[Rezension] Nicholas Blake – Das Geheimnis von Dower House

Ferguson O’Brien bekommt seit einiger Zeit anonyme Morddrohungen, die das ehemalige Fliegerass nicht ganz ernst nimmt. Erst als der unbekannte Briefeschreiber ihm mitteilt, dass seine Ermordung für den 2. Weihnachtsfeiertag anberaumt wurde, schaltet O’Brien den gewitzten Privatdetektiv Nigel Strangeways ein. Er bittet ihn, sich unauffällig unter die Gäste zu mischen, die er zu Weihnachten eingeladen hat. Hierbei handelt es sich um eine äußerst vielfältige Gästeschar. Außer den genannten Personen befinden sich – neben den Hausangestellten bestehend aus dem Butler Arthur Bellamy und der Köchin Mrs Grant – über die Festtage folgende Personen in Dower House: Entdeckerin Georgia Cavendish mit ihrem Bruder Edward Cavendish, die umwerfend schöne Lucilla Thrale mit zweifelhaften Ruf, Nachtclub-Besitzer Mr Knott-Sloman mit noch zweifelhafteren Ruf sowie Literatur-Professor Philip Starling. Es scheint ein entspanntes Fest zu werden, bis der Gastgeber erschossen in einer Hütte in der Nähe des Hauses aufgefunden wird. Der erste Eindruck lässt auf Selbstmord schließen, doch einige Indizien lassen Nigel Strangeways zweifeln. Als dann ein schändlicher Mordversuch an Bellamy verübt wird, ist die Verwirrung perfekt. Zusammen mit der Polizei versucht Strangeways den Wirrwarr aus Lügen, Verdächtigungen und Verschleierungen zu entknoten und muss dafür einen Blick in die Vergangenheit aller Beteiligten incl. des Mordopfers werfen…!

Was tut ein angesehener Professor der Universität Oxford nicht alles aus Geldnot: Er legt sich einen Künstlernamen zu und schreibt unter diesem Pseudonym von 1935 bis 1966 einige äußerst erfolgreiche Kriminalromane. So oder ähnlich könnte es bei Cecil Day-Lewis (alias Nicholas Blake), der im Jahre 1968 von der Queen zum Hofdichter ernannt wurde, abgelaufen sein. Somit konnte er – von den hehren Sphären der Poesie bis zu den mörderischen Abgründen – eine erstaunliche literarische Bandbreite vorweisen, die auch diesem Krimi zugutekam.  

Nicholas Blake (Ich bleibe bei meiner weiteren Ausführung bei dem Namen, der auf dem Cover des Buches steht!) bietet mir als Leser in seinem erstmals 1936 erschienenen Roman alle gängigen Ingredienzien, die für eine klassische Kriminalgeschichte vonnöten sind. Einerseits erfüllt Blake die Erwartungen seiner Leserschaft, indem er bekannte (und beliebte) Klischees bedient und einen spannenden Plot mit falschen Fährten liefert. Andererseits überrascht er mit interessanten Charakterzeichnungen der handelnden Personen, die die Klischees wieder konterkarieren. So hegt der taffe Abenteurer Ferguson O’Brien eine stille Freude am weihnachtlichen Dekorieren seines Hauses. Sein Butler Bellamy lässt die noble Zurückhaltung seiner Zunft vermissen und gehört eher zur robusten, direkten Sorte. Der hochgebildete Literaturprofessor Philip Starling frönt dem Klatsch und Tratsch und erfreut mit bissig-ironischen Bemerkungen. Und selbst der taffe Ermittler Nigel Strangeways wirkt eher wie ein harmloser rot-blonder Durchschnitts-Engländer.

Mit pointierten Dialogen gelingt es dem Autor die Spannung aufzubauen. Leider weist die Handlung auch die eine oder andere Längen auf und hätte besonders gen Ende etwas knackiger ausfallen können. Primär die Verfolgungsjagd „zu Lande“ und „in der Luft“ (Warum nicht auch „zu Wasser“?), die sich Ermittler und Täter am Schluss liefern, empfand ich eher ermüdend und war für den Verlauf der Geschichte eher unerheblich.

Doch trotz dieser kleineren Schwächen bereitete mir dieses Werk aus der goldenen Zeit des Kriminalromans – in Kombination mit Wolldecke, Tee und Plätzchen – einige vergnügliche Stunden.


erschienen bei Klett-Cotta/ ISBN: 978-3608983463

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Hugh Nini & Neal Treadwell – LOVING: Männer, die sich lieben. Fotografien von 1850-1950

Am Blick zweier Menschen erkennt der aufmerksame Beobachter, ob diese Beiden sich lieben. Da können die Gesten noch so zurückhaltend und die Körperhaltung eher defensiv sein, der Blick verrät sie…! Wenden sich die Liebenden einander zu, vollführen ihre Körper eine Wandlung. Sie nehmen eine Position ein, die sich über Jahrzehnte (wenn nicht sogar Jahrhunderte) hinweg nicht verändert hat und unabhängig ist von Herkunft, sozialer Stellung, Ethnie, Alter, Geschlecht und sexueller Orientierung. Die Liebenden neigen vertraut die Köpfe zueinander: Es scheint beinah so, als wäre diese Position der gegenseitigen Zuneigung in der Genetik des Menschen verankert.

