[Rezension] Gilbert Adair – OH DEAR! MISS MOUNT UND DER MORD IM HERRENHAUS

Weihnachtsstimmung auf ffolkes Manor: Colonel Roger ffolkes (sic!) und seine Gattin Mary haben ihre engsten Freunde zum Feste geladen. So findet sich in dem alten Gemäuer eine illustre Gästeschar zusammen: Neben dem Vikar der Gemeinde Clem Wattis und seiner Gattin Cynthia sind der Hausarzt der Familie Doktor Henry Rolfe nebst Gattin Madge ebenso anwesend wie auch der Sekretär Farrar. Für den nötigen Glamour sorgen die berühmte Bühnen- und Filmschauspielerin Cora Rutherford und die berüchtigte Kriminalautorin Evadne Mount. Alle Anwesende verstehen sich gar prächtig, und es verspricht ein angenehmes Weihnachtsfest zu werden. Doch dann tauchen Selina, die Tochter des Hauses, und ihr Freund Donald Duckworth auf und haben einen äußerst unangenehmen wie ungebetenen Gast im Schlepptau. Raymond Gentry, seines Zeichens Klatsch-Kolumnist bei einem schmierigen Boulevard-Blatt, entpuppt sich als eine widerwärtige Natter, die ihre Zähne mit Genuss ins Fleisch der Gäste rammt und voller Bosheit droht, deren intimsten Geheimnisse zu offenbaren. So hält sich die Anteilnahme der Anwesenden in Grenzen, als er am nächsten Morgen in einer von innen verschlossenen Dachkammer erschossen aufgefunden wird. Selbstverständlich muss ein solch schändlicher Mord (auch wenn alle der Meinung sind, dass das Opfer es verdient hätte) aufgeklärt werden. Aufgrund der misslichen Wetterlage ist mit einer Unterstützung durch die Polizei nicht zu rechnen und so wird sich mit dem pensionierten Chefinspektor Trubshaw vom Scotland Yard, der unweit von ffolkes Manor in der Nachbarschaft wohnt, beholfen. Trubshaw findet nicht nur die Gäste in gereizter Atmosphäre vor, von denen jede*r bei näherer Betrachtung ein Motiv für die Tat hätte, – Nein! – zudem muss er mit dem Übereifer einer Evadne Mount konkurrieren, die sich mit Elan in seine Ermittlungen einmischt. Wer von den beiden wird den Mörder/die Mörderin als Erste*r entlarven…?

Werfen wir doch einmal einen Blick auf die Zutatenliste. Was haben wir denn hier?

  • ein Weihnachtsfest auf einem alten englischen Landsitz: Hatten wir schon!
  • ein Tatort, der von der Außenwelt abgeschnitten ist: Hatten wir schon!
  • ein Mord in einem von innen verschlossenen Raum: Hatten wir schon!
  • eine Vielzahl an Verdächtigen mit ebenso vielen Motiven: Hatten wir schon!
  • ein brummig-kauziger Inspektor: Hatten wir schon!
  • eine skurrile Amateurdetektivin: Hatten wir schon!
  • ein großer Showdown mit überraschender Auflösung: Hatten wir schon!

Gibt es somit einen logischen Grund, warum Ihr diesen Krimi lesen solltet?
Nein, den gibt es nicht, aber lest ihn trotzdem. Warum? Weil es einfach Spaß macht!

Autor Gilbert Adair erfindet das Genre wahrlich nicht neu. Vielmehr spielt er mit den Erwartungen, die die Leserschaft an einen guten, alten, englischen Krimi haben, und erfüllt uns diese. Dabei erlaubt er sich die Freiheit, in manchen Aspekten frecher zu sein als seine literarischen Vorbilder (Hinweis: Der Roman spielt im Jahre 1935 ist allerdings erst 2006 entstanden.). Im Zuge der Aufklärung des Falls müssen die Verdächtigen skandalöse Enthüllungen und pikante Anekdötchen offenbaren, die im Jahre 1935 durchaus Karrieren wie auch das gesellschaftliche Ansehen ruiniert hätten.

Nebenbei zitiert er genüsslich die Großen der Krimi-Zunft, lässt Evadne Mount über ihre schärfste Konkurrentin Agatha Christie wettern oder Cora Rutherford über ihr Treffen mit „Hitch“ (Alfred Hitchcock) berichten, in dessen nächsten Film sie (natürlich!) die Hauptrolle spielen soll. Dies geschieht so selbstverständlich mit einer signifikanten Leichtigkeit, dass diese Details sich absolut logisch und somit glaubwürdig in die Geschichte einfügen.

