[Ballett] Cayetano Soto & Alfonso Palencia – SEELEN / Stadttheater Bremerhaven

Tanzabend von Cayetano Soto und Alfonso Palencia / mit Musik von Bryce Dessner, Johann Sebastian Bach und Philip Glass

Premiere: 7. Oktober 2023 / besuchte Vorstellung: 29. Oktober 2023
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


TWENTY EIGHT THOUSAND WAVES

CHOREOGRAFIE Cayetano Soto
CHOREOGRAFISCHE EINSTUDIERUNG Mikiko Arai
BÜHNE & KOSTÜME Cayetano Soto

BEHIND THE WINDOW (URAUFFÜHRUNG)

CHOREOGRAFIE Alfonso Palencia
BÜHNE Christian Rinke, Alfonso Palencia
KOSTÜME Alfonso Palencia

ANIMA

CHOREOGRAFIE Alfonso Palencia
BÜHNE Christian Rinke
KOSTÜME Danielle Jost

CHOREOGRAFISCHE ASSISTENZ Bobby M. Briscoe
DRAMATURGIE Alfonso Palencia, Markus Tatzig
INSPIZIENZ Mahina Gallinger


„Veröffentlichst du in dieser Woche noch deinen Beitrag?“ fragte mich ein Freund, als wir nach der Vorstellung auf dem Weg zum Auto waren. Geschmeichelt warf ich mich in Position und schmetterte mit dem Brustton der Überzeugung heraus „Aber natürlich!“. Besagter Freund strahlte mich voller Vorfreude an „Toll! Ich freu` mich!“. Dann verabschiedeten wir uns,…!

…und nun sitze ich hier vor der Tastatur des PCs und starre „auf ein leeres Blatt Papier“, will sagen: auf einen leeren Monitor. Denn wie soll ich etwas beschreiben, was unbeschreiblich wirkt? Welche profanen Wörter können die Emotionen ausdrücken, die ich empfunden habe? Wie definiere ich etwas, das nicht greifbar scheint?

Denn im Grunde geht es mir immer so, wenn ich einem Tanzabend im Theater miterleben durfte. Ballett ist die Form in der darstellenden Kunst, für die ich den größten Respekt empfinde, da sie dem Künstler ein Höchstmaß an Disziplin abverlangt. In meinem laienhaften Verständnis unterstelle ich, dass eine Geschichte einfacher durch Gesang oder Sprache vermittelt werden kann, als mit den Ausdrucksmöglichkeiten, die der Körper vorgibt. Im Tanz werden Empfindungen in Bewegungen übersetzt, die ihre wie selbstverständlich anmutende Leichtigkeit erst durch ein hartes Training erhalten. Niemand, der nicht selbst mit der Materie vertraut ist, kann auch nur annähernd erahnen, wie viele Tränen geweint, wie viele Blessuren verarztet und wie viel Schweiß vergossen wurde, bis auf der Bühne diese perfekte Einheit aus Emotionalität, Erotik und Ästhetik präsentiert werden kann.

In dieser Eröffnungsproduktion des Balletts am Stadttheater Bremerhaven gibt uns Ballettdirektor und Chefchoreograf Alfonso Palencia in drei Tanz-Miniaturen intime Einblicke in die menschliche Seele.


TWENTY EIGHT THOUSAND WAVES

28.000 Wellen im Ozean bilden gemeinsam eine große imposante Welle. Doch sobald diese mit Wucht gegen einen Felsen prallt, löst sie sich wieder auf in 28.000 einzelne Wellen. Beinah scheint es so, als stände jede Welle für ein Menschenleben, das kurzfristig mit anderen Leben eine Verbindung eingeht, sich dann abermals von ihnen loslöst, um sich einsam auf die Suche nach Menschen und Orten zu begeben, bei denen sich heimisch gefühlt werden kann. Die treibenden Violinen in Bryce Dessners Komposition „Aheym“ unterstreichen diese hektische Suche: Die Tanzenden finden zueinander, harmonieren miteinander und werden wieder auseinandergerissen, um sich in neuen Paarungen zu finden…

Mikiko Arai re-kreierte die sowohl kraft- wie auch anspruchsvolle Choreografie von Cayetano Soto zusammen mit den Tänzer*innen des Bremerhavener Ballettensembles, das an diesem Abend aus Helena Bröker, Melissa Festa, Lucia Giarratana, Clara Silva Gomes, Arturo Lamolda Mir, Marco Marongiu, Melissa Panetta, Zoe Irina Sauer Llano, Ming-Hung Wenig und Dawon Yang bestand.

