[Oper] Viktor Ullmann – DER KAISER VON ATLANTIS / Stadttheater Bremerhaven

Kammeroper von Viktor Ullmann / Libretto von Viktor Ullmann unter Mitarbeit von Peter Kien

Premiere: 4. Juni 2022 / besuchte Vorstellung: 11. Juni 2022
Stadttheater Bremerhaven / Havenplaza, Am Längengrad 8

Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Inszenierung: Edison Vigil
Bühne & Kostüme: Darko Petrovic


Kein leichter Tobak – mir war von Anfang an klar, dass dieses Stück „kein leichter Tobak“ sein würde – nicht mit dem Wissen um dessen Entstehungsgeschichte: In den Jahren 1943/44 komponierte Viktor Ullmann diese Oper im KZ Theresienstadt für ein dort gegründetes Kammerensemble. Gemeinsam mit Peter Kien war er auch für das Libretto zuständig. Während der Proben wurden Texte umgestellt, verworfen oder ausgetauscht. Das Ensemble diskutierte hitzig über den Inhalt: Kann in einer Situation, wo der Tod allgegenwertig ist, ein Stück gespielt werden, indem der Tod sich verweigert?

Die Oper wurde bis zur Generalprobe geprobt. Zur Uraufführung kam es nicht mehr, da Komponist Viktor Ullmann und Librettist Peter Kien sowie ein Großteil des Ensembles nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden. Vor seiner Deportierung übergab Ullmann alle Kompositionen dem Bibliothekar vom KZ Theresienstadt…!

Der Harlekin, Personifizierung des Lebens, und der Tod philosophieren über ihr Dasein und das Leben. Zeiten des Krieges sind schwer, wenn Menschen nicht lachen und Tode keine Schrecken verursachen. Der Lautsprecher verkündet, was gleich passieren wird. Als der Kaiser von Atlantis durch den Trommler den Krieg aller gegen alle verkünden und sich zum Herrscher über Leben und Tod ausrufen lässt, verweigert der Tod den Dienst. Die Menschen können nicht mehr sterben. Anlässlich einer Hinrichtung erfährt der Kaiser vom Entschluss des Todes. Auch Alte und Kranke müssen ewig Qualen leiden. Um der aufkommenden Panik entgegenzuwirken, stellt er die Verweigerung des Todes als Befreiung von dessen Tyrannei dar. Zwei Soldaten begegnen sich auf einem Schlachtfeld. Im Kampf erkennen sie sich als Frau und Mann. Sie verlieben sich und kehren dem Krieg den Rücken. Der Trommler versucht, den Mann zu bekehren. Durch die Verweigerung des Todes ist die Welt ins Wanken gekommen und die menschliche Ordnung ins Chaos geraten. Der Trommler versucht, den Kaiser zu stützen, auch ihn befällt im aktuellen Zustand immer öfter die Panik. Da tritt ihm der Tod entgegen. Angesichts des Grauens, das sein Entsagen über die Welt gebracht hat, ist er bereit, zu den Menschen zurückzukehren. Seine Bedingung hierfür: Der Kaiser soll als erster von ihm geholt werden. Dieser willigt ein. Die erlöste Menschheit begrüßt den zurückgekehrten Tod. Nie wieder soll seine Macht vereitelt werden.

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Fragment-artig, rätselhaft, Fragen eher aufwerfend als beantwortend – so möchte ich die Handlung beschreiben, die wenig stringent anmutet. Die kurzen Bilder reihen sich wie Perlen auf einer Schnur aneinander, und ebenso wie eine Perle, die beim Auffädeln an eine andere Perle schlägt und so eine Reaktion verursacht, verhalten sich die Bilder zueinander. Dabei tritt die Botschaft deutlich hervor: Krieg ist ein sinnloses Unterfangen, aus dem niemals ein Sieger hervorgehen kann.

Die Musik von Viktor Ullmann ist einerseits in seinen Anleihen am Jazz ebenso sperrig wie die Handlung, andererseits liefert er mit seinen musikalischen Zitaten zu bekannten Stücken ironische Brüche: So tauchen in der Arie des Trommlers eindeutig Passagen der deutschen Nationalhymne auf. Die Eröffnungsarie des Kaisers mutet wie die Heldenpartie eines Wagner-Heroen an, während der Lautsprecher als Kommentator des Geschehens beinah Brecht-Weill-sche Züge annimmt.

Regisseur Edison Vigil nutzt für seine Inszenierung die volle Weite des Raumes und lässt auch den entferntesten Flecken von seinem überschaubaren Ensemble bespielen. Da werden die Rolltreppen für effektvolle Auf- und Abgänge genutzt. Die geschwungene Brücke mutiert zur Kommandozentrale. Das liebende Paar verschwindet über die Rolltreppe gen Himmel und läuft über die Glasbrücke einer besseren Welt entgegen. Der Tod greift sich den Diktator, führt ihn zum gläsernen Fahrstuhl, um in ihm Richtung Unterwelt zu fahren.

