[Musical] Stephen Sondheim – SWEENEY TODD / Stadttheater Bremerhaven

Musik und Gesangstexte von Stephen Sondheim / Buch von Hugh Wheeler / nach dem gleichnamigen Stück „Sweeney Todd – The Demon Barber Of The Fleet Street“ von Christopher Bond / Orchestrierung von Jonathan Tunick / deutsche Fassung von Wilfried Steiner und Roman Hinze  // in deutscher Sprache

Premiere: 31. Januar 2026 / besuchte Vorstellung: 31. Januar 2026

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni
INSZENIERUNG Toni Burkhardt
BÜHNE Wolfgang kurima Rauschning
KOSTÜME Adriana Mortelliti
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Daniel Lang

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham, Tonio Shiga
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
THEATERPÄDAGOGIK Katharina Dürr
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Josefine-Alicia Ocko


Es war der Montag vor der Premiere. Die Kostprobe zu SWEENEY TODD war vorüber: Über 2 Stunden boten uns das Produktionsteam und das Ensemble einen informativen wie kurzweiligen Einblick ins Werk. Vollbepackt mit Eindrücken begaben wir uns Richtung Ausgang, als eine Stimme vor mir mich aufhorchen ließ. Vor mir erblickte ich ein typisches Paar des Bildungsbürgertums: Während er raumgreifend und unüberhörbar palaverte, hing sie an seinen Lippen und ließ sich von ihm die Welt erklären. So nölte er recht lautstark, dass diese Musik „typisches Musical-Pling-Pling“ sei und somit wenig anspruchsvoll wäre. Komisch, mir persönlich erschienen bisher die Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart immer gefälliger und zugänglicher als die von Stephen Sondheim. Doch leider (!) firmiert sich SWEENEY TODD unter der Rubrik „Musical“. Stände auf dem Etikett „zeitgenössische Oper“, dann hätte er wahrscheinlich die innovative Komposition über alle Maßen gelobt. So pflegte er hingebungsvoll seinen Standesdünkel und suhlte sich genüsslich in einer fragwürdigen Gewissheit, dass er ein Kenner der Materie sei. Er wäre nicht der Erste (und leider auch nicht der Letzte), der aufgrund einer vorgefassten wie unumstößlichen Meinung einen spannenden Theaterabend verpassen würde. Bleibt ihm nur zu wünschen, dass er aufgrund der enganliegenden Scheuklappen nicht ins Straucheln gerät.

Apropos Spannung: Der Tag der Premiere war da! Wir saßen fiebernd vor Spannung im Zuschauersaal und schraken zusammen als aus dem Orchestergraben die ersten dunklen, unheilvollen Töne der Orgel, die die Ouvertüre einleitete, erklangen. Das tückische Spiel um Liebe, Leid, Wahnsinn und Rache konnte beginnen. Ein geläufiges Sprichwort lautet „Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird.“ und bedeutet, dass Rache genussvoller ist, wenn sie weniger impulsiv sondern vielmehr wohlüberlegt und mit Bedacht ausgeführt wird. SWEENEY TODD bildet da die Ausnahme: Hier wird die Rache heiß serviert, so heiß wie Mrs. Lovetts Pasteten – frisch aus dem Ofen…

VORGESCHICHTE Der Barbier Benjamin Barker führte einst ein glückliches Leben mit seiner Frau Lucy und der gemeinsamen Tochter Johanna, bis Richter Turpin ihn unschuldig nach Australien verbannen ließ. Turpin missbrauchte Lucy und nahm Johanna als Mündel bei sich auf. Barker verschwand. Sein Glück blieb zerstört zurück. // 1. AKT Fünfzehn Jahre später kehrt Barker unter dem Namen Sweeney Todd nach London zurück – begleitet vom jungen Seefahrer Anthony Hope. Von Rache getrieben, sucht Sweeney seine alte Heimat auf und trifft auf Mrs. Lovett, die Besitzerin eines heruntergekommenen Pastetenladens. In ihren Räumen nimmt er sein früheres Handwerk als Barbier wieder auf. Eine geheimnisvolle Bettlerin scheint mehr zu wissen, als gut ist. Anthony verliebt sich in Johanna und fasst den Entschluss, sie aus Turpins Gewalt zu befreien. Sweeney und Mrs. Lovett begegnen dem selbsternannten Wunderbarbier Adolfo Pirelli und dessen Gehilfen Tobias Ragg. Ein öffentlicher Wettstreit entscheidet über Können und Ruhm. Sweeney gewinnt. Doch Pirelli will ihn erpressen. Ein fataler Fehler: Sweeney bringt ihn um. Kurz darauf steht ausgerechnet Richter Turpin vor seiner Tür. Die Rache ist greifbar nah. Doch Anthony platzt dazwischen, Turpin entkommt. Außer sich vor Wut fasst Sweeney einen mörderischen Entschluss: Von nun an soll kein Kunde seinen Laden lebend verlassen. Mrs. Lovett liefert die pragmatische Idee zur Verwertung der Leichen: als Pasteten. // 2. AKT Mrs. Lovetts Geschäft floriert. Sie träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit Sweeney. Johannas Situation hingegen verschlimmert sich dramatisch: Weil sie Turpin die Ehe verweigert, wird sie in eine Irrenanstalt gesperrt. Sweeney und Anthony planen ihre Befreiung und nutzen Johanna zugleich als Köder. Turpins Ende scheint besiegelt. Doch Rache fordert ihren Preis.

