[Noch ein Gedicht…] Wilhelm Busch – BEWAFFNETER FRIEDE

Ganz unverhofft auf einem Hügel
sind sich begegnet Fuchs und Igel.
Halt! rief der Fuchs, du Bösewicht!
Kennst du des Königs Order nicht!
Ist nicht der Friede längst verkündigt,
Und weißt du nicht, dass jeder sündigt,
der immer noch gerüstet geht!
Im Namen seiner Majestät,
komm her und übergib dein Fell!

Der Igel sprach: Nur nicht so schnell,
nur nicht so schnell!
Laß dir erst deine Zähne brechen,
dann wollen wir uns weitersprechen.
Und also bald macht er sich rund,
zeigt seinen dichten Stachelbund
und trotzt getrost der ganzen Welt,
bewaffnet, doch als Friedensheld.

Wilhelm Busch

[Operette] Paul Abraham – VIKTORIA UND IHR HUSAR / Stadttheater Bremerhaven

Operette von Paul Abraham / Libretto von Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda nach Imre Földes / Bühnenpraktische Rekonstruktion von Henning Hagedorn und Matthias Grimminger

Premiere: 5. Februar 2022 / besuchte Vorstellung: 27. Februar 2022

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Tonio Shiga
Inszenierung: Erik Petersen
Bühne & Kostüme: Lukas P. Waßmann
Choreografie: Sabine Arthold
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Wie lautete meine Einschätzung nach meinem Besuch der Operette Der Bettelstudent im Stadttheater Bremerhaven vor beinah genau zwei Jahren:

Entweder du nimmst als Regisseur*in die Handlung einer Operette ernst (wenn es das Sujet hergibt!) oder du machst – nachdem du einen Blick auf die oftmals hanebüchene Story geworfen hast – das genaue Gegenteil. 

In diesem Fall nahm Regisseur Erik Petersen die Handlung und die dort agierenden Personen ernst, schenkte den Zuschauer*innen ein Übermaß an Gefühle mit einer gehörigen Portion Entertainment und überzeugt durch eine detailreiche, wohl durchdachte Personenführung, die auch den Opernchor nicht ausschließt…!

Stephan Koltay und sein Bursche Janczi sind in russischer Kriegsgefangenschaft. Ein Wächter verhilft ihnen zur Flucht nach Japan. Dort angekommen begegnet Koltay überraschend seiner großen Liebe Viktoria. Sie ist mittlerweile verheiratet. Im Glauben, dass Koltay gefallen sei, hatte sie sich dem amerikanischen Diplomaten John Cunlight versprochen und war ihm nach seiner Ernennung zum amerikanischen Botschafter in Japan nach Tokio gefolgt. Nun befindet sich das Botschafterehepaar erneut vor der Abreise. Für Viktoria ist der Schock groß, den totgeglaubten Koltay wieder zu sehen, der sich Cunlight unter dem Namen Czaky vorstellt. Cunlight weiß nichts von Viktorias Vorgeschichte. Er bietet Koltay und Janczi an, unter diplomatischem Schutz nach St. Petersburg zu reisen – gemeinsam mit ihm, Viktoria, deren Bruder Ferry samt frischgebackener Ehefrau O Lia San und Viktorias Zofe Riquette, auf die Janczy ein Auge geworfen hat. In Russland scheitern Koltays Versuche, Viktoria zurückzugewinnen. Überzeugt, dass Viktoria ihn nicht mehr liebt, liefert er sich dem russischen Geheimdienst aus. Abermals muss Viktoria glauben, ihre große Liebe für immer verloren zu haben. Einige Zeit später kehrt Viktoria, mittlerweile von Cunlight geschieden, in ihr ungarisches Heimatdorf Dorozsma zurück. Ferry ist glücklich mit O Lia San, und auch Janczi und Riquette leben zusammen. Der Brauch des Weinlesefestes sieht aber drei Hochzeitspaare vor. Da steht Koltay auf der Matte – durch Cunlights Hilfe…!

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Die Musik drückt das aus,
was nicht gesagt werden kann
und worüber zu schweigen unmöglich ist.
Victor Hugo

Es wirkt beinah so, als hätte sich Paul Abraham beim Komponieren die Worte Hugos zu Herzen genommen. So schenkte er der Nachwelt eine abwechslungsreiche Partitur voller Melodienreichtum und einer Fülle an Evergreens. Es schmachten die Geigen, Puszta-Klänge wabern aus dem Orchestergraben und vereinen sich mit fetzigen Jazz-Rhythmen, um dann in einen zarten Walzer-Takt überzugehen…! Abraham galt zu seiner Zeit völlig zu Recht als neuer König der Operette, der es verstand die musikalische Tradition mit den Klängen der modernen Zeit zu verbinden – bis die Nazis an die Macht kamen, und er gezwungen war, als gebrochener Mann ins Exil zu flüchten. Tonio Shiga entlockt dem fabelhaft aufspielenden Philharmonischen Orchester Bremerhaven süffig-schmachtende Töne zur Untermalung der überschwänglichen Gefühle der Figuren, um gleich darauf im Offbeat dem Swing zu frönen, der über das Ohr direkt durch das Herz in die Füße des Zuhörenden rutscht.

