[Rezension] Josephine Tey – ALIBI FÜR EINEN KÖNIG

Inspector Alan Grant vom Scotland Yard liegt nach einem berufsbedingten Unfall mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus, starrt zur Decke und langweilt sich. „Von Hundert auf Null“ wurde er aus seinem aktiven Berufsleben in die stupide Monotonie eines Krankenhausalltags katapultiert. So fühlt er sich äußerst nutzlos, was sich deutlich auf seine Laune auswirkt. Diese wird zunehmend schlechter – sehr zum Leidwesen des Pflegepersonals und seines Besuchs. Dabei versucht besonders die reizende Marta Hallard ihn mit dem neusten Klatsch und Tratsch aus der Welt des Theaters (Schließlich ist sie eine gefragte Schauspielerin.) zu unterhalten. Aber selbst die Histörchen über ihre junge Kollegin, die sich auf der letzten Amerika-Tournee den Erben eines Haushaltswaren-Imperiums geangelt hat, und der ihr über den großen Teich bis nach London gefolgt ist, können ihn nicht zerstreuen. Und so appelliert Marta an den kriminalistischen Instinkt von Grant, der sich in der Vergangenheit besonders durch das Studieren von Gesichtern hervorgetan hat, und liefert ihm eine Sammlung von Porträts zeitgenössischer wie historischer Persönlichkeiten. Eher lustlos blättert Grant durch die Porträts, bis das Bild von Richard III ihn in seinen Bann zieht. König Richard III regierte das Land von 1483 bis zu seinem Tod im Jahre 1485, und „Dank“ der Tragödie aus der Feder von William Shakespeare wird er als skrupelloser Machtmensch gesehen, der angeblich rücksichtslos seine beiden minderjährigen Neffen tötete, nur um sich weiterhin den Thron zu sichern. Grants Interesse ist geweckt. Doch die Ausbeute an Geschichtsbüchern, die ihm das Pflegepersonal zur Verfügung stellen kann, deckt nur notdürftig seinen Wissensdurst – im Gegenteil: Vielmehr keimt in Grant der Verdacht, dass der König zu Unrecht verschmäht wurde. Da kommt Marta auf die glorreiche Idee, ihm Brent Carradine, eben jenen Erben eines Haushaltswaren-Imperiums, an die Seite zu stellen. Carradine ist momentan chronisch unterbeschäftigt und gerne bereit unter der Führung von Grant im British Museum zu recherchieren. Beide Männer stürzen sich mit Elan in die Aufgabe und graben Erstaunliches zu Tage…!

Hinter dem Pseudonym Josephine Tey versteckt sich die schottische Autorin Elizabeth MacKintosh, die sehr zurückgezogen lebte und öffentliche Auftritte scheute. Vielmehr ließ sie ihre Kriminalromane für sich sprechen. „Alibi für einen König“ belegt Platz 1 auf der Liste der 100 besten Kriminalromane der Autorenvereinigung „Crime Writers’ Association“ und wurde im Jahre 1969 mit dem „Grand prix de littérature policière“ geehrt. Dabei ist auch dieser Roman – wie auch schon Nur der Mond war Zeuge – wahrlich kein typischer Kriminalroman.

Tey verzichtet gänzlich auf die bekannten Zutaten eines klassischen Krimis. Vielmehr spielt der gesamte Roman ausschließlich im Krankenzimmer von Alan Grant und zieht seine Spannung aus den Dialogen der handelnden Personen. Humorvoll stellt Tey hier die unterschiedlichen Charaktere unserer beiden Helden gegenüber: Während Grant diesen „Fall“ eher analytisch aus der Sicht des erfahrenen Kriminologen betrachtet, lässt Carradine sich gerne von seinem jugendlichen Elan leiten.

So lässt Tey ihren Hauptprotagonisten bzw. seinen Kompagnon sich durch die Standardwerke der britischen Geschichte ackern und scheut – ganz im Sinne der Wahrheitsfindung – nicht davor zurück, Widersprüchliches aufzudecken und Ungereimtheiten offenzulegen.

Da ich kein Fachmann in Bezug auf die britische Geschichte bin, nehme ich die genannten Fakten, historischen Tatsachen und literarischen Verweise als authentisch hin. So kann ich über die Fülle der Zitate, die von der Autorin scheinbar akribisch recherchiert wurden, nur staunen und ihr dafür meine Hochachtung aussprechen.

Damit dieser Krimi nicht zu einer langweiligen wie auch langatmigen Unterrichtsstunde zur britischen Geschichte verkommt, erfreut die Autorin uns mit markanten Protagonist*innen, die durchaus den gängigen Klischees der Entstehungszeit des Romans entsprechen. Doch dies betrachte ich weniger als Nachteil. Vielmehr trägt dieser Umstand zum liebenswerten Flair dieses Krimis bei, zumal Tey ihre Held*innen charmant porträtiert und in sowohl amüsanten wie auch geschliffenen Dialogen miteinander agieren lässt.

