[Rezension] Erich Kästner – Gesang zwischen den Stühlen. Gedichte

Was auch immer geschieht:
Nie dürft ihr so tief sinken,
von dem Kakao, durch den man euch zieht,
auch noch zu trinken.

Mit „Was auch geschieht!“ beginnt Kästners Gedichtband, der erstmals im Jahre 1932 erschien: Sein „Gesang zwischen den Stühlen“ könnte auch als Gesang zwischen zwei Weltkriegen, zwischen zwei Gesellschaftsformen, zwischen dem Tanz auf dem Vulkan und dem Schwimmen gegen die brauen Flut, zwischen zwei Leben eines Literaten verstanden werden.

Kästner spielt mit dem Versmaß und variiert mit der Länge der Gedichte. Thematisch deckt er eine große Bandbreite ab und reimt über alltägliches, politisches, philosophisches wie auch persönliches. Teilweise deutet er seine Meinung nur an und versteckt die Kritik hinter Verse, die scheinbar unbedeutende Normen beschreiben, die gesellschaftlich akzeptiert und somit wenig hinterfragt werden. Kästner hinterfragt: Feingeistig, ironisch und gesellschafts-kritisch legt er die Schwachpunkte offen.

So hinterfragt er z. Bsp. im Gedicht „Brief an meinen Sohn“ die klassische Rollenverteilung in der Erziehung. In „Das Riesenspielzeug“ weist er auf die damalige hohe Zahl von jugendlichen Erwerbslosen hin, die ohne Perspektive nur allzu empfänglich für den Lockruf der Nazis waren. Im Gegenzug wechselt er in „Ein Quartaner denkt beim Anblick des Lehrers“ die Sichtweise: Wie kann ein Lehrer ein gutes Vorbild sein, wenn der Schüler, den er auf das Leben vorbereiten soll, gesellschaftlich über ihm steht und dessen Summe an Taschengeld höher ist als das Salaire des Lehrers?

In „Sozusagen in der Fremde“ beschreibt er mit bitterem Ton die Vereinsamung des Einzelnen, obwohl dieser von Menschenmassen umringt scheint. Bei „Die deutsche Einheitspartei“ führt er die Daseinsberechtigung eben dieser ad absurdum, indem er das Widersinnige und die Sinnlosigkeit bloßlegt. Mit „Das ohnmächtige Zwiegespräch“ wirft der Autor einen beängstigenden Blick in die nahende Zukunft und beendet hiermit diese Vers-Sammlung von insgesamt 47 Gedichten.

Und je mehr ich Gedicht für Gedicht lese, je mehr ich mich in Kästners Lyrik vertiefe, umso mehr verdichtet sich in mir der Verdacht, dass es sich hier weniger um einen volltönenden, schönstimmigen Gesang (wie der Titel fälschlicherweise versprechen könnte) handelt. Vielmehr versteckt sich hinter Kästners Versen ein zwar scharfzüngiger aber auch tottrauriger Ab-Gesang, der ein Ausblick gab auf die folgenden Jahre, die alles verändern sollten.

Und so bitter seine Verse auch klingen mögen, so brutal er den literarischen Finger auf die offenen Wunden der Gesellschaft legt, so blickt er mit einer melancholischen Heiterkeit doch auch voller Verständnis auf die Menschheit.

Denn schließlich war er ja einer von ihnen: ein Mensch unter Menschen…!


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3038820116

[Rezension] Anatevka. Weltmusicals für Kinder/ nach Joseph Stein/ neu erzählt von Barbara Kindermann/ mit Illustrationen von Jenny Brosinski

Es war schon erstaunlich, dass nach dem fulminanten Erfolg von MY FAIR LADY im Oktober 1961 erst etliche Jahre ins Land ziehen mussten, bis endlich wieder ein Broadway-Musical das Publikum in Deutschland wie im Sturm eroberte. 19 Jahre nach Ende des dritten Reiches hielt 1968 ausgerechnet mit ANATEVKA (im engl. Original: Fiddler On The Roof) ein Musical, dass das Leben der Juden in einem Schtetl in der Ukraine thematisiert, Einzug in die deutsche Populärkultur. Nach Beendigung der erfolgreichen Uraufführungs-Serie incl. Tournee wurde das Stück von anderen Theatern übernommen und ist bis heute ein gern gesehener Gast auf den Spielplänen.