Hugh Nini und Neal Treadwell entdeckten vor über 20 Jahren ein altes Original-Foto, auf dem zwei junge Männer sich umarmen und verliebt in die Augen schauen. Anfangs dachte das Paar noch, das es sich hierbei eher um einen einmaligen Fund handelte. Bewusst machten sich die beiden auf die Suche nach weiteren Fotos einer Liebe zu einer Zeit, als diese Liebe „nicht sein durfte“, gesellschaftlich nicht anerkannt war und bei Entdeckung oftmals auch bedrohliche Konsequenzen nach sich ziehen konnte. Trotzdem wagten diese Männer es, ihre Liebe füreinander auf einem Foto zu konservieren.

Über die Jahre hinweg trugen Hugh Nini und Neal Treadwell über 2800 Fotografien aus aller Welt (USA, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Russland u.a.) zusammen und schufen so eine einzigartige Sammlung, die gleichzeitig eine Reise durch Länder und Epochen darstellte. Änderten sich auch Mode, Frisuren oder Bild-Hintergründe, die Haltung der porträtierten Männer zueinander zeigt eine erstaunliche Ähnlichkeit – unabhängig vom Entstehungsjahr oder dem Herkunftsland. Wir erfahren nur wenig von den Porträtierten. Oftmals sind es nur die wenigen Informationen, die das Foto selbst bzw. eine Notiz auf der Fotorückseite preisgeben. Und gerade diese raren handschriftlichen Notizen sind es, die das Verlangen dieser Männer nach Anerkennung und Normalität widerspiegeln: Die Zeile „Ich schicke dir ein Foto, das wohl den Vorhang von einem kleinen Teil meines Lebens lüftet.“ steht auf der Rückseite eines Fotos aus Bulgarien und offenbart mehr als sie verschweigt.

Alle diese Männer hätten sich sicherlich ein offenes Miteinander gewünscht. Doch sie waren gezwungen, sich und ihre Liebe zu verstecken, dem Wohlwollen des jeweiligen Fotografen ausgesetzt und mussten auf dessen Verschwiegenheit hoffen. Selbst die etwas kitschig anmutenden Selbstinszenierungen, sei es in einem Fotostudie auf einem „Honeymoon“ oder als nachgestelltes Hochzeitsfoto mit Brautstrauß und/oder Sonnenschirm, sollen schlicht und ergreifend nur das ausdrücken, was auf einem selbst gemalten Papp-Schild steht („not married but willing to be“), das zwei junge Herren in die Kamera halten, und signalisiert, dass sie zusammen gehören. Andere Paare bleiben lieber für sich und halten ihre Liebe via Foto-Automat fest und sichern so, dass weder Fotograf noch die Angestellten eines Entwicklungslabors sie denunzieren könnten. Auf wenigen Fotos sind neben den Paaren auch weitere Frauen, Männer bzw. (Kriegs-)Kameraden abgelichtet: Zu diesen Menschen muss ein enormes Vertrauen bestanden haben, ansonsten hätten die Liebenden es nicht gewagt, ihre Liebe so eindeutig vor ihnen zu zeigen.

Ich fühle mich diesen unbekannten Männern auf eine verwirrende Weise verbunden. Verwirrend vielleicht aufgrund der Erkenntnis, dass sich zwischen den 1950er und 80er Jahren wenig gesellschaftlich getan hatte: Selbst in den 80ern aufgewachsen war „schwul“ damals ein gängiges Schimpfwort, und AIDS galt als „Schwulenseuche“. Nie hätte ich es in dieser Zeit gewagt, mich zu outen. Zu groß war meine Angst vor Repressalien. Da versteckte ich mich doch lieber weiter hinter einer Fassade aus Konventionen. Erst als ich den Mut fand, dieses Bollwerk niederzureißen, begann mein wahres Leben. Ich konnte atmen und war frei für eine Partnerschaft.

Rund 350 Fotografien haben Hugh Nini und Neal Treadwell aus ihrer umfangreichen Sammlung für diesen opulenten Bildband ausgewählt. Sie erzählen Geschichten voller Melancholie und Sehnsucht, von Zuneigung und Verbundenheit aber auch von Enttäuschungen, Kränkungen, Verleugnungen und nicht gelebte Leben.

Aber vor allem anderen sind diese Fotografien eins: Ein Ausdruck von Liebe!


erschienen bei Elisabeth Sandmann/ ISBN: 978-3945543825

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Michael Ende – Die unendliche Geschichte (Schmuckausgabe)/ mit Illustrationen von Sebastian Meschenmoser

Vor über einem Jahr erschien diese Schmuckausgabe anlässlich des 40. Geburtstages des Buches. Vor beinah einem Jahr habe ich sie von meinem Liebsten zum 50. Geburtstag erhalten, denn schließlich zählt Die unendliche Geschichte zu „Die Bücher meines Lebens“. Doch seitdem liegt dieser Prachtband unberührt auf der Ablage unseres Couchtisches. Irgendetwas hinderte mich, dieses Buch in die Hand zu nehmen und aufzuschlagen. Ausreden hatte ich reichlich parat: „Das Buch ist zu groß und zu schwer: Das kann ich nur an einem Tisch sitzend betrachten.“ und „Um dieses Buch richtig genießen zu können, brauche ich Zeit: Im nächsten Urlaub – Ja, dann setze ich mich dran!“

Ich glaube, mein Zaudern und Zögern lag vielmehr darin begründet, dass ich Angst hatte, diese Schmuckausgabe könnte nicht meine Erwartungen erfüllen und die Illustrationen würden gegen die vor über 40 Jahren entstandenen Bilder in meinem Kopf rebellieren. Schließlich liegt diese Geschichte mir so sehr am Herzen, und da war meine Befürchtung, vielleicht enttäuscht zu werden, einfach zu groß. Zudem konnte mich die Gestaltung der Neu-Auflage des Romans, die im Frühjahr des vergangenen Jahres erschien, leider nicht gänzlich überzeugen.