Ich bin so froh, dass, neben all den Ostfriesenmördern und skandinavischen Psycho-Killern, die klassische Kriminalliteratur seit einiger Zeit eine Renaissance erfährt und (hoffentlich) weiterhin einen sicheren Platz bei rührigen Verlagen, im Buchhandel und somit auch im heimischen Bücherregal findet.


erschienen bei Oktopus bei Kampa) / ISBN: 978-3311300359 / in der Übersetzung von Maria Wolff
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Moritz Hürtgen – Der Boulevard des Schreckens

Da hat sich Volontär Martin Kreutzer arg weit aus dem Fenster gelehnt, als er gegenüber seinem Chefredakteur Oliver Michels und der Leiterin des Feuilletons Linda Hellwig vollmundig behauptet, er könne ein Exklusiv-Interview mit dem momentan angesagtesten Performance-Künstler Lukas Moretti ergattern. Denn schließlich wären er und Moretti miteinander bekannt – Ja! – er würde sogar so weit gehen und behaupten, sie wären seit der gemeinsamen Studienzeiten miteinander befreundet. Während Hellwig eher misstrauisch reagiert, ist Michels sofort Feuer und Flamme und schickt den selbsternannten „Star-Reporter“ nach München zum neuen Stern am Künstlerhimmel. Und natürlich reagiert Moretti auf das Erscheinen von Martin Kreutzer wie erwartet: Er kann sich weder an ihn noch an eine gemeinsame Studentenzeit erinnern, und für ein Interview für dieses rechtsversiffte Schmierenblatt steht er nie und nimmer zur Verfügung. Kreutzer ist verzweifelt. Zumal ihm seine Chefin Linda Hellwig telekommunikativ im Nacken sitzt, will heißen, sie droht ihm via Handy Höllenqualen an, sollte er nicht liefern. Und so greift er in seiner Not zu einer Lüge, hämmert ein fiktives Interview in die Tastatur seinen Laptops, schickt dieses zur Redaktion und fällt danach in einen unruhigen Schlaf. Am nächsten Morgen ist nichts mehr wie am Abend zuvor! Am nächsten Morgen wird bekannt, dass die Leiche von Lukas Moretti neben Gleisen in der Nähe seines Heimatortes gefunden wurde. Chefredakteur Michels ist begeistert. Seine Redaktion ist exklusiv im Besitz des absolut letzten Interviews von Lukas Moretti, und so schickt er seinen journalistischen Gold-Jungen Kreutzer zum Ort des Geschehens zwecks Hintergrund-Recherche: Fotos vom Fundort der Leiche, Statements der Einsatzkräfte, Interviews der trauernden Hinterbliebenen etc. Und Martin Kreutzer macht sich – gezwungenermaßen – auf den Weg und findet sich unvermittelt in einem Kaleidoskop der menschlichen Absonderlichkeiten wieder…!

Nachdem ich seinen amüsanten Gedichtband Angst vor Lyrik wahrlich genossen habe, war ich sehr gespannt auf den Erstlings-Roman von Moritz Hürtgen und stürzte mich – nachdem das Rezensionsexemplar mich erreichte – voller Vorfreude in die Handlung. Doch irgendwie fremdele ich leider mit diesem Werk. Die bissige Ironie, die in der Kürze der Verse so fulminant witzig zündete, wirkte auf mich in der Langstrecke eines Romans eher unangenehm. Zumal auch die Figuren wenig Sympathie ausstrahlten, vielleicht auch wenig Sympathie ausstrahlen sollen.

Dabei liefert Hürtgen durchaus einen interessanten Mix aus Medienschelte, Realsatire und Gesellschaftskritik und nimmt dabei Anleihen an dem Genre des Kriminalromans. Die Geschehnisse im Hotel riefen in mir zudem Assoziationen an Stephen Kings „Shining“ hervor. Hinter jeder Ecke, signitiv nach jeder gelesenen Seite lauerte wieder eine neue turbulente Entwicklung und trieb so die Handlung weiter voran.

Doch als naiv Unbeteiligter fragte ich mich, ob der Autor mit seiner Schilderung bewusst schamlos übertreibt oder eher die brutale Realität der Medienlandschaft mit ihren manischen Protagonisten und menschenverachtenden Methoden beschreibt. Letzteres würde mich eher ängstigen, für ersteres fehlte mir trotz aller Überhöhung eine Spur mehr Humor (bzw. ein Humor, den ich erkennen und verstehen konnte). Ein amüsiertes wie erleichterndes Auflachen beim Lesen hätte mir zwischendrin durchaus gutgetan.

So legte ich den Roman bedauerlicherweise mit zwiespältigen Gefühlen aus den Händen: Ich fand ihn nicht schlecht. Doch die Verwirrung, die er in mir auslöste, behielt dabei leider die Oberhand. Schade!