Ich selbst durfte dieses berührende Musical gleich 2 Mal (25.06.1995 & 29.04.1996) in der Inszenierung von Ulrich Engelmann und unter der musikalischen Leitung von Ira Levin am Theater am Goetheplatz in Bremen erleben: Ks. Karsten Küsters gab einen wunderbaren Tewje, und der junge Max Hopp spielte den Studenten Pertschik. Über 20 Jahre später hatten beide „Masel tov“ und trafen sich zur Premiere von ANATEVKA in der Inszenierung von Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlin wieder: Hopp diesmal als Tewje und Küsters in der kleinen aber prägnanten Rolle des Wachtmeisters. Kreise schließen sich…!

Nach einer langen Zeit der Distanzierung bot dieses Musical einen Zugang zur jüdischen Kultur, der sich nicht auf die Gräueltaten des Nazi-Regimes reduzieren ließ. Es durfte wieder gelacht, geweint und geklatscht werden. Der lange Weg der „Normalisierung“ zwischen Juden und Deutschen hat im ukrainischen Dorf ANATEVKA angefangen. Wir werden sehen, wo und wann er endet. Der „Fiedler auf dem Dach“ – inspiriert durch Bilder Marc Chagalls – wurde so zum Symbol für Überlebenswillen und Lebensmut und wird hoffentlich weiterhin seiner Geige sehnsuchtsvolle Klänge entlocken.


Was läge da näher, als dass sich der Kindermann-Verlag nach MY FAIR LADY nun diesem Werk annimmt. Auch diesmal kam die gelungene Nacherzählung aus der Feder der Verlagsgründerin Barbara Kindermann. Und auch diesmal blieb sie dem schon bei MY FAIR LADY eingeschlagenen Weg treu und präsentiert uns die wichtigsten Handlungsstränge mit gelungenen Porträts der Charaktere. Ebenso lässt sie in die Dialoge immer wieder die Lyrik der Songs einfließen und bietet uns so die Möglichkeit, parallel zum Lesen die Songs anzuhören. Dabei gelingt es ihr ganz hervorragend, sowohl den melancholisch-traurigen als auch den humorvoll-unbeschwerten Ton des Original-Buches zu treffen.


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Jenny Brosinski scheint von den Kunstwerken Marc Chagalls inspiriert worden zu sein, ohne dass sie diese kopiert. Sie findet ihren ganz eigenen Stil, spielt in ihren Illustrationen mit Proportionen und Perspektiven und lässt ihre Figuren mal bunt, mal sphärisch-durchsichtig erscheinen. Für jede dieser Figuren schuf sie ein individuelles Erscheinungsbild, das den Charakter treffend widerspiegelt. Dadurch wirken ihre Zeichnungen sowohl liebenswert als auch skurril und fordern so die Aufmerksam des Betrachtenden ein.

Leider sind bisher keine weiteren illustrierten Nacherzählungen unter der Rubrik „Weltmusicals für Kinder“ im Kindermann-Verlag erschienen. Schade, denn das bisherige Duo hätte es verdient, – gemeinsam mit anderen Werken – zu einer Reihe bzw. Serie heranzuwachsen.


erschienen bei Kindermann/ ISBN: 978-3934029408

[Rezension] Alan Bennett – Schweinkram. Zwei unziemliche Geschichten

„No sex please, we’re British!“

…lautete der Titel einer englischen Film-Klamotte aus den 70ern und wurde so zum geflügelten Wort für die Engländer im Umgang mit der Erotik. Doch der Meister der Short-Stories beweist immer wieder aufs Neue, dass sich hinter der Fassade vom konformistischen Spießbürgertum so manche Absonderlichkeit versteckt.

