[Rezension] L. Frank Baum – Die abenteuerliche Geschichte des Weihnachtsmannes

Weiß jemand von Euch, wie der Weihnachtsmann auf die Welt kam? Nein, ich meine jetzt nicht die moderne Form des Weihnachtsmannes, die sich uns seit den frühen 30er Jahren des letzten Jahrhunderts dank einer cleveren Werbekampagne der Coca-Cola Companie ins Gedächtnis gebrannt hat. Vielmehr meine ich den klassischen Weihnachtsmann, der doch ein Mensch sein soll, oder? Doch wie schafft er es, in nur einer einzigen Nacht alle Kinder dieser Erde zu beschenken? Und warum wird er nicht älter? Diese und ähnliche Fragen stellte ich mir schon als Kind und erhielt leider nie Antworten darauf. Bis heute…!

Nach der Lektüre dieses kleinen, feinen Büchleins waren alle meine Fragen, die mich seit Kindertagen beschäftigt hatten, beantwortet. Niemand geringerer als der bekannte amerikanische Autor L. Frank Baum (* 1856; † 1919) lieferte mir alle Fakten, die ich benötigte, um meinen Wissensdurst zu stillen. Kein Wunder: Als Schöpfer von Der Zauberer von Oz kennt er sich schließlich mit magisch-mystischen Wesen und ihren Welten aus. 1902 erschien Die abenteuerliche Geschichte des Weihnachtsmannes erstmals im Original als illustriertes Bilderbuch. Doch auch die mir vorliegende Reclam-Fassung ohne Bilder kann überzeugen. L. Frank Baum (das L steht für Lyman) ging bei seinem Bericht über das Leben des Weihnachtsmannes streng chronologisch vor und unterteilt dessen Lebenslauf in die Rubriken Kindheit, Mannesjahre und Alter.

Im Wald von Burzee wurde der Weihnachtsmann (Äh, also, da war er natürlich noch nicht der Weihnachtsmann sondern einfach nur ein Baby wie jedes andere Baby auch.) als Findelkind von einer Waldnymphe aufgezogen. Um den kleinen Fratz besser rufen zu können, nannte ihn seine Zieh-Mama schlicht und ergreifend „Claus“. Und so wuchs Claus glücklich und zufrieden in eben jenem Wald von Burzee auf, der von etlichen unsterblichen Bewohnern wie Elfen, Knooks, Ryls und Nymphen bevölkert wurde. Claus wurde zum Mann, der respektvoll und gütig gegenüber allen Lebewesen des Waldes war. Doch auch er verspürte in seiner Sturm- und Drang-Zeit den Wunsch, das heimatliche Nest zu verlassen, um eigene Erfahrungen zu sammeln. So siedelte er sich am Waldesrand an und hatte seine ersten Begegnungen mit anderen Menschen. Schnell erkannte er, dass es soziale Unterschiede gab, es in der Welt der Menschen nicht immer gerecht zugeht, und dass die Kinder immer diejenigen sind, die am meisten leiden. Und so reifte in ihm der Plan, den Kindern durch selbstgeschnitztes Spielzeug eine Freude zu bereiten. Schnell sprach sich dies im Lande herum, und immer mehr Kinder äußerten den Wunsch nach einem schönen Spielzeug. Als Ein-Mann-Betrieb kam Claus kaum mit der Produktion nach. Zumal die bösen Awgwas, die auf den steinigen Bergspitzen lebten und alle Wesen des Waldes hassten, ihm immer wieder in die Quere kamen. Awgwas liebten Zwietracht und Zorn: Glück bzw. glückliche Menschen waren ihnen zuwider. Dank der Hilfe seiner Familie aus dem Walde konnte Claus diese miesen Typen besiegen. Doch Hilfe brauchte Claus auch weiterhin, da sich immer mehr Kinder auf der Welt Geschenke wünschten. So sprangen die Wesen des Waldes im hilfreich zur Seite und stiegen tatkräftig in seine Spielzeugproduktion ein. Sogar der Herrscher des Waldes, der Große Ak ließ sich erweichen und stellte Claus einige Rentiere, die seinen Schlitten ziehen sollten, zur Verfügung – allerdings nur für eine einzige Nacht. Und so produzierte Claus das ganze Jahr über Spielzeug, um es dann am Heiligenabend an die Kinder dieser Welt zu verteilen. Doch auch Claus kam in die Jahre und wurde älter. Die Reisen wurden immer beschwerlicher, da seine Kräfte langsam schwanden. Da beschlossen die unsterblichen Bewohner ihm ebenfalls Unsterblichkeit zu schenken…!

Waow! Zwischen zwei kleinen Buchdeckeln können ganze Welten entstehen, in denen eine Menge passieren kann. Völlig gebannt las ich dieses entzückende Büchlein in einem Rutsch an nur einem Nachmittag. Ich fühlte mich zurückversetzt in eine Zeit, als Geschichten noch „anders“ erzählt wurden: ruhiger, feiner, besinnlicher. Mit altmodischem Charme lässt der Autor uns an seiner phantasievollen Geschichte teilhaben. Klug nimmt er die bekannten Fakten rund um den Weihnachtsmann und verknüpft sie auf originelle Weise mit der Handlung seines Märchens, sodass alles völlig plausibel und logisch erscheint.

In den Mittelpunkt dieser Geschichte stellt L. Frank Baum deutlich ein humanitäres Weltbild, das geprägt ist durch Nächstenliebe, Toleranz und ein friedliches Miteinander. Dabei haftet seinem Werk weniger etwas belehrend-aufklärerisches an als vielmehr der märchenhaft-phantastische Grundton, der die Leserschaft vortrefflich unterhält.

Mag auch der Duktus seiner Sprache vielleicht nicht mehr allzu zeitgemäß sein, für mich war es eine wunderbar-märchenhafte Reise in eine vergangene Epoche!


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150112359 / in der Übersetzung von Marion Hertle 

[Rezension] Dawn Casey – Wir warten auf Weihnachten. mit den schönsten Wintergeschichten aus aller Welt/ mit Illustrationen von Zanna Goldhawk

Die Tage werden kürzer und kürzer. Der erste leichte Frost setzt sich auf Gräser, Büsche und Bäume. Und so hat auch unser Kater beschlossen, dass es neben mir auf dem Sofa deutlich gemütlicher ist als auf seinem bisherigen Outdoor-Platz. Kater und Kerl rücken mehr zueinander und genießen gemeinsam die kuscheligen Momente. Und während sich das Katzentier schnurrend an meine Seite schmiegt, blättere ich in diesem zauberhaften Buch und lasse mich entführen in andere Länder.