Das Stadttheater Bremerhaven schafft bravourös die Mamutaufgabe, diese personenintensive Ausstattungs-Operette (mit nur einem Gast) aus dem hauseigenem Ensemble zu besetzten: Signe Heiberg entlockt ihrer Viktoria gesanglich ebenso zarte Kadenzen wie dramatische Ausbrüche und besticht in ihrer Darstellung durch ihre Emotionalität, die sie hinter vornehmer Zurückhaltung zu verstecken versucht. Marcin Hutek als Viktorias Gatte John Cunlight gelingt es famos, die Noblesse seines Baritons in sein Rollenporträt einfließen zu lassen. Alexander Geller gibt optisch einen attraktiven Stephan Koltay und lässt mit seinem dynamischen Tenor die innere Zerrissenheit seiner Figur erkennen.

Es ist immer wieder eine Freude, einem Bühnenpaar zuzuschauen, bei dem ihre Darsteller so vertraut miteinander scheinen, dass ihre Aktionen auf der Bühne wie selbstverständlich wirken: Victoria Kunze als O Lia San und Andrew Irwin als Graf Ferry Hegedüs harmonieren ausgesprochen gut miteinander und überzeugen in ihren Darbietungen sowohl durch schauspielerisches Talent und Komik als auch durch gesangliches Können. Gelegenheit zum Üben hatten sie reichlich: So stehen sie u.a. auch als Blonde und Pedrillo in Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ auf eben dieser Bühne.

Jan-Philipp Rekeszus (als Gast) gefällt als quirliger Janczy mit rustikalem Charme. Als Mitglied des Opernchors kann Sydney Gabbard als Riquette ihre solistischen Qualitäten zeigen und nutzt diese Chance zur Freude des Publikums. Gleiches darf ich auch Katharina Diegritz, Brigitte Rickmann, Patrick Ruyters und Róbert Tóth attestieren, die in kleineren Rollen zu gefallen wissen. Und auch die restlichen Damen und Herren vom (mir hin und wieder gescholtenen) Opernchor entpuppen sich dank der versierten Führung des Regisseurs und unter der Leitung von Mario Orlando El Fakih Hernández zu einer spielfreudigen wie stimmstarken Einheit. Bei dieser Fülle an musikalischen Stilen konnte auch Sabine Arthold bei ihrer Choreografie aus den Vollen schöpfen und präsentiert mit dem vorzüglichen Ballett-Ensembles des Stadttheaters eine wunderbar abwechslungsreiche tänzerische Bandbreite.

Der international gefragte Bühnen- und Kostümbildner Lukas Pirmin Waßmann schenkt uns eine Ausstattung voller Eleganz und Flair. So geschmackvoll und bis ins kleinste Detail edel durfte ich bisher noch keine Operette erleben. Mit dieser Produktion muss sich das Stadttheater Bremerhaven wahrlich nicht hinter größeren Häusern verstecken. Bravo!

Seit letztem Sonntag summe und pfeife ich die Melodien aus dieser Operette bei jeder möglichen (aber leider auch unmöglichen) Gelegenheit und ernte dafür in der Öffentlichkeit verwunderte Blicke. Doch ich kann diesen Impuls einfach nicht unterdrücken: Ist es noch in einem vertretbaren Maße, oder muss ich mir schon Sorgen machen…? 😉


Bis  zum Ende der Spielzeit bleibt VIKTORIA UND IHR HUSAR am Stadttheater Bremerhaven noch ein wenig Zeit, sich schmachtend in die Arme zu fallen.

[Rezension] O. Henry – Die besten Geschichten

William Sydney Porter – wie O. Henry mit richtigem Namen hieß – erblickt im Jahre 1892 das Licht der Welt und war zeitlebens ein wahrer „Tausendsassa“, der nichts unversucht ließ, um sich und die Seinen finanziell halbwegs über Wasser zu halten. So verdingte er sich u.a. als Verkäufer, Cowboy und Bankangestellter. Die letztere Tätigkeit hätte er lieber lassen sollen: Verführte sie ihn doch zu einer „kleinen“ Unterschlagung, bei der er (dummerweise) geschnappt wurde und daraufhin eine mehrjährige Haftstrafe verbüßen musste. Kaum wieder auf freiem Fuß trat er eine Stelle als Journalist bei der Houston Post an, konnte somit seiner bisher vernachlässigten Leidenschaft dem Schreiben frönen und avancierte in kürzester Zeit zu einem der bestbezahlten Schriftsteller Amerikas. Sein Pseudonym „O. Henry“ fand er übrigens in einem Arzneimittelhandbuch, als er sich im Gefängnis zum Apothekergehilfen weiterbildete.

Zu O. Henrys bekanntesten Geschichten zählt mit Sicherheit Das Geschenk der Weisen. Diese bitter-süße Erzählung über zwei junge Menschen, die sich so sehr zugetan sind, dass sie bereit sind, das Wertvollste was sie besitzen für den anderen herzugeben. Diese wunderschöne Geschichte ist auch bei uns in div. Übersetzungen und mannigfaltigen Aufmachungen erhältlich. Wobei ich von den vier mir bekannten Fassungen immer noch die Übersetzung von Theo Schumacher für den NordSüd-Verlag bevorzuge. Dabei möchte ich die Leistung von Alexandra Berlina zu dieser Anthologie nicht schmälern. Manchmal sind es nur die kleinen Feinheiten, die Einfluss auf den Tonfall einer Geschichte nehmen und so eher dem persönlichen Gusto entsprechen. Somit beschert uns Alexandra Berlina keine schlechtere Übersetzung als ihre Vorgänger*innen. Zumal wir in den Genuss kommen, uns weiteren Stories widmen zu dürfen.

