[Rezension] Joanna Nadin – Meine Mutter, unser wildes Leben und alles dazwischen

Dido Sylvia Jones ist gerade erst 6 Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter Edie in das geerbte Haus in einer Kleinstadt in Essex zieht. In dieser geordneten, gutbürgerlichen Umgebung fällt die flippige Edie schnell auf und sorgt für Aufregung in der Nachbarschaft; sehr zum Leidwesen ihrer Tochter Dido, die so gerne ein etwas unauffälligeres Leben führen würde. Direkt nebenan entdeckt sie ihr persönliches Narnia: Durch eine Tür in der Gartenmauer schlüpft sie in die saubere und strukturierte Welt der Familie Trevelyan mit Vater, Mutter und zwei Kindern. Mit der gleichaltrigen Tochter Harry freundet sich Dido an. Für deren älteren Bruder Tom schwärmt sie vom ersten Moment. Edie kann die Begeisterung ihrer Tochter an dieser spießigen Bilderbuchfamilie nicht teilen: Sie zieht es vor, ihr Leben ohne Konventionen öffentlich zu zelebrieren und reizt damit den Widerstand ihrer Tochter, die Konventionen benötigt, um Halt in ihrem Leben zu finden. So verfliegen die Jahre, und jede für sich taumelt durch ihr Leben mit falschen Jobs, falschen Freunden, falschen Liebhabern, da das/der Richtige immer irgendwie abwesend zu sein scheint…!

Dieses Jahr steht bei mir anscheinend ganz im Zeichen der Mutter-Tochter-Konflikte: Nach Anne Enrights Die Schauspielerin und Zwei Wochen im Juni von Anne Müller flutsche mir nun mit diesem Werk die dritte literarische Umsetzung zu diesem Thema zwischen die Finger. Joanna Nadin lässt in ihrem komplexen Roman die Geschehnisse aus der Sicht von Dido Revue passieren. Dieser Roman wirkt beinah wie ein scheinbar nie enden wollender Brief, den Dido ihrer Mutter Edie schreibt. So sind die Zeilen natürlich sehr persönlich gefärbt und spiegeln die jeweilige Lebenssituation von Dido wieder, offenbaren aber auch peu à peu die Geschichten ihrer Mutter und der Menschen in ihrem Umfeld.

Die Autorin entblättert Seite für Seite die zarte Seele eines Kindes, das auf der Suche nach Liebe, Halt und Anerkennung ist. Dies kann sie allerdings bei ihrer eigenen Mutter nicht finden, da diese selbst an den Wunden ihrer verletzte Seele krankt. So sind Missverständnisse und gegenseitig zugefügte Kränkungen zwangsläufig unabwendbar. Wie Naturgewalten prallen diese Frauen aufeinander, die so unterschiedlich sind aber gleichzeitig so vertraut miteinander, dass jede die wunden Punkte der anderen nicht bloß kennt sondern auch zielsicher trifft. Doch gerade diese Vertrautheit wirkt wie ein eng geknüpftes Band: Mutter und Tochter sind untrennbar miteinander verbunden!

Joanna Nadin erzählt ihre Geschichte in einer wunderschönen Sprache, die vor Energie strotzt und mit ihren Worten Bilder malt. Sie schafft es, dass ihre Leserschaft nie Mitleid aber immer Mitgefühl für die Protagonist*innen entwickelt. Alle agieren nachvollziehbar im Rahmen ihres vorgegebenen gesellschaftlichen Gefüges. Niemand wird bloßgestellt! In Nadins Charakterzeichnungen spürte ich sehr viel Herz und Verständnis für die Fehler „ihrer“ Menschen. Trotz aller vorhandener Ernsthaftigkeit mit ihren Dramen und den Tränen entlockten mir die humorvollen Beschreibungen der skurrilen Situationen, in die Dido, Edie & Co. stolpern, durchaus auch ein Lächeln.

Dido ist schonungslos – mit ihrer Mutter aber auch mit sich selbst. Doch am Ende steht die weise Erkenntnis, dass alles im Leben einen Sinn ergibt und erst mit dem Verzeihen die eigene innere Ruhe einkehren kann.

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension von Günter Keil.


erschienen bei Limes/ ISBN: 978-3809027072

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Julius Thesing – You don’t look gay

Eine unbedarfte Äußerung während der Bahnfahrt, eine „freundlich“ gemeinte Bemerkung auf der Party…! Homophobe Diskriminierungen haben Homosexuelle schon in (beinah) allen Lebenslagen erfahren, wobei das titelgebende „Du siehst ja gar nicht schwul aus!“ noch eine der Harmloseren ist. Julius Thesing offenbart in Text und Illustration, wie tief im Alltag unserer Gesellschaft Homophobie (leider) noch verankert ist und versucht mit gängigen Klischees aufzuräumen. In seinen Zeichnungen spielt er mit ebendiesen Klischees, karikiert Rollenbilder, persifliert bekannte Kunstwerke und schafft Typen abseits vom Mainstream. Zwar wurde in einigen Ländern schon vieles auf dem Weg zur schwulen Emanzipation erreicht, doch mit Auszügen aktueller Statistiken und Zitaten von Politikern aus unterschiedlichen Nationen (auch aus Deutschland) belegt er, dass wir auf dem Weg zur endgültigen Emanzipation bei weiten noch nicht am Ende angekommen sind bzw. unter Umständen ein Outing massive (durchaus lebensbedrohliche) Konsequenzen nach sich ziehen kann. Eine Lösung kann auch der Autor nicht bieten. Vielmehr sieht er das Buch (mit eigenen Worten) eher als Versuch und Gesprächsangebot und nicht als Manifest.