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BEHIND THE WINDOW (URAUFFÜHRUNG)

Hinter einem Fenster kann sich so vieles verbergen: Sehnsüchte, Erwartungen, Ängste oder Ungewissheit. Wir lernen eine Familie bestehend aus Vater, Mutter und Sohn kennen. Das Familienleben könnte so schön sein, doch der Sohn ist unheilbar krank und verstirbt. Die Eltern gehen sehr unterschiedlich mit der Trauer um. Während der Vater den Verlust nicht akzeptieren kann, versucht die Mutter im Alltag zu funktionieren. Plötzlich erscheint hinter dem Fenster eine Erscheinung, die nur der Vater als seinen Sohn wahrnimmt. Die Mutter leidet, da sie am Verstand ihres Mannes zweifelt. Erst als auch sie die Erscheinung hinter dem Fenster wahrnimmt, finden beide wieder zueinander. Die Heilung kann beginnen…!

Zur Musik von Johann Sebastian Bach schuf Alfonso Palencia eine beinah kammerspielartig anmutende und sehr intensive Choreografie bei der „nur“ eine Tänzerin und zwei Tänzer auf der Bühne stehen. Melissa Panetta (Mutter), Ming-Hung Weng (Vater) und Arturo Lamolda Mir (Sohn) bilden eine harmonische Einheit und erzählen äußerst einfühlsam die berührende Geschichte über Verlust, Trauer aber auch Hoffnung.

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ANIMA

Was passiert mit der Seele eines Menschen – im Dies- wie im Jenseits? Wie gestaltet sich der Übergang? Und wie nehmen persönliche Emotionen und Erfahrungen Einfluss auf den Zustand der Seele? Sehr abstrakt nähert sich Alfonso Palencia mit seiner Choreografie der Beantwortung dieser Fragen. Die verschiedenen Zustände der Seelen werden durch die Schattierungen (Weiß, Grau, Schwarz) der Kostüme symbolisiert.

Die Positionen der Tanzenden zueinander bzw. auf den unterschiedlichen Ebenen des Bühnenbildes verdeutlichen, auf welcher Stufe des „Übergangs“ sich die jeweilige Seele befindet. Dabei vermischen sich die Seelen immer wieder im innigen Tanz. Sie führen sich gegenseitig unterstützend von der einer Ebene zur nächsten Ebene, lassen so einst getrennte Seelen sich finden. Das Violinen-Konzert Nr. 2 von Philip Glas bildet bei dieser Choreografie den musikalischen Rahmen.

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Ich bin immer wieder gerührt, mit welcher Begeisterung die Bremerhavener „ihre“ Ballett-Kompanie feiern: Schon während der Vorstellung waren im Publikum bewundernde Rufe zu hören. Nach jeder Sequenz wurde üppig Applaus gespendet. Und trotzdem ließen es sich die Zuschauer*innen nicht nehmen, die Tänzerinnen und Tänzer mit frenetischem Jubel und Standing Ovation von der Bühne zu verabschieden. Großartig!



Informationen und Termine zu weiteren Vorstellungen von SEELEN findet ihr auf der Homepage des Stadttheaters Bremerhaven.

[Event] OSTERHOLZER WINTERLICHTER: …die Zielgerade im Visier!

„A – es muss das Fest der Liebe sein,
B – du must Brandschutz versichert sein,
C – es muss mit Baum sein, Päckchenberg und Glühwein
und dann im neuen Jahr muss alles umzutauschen sein.“

…schmachtet Lady Pe aus dem Lautsprecher: Seit dem Besuch des Konzerts meiner liebsten Song-Poetin rotieren ihre Scheiben in allen Playern vom Wohnzimmer über die Bibliothek bis zum Auto. Die Melodie zu L.O.V.E. aus der Feder von Bert Kaempfert hatte sie schon vor einem Jahrzehnt neu bedichtet und aus ihm einen be-swingten Weihnachtssong gemacht. Gibt es einen besseren Soundtrack, um sich auf die schönste Zeit des Jahres einzustimmen? Für mich mit Sicherheit nicht…!

