[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2025/2026 / Stadttheater Bremerhaven

mit dem Marsch Nr. 1 aus der SUITE FÜR JAZZORCHESTER NR. 2 von Dimitri Schostakowitsch sowie Arien, Songs und Musiken von Emmerich Kálmán, Sergei Prokofjew, Guiseppe Verdi, Antonio Vivaldi, Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, Vincenco Bellini, Stephen Sondheim und Erich Wolfgang Korngold

mit Ausschnitten aus SEIN ODER NICHTSEIN von Nick Whitby, DIE BAGAGE von Coco Plümer (nach Monika Helfer), 20.000 MEILEN UNTER DEM MEER von Justine Wiechmann (nach Jules Verne), TROJA! BLINDE PASSAGIERE IM TROJANISCHEN PFERD von Henner Kallmeyer, FÜNFTER SEIN von Inda Buschmann und JUB-Ensemble

sowie aus den Balletten DIE VIER JAHRESZEITEN und DER NUSSKNACKER von Alfonso Palencia

Premiere: 30. August 2025 / besuchte Vorstellung: 30. August 2025

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch
CHOR Edward Mauritius Münch
SZENISCHE EINRICHTUNG Annika Ellen Flindt
MODERATION Lars Tietje, Marc Niemann, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Alfonso Palencia, Markus Tatzig

Musiktheater: Timothy Edlin, Meredith Hoffmann-Thomson, Marcin Hutec, Andrew Irwin, Victoria Kunze, Boshana Milkov, Weilian Wang
Ballett: Marco Maronglu, Dawon Yang und Ballettkompagnie
Schauspiel: Frank Auerbach, Anna Caterina Fadda, Leon Häder, Angelika Hofstetter, Julia Lindhorst-Apfelthaler, Alexander Smirzitz und Marc Vinzing
JUB: Ümran Algün, Sander Lybeer, Coco Plümer und Tobias Sill
Opernchor am Stadttheater Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


Wie schön, dass diese furchtbare theaterlose Zeit nun (vorerst) vorbei ist!

Hatte ich mich zwar – wie auch schon in den vergangenen Jahren – mit der entsprechenden Lektüre versucht zu trösten und bin so zwischen zwei Buchdeckeln auf kultureller Wanderschaft gegangen, so war dies doch eher ein schwacher Ersatz für einen Besuch in einem echten Theater. Und so fieberte ich dem vergangenen Wochenende, an dem mein Stammtheater zwei Tage lang den Saison-Beginn zelebrieren sollte, voller Freude und Neugier entgegen.

Äußerst schwungvoll eröffnete GMD Marc Niemann und das Philharmonische Orchester Bremerhaven mit dem Marsch Nr. 1 aus der SUITE FÜR JAZZORCHESTER NR. 2 von Dimitri Schostakowitsch die Gala. Beinah schien es, als hätte der Komponist versucht, alles Militärische in diesem Marsch spielerisch zu ironisieren. Es wird die letzte Spielzeit von Marc Niemann am Hause sein: So kann BRÜCKEN, der Titel der kommenden Konzert-Saison wohl programmatisch interpretiert werden. Doch er hat in den vergangenen Jahren „das Feld“ (aka das Orchester) gut bestellt und mit Davide Perniceni und Hartmut Brüsch zwei feste Stützen am Haus, die auch an diesem Abend zeigten, dass sie das Philharmonische Orchesters souverän zu leiten verstanden.

Auch in diesem Jahr ließ es sich Intendant Lars Tietjen nicht nehmen, die Gala eloquent zu moderieren und uns somit durch den Abend zu geleiten. „Schützenhilfe“ erbat er sich von den jeweiligen Sparten-Leitungen Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Alfonso Palencia, die das Programm gemeinsam mit den Künstler*innen zusammengestellt hatten und so noch viele zusätzliche Informationen zu den entsprechenden Programmpunkten beisteuern konnten.

„So viele Komödien wie in dieser Spielzeit, spielen wir sonst nie“ meinte Peter Hilton Fliegel beinah entschuldigend und fügt hinzu, dass genau diese Art von Komödien so wichtig sei, da sie diejenigen verspottet, die unsere Freiheit bedrohen. Eingedeckt mit diesem Hintergrundwissen erhielt die Szene aus Nick Whitbys SEIN ODER NICHTSEIN, mit der das Schauspiel die Saison im großen Haus einläutet, eine zusätzliche Würze. Julia Lindhorst-Apfeltahler und Marc Vinzing boten einen pointiert-ironischen wie auch amüsanten Ausschnitt aus dieser wohl herrlich doppelbödigen Komödie.