Zudem sorgt er mit seinen prallen Charakteren für eine Menge Unterhaltung und versteht es in den witzigen Dialogen, das Tempo der Geschichte immer wieder aufs Neue anzuziehen. Wenn ich mitten in der Geschichte plötzlich anfange, laut zu lesen, dann darf dieser Umstand durchaus positiv bewertet werden. Zeugt dies doch von meiner Lust als „alter“ Vor-Leser, den besagten Text zu interpretieren. Darum: Dies ist genau der richtige Krimi, um während der Feiertage im gemütlichen Kreise der Liebsten vorgelesen zu werden. Gibt es etwas Schöneres?


erschienen bei Oktopus (bei Kampa)/ ISBN: 978-3311300182

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Eine Geschichte…] Iris Macke – GRUSS AN BORD

Es ist kalt und dunkel. Der Hamburger Hafen ist unwirtlich an diesem frühen Adventsnachmittag. Aus den großen Fenstern der Seemannsmission scheint es hell. Ihr großer Saal ist voller Menschen. Sie sind zur Aufzeichnung der Radiosendung „Gruß an Bord“ gekommen. Einer von ihnen ist Konrad Nee. Sorgsam hat er sich die Worte zurechtgelegt, mit denen er seinen Sohn Christoph grüßen will. Christoph ist Offiziersassistent auf einem Tanker und gerade irgendwo vor Finnland auf der Ostsee. Als Konrad Nee sich vor dem Mikrofon kurz räuspert, werden alle still. „Lieber Christoph! Wir vermissen dich. Deine Brüder genauso wie Mama und ich. Komm uns bloß heile wieder!“ Hören wird Christoph diesen Gruß erst am Heiligabend. Denn dann sendet der Norddeutsche Rundfunk den „Gruß an Bord“ per Radio, Kurzwelle und Internet auf die Weltmeere.

Seit 68 Jahren gibt es diese Sendung. Denn auch in Zeiten moderner Kommunikation ist Radio nicht nur technisch zuverlässiger als ein Kontakt per Handy oder Tablet. Viele hören den „Gruß an Bord“ auch, weil Liebe dort spürbar wird. Annette und Klaus Kuhn sind extra aus Bayern angereist. Sie haben Päckchen gepackt für ausländische Seeleute, die Weihnachten ohne Familie im Hamburger Hafen verbringen müssen. Und sie grüßen per Mikrofon schon jetzt ihren Sohn David, der Heiligabend kurz vor Australien sein wird.

Troy kommt von einer kleinen Insel aus dem Südpazifik. Eigentlich wollte er an diesem Nachmittag nur die gastliche Seemannsmission besuchen. Aber so nutzt er die Gelegenheit und wünscht ganz spontan allen Hörern in seiner Heimatsprache frohe Weihnachten. Tatjana Domin hingegen ist vorbereitet: „Darf ich meinen Spickzettel benutzen?“, fragt sie den Moderator. Der lächelt ihr aufmunternd zu: „Klar!“ Tatjana will ihren Freund Philipp grüßen. Der 2. Offizier ist seit Wochen auf der „Glasgow Express“ unterwegs, zu Weihnachten wird er auf dem Atlantischen Ozean sein. „Hallo, mein Heizbärmann. Hier ist Taddi. Ich freue mich so sehr, dich Mitte Januar wieder in die Arme zu nehmen. Und hier kommt unser Insider: Liebe ist stärker als der Ozean.“

Iris Macke

[Tragikomödie] Tom Stoppard – ROSENKRANZ UND GÜLDENSTERN SIND TOT / Stadttheater Bremerhaven

Tragikomödie von Tom Stoppard / deutsch von Hanno Lunin

Premiere: 2. Oktober 2021 / besuchte Vorstellung: 21. November 2021

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Inszenierung: Tobias Rott
Bühne & Kostüme: Susanne Füller

William Shakespeare – der weltbekannte Barde aus Stratford-upon-Avon – war, ist und bleibt immer ein Garant für packende Geschichten. Aber selbst er hätte sich nicht träumen lassen, dass 350 Jahre nach seinem Tod ein aus der Tschechoslowakei nach Großbritannien emigrierter Schreiberling sich seine berühmt-berüchtigte Tragödie „Hamlet“ annimmt, daraus zwei Randfiguren herauspickt, diese in den Mittelpunkt stellt und alle anderen Personen zu schmückendem Beiwerk degradiert.

Tom Stoppard rückt in seiner Tragikomödie die beiden unglückseligen Freunde Hamlets, deren Schicksal schon zu Anfang der Tragödie besiegelt schien, in den Fokus und lässt die bekannte Geschichte eben „wie bekannt“ im Hintergrund ablaufen. Der edle Prinz Hamlet, der im Laufe des Stücks zunehmend verwirrter wird; der heimtückische Brudermord an seinem Vater durch die Hand des Onkels und die übereilte Vermählung seiner Mutter, der Königin, mit ebendiesen; Hamlets Werben und Sehnen nach der schönen Ophelia, die im Laufe des Stücks dem Wahnsinn verfällt; die bösartige Intrige des Onkels, um Hamlet endgültig loszuwerden…

…all dies gerät in Stoppards Stück zur Farce, in der all die hehren Gefühle, die schändlichen Taten und das aufopferungsvolle Leiden der Protagonist*innen im hellen Licht von Rosenkranz und Güldensterns Naivität als bloße Staffage enttarnt werden. Regisseur Tobias Rott unterstützt diese Aspekte des Stücks, indem er die Nebenpartien weniger wie in „Shakespeare in Love“ (Für den gleichnamigen Kino-Film lieferte Stoppard das Drehbuch.) sondern vielmehr als „Shakespeare in Drag“ agieren lässt: Alles ist ein wenig „zu viel“, „zu heftig“, „zu drüber“, um realistisch zu erscheinen. Vielmehr wirkt es eher wie ein billiges Schmierentheater, für das ursprünglich der auftretende Schauspieler mit seiner Tragöden-Truppe zuständig wäre.