Ich gestehe es frank und frei: Ich stecke in einer Zwickmühle! Einerseits feiere ich dieses Buch, andererseits bleibe ich nach der Lektüre verwirrt zurück. Einerseits wurden meine Erwartungen erfüllt, andererseits habe ich etwas „anderes“ erwartet. (…?…)

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust!„ Johann Wolfgang von Goethe

Zurück auf Anfang: Julius Thesing ist ein junger Illustrator, der sich im Rahmen seiner Bachelor-Arbeit mit dem Thema „homophobe Diskriminierung“ beschäftigt hat. Seine Bachelor-Arbeit fand die Aufmerksamkeit der Verantwortlichen des Bohem-Verlags, der für seine außergewöhnlichen Kinder- und Jugendbücher bekannt ist.

Vielleicht liegt hier auch mein Gefühl des Zwiespalts begründet: Bei einer Bachelor-Arbeit eines Studenten würde ich einen anderen Maßstab anlegen als an ein professionelles Verlagsprodukt, das die verschiedenen Phasen der Entwicklung durchlaufen hat.

„Ein Buch, das gleichzeitig nachdenklich und manchmal sogar wütend macht und Anlässe zum Schmunzeln gibt; das informiert, die Augen öffnet und helfen kann.“ Originaltext Verlagskatalog

Die meisten Äußerungen kann ich unumwunden bestätigen, nur ein Schmunzeln wollte sich bei mir partout nicht einstellen. Ich vermisste die Leichtigkeit und den Humor in diesem Werk (oder ich konnte ihn nicht erkennen). Ja, es ist ein ernstes Thema! Ja, es ist ein wichtiges Thema! Aber „ernst“ und „wichtig“ schließt „Humor“ nicht unbedingt aus. Mir ist durchaus bewusst, dass die konsequente Farb-Gestaltung des Buches als ironisches Statement gemeint ist, trotzdem hätte ich mir weniger „Rosa“ und mehr „Rainbow“ gewünscht. Die Farbe „Rosa“ überzieht das Buch zusätzlich mit einer pudrigen Schwere und lässt es eher unscheinbar wirken. Dabei hätte ich mir optisch ein „BÄHM!“ gewünscht, und das Buch somit mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht. Lt. Angabe des Verlages soll dieses Buch für Kinder ab 12 Jahren geeignet sein: Dieser Einschätzung kann ich mich nicht anschließen. Illustrationen und Text-Inhalt (u.a. Nennung von sexuellen Praktiken) wären eher für Jugendliche ab 16 Jahren geeignet. Für dieses Alter wäre das Buch ein toller Einstieg in das Thema, zumal der junge Autor offen „im Plauderton“ von eigenen Erfahrungen berichtet und somit auf Augenhöhe mit seinen jugendlichen Lesern wäre.

Doch dieses Buch setzt auch ein klares Zeichen für ein schwules Selbstbewusstsein: Homophobie muss – wie jegliches Unrecht – sichtbar gemacht und angeprangert werden. Diskriminierung darf nicht ertragen und schweigend hingenommen werden. Lasst uns laut darüber sprechen! Eine Möglichkeit dazu hat der Autor uns in die Hände gelegt.

Wie sagte der Autor so treffend: „Dieses Buch ist ein Gesprächsangebot, kein Manifest.“
Lieber Julius, ich hoffe so sehr, dass Dein Werk zu vielen Gesprächen anregt!!!


erschienen bei Bohem/ ISBN: 978-3959390941

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] E.O. Plauen (Erich Ohser) – Vater und Sohn: Sämtliche Abenteuer

E.O. Plauen ist das Pseudonym von Grafiker und Karikaturist Erich Ohser (* 18. März 1903/ † 6. April 1944) und setzt sich zusammen aus seinen Initialen und dem Namen seiner Heimatstadt. Er studierte von 1921 bis 1926 an der Staatlichen Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig. Nebenbei arbeitete er bei der „Neuen Leipziger Zeitung“, wo er Erich Kästner kennenlernte.

Nach dem Studium wurde Ohser schnell als Buchillustrator (unter anderem illustrierte er die Gedichtbände Kästners „Herz auf Taille“, „Ein Mann gibt Auskunft“ und „Gesang zwischen den Stühlen“) und als Karikaturist bekannt. Mit seiner offenen Abneigung gegenüber den Nationalsozialisten und der Veröffentlichung seiner Karikaturen von Hitler und Goebbels zog er den Hass der Nationalsozialisten auf sich. Nach deren Machtübernahme erhielt er Berufsverbot. Als 1934 „Die Berliner Illustrierte“ einen Zeichner für eine regelmäßig erscheinende Bildergeschichte suchte, bewarb er sich mit einen Entwurf zu „Vater und Sohn“ und erhielt die Zusage unter der Voraussetzung, unter einem Pseudonym zu arbeiten und sich nicht politisch zu betätigen. Von 1934 bis 1937 erschienen Ohsers „Vater und Sohn“-Geschichten in der auflagenstarken Zeitung und waren so beliebt und erfolgreich, dass der Verlag auch drei Buchausgaben veröffentlichte. Dank dieses Erfolges durfte er auch in den folgenden Jahren weiter für verschiedene Zeitungen arbeiten. Auf Dauer konnte er allerdings seine Abneigung gegen das NSDAP-Regime nicht unterdrücken. Er wurde denunziert und im März 1944 verhaftet. Der anberaumte Schau-Prozess vor dem Volksgerichtshof sollte am 6. April eröffnet werden. Das Urteil (Hinrichtung) stand von vorherein fest. In der Nacht zuvor wählte Erich Ohser in seiner Zelle den Freitod.

