[Musical] Alan Menken – DER KLEINE HORRORLADEN / Stadttheater Bremerhaven

Musik von Alan Menken / Buch und Gesangstexte von Howard Ashman / nach dem Film von Roger Corman und dem Drehbuch von Charles Griffith / Deutsch von Michael Kunze / in einer Textfassung von Peter Hilton Fliegel und Jörg Steinberg

Premiere: 25. Februar 2022/ besuchte Vorstellung: 22. April 2022

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


Musikalische Leitung: Jan-Hendrik Ehlers
Inszenierung: Jörg Steinberg
Bühne: Fred Pommerehn
Kostüme: Susanne Füller
Choreografie: Andrea Danae Kingston

Eine Inszenierung wurde zum Kult: Als sich am 23. Januar 1993 der Vorhang zum ersten Mal für „Der kleine Horrorladen“ im Stadttheater Bremerhaven hob, konnte wohl niemand ahnen, dass dieses Musical ein Publikumsmagnet über zwei Spielzeiten sein und dem Theater ständig ausverkaufte Vorstellungen bescheren würde. In der Regie von Manfred Repp tobten damals Dirk Böhling als Seymour, Harriet Kracht als Audrey sowie die Musical-Ladies Angela Lachnit (auch Choreografie), Bettina Meske und Lynne Williams als Gossen-Supremes über die Bühne. Puppenspieler Friedo Stuck erweckte Audrey II zum Leben, der Jazz-Sänger Emo Phillips seine soulige Stimme lieh. Kay Krause (nach wie vor im Ensemble des Hauses) demonstrierte seine Wandelbarkeit in div. Nebenrollen, und der noch junge und unbekannte Christoph Maria Herbst zeigte als Orin, das schon damals eine Menge Comedy in ihm steckte. Insgesamt 6 Mal pilgerte ich nach Bremerhaven, und es war immer wieder ein Fest…!

Mushniks Blumenladen in der heruntergekommenen Skid-Row läuft schlecht – kaum Kundschaft und dazu noch unfähiges Personal. Handlanger Semour sorgt mit seiner Tapsigkeit für eine Schneise der Verwüstung, und Verkäuferin Audrey versucht erfolglos ihre Blessuren zu verdecken, die ihr ihr sadistischer Zahnarzt-Freund Orin Scivello zufügt. Als dann die drei Straßen-Gören Crystal, Chiffon und Ronette penetrant vor dem Laden herumlungern und auch noch die letzten Kunden verscheuchen, sieht Mr. Mushnik sich gezwungen, den Laden zu schließen. Auf Drängen von Audrey zeigt Seymour ihm eine seltsame Pflanze, die er vor einiger Zeit auf dem Blumengroßmarkt einem alten Chinesen abgekauft hat. Dieses Gewächs wirkt so bizarr abartig, dass Mushnik nicht glaubt, dass sie irgendjemanden in den Laden locken könnte. Doch kaum steht die Pflanze, die Seymor aus Verehrung zu seiner Kollegin „Audrey II“ genannt hat, im Schaufenster, klingelt die Ladenglocke unaufhörlich, und Aufträge über Aufträge trudeln ein. Dummerweise benötigt Audrey II zum Wachsen und Gedeihen einen ganz besonderen Dünger: Blut! Seymour fühlt sich darum nicht nur seit Tagen etwas schwindelig sondern auch reichlich blutleer. Doch je mehr die Pflanze wächst, umso größer wird sein Hunger, bis ihr die paar kläglichen Tropfen aus den Fingern ihres Pflegers nicht mehr genügen. Sie will mehr, viel mehr! Seymour, dem einerseits der Erfolg zu Kopf gestiegen ist und andererseits das Leiden seiner angebeteten Audrey durch den brutalen Orin nicht länger ertragen kann, lässt sich durch die Schmeicheleien der Pflanze zu einer Gräueltat animieren. Nachdem Orin aufgrund eines Defekts seiner Lachgasmaske jämmerlich erstickt ist, zerteilt Seymour ihn in mundgerechte Häppchen für sein unersättliches Gewächs. Doch der Appetit von Audrey II wird dadurch nur kurzfristig gestillt: Sie will nicht nur mehr! Sie will alles…!!!


