[Noch ein Gedicht…] Joachim Ringelnatz – IN DER NEUJAHRSNACHT

Die Kirchturmglocke
schlägt zwölfmal Bumm.
Das alte Jahr ist wieder mal um.

Die Menschen können sich in den Gassen
vor lauter Übermut gar nicht mehr fassen.
Sie singen und springen umher wie die Flöhe
und werfen die Mützen in die Höhe.

Der Schornsteinfegergeselle Schwerzlich
küsst Konditor Krause recht herzlich.
Der alte Gendarm brummt heute sogar
ein freundliches: Prosit zum neuen Jahr.

Joachim Ringelnatz

[Eine Geschichte…] Elke Heidenreich – LESEN

Ich steige ins Taxi, der Fahrer liest in einem Buch. Ich sage ihm, wohin ich möchte, er seufzt, fährt los, das Buch offen auf dem Schoß. Die Ampel ist rot, er liest weiter. Die Ampel wird grün, er liest, bis es hinter ihm hupt, dann fährt er los, in aller Ruhe. Das wiederholt sich an jeder Ampel.

Ich finde das sehr komisch, irgendwie auch sehr schön, und als ich ausgestiegen bin, ärgere ich mich, das ich ihn nicht gefragt habe, was er da liest.

Elke Heidenreich

[Rezension] Tage des Lesens. Lektüre zwischen den Jahren/ herausgegeben von Gesine Dammel

„Lektüre zwischen den Jahren“: Damit könnte durchaus die Zeit des Jahreswechsels gemeint sein. Es sind nur vier Tage zwischen Weihnachten und Silvester, an denen die Welt sich langsamer zu drehen scheint, an denen die Hektik des Alltags plötzlich ausgebremst wird und Zeit bleibt, um Inne zu halten und zur Besinnung zu kommt. Und so könnten es wahrlich gar wunderbare „Tage des Lesens“ werden…!

Aber auch eine andere Interpretation wäre denkbar: Die Zeit zwischen den Lese-Lebens-Jahren! Und diese Zeit birgt Veränderung in sich: Wir machen Erfahrungen und reifen an ihnen, Sichtweisen wandeln sich, neue Perspektiven werden eingenommen, ein individueller Stil entsteht. Diese Veränderung hat zwangsläufig ihren Einfluss auf die Wahl unserer Lektüre. Eine solche Veränderung habe auch ich durchlebt: Vor 30 Jahren wären ein Dürrenmatt oder ein Kästner nicht unbedingt meine erste Wahl gewesen. Stattdessen habe ich mir mit dem Lesen gar drolliger Katzenkrimis die Zeit vertrieben.

Herausgeberin Gesine Dammel hat in diesem kleinen Büchlein eine abwechslungsreiche, kurzweilige und anspruchsvolle Sammlung mit Geschichten zusammen getragen, die sich um das Lesen, das Leben und die Liebe zum Buch drehen…!

Cornelia Funke lädt uns ein, gemeinsam mit Meggie und Mo einen Blick in Elinors Bibliothek zu werfen. Eugen Roth zeigt auf, wie prägend ein spezielles Exemplar eines Buches für ein Kind sein kann. Elke Heidenreich wundert sich über einen lesenden Taxifahrer. Claire Beyer schenkt uns eine entzückende Geschichte über eine pensionierte Lehrerin, die die Liebe zum Lesen bei den Kindern in ihrer Nachbarschaft weckt. Hanns-Josef Ortheil lässt uns an einer Reise nach Paris teilhaben, bei der er sich auf den Spuren von Ernest Hemingway begab. Amir Hassan Cheheltan entdeckt mit der Bibliothek seiner Eltern die Freude an der Literatur und träumt sich dank unzähliger Geschichten aus seiner staubigen Realität fort. Marco Lodoli vergleicht die Gänge einer Bibliothek mit einem Labyrinth: Schon bei der nächste Ecke lernt man eine andere Welt und neue Menschen kennen. Ildikó von Kürthy schwärmt von ihren alten, geliebten Büchern, deren Eselsohren vom Lesen und vom Leben zeugen. Von Petra Hartlieb erfahren wir, wie ermüdend es sein kann, wenn das Lesen sowohl dem Vergnügen dient und gleichzeitig als Brotberuf fungiert. Marcel Proust sinniert über die Tage der Kindheit, wo Zeit im Überfluss vorhanden schien, und die so zu herrlichen Tagen des Lesens wurden. Thomas Bernhard macht sich Gedanken über die Effizienz beim Lesen: Müssen wir immer das ganze Werk lesen, oder reichen nicht auch nur die prägnanten Passagen, um die Intension der/des Autorin/Autors zu erfassen.