…und natürlich sorgen auch die OSTERHOLZER WINTERLICHTER für mein stetiges Weihnachts-Stimmungshoch: Verwundert schüttle ich den Kopf, wenn ich daran denke, dass mein Stadtteil Osterholz schon in einem Monat im weihnachtlichen Glanz erstrahlen wird. In der Zwischenzeit sind die Flyer an alle Haushalte im Stadtteil verteilt und liegen an vielen Plätzen im gesamten Stadtgebiet aus, die Plakate hängen überall und allerorten, und sogar in div. Print-Medien wurde schon über uns berichtet.

Doch Zeit zum Luft holen bleibt kaum, denn schließlich folgt nun „nach der Pflicht die Kür“: Wir müssen uns Gedanken über den Aufbau vor Ort machen, vorhandene Utensilien und Materialien überprüfen und evtl. neu besorgen, das Raum- bzw. Deko-Konzept erarbeiten, Absprachen mit Helfer*innen treffen undnochsovielesmehr…! Denn wie so oft sind es die Kleinigkeiten, die die meiste Arbeit verursachen und entsprechend Zeit in Anspruch nehmen. Doch genau da fängt es an, mir besonders viel Spaß zu machen: Ich liebe die Detailarbeit!

Unsere wunderbare Homepage ist mit Informationen üppig angewachsen und somit prall gefüllt, und auch auf den Accounts bei facebook und Instagram gibt es für euch immer wieder Neues zu entdecken. So hoffe ich sehr, dass das, was ihr dort erfahrt, sooo sehr eure Neugier weckt und ihr euch in einem Monat auf den Weg macht zu den OSTERHOLZER WINTERLICHTERn…! 💖


Die OSTERHOLZER WINTERLICHTER finden am 2. Dezember 2023 von 11.00 bis 19.00 Uhr zwischen Bördestraße, Findorffstraße und Klosterplatz in 27711 Osterholz-Scharmbeck statt.

[Noch ein Gedicht…] Mascha Kaléko – EIN WELKES BLATT

Ein welkes Blatt – und jedermann weiß: Herbst.
Fröstelnd klirren die Fenster zur Nacht.
O grüne Welt, wie grell du dich verfärbst!

Schon raschelt der Winter im Laube.
Und die Vögel haben, husch, sich aus dem Staube
Gemacht.

Wie letzte Früchte fielen ihre Lieder vom Baum.
Nun haust der Wind in den Zweigen.

Die Alten im Park, sie neigen
Das Haupt noch tiefer. Und auch die Liebenden
Schweigen.

Bald sind alle Boote im Hafen.
Die Schwäne am Weiher schlafen
Im Nebellicht.

Sommer – entflogener Traum!
Und Frühling – welch sagenhaft fernes Gerücht!

Ein welkes Blatt treibt still im weiten Raum,
Und alle wissen: Herbst.

Mascha Kaléko

[Rezension] Agatha Christie – Das Sterben in Wychwood

Lorbeerkranz mit 25

„Welch eine schöne Zahl! Es fühlt sich an, wie ein Jubiläum!“ Ähnliches dachte vielleicht auch Agatha Christie, als sie sich ans Schreiben dieses Kriminalromans machte. Im Entstehungsjahr (1939) dieses Krimis waren ihre beiden bekanntesten Schnüffelnasen Hercule Poirot und Miss Marple schon seit Jahren bei den Fans etabliert. Dabei ging ihr besonders der bei den Leser*innen so beliebte Poirot manches Mal so sehr auf die Nerven, dass sie sich mit dem Verfassen von Romanen, in denen frische, unverbrauchte Ermittler*innen auftauchten, anscheinend ein wenig Abwechslung gönnte. Diese Charaktere gaben im literarischen Œuvre Christies dann aber bedauerlicherweise immer nur ein einmaliges Gastspiel.