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„Der kleine Horrorladen“ war diesmal in der Schauspiel-Sparte verortet, und so waren alle Rollen mit Schauspielerinnen und Schauspielern besetzt, die durch 4 Tänzer*innen unterstützt wurden. So gab es rein vom Darstellerischen her auch wenig zu bemängeln: Richard Feist gab einen quirligen Seymour mit enormen Bewegungstalent.  Marsha Zimmermann legte ihre Audrey deutlich weniger als dummes Blondchen an und verzichtete wohltuend auf das Lispeln. Frank Auersbachs Mr. Mushnik strotze vor rustikalem Charme. Marlene Jubelius, Sabine Barthelmeß und Juschka Spitzer boten als die drei Gossen-Gören eine solide Leistung. Abräumer des Abends waren allerdings Dominik Lindhorst-Apfelthaler, der sowohl als Orin als auch in div. Nebenrollen komödiantische Kabinett-Stückchen kredenzte, sowie Henning Bäcker, der als personifizierte „Audrey II“, mit diabolischem Blick und im blutroten Anzug gewandet, die Befriedigung seiner perversen Gelüste genüsslich ausspielte.

Dumm nur, dass in einem Musical zwangsläufig gesungen wird – gesungen werden muss, da es sonst die Bezeichnung „Musical“ nicht verdiente. Und hier liegt eine der großen Schwachstellen dieser Produktion: Schauspieler*innen sind nicht zwangsläufig gute Sänger*innen, und eine Sprechpassage wird anders aufgebaut als ein Song. So klangen die Gesangseinlagen nicht nur disharmonisch, weil sie wenig aufeinander abgestimmt waren bzw. ich den Eindruck hatte, dass wenig aufeinander gehört wurde, sondern taten mir manchmal sogar in den Ohren weh. Einzig Henning Bäcker konnte hier auch gesanglich überzeugen. Erschwerend kam hinzu, dass die Songtexte im englischen Original vorgetragen wurden – für mich unverständlich, da es eine wunderbare Übersetzung von Michael Kunze gibt.

Zudem wirkte die Regie von Jörg Steinberg auf mich merkwürdig hektisch: Die Schauspieler*innen agierten wie aufgezogen, mussten manchmal in einem ordentlichen Tempo die Szenen spielen, dass dabei zwangsläufig die Emotionen auf der Strecke blieben, und es mir als Zuschauer schwer fiel, mich mit den Figuren zu identifizieren und mit ihnen mitzufühlen. Leider erschloss sich mir auch nicht, warum der Regisseur gemeinsam mit Dramaturg Peter Hilton Fliegel die vorhandene Textfassung überarbeitete und dieses kurzweilige Trash-Musical mit Passagen aus Shakespears „Macbeth“ bzw. Goethes „Faust“ „anreicherte“. Steinberg hebt die Figuren so auf eine elitäre Ebene. Beinah wirkt es, als wollte er es vermeiden, dass die Rollen sich entwickeln können. Vieles erscheint oberflächlich, plakativ und beinah zu clean für mich: die adretten (optisch durchaus ansprechenden) 60er Jahre-Kostüme incl. Frisuren, der ordentlich verteilte Müll auf der Vorderbühne, die glänzenden Mülltonnen ohne Patina. Einige Szenen wirken verwirrend uninsziniert, so als hätte der Regisseur seinen Darsteller*innen zugerufen „Improvisiert mal…!“, so z.Bsp. beim Song „Mushnik and Son“, bei dem die beiden Darsteller hinter den Tänzern und somit aus dem Fokus des Publikums verschwinden.

Apropos Tanz: Andrea Danae Kingston hat an diesem Hause in der Vergangenheit schon einige exzellente Choreografien erstellt, (u.a. in der letzten Spielzeit für das Musical Chicago). Doch hier wirkten ihre Tanzszenen oft recht uninspiriert (…oder durfte sie nicht mehr zeigen?), die die grandiosen Tänzer eher unterforderten. Auch hier hatte ich häufig den Eindruck von „Improvisiert mal…!“. Dabei gab es durchaus zwei, drei ganz und gar wunderbare Beispiel, wo eine Nummer durchchoreografiert war und Musical-Zauber verbreitete, u.a. bei „Somewhere That’s Green“, wenn Audrey vom kleinen Glück im Grünen träumt und parallel zwei Paare (Alicia Navas Otero, Ting-Yu Tsai, Renan Carvalho und Tanaka Lionel Roki) dies im Tanz umsetzen. Und warum der Regisseur eine Rausschmeißer-Nummer wie „Mean Green Mother From Outer Space“ nicht zum fulminanten Dance-Act kürt, sondern das gesamte Ensemble nur über die Bühne spazieren lässt, um überall kleine Audrey II-Ableger zu verteilen, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Apropos Audrey II: Hm! Ach, ich mag auch nicht mehr meckern! Nur so viel: In der alten Fassung war Audrey II deutlich eindrucksvoller.