Zur schon erwähnten Geschichte gesellen sich hier 14 weitere, die zwischen den Jahren 1906 bis 1911 entstanden sind, und uns so einen Einblick aus seinen New Yorker-Erzählungen ebenso geben, wie aus den Kurzgeschichten, die vom Leben im Wilden Westen erzählen. Diese Anthologie bietet somit einen abwechslungsreichen Querschnitt aus seinem Œuvre und ermöglicht uns, einen absoluten Meister der „short story“ näher kennenzulernen.

O. Henrys Held*innen sind immer gestrauchelte Persönlichkeiten, die oftmals am Rande des Existenzminimums leben und zu Beginn der Geschichte mit einer scheinbar ausweglosen Situation konfrontiert werden. Dabei zeichnet er das Setting nicht erdrückend düster, sondern lässt immer einen hoffnungsvollen Lichtblick in seiner Beschreibung erahnen. Ebenso spürbar ist die Sympathie, die er seinen Held*innen gegenüber empfindet. So werden sie mit ihren Gefühlen, Handlungen und Entscheidungen nie entblößt, sondern immer mit Respekt porträtiert. Am Schluss belohnt er sie mit einer geglückten Lösung.

In den meisten seiner Stories überraschte er mich zudem mit unvorhersehbaren Wendungen: So lässt er die Handlung einer vermeintlichen Pointe entgegensteuern, nur um kurz vor dem Ende mit einem unvorhersehbaren Twist eine gänzlich neue Pointe zu präsentieren. Dabei erscheinen die Wendungen absolut nachvollziehbar. Zudem lässt er es mit einer erfrischenden Leichtigkeit geschehen. Dies zeugt von seiner brillanten Erzählkunst, die ich so bisher in dieser Qualität noch nicht „erlesen“ durfte.

Mit dieser gelungenen Anthologie haben wir die Chance, einen wunderbaren Geschichtenerzähler wiederzuentdecken.


erschienen bei Anaconda/ ISBN: 978-3730610992

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Vorlesewettbewerb 2021/22: And the winner is…

„Same procedure as last year!“ – Ja, leider…!

Es ist Februar und somit wieder an der Zeit, dass ich mich als Juror für des hiesigen Kreisentscheid des Vorlesewettbewerbs versuche. Auch in diesem Jahr findet keine Präsens-Veranstaltung in der Buchhandlung „die schatulle“ statt. Auch in diesem Jahr kann ich die Beiträge der Kids „nur“ via Video bewundern und darf so eine*n Sieger*in küren. Waren im letzten Jahr drei Teilnehmer*innen am Start, so steigerte sich in diesem Jahr die Teilnehmerzahl um unglaubliche 100%! 😉

Bestand im vergangenen Jahr die Jury nur aus meiner Person, erhalte ich in diesem Jahr Unterstützung von Ute Segger-Steinwede, die u.a. schon als Lesepatin an Grundschulen aktiv war, und den Gartmann-Schwestern „herself“. Doch all das, was ich an einer Teilnahme als Jury-Mitglied so sehr mag und schätze, ist natürlich aufgrund der räumlichen Distanz und der individuellen Zeiten, wann die Videos betrachtet werden, nicht möglich: kein Austausch, kein Abwegen, kein Argumentieren, kein Feilschen um die Punkte.

So vergab jede*r für sich – einsam und allein im Kämmerlein – die Plätze 1 bis 3, aus deren häufigster Übereinstimmung die Siegerin ermittelt wurde. Das fehlende Gender-Sternchen ist kein Versehen: In diesem Jahr waren die Mädels deutlich stärker als die Jungs, und somit konnte Louisa den Sieg mit ihrem Vortrag aus „Adresse Unbekannt“ von Susin Nielsen für sich entscheiden. Herzlichen Glückwunsch!

Doch warum auf höherer Ebene des Vorlesewettbewerbs die Verantwortlichen weiterhin darauf bestanden, dass keine Präsens-Veranstaltung stattfinden durfte, blieb mir ein Rätsel. Zumal ich mir sehr sicher bin, dass die ausführende Buchhandlung meines Vertrauens Mittel und Wege gefunden hätte, die eine Corona-konforme Durchführung der Veranstaltung ermöglicht. Die Kids werden sicherlich nur einmal in ihrem Leben an einem Vorlesewettbewerb teilnehmen: Die Erfahrung aus eben jener Live-Lesung wird ihnen leider ebenso fehlen wie die Erinnerung an ein einzigartiges Ereignis. Es ist sehr bedauerlich…!

Darum plädiere ich für den Vorlesewettbewerb 2022/23 wieder für „LIVE“: Ich wäre gerne bereit dazu! 🤩

[Noch ein Gedicht…] Rainer Maria Rilke – DIE LIEBENDEN

Das ist mein Fenster. Eben
bin ich so sanft erwacht.
Ich dachte, ich würde schweben.
Bis wohin reicht mein Leben,
und wo beginnt die Nacht?

Ich könnte meinen, alles
wäre noch Ich ringsum;
durchsichtig wie eines Kristalles
Tiefe, verdunkelt, stumm.

Ich könnte auch noch die Sterne
fassen in mir, so groß
scheint mir mein Herz; so gerne
ließ es ihn wieder los

den ich vielleicht zu lieben,
vielleicht zu halten begann.
Fremd, wie niebeschrieben
sieht mich mein Schicksal an.