Doch nun war endlich die Zeit gekommen, mich meiner Furcht zu stellen…!

Die Handlung setze ich als bekannt voraus, und so werde ich mein Augenmerk ganz auf die Gestaltung des Buches lenken. Der Illustrator und Kinderbuchautor Sebastian Meschenmoser hat sich dieser herausfordernden Aufgabe gestellt. Meschenmoser ist mir u.a. durch seine bezaubernden Geschichten um Herrn Eichhorn bekannt.

Der Schutzumschlag gleitet vom Buch und offenbart einen edlen roten Leinen-Einband. Auf dem vorderen Deckel schlängeln sich in plastischer Prägung zwei Schlangen, die sich gegenseitig in den Schwanz beißen, um den Name des Autors und den Titel des Buches. Ich schlage das Buch auf und auf dem Vorsatzpapier „begrüßen“ mich in mehreren Reihen formiert eine Armada an Sphynx.

Dann beginnt die Geschichte, und ich atme auf als mein Blick auf den bekannten zweifarbigen Satzdruck in Rot und Grün fällt. Okay, auf die ursprünglichen, wunderbaren „Von A bis Z mit Buchstaben und Bildern“ wurde auch hier verzichtet, dafür hat Sebastian Meschenmoser eigene, äußerst phantasievolle Anfangsbuchstaben kreiert, die einen direkten Bezug zum folgenden Kapitel bilden und durch liebevolle Einzelheiten überraschen. Ich blätterte weiter und stieß auf das erste bunte Bild, das sich über zwei Seiten erstreckt. Insgesamt 50 großformatige Ölgemälde hat er für „Die unendliche Geschichte“ erstellt, auf denen Michael Endes Helden und Geschöpfe mal düster-bedrohlich, mal in einer überwältigenden Farbigkeit lebendig werden. In seinen Kunstwerken unterstreicht Meschenmoser das Surreale in Endes Geschichte. Weitere 138 ausdrucksstarke Zeichnungen verteilen sich über die 415 Seiten des Buches.

Allen Illustrationen ist gemein, dass ein flüchtiger Blick nicht ausreicht, um alle Feinheiten zu erfassen. Ausreichend Muße ist vonnöten, um die vielen ironischen Kleinigkeiten und versteckten Details aufzuspüren. Unwillkürlich erinnerte mich Meschenmosers Kunst an die Arbeit von Tatjana Hauptmann zu Das große Märchenbuch, und wie dieses Standard-Werk aus dem Diogenes-Verlag hat auch die Schmuckausgabe von „Die unendliche Geschichte“ das Potential zum Klassiker: Michael Endes Geschichte ist es schon seit Jahrzehnten!

Je weiter die Handlung voranschreitet, je mehr sich die reale Welt mit der Welt von Phantasien vermischt, umso tiefer wurde ich in das Buch durch die grandiosen Illustrationen hineingesogen,…

…und ich ertappte mich dabei, wie ich beim Betrachten der Bilder den Atem anhielt und mir die Augen feucht wurden,…

…denn alles war so bekannt und doch so neu und dabei so wunderschön,…

…und ich fühlte mich wie damals als Kind, als ich „Die unendliche Geschichte“ zum ersten Mal für mich entdeckte,…

„…aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden!“

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meines Blogger-Kollegen Hauke Hader von der Buchhandlung „Almut Schmidt“ in Kiel.


erschienen bei Thienemann/ ISBN: 978-3522202503

[Rezension] Nina Freudenberger (mit Sadie Stein) – BiblioStil. Vom Leben mit Büchern/ mit Fotografien von Shade Degges

„Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele.“ Cicero

Der große Philosoph der römischen Antike hat mit diesem einen Satz so vieles ausgesagt, und so erscheint mir diese Rezension ein wenig wie die Fortsetzung meines Beitrags Die Präsenz der Bücher, den ich vor beinah zwei Jahren zu diesem Thema veröffentlicht hatte. „Verrate mir, was du liest, und ich sage dir, wer du bist!“ Doch nicht nur was wir lesen spiegelt unseren Charakter wieder, auch wie wir den Aufbewahrungsorte unserer Lektüren gestalten, offenbart vieles von unserer Persönlichkeit.

Nina Freudenberger blickt weltweit in die Bibliotheken von bibliophilen Menschen: Dabei handelt es sich durchweg um Menschen, die über das nötige Know-how verfügen: So tummeln sich in diesem Buch u.a. Autor*innen, Buchhändler*innen, Künstler*innen, Architekt*innen, Geschäftsführer*innen und Regisseur*innen. Wohltuend unprätentiös berichten sie von ihrer Leidenschaft und gewähren uns private Einblicke in ihre Bibliotheken. Allen ist gemein, dass sie eine innige Beziehung zum gedruckten Wort hegen. Die Beweggründe zur Entstehung ihrer Bibliothek können durchaus unterschiedlich sein. Da gibt es „Die Sentimentalen“, die mit jedem Buch in ihrer Sammlung eine Geschichte, eine Erinnerung verbinden. „Die Intuitiven“ lassen sich von ihrem Gefühl bei der Gestaltung bzw. Zusammenstellung ihrer Bibliothek leiten. Während „Die Arrangeure“ ihre Bücher bewusst gruppieren, um einen bestimmten Effekt zu erzielen, richten „Die Professionellen“ ihre Lektüre nach Fachrichtungen aus. „Die Sammler“ sind auf der Jagd nach besonderen Exemplaren, um diese der Nachwelt zu erhalten.

