[Rezension] Märchenhafte Weihnachten. Wintermärchen aus aller Welt

Weihnachtszeit ist Märchenzeit!

So war es schon immer, und so wird es hoffentlich auch für immer bleiben. Landauf und landab öffnen die Theater ihre Pforten und präsentieren Märchen und Familienstücke zur Weihnachtszeit. Und auch in den heimischen vier Wänden wird näher zueinander gerückt, um einem Märchen zu lauschen. Dazu eignen sich Bilderbücher ganz besonders, bei denen dem Vorleser „über die Schulter geschaut“ werden kann, um so die Illustrationen bewundern zu können.

Der Wunderhaus-Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, sowohl bekannte wie auch weniger bekannte Märchen im neuen Glanz erstrahlen zu lassen und veröffentlicht hierzu thematische Märchenbücher. Unter dem Titel „Märchenhafte Weihnachten. Wintermärchen aus aller Welt“ fanden folgende Märchen ihren Weg ins Buch…

  1. Volksmärchen „Von den zwölf Monaten“
  2. H. C. Andersen „Der standhafte Zinnsoldat“
  3. Brüder Grimm „Sterntaler“
  4. H. C. Andersen „Der Tannenbaum“
  5. Brüder Grimm „Frau Holle“
  6. Manfred Kyber „Der Schneemann“
  7. Brüder Grimm „Die Wichtelmänner“
  8. H. C. Andersen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“
  9. Pavel Bazhov „Silberhuf“
  10. Selma Lagerlöf „Die Heilige Nacht“

…mit Illustrationen von Nina Ignatova, Olesia Kosmodemianskaia, Natalia Grebtsova, Svetlana Kondesyuk, Daria Pneva, Agata Dorobek, Elena Schweitzer und Vlada Shamova.

Nun könnte ich durchaus unken: Einerseits ist „aus aller Welt“ etwas hochgegriffen, wenn man bedenkt, dass mit jeweils drei Märchen der wohl bekanntesten Märchenerzähler zwei Länder sehr überrepräsentiert sind. Andererseits hätte mich bei den anderen Märchen durchaus interessiert, aus welchen Ländern sie ihren Ursprung haben. Auch fehlten mir sowohl entsprechende Hinweise zu den Übersetzer*innen als auch eine Zuordnung, welche Künstlerin zu welchem Märchen ihre wundervollen Illustrationen beigesteuert hat. Zugegeben: Dieser „Makel“ traf zuallererst meinen bibliophilen Nerv und dürfte einem jüngeren Klientel, das ja schließlich die Zielgruppe dieses Buches ist, völlig schnuppe sein.

Die Geschichten wurden mit individuellen Illustrationen geschmückt, die die Stimmung des Märchens jeweils sehr schön einfangen. Auch habe ich es sehr begrüßt, dass die Übersetzung nicht krampfhaft bemüht war, einen modernen, zeitgemäßen Ton anzuschlagen. Vielmehr entspinnen sich die Poesie einer Erzählung und die Schönheit einer Sprache aus dem Klang ungewohnter, wenn nicht gar altmodischer Formulierungen.

Mir hat ebenfalls sehr gefallen, dass die Märchen eine weite Spanne an Emotionen und Empfindungen abdecken: von heiter zu geheimnisvoll, über spannende bis melancholisch-traurig. Ja, auch ergreifend traurige Märchen ohne Happy End sind vertreten – müssen in Kinderbüchern, die wahrhaftig sein wollen, auch vertreten sein (Beispiel: „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“). Einigen mag diese Haltung brutal erscheinen, doch ist das Leben von so manchem Kind nicht genau dies? Ich halte mich da an den großen Erich Kästner:

„Schließlich nahm ich ein Kinderbuch vor, das mir der Verfasser geschickt hatte, und las darin. Aber ich legte es bald wieder weg. So sehr ärgerte ich mich darüber! Ich will euch auch sagen, warum. Jener Herr will den Kindern, die sein Buch lesen, doch tatsächlich weismachen, dass sie ununterbrochen lustig sind und vor lauter Glück nicht wissen, was sie anfangen sollen! Der unaufrichtige Herr tut, als ob die Kindheit aus prima Kuchenteig gebacken sei. Wie kann ein erwachsener Mensch seine Jugend so vollkommen vergessen, dass er eines Tages überhaupt nicht mehr weiß, wie traurig und unglücklich Kinder zuweilen sein können? […] Es ist nämlich gleichgültig, ob man wegen einer zerbrochenen Puppe weint oder weil man, später einmal, einen Freund verliert. Es kommt im Leben nie darauf an, worüber man traurig ist, sondern nur darauf, wie sehr man trauert. Kindertränen sind, bei Gott, nicht kleiner und wiegen oft genug schwerer als die Tränen der Großen.“ (aus „Das fliegende Klassenzimmer“)