Was bin ich unter diese
Unendlichkeit gelegt,
duftend wie eine Wiese,
hin und her bewegt,

rufend zugleich und bange,
daß einer den Ruf vernimmt,
und zum Untergange
in einem Andern bestimmt.

Rainer Maria Rilke


 ❤ Alles Liebe zum VALENTINSTAG! ❤


[Rezension] Agatha Christie – Die Büchse der Pandora. Kurzkrimis mit Tommy und Tuppence

Da ist es ja wieder – unser kriminalistisches Duo, unsere „Partners in Crime“, unser pfiffiges Pärchen mit Spürnase, Klasse und Esprit. Diesmal machen wir mit ihnen eine Reise in die Vergangenheit: Waren wir mit Lauter reizende alte Damen schon im Jahre 1968 gelandet und durften die Beiden als gereiftes Paar beobachten, so werfen wir nun einen Blick zurück ins Jahr 1929.

Tommy und Tuppence Beresford sind frisch verheiratet und chronisch gelangweilt. Da kommt ihnen der verlockende Auftrag vom britischen Geheimdienst nur allzu recht, inkognito eine Detektei zu übernehmen. Der ursprüngliche Eigentümer erholt sich gerade während eines Urlaubs auf Staatskosten und scheint seine Detektei als Briefkasten für feindliche Spione genutzt zu haben. Um dies auf den Grund zu gehen, schlüpft Tommy in die Rolle des Leiters dieser internationalen Detektivagentur Mr. Theodore Blunt, während Tuppence seine tüchtige Sekretärin Miss Robinson mimt. Ihr besonderes Augenmerk sollen sie auf eine dubiose Korrespondenz legen – insbesondere auf blaue Briefumschläge mit russischer Marke. Doch diese Post lässt auf sich warten, und so lösen die detektivischen Fachkräfte so ganz nebenbei auch einige „reguläre“ Fälle. So suchen sie u.a. nach einer Erklärung für scheinbar paranormale Phänomene in einem alten Haus, spüren eine vermisste Ehefrau in einer delikaten Institution auf, überprüfen nicht nur eins sondern gleich zwei Alibis ein und derselben jungen Dame und rätseln über einen vertauschten Diplomatenkoffer. Diese interessanten wie skurrilen Fälle sind aber gänzlich harmlos im Vergleich zu dem Abenteuer, das sie erwartet, als sie plötzlich tatsächlich einen blauen Brief mit der Post erhalten…!

Agatha Christie ließ ihr gewieftes Detektiv-Paar nicht nur in vier Romanen (zwischen deren Erscheinen teilweise Jahrzehnte lagen) auf Verbrecherjagd gehen, sondern gönnte ihnen ebenfalls eine Sammlung unterhaltsamer Kurzkrimis, die nun endlich wieder im neuen Gewand erschienen sind. Dabei legte sie bei diesen Geschichten den Schwerpunkt eher auf das kurzweilige Rätselraten als auf die „das Blut in den Adern gefrierende“ Spannung. So kann sich die verehrte Leserschaft auf so manchen herrlichen verbalen Schlagabtausch unserer beiden sympathischen Protagonisten freuen, die sich die Bälle nicht nur geschickt zuspielen, sondern je nach Auftrag auch gerne alle Bälle in der Luft behalten. Dabei agieren beide – wie gewohnt – auf Augenhöhe und demonstrieren eine äußerst emanzipierte Partnerschaft, wie sie zur Entstehungszeit der Geschichten höchstwahrscheinlich selten in der Realität zu bewundern war.

Gerne ziehen sie dabei die jeweils passenden Klassiker des Genres zu Rate und versuchen, sich in die erdachten Personen von weltberühmten Krimiautoren wie Edgar Wallace, G. K. Chesterton, Arthur Conan Doyle & Co. hineinzuversetzen, um so von deren „Spiritus Rector“ zu profitieren. Bei der Lektüre der letzten Geschichte Der Mann, der Nummer 16 war brach ich in schallendes Gelächter aus, da diesmal Tommy und Tuppence ihre Inspiration beim kleinen, pedantischen Belgier mit den genialen grauen Zellen suchten. Die „Queen of Crime“ nahm somit sich selbst höchst humorvoll „auf die Schippe“. Chapeau!

Ein bisschen Irritation verursachte bei mir die Aufteilung der Kapitel: So sind die meisten Geschichten jeweils unter einem Titel in zwei Kapitel unterteilt, die deutlich mit I und II gekennzeichnet sind. Bei drei Geschichten sind die einzelnen Kapitel jeweils mit einem eigenen Titel versehen, im Inhaltsverzeichnis entsprechend notiert und hinterlassen so den Eindruck, als wären sie eigenständige Geschichten. Somit beinhaltet diese Sammlung nicht 17 sondern „nur“ (!) 14 Kurzkrimis. Da hätte ich mir bei dieser überarbeiteten Wiederveröffentlichung ein wenig mehr Sorgfalt beim Editieren der Texte gewünscht.

Doch abgesehen von diesem klitzekleinen Wehrmutstropfen haben wir es hier (meines Wissens) mit der vollständigsten Sammlung der Beresford-schen Kurzkrimis zu tun, die mir ein überaus kuschliges Lesevergnügen schenkte.


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455012064

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Noch ein Gedicht…] Heinz Erhardt – DER SPATZ

Es flog ein Spatz spazieren
hinaus aus großer Stadt.
Er hatte all die Menschen
und ihr Getue satt.