Damit dies alles nicht zur bloßen Effekthascherei verkommt, überzeugt Virgil auch mit symbolhaften Bildern und setzt auf klein(st)e Nuancen im (Zusammen-)Spiel seiner Sänger*innen. Marcin Hutek als Kaiser von Atlantis überraschte mich in dieser Spielzeit nach Viktoria und ihr Husar abermals. Nahm ich ihn zu Beginn seines Engagements in Bremerhaven als etwas statisch in seiner Darstellung wahr, zeigt er sich nun extrem wandelbar vom selbstverliebten zum gebrochenen Diktator, was er auch mit seinem potenten Bariton auszudrücken verstand. Patrizia Häusermann sang mit ihrem vollen Mezzo famos den Trommler bzw. ergebenen Handlanger des Kaisers und vermittelte glaubhaft dessen aufkommende Panik bezgl. der veränderten Situation. Leider verabschiedet sich diese wunderbare Künstlerin mit dieser Partie von Bremerhaven und wird zukünftig das Publikum am Theater Regensburg begeistern.

Mit sonorem Bass und eher gemütlichem Auftreten gab Ulrich Burdack einen wenig bedrohlich wirkenden Tod, der sich seiner Bedeutung aber durchaus bewusst war und eher pragmatisch seiner Arbeit nachging bzw. beinah bockig diese verweigerte. Andrew Irwin erweckte in mir mein Mitgefühl, wie er als Harlekin bei seinen erfolglosen Versuchen, den Menschen Freude und Spaß zu bereiten, beinah tragisch daran verzweifelte. Victoria Kunze und MacKenzie Gallinger überzeugten als anfangs sich bekämpfende Parteien, dann liebendes Paar, und setzten mit dem Klang ihrer hellen Stimmen (Sopran/Tenor) einen Hoffnungsschimmer in die eher dunkel gefärbte Partitur. Rainer Zaun füllte die Partie des Lautsprechers, der als Moderator/ Erzähler/ Vermittler zwar anwesend aber wenig beteiligt schien, prägnant aus. Zusätzlich wurde das Ensemble durch 6 Statisten (4 ältere Herrschaften und 2 Kinder) unterstützt, die als stumme Soldaten fungierten.

Bühnen- und Kostümbildner Darko Petrovic musste zwangsläufig sein Bühnenbild den Gegebenheiten dieses öffentlichen Raumes anpassen. Vor den Amphitheater-ähnlichen Zuschauerreihen baute er eine offene Zirkusarena mit einigen Tischen, Stühlen, einem Vorhang, einer Bar und drei Monitoren, die Originalmaterial aus dem 2. Weltkrieg zeigten. Die Kostüme beließ er in Schwarz-Grau-Weiß ohne eindeutig zeitliche Verortung: Wirkte die Kluft der Soldaten eher wie die moderner Söldner, so nahm er beim Kaiser von Atlantis und dem Trommler deutliche Anleihen an den Uniformen der NS-Schergen des 3. Reiches und komplementierte die Optik mit blass-geschminkten Gesichtern. Einzig beim Harlekin und dem Tod (beides eher mystische Gestalten) erlaubte er sich Freiheiten: So war der Harlekin klassisch „zwiegespalten“ zwischen Tragik und Komik, während das Gesicht des Todes ein dicker schwarzer Balken zierte – sozusagen als symbolisierte Grenze vom Leben zum Tod.

Die musikalische Leitung lag bei Davide Perniceni in gewohnt-fähigen Händen: Wenige Tage zuvor dirigierte er noch die letzte Vorstellung des Pop-Musicals Chess, nun führte er die Musiker*innen des Kammer-Orchesters souverän durch dieses Stück.

Während der Vorstellung wagte niemand im Publikum zu klatschen, wie es sonst üblich wäre nach einem Bild oder einer Arie. Da es die gewohnte Grenze durch den Orchestergraben nicht gab, und wir in unmittelbarer Nähe des Geschehens saßen, wirkte alles viel intensiver, viel direkter. So folgten wir gespannt und ergriffen der Handlung, und erst zum Schluss zollten wir mit unserem Applaus unseren Respekt, für den Mut dieses Stück in ungewöhnlicher Kulisse zu realisieren. Obwohl: Ist die Kulisse wirklich so ungewöhnlich – zwischen Auswandererhaus, Hafen und offener See? Schwingt bei der Konstellation dieses Trios nicht auch Sehnsucht und Hoffnung mit?

Auf dem Heimweg beschäftigte mich das Gesehene natürlich weiterhin. Unwillkürlich – Ich weiß nicht, warum? – kam mir ein Zitat von Hermann Hesse in den Sinn, dass ich vor einiger Zeit gelesen hatte aber nun nur in Teilen zusammen bekam. Zuhause habe ich es dann nochmals nachgeschlagen:

Glück gibt es nur, wenn wir vom
Morgen nichts verlangen und vom
Heute dankbar annehmen, was es bringt,
die Zauberstunde kommt doch immer wieder.
Hermann Hesse


Viel Zeit bleibt nicht mehr, um die Kammeroper DER KAISER VON ATLANTIS auf dem 8. Längengrad der Havenplaza in Bremerhaven zu erleben. Darum: schnell Karten besorgen…!