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Hier wird famos-unterhaltsam „Theater im Theater“ zelebriert, wobei offen und ehrlich zugegeben wird, dass „alles nur gespielt“ und somit Fiktion ist. Die Nebenfiguren halten an „ihrer“ Realität fest und wirken darum umso verlogener. Mittendrin in diesem Chaos lernen wir unsere beiden Helden kennen, die anscheinend dem Hamlet-Zitat „Der Rest ist Schweigen“ wenig abgewinnen können. Leon Häder als Rosenkranz und Dominik Lindhorst-Apfeltaler als Güldenstern liefern einen fulminanten Dialog-Marathon ab, spielen sich die Stichworte einem Ping-Pong-Spiel gleich in einem enormen Tempo zu und gönnen sich und dem Publikum keine Verschnaufpause. Vielmehr wird dem Publikum ein hohes Maß an Konzentration abverlangt, da sonst intelligente Pointen und humorvolle Wortspielereien überhört werden könnten.

Einzig dem Schauspieler erlaubt Stoppard ebenfalls in den Mittelpunkt zu treten und unseren beiden Helden die Aufmerksamkeit des Publikums streitig zu machen. Henning Bäcker verkörpert diesen Schmierenkomödianten mal diabolisch-verführerisch, mal kraftvoll-bedrohlich und darf sich mit einer Auswahl markanter Typen seiner Tragöden-Truppe umgeben.

So bleiben die restlichen Rollen nur wenig mehr als Randerscheinungen (wie es im Shakespeare’schen Original Rosenkranz und Güldenstern sind) und werden von Marsha Zimmermann, Frank Auerbach, Isabel Zeumer und Marc Vinzing souverän ausgefüllt.

Die Kostüme und das Bühnenbild von Susanne Füller unterstreichen den Eindruck vom „Theater im Theater“: Auf der schwarzen Guckkastenbühne deuten wenige kasten-artige Bühnenelemente die unterschiedlichen Spiel-Ebenen an. Bei den Kostümen nimmt sie ebenso Anleihe an der Epoche Shakespeares wie an der Optik alter Slapstick-Filme.

Am Ende sind (titelgebend) Rosenkranz und Güldenstern tot, und somit erübrigt sich die Frage nach „Sein oder Nichtsein“. Hier wird herausragendes Sprech-Theater im wahrsten Sinne des Wortes geboten: …nix für Zwischendurch, dafür intelligente Unterhaltung vom Feinsten!


Tragisch: ROSENKRANZ UND GÜLDENSTERN SIND TOT und doch wünsche ich ihnen am Stadttheater Bremerhaven noch viele Male eine Wiederauferstehung.

[Rezension] Thierry Dedieu – Auf der Suche nach dem Schneemann

Tag für Tag treffen sich das Eichhörnchen, die Eule, der Igel und der Hase mit ihrem Freund dem Schneemann zum Spielen. Denn niemand kennt schönere Spiele, weiß lustigere Rätsel oder kann interessantere Geschichten erzählen als der Schneemann, der schon vieles gesehen und noch mehr erlebt hat. Die Freunde verbringen eine herrliche Zeit gemeinsam, bis eines Tages die ersten Frühlingsboten auftauchen. Die vier tierischen Freunde machen sich Sorgen um ihren eisigen Kumpel, der Tag für Tag schwächer wird, bis er eines Tages ganz verschwunden ist. Doch wo ist er nur geblieben? Er kann doch nicht gänzlich verschwunden sein? Und so folgen die Freunde den Spuren der Schneeschmelze in der Hoffnung, ihren Freund wieder zu treffen…!

Thierry Dedieu – Autor und Illustrator in Personalunion – hat ein niedliches Bilderbuch geschaffen, das die Themen Vergänglichkeit, Hoffnung, Trennung und Abschied kindgerecht anspricht und „nebenbei“ den Kreislauf der Natur auch für die Kleinsten nachvollziehbar erklärt.

Seine Illustrationen versprühen in ihrem Sepia-Look beinah einen Retro-Charme. Seine Figuren sind sehr detailreich-naturalistisch mit einem kleinen Hang ins Phantastische gezeichnet: So wirken die Tiere zwar recht naturgetreu, tragen allerdings auch Pudelmütze oder Sturzhelm. Gerade diese Requisiten im Zusammenspiel mit dem drolligen Habitus der Figuren sorgen für den märchenhaften Zauber der Geschichte.