Dabei stellte sich mir zwangsläufig folgende Frage: Woher weiß ich, welche für mich persönlich die prägnanten Passagen sind, wenn ich vorher nicht das ganze Werk gelesen habe? Gesine Dammel schaffte es mit ihrer gelungenen Auswahl an Geschichten und Anekdoten, dass ich nicht „nur“ las sondern auch (nach-)dachte.

Häufig gibt es bei einer Anthologie, Erzählungen unterschiedlicher Qualität zu bewundern: Ohne Licht gibt es eben auch keinen Schatten! Selbstverständlich sprachen mich nicht alle Beiträge gleichermaßen an. Doch dies sagt nichts über deren literarische Qualität aus, sondern vielmehr über meinen persönlichen Geschmack. So kann ich gutem Gewissens der Auswahl von Gesine Dammel attestieren, dass ich höchstens einen leichten Halb-Schatten wahrnehmen konnte.

…ein kleines feines Büchlein!!!


erschienen bei Insel/ ISBN: 978-3458681632

[Rezension] Charles Dickens – Ein Weihnachtsmärchen/ mit Illustrationen von Lisbeth Zwerger

Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom griesgrämigen Geizkragen Ebenezer Scrooge, der am Weihnachtsabend Besuch vom Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Jacob Marley erhält, um ihn zu warnen: Die Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht würden ihn aufsuchen, um ihm verschüttete Erinnerungen und vergessene Empfindungen wieder in den Sinn zu rufen. So wartet Scrooge mit bangem Herzen auf die Ankunft der Geister, die ihn nacheinander – wie vorhergesagt – auf absonderlich-abenteuerliche Reisen durch Raum und Zeit mitnehmen, von denen er als geläuterter Mann zurückkehrt.

Natürlich kannte auch ich diese vielleicht klassischste aller Weihnachtsgeschichten dank seiner verschiedenen filmischen Umsetzungen. Doch ich gebe es unumwunden zu: Ich hatte vorher noch nie Dickens Original gelesen. Und nach der Lektüre stellte ich mir die berechtigte Frage: Wieso nicht? Doch vielleicht brauchte es auch die Verlockung durch eine würdige Umsetzung: Im Laufe der letzten Jahre bin ich zu einem kleinen Fan des NordSüd-Verlags mutiert, da er sowohl neue wie auch klassische Geschichten optisch reizvoll in Szene setzt.

In diesem Fall hatte sich die renommierte Kinderbuchillustratorin Lisbeth Zwerger schon vor einigen Jahren dem Weihnachtsmärchen von Dickens angenommen. Erstmals im Jahre 1988 in eben diesem Verlag erscheinen, handelt es sich somit um eine überarbeitete Neu-Auflage. Aber gerade dies schätze ich an Verlagen wie NordSüd: Klassiker des Repertoires verschwinden nicht einfach in der Versenkung, sondern werden nach einiger Zeit mit Bedacht wiederaufgelegt, um so auch nachgewachsenen Lese-Generationen Freude zu bereiten. Zumal Zwergers Illustrationen absolut zeitlos sind und in ihrer Ästhetik dem Terminus vergangener Epochen unterstreicht. Schon bei Das Geschenk der Weisen von O’Henry lernte ich die stille Zurückhaltung ihrer Bilder zu schätzen, mit der die Künstlerin sie unaufgeregt aber gefühlvoll der Erzählweise des Autors anpasst und beides so zu einer Einheit verschmelzen lässt.