Er spitzte keck den Schnabel
und pfiff sich was ins Ohr.
Er kam sich hier weit draußen
wie eine Lerche vor.

Er traf hier auch manch Rindvieh,
sah auch manch Haufen Mist…
Er sah, dass es woanders
auch nicht viel anders ist.

Heinz Erhardt

[Musical] Benny Andersson & Björn Ulvaeus – CHESS / Stadttheater Bremerhaven

Musical von Benny Andersson & Björn Ulvaeus / Liedtexte von Tim Rice / basierend auf einer Idee von Tim Rice / neue deutsche Textfassung von Kevin Schroeder

Premiere: 30. Oktober 2021 / besuchte Vorstellungen: 19.11.2021, 23.01. & 08.06.2022

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni (19.11. & 08.06.) / Tonio Shiga (23.01.)
Inszenierung: Andreas Gergen
Spielleitung & Choreografie: Till Nau
Bühne & Video: Momme Hinrichs (fettFilm)
Kostüme: Conny Lüders
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Es gibt sie eben diese musikalischen Werke, die beim Ansehen/Anhören die Emotionen zum Überlaufen bringen. Und jede*r von uns hat da eine ganz persönliche Hit-Liste. Ich liebe die eher klassischen bzw. symphonischen Musicals: Wenn am Ende der „West Side Story“ Tony gemeinsam mit Maria ein paar Noten von „Somewhere“ haucht, um dann in ihren Armen zu sterben, breche ich in Tränen aus. Bei „Les Miserablés“ beginne ich spätestens bei Eponines Tod hemmungslos zu schluchzen, kralle mich in die Hand meines Gatten und beruhige mich erst wieder auf dem Weg Richtung Heimat. Doch auch mein Mann hat seine Emotions-Musicals: So stellt sich jedes Mal eine Gänsehaut bei ihm ein, wenn Graf Krolock seine „Unstillbare Gier“ besingt. Doch feuchte Augen bekommt er nur bei einem einzigen Musical: CHESS. So war der November 2021 ein einziges Freudenfest für ihn. Als bekennender ABBA-Fan der ersten Stunde kam nicht nur ein neues Album nach 40 Jahren auf dem Markt – Nein! – auch „unser“ Stadttheater Bremerhaven hatte das erste Musical der beiden ABBA-Männer auf den Spielplan gesetzt. So saßen wir am 19. November des vergangenen Jahres gemeinsam mit lieben Freunden im Zuschauersaal, und diesmal war es mein Mann, der während der Vorstellung seine Hand in meine krallte – mehrmals!!!

Bei der Schachweltmeisterschaft in Merano kämpft der amtierende Weltmeister der Amerikaner Frederick Trumper gegen den Russen Anatoly Sergievsky um die Schachkrone. Begleitet wird Trumper von seiner Managerin und Partnerin Florence Vassy, die im Budapester Aufstand von 1956 ihren Vater verloren und so ein ambivalentes Verhältnis zum russischen Regime hat. Trotzdem kommen sie und Sergievsky sich näher, als sie versucht – nachdem Trumper das Turnier wütend verlassen und somit einen Skandal ausgelöst hat – die Wogen zu glätten. Am nächsten Tag wird das Turnier unter dem strengen Blick des Schiedsrichters fortgesetzt, aus dem Anatoly Sergievsky als Sieger hervorgeht. Trotz strengster Überwachung durch Alexander Molokow, dem Chef der russischen Delegation, kann er die Gunst der Stunde nutzen und in den Westen überlaufen, um dort mit Vassy zu leben. Ein Jahr später muss Sergievsky sich in Bangkok einem neuen sowjetischen Herausforderer stellen. Dabei trifft er zwangsläufig auf bekannte Gesichter. Trumper arbeitet mittlerweile als TV-Kommentator, der ihn während eines Interviews mit provakanten Fragen aus der Reserve lockt. Auch Molokov ist vor Ort und scheut keine Mittel, um Anatoly Sergievsky zu einer Niederlage zu bewegen. Dabei manipuliert er hemmungslos die Mitmenschen, als würde er Schachfiguren über ein Spielfeld schieben. So lockt er Vassy mit dem Versprechen, ihren verschollenen Vater wiederzusehen, und lässt Sergievskys Ehefrau Svetlana nach Bangkok einfliegen, um sie und die gemeinsamen Kinder als Druckmittel einzusetzen. Anatoly Sergievsky trifft seine Entscheidungen: Er gewinnt abermals das Turnier, verlässt aber Vassy, um mit seiner Frau nach Russland zurückzukehren.

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Nobody’s Side, Pity The Child, Heaven Help My Heard, Anthem, Someone Else’s Story, I Know Hím So Well und natürlich das vielleicht bekannteste Stück One Night in Bangkok, dazu grandiose Chorpartien wie Merano und Hymn To Chess: An der exzellenten Musik lag es nie, warum dieses Musical eher selten gespielt wurde. Vielmehr lag das „Problem“ eher im etwas sperrigen Buch begründet, in dem manche Handlungsstränge unmotiviert und die Beweggründe der Personen wenig nachvollziehbar schienen. Doch Benny Andersson und Björn Ulvaeus waren sich nie zu schade, auf ihre Werke einen kritischen Blick zu werfen, um sie dann nochmals zu überarbeiten. So machte auch CHESS einige Veränderungen durch: Songs wurden umgestellt, flogen komplett aus der Show, oder wurden neu hinzugefügt. Die Handlung wurde gestrafft, und statt den Schwerpunkt auf die Politik-Parabel mit Ost-West-Konflikt zu belassen, lenkten sie den Fokus mehr auf die (zwischen)menschlichen Komponenten. Alle diese Maßnahmen haben dem Werk durchaus gutgetan, trotzdem bedarf es ein schlüssiges Regie-Konzept, um CHESS aus dem anfänglichen Korsett eines Konzept-Albums zu lösen.