Dawn Casey nimmt uns mit auf eine Reise durch die Märchen, Mythen und Sagen aus aller Welt: Wir besuchen den weißen Bärenkönig in Norwegen, suchen in der Ukraine mit den Tieren des Waldes Schutz in einem Handschuh oder nähen mit einem Schneider aus Polen einen Mantel für Mond. In Schottland lauschen wir dem Lied eines kleinen Rotkehlchens, erfreuen uns in China am Geschenk eines Hasen oder staunen über silberne Tannenzapfen aus dem eigenen Heimatland.

Aus Frankreich kommt mit Der kleine schwarze Kater eine sehr eigene und weniger anarchische Variation von Die Bremer Stadtmusikanten, die gänzlich ohne „Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“ auskommen. Und selbst auf bekannte wie allzeit beliebte Geschichten wie Der Nussknacker von E.T.A. Hoffmann und Die Schneekönigin von Hans Christian Andersen müssen wir nicht verzichten. Komplementiert wird diese abwechslungsreiche Sammlung mit Volksmärchen bzw. -sagen aus Japan, Mexiko, Frankreich, Russland, England, Sibirien, Grönland, Südafrika, Griechenland und Irland.

Dawn Caseys Nacherzählungen haben einen einfachen, unaufgeregten Ton und verzichtet auf die allzu gruseligen bzw. brutalen Details des Originals, ohne dabei den Handlungsverlauf zu verändern. Ihre Sprache ist von einer poetischen Schlichtheit, womit die Geschichten sich hervorragend zum Vorlesen für jüngere Kinder eignen.


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Doch dies alles wird durch die Kunst von Zanna Goldhawk in den Schatten gestellt. Schon die wunderbare Gestaltung des Einbands erweckte in der Buchhandlung meines Vertrauens sofort meine Aufmerksamkeit. Wie unter Zwang streckte ich meinen Arm aus, griff mir das Buch, um in ihm zu blättern. Seite für Seite steigerte sich meine Begeisterung – über das geschmackvolle Vorsatzpapier zu den liebevollen Illustrationen am Seitenrand bis zu den ganzseitigen Kunstwerken.

Da tanzt der Nussknacker mit Marie durch eine zauberhafte Weihnachtswelt, Polarlichter verwandeln die Berge in geheimnisvolle Welten, die Schneekönigin schwebt in einem gläsernen Schlitten über den Nachthimmel, die Sonne erstrahlt in satten rot-orangen Tönen und der Eisbärenkönig erkundet im kristallenen Blau sein Reich. Dabei würde ich den Stil von Zanna Goldhawk als phantasievoll-naiv beschreiben, der mich oftmals an klassische Bauernmalerei erinnerte, wo das Haupt-Motiv durch Blumen, Blättern und Ranken umkränzt wird.

Als Liebhaber schöner Märchenbücher freue ich mich immer über einen weiteren Schatz für meine Sammlung: Dieses Buch hat mich gänzlich bezaubert!


erschienen bei Knesebeck / ISBN: 978-3957285225 / in der Übersetzung von Kathrin Köller

[Rezension] Janosch – Morgen kommt der Weihnachtsbär

Bisher hatte ich mit Janosch kaum Berührungspunkte: Während meiner eigenen Kindheit war er mir nicht präsent, als Heranwachsender hätte ich seine Bücher als „uncool“ abgestempelt, und im frühen Erwachsenenalter mangelte es in meinem Umfeld an Kindern im entsprechenden Alter, die für eine Anknüpfung hätten sorgen können. Und so ist dieses kleine Büchlein aus dem Reclam-Verlag mein erster intensiverer Kontakt mit diesem modernen Märchenerzähler.

Apropos Reclam-Verlag: Ich bin immer wieder erstaunt, welche Bandbreite an Autor*innen und Themen es zwischen dem gelben Einband der nur 10 x 14,5 cm großen Heftchen zu entdecken gilt. Lange Zeit haftete dem Verlag – völlig zu Unrecht – das Image der schnöden Schüler-Lektüre an. Doch mir dienten die Publikationen in der bekannten Optik so manches Mal als hilfreiche Vorbereitung auf einen Opern- oder Schauspiel-Abend. In der Zwischenzeit hat Reclam sich auch im Hardcover-Bereich etabliert und begeistert mit Büchern in besonderer Ausstattung. Doch nach wie vor verfolgt dieser Verlag sein vor Hunderten von Jahren festgelegtes Ziel, Weltliteratur für kleines Geld zu publizieren, um diese jedem und jeder zugänglich zu machen. Und so verwundert es kaum, dass der Verlag auch einige Werke eines Allrounders wie Janosch in die Galerie ihrer (modernen) Klassiker einreiht.

Der Weihnachtsbär macht seinen alljährlichen Rundgang, um die Wunschzettel einzusammeln. Manche Wünsche sind schon recht ungewöhnlich, andere dagegen wenig überraschend: Da wünscht sich das kleine Roselchen einen Tiger, kann aber vom Weihnachtsbär auf eine Katze runtergehandelt werden, und die Mäusemutter Anneliese hätte gerne wie in jedem Jahr die aktuelle Ausgabe der Gelben Seiten, da die so lecker nach Zitrone schmecken. In der Zwischenzeit ist der Quasselkasper auf der Suche nach einer Wurstelbude, landet aber in der Hütte des Oberförsters und wird dort von dessen Frau als Krippenpersonal rekrutiert. Dabei hat der Oberförster ganz andere Sorgen: Er müsste die gemopsten Tannenbäume aus dem Wald der oberforstamtlichen Behörde melden, findet aber allzu menschliche Gründe, warum er es unterlässt. Währenddessen ist der charmante Hallodri Kater Mikesch auf der Suche nach einem behaglichen Unterschlupf über die Feiertage. Doch die Damen, die er mit seiner Anwesenheit „beehrt“, werden ihm alle allzu anspruchsvoll. Der Weihnachtsbär sammelt weiterhin die Wunschzettel ein: Der blinde Maulwurf würde sich über eine Illustrierte mit Bildern freuen. Der kleine Bär hätte gerne eine fetzige Krawatte, und der kleine Tiger wünscht sich an Weihnachten Schnee. Diesen Wunsch kann der Weihnachtsbär auf jeden Fall erfüllen, denn schließlich ist er gut befreundet mit Frau Holle…!