Luke Fitzwilliam kehrt nach einem langen Auslandsaufenthalt nach England zurück. Auf der Zugfahrt nach London zu seinem Freund Jimmy Lorrimer lernt er Miss Pinkerton kennen, eine scheinbar verwirrte, aber liebenswürdige ältere Dame. „Es ist sehr leicht zu morden“, versichert diese ihm und berichtet von einer Reihe seltsamer Todesfällen in ihrer Heimatort Wychwood. Sie ist auf dem Weg zu Scotland Yard, weil sie sicher ist, zu wissen, wer der Mörder sei. Luke hört sich etwas ungläubig ihre Geschichte an. Am nächsten Tag erfährt er aus der Zeitung, dass Miss Pinkerton von einem Auto überfahren wurde. Nun ist er gar nicht mehr so skeptisch und beschließt, den seltsamen Geschehnissen auf den Grund zu gehen. Da sein Freund Jimmy in Wychwood eine Cousine hat, macht Luke sich auf den Weg dorthin, um Miss Pinkertons Mörder zu finden. Als Gast von Lord Whitfield gibt er vor, eine wissenschaftliche Arbeit über Heimatbräuche zu schreiben. Doch Jimmys scharfsichtige Cousine Bridget Convay, die ehemals die Sekretärin des Lords war und nun mit ihm verlobt ist, blickt schnell hinter Lukes dürftige Fassade und unterstützt ihn bei seinen Nachforschungen. Erschrocken müssen sie feststellen, dass es sich hierbei anscheinend um eine wahre Mordserie handelt, bei der es leider nur allzu viele Verdächtige gibt…!

Ich liebe Christies Krimi-Reihen mit Marple und Poirot so sehr, da ich bei jedem „Wiedersehen“ das Gefühl habe, eine alte Bekanntschaft wieder aufleben zu lassen. Vieles ist vertraut, manches wirkt vorhersehbar. Und doch genieße ich ebenso die Abstecher zu Werken der „Queen of Crime“ wie Tödlicher Irrtum oder Das Geheimnis von Sittaford, die mich mental neu herausfordern, wo eben nicht alles vorhersehbar erscheint, und ich mich mit den unbekannten Charakteren erst anfreunden muss.

Bei „Das Sterben von Wychwood“ bedient sich die Autorin eines vielfach genutzten und somit allzeit bekannten Rahmens: Handlungspersonal aus der mittleren bis gehobenen Klasse; ländliches, scheinbar idyllisches Umfeld; ausreichende und doch überschaubare Anzahl an potentiellen Täter*innen; ergo: überschaubare und doch ausreichende Anzahl an potentiellen Opfer*innen; Geschehnisse, die vom Normalen abweichen, würden zwangsläufig die Aufmerksamkeit der Nachbarschaft erregen; fremde Person als Impuls zur Kommunikation (Luke fragt/ Dorfbevölkerung antworten); ortskundige Person (Bridget) mit Vertrauensbonus als Türöffner;…

…und dieser Aufzählung könnte ich noch einige weitere Punkte hinzufügen. Anscheinend ist doch alles bekannt, oder? Und trotzdem machte es mir einfach einen immensen Spaß, diesen unterhaltsamen Krimi zu lesen. Dies verdankte ich dem Umstand, dass Agatha Christie wunderbar vielfältige Charaktere schuf und in ihrer Geschichte diese geballte Masse an Persönlichkeiten gekonnt kurzweilig aufeinander prallen ließ. Da gibt es den jugendlichen Helden, der so manches Mal sehr unvorteilhaft und somit recht wenig heldenhaft wirkt. Die jugendliche Naive ist ein höchst intelligentes Persönchen mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein. Der kauzige Alte verbirgt hinter seinem skurrilen Humor eine beinah pathologische Selbstüberschätzung. Und auch hier könnte ich die Liste weiter üppig ausschmücken.

Ich verzeihe ihr sogar so manches stereotype Klischee, da mir bewusst ist, dass dies damals gang und gäbe war, und auch Christie den Zwängen und Konventionen ihrer Zeit unterlag. So wird ein dem Okkulten zusprechender Antiquitätenhändler als unsympathische Tucke dargestellt. Na und?! Nicht jede LGBTQ-Person wird durch den Umstand, dass sie sich einem der Kürzel zugehörig fühlt, automatisch zu einem besseren Menschen. Auch wenn ich manches Mal den Eindruck habe, dass dies von der Community gerne so propagiert wird (und diese damit wieder ein Klischee bedient).

Nach meiner Erfahrung gibt es zumindest unter den Homosexuellen genauso viele schräge Typen wie bei den Heteros. Darum sehe ich es sehr entspannt, wenn in der Literatur auch äußerst ambivalente LGBTQ-Charaktere auftauchen. Natürlich ist meine entspannte Haltung abhängig vom jeweiligen Autor/ von der jeweiligen Autorin, und ich mache da durchaus sehr differenzierte Unterschiede bzgl. des Ausmaßes meiner Toleranz: So habe ich die Werke eines anderen Autors, der in der Vergangenheit durchaus sehr erfolgreich Katzenkrimis verfasst hatte, aus meinem Haus konsequent beseitigt. Nur soviel sei gesagt: Ich hatte meine Gründe!