[Rezension] Gilbert Adair – UND ACTION! MISS MOUNT UND DER MORD AM FILMSET

So sehr hatte Chefinspector a.D. Eustace Trubshawe, ehemals Scotland Yard, gehofft, diese Stimme nie wieder hören zu müssen. Doch kaum stolpert er zufällig in den Teesalon des Ritz Hotels als die unüberhörbare Stimme der erfolgreichen Krimiautorin Evadne Mount durch den Raum schallt. Seit ihrem letzten Zusammentreffen in Zusammenhang mit den Geschehnissen auf ffolkes Manor sind sage und schreibe 10 Jahre vergangen, und Evadne ist nicht gewillt, ihren alten Sparringspartner so schnell wieder aus ihren Fängen zu lassen. Unversehens findet sich Eustace mit ihr auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung im Theater wieder, bei der auch Evadnes langjährige Freundin, die kapriziöse Schauspielerin Cora Rutherford mitwirkt. Cora hofft auf ein Comeback, da sie eine Rolle im neuesten Film des Star-Regisseurs Alastair Farjeon ergattern konnte. Doch noch bevor die erste Klappe fällt, kommt der Meister bei einem Feuer in seinem Haus ums Leben. Die Filmwelt ist erschüttert über diesen Verlust, dafür umso überraschter als bekannt wird, dass sein Kompagnon Rex Hanway die Regie bei „Wenn sie je meine Leiche finden“ übernehmen wird. Hanway entpuppt sich als ebenso genial wie der große Farjeon – beinah scheint es so, als würde sein Genie durch Hanway weiterleben. Darum wundert sich niemand, dass Hanway immer wieder das Drehbuch ändert, um seine spontanen wie genialen Regieeinfälle einzubauen. Äußerst tragisch wird es erst, als nach einem dieser Regieeinfälle ausgerechnet Cora Rutherford vor laufender Kamera stirbt. Sie wurde vergiftet, und nur sieben Personen wussten von dieser kurzfristigen Änderung – Evadne Mount und Eustace Trubshawe eingeschlossen…!

„Agatha Chrisite lebt.“ wird Der Spiegel auf dem Umschlag zitiert. Ganz so weit würde ich nicht gehen, obwohl sich ein Vergleich mit der „Queen of Crime“ in Bezug auf Spannungsaufbau, Figurenkonstellation etc. durchaus aufdrängt. Doch auch diesmal kann ich mich nur selbst zitieren:

„Autor Gilbert Adair erfindet das Genre wahrlich nicht neu. Vielmehr spielt er mit den Erwartungen, die die Leserschaft an einen guten, alten, englischen Krimi haben, und erfüllt uns diese.“

Und genau das ist es, was auch diesen Krimi zu einem gelungenen Cosy-Krimi macht. Es macht einfach Spaß, dieses liebenswert-kauzige Duo gehobenen Alters bei ihren Ermittlungen zu begleiten. Es macht einfach Spaß, zu rätseln, welche realen Personen für das Handlungspersonal Pate standen. Es macht einfach Spaß, in diese fiktive Welt einzutauchen. Es macht einfach Spaß, diesen Krimi zu lesen.

Sind auch die Dialoge diesmal nicht ganz so witzig-spritzig wie bei seinem Vorgänger, so sind sie weiterhin gut durchdacht, flüssig formuliert und charakterisieren die Personen prägnant. Und auch diesmal liefert uns der Autor am Ende einen interessanten Twist zur Auflösung, den ich allerdings schon vorab erahnen konnte.

Doch schlussendlich, was erwarte ich von einem Cosy-Krimi? Ich erwarte ziemlich genau nur das Eine, nämlich, dass er mich gut unterhält! Und dies ist diesem Krimi famos gelungen!


erschienen bei Oktopus (bei Kampa)/ ISBN: 978-3311300298

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Konzert] Filmmusikkonzert – TON AB, KAMERA LÄUFT! / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Musik von Patrick Doyle, Ron Goodwin, Julian Nott, Ennio Moricone, Nino Rota, Sergei Prokofjew, Anton Profes, Yann Tiersen, Martin Böttcher, Rolf Wilhelm, Klaus Doldinger und Ralf Wengenmayr

Philharmonisches Orchester Bremerhaven / in Koproduktion mit FMS – Film Music Services

Premiere: 5. Juni 2022/ besuchte Vorstellung: 5. Juni 2022

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


Musikalische Leitung & Moderation: Marc Niemann


Bestenfalls braucht es nur wenige Takte einer Melodie, und mein Kopfkino überschwemmt mich mit einer Flut an Bildern und Emotionen. War die Musik früher zu Zeiten des alten Kintopps nur bloße Hintergrund-Untermalung zum Film und musste mit diesem auch nicht im direkten Zusammenhang stehen, hat sich die Filmmusik im Laufe der Jahrzehnte zur eigenständigen Kunstform emanzipiert. Und so werden die Werke der großen Film-Komponisten in der Zwischenzeit ebenso ernsthaft und respektvoll von philharmonischen Orchestern dargeboten, wie die Werke ihrer Kollegen aus der Klassik.

Das Philharmonische Orchester Bremerhaven unter der Leitung des GMD Marc Niemann bildet da keine Ausnahme und schwelgt schon seit langem in der Symbiose aus Klang und Bild. Für die Programmgestaltung holten sie sich mit Ulrich Wünschel, Geschäftsführer des FMS – Film Music Services, einen Fachmann ins Boot (Apropos: Klaus Doldingers Suite aus Das Boot durfte natürlich bei einem solchen Konzert nicht fehlen), wobei Gerrit Bogdahn und Karsten Prühl verantwortlich waren für den gelungenen Filmschnitt, der passgenau zu einigen Stücken präsentiert wurde.