Einige Bibliotheken machen staunend aufgrund ihrer Atmosphäre oder ihrer Größe. Andere wirken erfrischend unsortiert/ unaufgeräumt, scheinen wie organisch gewachsen und sind somit nicht nur Aufbewahrungs- sondern vor allem Wohnort. Es wird mit/ neben/ inmitten Büchern gelebt, und die Präsenz der Bücher nimmt Einfluss auf die Persönlichkeit der Besitzer*in! Nina Freudenberger porträtiert somit in ihren Texten (gemeinsam mit Sadie Stein) nicht nur die Räume sondern charakterisiert ebenso charmant die in diesen Räumen lebenden bzw. arbeitenden Menschen.

Locker verteilt Freudenberger zwischen den Porträts kleine Exkurse rund ums Buch: Wir lernen außergewöhnliche Buchläden und Antiquariate kennen, wo sich Bücher fein säuberlich sortiert in Regalen oder ohne System vom Boden bis zur Decke stapeln. Dann entdecken wir kostbare Raritäten des Buchdrucks oder werfen einen interessierten Blick in öffentliche Bibliotheken unterschiedlicher Ausrichtung.

So wunderbar die Texte auch sind, doch ein solches Buch „lebt“ von den Fotos: Shade Degges besitzt ein feines Auge, um die Quintessenz eines Raumes im Bild einzufangen. Sie verzichtet wohltuend auf plakative Hochglanzfotos: Durch ihre elegante Mattigkeit gewinnen ihre Fotos deutlich an Tiefe. Geschickt wechselt Degges zwischen Totale und Detail, um die Stimmung der jeweiligen Bibliothek und das Wesen deren Besitzer zu erfassen. So erlaubte sie mir einen durchaus schwelgerischen aber nie voyeuristischen Blick in die Bücherschränke Gleichgesinnter.

Egal ob kleines Bücherregal oder opulente Bibliothek, egal ob in New York oder Osterholz-Scharmbeck, egal ob Künstlerin oder Krankenpfleger:  Wir alle sind Gleichgesinnte, denn uns eint die Liebe zum Buch!


erschienen bei Prestel/ ISBN: 978-3791386522

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Fritz Eckenga – Eva, Adam, Frau und Mann – Da muss Gott wohl nochmal ran. Neue Rettungsreime/ mit Illustrationen von Nikolaus Heidelbach

Liebling,
ich habe nach dem Küffen
immer Fuffeln im Mund.
Kennft du den Grund,
wiefo ich die hab?

Blödmann,
nimm einfach die Maske ab.

*

Kabarettist Fritz Eckenga schlägt gnadenlos zu und trifft dabei empfindlich ins Schwarze: Statt „Aua“ zu brüllen, lacht der/die/das Getroffene aus voller Kehle und präsentiert die wehrlose Flanke in der wohligen Hoffnung auf einen weiteren Schlag. Ich wurde nicht endtäuscht: Eine Armada an Verse prasselte auf mich ein, und ich quiekte vor Vergnügen.

Thematisch beschäftigt sich Eckenga mit den essenziellen Bs des menschlichen Seins. Unter den Rubriken Belebt, Beliebt, Beruf, Begangen, Behütet, Verwirt, Berühmt, Bespielt, Bedacht und Bewundert schüttelt, rüttelt und reimt er alles zusammen, was nicht bis 3 auf einem Baum ist. Untermalt werden seine Werke durch den großen Nikolaus Heidelbach, dem er abschließend ein eigenes Gedichtchen widmet.

Mit spitzer Feder „verst“ er über Zwischenmenschliches und -tierisches, Politisches, Prominentes, Sportliches, Berufliches sowie All- und Feiertägliches, und es darf – aus aktuellem Anlass – auch Pandemisches nicht fehlen (Ratet mal, hinter welcher „Maske“ sich die hierzu passende Rubrik versteckt? 😉).

Ich habe Zeit, ich bin so frei,
ich schrei-
be hier auf Norderney,
wie einst der große Heinrich Hei-
ne sozusagen nebenbei,
bei einem Pott Ostfriesentee,
mit Blick auf Milchbar, Damm und See,
ne ziemlich große Menge Rei-
me in die daumendicke Spei-
sekarte des Café-
und Restaurants Marienhöh.

*

Für eine gute Pointe verkauft er nicht nur seine Großmutter, sondern scheut sich nicht, das Versmaß zu verbiegen und die wehrlosen Worte hemmungslos zu trennen – Hauptsache, es reimt sich. Wirkte diese Vorgehensweise auch anfangs so krude auf mich, dass ich nur dusselig aus der Wäsche gucken konnte, offenbarte sich nach einem wiederholten Lesen der Spaß. So hätte ich nie gedacht, dass diese Art ironischer Lyrik mir so viel Freude bereiten könnte. Darum…

Ja, schlag mich weiter! Ich brauch’ es…!