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Regisseur-Tausendsassa Toni Burkhardt brachte die Drehbühne zum Rotieren. Filmische Abläufe, in denen sich Szene an Szene reiht und so die Handlung im stetigen Fluss bleibt, sind beinah sein Markenzeichen und bei einem Werk wie SWEENEY TODD auch unabdingbar – zumal einige Szenen sich parallel zueinander abspielen. Er vermied wohltuend allzu Plakatives, Klamaukhaftes bzw. Burlesques. Seine Personenzeichnung war präzise, seine Figuren durften ambivalent sein, ihre Intentionen waren glaubhaft und nachvollziehbar. Fein steigerte er die Emotionalität seiner Inszenierung und dehnte Millimeter für Millimeter den Faden der Spannung bis es beinah für uns als Zuschauende unerträglich erschien.

Bühnenbildner Wolfgang kurima Rauschning schuf auf der Drehbühne ein verschachteltes Konstrukt über mehrere Ebenen, mit dem je nach Grad der Drehung bzw. durch die effektvolle Ausleuchtung immer wieder neue Spielräume geschaffen wurden. Stimmungsvolle Hintergrundprojektionen vervollständigen diesen Look. Adriana Mortelliti zitierte in ihren Kostümentwürfen den beliebten Steampunk und schlug so einen gelungenen Bogen von der viktorianischen Epoche zur modernen industriellen Zeit. Zudem passte dieser Look ganz hervorragend zur dystopischen Grundstimmung dieses Werks, aus dessen Dunkel Mortelliti die Kostüme von Mrs. Lovett (pink-orange, blutrot) und Johanna (weiß, hellblau) zueinander konträr leuchten ließ und so bereits optisch Rückschlüsse auf den Charakter der jeweiligen Figur ermöglichte.

Die anspruchsvolle Partitur von Stephen Sondheim war beim musikalischen Leiter Davide Perniceni und dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven in den allerbesten Händen. Differenziert und fein nuanciert kamen Balladen und Duette zu Gehör, um dann mit dem nötigen Druck die Chorpassagen voluminös zu umrahmen.

Die Sänger*innen des Chores am Stadttheater Bremerhaven (Leitung: Edward Mauritius Münch) boten wieder Erlesenes: Beeindruckend kraftvoll in den Ensemble-Passagen, dann wieder reduziert wie ein griechischer Chor der Antike, der das Geschehen reflektiert und das Handeln der Solist*innen kommentiert.

Gustavo Oliva schlüpfte höchst amüsant in die Schuhe des Quacksalbers ADOLFO PIRELLI. Róbert Tóth gab einen diabolischen MR. FOGG. Der BÜTTEL BAMFORD von MacKenzie Gallinger war einerseits ekelerregend schmierig, zeigte andererseits komische Attitüden. Iris Wemme-Baranowski bot als BETTLERIN eine ergreifende Performance zwischen Wahnsinn und Wut, zwischen Mitleid und Abscheu.

Nuno Dehmel porträtierte TOBIAS RAGG als unbedarften, jungen Mann, der aufgrund seiner kognitiven Einschränkung manches nicht versteht aber dafür sensibler auf Zwischenmenschliches reagiert. Den Song  „Not While I’m Around“ gestaltete er mit schlichter Würde. Timothy Edlin lieferte als RICHTER TURPIN mit seinem dunklen Bass und einem nuancierten Spiel eine beängstigend abstoßende Charakterstudie eines Machtmenschen, der eben jene Macht wie selbstverständlich missbrauchte.