Marc Niemann war nicht „nur“ der musikalische Leiter sondern auch der versierte Moderator, der eloquent durch das Programm führte. Das Eröffnungsstück des Konzertes, die Ouvertüre aus Viel Lärm um nichts von Patrick Doyle, wirkte wie ein kleiner Hinweis auf die kommende Spielzeit, in der eben dieses Stück von William Shakespeare die Schauspiel-Saison im großen Haus eröffnen wird. 

Die abwechslungsreiche Programmauswahl bot den Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters die Möglichkeit eine enorme Bandbreite ihrer Kunst zu zeigen. Ihnen gelangen die leichten, heiteren Noten wie bei Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten von Ron Goodwin ebenso fulminant wie das Tragisch-melancholische bei Nino Rotas Musik zu La Strada. Mit einer ordentlichen Portion Schmalz – sehr zur Freude der Zuhörenden – schmachtete sich das Orchester durch Anton Profes Titelmusik zu Sissi.

Mit dem Marsch aus Loriots Pappa ante portas bot das Orchester sogar eine Weltpremiere, da dieses Stück bisher nur im Film erklang und noch nie „live“ dargeboten wurde. Die Original-Partitur von Rolf Wilhelm galt als verschollen. Nur dem zähen Verhandeln mit der Witwe des Komponisten war es zu verdanken, dass ein handgeschriebenes Exemplar der Komposition wiederentdeckt werden konnte.

Bei La Valse d’Amélie von Yann Tiersen wurden wir in die fabelhafte Welt dieser entzückenden Heldin entführt, um wenig später zu Martin Böttchers Winnetou-Melodie mit ebendiesem Helden und seinem Blutsbruder dem Sonnenuntergang entgegen zu reiten. Als Zugabe ließ Marc Niemann mit seinen Musiker*innen dann nochmals zwei Blutsbrüder in den Sonnenuntergang galoppieren, diesmal allerdings die beiden komödiantischen Recken aus Der Schuh des Manitu zur Musik von Ralf Wengenmayr, der hierbei das Vorbild von Böttcher ironisch-respektvoll zitiert.

Während im Kino meine Aufmerksamkeit zwangsläufig bei der Handlung liegt, und die Musik eher unterstützend wahrgenommen wird, konnte ich mich hier vollkommen auf die Musik konzentrieren und so die Musiker*innen „bei der Arbeit“ beobachten. Dabei war es äußerst interessant zu sehen, wann welche Instrumente zum Einsatz kamen. So zollte ich besonders den Solisten meinen Respekt, die häufig mit ihrem Instrument für den unverwechselbaren Klang einer Komposition und somit für deren Wiedererkennungswert sorgten – sei es beim Violinen-Solo zu Cinema Paradiso oder die markante Mundharmonika bei Spiel mir das Lied vom Tod, beides aus der Feder des genialen Ennio Moricone.

Dabei wurde mir wieder allzu sehr bewusst, welche emotionale Kraft die Musik besitz, die durch eine Kombination mit den Bildern noch verstärkt wird. Musik berührt mich auf einer anderen Ebene als das gesprochene Wort. Musik dringt tief in meine Seele ein und nimmt Einfluss auf meine Empfindungen: Kaum erklangen die ersten Töne von Miss Marple’s Theme von Ron Goodwin, schon nistete sich ein breites Grinsen auf meinem Gesicht ein und ein wohliges Gefühl bemächtigte sich meiner…! 🥰


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!

[Rezension] Marie Dorléans – Das grosse Pferderennen

Zeitgleich mit My Fair Lady. Weltmusicals für Kinder wurde ich auch diesem entzückenden Bilderbuch habhaft. Als ich es durchblätterte, fühlte ich mich zwangsläufig an die Ascot-Szene in MY FAIR LADY erinnert, wo die High Society mit einer stoischen Ruhe behauptet, dass sie beim Pferderennen endlich wieder einen Hauch von Nervenkitzel verspürt. Dabei steht die Reaktion der handelnden  Personen kontra-karikierend zum Songtext und sorgt so aufgrund dieser Diskrepanz für Erheiterung beim Publikum.

Auch in Marie Dorléans Bilderbuch warten die Zuschauer gespannt auf den Beginn des grossen Pferderennens und haben sich – ähnlich wie die Damen und Herren in Ascot – chic in Schale geworfen. Die Jockeys stehen mit ihren Pferden schon am Start und warten aufgeregt auf den Startschuss. Als der Schuss ertönt, gibt es kein Halten mehr. Die Pferde preschen los. Doch halt: Nicht alle Jockeys haben mit ihren Pferden rechtzeitig die Startlinie verlassen können. Auch ereignet sich während des Rennens so manche kuriose Situation, und selbst die abschließende Siegerehrung gestaltet sich anders als gewohnt…!


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Was kann bei einem Pferderennen nicht alles passieren: Von scheuenden Pferden, Stürzen und Disqualifizierungen habe selbst ich in diesem Zusammenhang schon gehört. Doch das, was Marie Dorléans bei ihrem Pferderennen passieren lässt, setzt allem die (humoristische) Krone auf. Ihre Texte sind auf das Wesentliche beschränkt. Vielmehr lässt sie ihre Illustrationen sprechen, die vor witzigen Ideen nur so strotzen.