MRS. DONALDSON ERBLÜHT – Mrs. Donaldson lebt ein ruhiges, wenig ereignisreiches Leben in ihrem kleinen Stadthaus. Als Witwe hat sie ein bescheidenes doch regelmäßiges Auskommen, das sie sich mit gelegentlichen Auftritten als „SP“ (simulierter Patient) an der nahen Uni-Klinik aufbessert. Der dortige Oberarzt Dr. Ballantyne praktiziert diese Art der Ärzteausbildung, um seine Student*innen durch Rollenspiele praxisnah an die Realität heranzuführen. Auch durch die Vermietung von Zimmern an Studenten füllt sich Mrs. Donaldsons Haushaltskasse. Als das junge Paar eines Tages knapp bei Kasse ist, macht es ihr ein pikantes Angebot: Sie würden sie bei ihrem Liebesspiel zusehen lassen, wenn sie ihnen dafür im Gegenzug die fällige Miete erlassen würde. Mrs. Donaldson ist zu höflich, um diese freundliche Einladung ausschlagen zu können. Schließlich ist sie ja ein hilfsbereiter Mensch. Und wenn sie durch diesen kleinen Gefallen den jungen Menschen ermöglicht, die Schulden bei ihr zu tilgen, was spricht dann dagegen? Doch der praktizierte Voyeurismus bleibt für sie nicht ohne Folgen, denn er kurbelt ihre Lebensgeister an, setzt Phantasien frei und beeinflusst so ihr Auftreten in der Öffentlichkeit. Diese Veränderung bleibt auch Dr. Ballantyne nicht verborgen…!

MRS. FORBES WIRD BEHÜTET – Mrs. Forbes ist empört: Ihr über alles geliebter, ach so wunderbarer Sohn Graham will heiraten. Aber warum er sich ausgerechnet diese unscheinbare Betty ausgesucht hat, bleibt ihr ein Rätsel. Schließlich könnte ihr Liebling mit seinem blendenden Aussehen und seinem bestechenden Charme nun wirklich jede haben. Aber nun gut, Betty soll es eben sein. Wahrscheinlich schlagen da die Gene ihres langweiligen Ehegatten durch. Was Mrs. Forbes nicht ahnt und sie zudem in eine tiefe Krise gestürzt hätte, ist der Umstand, dass ihr geliebter Prinz so ganz nebenbei auch noch mit div. Callboys die Kissen zerwühlt. Einer dieser Liebesdiener schreckt allerdings vor Erpressung nicht zurück und bringt Graham in arge Bedrängnis. Doch Betty mag zwar unscheinbar sein, aber sie ist nicht dumm. Sie kennt ihren egomanischen Gatten und seine Geheimnisse sehr genau, und weiß diese, für sich zu nutzen. Während ihre eigenen Bedürfnisse dank ihres zärtlichen Schwiegervaters aufs Beste befriedigt werden, nimmt Mrs. Forbes unwissentlich den Service des Lovers/ Erpressers ihres Sohnes in Anspruch…!

Seit ich Die souveräne Leserin gelesen hatte, ist Alan Bennett für mich ein Garant für exzellente Erzählkunst. In seinen Geschichten offenbart er immer wieder gerne die Abgründe seiner Figuren, die diese verzweifelt zu verbergen versuchen. Doch hinter den Masken der scheinbaren Normalität verstecken sich so manche Absurditäten des Lebens.

Insbesondere die erste „unziemliche Geschichte“ zeugt von Bennetts Brillanz und lässt sein Können als Drehbuchautor erstrahlen: Mit fein pointierten Dialogen agieren die Protagonist*innen Kammerspiel-artig und lassen so vor meinem inneren Auge eine bühnenreife Szenerie entstehen. Beinah schamhaft verfolgte ich die frivolen Taten der Hauptdarstellerin und hatte das Gefühl, dass ich selbst der Spanner wäre, der durch das Loch in der Wand dem Treiben im Nebenzimmer zusieht. Doch dank des delikaten Humors des Autors blieb mir für allzu viel Prüderie keinen Platz.

Doch auch die zweite Geschichte amüsierte mich sehr, da sie auf ironische aber doch respektvolle Art die menschlichen (Un-)Tiefen offenlegt, moralische Defizite sichtbar macht und humorvoll das Heuchlerische der Gesellschaft demaskiert. Alle Personen spielen in dieser Geschichte eine Rolle, belügen sich gegenseitig und scheinen irgendwie trotzdem (oder gerade deswegen) mit dieser Situation zufrieden zu sein.