Last but not least: Die Band unter der Leitung von Jan-Hendrik Ehlers war der absolute Hammer und spielte ebenso perfekt die rockigen Songs mit entsprechendem Druck wie die zarten Töne der Balladen. Toll!!!

Das Publikum fühlte sich durch die Show hör- und sichtbar gut unterhalten und geizte zum Schluss nicht mit reichlichem Applaus. Auch für mich bot diese Inszenierung durchaus unterhaltsame Momente. Doch Kultstatus, an dem ich mich auch noch in 30 Jahren erinnere, wird sie leider für mich nicht erreichen.


Audrey II wird nun auch in Bremerhaven ihrer Kundschaft das Gruseln lehren:  DER KLEINE HORRORLADEN ist noch bis Mitte Juni 2022 geöffnet!

[Rezension] Rainer Moritz – Unbekannte Seiten. Kuriose Literaturgeschichte(n)

Anekdoten, diese kleinen Geschichten und Geschichtchen, die oft witzig und kurios aus dem Leben einer Person berichten und diese so oftmals sehr treffend charakterisieren. In ihrer Reduzierung auf das Wesentliche steuert die Handlung zwangsläufig auf eine Pointe hin und sorgt so oftmals für Erheiterung beim Publikum. Aber um dies zu erreichen, muss die vortragende Person sie aber auch zu erzählen wissen, da eine mittelprächtige Anekdote durchaus durch die Kunst des Vortragenden aufgewertet werden kann. Bei der Weitergabe einer Anekdote wird hier ein wenig ausgeschmückt, dort ein wenig weggelassen, und schlussendlich ist sowohl die Urheberschaft als auch der Wahrheitsgehalt nicht mehr nachweisbar.

Rainer Moritz beherrscht einerseits die Kunst der geistreichen Plauderei aus dem Effeff, andererseits kennt er als Mann mit Hang zur Bibliophilie so manches pikantes Histörchen aus dem Literaturbetrieb. Und so greift er für diese Sammlung in den großen Topf der Anekdoten und kredenzt uns eine appetitliche Vielfalt an Geschichten quer durch die Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte. Und so erfahren wir…

Warum…
…Marcel Proust einen Kritiker zum Duell aufforderte, um seine Ehre zu retten?
…Hellmuth Karasek zu einer Lesung aufgrund kulinarischer Versuchungen verspätet erschien?
…Francoise Sagans Maserati für Aufruhr bei den Studentenrevolten sorgte?
…Oscar Wilde mit dem Muster der Tapete in seinem Pariser Hotel-Zimmer haderte?
…Friedrich Dürrenmatt sich am Brand eines Nobel-Hotels schuldig fühlte?
…Agatha Christie ihr eigenes Verschwinden inszenierte, um den untreuen Gatten zu strafen?
…Charles Dickens nach der Abreise von Hans Christian Andersen eine Bemerkung auf den Spiegel des Gästezimmers schrieb?
…Colettes niederschmetternde Kritik an George Simenons Prosa diesen auf den rechten literarischen Weg führte?

Diese und 30 weitere Kuriose Literatur-Geschichte(n) finden sich in diesem unterhaltsamen Büchlein: Einige waren mir durchaus schon bekannt. Doch die Meisten las ich zum ersten Mal, und sie amüsierten mich prächtig. Dies war natürlich auch dem ironischen aber nie verletzenden Ton von Rainer Moritz zu verdanken, der angenehm eloquent dieses Brevier aus Klatsch und Tratsch zusammenstellte, mit der ich meine Zeit äußerst kurzweilig verplemperten durfte.

Beim Lesen dieser amüsanten Berichte hatte ich oftmals das Gefühl, dass der/die Held*in die entsprechende Aufmerksamkeit selbst herausforderte, um so an der eigenen Historienbildung zu feilen. Denn: So viele Zufälle auf einem Haufen erscheinen beinah unvorstellbar. Doch: Wer bin ich, um darüber zu richten. Und schlussendlich: Wer weiß schon, was wirklich geschah? 😉


erschienen bei Oktopus (bei Kampa)/ ISBN: 978-3311300243

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Noch ein Gedicht…] Joachim Ringelnatz – OSTERN

Wenn die Schokolade keimt,
Wenn nach langem Druck bei Dichterlingen
»Glockenklingen« sich auf »Lenzes Schwingen«
Endlich reimt
Und der Osterhase hinten auch schon presst,
Dann kommt bald das Osterfest.