Mir persönlich wirkten die Bilder beinah zu sehr wie Nahaufnahmen, bei denen die Freunde sehr dominant im Mittelpunkt stehen. Ich hätte mir hin und wieder gerne einen Blick aus der Entfernung gewünscht, um auch mehr von der Atmosphäre ihrer Umgebung wahrnehmen zu können.

Dafür komplementiert der wenige aber unterstützenden Text die Bilder sehr gelungen und trägt zum Verständnis der Handlung bei. Unsere possierlichen Helden werfen sich mit so viel liebenswerten Elan in ihr Abenteuer, dass es mir ganz und gar nicht schwerfiel, sie in mein Herz zu schließen…!


erschienen bei aracari/ ISBN: 978-3907114216

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

POETRY on the MARKET…

Eben noch gezittert, dann schon wieder vorbei: So ein Bundesweiter Vorlesetag rauscht an einem vorbei wie nix…! Hatte ich im letzten Jahr noch mit Abwesenheit geglänzt, da ich eine rechtzeitige Planung/ Anmeldung schlicht und ergreifend verpennt hatte, freute ich mich in diesem Jahr umso mehr, wieder dabei zu sein. Eine Idee zu einer Aktion war schnell gefunden: Unter der Überschrift POETRY on the MARKET würde ich auf dem Wochenmarkt mit einer „Lostrommel“ voller Gedichte präsent sein und die Marktbesucher*innen ansprechen, um sie einzuladen, ein Los zu ziehen. Ich würde ihnen das gezogene Gedicht vortragen, das sie hinterher natürlich mit nach Hause nehmen dürfen. Meine Idee war so simple wie genial! Doch ein banges Gefühl blieb: Wie würden die Marktbesucher*innen auf meine Ansprache reagieren???

Die erste Runde, die Ute Gartmann (Buchhändlerin meines Vertrauens) und ich über den Wochenmarkt machten, fiel eher ernüchternd aus: Nur wenige Marktbesucher*innen waren unterwegs, und die, die wir ansprachen, reagierten eher verhalten auf unser Angebot, ihnen nicht nur ein Gedicht zu schenken sondern ihnen dieses auch „Live & in Farbe“ vorzutragen.

Im Gegenteil: Ich erhielt sogar eine Abfuhr! Vor dem Stand eines Blumenhändlers hatte sich ein Trio mittleren Alters versammelt und plauderte miteinander. In meiner mir eigenen, wenig empathischen Art habe ich mich rücksichtslos in dieses Gespräch gedrängt, wagte frech, mich für diese Störung zu entschuldigen, und versuchte ihnen zudem noch brutal ein Gedicht aufzuzwingen. Eine der angesprochenen Damen fühlte sich absolut zu Recht von mir massiv belästigt, und machte mir in der ihr eigenen charmanten Art und in einem freundlich-wertschätzenden Ton deutlich, dass mein Verhalten nicht nur unverschämt sondern auch unpassend wäre. Ich nahm dies zum Anlass, mich dreist abermals zu entschuldigen und ihnen ein beleidigendes „Ich wünsche ihnen einen schönen Tag!“ an den Kopf zu werfen. Jetzt mache ich mir solche Vorwürfe: Hoffentlich habe ich bei dieser Dame kein irreparables Trauma ausgelöst. Wenn ich mich und meine Emotionen weiterhin so wenig im Griff habe, dann wird es schwer für mich, im Diesseits ausreichend positives Karma fürs Jenseits anzusammeln.

Nach einer kurzen Verschnaufpause gestaltete sich die zweite Runde deutlich angenehmer: So wurden wir u.a. von zwei Freundinnen scheinbar schon sehnlichst erwartet, die von der Aktion in der Zeitung gelesen hatten. Die Idee, ein Überraschungsgedicht aus einer „Lostrommel“ zu ziehen, das ihnen dann auch noch vorgetragen wird, fanden die beiden einfach ganz wunderbar. Und so entschieden sie sich, unsere „follower“ zu werden: Während wir langsam über den Wochenmarkt schlenderten, folgten sie uns, um weiteren Gedichten lauschen zu können. Plötzlich schien mein negatives Karma seine Macht verloren zu haben: Egal, wenn wir ansprachen, jede*r reagierte mit Begeisterung auf unsere Idee. Vielmehr lockten wir, während ich ein Gedicht vorlas, weitere Interessierte an, die erstaunt ihren Marktgang unterbrachen, zuhörten, um hinterher äußerst bereitwillig selbst ein Gedicht aus der „Lostrommel“ zu ziehen.

Es wurde gelauscht, gelacht und manchmal sogar gemeinsam rezitiert. Und ebenso schnell wie die Zeit verflog, minimierten sich unsere Lose. Mein Fazit: „Schön war’s!“ und „Wir brauchen beim nächsten Mal mehr Gedichte, definitiv viel mehr Gedichte!“

Den Artikel zum Vorlesetag in Osterholz-Scharmbeck findet ihr hier oder auf facebook.