Dabei vermeidet sie angenehm wohltuend auf allzu Kindlich-drolliges: Liebhaber*innen von oberflächlichen, massenkompatiblen Niedlichkeiten kommen hier nicht auf ihre Kosten. Vielmehr lauschte sie der Geschichte sehr konzentriert und achtete auf kleinste Beschreibungen in den Nebensätzen, was sich dann in den feinen Details in ihren Zeichnungen widerspiegelt. So ist es durchaus ratsam, nicht nur aufmerksam zu lesen, sondern ebenso aufmerksam zu schauen.

Dickens Appell für mehr Menschlichkeit und ein friedvolles Miteinander (in Kombination mit Zwergers wunderbaren Illustrationen) traf mich mitten ins Herz und berührte meine Seele. Die Wärme und der Charme, was diese reizvolle Geschichte überreichlich verströmt, rührten mich während der Lektüre so sehr, dass hin und wieder durchaus eine kleine Träne floss.

Hach, es war so wunderbar!!!


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314105449 / in der Übersetzung von Carl Kolb

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Noch ein Gedicht…] Rudolf Kinau – NIX AS DÜTT

Wenn ick mi mol wat wünschen schull,
ick wünsch mi nix as dütt:
Noch eenmol wedder Kind to wähn,
ganz tutig, dumm un lütt.

Un denn – wenn`t Heilig-Obend ward –
so in de Schummeree
ganz still in uns lütt Döns to stohn
bi Vadder an de Knee.

Un noch mol seehn, wat Licht üm Licht
sien`n Schien no boben smitt,
un allns wat bunt in`n Dannboom hangt,
dat lücht un blinkert mit.

Un noch mol rüken, wenn an`t Füer
son lütten Danntill swehlt.
Un noch mol lüstern, wat dat klingt,
wenn uns` lütt Speeldoos speelt.

Un noch mol, wenn dat buten kloppt,
so ganz vull Angst un Freid
mien lütt Gebett dör`t Halslock quäln –
so gau un good as`t geiht.

Un denn doar stohn mit`n Fatt vull Nöt
un mit son heeten Kupp:
„O, Vadder, – Mudder, kiekt doch mol!
Ligt noch wat boben up!“

Dat is mien Wünschen Joahr för Joahr:
Noch eenmol wedder trück
in`t scheune stille Kinnerland,
in`t Land vull luder Glück!

Ick weet uns`Herrgott gift mi`t nech.
Man een Deel weet ick wiß:
Dat sick mien Jung dat jüst so wünscht,
wenn he mol sowied is.

Rudolf Kinau

[Rezension] Anthony Trollope – Weihnachten auf Thompson Hall/ mit Illustrationen von Irmela Schautz

Mrs. Brown ist „verschnupft“: Seit 8 Jahren hat sie – aus Rücksicht auf die Gesundheit ihres Gatten – auf ein Weihnachtsfest auf Thompson Hall im Kreise ihrer Familie verzichtet. Doch in diesem Jahr möchte – Nein! – muss sie unbedingt dort sein, da ihre jüngere Schwester ihren Liebsten der Familie vorstellen und sich verloben möchte. Nun haben sie es schon bis in ein Pariser Hotel geschafft, da kränkelt ihr Mann allzu offensichtlich in der Hoffnung, eine Weiterreise zu unterbinden. Nur ein heilsamer Senfwickel könnte ihn von einer tückischen Bronchitis befreien, meint er. Seine Gattin ist wild entschlossen, das Weihnachtsfest unter allen Umständen in der Heimat bei ihrer Familie zu verbringen. So macht sie sich zur späten Stunde auf den Weg Richtung Speisesaal, um dem dort vorhandenen Senftopf seines Inhalts zu berauben. Doch die Flure in so einem schlafenden Hotel sehen alle recht gleich aus, zumal sie nur unzureichend von einer Kerze beleuchtet werden. Nach einigen Irrungen und Wirrungen befindet sie sich doch tatsächlich auf den Rückweg, in der einen Hand ihre dürftige Lichtquelle, in der anderen Hand eine in ihrem Taschentuch gewickelte Portion Senf. Erleichtert schlüpft sie ins Zimmer, wo ihr Mann schon zu schlafen scheint. Aus Rücksichtnahme macht sie kein Licht, sondern vertraut auf den kläglichen Schein der Kerze in ihrer Hand. Die üppige Portion Senf wird auf der Brust des schlafenden Herrn verteilt und mit dem Taschentuch abgedeckt. Mit Schrecken erkennt sie plötzlich, dass sie sich im falschen Zimmer, am falschen Bett und somit beim falschen Mann befindet. Voller Panik flüchtet sie aus dem Raum in der Hoffnung, dass niemand sie mit dem Geschehenen in Verbindung bringen möge. Dummerweise vergisst sie in der Hektik ihr Taschentuch, das ein auffälliges Monogramm ziert und sie am nächsten Morgen als die Übeltäterin identifiziert. War die Erklärung, die sie ihrem Gatten geben musste, schon unangenehm für sie, so ist ihr das Zusammentreffen mit ihrem „Opfer“ über alle Maßen peinlich. Zumal dieser sie bei der Weiterreise scheinbar verfolgt: In welches Transportmittel sie auch immer steigen, er scheint schon dort zu sein. Was mag das nur bedeuten…?