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956145094

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2022/2023 / Stadttheater Bremerhaven

mit der Helios-Ouvertüre von Carl Nielsen sowie Arien und Musiken von Bedrich Smetana, Gioachino Rossini, Wolfgang Amadeus Mozart, Antonio Vivaldi, Carl Maria von Weber, Giacomo Puccini, Pjotr Iljitsch Tschaikowsky und Carl Millöcker

mit Ausschnitten aus „Viel Lärm um Nichts“ von William Shakespeare, „Outfit of the day“ von Inda Buschmann & JUB-Ensemble und den Balletten „Black Angels“ und „Dornröschen“ von Alfonso Palencia

Premiere: 3. September 2022 / besuchte Vorstellung: 3. September 2022

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Marc Niemann, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch
Moderation: Lars Tietje, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig, Alfonso Palencia
Szenische Einrichtung: Annika Ellen Osenberg

Musiktheater: Ulrich Burdack, Signe Heiberg, Andrew Irwin, Konstantinos Klironomos, Victoria Kunze, Boshana Milkov
Ballett: Renan Carvalho, Melissa Festa, Stefano Neri, Ting-Yu Tsai,
Schauspiel: Henning Bäcker, Marsha Zimmermann
JUB: Philipp Haase, Luca Hämmerle, Coco Plümer, Severine Schabon
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


2½ Monate musste ich schmerzlich darben! 2½ Monate musste ich auf Theater verzichten! Okay, okay, es ist „Leiden auf hohem Niveau!“: Schließlich hatten wir im letzten Jahr eine ganz andere Durststrecke zu bewältigen. Doch was ich mit diesen Worten zum Ausdruck bringen möchte, ist schlicht und ergreifend meine Freude, wieder ins Theater gehen zu dürfen.

Ja, ich darf, und es ist wahrlich nicht selbstverständlich!

Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von GMD Marc Niemann eröffnete die Gala mit der Helios-Ouvertüre von Carl Nielsen und verwies so gekonnt auf das Motto natürlich der diesjährigen Konzert-Saison.

Nach einer äußerst gelungenen Einstands-Saison kann Intendant Lars Tietje nun deutlich entspannter dieser Spielzeit entgegen blicken. In seiner Begrüßung brachte er seiner Freude zum Ausdruck, den Zuschauersaal – nach 2 Jahren der reduzierten Platzauslastung – wieder so üppig mit Publikum gefüllt zu sehen. Dabei gestaltete er launig seine Moderationen und ließ bei div. Programmpunkten auch Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Alfonso Palencia als jeweilige Sparten-Leitung zu Wort kommen.

Henning Bäcker und Marsha Zimmermann boten mit einem Ausschnitt aus William Shakespeares Viel Lärm um Nichts ein komödiantisches Schmankerl: Hier zanken sich die Geschlechter unterhaltsam mit so viel Wortwitz und Intelligenz, dass diese Szene meine Vorfreude auf die komplette Inszenierung schürte.

Philipp Haase, Luca Hämmerle, Coco Plümer und Severine Schabon vom JUB (Junges Theater Bremerhaven) präsentierten frech und amüsant eine Szene aus dem Stück Outfit of the day, das das Ensemble gemeinsam mit der Regisseurin Inda Buschmann entwickelt hatte, und zeigten damit nachdrücklich, dass in Bremerhaven modernes Kinder- und Jugend-Theater gemacht wird.

Ballettdirektor Alfonso Palencia gab gleich in zwei Programmpunkten einen Eindruck seines Choreografie-Stils: Bei „Black Angels“ vertanzten Renan Carvalho und Melissa Festa gekonnt athletisch die Musik aus Vivaldis „The Four Seasons“. Doch besonders der Ausschnitt aus dem Ballett Dornröschen mit der Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky zeigte noch deutlicher die Handschrift des Chefchoreografen: Ting-Yu Tsai und Stefano Neri boten eine sinnlich-anmutige und doch auch dynamische Performance. Dieser verführerische Ausschnitte machte Lust auf ein Mehr.

Auch diesmal teilte sich Marc Niemann die musikalischen Programmpunkte mit seinen Kollegen Davide Perniceni und Hartmut Brüsch, die das Orchester und die Solisten ebenso überzeugend durch die Arien leiteten. Wie in jedem Jahr trauere ich einigen Künstler*innen nach, die Bremerhaven leider verlassen haben. Doch gleichzeitig bin ich äußerst neugierig auf die neuen Sänger*innen und kann es kaum erwarten, sie kennenzulernen. Dabei ist das Bremerhavener Publikum durchaus zugeneigt, Vorschusslorbeeren in Form eines überschäumenden Applauses verteilen wir nicht. So wurden die „Neuen“ bei ihrem ersten Erscheinen auf der Bühne mit einem durchaus wohlwollenden aber nicht euphorischen Applaus bedacht. Boshana Milkov überzeugte mit ihrem vollen, warmen Mezzo in der Arie „Cruda sorte“ aus Rossinis „L’Italiana in Algeri“ und erhielt ihren verdienten Applaus. Tenor Konstantinos Klironomos betrat beinah respektvoll die Bühne: Nach der grandios gesungenen Arie „Recondita Armonia“ aus „Tosca“ von Giacomo Puccini, die mit einem euphorischen Applaus belohnt wurde, war ihm die Erleichterung sichtlich anzumerken.