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-956143861

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Jella Lepman – Die Kinderbuchbrücke

Es war einmal…

…vor einigen Jahren kurz vor den Wahlen, da saß ich mit einer Bekannten zusammen, und sie äußerste ihre Haltung dazu: „Ich gehe nicht zu den Wahlen! Man weiß ja eh nicht mehr, welche Partei man wählen soll!“ Ich starrte sie völlig entgeistert an: Nach einer Schrecksekunde in Schockstarre gab ich zu bedenken, dass – abgesehen davon, dass sie mit ihrer Wahlverweigerung automatisch die AfD stärkt – in der Vergangenheit viele mutige Frauen dieses Wahlrecht für sich und nachfolgende Generationen hart erkämpft haben. Mich traf der verständnislose Blick meiner Bekannten…!

Mutige Frauen: Es gab sie und wird sie zum Glück immer geben. Mutige Frauen, die am Sockel des Patriarchats des weißen Mannes rütteln. Und allen weißen Männern, die der Meinung sind, dass eben dieser weiße Mann die Krone der Schöpfung darstellt, rufe ich voller Überzeugung zu: „Nein, er ist es nicht!“ Im Gegenteil: Die Krone der Schöpfung sind für mich all die Menschen, die – im Großen wie im Kleinen – dafür sorgen, dass das Leben auf unserem Planeten ein wenig besser wird!

Jella Lepman war einer dieser Menschen, war eine dieser mutigen Frauen.

Als Jüdin musste die Journalistin 1936 über Italien nach England immigrieren, wo sie weiterhin u.a. für die BBC und den US-amerikanischen Sender ABSIE journalistisch tätig war. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt sie das Angebot, als Beraterin der US-Armee für Frauen- und Jugendfragen im Rahmen des „Reeducation“-Programms der amerikanischen Besatzungszone nach Deutschland zurückzukehren. Lepman reiste voller Zweifel und Ängste in das Land, das für den Holocaust verantwortlich war. Schnell wurde ihr bewusst, dass eine „Reeducation“ (=Entnazifizierung) bei denen am erfolgreichsten ist, die sie als hoffnungsvolle Zukunft eines Landes ansah: die Kinder! Das beste und geeignetste Medium, um den Kindern im Nachkriegsdeutschland Toleranz, Friedensliebe und Weltoffenheit näher zu bringen, waren für sie die wunderbaren Kinderbücher aus aller Welt bzw. aus Deutschland vor dem Einfluss der Nazis (z. Bsp. „Emil und die Detektive“ von Erich Kästner).

Aber waren die Kinder Deutschlands, die so viel Leid erlebt und Schreckliches gesehen haben, überhaupt bereit dafür? Und wären die Nationen bereit, ihre Kinderbücher dem „Feind“ zu spenden? Ihre Bitte um Bücher für die Kinder in Deutschland, die sie an die Länder richtete, traf dort einen Nerv der Solidarität – Solidarität für die Kinder – und so fungierten die Kinderbücher als Brücke der Verständigung zwischen den Nationen. Jella Lepman organisierte 1946 eine Internationale Jugendbuchausstellung in München (und somit auch die erste internationale Ausstellung in Deutschland nach dem Krieg), die auch auf Wanderschaft ging und somit in weiteren Städten in Deutschland gezeigt wurde. Die Ausstellung wurde ein sensationeller Erfolg: Aus ihr entwickelte sich im Jahre 1949 die Internationale Jugendbibliothek im München, deren Direktorin Lepman bis 1957 war.

In diesem Buch lässt Jella Lepman den Aufbau der Internationalen Jugendbibliothek mit eigenen Worten wiederaufleben. Im leichten Plauderton mit sehr viel Empathie erzählt sie über ihren Neu-Anfang im Nachkriegsdeutschland. Humorvoll berichtet sie von Rückschlägen und Fauxpas und plaudert unterhaltsam über Begegnungen mit damaligen Größen des öffentlichen Lebens (Eleanor Roosvelt, Theodor Heuss, Elly Heuss-Knapp, Golo Mann und Erich Kästner), die sie als Befürworter bzw. Unterstützer ihrer Idee gewinnen konnte. Im Mittelpunkt ihres Handels standen immer die Kinder. Sehr emotional lässt sie uns an ihren ersten Begegnungen mit traumatisierten Kindern, die in den Trümmerbergen ums Überleben kämpften, teilhaben. Ebenso berührend sind ihre Schilderungen über die Reaktionen der Kinder: Andächtig, staunend und mit glänzenden Augen nahmen sie die Bücher „in Besitz“. Jella Lepman lag so nicht nur die Förderung der Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland am Herzen. Sie wurde auch zur Förderin der jungen Leser*innen. „Kinder an die Macht“ schien ihre Devise zu lauten, und so ließ sie von den Kindern Buch-Rezensionen erstellen, in Gesprächsrunden Autor*innen Löcher in den Bauch fragen und initiierte die ersten Fremdsprachenkurse. Aber auch über den Räumlichkeiten der Bibliothek hinaus warb sie mit aller Kraft für ihre Idee und kooperierte mit Schulen und Ämtern. Zudem knüpfte sie grenzüberschreitend Kontakte, indem sie Kongresse besuchte und internationale Gäste in der Jugendbibliothek begrüßte. Die Autorin (be-)schreibt mit so viel Begeisterung und Anteilnahme, dass mir während der Lektüre (Ich gestehe…!) das eine oder andere Mal die Augen feucht wurden.