Anthony Trollope gilt als einer der meistgelesenen Autoren der viktorianischen Epoche und erfreut(e) sich in Großbritannien einer großen Beliebtheit. Die vorliegende Erzählung erschien im Jahre 1876 als Serie in der britischen Illustrierten „The Graphic“ und ist definitiv ein Kind ihrer Zeit bzgl. der Rollenbilder, Standesunterschiede und gesellschaftlichen Gepflogenheiten.

„Weihnachten auf Thompson Hall“ lässt vermuten, dass diese Geschichte eben dort spielt. Doch weit gefehlt: Vielmehr fungiert Thompson Hall als eine Art Sehnsuchtsort für unsere Heldin, der sie veranlasst einige unüberlegte Dinge zu tun, die sie unter anderen Umständen nie und nimmer getan hätte. Dies in Kombination mit der damals vorherrschenden Etikette, was sich für eine Dame schickt, liefert die Erklärung für die unüberlegten Übersprungshandlungen der Protagonistin.

So ist dies zwar durchaus charmant zu lesen, die Lektüre weckte nur leider nicht das erhoffte Weihnachtsgefühl in mir. Das schönste Fest des Jahres spielt hier nur eine unwichtige Nebenrolle: Die eigentliche Geschichte könnte sich auch zu jeder anderen Jahreszeit ereignen. Zudem vermisste ich die vielzitierte Trollope’sche Ironie – oder ich erkannte sie nicht als solche. Die Erzählung kitzelte recht wenig den Vor-Leser in mir hervor. Wobei ich mir eine visuelle Umsetzung als Komödie im Stil eines Oscar Wildes durchaus vorstellen könnte.

Als Insel-Bücherei Nr. 1792 in eben dieser erschienen, erfreut das Büchlein natürlich wieder mein bibliophiles Herz, wozu auch die lose in den Text eingestreuten Illustrationen von Irmela Schautz im nicht unerheblichen Maße beitrugen und es optisch zu einem Schmankerl machen.


erschienen bei Insel-Bücherei/ ISBN: 978-3458194927

[Rezension] Agatha Christie – Das Geheimnis von Sittaford

Auf dem Landsitz Sittaford House haben die Mieterinnen des Anwesens Mrs. Willett und Miss Violet (Mutter und Tochter) ihre wenigen Nachbarn zum Tee geladen. Während außerhalb des Hauses ein ungemütlicher Schneesturm wütet, vertreibt sich die Gesellschaft in dessen Inneren die Zeit mit einer Séance. Alle reagieren überrascht bis bestürzt als bei diesem anfangs als Albernheit verspotteten Tischrücken scheinbar tatsächlich eine Nachricht aus dem Jenseits sie erreicht: Der Tod von Captain Joseph Trevelyan wird angekündigt. Der Captain ist der eigentliche Hausherr von Sittaford House, der das Anwesen über die Wintermonate an die Willetts vermietet und sich somit selbst vorübergehend in einem kleinen Haus in der Ortschaft Exhampton einquartiert hat. Einer der anwesenden Gäste Major Burnaby sorgt sich um seinen Freund Trevelyan und macht sich auf den beschwerlichen Weg nach Exhampton. Dort findet er den Captain in seinem Haus erschlagen vor. Der tüchtige Inspector Narracott nimmt die Ermittlungen auf und findet auch schnell einen Verdächtigen: James Pearson, der Neffe des Opfers, war zur fraglichen Zeit vor Ort und hätte auch durchaus ein Tatmotiv. Zudem verstrickt er sich in Widersprüche. Alles scheint perfekt, würde die Verlobte des Tatverdächtigen sich nicht ständig einmischen und eigene Ermittlungen anstellen: Emily Trefusis ist eine äußerst patente junge Dame, die mit einem bewundernswerten Selbstbewusstsein immer wieder die Wege des Inspectors (durch)kreuzt…!