Unter der neuen Intendanz von Lars Tietje gönnt sich das Stadttheater Bremerhaven genau diesen „Luxus“ und geht eine Kooperation mit dem Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin ein, wo diese Inszenierung in der letzten Spielzeit Premiere hatte und leider nach nur wenigen Vorstellungen dem Lockdown zum Opfer fiel. „Never change a winning team!“ wird sich Tietje vielleicht gedacht haben und lockte gemeinsam mit dem Produktions-Team auch zwei der Hauptdarsteller in die Seestadt an der Weser. Musical-Magier Andreas Gergen schafft mit seinem Team ein so stimmiges Konzept, bei dem die einzelnen Teile aus Regie, Choreografie, Bühne, Kostüme und Video-Projektionen zusammen mit den heimischen Kräften nahtlos ineinander übergehen und so ein perfektes Ganzes bilden. Dabei liefert Gergen dem Publikum durchaus die große Show, setzt aber ebenso wichtige Akzente im Schauspiel: Durch kleine Gesten oder nur einem Blick bis zum großen dramatischen Ausbruch wird so das Handeln der Protagonist*innen für die Zuschauer nachvollziehbar gemacht. Dies gelingt natürlich nur, da ihm talentierte Darsteller*innen zur Verfügung stehen.

Femke Soetenga (Florence Vassy) und Marc Clear (Anatoly Sergievsky) wiederholen ihre Parts aus Schwerin und sind ein eingespieltes Team ohne routiniert zu wirken. Soetenga gestaltet ihren Part zwischen Selbstbewusstsein und Selbstzweifel sehr geschmackvoll. Glücklicherweise hat sie viel zu singen, so kamen wir oft in den Genuss, ihrer wunderschönen Stimme lauschen zu dürfen. Marc Clears Sergievsky ist alles andere als der unterkühlte Stratege. Vielmehr porträtiert er Sergievsky als mitfühlenden Charakter mit einer empfindsamen russischen Seele, was er auch gesanglich famos auszudrücken versteht. Tobias Bieri gibt den Frederick Trumper mit überheblicher Arroganz – ein Jungspund, der unter der scheinbar makellosen Oberfläche seine Narben verbirgt:  Bei Pity The Child sorgt er mit seiner fulminanten Pop-Stimme für Gänsehaut.

Sowohl optisch wie auch stimmlich scheint Ulrich Burdack der Vorzeige-Molokow zu sein. Er strahlt – trotz scheinbar äußerer Ruhe – eine enorme Gefährlichkeit aus. Zudem verfügt er über einen vollen, flexiblen Bass, den er mal voluminös, mal verführerisch-lockend zum Klingen bringt. Patrizia Häusermann (Svetlana) gelingt das Kunststück, eine Nebenrolle durch Spiel und Gesang aufzuwerten. Sie harmoniert ganz wunderbar mit Soetenga bei I Know Hím So Well. Bei Someone Else’s Story zeigt sie ihr Können als klassisch-geschulte Liedsängerin und kann mit ihrer sensiblen Interpretation berühren. Svetlana ist für mich in diesem Musical die einzig wahre tragische Figur, da ihr eine Wahlmöglichkeit verwehrt bleibt: Alle anderen Protagonist*innen können für sich selbst entscheiden. Sie ist – vom Ehemann im Stich gelassen – einem Regime ausgeliefert, das droht, ihr die Kinder zu nehmen. Häusermann lässt mit nuanciertem Spiel ihre Rolle mit Würde trauern, ohne eine innere Stärke vermissen zu lassen.

Da wir nun schon zum wiederholten Mal diesem musikalischen Schachturnier beiwohnten, hatten wir das Glück, zwei unterschiedliche Sänger in der Rolle des Schiedsrichters sehen zu dürfen. Während MacKenzie Gallinger (19.11. & 08.06.) eher der ruhende Pol im Spiel war, der beständig die Fäden in der Hand behielt, gestaltete Benjamin-Edouard Savoie (23.01.) den Part deutlich exaltierter und amüsierte mit beinah „monk“schen Allüren.

CHESS braucht einen voluminösen Chor! CHESS bekommt ihn: Unter der versierten Leitung von Chordirektor Mario Orlando El Fakih Hernandez bringen die Damen und Herren die Hymnen überwältigend zu Gehör und gefallen ebenso in mancher kleinen Nebenrolle. Unterstützung erhalten die Solisten zusätzlich durch ein variables Pop-Trio (bestehend aus Sydney Gabbard, Carmen Danen und Konstantin Busack), das sie in ihren Solis stimmstark begleitet und auch in div. Mini-Rollen überzeugen. Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Davide Perniceni bzw. Tonio Shiga musiziert absolut auf dem Punkt und meistert gekonnt den Spagat zwischen Pop, Rock und Symphonie. Apropos Spagat: Das ich ein Fan der Ballettcompagnie des Stadttheaters Bremerhavens bin, habe ich schon mehrfach betont, und auch in diesem Fall wurde ich nicht enttäuscht: Ob als kecke Trachtengruppe, als lebensgroße Schachfiguren oder als Bangkoks Liebesdiener*innen – die Tänzer*innen beherrschen ihre Kunst zwischen Sinnlichkeit, Ästhetik und Athletik perfekt.