Mit ihrer aparten Erscheinung und der Arie „Heia, in den Bergen ist mein Heimatland“ aus DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN von Emerich Kálmán stellte sich Sopranistin Meredith Hoffmann-Thomson dem Bremerhavener Publikum vor. Gemeinsam mit dem bestens aufgelegten Opernchor unter der Leitung von Edward Mauritius Münch bot sie reichlich Operetten-Seligkeit.

Dann betrat ein schlanker Jüngling die Bühne und überraschte mit seiner vollen Stimme: Bassbariton Timothy Edlin überzeugte gemeinsam mit Andrew Irwin in einer drolligen Szene aus der Oper DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN von Sergei Prokofjew, die Lust auf mehr machte.

Auch der letzte Neu-Zugang im Opern-Ensemble überzeugte auf ganzer Linie: Weilian Wang präsentierte bei „Lunge da lei … O mio rimorso!“ aus LA TRAVIATA, all das, was ich mir von einer tragfähigen, schön timbrierten Tenor-Stimme erhoffe.

Einer der Höhepunkt der jährlichen Gala ist stets die Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden. Die Namensgeberin, die in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts selbst im Ensemble des Stadttheaters Bremerhaven war, hätte in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert. Zudem vergab die Stiftung bereits seit 20 Jahren diesen nach ihr benannten Preis. Anlass genug, ihr Leben in Wort und Bild durch die/den frühere*n Preisträger*in Julia Lindhorst-Apfelthaler, Victoria Kunze und Mark Vinzing Revue passieren zu lassen.

In den vergangenen Jahren habe ich im Vorfeld immer gerätselt, wer den Preis erhalten könnte. Längst habe ich dies aufgegeben und lasse mich an dem Abend gerne überraschen. Wobei Insider, die einen wissenden Blick auf das Programm werfen, natürlich klar im Vorteil sind: Die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch, dass der Programmpunkt, der nach der Verleihung an der Reihe ist, im direkten Zusammenhang mit dieser steht. Auch in diesem Jahr traf es zu: Ballettdirektor und Chefchoreograf Alfonso Palencia, Assistent Bobby Briscoe und die Tänzer*innen der Ballettcompagnie durften diesen Preis für ihre herausragende künstlerische wie tänzerische Leistung in der vergangenen Spielzeit entgegen nehmen. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Direkt im Anschluss zeigte die Compagnie ihre Kunst in einem Ausschnitt aus dem Ballett zu DIE VIER JAHRESZEITEN aus der Saison 2023/2024. Mit dem „Pas de deux“ aus DER NUSSKNACKER begeisterten Dawon Yang und Marco Maronglu voller Grazie, Kraft und Anmut und machten Lust auf Tschaikowskis Märchenballett, dass im Oktober im Großen Haus zur Premiere kommt.


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Im JUB – Junges Theater Bremerhaven steht mit TROJA! BLINDE PASSAGIERE IM TROJANISCHEN PFERD von Henner Kallmeyer anscheinend eine sehr vergnügliche „Geschichtsstunde“ auf dem Programm, wie uns Coco Plümer, Tobias Sill und Sander Lybeer nachdrücklich bewiesen. Zu dem danach folgenden Auszug aus FÜNFTER SEIN gesellte sich zusätzlich Ümran Algün mit einem charmanten Auftritt zu ihren Kolleg*innen vom JUB.

Im kleinen Haus feiert bald DIE BAGAGE nach dem Roman von Monika Helfers seine Premiere. Diese Bühnenfassung wurde von JUB-Schauspielerin Coco Plümer erstellt und kommt somit als Erstaufführung auf die Bühne. Anna Caterina Fadda, Leon Häder und Angelika Hofstetter gaben einen sehr intensiven Einblick von der ersten Szene des Stücks.

„Romeo & Julia III.“: Nachdem in den vergangenen Jahre sowohl der Klassiker von Shakespeare als auch das Ballett mit der Musik von Prokofjew auf einer der Bühnen des Stadttheaters zu sehen war, scheint der Weg zur Opern als logische Folge unausweichlich. Als konzertante Fassung wird I CAPULETI E I MONTECCHI von Vincenzo Bellini den Spielplan bereichern. Sopranistin Victoria Kunze kleidete bei der Romanze „Oh! Quante volte“ Julias Sehnsucht nach ihrem Liebsten in feinen lyrischen Gesangslinien voller sanfter Melancholie.

