücher. Unter dem Titel „Märchenhafte Weihnachten. Wintermärchen aus aller Welt“ fanden folgende Märchen ihren Weg ins Buch…

  1. Volksmärchen „Von den zwölf Monaten“
  2. H. C. Andersen „Der standhafte Zinnsoldat“
  3. Brüder Grimm „Sterntaler“
  4. H. C. Andersen „Der Tannenbaum“
  5. Brüder Grimm „Frau Holle“
  6. Manfred Kyber „Der Schneemann“
  7. Brüder Grimm „Die Wichtelmänner“
  8. H. C. Andersen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“
  9. Pavel Bazhov „Silberhuf“
  10. Selma Lagerlöf „Die Heilige Nacht“

…mit Illustrationen von Nina Ignatova, Olesia Kosmodemianskaia, Natalia Grebtsova, Svetlana Kondesyuk, Daria Pneva, Agata Dorobek, Elena Schweitzer und Vlada Shamova.

Nun könnte ich durchaus unken: Einerseits ist „aus aller Welt“ etwas hochgegriffen, wenn man bedenkt, dass mit jeweils drei Märchen der wohl bekanntesten Märchenerzähler zwei Länder sehr überrepräsentiert sind. Andererseits hätte mich bei den anderen Märchen durchaus interessiert, aus welchen Ländern sie ihren Ursprung haben. Auch fehlten mir sowohl entsprechende Hinweise zu den Übersetzer*innen als auch eine Zuordnung, welche Künstlerin zu welchem Märchen ihre wundervollen Illustrationen beigesteuert hat. Zugegeben: Dieser „Makel“ traf zuallererst meinen bibliophilen Nerv und dürfte einem jüngeren Klientel, das ja schließlich die Zielgruppe dieses Buches ist, völlig schnuppe sein.

Die Geschichten wurden mit individuellen Illustrationen geschmückt, die die Stimmung des Märchens jeweils sehr schön einfangen. Auch habe ich es sehr begrüßt, dass die Übersetzung nicht krampfhaft bemüht war, einen modernen, zeitgemäßen Ton anzuschlagen. Vielmehr entspinnen sich die Poesie einer Erzählung und die Schönheit einer Sprache aus dem Klang ungewohnter, wenn nicht gar altmodischer Formulierungen.

Mir hat ebenfalls sehr gefallen, dass die Märchen eine weite Spanne an Emotionen und Empfindungen abdecken: von heiter zu geheimnisvoll, über spannende bis melancholisch-traurig. Ja, auch ergreifend traurige Märchen ohne Happy End sind vertreten – müssen in Kinderbüchern, die wahrhaftig sein wollen, auch vertreten sein (Beispiel: „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“). Einigen mag diese Haltung brutal erscheinen, doch ist das Leben von so manchem Kind nicht genau dies? Ich halte mich da an den großen Erich Kästner:

„Schließlich nahm ich ein Kinderbuch vor, das mir der Verfasser geschickt hatte, und las darin. Aber ich legte es bald wieder weg. So sehr ärgerte ich mich darüber! Ich will euch auch sagen, warum. Jener Herr will den Kindern, die sein Buch lesen, doch tatsächlich weismachen, dass sie ununterbrochen lustig sind und vor lauter Glück nicht wissen, was sie anfangen sollen! Der unaufrichtige Herr tut, als ob die Kindheit aus prima Kuchenteig gebacken sei. Wie kann ein erwachsener Mensch seine Jugend so vollkommen vergessen, dass er eines Tages überhaupt nicht mehr weiß, wie traurig und unglücklich Kinder zuweilen sein können? […] Es ist nämlich gleichgültig, ob man wegen einer zerbrochenen Puppe weint oder weil man, später einmal, einen Freund verliert. Es kommt im Leben nie darauf an, worüber man traurig ist, sondern nur darauf, wie sehr man trauert. Kindertränen sind, bei Gott, nicht kleiner und wiegen oft genug schwerer als die Tränen der Großen.“ (aus „Das fliegende Klassenzimmer“)