Eingeleitet wird dieses literarische Statement durch ein Vorwort von Dr. Christiane Raabe, der jetzigen Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek, ergänzt durch viele historische Fotos und abgeschlossen durch die lesenswerte Kurz-Biografie „Die vielen Leben der Jella Lepman“ von Anna Becchi.

Lepmans ängstliche Frage, ob die Kinder bereit für Bücher seien, war völlig unbegründet. Die Kinder stürmten begeistert zuerst die Ausstellung und später die Internationale Jugendbibliothek, beteiligten sich aktiv an deren Angebote und entdeckten die neuen Bücher für sich: Für sie waren die Kinderbücher die Flucht aus einem grauen Trümmer-Deutschland in eine farbenfrohe Welt voller Spaß, Abenteuer und einer Vielzahl an unterschiedlichen Held*innen,…

…und wenn sie nicht gestorben sind, dann lesen sie noch heute!

Weitere Informationen findet Ihr auf der HOMEPAGE der Internationalen Jugendbibliothek.


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956143922

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Quint Buchholz – Zauberworte

…und die Welt hebt an zu singen,
triffst Du nur das Zauberwort.
Joseph von Eichendorff

Zauberworte: Jeder kennt sie! Ein „Stichwort“ genügt, und an meiner Kommode der Erinnerungen springt eine Schublade auf und überschwemmt mich mit Bildern…! Der bekannte Illustrator Quint Buchholz, der u.a. Elke Heidenreichs Nero Corleone so wunderbar illustrierte, hat einige solcher Zauberworte gesammelt und dazu Bilder in sanften Farb-Nuancen geschaffen.

„Abenteuerlust“, „Löwenherz“, „Lieblingsbuch“, „Himmelsleiter“ und „Fingerspitzengefühl“ sind nur einige wenige dieser Zauberworte, die allein durch ihren Klang Assoziationen bei mir heraufbeschwören. Doch Buchholz’ Illustrationen bürsten die eigenen Assoziationen „gegen den Strich“ und öffnen so neue, ungewöhnliche Sichtweisen. Seine Illustrationen wirken beinah foto-real und scheinen gleichzeitig in einem sanften Nebel des Unwirklichen gehüllt.

Gekonnt arbeitet er mit Perspektive, nur um sie beim nächsten Bild zu verschieben, um so unserem gewohnten Denkmuster ein Schnippchen zu schlagen und es auszutricksen. Ein zweiter Blick ist oft angebracht, um das Kuriose, Abenteuerliche oder Phantasievolle in seinen Werken wahrzunehmen. Dabei setzt der Illustrator die Gesetze der Schwerkraft und des Möglichen außer Kraft und lässt Unwirkliches völlig „normal“ wirken. Wobei wir uns hier streiten könnten, was „normal“ ist und was nicht…!

So lösten manche Bilder bei mir erst ein verständnisloses Stirnrunzeln aus, um dann nach eingehender Betrachtung und Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Zauberwort einem kindlichen Staunen Platz zu schaffen.

Dieses Buch erweckte auf wundersame Weise das Kind in mir und lud mich ein, weniger rational, weniger stringent die Welt zu betrachten, sondern vielmehr meinen grauen Zellen eine farbenfrohere Sicht auf das Leben zu gönnen.


erschienen bei Sanssouci/ ISBN: 978-3990560013

[Rezension] Vicki Baum – Menschen im Hotel

Die Drehtür des Berliner Grand Hotels rotiert: Gäste checken ein, checken aus, begegnen sich in der Lobby, im Tearoom oder im Wintergarten, und für einen kurzen Moment kreuzen sich ihre Lebensbahnen. Da haben wir den Generaldirektor Preysing, der sich voller Verzweiflung in Verhandlungen stürzt, um seine Firma zu retten. Im Nebenzimmer logiert der totkranke Buchhalter Otto Kringelein, der, nach einem unbedeutenden Dasein des Sparens und Darbens, noch einmal leben möchte. Der smarte Baron Gaigern ist ihm nicht ganz uneigennützig behilflich, eine gehörige Portion „Leben“ zu erfahren. Immer knapp bei Kasse aber auf großem Fuß lebend, schlägt er sich „hauptberuflich“ als Fassadenkletterer durch. Bei einem dieser Aktionen landet er im Zimmer der alternden und lebensmüden Primaballerina Grusinskaja. Doch anstatt ihr ihre berühmten Perlen zu stellen, findet er in ihr eine verwandte Seele auf der Suche nach Zuneigung und Glück. Ein kleines Stückchen Glück wünscht sich auch die kokette Sekretärin Flämmchen, die auf ihrer Suche danach durchaus gewillt ist, das unmoralische Angebot von Generaldirektor Preysing anzunehmen. Wenige Tage später, manchmal auch nur nach wenigen Stunden trennen sich diese Menschen wieder, doch ihre Begegnungen haben Spuren im Lebenslauf der anderen hinterlassen…!

Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel“ erschien im Jahre 1929 mit dem treffenden Untertitel Kolportageroman mit Hintergründen: Jede*r ihrer Held*innen trägt eine Last auf den Schultern und droht, wie durch einen Mühlstein, der um den Hals gebunden ist, von ihr in den Abgrund gezogen zu werden. Jede*r versucht sich von dieser Last zu befreien, oder zumindest ein wenig Erleichterung zu erfahren. Ihre Schicksale liefern die nachvollziehbaren Beweggründe für die jeweiligen Taten, für die jeweiligen Entscheidungen. Das Nobelhotel, dieser Ort des Wohlstands und des Glamours dient als Projektionsfläche der Wünsche und Sehnsüchte: Hier scheint jede*r aus der Gewohnheit entflohen. Werte werden neu definiert.