Eröffnungsgala Stadttheater Bremerhaven 2022-23 - Foto Otto Oberstech

Doch auch das Wiedersehen bzw. –hören mit den „alten“ Häsinnen/Hasen aus dem Musiktheater bereitete mir wieder eine große Freude: Bass Ulrich Burdack bewies mit der Arie „Jeder, der verliebt“ aus der Oper „Die verkaufte Braut“ von Bedrich Smetana erneut, dass in einem stattlichen Körper eine flexible und trotz der Tiefe auch leicht anmutende Stimme stecken kann. Signe Heiberg rief mit ihrer sinnlichen wie kraftvollen Interpretation von „Si, mi chiamano Mimì“ aus Puccinis „La Bohème“ Erinnerungen in mir wach: Anfang der 90er Jahre war „La Bohème“ die erste Oper, die ich auf einer Bühne sehen durfte – natürlich hier in „meinem“ Stadttheater Bremerhaven. Andrew Irwin gestaltete mit Witz und Spielfreude „Schau der Herr mich an als König“ aus Webers Der Freischütz und schäkerte dabei verschmitzt mit den Damen vom Opernchor.

Apropos Opernchor: In meinen Berichten über Aufführungen am Stadttheater Bremerhaven fällt gerne eine Formulierung wie „…der von mir hin und wieder gescholtene Opernchor“. Das muss nun aufhören! Diese kleine verbale Spitze ist noch meinem Eindruck aus einer Zeit geschuldet, als ich den Opernchor am Stadttheater kennenlernte. Damals gewann ich den Eindruck, die Damen und Herren wären ausschließlich zum Singen auf der Bühne, und schauspielern, tanzen, sich allgemein auf der Bühne bewegen, dies alles stand wohl nicht in ihrer Stellenbeschreibung. Besonders prägend war da für mich eine Aufführung der Oper „Nabucco“ mit dem berühmten Gefangenenchor: Der Chor stand auf der Bühne, erhob die Stimme(n), und der Klang war großartig. Doch dummerweise hatte der Regisseur die Idee, dass die Sänger*innen nach und nach vortreten sollten, um auf der Vorderbühne aus einzelnen Fetzen eine Flagge zusammenzusetzen. In dem Moment, als Bewegung in den Chor kam, brach der Klang kläglich zusammen. Doch in der Zwischenzeit fand im Opernchor am Stadttheater Bremerhaven ein Wechsel statt: Ob es nun ein Generationswechsel, ein Paradigmenwechsel oder welcher Wechsle es auch immer war? Egal! Heute zeigt der Chor sich sehr flexibel und spielfreudig, und einzelne Mitglieder brillieren sogar in Nebenrollen. Und auch ihre Auftritte bei dieser Eröffnungsgala waren absolut charmant und amüsant. Darum: Ich gelobe hiermit feierlich, meine Stichelei zukünftig zu unterlassen!

Auch in diesem Jahr war der Höhepunkt der Gala die Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden. In diesem Jahr fiel das Urteil der Jury auf die Sopranistin Victoria Kunze, die sichtlich ahnungslos mit dieser Würdigung überrascht wurde. Für mich war es immer eine Freude, diese Künstlerin auf der Bühne erleben zu können, da sie eine enorme Spielfreude mit sängerischem Können und komödiantischem Talent paart. Den Beweis erbrachte sie mit der Arie „Zeffiretti lusinghieri“ aus „Idomeneo“ vom Groß-Meister Wolfgang Amadeus Mozart.

Nach der Rausschmeißer-Nummer „Trink nur zu“ aus Carl Millöckers Operette „Der Bettelstudent“, bei der sich die Gesangssolisten nebst Opernchor auf der Bühne versammelten, entließen wir alle beteiligten Künstler*innen erst nach Standing Ovation incl. einem frenetischen Applaus. Meine Hände sind noch heute taub…!


Mit dieser Eröffnungsgala beginnt die SAISON 2022/2023 am Stadttheater Bremerhaven, das mich wieder mit seinem vielfältigen Programm begeistert.

[Rezension] Erich Kästner – Das fliegende Klassenzimmer

Während ich mich mit Gesang zwischen den Stühlen beschäftigte, schaute ich auch auf das Gesamtwerk von Erich Kästner und machte gedanklich einen Haken hinter jedem von mir schon gelesenen Buch. Plötzlich stockte ich abrupt, als mein Blick auf den Titel des Kinderbuches „Das fliegende Klassenzimmer“ fiel. Erstaunt blinzelte ich mit den Augen und konnte es selbst kaum fassen: Ich hatte diese Geschichte doch tatsächlich noch nie gelesen. Natürlich kenne ich den Inhalt, denn schließlich zählt der Film von 1954 zu meinen Lieblingen. Doch gelesen…! Ich nahm mir fest vor, dies in naher Zukunft nachzuholen.