In diesem Sammelband sind nun sämtliche Abenteuer von „Vater und Sohn“ in der chronologischen Reihenfolge versammelt. In den über 200 Bildergeschichten gehen „Vater und Sohn“ gemeinsam durch das Leben und meistern die Tücken des Alltags mal mehr, mal weniger ruhmreich. Von Rückschlägen lassen sie sich nicht entmutigen. Sie bilden eine Einheit, sind zwar nicht immer einer Meinung, halten aber, wenn es hart auf hart kommt, fest zusammen. So steht der Vater für die Respektsperson, der bei Verfehlungen des Sohnes durchaus die damals gängige pädagogische Intervention des „Hosenboden versohlen“ praktiziert. Trotzdem wirkt der Sohn in den Zeichnungen nie, als würde er sich vor seinem Vater fürchten. Im Gegenteil: Der Sohn genießt viele Freiheiten und darf sich im Spiel mit aber auch gegen seinem Vater erproben. Gemeinsam rebellieren sie durchaus auch gegen Personen, die die s.g. Obrigkeit verkörpern. Diese für damalige Verhältnisse humane Erziehungsmethode sprach gänzlich gegen dem nationalsozialistischen Gedankengut. Doch der Vater ist noch/ war mal Kind: Einerseits schlummert in ihm ein großer Kindskopf, der eine unbändige Freude an Spiel, Spaß und Abenteuer hat. Andererseits lässt Erich Ohser in seinen Geschichten auch Großvater und Ur-Großvater auftreten. Diese geballte väterliche Allianz gibt ihre Familientraditionen und Werte an die jeweils nächste Generation weiter und fungiert als Schutzschild für den Jüngsten in der Familie: Durch starke Vorbilder werden Kinder selbstbewusst!

Vater und Sohn präferieren einen für die damalige Zeit eher untypischen Umgang miteinander: Der Vater scheint für seinen Sohn immer Zeit zu haben. Der Sohn ist für ihn der Mittelpunkt seines Lebens und wächst unter einem Mantel aus Freiheit, Strenge und Liebe auf: Es darf auch gekuschelt und sich umarmt werden! Zudem sind die Botschaften innerhalb der Geschichten so klar, dass (beinah) auf Worte verzichtet werden konnte.

Mit dem Wissen um das Schicksal ihres Schöpfers gewinnen die harmlos-witzigen Bildergeschichten von „Vater und Sohn“ für mich an Bedeutung: Ich meinte, vieles vom Charakter Erich Ohsers in seinen Zeichnungen entdeckt zu haben. Seine Bildergeschichten verströmen eine verspielte Leichtigkeit und haben einen beinah unschuldigen Humor. Beim Betrachten spürte ich Wehmut und Trauer, da ich daran dachte, dass Ohser selbst ein Vater war.

Zum Zeitpunkt des Todes von Erich Ohser war sein Sohn Christian 13 Jahre alt: In einem Abschiedsbrief bat er seine Frau „Mache aus ihm einen Menschen.“ und beendete den Brief mit „Ich gehe mit glücklichem Lächeln.“

Hans Fallada schrieb über die „Vater und Sohn“-Geschichten: „Das ist er selbst, der große, herrliche Mann, der so herrlich jung lachen konnte, und sein Junge, sein einziger Sohn, ein spitzmäusiges, lustig lachendes Geschöpf.“

Meine Hochachtung für einen großen Künstler und einen noch größeren Menschen!


erschienen bei Anaconda/ ISBN: 978-3730602201

[Rezension] Erich Kästner – Über das Verbrennen von Büchern

„Am 10. Mai 1933 ließ Joseph Goebbels auf öffentlichen Plätzen nationalsozialistische Kundgebungen veranstalten, bei denen die Studenten der deutschen Hochschulen Berge von Büchern verbrannten, die dem Staatsstreich gegen Freiheit, Toleranz und Intelligenz im Wege standen.“ So beginnt Kästner einen Artikel mit der Überschrift „Kann man Bücher verbrennen? Zum Jubiläum einer Schandtat“, der am 9. Mai 1947 in der Frankfurter „Die Neue Zeitung“ erschien.

Was darf/kann/soll/muss ich von einem politischen System halten, deren Anhänger die Werke der literarischen Opposition verbrennen? Sie als dumm oder ignorant zu bezeichnen, wäre als Kernaussage zu dürftig. Vielmehr erschreckt mich die Tatsache, dass mit diesem zerstörerischen Akt diese Menschen die Freiheit des eigenen Geistes willentlich einschränken und sich damit eine freie Meinungsäußerung und einen kreativen wie humanitären Umgang mit den Werken Andersdenkender verwehren.

Kästner war an dem besagten Termin in Berlin persönlich vor Ort. Er stand dem Flammenberg gegenüber. Er hörte Goebbels seinen Namen brüllen, während seine Bücher ins Feuer geworfen wurden. Seine Erinnerungen an diese schreckliche Nacht sollten nie verblassen. Vielmehr lässt er uns, alle diejenigen, die vielleicht von der Gnade der späten Geburt profitieren, an seinen Erinnerungen teilhaben. Zeitlebens war er ein Mahner, einer, der die Erinnerung in der Bevölkerung wachhält. So sprach er bei seiner Ansprache auf der Hamburger P.E.N.-Tagung am 10. Mai 1953 „Über das Verbrennen von Büchern“ und hinterfragte sein eigenes stilles Dulden zu der Zeit. So übt er nicht nur Kritik sondern zieht auch mit sich selbst vor Gericht: Angst blockiert und verändert den Menschen. Was hätte mit ihm in jener Mai-Nacht passieren können, hätte er seine Stimme gegen die Bücherverbrennung erhoben. Vielleicht kamen ihm sogar die Worte Heinrich Heines in den Sinn „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ So blieb er in dieser Nacht an diesem Ort in diesem Moment stumm und wurde dadurch zum Chronisten dieser Schandtat.

Doch Kästner möchte nicht „nur“ ein Chronist sein. Vielmehr deckt er auch auf, nennt Namen und legt somit den Finger in die empfindsame Wunde der Öffentlichkeit.

In seinem Artikel „Briefe in die Röhrchenstraße“ in „Die Neue Zeitung“ vom 5. August 1946 schildert er von der Engstirnigkeit und Verbohrtheit der sympathisierenden Literaten des NS-Regimes. Vom Realitätsverlust und ihrem Mangel an Selbsteinschätzung zu lesen, war für mich beinah körperlich schmerzhaft. Diesen braunen „Literaten“ ging es einzig und allein um die Ausübung von Macht und um den persönlichen Profit und nicht um die Literatur!