Und wenn wirklich dann mit Glockenklingen
Ostern naht auf Lenzes Schwingen, – – –
Dann mit jenen Dichterlingen
Und mit deren jugendlichen Bräuten
Draußen schwelgen mit berauschten Händen – – –
Ach, das denk ich mir entsetzlich,
Außerdem – unter Umständen –
Ungesetzlich.

Aber morgens auf dem Frühstückstische
Fünf, sechs, sieben flaumweich gelbe, frische
Eier. Und dann ganz hineingekniet!
Ha! Da spürt man, wie die Frühlingswärme
Durch geheime Gänge und Gedärme
In die Zukunft zieht
Und wie dankbar wir für solchen Segen
Sein müssen.
Ach, ich könnte alle Hennen küssen,
Die so langgezogene Kugeln legen.

Joachim Ringelnatz


Ich wünsche Euch von Herzen
🐰 FROHE OSTERN! 🐰

Liebe Grüße
Andreas


[Rezension] Siegfried Lenz – Der Ostertisch/ mit Illustrationen von Jacky Gleich

Ein Schrei tönt über das Deck des Schleppkahns von Alec Puch und lässt dessen drei Söhne Sybba, Schissomir und Quaken, benannt nach den masurischen Ortschaften in denen sie zur Welt kamen, erst aus dem Schlaf und dann aus den Hängematten schrecken. Ihr Vater steht weinend an Deck: Ostern naht und noch nichts ist für den Ostertisch parat. Wenn sie da nicht schleunigst Abhilfe schaffen, wird das Osterlamm sich mit seinem Erscheinen wohl ebenfalls Zeit lassen. Doch der schöne und prachtvolle Alec Puch ist ein wahrer Stratege und hat schon so einiges zustande gebracht – und damit sind nicht nur seine schönen und prachtvollen Söhne von drei ebenso schönen und prachtvollen Frauen gemeint. Und so machen sie sich auf den Weg ins nahe gelegene Örtchen und schlawinern sich die Zutaten für ihr Ostermahl zusammen: Stehlen könnte man es nicht nennen, vielmehr handelt es sich um eine Umverteilung der Güter. Doch zurück auf dem Kahn geht Papa Puchs Klagen von vorne los, denn was wäre ein richtiger Ostertisch ohne Ostergäste. So strömen die Knaben wieder in dem Örtchen aus, um Einladungen auszusprechen. Viele können nicht kommen, da schon andere Verpflichtungen sie vereinnahmen. Und die drei Gäste, die erscheinen, sind justemang die, denen Puch und seine Racker um die Leckereien für ihren Ostertisch erleichtert haben. Doch noch bevor die feierliche Stimmung kippt, steht plötzlich ein weißes, unschuldiges Lamm am Ufer des Flusses. Wer mag da nicht an ein friedvolles Wunder glauben…!

Wie schon in Das Wunder von Striegeldorf lässt Lenz auch hier den Flair seiner ostpreußischen Heimat wiederaufleben und zeichnet seine Figuren voller liebenswerten Witz. Der Hallodri Alec Puch steht dabei so einnehmend sympathisch im Mittelpunkt des Geschehens und amüsiert mit seinen kruden Ideen und seinem unkonventionellen Handeln. Dabei bringt er seinen drei Söhnen so viel Herzenswärme und Liebe entgegen, dass man ihm so manche Unzulänglichkeit verzeiht. Und auch die drei diebischen Knaben sind so schelmisch porträtiert, dass man ihnen einfach nicht böse sein kann. Haben sie doch alle gemein, dass sie das Herz am rechten Fleck tragen und uns so durch ihren Charme bezaubern.

Jacky Gleichs Illustrationen greifen den Ton der Erzählung gut auf, karikieren die Dorfbewohner amüsant und gefallen mir besonders in der Darstellung des Vaters und seiner Söhne.

Bei so viel entzückender Naivität erscheint das Lamm als Symbol für Reinheit sehr passend. Gleichzeitig gilt es allerdings auch als Symbol des Lebens und steht für Christis Auferstehung zu Ostern, der sich für die Menschheit geopfert und diese von ihren Sünden erlöst hat. Und so scheint es mir beinah, als würde mit dem Erscheinen des Lamms auch der Held in unserer Geschichte von seinen Sünden freigesprochen werden. Er hätte es verdient.