Ähnlich wie in der eingangs erwähnten Ascot-Szene in MY FAIR LADY sorgt auch sie dafür, dass dieser elitär anmutende Sport durch die Brille des Humors betrachtet wird. Wobei sie ihr Augenmerk weniger auf die Zuschauer und dafür mehr auf das Geschehen auf der Rennbahn lenkt. Und hier ereignen sich wahrlich so einige höchst absonderliche Situationen, bei deren Betrachtung ich immer wieder amüsiert auflachen musste.

Dieses entzückende Buch ließ mich für einen Moment den Alltag vergessen und schenkte mir für einen Augenblick ein wenig Spaß und Freude…!


erschienen bei Gerstenberg/ ISBN: 978-3836959711

[Rezension] MY FAIR LADY. Weltmusicals für Kinder/ nach Alan Jay Lerner/ neu erzählt von Barbara Kindermann/ mit Illustrationen von Silke Leffler

Vor einiger Zeit trällerte ein Kollege die Melodie zu „Bringt mich pünktlich zum Altar“ während des Dienstes. Ich war sehr überrascht, da ich bisher annahm, dass Musical nicht zu seiner präferierten Musikrichtung gehörte. Und zugegeben, mein Kollege kannte diese Melodie nur in Zusammenhang mit einem Blödel-Text und hatte nicht den blassesten Schimmer, dass es sich hierbei um einen Song aus einem weltberühmten Musical handelt. Zum Glück konnte ich diesen Kulturbanausen aufklären!

Dabei fiel mir allerdings auch wieder etwas ein, das mich veranlasste, in alten Programm-Heften zu stöbern: Beinah genau vor 34 Jahren sah ich mein erstes Musical auf einer Bühne: MY FAIR LADY.

Ich saß mit einer vergünstigten Schülerkarte im zweiten Rang des Theaters am Goetheplatz in Bremen (Bei meinem damaligen Budget, das ich mir durch Zeitungsaustragen verdingte, war Besseres nicht drin.), blickte aus der Vogelperspektive von oben herab über den ersten Rang und das Parkett zur Bühne und wartete gespannt auf das, was mich erwartete. Schließlich war ich als Theaterbesucher noch völlig unbeleckt und konnte diesbezüglich auf keine Erfahrungen zurückgreifen. Alles war für mich neu und aufregend: Die Musiker*innen des Orchesters stimmten ihre Instrumente, während ein Gong den Beginn der Vorstellung ankündigte. Langsam wurde das Licht gedimmt, und eine vibrierende Spannung bemächtigte sich meiner. Der Dirigent erschien, und das Publikum applaudierte, also applaudierte auch ich. Zu den ersten Takten der Ouvertüre hob sich der Vorhang und gab den Blick frei auf das Bühnenbild, das Covent Garden in London darstellen sollte. Das Spiel begann. Niemals zuvor hatte ich eine verführerische Symbiose, wie diese aus Musik, Text, Gesang, Schauspiel und Tanz, erleben dürfen,…

…und es war um mich geschehen. Seitdem hat mich das Musicalfieber nicht mehr losgelassen, und gerade MY FAIR LADY nimmt hier eine Sonderstellung ein. So saß ich im Laufe der Jahre in 6 Vorstellungen bei 4 verschiedenen Inszenierungen…

  • Bremer Theater am Goetheplatz: 05.06.1988 und 09.11.1990
  • Stadttheater Bremerhaven: 12.12.1997
  • Oldenburgisches Staatstheater: 10.12.1999
  • Bremer Theater am Goetheplatz: 21.12.2002 und 08.06.2003

… und nenne 14 verschiedene Cast-Aufnahmen mein Eigen – neben diversen Aufnahmen auf Englisch und Deutsch, auch auf Holländisch, Dänisch und Hebräisch,…

…und ich würde jederzeit mir auch die 5., 6. und 7. Inszenierung ansehen!

Jeder Mensch hat seinen besonderen Vogel.
Mein Vogel kann wahrhaftig „wundascheen“ singen!!!
🐦


Die Philosophie des Kindermann-Verlages ist so einfach wie genial:

„Kinder sollen sich Literaturklassikern spielerisch und unvoreingenommen nähern können.“

Damit dies gelingt, sorgt Verlegerin Anna Kindermann mit ihrem Team für wunderbar illustrierte Neuerzählungen. Denn die Klassiker haben es genau deshalb zu Weltruhm geschafft, da sie außergewöhnliche Geschichten von tollen Held*innen erzählen. Und so bietet in der Zwischenzeit das Verlagsportfolio nicht nur Weltliteratur, Poesie, berühmte Leute und Kunst für Kinder, sondern sogar auch die Nacherzählung zweier Musicals, für die Verlagsgründerin und Mutter der jetzigen Verlegerin verantwortlich war.