Janosch erzählt liebevoll seine Geschichten über kleine und große Wünsche, von tierischen Gesellen und allzu menschlichem. Und wie jeder gute Geschichtenerzähler versteckt er seine Botschaften dezent und leise und lässt sie sanft in die Handlung einfließen. Er verpackt sie in einer humorvollen, mal flapsigen, mal skurrilen Sprache, die amüsiert und aufhorchen lässt. Seine phantasievolle und warmherzige Art, Geschichten zu erzählen, findet sich auch in seinen Illustrationen wieder. Dabei überzeugt er mit einem ganz eigenen Stil, der Figuren wie der kleiner Bär, der kleiner Tiger und die Tigerente als seine Schöpfungen unverkennbar machen und so einen hohen Wiedererkennungswert haben.

Dieses kleine charmante Büchlein erfreute mich als Erwachsener ebenso, wie es sicherlich auch schon so manches Kind erfreut hat bzw. erfreuen wird. Zudem eignet es sich mit seinen 24 Kapiteln hervorragend als literarischer Adventskalender, der zum Vorlesen verführt. Eine ganz und gar bezaubernde Lektüre…!


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150143124

ebenfalls erschienen bei Little Tiger/ ISBN: 978-3931081423

[Rezension] Gladys Mitchell – Geheimnis am Weihnachtsabend

Gladys Maude Winifred Mitchell (* 1901; † 1983) wurde in Oxfordshire geboren, studierte in London Geschichte und arbeitete als Lehrerin. Im Jahre 1929 erschuf sie die berühmte Detektivin Beatrice Adela Lestrange Bradley, die sie in über sechzig Kriminalromanen ermitteln ließ. Dabei bedachte sie ihrer Heldin mit Interessen, die durchaus ihren eigenen entsprachen:  So war Gladys Mitchell nicht nur eine fundierte Kennerin der Werke von Sigmund Freud sondern interessierte sich auch für Okkultismus. Neben Agatha Christie und Dorothy L. Sayers gehörte sie dem britischen „Detection Club“ an und erhielt 1976 die höchste Ehrung der Crime Writer’s Association. Die Romane wurden Ende der 90er Jahre unter dem Titel The Mrs. Bradley Mysteries von der BBC verfilmt – mit Diana Rigg (Mit Schirm, Charme und Melone) in der Titelrolle und Neil Dudgeon (Inspector Barnaby) als Chauffeur George.

Mrs. Adela Bradley, praktizierende Psychologin und selbsternannte Hobby-Detektivin, befindet sich mit ihrem Chauffeur George auf dem Weg zu ihrem Neffen Carey Lestrange, der in der Grafschaft Oxfordshire eine erfolgreiche Schweinezucht betreibt, um dort in geruhsamer Eintracht im Kreise von Familie und Freunden die Weihnachtsfeiertage zu verbringen. Nur leider bleibt es weder geruhsam noch einträchtig: Die Mär eines Geistes, der nur einmal im Jahr ausgerechnet am Weihnachtsabend erscheint und diejenigen, die ihn zu Gesicht bekommen, im Laufe des kommenden Jahres in den Tode zieht, erhitzt seit Generationen die Gemüter der Dorfbewohner. Auch an diesem Weihnachten sorgt die Geschichte für reichlich Gesprächsstoff, zumal alle von der dubiosen Wette eines Unbekannten wissen, der den ansässige Anwalt Mr. Fossder und den benachbarten Schweinezüchter Geraint Tombley mit der Summe von 200 Pfund herausgefordert hat, sich dem Geist entgegenzustellen. Als dann am Heiligabend die Leiche von Mr. Fossder auf einem Feldweg entdeckt wird, spricht offiziell von Seiten der Polizei alles für einen natürlichen Tod durch Herzinfarkt. Doch die eine oder andere Ungereimtheit, die bei oberflächlicher Betrachtung belanglos wirken könnte, erregt die Aufmerksamkeit von Mrs. Bradley. Gemeinsam mit ihrem Neffen Carey und dem Chauffeur George stürzt sie sich in die Ermittlungen…!

Bisher waren die Krimi-Ausgrabungen aus dem Klett-Cotta Verlag eine sichere Bank für kurzweilige Unterhaltung mit nostalgischem Charme. Und wenn ich mir die Vita der Autorin bzw. deren Stellenwert innerhalb der britischen Kriminalliteratur anschaue, dann war die deutschsprachige Veröffentlichung dieses Romans (bzw. ihrer Romane) mehr als überfällig. Und augenscheinlich schien dieser Krimi alle meine Erwartungen an einem „Whodunit“ zu erfüllen: eine engagierte Amateur-Ermittlerin, ein zupackendes Faktotum, ein üppiges Handlungspersonal mit vielen potentiellen Verdächtigen, jede Menge Verwicklungen…

…und auch wenn formal alles richtig zu sein schien, haderte ich mit diesem Krimi. Dies lang nicht unbedingt in der Tatsache begründet, dass der deutsche Titel einen süffigen Weihnachtskrimi versprach, die Handlung sich allerdings über mehrere Monate – von Weihnachten bis Pfingsten – hinzieht. Vielmehr musste ich mit Bedauern feststellen, dass mir selten eine Hauptperson so unsympathisch war wie Mrs. Adela Bradley. Beinah schien es, als hätten die Besonderheiten ihrer Patienten auf ihr eigenes Verhalten abgefärbt. So manche ihrer Reaktionen nahm ich als befremdlich wahr: hämisches Kichern, bösartiger Blick, Echsenlächeln. Zudem wurden ihre Hände immer wieder mit Klauen verglichen. Diese Beschreibung erschien mir ebenso wenig schmeichelhaft, wie ihre Angewohnheit, alle und jede*n als „Kind“ zu titulieren, was eher herablassend auf mich wirkte.

Dieser Krimi erschien im englischen Original unter dem Titel Dead Men’s Morris im Jahre 1936 und war schon der 7. Fall, in dem Mrs. Bradley die Krimi-Bühne betrat. Vielleicht hätten sich mir viele ihrer Eigenarten mit dem Wissen aus den vorherigen Romanen erklärt, mein Verständnis geweckt und sie weniger unsympathisch auf mich wirken lassen. So empfand ich eben diese Allüren mehr als nur irritierend.