Wer nun glaubt, dass eine Bücherverbrennung sich nicht wiederholen werde, dem lehrt Kästner in seinem Beitrag „Lesestoff, Zündstoff, Brennstoff“ vom Oktober 1965 leider „schlechteres“: Am 3. Oktober 1965 versammelte sich eine Jugendgruppe des „Bundes Entschiedener Christen“ in Düsseldorf am Rheinufer und verbrannte mit Genehmigung des Ordnungsamtes Bücher von Erich Kästner, Günter Grass und anderen Autor*innen. Die Idee zu dieser Aktion kam den Beteiligten – nach eigener Aussage – ganz „spontan“. Über Wochen wurden ebenso „spontan“ die Bücher gesammelt, und „spontan“ wurde die Genehmigung beim Ordnungsamt beantragt. Dieses hat sich von so viel jugendlicher „Spontanität“ mitreißen lassen und „spontan“ seine Erlaubnis erteilt. Ein „spontan“ anwesender Pressefotograf der evangelischen Kirche machte dazu absolut „spontane“ Fotos…! Kästner konnte und wollte dies nicht unkommentiert lassen und erlebte bei den Beteiligten bzw. Zuständigen eine Ignoranz bzw. Naivität, die schier unglaublich scheint.

Der „Bund Entschiedener Christen“ wies einen Vergleich mit der Bücherverbrennung 1933 „entschieden“ (!) zurück, die Landeskirche distanzierte sich, der Oberbürgermeister von Düsseldorf verwies auf die Zuständigkeit des Ordnungsamtes, und das Ordnungsamt betonte, dass es im Zuge der öffentlichen Sicherheit nur für die Eindämmung des Funkenflugs zuständig sei und nicht für das Brennmaterial, aus dem die Funken entstanden sind. Beim Lesen dieses Essays fühlte ich mich an einen absolut missglückten Schildbürger-Streich erinnert: Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte!

postkarte-zitat-erich-kaestner.jpg

Komplementiert wird diese Text-Sammlung durch eine Chronik rund um die Ereignisse der Bücherverbrennungen und schließt mit einer (natürlich nur unvollständigen) Autorenliste der 1933 verbrannten Bücher.

Das vorliegende Büchlein mit seiner überschaubaren Anzahl an Essays wirkt äußerlich zwar „klitze-klein“, ist inhaltlich aber „riesengroß“. Es ist Erich Kästners eindringliche Mahnung gegen das Vergessen…!


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855353897

[Rezension] Philip Kerr – Friedrich der grosse Detektiv

Kaum war das Buch erschienen, da war Friedrich auch schon der größte Fan von „Emil und die Detektive“. Und diese Schwärmerei ist nicht nur dem Umstand geschuldet, dass der Autor Erich Kästner mit seinem Vater befreundet ist und zudem direkt im Nachbarhaus wohnt. Diese Verehrung für den Autor wird nicht gleichermaßen gerne gesehen: Während seine Eltern weiterhin mit Kästner befreundet bleiben, sympathisiert sein älterer Bruder Rolf mit den Nazis. Er zwingt Friedrich, ihm sein Exemplar von „Emil und die Detektive“ auszuhändigen, dass er dann bei der Bücherverbrennung in die Flammen wirft. Doch als größter Fan besitzt Friedrich noch ein weiteres Exemplar seines Lieblingsbuches, das er schon über 20 Mal gelesen hat und dessen Existenz er nun vor seinem Bruder verheimlichen muss. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als gemeinsam mit seinen Freunden Albert und Viktoria als Detektive aktiv zu werden. Überraschend erhalten sie von der Polizei den Auftrag, einen Spion zu überwachen. Friedrichs Schreck ist groß als sich herausstellt, dass niemand geringerer als Erich Kästner im Visier der Gestapo steht. Da er sich sicher ist, dass Kästner unschuldig ist, sammelt er mit seinen Freunden Beweise für seine Unschuld. Als sie dabei im Park über die Leiche eines befreundeten Künstlers von Kästner stolpern, wird ihnen bewusst, dass Recht nicht mehr gleich Recht ist. Die politische Atmosphäre wird zunehmend angespannter: Die Welt droht aus den Fugen zu geraten…!

Autor Philip Kerr verfügte über genügend Erfahrung im Erzählen von Geschichten, die zur Zeit des Dritten Reichs angesiedelt sind. Und vielleicht brauchte es auch erst diesen versierten britischen Autoren, der es wagte, gleich zwei (un-)heilige Kühe zu schlachten: …eine Abenteuer- und Kriminalgeschichte für Kinder und Jugendliche zur Zeit des Dritten Reichs anzusiedeln, und Erich Kästner als Dreh- und Angelpunkt in diesem Buch auftreten zu lassen.

Neben Kästner finden weitere historische Persönlichkeiten in der Handlung Erwähnung und dienen dazu, den Umbruch der damaligen Zeit zu symbolisieren und den Widerstand und die Zivilcourage zu repräsentieren. Der freie Geist dieser Menschen wurde von den Nazis nicht toleriert: „Gleichschaltung“ lautete deren Parole. Und so stehen Erich Kästner und seine Künstler-Kollegen stellvertretend Pate für all die vielen Menschen, die dem Nazi-Regime zum Opfer fielen, nur weil sie es wagten, anders zu denken, anders zu glauben oder anders zu lieben. Dabei schoss Philip Kerr ein wenig über das Ziel hinaus: Zwar musste ich unwillkürlich schmunzeln, als ich von der Begegnung unseres Helden Friedrich mit Christopher Isherwood (Ja, genau der Christopher Isherwood, der im Oktober bei „Literaten im Fokus“ von mir gewürdigt wird!) las. Diese Begegnung war für den Fortgang der Handlung allerdings absolut unerheblich und somit entbehrlich. Vielmehr hatte ich – nachdem ich den entsprechenden Eintrag im Nachwort des Autors gelesen hatte – den Verdacht, dass Kerr mit dem Auftauchen dieser Person verdeutlichen wollte, dass auch Homosexuelle von den Nazis verfolgt wurden.