Märchen bzw. Bücher sind da eine ganz und gar wunderbare Möglichkeit, dass sich Kinder auch den ernsteren Themen annähern. Die Aufgabe von uns Erwachsenen ist es, ihnen dies zu ermöglichen, für ihre Fragen, Ängste und Sorgen empfänglich zu sein und ihnen den Halt zu geben, den sie brauchen und verdienen.


erschienen bei Wunderhaus / ISBN: 978-3963720314 / in der Übersetzung u.a. von Karin Ruppelt („Silberhuf“)

[Rezension] Engelbert Humperdinck – Hänsel und Gretel / im Vergleich: Bilderbuch mit Musik & Oper erzählt als Hörspiel mit Musik

Ojemine, oje, oh Schreck! Ich fürchte, dies wird in der Geschichte dieses Blogs meine erste Rezension, in der es einen reellen Verriss geben wird. Ups, sprach ich etwa von nur einem Verriss? Tschuldigung, da muss ich mich korrigieren: Ihr müsst nun sehr stark sein, denn es werden zwei Verrisse!

Wie unschwer in der Vergangenheit zu erkennen, liebe ich das Theater, besonders das Musiktheater, und bin der felsenfesten Überzeugung, dass die Kinder nicht früh genug an diese wundervolle Kunstform herangeführt werden können. So freue ich mich jedes Mal „wie Bolle“, wenn ich Bücher entdecke, die den potentiellen Mini-Zuschauer*innen auf phantasievolle und kindgerechte Weise den Zugang erleichtern und so die Angst vor einem Theaterbesuch verscheuchen. Da gibt es auf dem Markt glücklicherweise einige Verlage, die hierbei sehr rührig sind. Leider nicht immer überzeugend…

HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um die, die dem Buch bzw. Hörspiel beigefügt ist. Es ist eine ältere Aufnahme, und sie dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln. 

„Hänsel und Gretel“ ist – dank der wundervollen Musik von Engelbert Humperdinck – eine der schönsten Opern, die ich kenne. Gekonnt verknüpfte Humperdinck bekannte Kinderlieder mit seinen eigenen Kompositionen und schuf so ein Werk voller traumhaft-romantischer Melodien. Diese Oper zählt zu den beliebtesten Werken in der Opernliteratur und wird besonders in der Advents- und Weihnachtszeit an vielen Theatern und Opernhäusern im Land aufgeführt. Auch „mein“ Stadttheater Bremerhaven präsentiert in diesem Jahr eine eigenständige Inszenierung, die ich mir selbstverständlich nicht entgehen lassen durfte: Bericht folgt…!


Susa HämmerleHänsel und Gretel. Kinderoper nach Engelbert Humperdinck/ mit Illustrationen von Peter Friedl

Zu den eingangs erwähnten Verlagen zählt auch der Annette Betz-Verlag. Schon die erste Begegnung mit einem der musikalischen Bilderbücher (Ein Amerikaner in Paris) löste eine Welle der Verzückung bei mir aus. Auch das zweite Werk (Die Fledermaus) konnte mich mit kleinen Einschränkungen überzeugen. Doch diesmal blätterte ich fassungslos durch dieses Bilderbuch und war maßlos enttäuscht.

Susa Hämmerle lieferte mit ihrem Text eine zwar solide doch leider wenig märchenhaft-poetische Nacherzählung. Eben auch jenes Märchenhafte suchte ich bei den Illustrationen von Peter Friedl vergebens: Ich empfand sie weniger ansprechend als vielmehr verstörend. Seinem Setting fehlten Charme und Atmosphäre, die Figuren ließen Ausstrahlung vermissen. Zudem verlieh er den Gesichtern der Kinder einen unangenehmen Ausdruck der Leere und ließ sie so unangebracht alt erscheinen.