Beinah beiläufig flicht Lenz die Auferstehungsgeschichte mit dezenter Symbolik in sein Werk ein und präsentiert sich wieder als ein hinreißender Märchenerzähler.


erschienen bei Hoffmann und Campe/ ISBN: 978-3455013313

[Rezension] Rayk Wieland – Beleidigung dritten Grades

Herrn Oskar B. Markow, Reinhardstr. 22, 10117 Berlin
Mit dieser Ihnen persönlich per Sekundant zugehenden Depesche fordere ich Sie auf, mir Genugtuung zu geben. Eine andere Möglichkeit zur Wiederherstellung meiner Ehre, die durch Ihre geschmacklose Verführung von Constanze Kamp verletzt wurde, besteht leider nicht. Konkret heißt das, dass ich Sie bitten muss, sich zum nächstmöglichen Termin von mir erschießen zu lassen.

Eben jener Oskar B. Markow, seines Zeichens Psychiater und Schlafcoach und mit der besagten Constanze Kamp liiert, staunt nicht schlecht, als er von deren Verflossenen Alexander Schill dieses Schreiben erhält, in dem dieser u.a. den Ablauf des Duells detailliert festlegt und klar verdeutlicht, dass ein Entrinnen zwecklos wäre. Da staunt auch die Oberkommissarinnen Eva Tannenschmidt von der Berliner Polizei nicht schlecht, an der sich Markow mit immer blanker liegenden Nerven mit der Bitte um Hilfe wendet. Allein der Umstand, dass das letzte in Deutschland verbriefte Duell schon Jahrzehnte zurückliegt und die Versicherung, dass Duelle in der heutigen Zeit gesetzlich verboten sind, können die Nerven von Markow nicht beruhigen. Schließlich sind Banküberfälle und Autodiebstähle auch gesetzlich verboten und werden trotzdem begangen. Eben jenes Duell ereignete sich im Jahre 1937 zwischen dem SS-Hauptsturmführer Roland Strunk, der Horst Krutschinna, persönlicher Adjutant von Reichsjugendführer Baldur von Schirach, herausforderte, weil dieser angeblich mit seiner Gattin angebandelt haben soll, und endete mit dem Tod von Strunk. Und genau dieses Duell heizt die Phantasie von Alexander Schill an, der sich mit einer abnormen Besessenheit dieser Thematik widmet und in ihr die Wiedergeburt wahrhaft männlicher Tugenden sieht…!

Was wäre, wenn…? Was wäre, wenn etwas passiert, was nicht passieren kann, da es nicht passieren darf? Was wäre, wenn wir im heutigen „Hier & Jetzt“ eine absurde Einladung zur Wiederherstellung der Ehre erhalten würden, die wie ein fossiles Relikt aus der Vergangenheit erscheint? Wir würden zweifeln – zuerst an der Echtheit dieser Einladung, dann am Geisteszustand des Absenders und zuletzt an der eigenen mentalen Gesundheit. Rayk Wieland scheint sich diesen Grundgedanken zu Eigen gemacht zu haben, bemächtigt sich den historisch belegten Fakten des letzten in Deutschland durchgeführten Duells zwischen zwei SS-Männer, und verknüpft diese mit der Gegenwart.

Dabei pendelt er gekonnt zwischen den Zeiten und sorgt dafür, dass beide Erzählstränge sich gegenseitig befruchten. Jeder für sich betrachtet wäre zwar durchaus lesenswert. Allerdings erst die Verknüpfung miteinander und der direkte Vergleich eines Vorgangs, der im Jahre 1937 angemessen bzw. heute inakzeptabel erscheint, lässt diesen Roman zur fesselnden Groteske voller Ironie aufblühen. Wieland porträtiert seine „Helden“ zwar durchaus ambivalent aber nicht unsympathisch – im Gegenteil – meine Sympathien schwankten zwischen dem Herausforderer und seinem „Opfer“ immer wieder hin und her.

Dank der Freude des Autors am Fabulieren, skizziert er beinah belanglose Alltagssituationen so vergnüglich leichtfüßig und deckt somit deren Absurdität auf. Doch gerade hinter dieser unterhaltsamen Fassade versteckt sich das Grauen: Habe ich von den SS-Schergen auch nichts anderes als ein verkorkstes Ehrempfinden erwartet, so packte mich der Schrecken bei dem Gedanken, jemand würde in der heutigen Zeit zu einem solchen Mittel greifen. Wäre ich der Betroffene, ich würde um meine Sicherheit fürchten. Dabei scheint mir gerade die heutige Zeit prädestiniert zu sein, um sich mit Begriffen wie „Ehre“ und „ehrenhaftes Verhalten“ aber auch mit „Ehrerbietung“ auseinanderzusetzten.