Und genau diese Nacherzählung gelingt ihr sehr charmant. Barbara Kindermann versteht es, die Kernhandlung prägnant zu präsentieren ohne dabei die Charaktere der Hauptpersonen zu vernachlässigen bzw. zu verwässern. Dabei flicht sie in die Dialoge immer wieder die Lyrik der Songs mit ein. Ein raffinierter Kniff: So erhält der Vorlesende die Möglichkeit an der entsprechenden Stelle seinen jungen Zuhörern den passenden Song vorzuspielen. Natürlich vorausgesetzt, man ist im Besitz einer Cast-Aufnahme. 😉


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Silke Leffler war mir bisher vornehmlich als Illustratorin für Papeterie ein Begriff und hat hierfür einen sehr eigenen Stil kultiviert. Ihre Werke fielen gerne durch die unverwechselbare Silhouette ihrer Figurinen im Zusammenspiel mit überdimensionale Blüten auf. Passend zum vorgegebenen Sujet fallen auch hier ihre Illustrationen sehr blumig und farbenfroh aus. Dabei bemüht sie sich, für die einzelnen Personen eine charakteristische Physiognomie zu finden, bleibt dabei aber leider innerhalb ihres gewohnten Korsetts und zeigt so – für meinen Geschmack – wenig Prägnanz und Individualität. Warum sie in ihren Illustrationen als gestalterisches Element Seiten aus dem Textbuch von Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ verwendete, blieb mir unverständlich. Vielleicht wollte Leffler mit diesem grafischen Kniff die Nähe dieser Geschichte zum Theater symbolisieren, wobei hier „Pygmalion“ von George Bernhard Shaw durchaus passender gewesen wäre.

Alles in allem sind diese Kritikpunkte doch nur meinem persönlichen Geschmack geschuldet und werden die Freude der Kids an diesem Buch nicht mindern. Im Gegenteil: Der Kindermann Verlag schafft auf wunderbare Weise, die Hemmschwelle der Kinder zur „hehren“ Kunst zu minimieren.


erschienen bei Kindermann/ ISBN: 978-3934029439

[Rezension] Anton Čechov – Frühlingsgefühle. Geschichten von der Liebe

„Wir verdanken Peter Urban einen deutschen Čechov,
wie er schöner nicht sein könnte.“

…wird Manfred Papst von der Züricher „NZZ am Sonntag“ gerne auf den Rückseiten der Bücher von Anton Čechov zitiert. Durchaus könnte man meinen, dass sich ein solches Zitat mit der Zeit abnutzt, abnudelt, schal wird. Doch wenn man sich das Ergebnis Peter Urbans Arbeit ansieht, dann bleibt nichts anderes übrig, als diesem Übersetzer Respekt zu zollen.

So entschleiert er den großen russischen Romancier und Dramatiker als einen Meister der kurzweiligen, anspruchsvollen und intelligenten Unterhaltung, indem er seine Geschichten mit einer eleganten Leichtigkeit, einer wohltuenden Melancholie, einer spritzigen Dramatik und einem spitzbübischen Humor darbietet. Meine Ressentiments gegenüber der russischen Literatur im Allgemeinen und Anton Čechov im Besonderen konnte er schon mit den Wintergeschichten verscheuchen, und so gilt das, was ich dort zu sagen hatte, auch für diese Sammlung.

Diesmal steht – wie es der Untertitel verrät – die Liebe im Vordergrund. Čechov treibt seine Heldinnen und Helden durch einen Parcours an Emotionen: Es wird sich verliebt! Es wird glücklich geliebt! Es wird unglücklich geliebt! Es wird sich entliebt! Erstaunlich, wie vielfältig die Liebe sein und wie mannigfaltig sie in Erscheinung treten kann – von kleinen Ausbrüchen über die großen Gefühle, von der schmerzhaften Trauer bis zum stillen Glück. Der Autor versteht es ganz famos die Klaviatur der Empfindungen zu bedienen und ihnen individuelle Ausdrucksformen zu geben. Gerne würde ich dies an zwei Beispielen verdeutlichen…

In Verocka verabschiedet sich Ivan Alekseic Ognev, ein junger Statistiker, nach Erledigung eines Auftrages von seiner Gastfamilie. Auf dem Weg zu seiner Herberge schließt sich ihm Vera Gavriilovna, die Tochter des Hauses, an. Während die beiden jungen Menschen durch die stille, warme Nacht gehen, kommt ihr Gespräch nur zögerlich in Gang. Beide schweifen immer wieder mit ihren Gedanken ab und lassen so die gemeinsame Zeit Revue passieren. Nebel zieht fein und zart durch die Bäume und verschleiert leicht den Mond. Eva fasst sich ans Herz und gesteht Ivan ihre Liebe. Dieses Geständnis erschreckt den jungen pragmatischen Statistiker, der eher in der Theorie als der Praxis firm scheint, zutiefst. Zwar verehrt er die hübsche Tochter seines Gastvaters, aber lieben…?! Ivans eindeutige Reaktion veranlasst Vera, ihm für immer Lebewohl zu sagen. Ivan bleibt grübelnd allein zurück. Fragen kreisen unbeantwortet durch seinem Schädel und lassen ihn verzweifeln: Hier gibt es eine wunderbare junge Frau, die ihn liebt. Wieso kann er sie nicht ebenso lieben? Was ist falsch an ihm? Und er ahnt, dass er an diesem lauen Abend vielleicht versäumte, sein Glück zu finden.