Bei der Begleit-CD wurde auf das Archiv des renommierten NAXOS-Labels zurückgegriffen und eine historische Aufnahme aus den 50er Jahren gewählt. Unter dem Dirigat von Herbert von Karajan sangen die Sopranistinnen Elisabeth Grümmer und Elisabeth Schwarzkopf das bekannte Geschwisterpaar. Leider hört man der Aufnahme das Alter deutlich an, da auf ein sensibles Remastering verzichtet wurde. Auch bedeuten große Namen nicht zwangsläufig ein zufriedenstellendes Ergebnis. Die beiden weltberühmten Sängerinnen geben die Titelpartien unpassend geziert-damenhaft. Da spielen erwachsene Frauen wenig überzeugend zwei Kinder und gestalten so ihren Rollen völlig unglaubwürdig. Doch auch der legendäre Maestro hatte durchaus schon bessere Tage: Selten habe ich die Ouvertüre so blutleere und wenig dynamisch gehört. Ein Zustand, der leider von ihm während der gesamten Aufnahme konsequent fortgeführt wurde.

In der Neu-Auflage dieses musikalischen Bilderbuches von 2019 tauschte der Verlag sowohl die Illustrationen wie auch die Aufnahme zur Begleit-CD aus. Dieses Buch liegt mir nicht vor, und so darf ich mir zu den neuen Illustrationen von Christa Unzner kein Urteil erlauben. Bei der Auswahl der Aufnahme hatten die Verantwortlichen diesmal ein deutlich glücklicheres Händchen und wählten eine Aufnahme aus dem Archiv der BERLIN CLASSICS (s.a. unten).


1 CDs/ Hänsel und Gretel, erzählt als Hörspiel mit berühmten Melodien und Arien (2008)/ Idee, Text und Regie: Richard Braun/ mit Luca Zamperoni, Thomas Hof, Marina Mehlinger, Hans Henrik Wöhler, Manja Kloss u.a.

„Oper erzählt als Hörspiel mit Musik“: Das Konzept kann klappen, muss aber nicht…! Da hier der visuelle Aspekt durch die Illustrationen fehlte, lag die Aufmerksamkeit gänzlich auf der akustische Umsetzung. Schon mein erster Blick ins Booklet löste Enttäuschung bei mir aus, da auch hier auf die schon erwähnte Einspielung der Oper unter der musikalischen Leitung von Herbert von Karajan zurückgegriffen wurde. Richard Braun bemühte sich um eine kindgerechte und humorvolle Textfassung, die ihm streckenweise auch durchaus gelang. Einige Gags wirkten auf mich allerdings etwas bemüht witzig. Auch das Einfließen der Musik in die Handlung glückte nicht immer zufriedenstellend: Der Erzähler hatte die Handlung schon bis zu einem gewissen Punkt erzählt, als eine Musik-Einspielung folgte, die die Handlung sozusagen wieder „zurückspulte“. Zudem traf der Umstand ein, den ich im Vorfeld schon befürchtet hatte: Die Sprechstimmen harmonierten nicht mit den Gesangsstimmen. Zudem wurde das Geschwisterpaar für mich völlig unpassend von Erwachsenen gesprochen: Es gibt doch sicherlich genügend talentierte Kinder, die die Parts deutlich überzeugender gemeistert hätten, oder?


FAZIT: Liebe Vorleser*innen! Sie brauchen weder das Bilderbuch noch das Hörspiel. Aus dem großen Angebot an Aufnahmen der Oper „Hänsel und Gretel“ suchen sie sich bitte die aus, die ihnen am besten gefällt (Meine Favoriten erfahren sie am Ende dieses Beitrags!). Zudem haben sie doch sicherlich ein Buch mit Märchen der Brüder Grimm im Haus. Dies schnappen sie sich und machen sich im Märchentext dort Notizen, wo welches Musikstück passen könnte. Dann kuscheln sie sich mit ihren „Opfern“ unter einer Wolldecke zusammen, lesen das Märchen vor und lauschen gemeinsam den wundervollen Melodien. Ich bin mir sicher, das wird ganz und gar wunderbar…!!! 💖