Alan Bennett blickt mit Sympathie hinter die Kulissen der bürgerlichen Normalität. Er blickt direkt in die Seelen normaler Menschen, in denen so vieles nicht der Norm entspricht. Und gerade dieser Umstand macht seine Figuren so nahbar, so echt, so wahrhaftig. Denn wer von uns entspricht schon der Norm? Und was ist das überhaupt: die Norm?

Doch als Kenner wie auch Freund kennt Bennett sich mit der menschlichen Spezies aus. Er weiß Bescheid und versteht…!


erschienen bei Wagenbach Salto/ ISBN: 978-3803112873

Herzlichen Glückwunsch: 4 Jahre .LESELUST

Ihr Lieben!

Ich kann es kaum glauben: Schon wieder ist ein Jahr rum, und das bedeutet,…

Mein Blog und ich feiern nun schon unseren vierten gemeinsamen Geburtstag!

Seit 4 Jahre: befasse ich mich nun intensiver mit der Literatur, blättere regelmäßig in Verlagsvorschauen, wage mich hin und wieder sogar aus meiner Komfortzone heraus, stolpere beim Lesen über das eine oder andere Zitat und bemühe mich, wunderbare Lyrik aufzuspüren.

Seit 4 Jahre: setze ich mich an den Computer und haue mehr oder weniger intelligente Rezensionen zu dem, was ich gelesen habe, in die Tasten: vielleicht nicht immer gänzlich objektiv, dafür aber stets fair. Einige meiner Rezensionen haben es sogar auf die jeweiligen Verlagsseiten geschafft.

Seit 4 Jahren: versuche ich auch das, was mir kulturell so begegnet, in passende Worte zu fassen. Und auch hier durfte ich sowohl mit großer Überraschung als auch mit einem Hauch Stolz wahrnehmen, dass meine „Kritiken“ anscheinend wert sind, auf der jeweiligen Homepage der Sänger*innen, Regisseur*innen, Choreograf*innen, Bühnen- und Kostümbildner*innen und Künstleragenturen Erwähnung zu finden.

Seit 4 Jahre: schaue ich so bedeutend fokussierter auf meine Hobbies. Das Niederschreiben meiner Eindrücke und Empfindungen zu dem, was ich gelesen, gesehen und gehört habe, lässt mich das Erlebte abermals Revue passieren und es nochmals intensiv durchleben. Gleichzeitig dient mir dieser Blog als mein ganz persönliches Archiv.

Seit 4 Jahren: schenkt mir dieser Blog immer wieder interessante Kontakte, vielfältige Anknüpfungspunkte und inspirierende Begegnungen, die ich ohne ihn vielleicht nie hätte erleben dürfen.

Seit 4 Jahren: habe ich eine kleine aber feine Schar an Followern, von denen mir einige schon seit der Stunde Null folgen. Ich empfinde dies – besonders in diesen verrückten Zeiten – wahrlich nicht als Selbstverständlichkeit. Euch allen danke ich von Herzen für Eure Treue!

So freue ich mich wiederum auf ein weiteres gemeinsames Jahr mit ganz viel .LESELUST…!!!

Herzliche Grüße
Andreas

[Noch ein Gedicht…] Ingeborg Bachmann – ICH

Sklaverei ertrag ich nicht
Ich bin immer ich
Will mich irgend etwas beugen
Lieber breche ich.

Kommt des Schicksals Härte
Oder Menschenmacht
Hier, so bin ich und so bleib ich
Und so bleib ich bis zur letzten Kraft.

Darum bin ich stets nur eines
Ich bin immer ich
Steige ich, so steig ich hoch
Falle ich, so fall ich ganz.