Märchen bzw. Bücher sind da eine ganz und gar wunderbare Möglichkeit, dass sich Kinder auch den ernsteren Themen annähern. Die Aufgabe von uns Erwachsenen ist es, ihnen dies zu ermöglichen, für ihre Fragen, Ängste und Sorgen empfänglich zu sein und ihnen den Halt zu geben, den sie brauchen und verdienen.


erschienen bei Wunderhaus / ISBN: 978-3963720314 / in der Übersetzung u.a. von Karin Ruppelt („Silberhuf“)

[Noch ein Gedicht…] Erich Kästner – EIN ALTER MANN GEHT VORÜBER

Ich war einmal ein Kind. Genau wie ihr.
Ich war ein Mann. Und jetzt bin ich ein Greis.
Die Zeit verging. Ich bin noch immer hier
Und möchte gern vergessen, was ich weiß.
Ich war ein Kind. Ein Mann. Nun bin ich mürbe.
Wer lange lebt, hat eines Tags genug.
Ich hätte nichts dagegen, wenn ich stürbe.
Ich bin so müde. Andre nennen’s klug.

Ach, ich sah manches Stück im Welttheater.
Ich war einmal ein Kind, wie ihr es seid.
Ich war einmal ein Mann. Ein Freund. Ein Vater.
Und meistens war es schade um die Zeit…

Ich könnte euch verschiedenes erzählen,
Was nicht in euren Lesebüchern steht.
Geschichten, welche im Geschichtsbuch fehlen,
Sind immer die, um die sich alles dreht.
Wir hatten Krieg. Wir sahen, wie er war.
Wir litten Not und sah’n, wie sie entstand.
Die großen Lügen wurden offenbar.
Ich hab‘ ein paar der Lügner gut gekannt.

Ja, ich sah manches Stück im Welttheater.
Ums Eintrittsgeld tut’s mir noch heute leid.
Ich war ein Kind. Ein Mann. Ein Freund. Ein Vater.
Und meistens war es schade um die Zeit…

Wir hofften. Doch die Hoffnung war vermessen.
Und die Vernunft blieb wie ein Stern entfernt.
Die nach uns kamen, hatten schnell vergessen.
Die nach uns kamen, hatten nichts gelernt.
Sie hatten Krieg. Sie sahen, wie er war.
Sie litten Not und sah’n, wie sie entstand.
Die großen Lügen wurden offenbar.
Die großen Lügen werden nie erkannt.

Und nun kommt ihr. Ich kann euch nichts vererben.
Macht, was ihr wollt. Doch merkt euch dieses Wort:
Vernunft muss sich ein jeder selbst erwerben,
Und nur die Dummheit pflanzt sich gratis fort.
Die Welt besteht aus Neid. Und Streit. Und Leid.
Und meistens ist es schade um die Zeit.

Erich Kästner

[Rezension] Die Wunder zu Weihnachten. Geschichten, die glücklich machen/ herausgegeben von Clara Paul

Ach, Glück, was ist das schon! Alle hecheln ihm hinterher, doch nur die wenigsten werden ihm habhaft. Und sollte ich ihm mal habhaft werden, was passiert dann? Bin ich dann für immer und ewig, sozusagen gänzlich allumfassend zufrieden? Aber kann „glücklich sein“ wirklich ein dauerhafter Zustand sein? Ist es nicht eher nur ein kurzer Moment, kaum da und nach nur einem Wimpernschlag auch schon wieder fort – einem Schmetterling gleich, der von Blüte zu Blüte flattert?