Ich gebe es zu, dass ein Ausspruch wie „Es ist eine Frage der Ehre.“ wie ein verstaubtes Relikt aus einer längst vergangenen Zeit wirkt, und ich ihn eher in einen patriarchalisch geprägten Kulturkreis verorten würde. Doch gilt dies für mich nicht gleichermaßen für „ehrenhaftes Verhalten“: Mit diesem Ausspruch verbinde ich Tugenden wie Toleranz, Rücksichtnahme und Respekt. Wobei sicherlich die Interpretation von Mensch zu Mensch variieren könnte.

Dank der Lektüre von Rayk Wielands Roman, der gespickt ist voller hintersinnigem Irrwitz, war ich „gezwungen“, mir einige Begrifflichkeiten ins Gedächtnis zurückzurufen bzw. sie für mich neu zu definieren.


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956144813

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Noch ein Gedicht…] Johann Wolfgang von Goethe – REGENBOGEN (über den Hügeln einer anmutigen Landschaft)

Grau und trüb und immer trüber
Kommt das Wetter angezogen; –
Blitz und Donner sind vorüber,
Euch erquickt ein Regenbogen.

Wilde Stürme, Kriegeswogen
Rasten über Hain und Dach;
Ewig doch und allgemach
Stellt sich her der bunte Bogen.

Frohe Zeichen zu gewahren
Wird der Erdkreis nimmer müde;
Schon seit vielen tausend Jahren
Spricht der Himmelsbogen: Friede!

Aus des Regens düstrer Trübe
Glänzt das Bild, das immer neue;
In den Tränen zarter Liebe
Spiegelt sich der Engel Treue.

Johann Wolfgang von Goethe

[Ballett] Alba Castillo & Sergei Vanaev – PETRUSCHKA / LE SACRE DU PRINTEMPS (UA) / Stadttheater Bremerhaven

Tanzabend von Alba Castillo und Sergei Vanaev mit Musik von Igor Fjodorowitsch Strawinsky / Uraufführung

Premiere: 12. März 2022 / besuchte Vorstellung: 20. März 2022

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Um dem Ballettpublikum die Vielfalt des Tanzes näher zu bringen, lädt das Stadttheater Bremerhaven immer wieder gerne Gastchoreograph*innen ein, die gemeinsam mit dem Ballettmeister Sergei Vanaev und der Compagnie des Hauses neue Stücke entwickeln. Gleichzeitig ist dies auch für das Ensemble eine wunderbare Möglichkeit, die künstlerische Handschrift eines anderen Choreografen kennenzulernen.

In dieser Saison war nun Alba Castillo zu Gast in der Seestadt. Die renommierte Choreografin startete ihre Karriere als Tänzerin in der Compagnie der Teatres de la Generalitat Valenciana ihrer Heimatstadt Valencia, arbeitete u.a. schon mit dem Scapino Ballet Rotterdam (Niederlande) und der Opèra National du Rhin (Frankreich) zusammen und wurde für ihre Arbeit mit internationalen Preisen ausgezeichnet.

Hier in Bremerhaven erarbeitete sie gemeinsam mit den Tänzerinnen und Tänzern am Stadttheater die Choreografie zu Strawinskys Ballett-Musik „Petruschka“.


PETRUSCHKA
Musikalische Leitung:
 Marc Niemann
Choreografie & Inszenierung: Alba Castillo
Bühne & Kostüme: Darko Petrovic

„Zu viele Musikstücke enden erst viel zu spät nach ihrem Ende.“
Igor Fjodorowitsch Strawinsky

Vor den Fenstern der Werkstatt eines Puppenmachers herrscht reges Treiben: Die Passanten wirken, als werden sie eilends – wie Marinetten an Schnüren – von einem Ort zum nächsten gezogen. In der Werkstatt des Puppenmachers scheint hingegen eine stätige Ruhe zu bestehen. Doch der Schein trügt: Sobald der Puppenmacher die Werkstatt verlässt, erwachen seine Kreationen zum Leben. Da ist die schöne Ballerina, die von Petruschka verehrt wird, aber dem Werben des frechen Harlekins nicht widerstehen kann. Da er seine Liebe nicht für sich gewinnen kann und ihm die Enge der Werkstatt unerträglich erscheint, flüchtet Petruschka aus dem Fenster in die erhoffte Freiheit. Vor seiner Werkstatt findet der Puppenmacher die kleine Puppe auf der Straße liegend – von den Füßen der vorbeieilenden Passanten in den Schmutz getreten.

Die Choreografie von Alba Castillo schmiegt sich sehr harmonisch an die melodische Musik von Strawinsky. Sie erzählt mit Hilfe der Tänzerinnen und Tänzer diese kleine Geschichte beinah schlicht und ohne übertriebenen Schnickschnack in Ausstattung und Kostüm. So erreicht sie mit dieser Reduzierung, dass sich der Blick des Publikums auf das Wesentliche, auf die Kern-Handlung beschränkt, bei der die Beziehung der drei Figuren Petruschka (Tanaka Lionel Roki), Ballerina (Ting-Yu Tsai) und Harlekin (Stefano Neri) im Mittelpunkt steht.