Wer großartiges Musik-Theater abseits der großen Metropolen sehen möchte, der MUSS sich auf den Weg nach Bremerhaven machen!

Epilog: Seit einigen Tagen bekomme ich von meinem Gatten – völlig unvermittelt und ohne Zusammenhang zum vorangegangenen Gespräch – Bemerkungen wie „CHESS kann man (!) sich auch durchaus ein drittes Mal ansehen!“ zu hören. Ich schwanke noch mit mir, ob ich das Gehörte geflissentlich ignoriere oder mich an den PC setzte, um Eintrittskarten zu reservieren. Mal schauen…! 😉


So saßen wir am 19. November des vergangenen Jahres gemeinsam mit zwei lieben Freunden im Zuschauersaal, wie wir es vor über 2 Jahren schon für Sunset Boulevard taten, und wo sich folgendes zugetragen hatte. Während sie durchaus schon das eine oder andere Musical gesehen hatte, war er diesbezüglich eher unbeleckt und schien somit beinah überwältigt vom Orchester, von den Sänger*innen und der Inszenierung. In der Pause fragte er mich nach meiner Meinung als „Musical-Kenner“, und ich bestätigte ihm seinen positiven Eindruck. Voller Enthusiasmus postete er diesen auf Instagram und bekam von einer „lieben“ Freundin prompt folgende Rückmeldung „Schön, dass es dir gefällt, aber es gibt bessere Inszenierungen.“ …und danach schwärmte sie von einer wahrhaft fulminanten „Sunset Boulevard“-Inszenierung, die sie vor einigen Jahren mit einer namhaften Musical-Diva in der Hauptrolle gesehen hatte. Ernüchtert zeigte mir mein Freund diese (wenig empathische) Nachricht, und ich bestätigte ihm „Ja, irgendwo auf der Welt gibt es bestimmt eine bessere Inszenierung.“ Aber: Alles sollte in einer realistischen Relation betrachtet und bewertet werden. Wir befinden uns weder am Broadway noch im West End oder in Hamburg, wo eine Eintrittskarte der besseren Kategorie mein Portemonnaie locker um 180,– bis 200,– Euro erleichtert. Im Stadttheater Bremerhaven sitze ich für ca. 1/5 dessen, was eine Eintrittskarte für ein sogenanntes großes Musicals kostet, auf den besten Plätzen. Und dieses Haus schafft es immer wieder auf’s Neue mit den vorhandenen Mitteln und Möglichkeiten eine sehens- und hörenswerte Inszenierung auf die Beine zu stellen.

Natürlich gefällt auch mir in „meinem“ Stadttheater nicht jede Inszenierung gleichermaßen gut. Natürlich könnte auch ich an Kleinigkeiten herumkriddeln. „Suchet, so werdet ihr finden!“ doch die Suche nach Negativem empfinde ich als extrem ermüdend. Auch ein ständiges miteinander Vergleichen würde mir die Freude am Augenblick, den Genuss des Moments verleiten. Darum lautet(e) mein Credo:

Schön locker bleiben und die kulturelle Vielfalt in meiner Region (wert)schätzen und genießen.


Das Erstlings-Musical CHESS der beiden ABBA-Männer steht bis zum Ende der Saison auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. Hingehen, anschauen & genießen…!!!

[Rezension] Gaston Leroux – Das Phantom der Oper (Hörspiel)

Lieben wir nicht alle Schauergeschichten – egal ob literarisch, filmisch oder rein akustisch: Dieses wohlige Gruseln während die Anspannung stetig steigt. Das Entgegenfiebern bis zum erlösenden Ende. Das Nachspüren der Atmosphäre, wenn uns hinterher unser Gang durch die dunkle und verdächtig stille Wohnung ins Schlafzimmer führt, und wir es uns kaum verkneifen können, einen prüfenden Blick in den Schrank und unter das Bett zu werfen…!

…und manche Geschichten schaffen es, Jahre/Jahrzehnte/Jahrhunderte ebenso zu überdauern wie kurzlebige Mode-Erscheinungen unbeschadet zu überleben, um so in den Olymp der Klassiker aufzusteigen und sich in eine illustre Schar von Mitstreiter*innen einzureihen. Legte Mary Shelley im Jahre 1818 mit „Frankenstein“ einen fulminanten „Grundstein“ für das Horror-Genre, der von keinem geringeren als Edgar Allan Poe und seinen Werken meisterhaft ausgebaut wurde. Doch auch nach dessen rätselhaften Tod im Jahre 1849 war es nur eine Frage der Zeit bis neue Schocker ihre Leserschaft zum Schaudern brachten, wie Robert Louis Stevenson im Jahre 1886 mit Dr. Jekyll & Mr. Hyde und Bram Strokers „Dracula“ aus dem Jahre 1897. Im Vergleich zu diesen Werken erscheint „Das Phantom der Oper“ aus dem Jahre 1909 beinah wie das „Nesthäkchen“.