Ingeborg Bachmann

[Rezension] Kurt Tucholsky – Schloß Gripsholm. Eine Sommergeschichte/ mit Illustrationen von Hans Traxler

Nachdem ich nun schon seit über einem halben Jahr Mitglied bei der Büchergilde Gutenberg bin, einige Bücher aus ihrem Sortiment meinen Sub nun schon bereichern, aber ich bisher noch keines von ihnen gelesen habe, stellte sich mir folgende Frage…! Nein, es stellte sich mir nicht die Frage „Warum bin ich überhaupt Mitglied geworden?“. Wer die wunderschönen illustrierten Bücher der Büchergilde Gutenberg kennt, weiß, dass da kein bibliophiles Herz jemals widerstehen könnte. Vielmehr stellte sich mir die Frage „Welches dieser Schätzchen werde ich als erstes lesen und (natürlich) über ihn auf meinem Blog berichten?“. Da wanderte mal das eine, dann das andere Exemplar durch meine Hände. Doch ausschlaggebend war dann schlicht und ergreifend der spontane Impuls, was zu meiner momentanen Stimmung am besten passen würde. Und „et voilà“ – hier ist es…!

„Nun möchte ich doch aber wieder einmal die schöne Literatur pflegen. Haben Sie gar nichts? Wie wäre es denn mit einer kleinen Liebesgeschichte?“ lässt Kurt Tucholsky in einem fiktiven Briefwechsel seinen Verleger Ernst Rowohlt ihn bitten. Doch eine schnöde Liebesgeschichte wäre dem Satiriker und Gesellschaftskritiker Tucholsky zu simpel: „Dann doch lieber eine kleine Sommergeschichte.“ gibt er als Zugeständnis. Und so lässt er aus seiner Feder diese biografisch anmutende aber nie bewiesene Geschichte fließen. Es ist Sommer, und der Urlaub steht vor der Tür, den unser Ich-Erzähler Kurt mit seiner momentanen Flamme Lydia in Schweden verbringen möchte. Dort angekommen beziehen sie ihr Feriendomizil im altehrwürdigen Schloss Gripsholm, genießen die Landschaft, die Ruhe und ganz besonders einander. Ihre Sommerfrische wird aufs Angenehmste gestört als sie nacheinander Besuch erhalten. Als erstes taucht Kurts alter Kamerad und Freund Karlchen auf, nach dessen Abreise nistet sich Lydias Freundin Billie bei ihnen ein. Die malerische Umgebung und die wärmende Sonne in Kombination mit dieser Leichtigkeit des Augenblicks bleiben nicht ohne Wirkung: Während es bei Karlchens Besuch nur sehr sachte zwischen den Anwesenden knistert, entfaltet sich der erotische Zauber dieser Sommernächte bei Billies Besuch in seiner Vollendung. Dieses „Savoir-vivre“ erhält allerdings einen kleinen Dämpfer durch das Schicksal eines kleinen Mädchens, das im nahen Kinderheim lebt und unter dem Terror der sadistischen Heimleitung Frau Adriani leidet. Unvermutet träufelt nun die Realität in die Postkarten-Idylle der jungen Leute. Sie handeln: Nach Rücksprache mit der in der Schweiz lebenden Mutter des Kindes, befreien sie dieses aus der quälenden Tyrannei und begleiten es wieder nach Hause…!

Es scheint ja recht wenig zu passieren, und doch kitzelt Kurt Tucholsky aus diesem Wenigen ein Höchstmaß an Unterhaltung heraus. Seine Dialoge sind von einer intelligenten Leichtigkeit, voller Amüsement und doch mit ernsten Untertönen. Das Schloss Gripsholm in Schweden bildet für diese Erzählung die perfekte Kulisse – fremdländisch aber nicht zu exotisch, europäisch und trotzdem urwüchsig. Das alte Gemäuer hat im Laufe der Jahrhunderte sicher schon viel gesehen, viel erlebt, und somit ist ihm nichts Menschliches fremd. Was kümmern ihm da die erotischen Eskapaden einiger junger Menschen bzw. deren Shakespeare-haften Verwirrungen a là „Ein Sommernachtstraum“? Übrigens: Ich war sehr überrascht über die geschmackvolle Offenherzigkeit und darüber, wie der Autor diese Episode elegant in die Handlung einfließen lässt. Schließlich stammte die Geschichte aus dem Jahre 1931, der Spätzeit der Weimarer Republik, und die s.g. sexuelle Revolution war noch in weiter Ferne.