Schade! Ich hatte mich so sehr gefreut, eine weitere amüsant-kauzige Protagonistin in die Reihen meiner geliebten wie verehrten Hobby-Ermittler*innen hinzufügen zu dürfen.


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608986730 / in der Übersetzung von Dorothee Merkel

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Robert Galbraith – DAS TIEFSCHWARZE HERZ

Edie Ledwell, die eine Hälfte des kreativen Teams um die erfolgreiche YouTube-Animationsserie „Das tiefschwarze Herz“, steht verzweifelt nach Hilfe suchend vor Robin Ellacott: Ein dubioser Fan mit dem Pseudonym „Anomie“ tyrannisiert sie im Netz aufs übelste. Aufgrund mangelnder Erfahrung im Bereich der Internetkriminalität lehnt Robin den Auftrag ab und verweist auf Detekteien, die sich auf dieses Thema spezialisiert haben. Wenige Tage später wird die Leiche von Edie auf dem Highgate Cemetery, dem Schauplatz der Serie, aufgefunden – nur wenige Meter entfernt von ihrem lebensbedrohlich verletzten Kompagnon Josh Blay. Robin und ihr Partner Cormoran Strike setzen nun alles daran, um die wahre Identität dieses mysteriösen wie gefährlichen Gegners „Anomie“ zu entlarven. Doch mit ihrer Suche im Netz und den Ermittlungen im realen Leben nähern sie sich nicht nur Edie Ledwells Mörder Schritt für Schritt, sondern scheuchen auch eine rechtsradikale Vereinigung auf, der jedes Mittel recht ist, um weiterhin im Verborgenen operieren zu können…!

1343 Seiten, parallel abgedruckte Chat-Verläufe, Auszüge aus Twitter-Accounts, lange Dialog-Passagen über mehrere Seiten, ein üppiges Handlungspersonal mit Klarnamen und Internet-Pseudonymen: Robert Galbraith aka Joanne K. Rowling erzählt die Geschichte wieder mit langem Atem und erwartet diesen ebenso von der Leserschaft. Und wenn auch das parallele Lesen der Chats, das Zuordnen der Twitter-Nachrichten und das Verknüpfen der vielfachen Handlungsstränge mir meine volle Konzentration abverlangte, so saß ich wieder Stunde um Stunde – das schwere Buch mit beiden Händen auf meinem Bauch abstützend – in meinem Lesesessel und folgte gebannt der Handlung. Ich staunte über die detaillierten Verknüpfungen und war voller Hochachtung über den raffinierten Aufbau der Geschichte.

Mrs. Rowling liefert wieder einen perfekt inszenierten Krimi ab, lässt ihr Protagonisten-Paar gemeinsam mit der Leserschaft in die (Un-)Tiefen des Internetzes eintauchen und scheut auch nicht davor zurück, heikle Themen wie Pädophilie, Manipulation und Rechtspopulismus anzusprechen. Je mehr ich in die Handlung eintauchte, umso deutlicher offenbarten sich mir die Personen hinter den Pseudonymen. War ich anfangs durchaus in Versuchung, den einen oder anderen Chat-Verlauf nur oberflächlich zu lesen bzw. gänzlich zu überspringen, merkte ich sehr schnell, dass sich hinter scheinbar belanglosen Nebensätzen Informationen verbargen, die für das Verständnis der weiteren Geschichte wichtig waren, bzw. es mir erst ermöglichte, Verknüpfungen herzustellen. Seite für Seite schien die Handlung immer mehr an Tempo zuzunehmen, was schlussendlich in einem dramatischen Showdown endete.

Doch auch die Beziehungsebene zwischen Robin und Cormoran wird wieder ausführlich beleuchtet und erhält nachhaltige Impulse. So sind Heldin und Held zunehmend gezwungen, sich selbst ihre Gefühle zum Gegenüber einzugestehen, ohne dass dies zu einer Liebesschmonzette verkommt. Über nunmehr sechs Romanen hinweg hat die Autorin zwei ambivalente Charaktere erschaffen, wo jede*r über eine komplizierte Biografie verfügt. Mit dem Wissen um die erlittenen Erfahrungen aus der Vergangenheit agieren beide Personen nachvollziehbar und verständlich, gleichzeitig sorgt es für eine vibrierende Dramatik zwischen den mir so liebgewonnenen Hauptfiguren. Auch diesmal gönnt die Autorin ihrem Handlungspersonal eine Weiterentwicklung: Robin ist dem Status der Assistentin längst entwachsen, begegnet Cormoran auf Augenhöhe und ist so zur gleichwertigen Partnerin gereift.

Beim siebten Kriminalroman von Robert Galbraith erwarte ich somit eine längst überfällige Änderung im Titel: Ein Fall für Cormoran Strike sollte abgelöst werden von Ein Fall für Strike und Ellacott – Robin hätte es mehr als verdient!


erschienen bei Blanvalet / ISBN: 978-3764508173 / in der Übersetzung von Wulf Bergner,Christoph Göhler und Kristof Kurz 

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Emily Joe – Katzen können Geister sehen

Alle menschlichen Dosenöffner, Milchtrittmatratzen und Kraulexperten kennen sie – diese Allüren, die jede Katze hin und wieder befallen: Eben liegt der weltbeste Stubentiger noch still und entspannt auf dem Sofa, im nächsten Moment gebärdet er sich wie ein Derwisch und rast mit aufgeplusterten Schwanz durch die Wohnung. Als nur unzureichend mit Sinnen ausgestattetes Wesen reagieren wir Menschen häufig mit einem überraschten Unverständnis.

Emily Joe liefert mit ihrem entzückenden Bilderbuch endlich eine plausible Erklärung: Katzen können Geister sehen. Na logisch, das erklärt alles! Die Sinne der Katzen sind um ein Vielfaches feiner als die von uns Menschen. Sie können nicht nur die Mäuse unter der Erde spüren, das Gras wachsen hören sondern (selbstverständlich!) auch Phänomene sehen, die uns Menschen verborgen bleiben.