Seit geraumer Zeit setzt ein dubioses Wesen die Direktion der Pariser Oper unter Druck und Künstler und Bühnenarbeiter in Angst und Schrecken. Er hat ganz klare Vorstellungen, wie „seine“ Oper zu führen sei, und nimmt Einfluss an der künstlerischen Arbeit des Hauses. Sollten seine Anweisungen nicht befolgt werden, geschieht Schreckliches. Zu aller Überraschung protegiert er die junge, unerfahrene Sängerin Christine Daaé, die sich dank seinem Unterricht auf der Bühne als brillante Sängerin profiliert. Doch auch Raoul, Vicomte de Chagny, ein Jugendfreund von Christine, ist von ihr entzückt. Doch die Liebe der beiden jungen Menschen bleibt dem Phantom nicht verborgen, und er setzt skrupellos alles daran, um Christine für ewig an sich zu binden…!


CDs/ Das Phantom der Oper nach Gaston Leroux (2019)/ Hörspielbearbeitung & Regie: Regine Ahrem/ mit Matthias Habich, Mirco Kreibich, Fabian Hinrichs, Marina Frenk, Regina Lemnitz, Ursina Lardi, Carmen-Maja Antoni, Gerd Wameling u.a./ Kompositionen: Michael Rodach

Ein Roman wie „Das Phantom der Oper“, dessen Schauplatz ein Opernhaus ist und der von einem geheimnisvollen Gesangslehrer und seiner betörenden Schülerin handelt, ist natürlich geradezu prädestiniert für eine musikalische Umsetzung. Schon bei den ersten Stummfilmen wurde die Handlung auf der Leinwand vom Kino-Pianisten vor Ort mit klassischer Musik unterlegt. In späteren Verfilmungen waren üppige Opern-Szenen immer ein wichtiger Teil der Handlung. Und selbst Andrew Lloyd Webber zitiert in seinem Musical-Welterfolg die Musik des Meisters der französischen Grand opéra Giacomo Meyerbeer. Für mich ist dies auch eine der gelungensten (wenn nicht sogar die gelungenste) Umsetzung(en) dieses Stoffes, und ich glaube, mir ein Urteil erlauben zu können: Ich habe dieses wunderschöne Musical bisher sechs Mal auf der Bühne bewundern dürfen (1991, 1995, 1996, 2001 und am 14.02.2014 in „Neue Flora“ in Hamburg und am 08.11.2001 in „Det Ny Teater“ in Kopenhagen).

Und gerade von dieser Version voller opulenter Klangfülle musste ich mich beim Anhören des Hörspiels wieder lösen bzw. kurzfristig vergessen, um einen neutraleren Blick auf diese Umsetzung des Romans werfen zu können. Regisseurin Regine Ahrem besann sich bei ihrer Hörspielbearbeitung auf den Original-Roman, den Leroux in einem beinah journalistisch-nüchternen Ton verfasste. Während in anderen Adaptionen der erzählerische Schwerpunkt eher auf der Konstellation Christine-Phantom liegt, darf hier Raoul seine Stimme erheben und bekommt diese gleich von zwei Sprechern geliehen. Matthias Habich spricht den gealterten Raoul, der, nach dem Tod seiner geliebten Gattin Christine und mit dem Abstand von Jahren, seine Sicht der damaligen Ereignisse zum Besten gibt. Habich fungiert hier als ein souveräner Erzähler und gibt so den Rahmen der Handlung vor. Die dynamische Stimme von Mirco Kreibich als sein jüngeres Ego harmoniert sehr gut mit der reifen, gesetzten Stimme von Habich. Marina Frenk gestaltet die Christine weniger als passiv-duldende Schöne. Vielmehr agiert sie sehr selbstbewusst, ließ allerdings auch ein wenig den Reiz vermissen, den ihre Rolle auf die beiden männlichen Kontrahenten ausüben sollte. Mit einem beinah androgynen Ton verleiht Fabian Hinrichs der Titelfigur Profil und changiert in seiner Interpretation von sanft-verführerisch über diabolisch-gefährlich bis mitfühlend-sensibel. Regina Lemnitz gefällt in der Rolle der mütterlich-verständnisvollen Mme Giry. Doch auch die Nebenrollen sind dank der Talente u.a. von Ursina Lardi, Carmen-Maja Antoni und Gerd Wameling mit prägnanten Stimmen besetzt.

Bei diesem Hörspiel wurde mit einer besonderen Aufnahmetechnik namens „Kunstkopf“ gearbeitet. Dabei wird nicht wie gewöhnlich klassisch im Studio mit einem herkömmlichen Mikrophon gearbeitet. Vielmehr ist der „Kunstkopf“ in der Lage, die akustischen Besonderheiten eines Raumes aufzunehmen, d.h. die Aufnahme erfolgt nicht in mehrere Takes, die später geschnitten und durch entsprechende Hintergrundgeräusche ergänzt werden. Vielmehr befinden sich alle an diesem Aufnahmeprozess Beteiligte in eine für die Szene passenden Räumlichkeit und spielen eben besagte Szene in einem Rutsch durch. Ob auch die gelungene Originalmusik von Michael Rodach wie auch die Opernpartien vor Ort (ab)gespielt oder diese nachträglich hinzugefügt wurden, lässt sich aus dem Booklet nicht in Erfahrung bringen. Beides schmiegt sich aber perfekt in die Geschichte ein und sorgt so für einen enorm atmosphärischen Klang. Die Kombination all dieser Zutaten macht dieses Hörspiel zu einem ungewohnt räumlichen Hörerlebnis.


erschienen bei DAV/ ISBN: 978-3742410016