Mit ironischem Witz, einem kleinen Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Sympathie porträtiert Tucholsky seine Figuren aufs Vortrefflichste. So bedenkt er „Kurt“ liebevoll mit einem drögen Literaten-Charme, während er „Lydia“ – als Offenbarung des ewig Weiblichen – patent, wortgewannt, entscheidungsfreudig aber auch ein Stück weit pragmatisch erscheinen lässt. Die jeweiligen Freunde „Karlchen“ und „Billie“ bilden dabei den gegensätzlichen und gleichzeitig ergänzenden Gegenpart. Sie übernehmen die wichtige Funktion, im Zusammenspiel mit unserem Helden/ unserer Heldin, noch unbekannte Charakterzüge zu offenbaren, um so mehr von ihren Persönlichkeiten zu zeigen. Allen ist gemein, dass sie sehr großherzig einander zugewandt sind bzw. miteinander umgehen. Und diese Großherzigkeit spiegelt sich ebenso in ihrem offenen Geist wieder.

Es wirkt beinah so, als hätte es Tucholsky eine große Freude bereitet, die Figur der „Frau Adriani“ zu entwickeln und in ihr all die negativen Attribute zu vereinen, die man gemeinhin mit einem Machtmenschen verbindet. Die „Macht“ ist ihnen Lebenssinn und –zweck. Durch die „Macht“ werden sie definiert. Nehme ihnen die „Macht“, und es wird nichts übrig bleiben, da ihnen andere (menschliche) Tugenden fremd sind. Tucholsky vermeidet wohltuend, das allzu Bedrohliche dieser Figur in den Vordergrund zu stellen. Vielmehr wirkt „Frau Adriani“ wie eine Karikatur, auf der man erschaudernd einen Blick wirft und sich gleichzeitig ein Lachen nicht verkneifen kann.

Wirkt die Geschichte oberflächlich eher leicht, so verbirgt sie unter dieser Leichtigkeit durchaus auch eine Ernsthaftigkeit. Sprachlich schenkt der Autor uns literarische Kabinettstückchen: So lässt er uns an fein beobachteten Erlebnissen teilhaben und frönt gekonnt-fröhlich der Formulierkunst, indem er den Berliner Dialekt mit Plattdeutsch mischt oder Begriffe eine andere Deutung gibt.

Illustrator Hans Traxler findet für seine Bilder genau den richtigen „Ton“ – vielmehr Farbton. Mit klarem Strich und schwungvollen Rundungen gelingt ihm für jede Figur eine eigene, unverwechselbare Physiognomie, die viel von deren Charakter preisgibt. Auch die erotische Komponente der Geschichte versteht er bestens mit pikanter Sinnlichkeit darzustellen.

Dieses kleine bibliophile Schätzchen wurde von der Büchergilde Gutenberg zum 90. Geburtstag von Jens Traxler wiederaufgelegt und begeistert mich nicht nur durch seinen Inhalt sondern auch mit der geschmackvollen Ausstattung aus Leinen-Einband, Fadenheftung, Lesebändchen und dem wunderschönen Vorsatzpapier, das uns Skizzen der handelnden Personen zeigt.


erschienen bei Büchergilde Gutenberg/ ISBN: 978-3763264407

ebenfalls erschienen bei Fischer/ ISBN: 978-3596900695, Anaconda/ ISBN: 978-3938484715 und Nikol/ ISBN: 978-3868204117 (alle ohne Illustrationen)