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219114195 (Bilderbuch) bzw. aMOR / ISBN: 978-3944063225 (Hörspiel)
Aufnahmen dieser Märchenoper gibt es viele, und natürlich sind mir nicht alle bekannt. Doch von den mir bekannten empfehle ich folgende Aufnahmen:
  • Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Kurt Eichhorn mit Anna Moffo (Hänsel), Helen Donath (Gretel) und Christa Ludwig (Hexe), erschienen bei RCA Classics / EAN: 743212528121
  • Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Otmar Suitner mit Ingeborg Springer (Hänsel), Giesela Schröter (Gretel) und Peter Schreier (Hexe), erschienen bei Berlin Classics / EAN: 782124200725
  • Symphonie-Orchester des Bayrischen Rundfunks unter der Leitung von Jeffrey Tate mit Anne-Sofie von Otter (Hänsel), Barbara Bonney (Gretel) und Marjana Lipovšek (Hexe), erschienen bei EMI / EAN: 077775402223

[Rezension] Marius Marcinkevičius – Adelheid & Ferkolin/ mit Illustrationen von Lina Dūdaitė

Noch toben die Herbststürme über das Land und hinterlassen eine nebelich-nasse, ungemütliche Welt. Da wünsche ich mir gerne eisige Temperaturen herbei, die die Luft wieder frischer und das Licht wieder klarer erscheinen lassen. Dann liegt plötzlich ein Funkeln auf Bäumen, Wiesen und Wegen, und bei jedem Ausatmen bildet sich eine flauschige Wolke vor den Lippen…

An einem klaren Wintertag, als der Schnee unter den Füßen knirschte, spazierte das kleine Schweinchen Ferkolin unter der strahlenden Wintersonne zum gefrorenen Flüsschen, da kam ihm die Idee: Heut ist der ideale Tag zum Schlittschuhlaufen! Das macht aber viel mehr Spaß zu zweit. So ist er bald mit seiner besten Freundin, der Kuh Adelheid auf dem Weg zum See. Plötzlich machen die beiden eine geheimnisvolle Entdeckung: Jemand unter dem Eis versucht, den beiden etwas zu sagen oder vielmehr: Zu schreiben! Gar nicht so einfach, diese verdrehte, seltsame Sprache zu entziffern – ein SLEW soll es sein, der da von der anderen Seite Botschaften in die dicke Eisschicht kratzt. Wer mag das sein? Und was will dieser SLEW von ihnen?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)


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Autor Marius Marcinkevičius hat eine ganz wunderbare Geschichte erschaffen, die auf so vielen Ebenen berührt. Da ist dieses entzückende Freundespaar, das so völlig ungleich ist. Augenscheinlich gibt es mehr Unterschiede, die sie trennen sollten, doch sie benötigen nur wenige Gemeinsamkeiten, um sich von Herzen zu mögen. Aus Defizite werden plötzlich Stärken, und eine gegenseitige Unterstützung ist selbstverständlich. Dabei vergessen unsere tierischen Helden nicht, ihr Umfeld aufmerksam im Blick zu behalten. Sie schauen über den Tellerrand des eigenen Erfahrungsschatzes und wagen sich in unbekanntes Terrain. Sie sind ängstlich gegenüber fremde Tiere. Doch sie lassen sich von dieser Angst nicht blockieren. Vielmehr siegt ihre Neugier und somit die Freude, neue Freunde kennenzulernen. Dank ihrer ausgeprägten Empathie nehmen sie sehr schnell wahr, dass ihr Gegenüber Hilfe benötigt, und lässt die anfängliche Angst vergessen. Schließlich muss schnell gehandelt werden!

Marcinkevičius erzählt seine Geschichte flott und pointiert voller Charme und Phantasie, die ebenso flott und pointiert vorgelesen werden kann. Durch den dramaturgischen Kniff, dass unsere Helden die Worte nur spiegelverkehrt sehen, werden die kleinen Zuhörer*innen ebenfalls spielerisch animiert, sich mit Buchstaben und Worten zu beschäftigen.

Lina Dūdaitė schuf zu dieser Geschichte gar reizende Illustrationen. Die Welt von Adelheid & Ferkolin scheint wie in rosaroter Zuckerwatte getaucht, wo der Schnee wie flauschige Pudelmützen auf den Bäumen liegt. Die Regeln der Schwerkraft bzw. der Physik setzt sie berückend märchenhaft außer Kraft. Auch amüsierten mich die kleinen Zeichnungen am Seitenrand oder die Skizzen, die im Text „eingebaut“ wurden. Die Farben wurden von ihr so geschmackvoll aufeinander abgestimmt, dass ihre Bilder durch eine pudrige Leichtigkeit bestechen. Grelle, plakative Töne sucht man hier vergeblich.