[Rezension] Georges Simenon – Weihnachten bei den Maigrets

Weihnachten könnte für Monsieur und Madame Maigret so ruhig und entspannend sein – wo doch der berühmteste Kommissar von Paris über die Feiertage frei hat. Doch leider durchkreuzt eine aufdringliche Nachbarin ihnen ihre Pläne und weckt die Neugier des Kommissars mit einer mysteriösen Geschichte. Neben ihr in der Wohnung lebt ein junges Paar mit seiner Pflegetochter, die aufgrund eines Beinbruchs das Bett hüten muss. Und dieses Mädchen berichtet nun, dass sie in der Nacht zuvor Besuch vom Weihnachtsmann erhalten hätte, der ihr eine Puppe schenkte aber auch die Dielen in ihrem Zimmer untersuchte. Auf Drängen der Nachbarin befragt Maigret das Mädchen und ist durchaus bereit, ihr zu glauben. Zumal ihre Pflegemutter sich äußerst verdächtig benimmt, da sie sich dem Kind gegenüber beinah emotionslos verhält und versucht, die Geschichte herunterzuspielen. Maigret hat zwar keine Beweise, doch sein Instinkt rührt sich heftig, und er bittet seine Mitarbeiter um Unterstützung. So mutiert seine Wohnung zum inoffiziellen Hauptquartier einer ebenso inoffiziellen Ermittlung. Madame Maigret hätte sich viel lieber ein friedliches Weihnachtsfest gewünscht, doch Maigrets Instinkt trügt ihn auch diesmal nicht…!

Simenon lesen bedeutet, in Atmosphäre zu baden! Nun mag dieser Satz vielleicht etwas pathetisch erscheinen, doch genau diese Empfindung spüre ich, wenn ich Simenon lese. Selten habe ich einen Autor erlebt, der es schafft, mit wenigen Sätzen so punktgenau ein Milieu zu schildern. Wenige Sätze, manchmal nur Wörter genügen und vor meinem inneren Auge entsteht das entsprechende Setting der Geschichte. Dabei gehören seine Figuren selten der gehobenen Klasse an. Vielmehr skizziert er Menschen, die gestrauchelt und somit vom Leben gezeichnet sind. Manche sind mir als Leser sympathischer, andere sind es eher weniger. Doch allen ist gemein, dass sie Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten sind.

Ebenso wie er mit nur einem Wort das Milieu treffend beschreibt, lässt er zwischen seinen Figuren manches unausgesprochen, um die Verbindung der Figuren zueinander zu porträtieren. An seinem freien Tag könnte Maigret endlich mal ausschlafen: So schleicht sich Madame Maigret leise aus dem Schlafzimmer, um ebenso leise das Frühstück zu richten. Maigret liegt unterdessen wach im Bett und würde lieber aufstehen. Doch seine Frau wäre sehr enttäuscht, wenn er dies täte, da sie sich so sehr wünscht, dass er mal ausschläft.

Diese kleine Szene könnte sich so oder ähnlich zwischen machen langjährigen Eheleuten abspielen: Der großen stürmischen Liebe ist einer innigen Vertrautheit gewichen. Man fühlt sich einander verbunden und hat sich im gemeinsamen Leben angenehm arrangiert. Doch die Träume der Jugend sind ausgeträumt oder zumindest werden sie verdrängt. Nur manchmal brechen sie wieder an die Oberfläche hervor: So fühlte ich als Leser bei den Maigrets die Trauer um die eigene Kinderlosigkeit, die sie – besonders zu Weihnachten und speziell mit dem Wissen um das kranke Kind im Nachbarhaus – zu überrollen schien. Diese ungewohnt intimen Einblicke, die der Autor uns hier gewährt, werden von ihm aber so feinfühlig geschildert, dass ein Gefühl von Voyeurismus gar nicht erst aufkommt.

Vielmehr streute Simenon über diese kleine kriminalistische Weihnachtsgeschichte mit seinem weltberühmten Kommissar nehmst ebenso berühmter Gattin einen Hauch Melancholie, der mir beim Lesen die Augen feucht werden ließ…!


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311130949

[Rezension] Siegfried Lenz – Das Wunder von Striegeldorf. Eine Weihnachtsgeschichte/ mit Illustrationen von Franziska Harvey

„Ich gestehe, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen.“
Siegfried Lenz

Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der deutschsprachigen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. In seinen Werken setzte er sich immer gerne mit gesellschaftskritischen Themen auseinander, hinterfragte hierarchische Strukturen oder thematisierte die Zeit des Nationalsozialismus bzw. seine Aufarbeitung. Dabei blieb er seiner Heimat bzw. seinen Wurzeln stets verbunden. Schon die Erzählungen seines Erstlingswerks „So zärtlich war Suleyken“ siedelte er im ostpreußischen Masuren an, und auch die im Jahre 1957 erschienene Novelle „Das Wunder von Striegeldorf“ zeigt ein verspieltes Bild seiner Heimat.