Wie sehr ich Mrs. Christie verehre, habe ich schon vor beinah genau 2 Jahren bei Die Bücher meines Lebens verlauten lassen, und diese Verehrung ist nach wie vor ungebrochen. Auch in diesem Fall bescherte sie mir ein wohlig-warmes Lese-Vergnügen. Einerseits kann ich mir sicher sein, dass sie ein Garant für vergnügliche Lesestunden ist, da ich einschätzen kann, was mich erwartet. Andererseits schafft sie es trotzdem, mich immer wieder mit einem „Plot-Twist“, einer unerwarteten Wendung in der Handlung, und ihrer interessanten Charakterzeichnung des Handlungspersonals zu überraschen.

Natürlich (!) ist der offensichtlich Verdächtige nicht der Täter – Das wäre ja auch viel zu einfach! – vielmehr heftete ich mich als Leser mit Vergnügen an die Fersen unserer jugendlichen Heldin auf der Suche nach dem wahren Mörder (Aber vielleicht war hier ja auch eine Mörderin am Werk!).

Apropos: Christie war da immer sehr großzügig bei der Verteilung für die Rolle der Übeltäterin/ des Übeltäters und zeigte keine nennenswerte Präferenz zu nur einem Geschlecht. Vielmehr erstaunte sie mich auch diesmal, da sie schon im Jahre 1931 sowohl für die Haupt- wie auch Neben-Charaktere vielfältige Frauen-Porträts entwarf, die autark und selbstbestimmt agieren und weit entfernt vom gängigen Klischee der damaligen Epoche sind.

Diese Frauen nehmen durchaus gerne die Hilfe eines „Ritters in glänzender Rüstung“ in Anspruch, könnten ihr Leben aber auch spielend „ohne“ bewältigen. Sie sind sich ihrer Weiblichkeit durchaus bewusst und setzten diese – natürlich im schicklichen Maße – für ihre Zwecke ein. Dabei vermeidet Christie bei ihrer Charakterisierung auf eine Eindimensionalität – vielmehr sind ihre Heldinnen durchaus ambivalent zu betrachten, da sie positive wie negative Eigenschaften in sich vereinen.

Ähnlich wie bei Lucy Eyelesbarrow in 16 Uhr 50 ab Paddington bedauerte ich auch hier sehr, dass es keinen weiteren literarischen Auftritt von Emily Trefusis gab. Beide Ladies hätten durchaus Potential für ein längeres Leben gehabt…!


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455011845

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Noch ein Gedicht…] Manfred Hausmann – LIEBESLIED IM DEZEMBER

Es hat nun all die Stunden
still vor sich hingeschneit.
Die Erde ist verschwunden
in Schnee und Ewigkeit.

Wir gehen über die Wellen
des Hügels und über das Feld.
Kein Ruf, kein Hundebellen…
Wir sind allein auf der Welt.

Unmerklich schon und leise
verwandelt sich der Tag.
Der Abend auf seine Weise
erhebt sich hinter dem Hag.

Wir wollen nichts mehr sagen,
die Worte sind so laut.
Was wir im Herzen tragen,
ist uns ja alles vertraut.

Und wenn dann so beim Wandern
sich Schulter an Schulter lehnt,
fühlt einer bei dem andern,
wie er sich nach ihm sehnt.

Die Flocken im Fallen sich drehen,
die Dämmerung hüllt uns ein.
Wir wollen…nur…so…hingehen…
und ganz aneinander sein.