Als JOHANNA BARKER wirkte Caroline Hat ebenso zerbrechlich und zwitscherte ebenso zart wie die Vögelchen, mit denen sie sich beschäftigte, zeigte sich allerdings als mutige und charakterfeste junge Frau. Im Laufe seines Engagements am Stadttheater Bremerhaven hat Andrew Irwin sich zu einem exzellenten Liedinterpreten entwickelt. Als ANTHONY HOPE zeigte er abermals sein Können u.a. bei „Johanna“, das er mit feinen Nuancen und höchst sensibel intonierte.

In der Vergangenheit gewann ich den Eindruck, dass die Partie der MRS. LOVETT gerne unterschätzt wird. Viele haben da die Filmfassung mit Helena Bonham Carter in Erinnerung, die eher haucht als singt. Auf der Bühne schlüpften gerne prominente Schauspielerinnen (Christine Baranski, Emma Thompson, Imelda Staunton) in die Rolle, die alle aus ihrer reichhaltigen Expertise schöpften und ihr so ihren persönlichen Stempel aufdrückten. Dabei wurde allerdings mal mehr, mal weniger dem Sprechgesang gehuldigt. Wobei für mich von allen MRS. LOVETTs, die ich bisher auf Tonträger hören durfte, die wunderbare Angela Lansbury unerreicht ist. Die Partie ist sehr schnell, und es gibt viele Wechsel in der Betonung. Da ist es unumgänglich, dass die Darstellerin genauestens vorbereitet sein muss, um höchst präzise arbeiten zu können.

In Bremerhaven band sich nun Mezzosopranistin Boshana Milkov die Schürze der geschäftstüchtigen Pastetenbäckerin um und meisterte diese musikalisch wie technisch herausfordernde Partie bravourös. Dabei zeigte sie allein aufgrund ihres jungen Alters eine gänzlich neue Facette dieser Rolle. Beinah mädchenhaft naiv ließ Milkov ihre MRS. LOVETT sich in eben jene Jungmädchenträume verlieren. Da sehnte sie sich nach Zweisamkeit, Zärtlichkeit, Familie und dem eigenen Kind. All dies hatte das Objekt ihrer Begierde SWEENEY TODD in der Vergangenheit bereits besessen (Verständlich, dass sie alles, was ihn an diese Vergangenheit erinnerte, auf Abstand hielt.). Sie war so voller Sehnsucht, da schien ihr auf dem Weg zum Ziel jedes Mittel recht. Gekonnt switchte Milkov zwischen den Extremen. Da war sie einerseits die mütterliche Freundin für TOBIAS RAGG, andererseits die durchtriebene Mord-Komplizin unseres Titelhelden, den sie mit üppiger Erotik für sich zu gewinnen versuchte: Da vibrierte die Stimme, da bebte der Busen. Wie bisher ihre Pasteten an die Kundschaft, bot sie nun sich selbst dem Manne feil. Zudem war es ein Genuss, in dieser Rolle endlich einer Darstellerin zu lauschen, die auch tatsächlich singen kann.

Den Song „A Little Priest“, in dem sich MRS. LOVETT gemeinsam mit SWEENEY TODD fragt, wie wohl welche Berufsgruppe schmecken könnte, gestaltete Boshana Milkov gemeinsam mit Frank Josef Winkels so köstlich boshaft und triefend vor schwarzem Humor. Frank Josef Winkels ließ seinen markanten Bariton im gleichen Maße gefährlich brummend wie auch warm einlullend erklingen. Sein SWEENEY TODD war nicht der kalte Rächer sondern zeigte auch sehr viel Menschlichkeit und Humor: Da umspielte ein Lächeln seine Lippen und ein schelmischer Blick blitzte aus seinen Augen. Beinah beiläufig ließ er die Morde an sich abgleiten, dabei wirkte er weniger emotionslos als vielmehr erschöpft von der Welt – durch das, was er im Leben erdulden musste. Frank Josef Winkels stattete seinen SWEENEY TODD mit einer wohldosierten Aura der Melancholie aus, die auch bei seiner Interpretation der Songs zum Tragen kam, wie z. Bsp. beim Reprise von „Johanna“ als Quartett im 2. Akt (Gänsehaut!). Doch dann brachen wie bei „Epiphany“ die Emotionen wieder mit einer solchen Macht aus ihm heraus, dass er zwangsläufig ein Feld der Verwüstung hinterließ. Winkels bot ein absolut rundes Rollenprofil zwischen Bad Guy und geschundener Kreatur.

Standing Ovation mit Johlen, Pfeifen und Bravo-Rufe sowie einem Applaus, der mich in die Nähe eines Erschöpfungszustands brachte: Es war einer jener wunderbaren Theaterabende, die nachhallen und so lange in Erinnerung bleiben. Das Stadttheater Bremerhaven hatte es wieder einmal geschafft, spannendes Musiktheater auf hohem Niveau zu präsentieren!