Die Werke von Mrs. Christie sind dagegen meilenweit davon entfernt, dass ihnen ein ähnliches Schicksal widerfahren könnte.


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455013276 / in der Übersetzung von Giovanni und Ditte Bandini

[Konzert] Pe Werner – BEST OF: VON A NACH PE / TiF Bremerhaven

Premiere: 7. April 2016 / besuchte Konzerte: 26. Januar 2019 und 19. Oktober 2023

TiF – Theater im Fischereihafen Bremerhaven


PE-geisternd – PE-eindruckend – PE Werner

Ich habe es kurz mal in Gedanken überschlagen: Dies war nun mein 6. Konzert von und mit Pe Werner, das ich mit Entenpelle am ganzen Körper verlassen habe. Wenn Symptome immer wieder auftauchen, dann kann man doch mit Fug und Recht von „chronisch“ sprechen, oder?

Dieses Konzertprogramm wurde anlässlich ihres 30-jährigen Bühnen- und 25-jährigen Plattenjubiläums zusammengestellt: In der Zwischenzeit hat sie längst ihr 35-jähriges Bühnen- und somit das 30-jährige Plattenjubiläum höchst erfolgreich hinter sich gebracht. Doch Pe Werner ist wie ein guter Wein: Sie altert nicht. Im Gegenteil: Sie wird mit jedem Jahr besser. Und auch ihre Songs haben kein Mindesthaltbarkeitsdatum, sondern sind von einer immerwährenden Frische.

So kamen wir in den Genuss, ihren Radiohits, den Chansons und Swing- sowie  Jazz-Stücken zu lauschen, die sie mal kabarettistisch-(selbst-)ironisch, mal poetisch-melancholisch präsentierte. Dabei plauderte und scherzte sie, erzählte Anekdoten und schmachtete ihren Klaviervirtuosen Peter Grabinger an, der weit mehr als „nur“ eine musikalische Begleitung war. Vielmehr schuf er gekonnt musikalische Übergänge und entlockte den Tasten fein-nuancierte Klänge, die sich kongenial mit der Stimme der Sängerin verbanden.

Selbst Pit Lenz, der Mann am Ton, musste auf die Bühne. Bei „Deine Stimme“ war er nicht nur ihr charmanter Duettpartner, sondern überzeugte ebenso auf der Mundharmonika. In schönster „Close Hamony“ intonierte er gemeinsam mit Pe Werner und Peter Grabinger den Song „Das Lebkuchenherz“.

Während andere Sänger*innen gerne die Show der Gigantomanie frönen, um so (vielleicht) von der Substanzlosigkeit des vorgetragenen Liedguts abzulenken, braucht sie nur wenig, um gehört zu werden. Mit einem begnadeten Pianisten an ihrer Seite präsentiert sie ihre Songs wie funkelnde Diamanten zwischen so manchem Tinnef aus der Kiste der Unterhaltungsmusik. Ihre Konzerte sind für mich immer Balsam für die Seele und Streicheleinheiten für mein geschundenes Herz. Virtuos sorgte sie abermals bei mir für „Kribbeln im Bauch“ und lehrte mich das „Fliegen“ mit einem „Segler aus Papier“. Es gab somit nicht ein einziges triftiges Argument, das ich hätte anfügen können, um mein „Geld zurück“ zu verlangen. Vielmehr ließ ich mich von ihr nur allzu gerne mit „Trostpflastersteine“ bewerfen – und das mit Freude tonnenweise.

Sie ist eine der Künstler*innen, die Anspruch und Unterhaltung so meisterlich miteinander verbinden kann. Ich liebe es, wie kunstvoll sie mit der Sprache umgeht, filigrane Reime modelliert, mit den Worten spielt und mit ihren Melodien Stimmungen kreiert. Dabei trifft sie punktgenau ins Epizentrum der Emotionen, ohne dabei in die Untiefen des Kitsches abzugleiten,…

…und auch wenn dieses Konzert gespickt war mit vielen, feinen und so wunderbaren Höhepunkten, so wurden meine Augen feucht bei Kribbeln im Bauch, Der Mond ist aus Papier und Vater morgana,…

…und wie bei jedem ihrer Konzerte fühlte ich mich wohlig umfangen und glücklich beschenkt von einer großartigen Künstlerin.