Mit SWEENEY TODD von Stephen Sondheim steht in dieser Saison ein grandioses Werk aus dem Musical-Kanon auf der Agenda des Stadttheaters Bremerhaven. Wie feinsinnig, subtil und gleichzeitig lustig Musical sein kann, das beweist nicht nur dieses Werk sondern auch die Interpretin bzw. der Interpret. Nuanciert, mit schlichter Zurückhaltung und zartem Schmelz besang Tenor Andrew Irwin als Anthony seine große Liebe „Johanna“. Voller Spielfreude schlüpfte Mezzosopranistin Boshana Milkow in die Rolle der Mrs. Lovett und versuchte schlitzohrig und mit deftigen Charme „Londons schlimmste Pasteten“ unter das Volk zu bringen (Oder doch eher das Volk unter die Pasteten?). Beide meisterten sie grandios die Tücken der anspruchsvollen Partitur.

Apropos „schlichte Zurückhaltung“: Für die Arie „Mein Sehnen, mein Wehnen“ aus DIE TOTE STADT von Erich Wolfgang Korngold schien die lyrische Stimme des Baritons Marcin Hutek geradezu prädestiniert zu sein. Hier bewahrheitete sich abermals das Motto „weniger ist mehr“, denn nicht jedes Musikstück gewinnt durch eine auftrumpfende Stimme.

Doch dank LA TRAVIATA muss auf die große Oper in dieser Saison nicht verzichtet werden: Bevor Victoria Kunze und Weilian Wang mit „Libiamo, ne´lieti calici“ das ganz große Opern-Besteck auspackten, glänzte der Opernchor bei „Cori di Zingarelle/Mattadori“ in schönster stimmlicher Pracht.

Wie ein prall gefüllter Korb mit vielfältigen Leckereien präsentierte das Stadttheater Bremerhaven sein Programm zur Spielzeit 2025/2026 und lockte so verführerisch, dass ich mit Sicherheit das eine oder andere kulturelle Häppchen davon naschen werde.


THEATERFEST 2025 Nur wenige Stunden später lud das Stadttheater Bremerhaven zum Theaterfest ein, öffnete alle seine Türen und präsentierte ein buntes Programm vor, auf, hinter und neben der Bühne, u.a. mit Führungen, Mini-Konzerte, Besuch der Werkstätten, Einblicke in Proben, Kostümverkauf und vielen Mitmach-Aktionen. Da fiel es mir wahrlich schwer, eine Auswahl zu treffen, und ich musste aufpassen, dass es nicht zu einem Theater-Marathon ausartete. Glücklicherweise ist bei mir ein „Programmpunkt“ zwecks Regeneration jedes Jahr fest gesetzt: Der Besuch des Kuchenbüfetts der Landfrauen! 😉

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Mit der Eröffnungsgala und dem Theaterfest beginnt offiziell die SAISON 2025/2026 am Stadttheater Bremerhaven, das mich wieder mit einem vielfältigen Programm begeistert.

[Kinder- und Jugendtheater] Erich Kästner – DAS DOPPELTE LOTTCHEN / Stadttheater Bremerhaven

Familienstück zur Vorweihnachtszeit / nach dem Kinderbuchklassiker von Erich Kästner / für die Bühne bearbeitet von Henning Bock und Jürgen Popig // ab 6 Jahren

Premiere: 17. November 2023 / besuchte Vorstellung: 10. Dezember 2023
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


INSZENIERUNG Jens Kerbel
BÜHNE & KOSTÜME Toto
DRAMATURGIE Bianca Sue Henne
REGIEASSISTENZ Sydney Mikosch
INSPIZIENZ Regina Wittmar
THEATERPÄDAGOGIK Katharina Dürr


Die Schwingtür hinter mir pendelte sich langsam aus, als ich an diesem frühen Nachmittag den Kassenraum verließ und weiter zur Garderobe schlenderte. Die Dame an der Garderobe und ich sahen uns an, beinah zeitgleich öffneten wir die Münder zum Gruß, dann zögerten wir beide. „Jetzt hätte ich ihnen beinah einen guten Abend gewünscht!“ stammelte ich. Die Dame an der Garderobe lachte und sagte „Ich hatte es auch auf der Zunge. Es ist nicht ihre Zeit!“. Stimmt, es war nicht meine übliche Zeit, an der ich sonst dieses Theater betrete. Doch was blieb mir anderes übrig: Für Erich Kästner erscheine ich auch gerne zur unüblichen Zeit! 😄

Sie sind wahrscheinlich das bekannteste Zwillingspaar in der Literaturgeschichte: Luise Palfy aus Wien und Lotte Körner aus München. Schon in den 40er Jahren konzipierte Kästner ein Filmtreatment zu diesem Stoff, dass er dem Filmregisseur Josef von Báky vorstellte. Doch ein von den Nationalsozialisten verhängtes Arbeitsverbot durchkreuzte seine Filmpläne. So arbeitete Kästner nach Kriegsende die Geschichte zunächst zu einem Roman aus, dem wenige Jahre später der Film unter von Bákys Regie folgen sollte.