Am Stadttheater Bremerhaven bieten der rachsüchtige SWEENEY TODD und seine durchtriebenen Komplizin Mrs. Lovett noch bis April 2026 „die schlechtesten Pasteten in London“ feil. Von einer Verkostung wird dringend geraten!!!

[Ballett] Alfonso Palencia – DIE VIER JAHRESZEITEN / Stadttheater Bremerhaven

Tanzabend von Alfonso Palencia / mit Musik von Antonio Vivaldi (recomposed by Max Richter) und Arvo Pärt

Premiere: 2. März 2024 / besuchte Vorstellung: 18. April 2024
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


CHOREOGRAFIE & INSZENIERUNG Alfonso Palencia
MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni
BÜHNE & VIDEO Yoko Seyama
KOSTÜME Rosa Ana Chanzá
LICHT Thomas Güldenberg, Daniel Lang

CHOREOGRAFISCHE ASSISTENZ Bobby M. Briscoe
DRAMATURGIE Alfonso Palencia, Torben Selk
INSPIZIENZ Regina Wittmar
THEATERPÄDAGOGIK Florian von Zameck-Glyscinski


Ich wage mich hier mal an die These, dass DIE VIER JAHRESZEITEN von Antonio Vivaldi zu den bekanntesten Werken der Barock-Musik zählt. Selbst jemand, der eher wenig Klassik-affin ist, hat die eine oder andere Passage aus eines dieser Violinkonzerte schon gehört – und sei es nur als musikalische Untermalung zu irgendeinem Werbe-Spot.

Wie unschwer zu erkennen, hat Vivaldi sich bei seinen Kompositionen von den Klängen der Natur inspirieren lassen und so jeder Jahreszeit einen eigenen Klang, eine eigene Dynamik verliehen. Dabei imitieren die Instrumente die jeweiligen Töne aus der Natur, wie Wind und Sturm, aber auch Vogelgezwitscher und das Summen der Insekten sind zu erlauschen.

Kaum ein Werk in der zeitgenössischen Musik wurde so wachen Ohres erwartet wie Max Richters Bearbeitung der Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi. Das 2012 erschienene Album war in 22 Ländern in den Klassikcharts, wurde über 3 Milliarden Mal gestreamt und untermalte viele Filme. Mit Respekt vorm Original hat die Lesart Richters nichts von Vivaldis Strahlkraft und Modernität verloren. Alfonso Palencia arbeitet Vivaldis Spiel zwischen Mensch und Natur heraus, kombiniert es mit der modernen Deutung Richters und denkt beides in der Bewegungskraft des Körpers weiter. Mit ausdrucksvoller Tanzsprache wird der Versuch unternommen, die Kräfte der Natur zu bezwingen und sich diese zunutze zu machen.

(Inhaltsangabe der Homepage des Stadttheaters Bremerhaven entnommen.)

Es wirkte auf mich, als hätte Max Richter bei seiner Bearbeitung (bzw. „Re-Komposition“) von Antonio Vivaldis Werk Keile in das formale Konstrukt der bekannten Komposition getrieben. Er schien den Rahmen sehr bewusst aufzubrechen, um so Raum zu schaffen, damit er Neues hinzufügen konnte. Musikalische Brocken, die bei diesem Vorgang zu Boden gefallen waren, wurden teils von ihm aufgehoben und an anderer Stelle ans Werk angedockt, teils verblieben sie unbeachtet am Boden. Natur-Töne, die Vivaldi durch die Instrumente imitierte, wurden bei Richter via Audio-Datei zugespielt, und auch Industrieklänge kamen zum Einsatz.

Max Richter sagte, DIE VIER JAHRESZEITEN seien eines der ersten klassischen Musikstücke gewesen, die er gehört habe. Das Werk hätte jedoch durch häufige Verwendung in der Populärkultur seinen „Zauber verloren“. Deshalb habe er sich schließlich entschlossen, „eine total neue Version“ zu schreiben. (Quelle: Wikipedia)


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Dass ein klassisches Werk Eingang in die Populärkultur findet, spricht nach meiner Meinung eher für die meisterliche Qualität dieser Komposition. Dass eben genau dieses Werk für Trivialitäten „missbraucht“ wird, ist weder dem Werk noch dem Komponisten anzukreiden und nimmt in keiner Weise Einfluss auf die Qualität. Eine „Re-Komposition“ erscheint mir da recht überflüssig und entbehrlich.