Dieses „Aufblähen“ der Handlung hätte das Werk gar nicht nötig gehabt. Kerr ist das Kunststück gelungen, sowohl den Spannungseffekt passend für eine junge Leserschaft zu schaffen und gleichzeitig die Umstände der damaligen Zeit überzeugend zu beschreiben. Die tagtägliche Bedrohung ist ebenso nachvollziehbar wie Friedrichs Trauer über den Abschied von seinem Freund jüdischen Glaubens oder den Verlust der liberal-denkenden Klassenlehrerin. Eine „normale“, ungezwungene Kindheit war nicht möglich. Ein Heranwachsen der Jugend zu eigenständig denkenden Erwachsenen war nicht erwünscht. Mit einem Prolog und Epilog erlaubt der Autor einen Blick in die Zukunft seiner Helden und verwehrt (für ein Kinder- und Jugendbuch ungewöhnlich) seinen jungen Lesern ein versöhnliches Ende: Für Friedrich und seine Freunde gibt es kein Happy-End!

So hebt Autor Philip Kerr diese Geschichte auf eine realistischere Ebene (Es ist nicht „nur“ ein fiktiver Abenteuerroman, vieles hätte damals durchaus wirklich so passieren können!)…

…und schafft somit eine Gesprächsgrundlage zwischen den Generationen, denn unkommentiert sollte niemand seinem Kind dieses Buch zum Lesen geben!

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Janina Lehmann von „Frau Lehmann liest“.

Lust auf ein weiteres Medium? Dann empfehle ich Euch den Spielfilm Kästner und der kleine Dienstag aus dem Jahre 2016 (Regie: Wolfgang Murnberger). Es handelt sich hierbei nicht um eine Verfilmung des o.g. Romans: Der Film vermittelt aber sehr eindrucksvoll ein Bild der damaligen Zeit.


erschienen bei rowohlt rotfuchs/ ISBN: 978-3499217913 / auch als Taschenbuch erschienen bei rowohlt rotfuchs/ ISBN: 978-3499000706

[Rezension] Michael Bienert – Kästners Berlin: Literarische Schauplätze

Michael Bienert ist der absolute Kenner für das literarische Berlin: Neben seiner Tätigkeit als Kulturjournalist fungiert er im realen Leben ebenso wie zwischen zwei Buchdeckeln als versierter literarischer Stadtführer (www.text-der-stadt.de). Der interessierte Leser kann sich gemeinsam mit ihm auf Spurensuche begeben und je nach persönlichem Gusto einen Blick auf die literarischen Schauplätze von Bertolt Brecht, Alfred Döblin, E.T.A. Hoffmann oder Erich Kästner werfen.

Bienert folgt sehr akribisch aber nicht detailversessen dem großen Literaten auf seinen Wegen durch das Berlin zwischen den Jahren 1927 und dessen Tod. Dabei unterteilt er die Kapitel klug in Lebensphasen und Schaffensperioden ein. In den Lebensphasen Kästners begleiten wir ihn durch das pulsierende kulturelle Berlin der Vorkriegsjahre, besuchen mit ihm Kabaretts, Cafés und Theater und machen einen Abstecher ins Zeitungsviertel. Die Kriegsjahre engen den Freigeist nicht nur in seiner Kreativität ein. Auch geografisch wird Kästners Radius enger. Sowohl die Bücherverbrennung als auch die Reichspogromnacht erlebte er hautnah mit. Persönliche Repressalien durch die Gestapo veranlassten ihn, sich zunehmend zwischen den schützenden Wänden seiner Wohnung zurückzuziehen, da er sich nur hier wirklich sicher fühlte. Nach dem Krieg zog Kästner nach München, fühlte sich Berlin dank Familie und Freunden weiterhin verbunden.

Auch Kästners Figuren flanieren durch die Straßen der Weltmetropole: Emil und die Detektive scheuchen uns quer durch Berlin auf der Suche nach einem üblen Dieb. Pünktchen und Anton geben uns einen Einblick sowohl ins noble Villenviertel als auch in die zwielichtige Gegend rund um die Weidendammer Brücke. Seine Romanfigur Jakob Fabian lässt er plan- und ziellos durch das dekadente und verruchte Wedding treiben.

 

Anhand von historischen Straßenkarten mit detaillierten Ortsangaben kann ich als Leser den jeweiligen „Spaziergängen“ folgen und gemeinsam mit dem Autor und seinen Geschöpfen durch das frühere Berlin schlendern. Die Atmosphäre der damaligen Stadt wird durch zeitgenössische Dokumente, Fotografien und Postkarten heraufbeschworen. Demgegenüber vermitteln die aktuellen Fotos der Straßen und Orte einen guten Eindruck über die Veränderungen, die eine Stadt zwangsläufig über die Jahre bzw. Jahrzehnte durchlebt.

Michael Bienert überzeugt in jedem Kapitel mit fundierten Kenntnissen über das Leben und Wirken Erich Kästners. Doch auch der große Literat kommt hier selbst zu Wort und liefert uns in Anekdoten, Zitaten, Tagebucheintragungen und Artikeln seine persönliche Sicht auf „sein“ Berlin.

Die Fülle an Informationen wird komplementiert sowohl durch Anmerkungen von Bienert zu den jeweiligen Kapiteln als auch um ein Adressbuch „Kästners Berlin von A bis Z“, das trotz seines Umfangs keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt: Kästner war ein sehr umtriebiger Mensch, der Kontakte quer durch die Stadt pflegte. Wer kann da schon genau sagen, wo er sich überall „rumgetrieben“ hatte.