Der Besenbinder Heinrich Matuschitz und der Forstgehilfe Otto Mulz sitzen für ein halbes Jahr hinter Gittern und müssen sich eine Zelle teilen. Dabei hätte das, wofür sie eingebuchtet wurden, wirklich jedem passieren können: Matuschitz hatte sich zum wiederholten Male ein Motorrad „geborgt“, und Mutz hatte aus Gram, dass sein Weib ihm mit dem Wilddieb abhandengekommen ist, „versehentlich“ den Forst abgefackelt. Nun sitzen sie einträchtig nebeneinander im Kittchen und genießen die berühmten Striegeldorfer Sonnenuntergänge. So schön, so gut – würde nicht Weihnachten nahen: Vieles könnte ein Masure hinnehmen, aber auf einen Heiligen Abend in Freiheit könnte er nicht verzichten. So hecken die beiden Schlitzohren eine List aus, wie sie unbemerkt aus dem Gefängnis entwischen können, um diesen Abend in ihrem Sinne zu begehen. Danach würden sie auch ganz sicher wieder zurückkommen, um ihre restliche Strafe abzusitzen. Gesagt, getan – doch als die beiden Schwerenöter wieder ins Gefängnis hinein möchten, wird ihnen der Zugang verwehrt. Da sie ja nicht offiziell ausgebrochen sind, können sie somit auch nicht wieder einbrechen…!

Lenz lässt die Ereignisse seiner kleinen, charmanten Geschichte von einem namenlosen Ich-Erzähler im Plauderton berichten, der sich als Großneffe von Matuschitz outet. Der persönliche Aspekt bietet so die Möglichkeit, die Geschehnisse in einem wohlwollenden Licht zu beleuchten. Die beiden kriminellen Hallodris werden mit reichlich Sympathie bedacht, die auch auf die Leserschaft abfärbt. Man kann diesen beiden Schlawinern einfach nicht böse sein. Ganz im Gegenteil – vielmehr erhalten sie unsere volle moralische Unterstützung beim Überlisten der Obrigkeit, die dabei ganz und gar nicht vorteilhaft porträtiert wird. Voller urwüchsigem Charme und mit einer üppigen Portion Bauernschläue versehen, lassen sich die Beiden durch den Heiligen Abend treiben und gestalten diesen ganz nach ihrem Gusto. Dabei scheren sie sich nicht um Konventionen, sind in ihrem Spiel niemals böse, sondern vielmehr sehr darauf bedacht, dass niemand Schaden nimmt.

Franziska Harvey fängt in ihren drolligen Illustrationen die Atmosphäre des vergangenen Ostpreußens ganz wunderbar ein. Sie ironisiert wo nötig ohne den märchenhaften Charakter der Geschichte unbeachtet zu lassen. Dabei schafft sie eine solche Einheit zwischen Bild und Text, dass ich mir diese Geschichte ohne ihre Illustrationen nicht mehr vorstellen könnte.

Siegfried Lenz schuf eine ganz und gar herzerwärmende Geschichte, die durch die Kunst der Illustration noch verfeinert wurde…!!!


erschienen bei cadeau (bei Hoffmann und Campe)/ ISBN: 978-3455380835

[Konzert] Pjotr Iljitsch Tschaikowsky – DER NUSSKNACKER / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky / nach einem Märchen von E.T.A. Hoffmann

Philharmonisches Orchester Bremerhaven / in Kooperation mit der Ballettschule Dance Art Bremerhaven

Premiere: 5. November 2021/ besuchte Vorstellung: 7. November 2021

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


Musikalische Leitung: Hartmut Brüsch
Moderation: Tom Baert
Choreografie & Inszenierung: Irina & Marius Manole

Vor beinah genau einem Jahr starrte ich traurig zu den Eintrittskarten, die schon seit Wochen an meiner Pin-Wand hingen und auf ihren Einsatz warteten. Doch mit Einsetzen des Lockdown erstarb selbst mein kleinster Rest Hoffnung auf einen Besuch des Familienkonzerts des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven. Und so blieb mir von Peter und der Wolf nur der Blick auf den Monitor meines PCs, da das Stadttheater Bremerhaven das Konzert ohne Publikum aufnahm und dankenswerterweise ins Netz stellte.

In diesem Jahr meldete sich das Philharmonische Orchester Bremerhaven für ihr erstes Familienkonzert mit einem wahren Feuerwerk bei ihrem jungen (und junggebliebenen) Publikum zurück. Mit Tschaikowskys bekanntem und beliebtem Märchenballett stand ein Werk auf dem Programm, das eine visuelle Umsetzung beinah zwingend machte. So wiederholte das Stadttheater Bremerhaven seine Kooperation mit der Ballettschule Dance Art Bremerhaven von Irina und Marius Manole und rekrutierte das Ensemble aus deren Elevinnen und Eleven.

Und hier saßen wir nun und warteten gespannt auf den Beginn der Vorstellung. Um uns herum wuselten Eltern, Großeltern, Geschwister und sonstige Anverwandte der kleinen Bühnenstars und wunderten sich vielleicht über diese zwei großen Kerle, die gänzlich ohne (Alibi-)Kind erschienen waren, dafür aber äußerst prominente Plätze (Parkett, Reihe 4, Mitte) für sich einnahmen. Ein Umstand, den wir geflissentlich von uns abperlen ließen, da auch das Kind im Kerle seine Daseinsberechtigung hat und kulturellen Zuspruch benötigt.