An dem Sonntag vor 10 Tagen war es dann soweit: Der Freitag zuvor war ein sehr ungewöhnlicher Tag – herausfordernd, emotional, beinah surreal – und entließ mich mit vielen unterschiedlichen Gedanken ins Wochenende. Trotz intensivem Austausch mit meinem Gatten, ließen mich diese Gedanken nicht los, und ich lief in den folgenden Tagen mit vielfältigen Gefühlen durch die Wohnung. Irgendwie hatte ich das Bedürfnis, meiner Seele eine kleine Streicheleinheit zu gönnen. So griff ich zu „Das fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner und war für Stunden nicht mehr ansprechbar. Bei der Lektüre überrollte mich eine warme Woge der Menschlichkeit, wie es nur Kästner vermag, und Tränen rannen über meine Wangen.

Unsere Geschichte spielt in einem oberbayrischen Internat kurz vor den Weihnachtsferien. In mehreren Episoden lernen wir unsere fünf jungen Helden kennen, die sehr unterschiedlich die Vorweihnachtszeit erleben. Johnny ist ganz mit der Inszenierung seines selbstgeschriebenen Stücks „Das fliegende Klassenzimmer“ beschäftigt, bei dem natürlich alles seine Freunde mitwirken. Der starke Matthias geht keiner Keilerei aus dem Weg und hat vor nichts Angst, außer er könnte zu wenig zu essen bekommen. Sein Kumpel Uli schämt sich dafür umso mehr darüber, dass er so furchtsam ist. Um nicht als Hasenfuß zu gelten, stellt er sich einer gefährlichen Mutprobe. Klassenprimus Martin leidet still, als er erfahren muss, dass er zu Weihnachten nicht nach Hause fahren kann: Aufgrund der Arbeitslosigkeit des Vaters ist kein Geld für die Fahrkarte übrig. Und der intelligente Sebastian versucht aufkommende Empfindungen hinter Rationalität zu verbergen, die aber immer wieder mit der Realität kollidiert. Sie alle haben – neben dem regulären Schullalltag – ihre kleinen Sorgen und großen Kümmernisse zu bewältigen. Die väterliche Figur nimmt in dieser Geschichte der von allen verehrte Hauslehrer Dr. Johann „Justus“ Bökh ein, der warmherzig die Belange „seiner“ Jungs sowohl mit Humor als auch mit dem nötigen Ernst begegnet. Ihm wird eine besondere Weihnachtsüberraschung zuteil, als die Jungs ihn zu dem s.g. „Nichtraucher“ führen, der in einem ausrangierten Eisenbahnwagon in der Nähe der Schule lebt. Besagter „Nichtraucher“ entpuppt sich als sein alter Freund Robert Uthofft, der nach einem harten Schicksalsschlag den Kontakt zu „Justus“ abgebrochen hatte. Doch eine Geschichte, die um und an Weihnachten spielt, wäre keine richtige Weihnachtsgeschichte, wenn am Ende nicht alles gut würde…!

Könnt Ihr Euch vorstellen, wie schwierig es ist, die Inhaltsangabe für eine Geschichte zusammenzuschustern, in der so viel passiert? Wo anfangen? Was ist relevant? Was kann ausgelassen werden? Kann überhaupt etwas ausgelassen werden? Greifen die vielen kleinen Episoden nicht nahtlos ineinander und verknüpfen sich erst so zu einem Ganzen? Ergibt nicht erst das Zusammenfügen der einzelnen Puzzle-Teile am Ende ein harmonisches Bild? Mein stümperhaftes Ergebnis (siehe oben) kann somit nur bruchstückhaft die Handlung wiedergeben.

Eingebettet ist die Geschichte in einer Rahmenhandlung, in der der Schriftsteller u.a. von der Schwierigkeit berichtet, im Sommer eine Winter-Geschichte zu schreiben. Gleichzeitig lässt er ebenso seine persönliche Haltung zur Kinderliteratur einfließen…

„Schließlich nahm ich ein Kinderbuch vor, das mir der Verfasser geschickt hatte, und las darin. Aber ich legte es bald wieder weg. So sehr ärgerte ich mich darüber! Ich will euch auch sagen, warum. Jener Herr will den Kindern, die sein Buch lesen, doch tatsächlich weismachen, dass sie ununterbrochen lustig sind und vor lauter Glück nicht wissen, was sie anfangen sollen! Der unaufrichtige Herr tut, als ob die Kindheit aus prima Kuchenteig gebacken sei. Wie kann ein erwachsener Mensch seine Jugend so vollkommen vergessen, dass er eines Tages überhaupt nicht mehr weiß, wie traurig und unglücklich Kinder zuweilen sein können? […] Es ist nämlich gleichgültig, ob man wegen einer zerbrochenen Puppe weint oder weil man, später einmal, einen Freund verliert. Es kommt im Leben nie darauf an, worüber man traurig ist, sondern nur darauf, wie sehr man trauert. Kindertränen sind, bei Gott, nicht kleiner und wiegen oft genug schwerer als die Tränen der Großen.“ (Original-Zitat aus dem Roman)