Im Gegensatz zur vorherigen Geschichte scheint in Geplatztes Geschäft. Eine Art Vaudeville das Glück für den namenlosen Helden zum Greifen nah: eine hübsche Ehefrau, eine Mitgift in Höhe von 30 000, die Aussicht auf eine blendende Karriere. Wäre da nicht seine lockere Zunge diesen Plänen in die Quere gekommen. In seinem Größenwahn gibt er sich als Mann mit Prinzipien und schwafelt, dass er ihrer nicht wert sei, denn schließlich könne er ihr nie dauerhaft den gewohnten Lebensstandard bieten. In seine grenzenlosen Selbstüberschätzung kokettiert er beinah boshaft mit ihrer Loyalität. Je mehr sie ihre Liebe beteuert, umso heftiger schmückt er die Trostlosigkeit ihres gemeinsamen Lebens aus. Und während sie immer stiller und stiller wird, redet er sich um Kopf und Kragen. Schließlich dankt sie ihm dafür, dass er ihr die Augen geöffnet hat, um zu erkennen, dass sie seiner nicht würdig sei und nie die Ehefrau an seiner Seite sein könnte, die er verdiene. Sie geht, und er bleibt ernüchtert zurück.

Allein der Vergleich dieser beiden Geschichten zeigt Čechovs literarische Bandbreite: In Verocka meinte ich als Leser, das Fiebrige dieser Nacht zu spüren. Atmosphärisch fein lässt der Autor die Szenerie dieses Spaziergangs zweier junger Menschen vor unserem inneren Auge entstehen und verfeinert dies mit Tragik und Melancholie. Dafür erinnerte mich Geplatztes Geschäft. Eine Art Vaudeville an eine Boulevardkomödie, wo die Grenze zur Groteske fein ausgelotet wurde. Beiden Geschichten ist gemein, dass aus ihnen keine Sieger hervorgehen: Zurück bleiben jeweils zwei unglückliche Menschen. Doch während ich bei Verocka für beide gleichermaßen Sympathie wie auch Mitgefühl verspüre, konnte ich mir bei Geplatztes Geschäft. Eine Art Vaudeville ein gewisses Maß an Schadenfreude nicht verkneifen.

Nach der Lektüre dieser 22 Geschichten von der Liebe war es schier unumgänglich ebenso Anton Čechovs Sommergeschichten, die schon 2020 bei Diogenes ebenfalls in der Übersetzung von Peter Urban erschienen sind, meine Aufmerksamkeit zu schenken: Rezension folgt…! 🙃


erschienen bei Diogenes/ ISBN: 978-3257071825 / in der Übersetzung von Peter Urban

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Noch ein Gedicht…] Adele Schoppenhauer – AN DIE NACHT

O stille Freundin Du! O wortlos ernste Nacht!
Nimm meinen lauten Schmerz in Deine Mutterarme!
Verhüll‘ mein müdes Haupt in Deiner Schleier Pracht,
Daß dieses starre Herz in Thränenthau erwarme.
Zeig‘ mir Ihn fern im Traum, erwecke heiß’res Sehnen –
Die harte Wirklichkeit nahm mir den Trost der Thränen.

Des Tages Forderung und seiner Fragen Qual,
Sie bleiben, fern gebannt, in weitem Kreise stehen –
Und frei von fremdem Zwang erhebt zum erstenmal
Die Seele sich empor, will weithin rückwärts sehen
Dorthin – wo sie geglaubt, dem Tod sich hinzugeben,
Und ach! so tief geirrt! sie gab sich hin – dem Leben!

Adele Schoppenhauer

[Rezension] Caspar Salmon – Wie man bis eins zählt (Und fang erst gar nicht mit größeren Zahlen an!)/ mit Illustrationen von Matt Hunt

Kicher! Kicher! – Hihi! – Gnigger! Gnigger!

Da sitze ich also in meinem Ohrensessel über ein Bilderbuch gebeugt, lese den Text, betrachte die bunten Bilder dazu und gackere vor Vergnügen vor mich hin. Ganz unversehens bin ich zu diesem humorvollen Bilderbuch gekommen: Zum Welttag des Buches veranstaltete der Kunstmann-Verlag auf Instagram ein Gewinnspiel, und – Tata! – ich habe gewonnen!

Nochmals: Meinen herzlichsten Dank!

Darum sitze ich also in meinem Ohrensessel über dieses Bilderbuch gebeugt, das mich zunehmend begeistert, da es Kinder ganz raffiniert zum Zählen animiert, auch wenn der Titel etwas anderes suggeriert. Auch wenn z. Bsp. sich 5 Enten über die Seiten tummeln, so betont Autor Caspar Salmon in seinen Texten immer wieder vehement, dass nur bis EINS! gezählt werden darf. Es geht immer nur um die EINS! Wir dürfen immer nur bis EINS! zählen.

Caspar Salmon. WIE MAN BIS EINS ZÄHLT – Illustration Matt Hunt

Beinah scheint es, als wolle Salmon uns das Weiterzählen verbieten, wohlwissend, dass das, was verboten, umso reizvoller ist. Es erinnerte mich an meine eigene Kindheit: Die Eltern hatten etwas verboten, und ab diesem Zeitpunkt war das Verbotene äußerst verführerisch (Vorher war es mir pups-egal!). Und obwohl etwas verboten war, tastete ich mich langsam vor, lotete die Grenzen des Tolerablen aus und genoss das kribbelige Gefühl, etwas „Verbotenes“ getan zu haben. In diesem Buch versucht es der Autor sogar immer wieder selbst, uns zum Weiterzählen zu verführen. Ganz und gar hinterhältig nutzt er dazu die gelungenen Illustrationen von Matt Hunt.