Dieser über 90 Jahre alte Roman hatte mich schon nach wenigen Seiten gepackt: Ich war überrascht, mit welcher modern anmutenden Frische Vicki Baum ihre Sätze formulierte. Bar jeglicher Sentimentalität aber mit viel Einfühlungsvermögen offenbarte sie die Geschichten ihrer Held*innen und zeigte dabei viel Sympathie für deren Handlungen. So waren auch mir als Leser die Charaktere nie unsympathisch: Vielmehr verspürte ich Mitgefühl und Verständnis. Jeder Charakter war gleichsam interessant. Geschickt verwebte die Autorin die Handlungsstränge von Hotel-Gästen und -Personal miteinander und lieferte ein wechselvolles Sittenbild der damaligen Gesellschaft.

Der Roman wirkte auf mich, als würde ich einen Blick durch ein buntes Kaleidoskop wagen: nur eine kurze Drehung/ nur wenige Seiten und ein neues Bild entsteht. Gerade diese Vielschichtigkeit und das Hoffen auf Unvorhersehbares erzeugten für mich als Leser die Spannung bei der Lektüre. Ich konnte durchaus nachvollziehen, warum dieser Roman bei seiner Veröffentlichung so außerordentlich erfolgreich war und auch weiterhin seine Leserschaft verdient.

Vicki Baums Heldinnen & Helden haben das Hotel längst verlassen. Neue Gäste sind eingetroffen. Es herrscht ein emsiges Kommen und Gehen, und die Drehtür rotiert weiter und weiter und weiter…!


erschienen bei Kiepenheuer & Witsch/ ISBN: 978-3462037982

[Rezension] Georges Simenon – Maigret macht Ferien

Auch ein so angesehener Polizeibeamter wie Kommissar Maigret braucht einmal Urlaub und so reisen seine Frau und er in das beschauliche Städtchen Les Sables-d’Olonne direkt an der Atlantikküste. Leider entpuppt sich dort eine scheinbar harmlose Magenverstimmung von Madam Maigret als gefährliche Blinddarmentzündung, die eine Operation im Krankenhaus nach sich zieht. Neben seinen regelmäßigen Besuchen an Madams Krankenbett kultiviert Maigret seine tägliche Routine mit Besuche der örtlichen Bistros und Cafés. Plötzlich findet er in der Tasche seines Jacketts einen Zettel mit der Nachricht „Suchen Sie aus Barmherzigkeit die Patientin in Zimmer 15 auf.“ Wer hat ihm diesen Zettel zugesteckt? Und vor allem: Wann…? Da der Kommissar nicht im Dienst ist, zögert er. Am nächsten Tag ist die besagte Patientin verstorben. Es handelte sich um die Schwägerin des angesehenen Arztes Doktor Bellamy. Nun ist Maigrets Interesse geweckt, und er nimmt Kontakt zum Doktor auf. Scheinbar gibt es für den Tod dieser jungen Frau eine plausible Erklärung. Doch dann wird ein weiteres junges Mädchen erdrosselt aufgefunden, das Maigret am Tag zuvor noch im Haus von Doktor Bellamy gesehen hat…!

Ich schlenderte durch die Buchhandlung meines Vertrauens, nahm mal hier ein Buch aus dem Regal, las mal dort einen Klappentext und stand irgendwann (wie so oft) vor dem Krimi-Regal: Ich konnte einfach nicht widerstehen! Der Schweizer Kampa-Verlag hat sich der Mamut-Aufgabe gestellt, alle Simenon-Romane neu aufzulegen. Die Krimis um seinen berühmten Kommissar Maigret überzeugen in teils neuen oder überarbeiteten Übersetzungen auch optisch mit den schwarz-weißen Fotos auf dem Cover. Einige ausgewählte Romane erstrahlen zudem im Retro-Design der 50er Jahre und sind somit ein wahrer Eye-Catcher. Wen wundert’s, dass ich mich von diesem Roman so magisch angezogen fühlte.

Man kann Georges Simenon wahrlich nicht nachsagen, dass er der fantasievolle Literat war, der an ausgefeilten Satzkreationen feilte. Er war eher der Stoiker und hatte somit vieles mit seinem Alter Ego Kommissar Maigret gemein. Waren raffinierte literarische Ergüsse auch nicht „seins“, so war er ein Könner im Schaffen von Atmosphäre. Die Straßen von Les Sables-d’Olonne, die Möwen am Hafen, die Gassen mit ihren Geschäften und Bistros, das Flair der späten 40er-/ frühen 50er-Jahre: Dies alles sah ich während meiner Lektüre vor meinem inneren Auge entstehen. Es schien mir, dass ich beinah diese Mischung aus sommerlicher Trägheit des Ortes und der nervösen Anspannung des Kommissars spüren konnte. Der Autor lässt die Worte der Nachricht („Suchen Sie aus Barmherzigkeit…“) Maigret in Gedanken immer wieder wie ein Mantra wiederholen und liefert ihm somit den Antrieb, aktiv in den Lauf der Ermittlungen einzugreifen. Er versteht es, Spannung aufzubauen und zu halten!