Mit diesen Sätzen beschreibt Erich Kästner sehr schön das, was seine Kinderbücher ausmacht: Er macht seinen jungen Leser*innen nichts vor. Zwar dramatisiert er nicht aber vermeidet auch die Verharmlosung. Seine jugendlichen Held*innen dürfen (!) unangenehme Situationen erfahren. Bei ihm dürfen sie leiden und trauern aber auch froh und glücklich sein. Er wertet bzw. entwertet die Gefühle seiner jungen Protagonisten nicht. Das Leben – insbesondere das Leben eines Kindes – ist nicht immer Himmelhochjauchzend mit Heiteitei und Ringelrein. Vielmehr deckt er die scheinheilige Doppelmoral von Autor*innen, Verleger*innen und erwachsenen Leser*innen auf, die sich über Schilderungen in Kinderbüchern, die ihnen zu radikal-realistisch erscheinen, echauffieren, dabei aber völlig ausblenden, dass die Wirklichkeit, auf die so manche Kinder leider prallen müssen, deutlich radikaler ist.

Und trotz aller gesellschaftskritischen und satirischen Aspekte in seinen Werken bleibt Kästner durch und durch der Menschenfreund, der nichts unversucht lässt, um die Tugenden im menschlichen Miteinander hochzuhalten: Freundschaft und Liebe, Toleranz und Loyalität, Mitgefühl und Fürsorge.

Und dies gelingt ihm – sowohl in seinen Kinderbüchern wie auch in den Werken für Erwachsene – auf ganz unnachahmlicher Weise: Ohne den erhobenen Zeigefinger der Moral, vielmehr ganz sanft, beinah in homöopathischen Dosen pflanzt er seine Botschaft in mich hinein und justiert meine sozialen Antennen neu.

Ich spüre, da ist jemand, der versteht. Ich atme befreit auf und weiß, es ist nun gut.

Wenn ich Kästner lese, wird meine Seele getröstet!


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855356072

[Rezension] Agatha Christie – Alter schützt vor Scharfsinn nicht. Ein Fall für Tommy und Tuppence

Tommy und Tuppence Beresford sehnen sich nach einem ruhigen Plätzchen, wo sie sich nach all den aufregenden Jahren, in denen sie für den Secret Service gearbeitet haben, entspannt zurückziehen und ihren verdienten Lebensabend genießen können. Das kleine Cottage mit Namen „Lorbeerhaus“ scheint dafür wie geschaffen. Neben einigen Möbeln blieb auch eine große Anzahl an Büchern von den div. Vorbesitzern zurück. So stürzt sich Tuppence voller Begeisterung in die Sichtung und Sortierung der literarischen Schätze und schwelgt dabei in Erinnerungen an vergangene Lesefreuden. Doch in einer alten Ausgabe von Robert Louis Stevensons „Der schwarze Pfeil“ erregen plötzlich einzelne rot unterstrichene Buchstaben ihre Aufmerksamkeit. Akribisch blättert sie Seite für Seite weiter und reiht Buchstabe für Buchstabe aneinander…

M-a-r-y J-o-r-d-a-n i-s-t k-e-i-n-e-s n-a-t-ü-r-l-i-c-h-e-n T-o-d-e-s g-e-s-t-o-r-b-e-n
E-s w-a-r e-i-n-e-r v-o-n u-n-s

…lautet die geheimnisvolle Nachricht, die – laut Signatur auf der ersten Seite – der junge Alexander Parkinson wahrscheinlich schon vor Jahrzehnten in diesem alten Buch versteckt hatte. Tuppence wäre nicht sie selbst, wenn dies nicht Ihre Neugier wecken würde. Sie brennt darauf, Ermittlungen anzustellen und in die Vergangenheit des Hauses und seiner ehemaligen Bewohner einzutauchen. Tommy reagiert da deutlich reservierter. Erst als er bei einem Spaziergang über dem örtlichen Friedhof zufällig über den Grabstein von Alexander Parkinson stolpert und so erfährt, dass der Junge schon im zarten Alter von 14 Jahren verstorben ist, regen sich bei ihm Zweifel. Gemeinsam reaktivieren sie ihre Spürnasen und versuchen die geheimnisvollen Umstände von Mary Jordans Tod aufzudecken. Ein Umstand, der anscheinend von einigen Bewohnern im Dorf nicht gerne gesehen wird…!