Kästner sprach im biederen Nachkriegsdeutschland Themen an, die damals zu Diskussionen führten. Das Thema Scheidung war wohl vormals noch nie in einem Kinderbuch zur Sprache gekommen. Auch die Figur der selbstständigen, alleinerziehenden und berufstätigen Mutter entsprach ebenso wenig dem gängigen Klischee, wie die Charakterisierung der beiden Mädchen, die eigenständig agieren und jede für sich eine entscheidende Entwicklung durchmachen.

Nachdem die Verfilmung von 1950 ein großer Erfolg wurde und sogar als erster Film den Bundesfilmpreis erhielt, sollten weitere, auch internationale Verfilmungen folgen. Kein Wunder, dass das doppelte Lottchen zwangsläufig ihren Weg auf die Bühne finden musste.

Endlich Sommerferien! Luise hat schnell alle Kinder im Ferienheim fest im Griff – bis Lotte vor ihr steht und sie die Welt nicht mehr versteht, denn dieses Mädchen gleicht ihr wie ein Ei dem anderen – jedoch nur von außen, denn im Temperament könnten die beiden nicht unterschiedlicher sein. Da sie auch am selben Tag Geburtstag haben, kommt schnell heraus, was hier los ist: Ihre feinen Eltern haben sich kurz nach der Geburt der Mädchen getrennt – und die Kinder gleich mit. Doch da haben sie die Rechnung ohne ihre Zwillinge gemacht! Luise und Lotte tauschen nach den Ferien die Rollen, um die Familie wieder zusammen zu bringen. Ein großer Spaß, denn hier geht so einiges schief auf dem Weg zum Happy End!

(Inhaltsangabe dem Programmzettel zu dieser Produktion entnommen.)

Die in Bremerhaven gespielte Fassung von Henning Bock und Jürgen Popig kam 2002 im Staatstheater Stuttgart zur Uraufführung und besticht mit seiner deutlichen Nähe zum Ur-Text. Die Dialoge scheinen eins zu eins dem Roman entnommen zu sein. Dafür vermisste ich die leisen Töne, die Kästner dem Erzähler des Romans bzw. sich selbst bei der Verfilmung in den Mund legte.


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In Bremerhaven setzte Regisseur Jens Kerbel auf Tempo. Dabei schrammte er manchmal nah an der Hektik vorbei. Vielleicht war dies auch der ursprünglich geplanten Aufführungsdichte geschuldet: Bei einer Spiellänge von ca. 75 Minuten ohne Pause und Vorstellungen um 9.00 und 11.00 Uhr bleibt nicht viel Zeit für interpretatorischem Schnickschnack. Dafür passierte ständig etwas auf der Bühne, das die Aufmerksamkeit der kleinen wie großen Zuschauer*innen fesselte. Zusammen mit den Schauspieler*innen kreierte Kerbel so manch herrlich ulkige Szene, verstand es aber auch sowohl die unterschiedlichen Charaktere der Zwillinge als auch deren zögerliche Annäherung und spätere Verbundenheit sichtbar und somit nachvollziehbar zu gestalten. Auch gefiel mir sehr der „offene“ Schluss, der nicht mit der obligatorischen Wieder-Heirat der Eltern endet, sondern aufmerkt, dass es verschiedene Möglichkeiten des familiären Zusammenlebens gibt.

Aussatter Toto (aka Torsten Mittelstädt) stapelte große Bauklötze auf der Drehbühne, die je nach Winkel die unterschiedlichen Handlungsorte darstellten, und ermöglichte so einen flüssigen „Umbau“. Dabei wurde auch die Seitenbühne klug in das Konzept involviert. Gemeinsam mit den markanten Details, die vom Schnürboden schwebten, und den gefälligen Hintergrundprojektionen schuf er eine stimmungsvolle Atmosphäre. Maske und Kostüm verorteten die Handlung in die 50er Jahre und gefielen in ihrem charmanten Retro-Chic.

Diese Verortung empfand ich als äußerst angenehm, da es der Geschichte einen märchenhaften Anstrich gab, aber gleichzeitig zeigte, dass die „gute alte“ Zeit eben genau dies nicht war. Zudem war Kästner (wie so oft) so weitsichtig, dass er in seinen Kinderbüchern solch universelle Themen ansprach, die auch heute noch ihre Gültigkeit besitzen. Würde die Handlung im Hier und Jetzt spielen, wäre es zudem völlig unglaubwürdig, dass das Geheimnis der Zwillinge „dank“ Whatsapp, Tik Tok & Co. geheim bleiben könnte.