Simenon legte großen Wert auf eine detaillierte Charakterzeichnung seiner Handlungspersonen. So wie er Maigret nicht ausschließlich auf den Super-Schnüffler reduziert, so sind seine Übeltäter nicht „nur“ böse. Vielmehr schien es ihm wichtig, die Beweggründe für die Taten zu offenbaren und die Gedankengänge eines „kranken“ Geistes nachvollziehbar darzulegen. So geht er auch in diesem Krimi der Frage auf dem Grund, was einem bisher unbescholtenen Menschen veranlasst, ein schändliches Verbrechen zu begehen.

Maigrets Ferien gestalteten sich für ihn leider nicht wie erhofft: Für mich waren sie ein Vergnügen!


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311125280

[Rezension] Horst A. Friedrichs – Buchhandlungen. Eine Liebeserklärung/ mit Texten von Stuart Husband und Nora Krug

Buchhandlungen: Ich liebe sie! Im besonderen Maße liebe ich natürlich die innerhabergeführten Läden, die so viel von „ihren“ Menschen preisgeben und im besten Fall Charakter besitzen und Persönlichkeit ausstrahlen. Hier finde ich in beinah versteckten Nischen und Regalen so einige kleine Schätze abseits des Mainstreams. Natürlich ist oftmals das Angebot der großen Buchhandelsketten deutlich umfangreicher, aber ist es auch vielschichtiger? Zudem verströmen diese Läden mit ihrem genormten Ladenkonzept eher Sterilität und lassen nicht erkennen, in welcher Stadt ich mich gerade befinde.

Fotograf Horst A. Friedrichs hat sich seine Kamera geschnappt und sich auf eine Reise durch die Buchhandlungen der westlichen Hemisphäre gemacht. Mit seinen Fotos schafft er es, dem besonderen Flair dieser Orte, den sie für Buch-Enthusiasten verströmen, dem Betrachter sichtbar zu machen – sowohl als „Panorama“-Ansicht als auch „en détail“. Sie offenbaren eine immense Bandbreite, wie und wo Menschen Bücher verkaufen. Da versprüht „Spoonbill & Sugartown“ (Brooklyn, New York) mit seiner Styropor verkleideten Ladendecke in Kombination mit einem Lüster einen beinah morbiden Charme, während „Rizzoli“ (Manhatten/ New York) mit seinen dunklen Säulen und den muschelförmigen Regalaufsätzen ein gediegenes Upperclass-Flair versprüht. Bei „Dog Eared Books“ (San Fransisco) fühlte ich mich in die alternative Buch-Szene der 70er Jahre zurück versetzt. „Maggs Bros.“ (London) ist von außen kaum als Buchhandlung zu erkennen, blickt auf eine jahrhundertlange Tradition zurück und präsentiert in seinem Inneren eine wahre Schatzkammer an Buchantiquitäten. Der Buchladen „Gay’s The Word“ (London) macht Andersartigkeit sichtbar und etabliert sie als selbstverständlichen Teil einer bunten und vielfältigen Gesellschaft.

Bei „Word On The Water“ (London) muss die Kundschaft erst über einen kleinen Steg auf ein Boot, dass fest am Ufer des Regent’s Kanal liegt. Wir bleiben an einem Fluss: Natürlich dürfen in einer solchen Sammlung die „Bouquinisten“ am Ufer der Seine in Paris nicht fehlen. Eine alte gotische Kirche dient „Boekhandel Dominicanen“ (Maastrich) als Heimat, in der eine raffinierte Stahlkonstruktion dafür sorgt, dass das ehrwürdige Gotteshaus keinen Schaden nimmt. Beim Anblick der Fotos zu „Liveraria Lello“ (Porto) mit seinen geschwungenen Treppen und den Bleiglasfenstern stockte mir der Atem: So schön! Mit Schande muss ich gestehen, dass ich der renommierten Buchhandlung „Felix Jud“ in meiner Lieblingsstadt Hamburg bisher noch keinen Besuch abgestattet habe: Das soll/muss sich ändern! Und wenn ich schon in Hamburg bin, dann könnte ich auch bei „stories!“ vorbeischauen, die ihre Bücher eher wie Kunstwerke einer Galerie gleich zur Schau stellen. Insgesamt gibt es 47 Porträts zu bewundern…!

So unterschiedlich die Läden und ihre Besitzer*innen sind, so unterschiedlich ist auch die jeweilige Entstehungsgeschichte: Da protzen einige Läden als wahre Literaturtempel während andere eher dezent ihr Understatement kultivieren. Einige Läden blicken auf eine sehr lange Tradition zurück, andere Läden sind beinah „spontan“ in jüngerer Vergangenheit entstanden.

Auch wenn dieser Pracht-Bild-Band natürlich unter der Kategorie „Das geschriebene Wort…“ auftaucht, so spielen Texte eine eher untergeordnete Rolle. Und so erscheint in diesem Fall auch als erstes der Name des Fotografens in der obigen Überschrift. Während Nora Krug in ihrem Vorwort die Notwendigkeit von freien Buchhandlungen und ihren Einfluss auf die Gesellschaft deutlich macht, sorgt Stuart Husband in seinem Beitrag zu jeder Buchhandlung, dass die Inhaber*innen eine Stimme erhalten.

Das Gesicht zur Stimme zeigt Friedrichs in seinen wundervollen Fotos: Kluge Menschen blicken in die Kamera und zeugen von Individualität, Enthusiasmus und ihrer Liebe zum Buch. Horst A. Friedrichs ist wahrlich eine Liebeserklärung gelungen!

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin LESEMADEMOISELLE.


erschienen bei Prestel/ ISBN: 978-3791385808

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!