So lauschte ich aufmerksam auf die Klänge, die aus dem Orchestergraben zu mir vordrangen. Davide Perniceni gelang es mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven die Versatzstücke bravourös miteinander zu verschmelzen. Und doch hätte ich ihm und den Musiker*innen – vor allem Franz Berlin als exzellenter Solist an der Violine – gewünscht, dass sie das Original-Werk hätten zu Gehör bringen dürfen. Trotz des hohen Alters wirkt Vivaldis Musik nach wie vor deutlich frischer, vitaler und beinah unschuldiger auf mich als die besagte verkopfte „Re-Komposition“.

Wie eine Art Entrée stellt Alfonso Palencia die Komposition Fratres von Arvo Pärts dem eigentlichen Hauptwerk voran. Die einfache Melodienfolge mit Streicher und Schlaginstrumente wirkte auf mich sehr ursprünglich, klar und beinah meditativ. Die Tänzer*innen bewegen sich aus einer Embryonalstellung heraus und recken sich gen Licht. Es entsteht der Eindruck, als wäre dies der Ursprung allen Lebens, das im Verlauf der Jahreszeiten einem stetigen Wandel ausgesetzt ist.

Als präsentes Symbol für das Vergehen der Zeit taucht bei DIE VIER JAHRESZEITEN immer wieder eine Sanduhr auf, die von einem Tänzer in Szene gesetzt wird und so den Fokus auf sich lenkt. Palencia setzt immer wieder konträre Bewegungen einander gegenüber: Da gibt es fließende, beinah schwebende Aktionen, die von rohen, abrupten Bewegungen abgelöst werden. Dann bewegen sich die Tänzer*innen wieder sehr synchron in einer Formation, um im nächsten Augenblick in einem choreografierten Chaos auszubrechen. Auch thematisiert Palencia den negativen Einfluss des Menschen (in der Gruppe, als Paar aber auch als Einzelner) auf die Natur, indem er u.a. einen Eisberg Block für Blog durch die Tänzer*innen auflösen lässt, die die einzelnen Brocken über die gesamte Bühne verteilen. Abermals hat Palencia bei der Kreation seiner Choreografie sehr fein auf die Musik gehört und macht so deutlich, dass sich der Wechsel der Jahreszeiten aus einer Vielzahl an Gegensätze gestaltet: Sanft- und Wildheit, An- und Entspannung, Ruhe und Sturm…

Die Kostüme von Rosa Ana Chanzá unterstreichen diesen Wandel: Da wird das frühlingshafte Aufkeimen der Natur durch farbige Socken symbolisiert. Diese Farbigkeit wird beim fallenden Herbstlaub wiederaufgenommen, während im Winter die hellen Anzüge dominieren. Yoko Seyama schuf für ihre variabel einsetzbaren Stoffbahnen, die immer wieder neue Räume entstehen ließen, wunderschöne und stimmungsvolle Projektionen.

Die Ballett-Compagnie, bestehend aus Helena Bröker, Kuang-Yung Chao, Melissa Festa, Volodymyr Fomenko, Giulia Girardi, Lucia Giarratana, Marco Marongiu, Arturo Lamolda Mir, Melissa Panetta, Zoe Irina Sauer Llano, Clara Silva Gomes und Ming-Hung Wenig, tanzte mit Hingabe und brillierte voller Ästhetik sowohl als Ensemble wie in den Solis. Den tosenden Schlussapplaus hatten sich alle Künstler*innen wahrlich verdient.

ANMERKUNG: „Jedes Tierchen sein Plaisierchen!“ lautet ein geflügeltes Sprichwort. Und wie bei vielen Sprichwörtern versteckt sich im Kern ein Funke Wahrheit. Es gibt Ausdrucksformen in der Kunst, die mich mal mehr, mal weniger ansprechen und emotional berühren. Während eine dramatische Opernarie oder eine gefühlvolle Musical-Ballade tiefe Empfindungen bei mir auslösen, kann ich Rap leider recht wenig abgewinnen. Ähnliches erlebe ich zunehmend beim Ballett: Ein Handlungs-Ballett erreicht da viel schneller mein Herz als eine Choreografie zu einem eher abstrakten Thema, wie es bei DIE VIER JAHRESZEITEN der Fall ist. Wobei ich voller Hochachtung und Respekt die Leistung aller Beteiligten anerkenne und wertschätze.

Und da dachte ich immer, ich wäre für alles offen. Doch nun merke ich, dass sich in mir wohl auch ein Traditionalist versteckt. Ups!!! 😆



Wie schnell doch die Zeit vergeht: Es gibt nur noch einige wenige Termine, um mit der Ballett-Kompagnie am Stadttheater Bremerhaven durch DIE VIER JAHRESZEITEN zu reisen.