Sieben Schauspieler*innen stehen auf der Bühne, erwecken die Kästner’schen Figuren zum Leben und schlüpfen – außer im Falle unserer Titelheldinnen – in die verschiedensten Rollen. Janek Biedermann eröffnet die Szenerie: Sein Erzähler ist eine Mischung aus Zirkusdirektor und Clown. Zudem gibt er – neben Lottes Lehrer in München – noch den Dr. Strobel nebens Hund Pepperl in Wien und amüsiert als Metzger Huber mit seiner Hüften schwingenden Elvis-Imitation. Allein der enorme Größenunterschied zwischen ihm als verhuschter Herr Ulrich und Isabel Zeumer als resolute Frau Muthesius sorgte schon für viele Lacher im Publikum. Isabel Zeumer gefiel zudem als verängstigte Kellnerin und lieferte sich als tolpatschige Resi ein komisches Duell mit dem Telefonkabel oder kämpfte verzweifelt widerwillig mit dem Hund Pepperl auf ihrem Arm.

Carina Sönksen, Ulrich Fassnacht und Marsha Zimmermann standen vor der herausfordernden Aufgabe sowohl in die Rollen von Kindern wie auch Erwachsenen zu schlüpfen und meisterten diese Wandlung souverän. Konnte Carina Sönksen als Trude zwangsläufig weniger Eindruck hinterlassen, gelang ihr dies als rustikale Anni Habersetzer, die kleinere Kinder trietzt, durchaus besser. Als kapriziöse, eitle und verwöhnte Irene Gerlach, die mit allen Mitteln bekommt, was sie begehrt, sicherte sie sich die Antipathie des Publikums. Ulrich Fassnacht polterte überzeugend als ewig hungriger Rabauke Chris über die Bühne, um dann in den Smoking des schöngeistigen Dirigenten und Komponisten Ludwig Palfy zu schlüpfen, dessen ach so gemütliche Welt plötzlich durcheinander gerät. Marsha Zimmermann sorgte als Scheidungskind Steffie für einen berührenden Moment. Als sympathische Luiselotte Körner war sie von einem handfesten Pragmatismus in ihrem Versuch, ihre Doppelrolle als alleinerziehende Mutter und berufstätige Frau zu meistern.

Das Titel gebende Duo teilten sich Coco Plümer als Lotte Körner und Gästin Fenja Abel als Luise Palfy. Sehr schön harmonierten sie in ihrem gemeinsamen Zusammenspiel und formten – trotz optischer Ähnlichkeit – zwei deutlich voneinander zu unterscheidende Persönlichkeiten. Fenja Abels Luise war der quirligere, spontanere Zwillinge mit einem großen Sinn für Gerechtigkeit. Coco Plümer porträtierte Lotte dagegen ernster, patenter und beinah (zu) erwachsen. Luise handelt erst und überlegt dann; Lotte überlegt, bevor sie handelt: Beide Schauspielerinnen schafften es so, die bisherige Prägung der Figuren aus dem jeweils halben Elternhaus in die Entwicklung ihrer Rollen einfließen zu lassen.

Fun Fact: Ratet mal, welche Oper Ludwig Palfy dirigiert, während seine Tochter Luise alias Lotte ihm von der Loge aus zusieht? Diese Märchenoper spielt im Roman und somit auch in dieser Bühnenfassung eine nicht unerhebliche Rolle und kann als Allegorie für die Situation der Zwillinge gedeutet werden. So wird sie einerseits in der (Alp-)Traum-Sequenz zitiert, aber auch während der Vorstellung erklingen immer wieder ihre Melodien. Diese Märchenoper steht zurzeit auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. Kann das wirklich ein Zufall sein?!

Das Stadttheater Bremerhaven schenkte mir 75 höchst kurzweilige und amüsante Minuten mit einer Inszenierung, bei der nicht nur „Kästner“ drauf stand, sondern auch erfreulich viel „Kästner“ drin war!


Radio Bremen hat seine gnadenlosesten Kritiker*innen in die Premiere geschickt:

https://www.butenunbinnen.de/videos/weihnachtsmaerchen-das-doppelte-lottchen-stadttheater-bremerhaven-100.html


Noch bis zum 2. Weihnachtsfeiertag tollen die berühmten Zwillinge als DAS DOPPELTE LOTTCHEN über die Bühne des Stadttheaters Bremerhaven.