Jaja, das Alter macht auch vor unseren „Partners in Crime“ nicht halt: Unsere Helden haben nun schon das Pensionsalter erreicht, und mit ihnen gemeinsam ist auch ihre Schöpferin gealtert. Im Jahr der Veröffentlichung (1973) war Mrs. Christie schließlich auch schon stolze 83 Jahre alt. In diesem Alter ist verständlicherweise kein Mensch mehr auf der Höhe seiner Schaffensphase, und dies merkt man diesem Roman leider auch an.

Irgendwie plätscherte die Handlung nur so vor sich hin. Mir schien es, als würde der Roman mit belanglosen Dialogen und dem Einführen von Personen, die für den Fortlauf der Handlung gänzlich unerheblich waren, nur künstlich aufgebläht. So war für mich bedauerlicherweise ein Spannungsaufbau ebenso kaum wahrnehmbar wie der Humor in der Charakterisierung der Personen.

Zum ersten Mal ertappte ich mich bei dem Gedanken, einen Christie-Krimi unbeendet zur Seite zu legen – ein Umstand, den ich als Fan nie für möglich gehalten hätte.

Doch dann überraschte Mrs. Christie mich mit Passagen, wo ihre alte Brillanz wieder zutage kam, sie mich mit geschliffenen Dialogen erfreute, oder ich gebannt ihren Ausführungen zum damaligen Zeitgeschehen folgte. Das Füllen der Lücken zwischen diesen Passagen würde ich wohlwollend als routiniert aber wenig inspiriert bezeichnen.

Bei diesem Spätwerk vermisste ich schmerzlich den Glanz ihrer vergangenen Romane. Doch ich kann ihr dies großmütig verzeihen: Werden wir nicht alle älter? Müssen wir uns mit dem Alter nicht alle von Fähigkeiten verabschieden? Doch ich hege die Hoffnung, dass ich dann imstande sein werde, dem eigenen Lebensabend weise und voller Gelassenheit entgegenzusehen…

…ebenso wie die Helden dieses Romans, die „Partners in Crime“ Tommy und Tuppence!


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455014617

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Heinrich Mann – Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen/ mit Illustrationen von Martin Stark

Da er Raat hieß, nannte die ganze Schule ihn Unrat. Nichts konnte einfacher und natürlicher sein. Der oder jener Professor wechselten zuweilen ihr Pseudonym. […] Unrat aber trug den seinigen seit vielen Generationen, der ganzen Stadt war er geläufig, seine Kollegen benutzen ihn außerhalb des Gymnasiums und auch drinnen, sobald er den Rücken drehte. […] Man brauchte nur auf dem Schulhof, sobald er vorbeikam, einander zuzuschreien: „Riecht es hier nicht nach Unrat?“ Oder: „Oho! Ich wittere Unrat!“ Und sofort zuckte der Alte heftig mit der Schulter […] und sandte schief aus seinen Brillengläsern einen grünen Blick, den die Schüler falsch nannten und der scheu und rachsüchtig war: der Blick eines Tyrannen mit schlechtem Gewissen, der in den Falten der Mäntel nach Dolchen späht. (Original-Zitat aus dem Roman)

…doch besagter Professor Unrat kann seinen Verleumdern „nichts beweisen“. Diese Schmach nagt an ihm und lässt ihn umso tyrannischer mit seinen Mitmenschen umgehen. Zumal in seinem Weltbild sie alle unwert erscheinen, um von seinem „Spiritus Rector“ zu profitieren. Besonders hat er die Schüler Lohmann, von Ertzum und Kieselack auf den Kieker, deren provokant selbstbewusste Art ihn anwidert und seinen Hass schürt. Zudem hegt er den Verdacht, dass sie die unflätige Verballhornung seines Namens weiter provozieren und sich zudem in zwielichtigen Etablissements aufhalten, um dort die Gesellschaft von unmoralischen Weibsbildern zu suchen. Dies gilt es, erbarmungslos aufzudecken, um die schändlichen Übeltäter von der Schule zu verbannen. So heftet sich der Professor an die Fersen seiner Schüler und landet in der Vergnügungskneipe „Der blaue Engel“, in der die Künstlerin Fröhlich Nacht für Nacht das Publikum in ihren Bann zieht. Unversehens verfällt auch der so tugendhaft erscheinende Professor dem herben Charme der jungen Schönen. Beide gehen eine toxische Verbindung ein: Mit der Liaison mit der Künstlerin Fröhlich verbannte er das von ihm so verhasste Schüler-Trio in seine Schranken. Gleichzeitig nutzt er ihre reizvolle Attraktivität, indem sie ihm Sirenen-gleich seine ehemaligen wie aktuellen Peiniger anlockt, die er dann genüsslich in den finanziellen wie auch gesellschaftlichen Ruin zieht. Die Künstlerin Fröhlich sieht ihre Verbindung deutlich pragmatischer: Für sie bedeutet die Ehe mit dem Professor in erster Linie einen gesellschaftlichen Aufstieg, wirtschaftliche Absicherung und einen Hauch von Ehrbarkeit. Dabei versucht sie verzweifelt die manischen Wutausbrüche ihres Gatten zu zügeln. Doch dessen unberechenbares Temperament machen sie zum Gespött in der ganzen Stadt und reißt schlussendlich beide hinab in den Abgrund…!