Hunt schuf für dieses Buch witzige Bilder, die mich immer wieder durch skurrile Details amüsierten und so auch zum bloßen Betrachten (ohne Zählen) einluden. Dabei staunte ich über die scheinbare Schlichtheit, die meine Phantasie doch so sehr anregte, dass ich eigene Ideen entwickelte: Die Bilder animieren nicht nur zum Weiterzählen – Nein! – auch zum Weitererzählen, indem zu diesen Bildern Geschichten selbst erdacht werden könnten. So käme dieses Buch immer wieder und wieder zum Einsatz und könnte sich einen dauerhaften Platz in den Kinderzimmern sichern. Das Potential, ein Klassiker zu werden, hätte es allemal!

Am Schluss durfte ich dann endlich weiter als bis EINS! zählen: Puh, länger hätte ich es auch nicht mehr ausgehalten!


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956144912

Ich danke dem Verlag herzlich für diesen wunderbaren Gewinn!

[Rezension] John Bude – Mord an der Riviera

Strahlender Sonnenschein, klarer Himmel, weißer Strand am blauen Ozean – dumm nur, dass selbst vor der Postkartenidylle der französischen Riviera das Verbrechen nicht Halt macht und sich keine Pause gönnt. Detectiv-Inspector Meredith und sein junger Kollege Acting-Sergeant Freddy Strange sind im Auftrag des Scotland Yards vor Ort, um mit Unterstützung der hiesigen Gendarmerie eine Bande von Geldfälschern aufzuspüren, die unter der Ägide des talentierte englischen Graveurs Chalky Cobbett die Côte d’Azur mit Blüten überschwemmt. Dreh- und Angelpunkt scheint die Villa Paloma der reichen wie resoluten Witwe Nesta Hedderwick zu sein, die hier mit ihrer Nichte Dilys und einer Schar mysteriöser, wenn nicht sogar verdächtiger Gäste residiert. Während Meredith versucht, eine mögliche Beteiligung der Villa-Bewohner am Geldfälscherring nachzuweisen, erliegt Freddy Strange zunehmend dem Charme der reizenden Dily. Nach etlichen Fehlschlägen kommen die beiden Spürnasen den gesuchten Kriminellen endlich auf die Spur. Beinah scheint es so, als könnten sie ihren Auftrag erfolgreich beenden, bis sich plötzlich ein Mord ereignet, der alles nur noch verzwickter macht…!

1952, nur wenige Jahre nach dem 2. Weltkrieg, dürsteten die Leser nach Spannung vor exotischer Kulisse, um so dem eigenen grauen Alltag zu entfliehen. John Bude, damals auf dem Höhepunkt seiner Karriere, gab ihnen genau dieses. So spielt die französische Riviera eine nicht unbedeutende Rolle in diesem unterhaltsamen Krimi. Bei etlichen Orts-Beschreibungen fühlte ich mich zwangsläufig an den Film-Klassiker „Über den Dächern von Nizza“ erinnert, da der Autor detailliert die Atmosphäre dieses Landstriches vor den Augen seiner Leserschaft aufleben lässt.

Wie schon in Mord in Sussex ist auch hier Detectiv-Inspector Meredith den Ideen der Jugend durchaus zugeneigt und überlässt seinem Sergeant gerne die Bühne – allerdings nicht ohne einen wachsam-schützenden Blick auf ihn zu werfen. Könnte ihre Beziehung zueinander durchaus als kollegial bezeichnet werden, so bleibt Bude in der Zeichnung der Figuren der damals gängigen Tradition treu, indem Meredith für Strange als der erfahrenere Kollege nichtsdestotrotz auch sein Vorgesetzter ist. Die Dialoge zwischen unseren beiden Helden sind äußerst kurzweilig zu lesen und amüsierten mich durch ihre heiter-ironischen Neckereien. Aber auch das Verhältnis zur hiesigen Polizei wird als äußerst kollegial beschrieben: Meredith und Strange sind eben nicht die Super-Bullen, die sich überall als „einsame Wölfe“ allein durchschlagen. Vielmehr wird hier ein äußerst respektvoller Umgangston gepflegt sowie partnerschaftlich ermittelt.

Aber auch das übrige, durchaus üppige Personal wird klar gezeichnet und raffiniert mit der Handlung verwoben: Da kennt jemand jemanden, der jemanden kennt, der zufällig jemanden kennengerlernt hat, der wiederum mit jemanden bekannt ist. Bude beherrscht dabei bravourös die Kunst, die einzelnen Handlungsfäden erst zu verwirren, um sie dann geschickt wieder zu entknoten. Dabei behält er stets sein Ziel im Fokus: Nach ca. 200 Seiten fragte ich mich, wann im Roman der titelgebende Mord passiert. Zu diesem Zeitpunkt war die Handlung nämlich schon soweit fortgeschritten, dass Meredith und Strange sich bzgl. Überführung der Geldfälscher schon auf der Zielgerade befanden. Und so hegte ich den leisen Verdacht, dass besagter Mord womöglich als Anhängsel verreckt bzw. als Seitenfüller fungiert.

Doch weit gefehlt: John Bude war ein Kriminal-Autor alter Schule, der – wie auch div. seiner Kolleg*innen aus der goldenen Ära des britischen Krimis – sein Handwerk aus dem Effeff verstand und sich so von seinen Leser*innen mit einem überraschenden Twist verabschiedete.


erschienen bei Klett-Cotta/ ISBN: 978-3608980837

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!