Emily Joe. KATZEN KÖNNEN GEISTER SEHEN


Ihre Illustrationen sind witzig, markant und dynamisch und spiegeln die Persönlichkeit der Katzen auf charmante Weise wieder. Gleichzeitig vernachlässigt sie nicht das Schaurige in dieser „Gruselgeschichte“ und lässt uns die Geister in ihren Illustrationen erahnen: Da taucht mal hier, mal dort ein dubioser Schatten auf dem Papier auf. Dabei wirken ihre Bilder nie allzu bedrohlich und eignen sich so hervorragend zum gemeinsamen Betrachten mit den Kleinsten. Zudem bietet sie mit dieser niedlichen Reimgeschichte die Möglichkeit, schon junge Zuhörer*innen spielerisch an die Lyrik heranzuführen.

Da ich das englische Original nicht kenne, kann ich leider nicht beurteilen, ob das manchmal etwas holperige Versmaß, das ein flüssiges Vorlesen etwas hemmt, so schon im Ausgangstext zu finden ist oder in der Übersetzung begründet liegt. Dies schmälert jedoch nicht die Freude beim Betrachten dieses Bilderbuchs.

Ich habe übrigens aufgegeben, mich über die besagten Allüren bei meinem Kater zu wundern. Aus seiner Sicht macht alles Sinn, und wer bin ich, um sein Verhalten zu hinterfragen. Schließlich sind die Aufgaben klar definiert: Er ist dazu da, um die Geister zu verscheuchen, und ich bin dazu da, um ihn liebzuhaben. 🐱


erschienen bei aracari / ISBN: 978-3907114254 / in der Übersetzung von Jana Grohnert

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Oscar Wilde – Das Gespenst von Canterville/ mit Illustrationen von Aljoscha Blau

Oscar Wilde hätte es sich sicherlich sehr gewünscht aber damals – unter realistischen Gesichtspunkten – nie zu träumen gewagt, dass seine erste veröffentlichte Geschichte ein weltweiter Erfolg werden würde. Seit ihrer Erstveröffentlichung im Jahre 1887 in der Londoner Zeitschrift The Court and Society Review erfreut diese Grusel-Mär in unzähligen Auflagen und vielfältigen Erscheinungsformen die Leserschaft. Und dank seiner originären Handlung hat die Geschichte den Sprung auf die Leinwand und ins Fernsehen geschafft und begeistert ebenso als Schauspiel, Musical oder Oper das Theaterpublikum.

Der amerikanische Gesandte Hiram B. Otis reibt sich begeistert die Hände: Er hat soeben vom amtierenden Lord Canterville das Familienanwesen nebst Hausgeist käuflich erworben. Doch die Warnung des Lords vor eben diesem Gespenst, das seit Hunderten von Jahren im Schloss sein Unwesen treibt und schon so manchen Bewohner in den Wahnsinn getrieben hat, schlägt er leichtfertig in den Wind. Schließlich kommt er aus der neuen Welt und ist sowohl ein modern denkender Mensch als auch waschechter Republikaner. Für übernatürliche Phänomene fehlt ihm schlicht das Verständnis. So zieht Mr. Otis zusammen mit seiner Gattin Lucretia, dem ältesten Sohn Washington, seiner Tochter Virginia und den Zwillingen „The Star and Stripes“ in ihr neues Heim. Der Geist gibt sein Bestes, die neuen Hausbesitzer gebührend zu empfangen, und lässt seine Ketten gar schauerlich nächtens rasseln. Ein Umstand der Mr. Otis veranlasst, ihm eine Flasche Schmieröl auszuhändigen mit der freundlichen aber bestimmten Aufforderung, er möge seine Ketten ölen. Das Gespenst von Canterville ist erschüttert über diese bodenlose Respektlosigkeit und droht mit drastischeren Maßnahmen. Dummerweise hat er nicht mit dem vehementen Widerstand der Familie gerechnet. Nur Virginia hält sich diskret aus dem sich immer weiter zuspitzenden Scharmützel heraus…!

Mit schallendem Gelächter quittierte ich so manche gelesene Passage, schmunzelte über gelungene Wortspielereien und erfreute mich an ironischen Seithiebe. Schon in seiner ersten Geschichte zeigt sich Oscar Wildes meisterhaftes Erzähltalent. Mit scheinbar spitzbübischer Freude platziert er seine Kritik an der damaligen Gesellschaft, indem er zwei völlig konträre Lebensentwürfe gegenüberstellt. Bei ihm trifft die neue Welt auf die alte Welt, Rationalität auf Romantik, Fortschritt auf Konventionen. Diese beiden Extreme können doch nicht zusammen passen (oder?) – noch nicht einmal in Bezug auf die Sprache, wie Wilde süffisant in einem Nebensatz verlauten lässt. Dabei streut er humoristische Anspielungen über die Geschichte und spielt genüsslich mit Klischees.


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Allein die Wahl der Namen des Handlungspersonals entlockte mir ein Schmunzeln: Schon der Familienname der Amerikaner lässt aufhorchen. Schließlich ist die Firma „Otis“ in den USA seit ihrer Gründung im Jahre 1853 führend in der Erstellung von Aufzugsanlagen und steht für Fortschritt und Innovation. Sollte dies dem Autor etwa als Metapher dienen? Etwa im Sinne von: So wie man mit dem Lift auf höheren Ebenen gleitet, so steigt auch unsere amerikanische Familie innerhalb der europäischen High Society auf. Auch lässt es sich unser Familienoberhaupt – ganz Patriot – nicht nehmen, seine Kinder mit passenden Namen zu bedenken. Und auch der Vorname seiner Gattin erlaubt Assoziationen mit der historischen Persönlichkeit der Lucrezia Borgia, die machthungrig gerne an den politischen Strippen zog und nach Höherem strebte.

Der Gegenpart ist geprägt durch eine über die Jahrhunderte gepflegte Familiengeschichte, die durch pikante Anekdoten und halb-wahren Histörchen gewürzt wurde: Oscar Wilde lässt sein Gespenst besonders viel Wert auf Respekt und Etikette legen. Dieser (von Wilde häufig kritisierter) Konformismus sorgt für Stabilität im gesellschaftlichen Gefüge, in dem jeder weiß, wo sein Platz ist, und welche Rolle er zu spielen hat. Apropos: Das Gespenst schlüpft voller Enthusiasmus in immer neue gruselige Rollen (ein Hinweis auf Englands alte Theatertradition) in der Hoffnung, die Familie damit endlich erfolgreich vertreiben zu können. Diese wiederum kontert mit dem Einsatz moderner Hilfsmitteln, denen das Gespenst nichts entgegenzusetzen weiß.