Manfred Hausmann

[Rezension] Nancy Campbell – Fünfzig Wörter für Schnee

Es gibt Regen, Hitze, Hagel, Stürme, Dürre, Wind und Kälte. Doch kein meteorologisches Phänomen gibt so viel Raum für märchenhafte Mystik und romantische Verklärung wie SCHNEE. Die fallenden Flocken im reinen Weiß lösen bei mir immer wieder ein kindliches Staunen aus. Ich stehe dann gerne in der Natur (oder auch nur am Fenster) und wundere mich, wie die Welt sich plötzlich unter einer jungfräulichen Decke versteckt und völlig verändert, Geräusche nur noch gedämpft wahrnehmbar sind, und die Hast des Alltags plötzlich ausgebremst wird. Doch die verschneite Landschaft birgt auch Geheimnisse. Es ist nicht einschätzbar, was sich alles unter dieser unschuldig weißen Decke verbirgt: Eine Wurzel könnte mich zum Straucheln bringen, oder eine versteckte Eisschicht lässt mich ausrutschen und hart zu Boden stürzen. Doch immer wieder verzeihe ich dem Schnee seine kleinen, launischen Tücken. Sorgt er doch mit seiner bloßen Anwesenheit dafür, dass ich immer wieder aufs Neue einen tiefen Frieden in mir spüre.

Nancy Campbell versucht diesem Phänomen in ihrem Buch auf den Grund zu gehen und kann uns zwangsläufig nur einen „kleinen“ Ausschnitt präsentieren. Doch dieser „kleine“ Ausschnitt lässt uns unseren Blick weiten und verlockt uns, neugierig in die Ferne zu schauen. So schickt sie uns in 50 kurzen Episoden auf Weltreise und erzählt uns so von vielfältigen Mythen und Märchen, die sich um den SCHNEE ranken.

Da lockt in Japan die Yuki-onna (Schneefrau) ihre auserwählten Liebhaber in einen Schneesturm, um sie so für sich zu gewinnen. Im Hebräischen ist eine Geschichte überliefert, in der ein armer Mann so sehnsüchtig dem Studium der Thora lauschen wollte, dass er sich heimlich auf das Dach der Studierhalle legte und selbst der einsetzende Sheleg (Schnee) ihn nicht vertreiben konnte. Auch wenn die Ebene in Russland wie ein einziges vereistes Plateau wirkt, so kann das geübte Auge anhand der Sastrugi (Erhebung im Schnee) den sicheren Weg finden. Auch in Estland ist es im Winter so kalt, dass die Einwohner die Jäätee (Eisstraßen) nutzen, d.h. sie nehmen die direkten Wege über die zugefrorenen Seen und Flüsse. Der Name des Himalayas setzt sich aus einer Verbindung zweier Wörter aus dem Sanskrit – himá (Schnee) und á-laya (Wohnsitz) – zusammen und beschreibt ihn damit ganz wunderbar. Jedes Jahr am 5. August begehen die Spanier das Fest der Virgen de las Nieves (Jungfrau vom Schnee), die der Legende nach an einem heißen Augustabend Schnee auf einen der Berge fallen ließ. Doch nicht nur Naturereignisse, Mystisches und Märchenhaftes hat die Autorin zusammengetragen, auch Skurriles gibt es zu erfahren. Oder habt Ihr etwa gewusst, dass hier in Deutschland Kunstschnee für Hollywood produziert wird?

Auch die Gestaltung wird dem Inhalt des Buches ganz wunderbar gerecht: Die Illustrationen sind in Weiß und in einem Blau-Violett gehalten, das auch für die Schrift zum Einsatz kam. Zudem sind den Kapitell die Abbildungen von Schneeflocken vorangestellt, die vom ersten bekannten Schneeflockenfotografen Wilson Bentley (1865-1931) stammten. Diese – mal verspielte, mal stringente – Formgebung ließ mich ehrfürchtig staunen über die mannigfachen Darstellungsformen, die die Natur uns schenkt.

Und so einzigartig wie sich jede Schneeflocke in ihrer Struktur unter dem Mikroskop zeigte, so vielfältig sind die Worte und Bedeutungen von SCHNEE in den Sprachen, in den Ländern, in den Kulturen dieser unserer gemeinsamen Welt.


erschienen bei Hoffmann und Campe/ ISBN: 978-3455011807

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!