Michael Bienerts vorliegendes Werk über Erich Kästner nötigt mir Respekt ab. So schafft der Autor den schwierigen Spagat zwischen Sachbuch, Bildband und Zitaten-Sammlung äußerst informativ und unterhaltsam.


erschienen bei Verlag für Berlin-Brandenburg/ ISBN: 978-3945256008

[Rezension] Erich Kästner – Sonderbares vom Kurfürstendamm: Berliner Beobachtungen/ herausgegeben von Sylvia List

Berlin und ich: Wir stehen uns sehr zwiespältig gegenüber. Irgendwie wurden wir nie richtig miteinander warm. Bei meinem ersten Besuch der Stadt kurz nach dem Mauerfall schlenderte ich über den Kurfürstendamm und wollte – ganz Touri – einen Blick ins Kaufhaus des Westens werfen. In einem Buchladen am Ku’damm fragte ich die Verkäuferin beim Bezahlen an der Kasse, in welche Richtung ich mich zum KdW wenden müsste. Mich traf ein abschätziger Blick und im breitesten Berlinerisch bekam ich als Antwort „Imma de Menschenmasse nach!“. Berliner Schnauze und Norddeutscher Fischkopp scheinen mir wenig kompatibel.

Doch für viele – besonders den Kunstschaffenden – hat/hatte Berlin eine schier magische Anziehungskraft. So verschlug es auch den aufstrebenden Jungschriftsteller Erich Kästner im Jahre 1927 vom beschaulichen Leipzig in die pulsierende Metropole, und er verdingte sich seine ersten Sporen mit Veröffentlichungen von Gedichten, Glossen und Rezensionen in unterschiedlichen Tageszeitungen sowie Kritiken für das Magazin „Die Weltbühne“. Die Jahre zwischen 1927 und 1933 gelten als seine produktivste Zeit, in der er zu einer der wichtigsten intellektuellen Figuren Berlins aufstieg und in der neben den schon genannten Publikationen auch „Emil und die Detektive“, „Pünktchen und Anton“ und „Das fliegende Klassenzimmer“ entstanden. Die Texte aus dieser Zeit spiegeln auch den Lebenshunger der Berliner wieder: Authentisch beschreibt er die Kabaretts und Revuen, das schillernde Volk in den Bars und Vergnügungstempeln, aber auch das zweifelhafte Amüsement für die einfachen Leute in Form eines Rummelplatzes im Hinterhof. Auch Auszüge aus „Emil und die Detektive“ und „Pünktchen und Anton“ dürfen in dieser Berliner „Chronik“ nicht fehlen. Zwischen seinen Zeilen spürt der Leser den pulsierenden Herzschlag einer Stadt: Kästner schrieb über Triviales ebenso ernsthaft, wie er über Erhabenes spottete. Seine Gedichte sind schelmisch, ironisch aber auch durchaus poetisch zart. Große Persönlichkeiten der Theater- und Kultur-Szene finden in seinen Rezensionen Erwähnung. Die Informationen des Anhangs offenbaren die Tragik: Die meisten von ihnen mussten entweder emigrieren oder fielen der Tötungsmaschinerie der Nazis zum Opfer.

In den Jahren von 1933 bis 1945 war Kästner zur Untätigkeit verdammt: Den Nationalsozialisten war er als liberal-denkender Literat suspekt. Seine satirisch formulierten gesellschafts- und zeitkritischen Werke galten „wider den deutschen Geist“ und wurden bei der öffentlichen Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 verbrannt. Trotz massiver Repressalien, wie Verhöre bei der Gestapo, Berufsverbot und Ausschluss aus dem Schriftstellerverband, blieb Kästner in Berlin: Er sah sich als Chronist dieser Zeit und führte ein geheimes Tagebuch über die damaligen Geschehnisse. Die Texte aus diesen Jahren erschüttern! Die Gedichte und Aufzeichnungen zeugen von der Absurdität nationalsozialistischem Gedankengut, oder um es mit Kästners eigenen Worten zu beschreiben:

„Gut und Böse, unwandelbare Maßstäbe des menschlichen Herzens, wurden durch Gesetz und Verordnung ausgetauscht. […] Wer unschuldige Menschen umbrachte, wurde befördert. Wer seine menschliche oder christliche Meinung sagte, wurde geköpft oder gehängt.“

Über „Berlin nach 1945“ schrieb Kästner keine einzige Zeile

Herausgeberin Sylvia List hat eine abwechslungsreiche Sammlung an Texten aus dem Œuvre von Erich Kästner zusammengestellt, die einen gelungen Bogen schlagen von „Babylon Berlin“ zu „Berlin in Trümmern“. Mit dieser Anthologie beweist sie abermals, was jedem Leser von Kästners Werken durchaus schon bewusst ist:

Kästner amüsiert, Kästner kritisiert, und er unterhält auf hohem Niveau!


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855354139

[Rezension] Harald Martenstein – Vom Leben gezeichnet: Tagebuch eines Endverbrauchers

Die Kolumne [von der Kolumne des Drucksatzes, von lateinisch columna ‚Stütze‘, ‚Säule‘] bezeichnet in der Presse einen kurzen Meinungsbeitrag als journalistische Kleinform. Diese Kolumnen erscheinen meist regelmäßig an gleicher Stelle unter dem gleichem Titel und sind vom Umfang begrenzt. Der Autor einer regelmäßig erscheinenden Kolumne wird Kolumnist genannt.

Kolumnen gibt es in der Zwischenzeit wie Sand am Meer und zu unterschiedlicher Thematik: Lifestyle, Kochen, Politik, Kindererziehung, Gesellschaft, Beauty undsoweiterundsofort – das Angebot scheint schier unerschöpflich. Leider kann die gebotene Qualität nicht immer mit der Quantität an Kolumnen mithalten.