Der Künstler Aljoscha Blau schuf für dieses feine Büchlein aus der Insel-Bücherei neun ganzseitige Illustrationen, die die Geschichte unterstützend begleiten, und wählte hierzu eher gedeckte Töne und Schattierungen. Bei der Physiognomie der Figuren lässt der Künstler dem Betrachter eine Familienähnlichkeit erkennen, sei es beim Geist zu seinem noch lebenden Nachkommen wie auch innerhalb der Familie Otis. Nur Virginias Erscheinungsbild passt irgendwie zu keiner Seite: Vielmehr spiegelt sie optisch eine noble Zurückhaltung wieder und schlägt so eine verbindende Brücke zwischen den Extremen.

Oscar Wilde besticht schon in dieser seiner ersten Geschichte als brillanter Erzähler. Mit einem scharfen Geist ausgestattet fabuliert er einerseits völlig respektlos und voller Ironie, doch bleibt dabei stets humorvoll und ohne biestig-bissigen Unterton. So erscheint es mir mehr als verständlich, dass er für seinen praktizierten Ästhetizismus zugleich bewundert wie auch kritisiert wurde. Doch für mich steht er völlig zu Recht an der Spitze der britischen Literaten.


erschienen bei Insel-Bücherei / ISBN: 978-3458193814 / in der Übersetzung von Franz Blei

ebenfalls erschienen bei Anaconda/ ISBN: 978-3866472440 und Kampa/ ISBN: 978-3311270034 (alle ohne Illustrationen)

sowie bei NordSüd/ ISBN: 978-3314102264 im Sammelband Wunderdinge. Weltliteratur für Kinder mit Illustrationen von Lisbeth Zwerger

[Rezension] Josephine Tey – ALIBI FÜR EINEN KÖNIG

Inspector Alan Grant vom Scotland Yard liegt nach einem berufsbedingten Unfall mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus, starrt zur Decke und langweilt sich. „Von Hundert auf Null“ wurde er aus seinem aktiven Berufsleben in die stupide Monotonie eines Krankenhausalltags katapultiert. So fühlt er sich äußerst nutzlos, was sich deutlich auf seine Laune auswirkt. Diese wird zunehmend schlechter – sehr zum Leidwesen des Pflegepersonals und seines Besuchs. Dabei versucht besonders die reizende Marta Hallard ihn mit dem neusten Klatsch und Tratsch aus der Welt des Theaters (Schließlich ist sie eine gefragte Schauspielerin.) zu unterhalten. Aber selbst die Histörchen über ihre junge Kollegin, die sich auf der letzten Amerika-Tournee den Erben eines Haushaltswaren-Imperiums geangelt hat, und der ihr über den großen Teich bis nach London gefolgt ist, können ihn nicht zerstreuen. Und so appelliert Marta an den kriminalistischen Instinkt von Grant, der sich in der Vergangenheit besonders durch das Studieren von Gesichtern hervorgetan hat, und liefert ihm eine Sammlung von Porträts zeitgenössischer wie historischer Persönlichkeiten. Eher lustlos blättert Grant durch die Porträts, bis das Bild von Richard III ihn in seinen Bann zieht. König Richard III regierte das Land von 1483 bis zu seinem Tod im Jahre 1485, und „Dank“ der Tragödie aus der Feder von William Shakespeare wird er als skrupelloser Machtmensch gesehen, der angeblich rücksichtslos seine beiden minderjährigen Neffen tötete, nur um sich weiterhin den Thron zu sichern. Grants Interesse ist geweckt. Doch die Ausbeute an Geschichtsbüchern, die ihm das Pflegepersonal zur Verfügung stellen kann, deckt nur notdürftig seinen Wissensdurst – im Gegenteil: Vielmehr keimt in Grant der Verdacht, dass der König zu Unrecht verschmäht wurde. Da kommt Marta auf die glorreiche Idee, ihm Brent Carradine, eben jenen Erben eines Haushaltswaren-Imperiums, an die Seite zu stellen. Carradine ist momentan chronisch unterbeschäftigt und gerne bereit unter der Führung von Grant im British Museum zu recherchieren. Beide Männer stürzen sich mit Elan in die Aufgabe und graben Erstaunliches zu Tage…!

Hinter dem Pseudonym Josephine Tey versteckt sich die schottische Autorin Elizabeth MacKintosh, die sehr zurückgezogen lebte und öffentliche Auftritte scheute. Vielmehr ließ sie ihre Kriminalromane für sich sprechen. „Alibi für einen König“ belegt Platz 1 auf der Liste der 100 besten Kriminalromane der Autorenvereinigung „Crime Writers’ Association“ und wurde im Jahre 1969 mit dem „Grand prix de littérature policière“ geehrt. Dabei ist auch dieser Roman – wie auch schon Nur der Mond war Zeuge – wahrlich kein typischer Kriminalroman.

Tey verzichtet gänzlich auf die bekannten Zutaten eines klassischen Krimis. Vielmehr spielt der gesamte Roman ausschließlich im Krankenzimmer von Alan Grant und zieht seine Spannung aus den Dialogen der handelnden Personen. Humorvoll stellt Tey hier die unterschiedlichen Charaktere unserer beiden Helden gegenüber: Während Grant diesen „Fall“ eher analytisch aus der Sicht des erfahrenen Kriminologen betrachtet, lässt Carradine sich gerne von seinem jugendlichen Elan leiten.

So lässt Tey ihren Hauptprotagonisten bzw. seinen Kompagnon sich durch die Standardwerke der britischen Geschichte ackern und scheut – ganz im Sinne der Wahrheitsfindung – nicht davor zurück, Widersprüchliches aufzudecken und Ungereimtheiten offenzulegen.

Da ich kein Fachmann in Bezug auf die britische Geschichte bin, nehme ich die genannten Fakten, historischen Tatsachen und literarischen Verweise als authentisch hin. So kann ich über die Fülle der Zitate, die von der Autorin scheinbar akribisch recherchiert wurden, nur staunen und ihr dafür meine Hochachtung aussprechen.

Damit dieser Krimi nicht zu einer langweiligen wie auch langatmigen Unterrichtsstunde zur britischen Geschichte verkommt, erfreut die Autorin uns mit markanten Protagonist*innen, die durchaus den gängigen Klischees der Entstehungszeit des Romans entsprechen. Doch dies betrachte ich weniger als Nachteil. Vielmehr trägt dieser Umstand zum liebenswerten Flair dieses Krimis bei, zumal Tey ihre Held*innen charmant porträtiert und in sowohl amüsanten wie auch geschliffenen Dialogen miteinander agieren lässt.