Und trotzdem weht über die Szenerie ein märchenhafter Hauch, wenn die Puppen zum Leben erwachen. Jede Puppe zeigt hierbei im Ausdruck eine eigene Charakterisierung und überrascht z.T. mit recht unterschiedlichen mechanisch-anmutenden Bewegungen. Dabei zeigen die Tänzer*innen eine bewundernswerte Selbstkontrolle ihrer Körper, wenn sie scheinbar unvermittelt in einer Pose „einfrieren“ und dort verharren, die bei mir einen Besuch beim Orthopäden zur Folge hätte. Strawinsky blieb sich bzgl. Länge des Balletts selber treu: Nach knackigen 40 Minuten war das getanzte Märchen zu Ende.


LE SACRE DU PRINTEMPS
Musikalische Leitung: Marc Niemann
Choreografie & Inszenierung: Sergei Vanaev
Bühne: Johannes Bluth
Kostüme: Sergei Vanaev

„Moderne Musik ist Instrumentenstimmen nach Noten.“
Igor Fjodorowitsch Strawinsky

„Le sacre du printemps“ oder auch „Das Frühlingsopfer“ ist kein Handlungsballett im klassischen Sinne. Vielmehr geht es hier um die Interpretation der Musik durch die Ausdrucksmöglichkeiten des Tanzes. Ein Umstand, der durch die Komposition Strawinskys begründet scheint. Strawinsky schuf ein sehr kantiges Musikwerk, das beim ersten, unbedarften Hören keine Melodienfolge(n) erkennen lässt. Beinah avantgardistisch mutet seine Komposition an und lässt Spiel für eine größtmögliche Interpretation.

Sergei Vanaev nutzt diese Freiheit und kreiert mit den Tänzerinnen und Tänzern abwechslungsreiche Bewegungsabläufe, die mal minimalistisch-zart, mal expressiv-athletisch anmuten. Er lässt die Mitglieder des Ensembles sowohl als Gruppe als auch partnerschaftlich und solistisch agieren. Dabei scheinen sie die Gesetzte der Schwerkraft außer Kraft zu setzten, wenn sie mit einer immensen Körperbeherrschung akrobatische „Kunststücke“ vollführen und mich so bewundernd zum Staunen brachten. Dies dient wahrlich nicht der bloßen Effekthascherei, vielmehr folgt Vanaevs Choreografie den Vorgaben der Musik, die mal aufbrausend, mal asketisch aber auch durchaus disharmonisch aus dem Orchestergraben klang.

Für die klangliche Grundlage beider Ballett-Musiken sorgte Marc Niemann mit seinen exzellenten Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven.


Ich wage die Vermutung, dass es nur wenige andere künstlerische Ausdrucksform gibt, die dem Künstler so viel abverlangt wie die Kunst des Tanzes. Und so möchte ich meinen respektvollen Dank aussprechen für die Tänzer*innen Melissa Festa, Alícia Navas Otero, Ting-Yu Tsai, Renan Carvalho, Volodymyr Fomenko, Stefano Neri, Tanaka Lionel Roki, Daeun Jung, Giusy Fanaro, Luca di Georgio, Nicole Llauradó Neve und Lavinia Tinagli, die mich an diesem Abend an ihrer Kunst teilhaben ließen.


Leider nur noch bis Ende April 2022 kann der Doppelabend PETRUSCHKA / LE SACRE DU PRINTEMPS am Stadttheater Bremerhaven bewundert werden.