💖 Herzlichen Dank! 💖


Pe Werner und ihre Mannen sind gemeinsam mit BEST OF: VON A NACH PE weiterhin unterwegs. Vielleicht auch in Eurer Nähe!

[Rezension] Guy de Maupassant – Der Horla/ mit Illustrationen von Anna und Elena Balbusso

Wie eng ist der Grat zwischen Genie und Wahnsinn? Wie schmal ist die Grenze zwischen mentaler Gesundheit und geistiger Verwirrung? Wie durchlässig sind die Übergänge unserer Psyche zu Phantasie und Wahrheit? Eben war der Held dieser Erzählung noch ein gesunder, dem Leben zugewandter Mann, nur einen Augenblick später zweifelt er am Zustand seines Geistes.

Guy de Maupassant wurde zu Lebzeiten von den vermeintlichen Literaturkennern eher belächelt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts galten die ausschweifenden Romane von Gustave Flaubert, Honoré de Balzac oder Stendhal als das Nonplusultra der französischen Literatur. So kleine, niedliche Erzählungen, die für jedermann leicht zugänglich waren, wurden da eher gering geschätzt. Erst viel später sollte Maupassant die ihm zustehende Anerkennung für seine Impulse auf die französische Literatur erhalten.

„Der Horla“ ist eine der wenigen phantastischen Geschichten aus seiner Feder und spiegelt sein Interesse an der Beinflussbarkeit der menschlichen Psyche wider. So soll er selbst wiederholt an Halluzinationen und Wahnvorstellungen gelitten haben. Umso erstaunlicher, wie klar und differenziert er den mentalen Verfall des Protagonisten beschreibt. In Tagebuchform lässt er uns am Leid seines Helden teilhaben. In Wellen verschlechtert sich dessen Zustand, was der Autor auch mit einer Veränderung im Schreibstil erkennen lässt. In den entspannten Phasen berichtet der Held ausschweifend und in blumigen Sätzen von seinem Leben, während bei den psychotischen Schüben eine Stakkato-artige Sprache den stätigen geistigen Verfall kennzeichnet.


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Anfangs hatte ich eher ein Schauermärchen à la Edgar Allan Poe erwartet und war umso erstaunter über die beinah analytische Herangehensweise des Autors an diesem Thema. Maupassant versteht es brillant, die Spannung in dieser Novelle aus der inneren Zerrissenheit des Protagonisten und seinem Gefühl einer ständigen Gehetztheit zu entwickeln. Dieser versucht anfangs noch, rationale Erklärungen für seine irrationale Wahrnehmung zu finden, um dann mehr und mehr von seiner Autonomie als eigenständige Persönlichkeit zu verlieren. Je mehr sich die Sinne verwirrten und die Seelenpein zunahm, umso mehr steigerte sich die Handlung zum beinah unumgänglichen Finale.

Für diese illustrierte Fassung der Novelle konnte der Reclam-Verlag wieder auf die Kunstwerke von Anna und Elena Balbusso zurückgreifen, die für die französischsprachige Ausgabe im Jahre 2010 erschaffen wurden. Wie schon bei Das Bildnis des Dorian Gray schufen die Balbusso-Zwillinge auch hier abermals ätherisch-phantastische Illustrationen. Die Darstellung von Gesichtern bzw. deren Mimik fiel diesmal detailreicher aus und zeigt so die Ängste der Figuren in aller Deutlichkeit. Mit ihrer ausgeprägten Bildsprache sprengen sie die Grenzen zwischen Realität und Surrealismus und erinnerten mich sowohl an die Schöpfungen eines Salvador Dalí als auch an die skurrile Ästhetik von Monty Python.

Neben seiner großartigen Übersetzung bereichert Ernst Sander diese Edition mit einem informativen Nachwort, in dem er Wissenswertes zum Autor preisgibt und das Werk im Zusammenhang zu dessen Lebenslauf einordnet.

Abermals ist es dem Reclam-Verlag gelungen, einen Klassiker der Weltliteratur in einem äußerst geschmackvollen und hochwertigen Erscheinungsbild zu präsentieren und so mein bibliophiles Herz zu erfreuen.


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150114568 / in der Übersetzung von Ernst Sander

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

ebenfalls erschienen bei Hofenberg/ ISBN: 978-3843076135 (ohne Illustrationen)