Ich bin so froh, dass, neben all den Ostfriesenmördern und skandinavischen Psycho-Killern, die klassische Kriminalliteratur seit einiger Zeit eine Renaissance erfährt und (hoffentlich) weiterhin einen sicheren Platz bei rührigen Verlagen, im Buchhandel und somit auch im heimischen Bücherregal findet.


erschienen bei Oktopus bei Kampa) / ISBN: 978-3311300359 / in der Übersetzung von Maria Wolff
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Moritz Hürtgen – Der Boulevard des Schreckens

Da hat sich Volontär Martin Kreutzer arg weit aus dem Fenster gelehnt, als er gegenüber seinem Chefredakteur Oliver Michels und der Leiterin des Feuilletons Linda Hellwig vollmundig behauptet, er könne ein Exklusiv-Interview mit dem momentan angesagtesten Performance-Künstler Lukas Moretti ergattern. Denn schließlich wären er und Moretti miteinander bekannt – Ja! – er würde sogar so weit gehen und behaupten, sie wären seit der gemeinsamen Studienzeiten miteinander befreundet. Während Hellwig eher misstrauisch reagiert, ist Michels sofort Feuer und Flamme und schickt den selbsternannten „Star-Reporter“ nach München zum neuen Stern am Künstlerhimmel. Und natürlich reagiert Moretti auf das Erscheinen von Martin Kreutzer wie erwartet: Er kann sich weder an ihn noch an eine gemeinsame Studentenzeit erinnern, und für ein Interview für dieses rechtsversiffte Schmierenblatt steht er nie und nimmer zur Verfügung. Kreutzer ist verzweifelt. Zumal ihm seine Chefin Linda Hellwig telekommunikativ im Nacken sitzt, will heißen, sie droht ihm via Handy Höllenqualen an, sollte er nicht liefern. Und so greift er in seiner Not zu einer Lüge, hämmert ein fiktives Interview in die Tastatur seinen Laptops, schickt dieses zur Redaktion und fällt danach in einen unruhigen Schlaf. Am nächsten Morgen ist nichts mehr wie am Abend zuvor! Am nächsten Morgen wird bekannt, dass die Leiche von Lukas Moretti neben Gleisen in der Nähe seines Heimatortes gefunden wurde. Chefredakteur Michels ist begeistert. Seine Redaktion ist exklusiv im Besitz des absolut letzten Interviews von Lukas Moretti, und so schickt er seinen journalistischen Gold-Jungen Kreutzer zum Ort des Geschehens zwecks Hintergrund-Recherche: Fotos vom Fundort der Leiche, Statements der Einsatzkräfte, Interviews der trauernden Hinterbliebenen etc. Und Martin Kreutzer macht sich – gezwungenermaßen – auf den Weg und findet sich unvermittelt in einem Kaleidoskop der menschlichen Absonderlichkeiten wieder…!

Nachdem ich seinen amüsanten Gedichtband Angst vor Lyrik wahrlich genossen habe, war ich sehr gespannt auf den Erstlings-Roman von Moritz Hürtgen und stürzte mich – nachdem das Rezensionsexemplar mich erreichte – voller Vorfreude in die Handlung. Doch irgendwie fremdele ich leider mit diesem Werk. Die bissige Ironie, die in der Kürze der Verse so fulminant witzig zündete, wirkte auf mich in der Langstrecke eines Romans eher unangenehm. Zumal auch die Figuren wenig Sympathie ausstrahlten, vielleicht auch wenig Sympathie ausstrahlen sollen.

Dabei liefert Hürtgen durchaus einen interessanten Mix aus Medienschelte, Realsatire und Gesellschaftskritik und nimmt dabei Anleihen an dem Genre des Kriminalromans. Die Geschehnisse im Hotel riefen in mir zudem Assoziationen an Stephen Kings „Shining“ hervor. Hinter jeder Ecke, signitiv nach jeder gelesenen Seite lauerte wieder eine neue turbulente Entwicklung und trieb so die Handlung weiter voran.

Doch als naiv Unbeteiligter fragte ich mich, ob der Autor mit seiner Schilderung bewusst schamlos übertreibt oder eher die brutale Realität der Medienlandschaft mit ihren manischen Protagonisten und menschenverachtenden Methoden beschreibt. Letzteres würde mich eher ängstigen, für ersteres fehlte mir trotz aller Überhöhung eine Spur mehr Humor (bzw. ein Humor, den ich erkennen und verstehen konnte). Ein amüsiertes wie erleichterndes Auflachen beim Lesen hätte mir zwischendrin durchaus gutgetan.

So legte ich den Roman bedauerlicherweise mit zwiespältigen Gefühlen aus den Händen: Ich fand ihn nicht schlecht. Doch die Verwirrung, die er in mir auslöste, behielt dabei leider die Oberhand. Schade!


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956145094

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Erich Kästner – Das fliegende Klassenzimmer

Während ich mich mit Gesang zwischen den Stühlen beschäftigte, schaute ich auch auf das Gesamtwerk von Erich Kästner und machte gedanklich einen Haken hinter jedem von mir schon gelesenen Buch. Plötzlich stockte ich abrupt, als mein Blick auf den Titel des Kinderbuches „Das fliegende Klassenzimmer“ fiel. Erstaunt blinzelte ich mit den Augen und konnte es selbst kaum fassen: Ich hatte diese Geschichte doch tatsächlich noch nie gelesen. Natürlich kenne ich den Inhalt, denn schließlich zählt der Film von 1954 zu meinen Lieblingen. Doch gelesen…! Ich nahm mir fest vor, dies in naher Zukunft nachzuholen.

An dem Sonntag vor 10 Tagen war es dann soweit: Der Freitag zuvor war ein sehr ungewöhnlicher Tag – herausfordernd, emotional, beinah surreal – und entließ mich mit vielen unterschiedlichen Gedanken ins Wochenende. Trotz intensivem Austausch mit meinem Gatten, ließen mich diese Gedanken nicht los, und ich lief in den folgenden Tagen mit vielfältigen Gefühlen durch die Wohnung. Irgendwie hatte ich das Bedürfnis, meiner Seele eine kleine Streicheleinheit zu gönnen. So griff ich zu „Das fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner und war für Stunden nicht mehr ansprechbar. Bei der Lektüre überrollte mich eine warme Woge der Menschlichkeit, wie es nur Kästner vermag, und Tränen rannen über meine Wangen.