Es scheint mir schwierig, die phantasievolle und abwechslungsreiche Handlung dieses Märchenballetts in wenige Worte zu fassen. So mutet sie auch eher als Nummer-Revue an, bei der der Komponist populäre bzw. publikumswirksame Elemente durch eine lose Rahmenhandlung verband. Ein Umstand, der dem Charme dieses Werkes keinen Abbruch tat bzw. tut…!

Herr und Frau Silberhaus feiern Weihnachten und haben dazu auch die Freundinnen und Freunde ihrer Kinder Klara und Fritz eingeladen. Auch Klaras Pate Onkel Drosselmeyer ist unter den Gästen und hat für jedes Kind ein Spielzeug als Geschenk. Seiner Patentochter überreicht er ein ganz besonderes Präsent: einen prachtvollen Nussknacker. Doch Fritz ist eifersüchtig und balgt mit seiner älteren Schwester um dieses kostbare Spielzeug, wobei er den Nussknacker beschädigt. Die Gäste verabschieden sich, und Klara geht traurig zu Bett. Im Traum meint sie zu erwachen, denn alles um sie herum erscheint ihr so real: Plötzlich ist der Nussknacker lebensgroß und erwacht zu einem stattlichen Prinz. Doch der gemeine Mäusekönig findet ebenfalls Gefallen an Klara. So entbrennt eine Schlacht zwischen der Garde des Nussknacker-Prinzen und der Sippe vom Mäusekönig, die beinah die Mäuse für sich gewinnen, wäre Klara nicht eingeschritten, um dem Mäusekönig mit ihren Pantoffeln erst auf den Kopf und dann in die Flucht zu schlagen. Der Prinz lädt Klara ein, gemeinsam mit ihm die Welt zu erkunden. Ein Schneesturm wirbelt sie in die Lüfte und lässt sie in fernen Ländern landen, aus denen so manche der weihnachtlichen Köstlichkeiten wie Schokolade, Kaffee oder Tee stammen. So besuchen sie Spanien, Russland, China und die arabischen Länder und schauen sich die unterschiedlichen Tänze an. Selbst im Traum ist ihr Onkel Drosselmeyer immer in ihrer Nähe und behütet sie. Mit dem Tanz der Zuckerfee verabschiedet sich Klara von ihrer Traumwelt und erwacht mit dem hölzernen Nussknacker im Arm…!


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Tom Baert, Theater-, Tanz- und Konzertpädagoge am Stadttheater Bremerhaven, betrat die Bühne, begrüßte das Publikum und verstand es schnell, besonders das junge Publikum in seine Moderation mit einzubeziehen. Der Vorhang öffnet sich und gab den Blick auf das Philharmonische Orchester Bremerhaven frei, das uns heute unter dem versierten Dirigat von Hartmut Brüsch musikalisch verzaubern sollte. Vorab stellte Baert (ganz Pädagoge) seinem Publikum einige Instrumente aus dem Orchester vor, die im Laufe des Balletts durchaus an Bedeutung gewinnen sollten. Doch er fungierte nicht nur als charmanter Moderator sondern hatte auch die Rolle des Onkel Drosselmeyers inne. Hier zeigte er gekonnte, dass seine Wurzeln beim Tanz zu finden sind.

Doch damit ich es nicht vergesse, sei dies vorab gesagt: Es war bezaubernd…!

Irina und Marius Manole von der Ballettschule Dance Art Bremerhaven gelang das große Kunststück über 70 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 18 Jahren nicht nur auf der Bühne zu bändigen, sondern diese Energie in ihrer geschmackvollen Choreografie zu bündeln und die jungen Menschen je nach Alter und Stand der Ausbildung mit entsprechenden Partien zu bedenken. Da flitzten putzige Mäuschen und kleine Nussknacker über die Bühne, Schneeflocken wirbelten in Pirouetten um ihre Schneekönigin, Klaras Puppen erwachten zum Leben, Rohrflöten wiegten sich beim Tanz im Wind und feurige Spanierinnen oder exotische Tempeltänzerinnen entführten bei den folkloristischen Tänzen in ferne Länder.

Andrés Oldorf Gaudioso gab einen stattlichen Prinzen. Darleen Blatz wirbelte als Schneekönigin im Zusammenspiel mit ihren Schneeflocken graziös über die Bühne. Davina Weidner bezauberte mit ihrem Soli „en pointe“ beim Tanz der Zuckerfee. Doch das meiste Augenmerk lag zwangsläufig auf der Darstellerin der Klara: Miriam Manole (der Nachname verrät, von wem sie dieses Talent geerbt hat) war entzückend, ungemein anmutig und zeigte zudem eine große Spielfreude in ihrer Rolle.

Nach einer guten Stunde war das märchenhafte Spektakel leider schon vorbei. Doch dafür lief mein Herz dank der vielen positiven Empfindungen über.