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In nur wenigen Monaten schrieb Heinrich Mann seinen (späteren) Erfolgsroman, der 1905 veröffentlicht werden sollte. Seine Kritik an der damaligen Gesellschaft, die ein scheinheilig-biederes Bürgertum propagierte aber dieses gleichzeitig nicht glaubwürdig zelebrierte, fand nicht die ungeteilte Begeisterung der Leserschaft. Vielmehr hielt der Autor den Leser*innen einen Spiegel vor, der höchst unvorteilhaft das eigene Denken und Handeln offenbarte. Fleiß, Zucht und Ordnung galten als erstrebenswerte Tugenden, die nur von den wenigsten Bürgerinnen und Bürgern erreicht werden konnten. Mehrheitlich wurde verlogen versucht, den Schein zu wahren, und mit Erleichterung auf potenzielle Übeltäter*innen mit dem Finger gezeigt, um von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken.

Mann beschreibt sehr eindringlich den Untergang eines von seinen Mitmenschen verspotteten Spießbürgers, der sich moralisch über alle/s stellt, dennoch leidenschaftlich den Reizen eines leichten Frauenzimmers verfällt und somit seine gesellschaftliche Stellung verspielt. Während er seine Protagonist*innen in den Dialogen an den Konventionen des Bürgertums festhalten lässt, offenbart er in den inneren Monologen die wirkliche Meinung der Figuren. Und gerade diese inneren Monologe erzeugen eine vibrierende Dynamik in der Geschichte: Als Leser fühlte ich mich wie durch einen Sog in die Geschichte hineingezogen. Seite für Seite bäumt sich die Handlung immer weiter hinauf in die Höhe, um dann am Ende – beinah unspektakulär – in sich zusammenzufallen.

Manns Sprache mutet charmant altmodisch an und spiegelt deutlich den Duktus des wilhelminischen Kaiserreichs wider. Er verwendet Satzkonstellationen, die beim Lesen aufmerken lassen, und verwendet Worte an Stellen, die für unser heutiges Empfinden ungewohnt erscheinen.

Die Büchergilde Gutenberg hat ein untrügliches Händchen, um für ihre illustrierten Bücher die passenden Künstler*innen zu finden. In diesem Fall nahm sich Martin Stark der Geschichte an – anfangs eher widerwillig, wie er in einem Nachwort verrät. Bei der Darstellung der Figuren nimmt er die Beschreibungen Manns ernst und schafft so eine satirische Überhöhung. Wie vom Künstler gewollt, fühlte ich mich beim Anblick der Bilder an die Ästhetik alter Stummfilmklassiker des deutschen Filmexpressionismus erinnert. Martin Stark kreierte so Illustrationen, die, trotz ihrer Gradlinigkeit, sehr lebendig, beinah pulsierend wirken.

Mit der Figur des Professor Unrats schuf Heinrich Mann einen Prototyp des Tyrannen, der unbarmherzig, menschenverachtend und ohne Mitgefühl agiert, dessen Untergang allerdings vorbestimmt scheint. Sein Roman ist für mich ein Paradebeispiel für Gesellschaftskritik in der Literatur, die so versuchte, Einfluss auf politische Situationen zu nehmen.


erschienen bei Büchergilde Gutenberg/ ISBN: 978-3763272594

ebenfalls erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3499100352, Anaconda/ ISBN: 978-3730609859 und Reclam/ ISBN: 978-3150206645 (alle ohne Illustrationen)

[Noch ein Gedicht…] Erich Kästner – SOZUSAGEN IN DER FREMDE

Er saß in der großen Stadt Berlin
an einem kleinen Tisch.
Die Stadt war groß, auch ohne ihn.
Er war nicht nötig, wie es schien.
Und rund um ihn war Plüsch.

Die Leute saßen zum Greifen nah,
und er war doch allein.
Und in dem Spiegel, in den er sah,
saßen sie alle noch einmal da,
als müsste das so sein.

Der Saal war blaß vor lauter Licht.
Es roch nach Parfüm und Gebäck.
Er blickte ernst von Gesicht zu Gesicht.
Was er da sah, gefiel ihm nicht.
Er schaute traurig weg.

Er strich das weiße Tischtuch glatt
und blickte in das Glas.
Fast hatte er das Leben satt.
Was wollte er in dieser Stadt,
in der er einsam saß?

Da stand er, in der Stadt Berlin,
auf von dem kleinen Tisch.
Keiner der Menschen kannte ihn.
Da fing er an, den Hut zu ziehn!
Not macht erfinderisch.

Erich Kästner