[Rezension] Nita Prose – The Maid. Ein Zimmermädchen ermittelt

Im altehrwürdigen Regency Grand Hotel in London geht Molly Gray Tag für Tag ihrer Arbeit nach, denn Molly Gray ist Zimmermädchen und zwar ein ganz besonders Zimmermädchen: Sie hat einen Blick für Details, ein fotografisches Gedächtnis und einen Hang zu Regeln. Allgemein liebt sie Rationalität und Ordnung, und so erfüllt sie ein Blick in ein makellos geputztes Zimmer mit Genugtuung. Dafür kann sie die Blicke ihrer Mitmenschen umso weniger deuten. Es fällt ihr schwer, die Empfindungen anderer wahrzunehmen und einzuschätzen. Als ihre Großmutter noch lebte, war sie ihr rettender Anker, der liebevoll für die nötige Struktur in ihrem Leben sorgte. Die einzigen Menschen, zu denen Molly nun Kontakt hat, sind ihre Kolleg*innen und die Gäste im Hotel. Da ist Juan Manuel, der in der Spülküche arbeitet und seinen kargen Lohn seiner Familie in Mexiko schickt. Zu Rodney Stiles, dem Chefbarkeeper des Hauses, der immer so nett zu ihr ist, füllt sie sich romantisch hingezogen. Und Giselle Black, die aktuelle Ehefrau des Stammgastes und Finanz-Tycoons Mr Charles Black, bezeichnet sie sogar als eine Art Freundin. Doch diese fragile Freundschaft wird arg erschüttert, als Molly eines Tages in der Suite der Blacks erscheint, um diese wie gewohnt zu säubern, und dabei Mr Black tot auf dem Bett vorfindet. Die Polizei ist überzeugt, dass er keines natürlichen Todes gestorben ist, und somit rückt Giselle in den Mittelpunkt der polizeilichen Ermittlungen. Beim Versuch ihrer „Freundin“ zu helfen, gerät Molly selbst in den Fokus der Aufmerksamkeit: Es wird ihr unterstellt, sie hätte Mr Black getötet. Ihre wohlgeordnete Welt gerät dermaßen aus den Fugen, dass sie nicht mehr einschätzen kann, wer ihr Freund und wer ihr Feind ist…!

Ermittler*innen mit dem Asberger-Syndrom scheinen gerade im Krimi-Genre sehr beliebt zu sein. Nachdem Autoren wie Gil Ribeiro und Jeff Cohen schon äußerst erfolgreich ihre männlichen Kriminalisten ins Rennen um die Gunst der Leserschaft geschickt haben, versucht nun Nita Prose mit ihrer femininen Version den Krimi-Olymp zu erklimmen. Ob sie den Gipfel erreichen wird? Ich wage da keine Prognose. Im Vorfeld waren mir nur positive Meinungen zu Ohren bzw. vor’s Auge gekommen. Mir persönlich fällt es nach der Lektüre leider schwer, in die allgemeine Lobhudelei mit einzustimmen, und so befürchte ich, dass dies eine für meine Verhältnisse ungewohnt kritische Rezension werden wird.

Laut Verlagswerbung wurde mir ein „liebenswert-humorvoller“ „cosy Krimi“ versprochen, der „mit unerwarteten Twists“ aufwartet, „die auch beim Miträtseln großen Spaß machen.“ Auch die Art der Cover-Gestaltung lässt auf eben jene Attribute schließen, was zur Folge hatte, dass meine in den Roman gesetzten Erwartungen leider nur in Ansätzen erfüllt wurden.

Ich vermisste schlicht und ergreifend den Humor in diesem Roman (oder er war vorhanden und wurde von mir nicht wahrgenommen, da er leider nicht meinem Humor-Verständnis entsprach). Mollys Leben erscheint mir so freudlos. Die Menschen in ihrer Umgebung scheinen nur auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein und darauf, sie zu diskreditieren. Niemand bringt ihr ehrliche positive Gefühle entgegen. Als Leser bemerkte ich diese Verlogenheit, Molly bemerkt es nicht. Aufgrund ihrer Beeinträchtigung in der Wahrnehmung versteht sie weder Ironie noch die leisen Untertöne einer Kommunikation. Für sie ist der gesprochene Satz ganz „pur“ in seiner Bedeutung. Und gerade mit diesem „Handicap“ hätte die Autorin wunderbare Szenen voller Situationskomik kreieren können. So spürte ich nur eine Tristesse, die kaum zu ertragen war.

Erst ab ca. dem 20. Kapitel nimmt nicht nur die Geschichte an Fahrt auf, auch ist endlich ein Ansatz von „cosy“ zu erahnen. Vielleicht hat die Autorin diese Entwicklung der Geschichte auch ganz bewusst gewählt, um so das Ende mehr glänzen zu lassen. Plötzlich war eine gewisse Leichtigkeit wahrnehmbar, die ich mir für den gesamten Roman gewünscht und die so Mollys Trostlosigkeit etwas erträglicher gestaltet hätte. Das Ende überrascht dann tatsächlich mit einem kleinen Twist, den ich so nicht vorhergesehen hatte.

Was bleibt, ist das Gefühl, dass Nita Prose leider ihre Chance versäumt hat, die bunte Palette der kurzweiligen Cosy-Krimis mit einer weiteren schillernden Farbe zu bereichern.


erschienen bei droemer/ ISBN: 978-3426283844

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!