Auch Harald Martenstein darf sich somit Kolumnist „schimpfen“: Seit 2002 erscheinen seine Kolumnen in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Eine Auswahl wurde 2004 in Form dieses Sammelbands veröffentlicht, und…

…er bietet nicht nur Quantität sondern auch Qualität: Seine satirischen Plaudereien wirken oft so harmlos, so unschuldig, treffen dann aber in ihrer scheinbaren Spitzbübigkeit den Leser schmerzhaft in der Magengrube. Beinah arglos beleuchtet er die Absurditäten unseres Alltags, die oft erst durch ihn ausgeleuchtet im absurden Licht erstrahlen. Ausreichend Themen liefert ihm das Leben auf einem silbernen Tablet: Über Gewichtsprobleme, Sex und Schönheit, über Drogen allgemein und speziell, über Karrieren, Kirchentage und Kriminalität, über Berlin und München, über Literatur allgemein und speziell und sogar über Hitler, Penisvergrößerung und Scientology.

Es darf viel geschmunzelt und auch ein wenig laut gelacht werden. Wobei so manches Lächeln mir im Gesicht gefror. Martenstein bohrt und legt den Daumen in Wunden, von denen ich nicht wusste, dass ich sie habe! Er dehnt die Grenze des Erlaubten, ohne sie zu überschreiten. Aber wer hat festgelegt, was erlaubt ist? Trotzdem war mir die Lektüre nie unangenehm: Ich fühlte mich ertappt aber nicht vorgeführt. Nach einer Schocksekunde konnte ich wieder schmunzeln und unumwunden zugeben „Ja, logisch, völlig gaga!“. Mit scheinbar kindlicher Naivität traut er sich, Konventionen zu hinterfragen und auf ihre Substanz zu überprüfen.

„Martenstein lesen“ heißt, die Banalitäten des Lebens im neuen Licht zu sehen!


erschienen bei Hoffmann und Campe/ ISBN: 978-455094651 / als Taschenbuch erschienen bei Penguin/ ISBN: 978-3328101093

[Rezension] Agatha Christie – Das fehlende Glied in der Kette. Poirots erster Fall

15. Juni 2020/ 10:43 Uhr: Es klingelt an der Haustür! Ich öffne. Die Postbotin begrüßt mich freundlich und drückt mir mit einen Lächeln ein Päckchen in die Hand. Der Absender ist der renommierte Verlag „Hoffmann und Campe“ aus meiner Lieblingsstadt Hamburg. Ich bin verdutzt, hatte ich doch kein Leseexemplar angefordert. Flugs wird das Päckchen aufgerissen, und ein Buch zusammen mit einer Karte fällt mir in die Hände:

„Lieber Herr Kück, 
heute möchte ich Ihnen diesen tollen Band ans Herz legen, der im Juli bei uns erscheint. Poirots erster Fall jährt sich in diesem Jahr ja zum 100. Mal.
Ich hoffe, Sie haben viel Freude mit dem Buch. 
Herzliche Grüße
Svenja Schwentker“

Natürlich ist mir bewusst, dass außer mir noch einige weitere Buch-Blogger*innen diese Post erhalten haben. Nichtsdestotrotz fühlte ich mich ein wenig geschmeichelt: Es scheint in Hamburg aufgefallen zu sein, dass hier ein Christie-Fan lebt. Und so gönne ich allen anderen Buch-Blogger*innen von Herzen ebenfalls ihre Post und hoffe, sie haben sich ebenso wie ich darüber gefreut. Liebe Frau Schwentker, herzlichen Dank!!!

So fühlte ich mich nun sanft genötigt, eine Rezension zu verfassen. Wobei ich fürchte, dass es weniger eine Rezension als vielmehr eine Hommage an eine der faszinierendsten Kriminalfiguren geworden ist.

Vor beinah genau 100 Jahren erschien mit dem ersten Roman der damals 30-jährigen Autorin ein kleiner penibler Belgier, der erst 55 Jahre, 33 Romane und etliche Kurzgeschichten später wieder von der Bildfläche verschwinden sollte. Obwohl Agatha Christie ihn in Vorhang: Poirots letzter Fall sterben lies, verschwand er nie gänzlich. Im Gegenteil: In unzähligen Gestalten wurde er wieder und wieder zum Leben erweckt. Schon in der ersten Bühnenfassung einer Poirot-Geschichte spielte im Jahre 1928 niemand geringerer als der Charakter-Mime Charles Laughton den belgischen Privatdetektiv. Einer bis heute anhaltenden Beliebtheit erfreuen sich auch die Verfilmungen aus den 70er Jahren mit großem Staraufgebot: Während Albert Finney in „Mord im Orient-Express“ schon deutliche Züge des literarischen Vorbilds erkennen ließ, spielte Peter Ustinov in den darauf folgenden Filmen durchaus unterhaltsam eher sich selbst. Erst mit der TV-Adaption „Agatha Christie’s Poirot“, die zwischen 1989 und 2013 produziert wurde, stand mit dem brillanten David Suchet ein Schauspieler vor der Kamera, der bis ins Detail der literarischen Vorlage gerecht wurde. Für mich ist dies die beste filmische Umsetzung der Poirot-Geschichten und wurde bisher auch von keiner neueren Verfilmung übertroffen. In ihnen wird Poirot recht unterschiedlich und für mich auch durchaus ambivalent porträtiert: Während im Kino Kenneth Branagh eher den maskulinen Abenteurer mimt, legt John Malkovich ihn für das Fernsehen eher als gebrochene Kreatur an. Aber auch in anderen Medien trat Poirot erfolgreich in Erscheinung u.a. als Comic bzw. Graphic Novel, in Hörspiele und einer japanischen Manga-Serie. Seit einigen Jahren gibt es sogar s.g. „neue“ Fälle von Hercule Poirot, geschrieben von Sophie Hannah und von Agatha Christies Erben autorisiert.