Solch hinreißende Freunde wie Adelheid & Ferkolin wären jedem Kind (und auch jedem Erwachsenen) zu wünschen, die zeigen, dass es manchmal besser ist, weniger zu grübeln und mehr zu handeln.


erschienen bei bohem / ISBN: 978-3959392228 / in der Übersetzung von Saskia Drude

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Guy de Maupassant – Der Horla/ mit Illustrationen von Anna und Elena Balbusso

Wie eng ist der Grat zwischen Genie und Wahnsinn? Wie schmal ist die Grenze zwischen mentaler Gesundheit und geistiger Verwirrung? Wie durchlässig sind die Übergänge unserer Psyche zu Phantasie und Wahrheit? Eben war der Held dieser Erzählung noch ein gesunder, dem Leben zugewandter Mann, nur einen Augenblick später zweifelt er am Zustand seines Geistes.

Guy de Maupassant wurde zu Lebzeiten von den vermeintlichen Literaturkennern eher belächelt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts galten die ausschweifenden Romane von Gustave Flaubert, Honoré de Balzac oder Stendhal als das Nonplusultra der französischen Literatur. So kleine, niedliche Erzählungen, die für jedermann leicht zugänglich waren, wurden da eher gering geschätzt. Erst viel später sollte Maupassant die ihm zustehende Anerkennung für seine Impulse auf die französische Literatur erhalten.

„Der Horla“ ist eine der wenigen phantastischen Geschichten aus seiner Feder und spiegelt sein Interesse an der Beinflussbarkeit der menschlichen Psyche wider. So soll er selbst wiederholt an Halluzinationen und Wahnvorstellungen gelitten haben. Umso erstaunlicher, wie klar und differenziert er den mentalen Verfall des Protagonisten beschreibt. In Tagebuchform lässt er uns am Leid seines Helden teilhaben. In Wellen verschlechtert sich dessen Zustand, was der Autor auch mit einer Veränderung im Schreibstil erkennen lässt. In den entspannten Phasen berichtet der Held ausschweifend und in blumigen Sätzen von seinem Leben, während bei den psychotischen Schüben eine Stakkato-artige Sprache den stätigen geistigen Verfall kennzeichnet.


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Anfangs hatte ich eher ein Schauermärchen à la Edgar Allan Poe erwartet und war umso erstaunter über die beinah analytische Herangehensweise des Autors an diesem Thema. Maupassant versteht es brillant, die Spannung in dieser Novelle aus der inneren Zerrissenheit des Protagonisten und seinem Gefühl einer ständigen Gehetztheit zu entwickeln. Dieser versucht anfangs noch, rationale Erklärungen für seine irrationale Wahrnehmung zu finden, um dann mehr und mehr von seiner Autonomie als eigenständige Persönlichkeit zu verlieren. Je mehr sich die Sinne verwirrten und die Seelenpein zunahm, umso mehr steigerte sich die Handlung zum beinah unumgänglichen Finale.

Für diese illustrierte Fassung der Novelle konnte der Reclam-Verlag wieder auf die Kunstwerke von Anna und Elena Balbusso zurückgreifen, die für die französischsprachige Ausgabe im Jahre 2010 erschaffen wurden. Wie schon bei Das Bildnis des Dorian Gray schufen die Balbusso-Zwillinge auch hier abermals ätherisch-phantastische Illustrationen. Die Darstellung von Gesichtern bzw. deren Mimik fiel diesmal detailreicher aus und zeigt so die Ängste der Figuren in aller Deutlichkeit. Mit ihrer ausgeprägten Bildsprache sprengen sie die Grenzen zwischen Realität und Surrealismus und erinnerten mich sowohl an die Schöpfungen eines Salvador Dalí als auch an die skurrile Ästhetik von Monty Python.

Neben seiner großartigen Übersetzung bereichert Ernst Sander diese Edition mit einem informativen Nachwort, in dem er Wissenswertes zum Autor preisgibt und das Werk im Zusammenhang zu dessen Lebenslauf einordnet.

Abermals ist es dem Reclam-Verlag gelungen, einen Klassiker der Weltliteratur in einem äußerst geschmackvollen und hochwertigen Erscheinungsbild zu präsentieren und so mein bibliophiles Herz zu erfreuen.