Und hier verspricht uns Herausgeberin Clara Paul gleich ein ganzes Buch mit Geschichten, die glücklich machen – sozusagen 230 Seiten pures Glücksgefühl! „Na!“ dachte ich so bei mir „Wenn sie da mal nicht den Mund etwas zu voll genommen hat!“ und begann zu lesen – und ich las und las und las…

  • …von „Das Geschenk“, das Hauslehrer Justus unverhofft dem Schüler Martin macht (aus „Das fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner),
  • …von „Der Schatz des Kindes“ (Antoine de Saint-Exupéry), das die Kleinsten uns Erwachsenen einem Geschenk gleich am Heiligen Abend bereiten,
  • …von dem bescheidenen Wunsch eines armen Mannes nach einem tierischen Weggefährten, der ihm in „Stille Nacht Zaubernacht“ (Dominique Marchand) durch einen Zauberer erfüllt wird,
  • …von den beiden kleinkriminellen aber höchst sympathischen Hallodris, die an Heiligabend „Das Wunder von Striegeldorf“ (Siegfried Lenz) erleben dürfen,
  • …von „Der Große Karpfen Ferdinand“ (Eva Ibbotson), der beim Weihnachtsfest das Leben einer ganzen Familie erschüttert,
  • …von Eltern, die in ihrem Übereifer für „Der doppelte Weihnachtsmann“ (Paul Maar) sorgen und dies ihrem Sprössling plausibel erklären müssen,
  • …von einem Doktor, der in trauter Runde eine „Weihnachtsgeschichte“ (Guy de Maupassant) zum Besten gibt, die von einem Wunder handelt, das er höchstpersönlich erlebt hat,
  • …von „Felix holt Senf“ (Erich Kästner), der für diese scheinbar simple Aufgabe ganze fünf Jahre benötigte, während seine Eltern ihm Jahr für Jahr die Bockwürste warm halten,
  • …von einer Mutter, die auf die Frage ihres Sohnes „Was war das für ein Fest?“ (Marie Luise Kaschnitz) dieses widerwillig zu erklären versucht und trotz aller negativen Beschreibungen ihm den Zauber nicht gänzlich nehmen kann,

…und ich las viele, viele weitere wunderbare Geschichten von namhaften Autor*innen, die alle von wundersamen Begegnungen, unglaublichen Begebenheiten und besinnlichen Momenten zu berichten wussten.

Da saß ich nun in meinem Lesesessel und war ganz in diesem Buch vertieft: Manchmal hielt ich vor Spannung den Atmen an, manchmal lachte ich amüsiert laut auf, und manchmal kullerte eine Träne der Rührung meine Wange hinunter. Ein warmes Gefühl breitete sich in mir aus, und ließ mich einen wohligen Seufzer ausstoßen.

Sollte mich da beim Lesen dieser Geschichten vielleicht tatsächlich ein Hauch von Glück gestreift haben…? ✨


erschienen bei Insel/ ISBN: 978-3458361015

[Rezension] Erich Kästner – Das fliegende Klassenzimmer

Während ich mich mit Gesang zwischen den Stühlen beschäftigte, schaute ich auch auf das Gesamtwerk von Erich Kästner und machte gedanklich einen Haken hinter jedem von mir schon gelesenen Buch. Plötzlich stockte ich abrupt, als mein Blick auf den Titel des Kinderbuches „Das fliegende Klassenzimmer“ fiel. Erstaunt blinzelte ich mit den Augen und konnte es selbst kaum fassen: Ich hatte diese Geschichte doch tatsächlich noch nie gelesen. Natürlich kenne ich den Inhalt, denn schließlich zählt der Film von 1954 zu meinen Lieblingen. Doch gelesen…! Ich nahm mir fest vor, dies in naher Zukunft nachzuholen.