Für mich allerdings begann das literarische Leben von Hercule Poirot mit „Das fehlende Glied in der Kette“ und endete mit „Vorhang“. In beiden Romanen lässt Christie die Handlung aus Sicht von Captain Arthur Hastings für die Leser Revue passieren und wählte dazu einen identischen Handlungsort. So bilden diese beiden Romane eine Klammer und sorgen für eine Einheit der verschiedenen Geschichten und Romane rund um Hercule Poirot. Schon in ihrem Erstlingswerk zeigt die Autorin viele Details, die sie in späteren Werken perfektionierte und die ihren Ruf als „Queen of Crime“ festigten: ein mysteriöser Mord in einem geschlossenen Raum, ein Verdächtiger mit Alibi, interessantes Handlungspersonal, spannender und abwechslungsreicher Plot-Aufbau, ungewöhnliche Erzählperspektive…!

Es ist mir eine Freude, dass diese Jubiläums-Ausgabe nun in gebundener Form vorliegt (…was ich mir für alle Christie-Romane wünschen würde! ACHTUNG: Leiden auf hohem Niveau!). Und so wird dieser ansprechende Band dauerhaft meinen Lesetisch in unserer Mediothek zieren. Dabei ist er in bester Gesellschaft mit „The Mystery oft he Blue Train“ (dt.: „Der blaue Express“) von Agatha Christie. Als Fremdsprachenlegastheniker habe ich mir dieses englische Exemplar selbstverständlich nicht gekauft, um es zu lesen, sondern einzig und allein, weil mir die Aufmachung so sehr gefiel. Zwecks Lektüre greife ich natürlich nach der deutschen Taschenbuch-Ausgabe aus dem Atlantik-Verlag.

So, und nun beende ich endgültig diese schamlose Lobhudelei! 😀


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455008838

Ich danke dem Verlag und besonders Frau Schwentker herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Elementar, mein lieber Watson: Neue Fälle für Sherlock Holmes/ zusammengestellt von Daniel Kampa

Seit über 130 Jahren ist dieser Detektiv eine feste Größe innerhalb der Kriminalliteratur und hat nach all den Jahrzehnten nichts von seinem Reiz eingebüßt. Sein Schöpfer Sir Arthur Conan Doyle wäre vielleicht überrascht gewesen, hätte er gewusst, welchen Ausmaß die Verehrung der Holmes-Anhänger annimmt: So gibt es div. Bühnen- und Film-Adaptionen sowie Fernseh-Serien, die sich auf die Original-Geschichten beziehen oder Anleihen nehmen, und manches ist schlicht und ergreifend frei erfunden und der Phantasie div. Schreiberlinge entsprungen. Sherlock Holmes Faszination ist ungebrochen…!

Die vorliegende Anthologie versammelt sechs neue Geschichten um den Meisterdetektiv: Verleger Daniel Kampa hat aus dem scheinbar unerschöpflichen Fundus der Kriminalautor*innen, die sich schon an einer Holmes-Geschichte versucht haben, die Werke von vier namhaften Autor*innen ausgewählt, und mit zwei Geschichten lässt er sogar Holmes-Fans/-Experten zu Wort kommen.

Wie so oft bei solchen „Compilations“ gibt es Erzählungen unterschiedlicher Qualität zu bewundern. Ohne Licht gibt es eben keinen Schatten! In diesem Fall haben wir 2x „Sonnenschein“, 2x „leicht bewölkt“ und 2x „Halbschatten“. Ein „Zappenduster“ bleibt uns dank der versierten Zusammenstellung von Daniel Kampa zum Glück erspart.

Die zwei „halbschattigen“ Geschichten stammten von den beiden Holmes-Fans/-Experten Peter Jackob und Klaus-Peter Walter. In „Das Geheimnis von Compton Lodge“ wirft Peter Jackob einen Blick auf die Familienhistorie von Dr. Watson. Leider wirkt die Geschichte aufgrund der häufig wechselnden (und für mich nicht nachvollziehbaren) Handlungsorte etwas „zerfranst“. Bei „Sherlock Holmes und der Arpaganthropos“ lässt Klaus-Peter Walter die griechische Mythologie aufleben, Holmes auf einem Teppich à la Aladdin fliegen und Watson von Delphinen aus Seenot retten. Dagegen wirkt „Der Hund der Baskervilles“ harmlos…! 🙂

Die „leicht bewölkten“ Geschichten verdanken wir Anne Perry („Die Mitternachtsglocke“) und Anthony Horowitz („Die drei Königinnen“). Beide halten sich eng am Holmes-Korsett und liefern klassisch anmutende Geschichten, wie sie Conan Doyle für das „The Strand Magazine“ verfasst haben könnte. Leider hat dies zur Folge, dass die Stories mir wenig Unerwartetes offenbarten und somit leicht vorhersehbar erschienen.

Für den „Sonnenschein“ sind Stephen King und Alan Bradley verantwortlich. „Der Fall des Doktors“ von Stephen King wirkt wie eine klassische Holmes-Geschichte – allerdings mit vertauschten Rollen: Bei der Lösung dieses Falls steht Holmes „auf dem Schlauch“, und Watson liefert (auch für ihn) überraschend die nötigen Fakten und Indizien. Alan Bradley lässt mich als Leser bei „Verkleidung schadet nicht“ erstmal im Dunkeln tappen bzgl. der Identitäten der handelnden Personen und überrascht mit einer ungewöhnlichen Auflösung. In beiden Geschichten „verstecken“ die Autoren jeweils eine Huldigung an die „Queen of Crime“: Während King weniger offensichtlich aber durchaus erkennbar die Täter*innen wie bei „Mord im Orientexpress: Ein Fall für Poirot“ ihrer Strafe entgehen lässt, legt Bradley umso offensichtlicher in seinem Schlusssatz Holmes einen Hinweis auf Miss Marple in den Mund. Beides hat mich als Christie-Fan natürlich immens amüsiert und gefreut.

Allen Autor*innen ist gemein, dass sie äußerst respektvoll mit der literarischen Vorlage umgehen. Als Leser spürte ich ihre Verehrung gegenüber Sir Arthur Conan Doyle und seinen Schöpfungen.


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311125082

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!