Unsere Geschichte spielt in einem oberbayrischen Internat kurz vor den Weihnachtsferien. In mehreren Episoden lernen wir unsere fünf jungen Helden kennen, die sehr unterschiedlich die Vorweihnachtszeit erleben. Johnny ist ganz mit der Inszenierung seines selbstgeschriebenen Stücks „Das fliegende Klassenzimmer“ beschäftigt, bei dem natürlich alles seine Freunde mitwirken. Der starke Matthias geht keiner Keilerei aus dem Weg und hat vor nichts Angst, außer er könnte zu wenig zu essen bekommen. Sein Kumpel Uli schämt sich dafür umso mehr darüber, dass er so furchtsam ist. Um nicht als Hasenfuß zu gelten, stellt er sich einer gefährlichen Mutprobe. Klassenprimus Martin leidet still, als er erfahren muss, dass er zu Weihnachten nicht nach Hause fahren kann: Aufgrund der Arbeitslosigkeit des Vaters ist kein Geld für die Fahrkarte übrig. Und der intelligente Sebastian versucht aufkommende Empfindungen hinter Rationalität zu verbergen, die aber immer wieder mit der Realität kollidiert. Sie alle haben – neben dem regulären Schullalltag – ihre kleinen Sorgen und großen Kümmernisse zu bewältigen. Die väterliche Figur nimmt in dieser Geschichte der von allen verehrte Hauslehrer Dr. Johann „Justus“ Bökh ein, der warmherzig die Belange „seiner“ Jungs sowohl mit Humor als auch mit dem nötigen Ernst begegnet. Ihm wird eine besondere Weihnachtsüberraschung zuteil, als die Jungs ihn zu dem s.g. „Nichtraucher“ führen, der in einem ausrangierten Eisenbahnwagon in der Nähe der Schule lebt. Besagter „Nichtraucher“ entpuppt sich als sein alter Freund Robert Uthofft, der nach einem harten Schicksalsschlag den Kontakt zu „Justus“ abgebrochen hatte. Doch eine Geschichte, die um und an Weihnachten spielt, wäre keine richtige Weihnachtsgeschichte, wenn am Ende nicht alles gut würde…!

Könnt Ihr Euch vorstellen, wie schwierig es ist, die Inhaltsangabe für eine Geschichte zusammenzuschustern, in der so viel passiert? Wo anfangen? Was ist relevant? Was kann ausgelassen werden? Kann überhaupt etwas ausgelassen werden? Greifen die vielen kleinen Episoden nicht nahtlos ineinander und verknüpfen sich erst so zu einem Ganzen? Ergibt nicht erst das Zusammenfügen der einzelnen Puzzle-Teile am Ende ein harmonisches Bild? Mein stümperhaftes Ergebnis (siehe oben) kann somit nur bruchstückhaft die Handlung wiedergeben.

Eingebettet ist die Geschichte in einer Rahmenhandlung, in der der Schriftsteller u.a. von der Schwierigkeit berichtet, im Sommer eine Winter-Geschichte zu schreiben. Gleichzeitig lässt er ebenso seine persönliche Haltung zur Kinderliteratur einfließen…

„Schließlich nahm ich ein Kinderbuch vor, das mir der Verfasser geschickt hatte, und las darin. Aber ich legte es bald wieder weg. So sehr ärgerte ich mich darüber! Ich will euch auch sagen, warum. Jener Herr will den Kindern, die sein Buch lesen, doch tatsächlich weismachen, dass sie ununterbrochen lustig sind und vor lauter Glück nicht wissen, was sie anfangen sollen! Der unaufrichtige Herr tut, als ob die Kindheit aus prima Kuchenteig gebacken sei. Wie kann ein erwachsener Mensch seine Jugend so vollkommen vergessen, dass er eines Tages überhaupt nicht mehr weiß, wie traurig und unglücklich Kinder zuweilen sein können? […] Es ist nämlich gleichgültig, ob man wegen einer zerbrochenen Puppe weint oder weil man, später einmal, einen Freund verliert. Es kommt im Leben nie darauf an, worüber man traurig ist, sondern nur darauf, wie sehr man trauert. Kindertränen sind, bei Gott, nicht kleiner und wiegen oft genug schwerer als die Tränen der Großen.“ (Original-Zitat aus dem Roman)

Mit diesen Sätzen beschreibt Erich Kästner sehr schön das, was seine Kinderbücher ausmacht: Er macht seinen jungen Leser*innen nichts vor. Zwar dramatisiert er nicht aber vermeidet auch die Verharmlosung. Seine jugendlichen Held*innen dürfen (!) unangenehme Situationen erfahren. Bei ihm dürfen sie leiden und trauern aber auch froh und glücklich sein. Er wertet bzw. entwertet die Gefühle seiner jungen Protagonisten nicht. Das Leben – insbesondere das Leben eines Kindes – ist nicht immer Himmelhochjauchzend mit Heiteitei und Ringelrein. Vielmehr deckt er die scheinheilige Doppelmoral von Autor*innen, Verleger*innen und erwachsenen Leser*innen auf, die sich über Schilderungen in Kinderbüchern, die ihnen zu radikal-realistisch erscheinen, echauffieren, dabei aber völlig ausblenden, dass die Wirklichkeit, auf die so manche Kinder leider prallen müssen, deutlich radikaler ist.

Und trotz aller gesellschaftskritischen und satirischen Aspekte in seinen Werken bleibt Kästner durch und durch der Menschenfreund, der nichts unversucht lässt, um die Tugenden im menschlichen Miteinander hochzuhalten: Freundschaft und Liebe, Toleranz und Loyalität, Mitgefühl und Fürsorge.

Und dies gelingt ihm – sowohl in seinen Kinderbüchern wie auch in den Werken für Erwachsene – auf ganz unnachahmlicher Weise: Ohne den erhobenen Zeigefinger der Moral, vielmehr ganz sanft, beinah in homöopathischen Dosen pflanzt er seine Botschaft in mich hinein und justiert meine sozialen Antennen neu.

Ich spüre, da ist jemand, der versteht. Ich atme befreit auf und weiß, es ist nun gut.

Wenn ich Kästner lese, wird meine Seele getröstet!


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855356072