An dem Sonntag vor 10 Tagen war es dann soweit: Der Freitag zuvor war ein sehr ungewöhnlicher Tag – herausfordernd, emotional, beinah surreal – und entließ mich mit vielen unterschiedlichen Gedanken ins Wochenende. Trotz intensivem Austausch mit meinem Gatten, ließen mich diese Gedanken nicht los, und ich lief in den folgenden Tagen mit vielfältigen Gefühlen durch die Wohnung. Irgendwie hatte ich das Bedürfnis, meiner Seele eine kleine Streicheleinheit zu gönnen. So griff ich zu „Das fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner und war für Stunden nicht mehr ansprechbar. Bei der Lektüre überrollte mich eine warme Woge der Menschlichkeit, wie es nur Kästner vermag, und Tränen rannen über meine Wangen.

Unsere Geschichte spielt in einem oberbayrischen Internat kurz vor den Weihnachtsferien. In mehreren Episoden lernen wir unsere fünf jungen Helden kennen, die sehr unterschiedlich die Vorweihnachtszeit erleben. Johnny ist ganz mit der Inszenierung seines selbstgeschriebenen Stücks „Das fliegende Klassenzimmer“ beschäftigt, bei dem natürlich alles seine Freunde mitwirken. Der starke Matthias geht keiner Keilerei aus dem Weg und hat vor nichts Angst, außer er könnte zu wenig zu essen bekommen. Sein Kumpel Uli schämt sich dafür umso mehr darüber, dass er so furchtsam ist. Um nicht als Hasenfuß zu gelten, stellt er sich einer gefährlichen Mutprobe. Klassenprimus Martin leidet still, als er erfahren muss, dass er zu Weihnachten nicht nach Hause fahren kann: Aufgrund der Arbeitslosigkeit des Vaters ist kein Geld für die Fahrkarte übrig. Und der intelligente Sebastian versucht aufkommende Empfindungen hinter Rationalität zu verbergen, die aber immer wieder mit der Realität kollidiert. Sie alle haben – neben dem regulären Schullalltag – ihre kleinen Sorgen und großen Kümmernisse zu bewältigen. Die väterliche Figur nimmt in dieser Geschichte der von allen verehrte Hauslehrer Dr. Johann „Justus“ Bökh ein, der warmherzig die Belange „seiner“ Jungs sowohl mit Humor als auch mit dem nötigen Ernst begegnet. Ihm wird eine besondere Weihnachtsüberraschung zuteil, als die Jungs ihn zu dem s.g. „Nichtraucher“ führen, der in einem ausrangierten Eisenbahnwagon in der Nähe der Schule lebt. Besagter „Nichtraucher“ entpuppt sich als sein alter Freund Robert Uthofft, der nach einem harten Schicksalsschlag den Kontakt zu „Justus“ abgebrochen hatte. Doch eine Geschichte, die um und an Weihnachten spielt, wäre keine richtige Weihnachtsgeschichte, wenn am Ende nicht alles gut würde…!

Könnt Ihr Euch vorstellen, wie schwierig es ist, die Inhaltsangabe für eine Geschichte zusammenzuschustern, in der so viel passiert? Wo anfangen? Was ist relevant? Was kann ausgelassen werden? Kann überhaupt etwas ausgelassen werden? Greifen die vielen kleinen Episoden nicht nahtlos ineinander und verknüpfen sich erst so zu einem Ganzen? Ergibt nicht erst das Zusammenfügen der einzelnen Puzzle-Teile am Ende ein harmonisches Bild? Mein stümperhaftes Ergebnis (siehe oben) kann somit nur bruchstückhaft die Handlung wiedergeben.

Eingebettet ist die Geschichte in einer Rahmenhandlung, in der der Schriftsteller u.a. von der Schwierigkeit berichtet, im Sommer eine Winter-Geschichte zu schreiben. Gleichzeitig lässt er ebenso seine persönliche Haltung zur Kinderliteratur einfließen…