Ach ja, und hatte ich es schon erwähnt: Es war bezaubernd…!


Wer von Euch sich das Konzert – trotz meiner salbungsvollen Worte – immer noch nicht so recht vorstellen mag und zum besseren Verständnis sowohl einen akustischen wie auch optischen Eindruck benötigt, dem kann geholfen werden. Herr Burdack aus dem 3. Stock (aka Ulrich Burdack, Opernsänger am Stadttheater Bremerhaven) befiel schon vor einem Jahr eine leise Vorahnung, dass hier und heute Erklärungsbedarf besteht, als er die Quintessenz des Balletts in seinem Video virtuos zusammenfasste. 

 


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!

[Rezension] Nicholas Blake – Das Geheimnis des Schneemanns

Einem Hilferuf gleich mutet die Nachricht von Clarissa Cavendish an, die sie ihrer Cousine Georgia Strangeways schickt, in der Hoffnung so auch das Interesse ihres Gatten dem bekannten Privatermittler Nigel Strangeways zu wecken. Auf dem Anwesen Easterham Manor von Clarissas langjährigen Freunden Charlotte und Hereward Restorick passieren Vorfälle parapsychischer Natur: Während einer Séance gebärdet sich die Hauskatze wie ein tollwütiger Derwisch, als stände sie unter dem negativen Einfluss einer übernatürlichen Macht. Als die Strangeways in Easterham Manor eintreffen, werden sie von einer äußerst ungewöhnlichen Gesellschaft erwartet: Neben dem Hausherren, seiner Gattin und deren beiden Kindern, befinden sich noch seine erwachsenen Geschwister Andrew und Elizabeth sowie der Arzt Dr. Bogan und Elizabeths Freunde Will Dykes und Eunice Ainsley als Gäste auf dem Anwesend. Noch bevor sich Nigel Strangeways eingehend mit dem merkwürdigen Verhalten der Katze beschäftigen kann, wird Elizabeth Restorick erhängt in ihrem Zimmer aufgefunden. Schon bald lassen Indizien den Schluss zu, dass es sich um einen Mord handelt, der als Selbstmord getarnt wurde. Da das Anwesend aufgrund der anhaltenden Schneestürme mehr oder weniger von der Außenwelt abgeschnitten ist, muss sich der Mörder/ die Mörderin noch im Haus befinden. Jede*r der anwesenden Personen erscheint somit verdächtig. Gemeinsam mit Detective Inspector Blount vom Scotland Yard nimmt Nigel die Ermittlung auf und tappt dabei in so manche Sackgasse: logische Schlussfolgerungen können nicht bewiesen werden, mögliche Motive werden entkräftet. Der Fall scheint unlösbar, bis Andrew Restorick und Dr. Bogan eines Nachts verschwinden und wie vom Erdboden verschluckt zu sein scheinen. Erst als Tau-Wetter einsetzt, und der Schnee zu schmelzen beginnt, offenbart der Schneemann im Garten von Easterham Manor sein schauriges Geheimnis…!

Nach Das Geheimnis von Dower House (1936) ist dies nun der zweite Fall des smarten Privat-Schnüfflers Nigel Strangeways, der seinen Weg ins heimische Bücherregal findet. Und auch dieses Mal überzeugt Nicholas Blake mit einer geschickt verzwickten Geschichte, die mit prallen Typen und überzeugenden Dialogen (Hier wusste jemand, wie man gute Dialoge schreibt!) punktet. Zudem zeichnet der Autor einige kraftvolle Frauen-Porträts, allen voran die Gattin unseres Helden, deren Erscheinen alles andere als nur schmückendes Beiwerk darstellt.

Schwächelte der vorangehende Krimi ein wenig an einer aufgeblasenen Schluss-Sequenz, setzt Blake diesmal die Lösung des Rätsels an den Anfang – ohne wichtige Fakten zu verraten – und lässt die Leserschaft über die Handlung des gesamten Romans hinweg dem alles entscheidenden Schluss-Akkord entgegen fiebern.

Dieser Roman ist so sehr mit seiner Entstehungszeit (1941) verhaftet, dass – neben dem Charme der Vergangenheit – Äußerungen bzgl. der damaligen politischen Lage unvermeidbar sind. Die Geschichte spielt zu einer Zeit, als der 2. Weltkrieg tobte, und so hätte das Fehlen von entsprechenden Hinweisen und Kommentaren zwangsläufig etwas sonderbar auf mich gewirkt. Doch dem Autor gelingt es, dieses Zeit-Kolorit wohldosiert einzusetzen. Darüber hinaus erfreut er seine Leserschaft mit für die damalige Zeit überraschend pikant-frivolen Anspielungen: Das „anrüchige“ Wörtchen aus drei Buchstaben fällt nicht nur einmal…!

Ansonsten ist dieser Kriminalroman genau das, was ich von ihm erwartet habe: eine kurzweilige Unterhaltung – nicht mehr, nicht weniger, aber selbst das schafft nicht jeder Krimi!


erschienen bei Klett-Cotta/ ISBN: 978-3608983470

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!