[Rezension] Agatha Christie – Parker Pyne ermittelt

Kleinanzeige aus Agatha Christie - Parker Pyne ermittelt

…ist in einer schlichten Annonce in den Kleinanzeigen der Times zu lesen. Mr Parker Pyne, rund, klein und kahl, wirkt nun so gar nicht wie der Ritter in schimmernder Rüstung, der auf seinem edlen Ross herbeieilt, um die holde Maid aus ihrem Unglück zu befreien. Und trotzdem kennt er sich mit den menschlichen Höhen und Tiefen aus – zumindest theoretisch, da er 35 Jahre lang Statistiken bei einer staatlichen Behörde erstellt hat. Nun ist er in Rente und möchte die Theorie in der Praxis anwenden. Und so melden sich auf seine Annonce recht unterschiedliche Typen, um seine Dienste in Anspruch zu nehmen: Da ist die enttäuschte Hausfrau, die Angst hat, ihren Gatten an eine Jüngere zu verlieren. Oder der unbefriedigte Soldat, der nach seiner Pensionierung den Nervenkitzel in seinem Leben vermisst. Auch dem unscheinbaren Büroangestellten, der einmal nur aus seiner Bedeutungslosigkeit entfliehen wollte, konnte geholfen werden. Und selbst in seinem Urlaub ist Mr Parker Pyne nicht sicher vor Avancen, Aufträge zu übernehmen: Sei es, dass er die Hintergründe einer Entführung aufdeckt oder verschwundene Perlen seiner entzückenden Besitzerin zurück bringt. Parker Pyne scheint immer dort zur Stelle, wo Not am Mann bzw. an der Frau herrscht…

Es ist wahrlich erstaunlich: Selbst mir als bekennender Christie-Fan ist ein von ihr kreierter Ermittler durch die Lappen gegangen. Ach, was sage ich – er war mir schlicht und ergreifend nicht bekannt! Doch man möge mir verzeihen: Schließlich tauchte der kleine, rundliche Statistiker nur in dieser Sammlung von 12 Kurzgeschichten auf bzw. gönnte sich zudem noch mit 2 weiteren Geschichten einen Abstecher zur Anthologie „Die mörderische Teerunde“. Aus welchen Gründen der Atlantik-Verlag die beiden „abtrünnigen“ Geschichten bei der Neu-Auflage von „Parker Pyne ermittelt“ nicht berücksichtigte, entzieht sich leider meiner Kenntnis.

Doch zurück zu unserem Helden, der so wenig Heldenhaftes an sich hat: Beinah erhält man den Eindruck, als wäre Mr Parker Pyne ein Vorläufer des weltbekannten Hercule Poirot – allerdings in einer gemilderten Version. Zumal in beiden Settings dieselben Personen auftauchen: Auch Paker Pyne beschäftigt eine Miss Lemon als Sekretärin, und Christies „alter Ego“, die Kriminalschriftstellerin Ariadne Oliver gibt sich ebenso in einer Geschichte die Ehre (leider ist diese Geschichte nicht in dieser Sammlung enthalten). Doch ein Blick auf die Entstehungsjahre lehrt uns Besseres: So erblickte Hercule Poirot schon im Jahre 1920 das Licht der literarischen Welt, während Parker Pyne sich erst 1934 an die Öffentlichkeit wagte.

Alles in allem ist Pyne weniger pedantisch sondern vielmehr von einer bewundernswerten Gelassenheit. Auch versteht er es mit seiner sympathischen Art, sein Gegenüber eher für sich einzunehmen, die ihn allerdings aufgrund seines eher durchschnittlichen Äußeren gerne unterschätzen. Spielen die ersten 6 Fälle noch in London bzw. in dessen Umgebung, wo Parker Pyne sich auf ein Team von bemerkenswerten Charakteren verlassen kann, zieht es ihn in den nachfolgenden 6 Geschichten alleine zwecks Urlaub in die Fremde. Gänzlich auf sich gestellt löst er aber auch dort vor den verführerischen Kulissen von Ägypten, Syrien oder Griechenland die verzwicktesten Rätsel.

Alles in allem vereinigt dieses Buch eine Sammlung kleiner, feiner Unterhaltungs-Krimis, die mir beim Schmökern eine Menge Kurzweile geschenkt haben, zum Miträtseln einluden und mit so manchem unvorhersehbaren Twist überraschten. So manches Mal hatte sich die Geschichte recht verworren in eine Richtung entwickelt, dass ich mich mittendrin „auf halber Lese-Strecke“ fragte „Wie kommt er (Parker Pyne) bzw. vielmehr sie (Agatha Christie) aus dieser Nummer wieder raus?“.

Doch wen wundert’s: Gemeinsam schafften sie es jedes Mal auf’s Wunderbarste!


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455013641

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!