„Schließlich nahm ich ein Kinderbuch vor, das mir der Verfasser geschickt hatte, und las darin. Aber ich legte es bald wieder weg. So sehr ärgerte ich mich darüber! Ich will euch auch sagen, warum. Jener Herr will den Kindern, die sein Buch lesen, doch tatsächlich weismachen, dass sie ununterbrochen lustig sind und vor lauter Glück nicht wissen, was sie anfangen sollen! Der unaufrichtige Herr tut, als ob die Kindheit aus prima Kuchenteig gebacken sei. Wie kann ein erwachsener Mensch seine Jugend so vollkommen vergessen, dass er eines Tages überhaupt nicht mehr weiß, wie traurig und unglücklich Kinder zuweilen sein können? […] Es ist nämlich gleichgültig, ob man wegen einer zerbrochenen Puppe weint oder weil man, später einmal, einen Freund verliert. Es kommt im Leben nie darauf an, worüber man traurig ist, sondern nur darauf, wie sehr man trauert. Kindertränen sind, bei Gott, nicht kleiner und wiegen oft genug schwerer als die Tränen der Großen.“ (Original-Zitat aus dem Roman)

Mit diesen Sätzen beschreibt Erich Kästner sehr schön das, was seine Kinderbücher ausmacht: Er macht seinen jungen Leser*innen nichts vor. Zwar dramatisiert er nicht aber vermeidet auch die Verharmlosung. Seine jugendlichen Held*innen dürfen (!) unangenehme Situationen erfahren. Bei ihm dürfen sie leiden und trauern aber auch froh und glücklich sein. Er wertet bzw. entwertet die Gefühle seiner jungen Protagonisten nicht. Das Leben – insbesondere das Leben eines Kindes – ist nicht immer Himmelhochjauchzend mit Heiteitei und Ringelrein. Vielmehr deckt er die scheinheilige Doppelmoral von Autor*innen, Verleger*innen und erwachsenen Leser*innen auf, die sich über Schilderungen in Kinderbüchern, die ihnen zu radikal-realistisch erscheinen, echauffieren, dabei aber völlig ausblenden, dass die Wirklichkeit, auf die so manche Kinder leider prallen müssen, deutlich radikaler ist.

Und trotz aller gesellschaftskritischen und satirischen Aspekte in seinen Werken bleibt Kästner durch und durch der Menschenfreund, der nichts unversucht lässt, um die Tugenden im menschlichen Miteinander hochzuhalten: Freundschaft und Liebe, Toleranz und Loyalität, Mitgefühl und Fürsorge.

Und dies gelingt ihm – sowohl in seinen Kinderbüchern wie auch in den Werken für Erwachsene – auf ganz unnachahmlicher Weise: Ohne den erhobenen Zeigefinger der Moral, vielmehr ganz sanft, beinah in homöopathischen Dosen pflanzt er seine Botschaft in mich hinein und justiert meine sozialen Antennen neu.

Ich spüre, da ist jemand, der versteht. Ich atme befreit auf und weiß, es ist nun gut.

Wenn ich Kästner lese, wird meine Seele getröstet!


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855356072

[Noch ein Gedicht…] Erich Kästner – SOZUSAGEN IN DER FREMDE

Er saß in der großen Stadt Berlin
an einem kleinen Tisch.
Die Stadt war groß, auch ohne ihn.
Er war nicht nötig, wie es schien.
Und rund um ihn war Plüsch.

Die Leute saßen zum Greifen nah,
und er war doch allein.
Und in dem Spiegel, in den er sah,
saßen sie alle noch einmal da,
als müsste das so sein.

Der Saal war blaß vor lauter Licht.
Es roch nach Parfüm und Gebäck.
Er blickte ernst von Gesicht zu Gesicht.
Was er da sah, gefiel ihm nicht.
Er schaute traurig weg.

Er strich das weiße Tischtuch glatt
und blickte in das Glas.
Fast hatte er das Leben satt.
Was wollte er in dieser Stadt,
in der er einsam saß?

Da stand er, in der Stadt Berlin,
auf von dem kleinen Tisch.
Keiner der Menschen kannte ihn.
Da fing er an, den Hut zu ziehn!
Not macht erfinderisch.

Erich Kästner