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150114568 / in der Übersetzung von Ernst Sander

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

ebenfalls erschienen bei Hofenberg/ ISBN: 978-3843076135 (ohne Illustrationen)

[Rezension] Chloé Perarnau – Mit dem Orchester um die Welt. Wimmelbuch

Schon vor über einem Monat hat die Spielzeit 2023/2024 auch an meinem Stammtheater begonnen, und somit ist auch das Philharmonische Orchester Bremerhaven wieder voll im Einsatz. Doch in der Sommerpause genossen die Orchestermusiker*innen ihren verdienten Urlaub und waren über alle Länder verstreut. Doch via Social Media ließen sie ihre Fans und Follower daran teilhaben, indem sie fleißig Fotos schickten.

Beinah scheint es so, als hätte Chloé Perarnau sich dies zum Vorbild für ihr Wimmelbuch genommen. Doch im Vergleich zu den Musiker*innen in ihrer Geschichte, waren die Mitglieder des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven wieder pünktlich zur Stelle und mussten nicht persönlich von ihrem GMD Marc Niemann eingesammelt werden.

Das große Konzert findet schon in einer Woche statt, aber alle Mitglieder des Orchesters sind noch im Urlaub. Daher müssen der Maestro und sein treuer Assistent sich auf die Suche nach ihnen machen. Rund um die Welt haben sich die Musiker verstreut: die Harfenistin ist in Porto, die Trompeter sind in Rio, die Flötisten in Abidjan, die Geiger in Tokio. Aber in den überfüllten und hektischen Straßen ist es nicht leicht, die Musiker aufzuspüren! Kannst du dem Maestro helfen, die Musiker zu finden?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Als Kind liebte ich die Bücher von Ali Mitgutsch, der als „Vater der Wimmelbücher“ galt und leider im letzten Jahr verstorben ist. Mitgusch schärfte die Sicht von uns Kindern auf die Welt und zeigte den Zauber im Alltäglichen. So freute ich mich sehr, als ich in der Herbst-Vorschau vom Kunstmann-Verlag von diesem Wimmelbuch erfuhr – zumal es gleich zwei meiner Interessensgebiete streift: meine Schwärmerei für das Wimmelbuch und meinen Hang zum Theater und zum Konzert.

Nun halte ich dieses Buch in den Händen und fühle einen Hauch Enttäuschung in mir aufkeimen: Ja, ich weiß, dass ich unvoreingenommen sein und keine Vergleiche anstellen sollte. Doch ist es nicht allzu menschlich, dass ich voreingenommen bin und Vergleiche anstelle? Mitgutsch ist und bleibt in seiner Kunst unerreicht, und jede*r, die/der sich an ein Wimmelbuch wagt, begibt sich auf das berüchtigte und gefährliche „dünne Eis“.

Dabei hat Chloé Perarnau durchaus ihren eigenen Stil, der mich an kindliche Filzstift-Zeichnungen erinnert, und ist damit nah an der Erfahrungswelt ihres jungen Publikums. Zumal ihre Illustrationen recht detailreich daherkommen und mit so manchen skurril-witzigen Einzelheiten überraschen (Selbstverständlich besucht die Triangel-Spielerin die Pyramiden in Ägypten. 😉).

Auch gelingt es ihr gut, die Unterschiede der Länder in Architektur, Vegetation und Lebensgefühl zu vermitteln. Doch leider erfährt man von den jeweiligen Instrumenten so gut wie nichts. Gerade da hätte ich mir ein wenig „Mehr“ gewünscht, um das Interesse der Kids an ein klassisch besetztes Orchester zu wecken, und sie so sehr neugierig zu machen, dass sie ein Live-Konzert besuchen möchten.

Was bleibt, ist die Erinnerung an eine charmante Idee und meine Sehnsucht nach den alten Wimmelbüchern aus Kindertagen.


erschienen bei Kunstmann / ISBN: 978-3956145711 / in der Übersetzung von Mathilde Lully

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Caroline Derlatka – Der Zauber der Bücher/ mit Illustrationen von Sara Ugolotti

Kann irgendein waschechter und eingefleischter Vollblut-Bücher-Nerd einem Titel wie „Der Zauber der Bücher“ ernsthaft widerstehen? Nein, selbstverständlich nicht mal ansatzweise, von „ernsthaft“ brauchen wir da gar nicht erst zu sprechen. Wobei ich den englischen Original-Titel „When You Open a Book“ noch viel ansprechender finde: Ja, was passiert denn da, wenn ich ein Buch zum ersten Mal aufschlage?

Mit magischen Worten
erfasst dich der Wind
und bläst dich zu Orten,
die Buchstaben sind.

Enthüll das Geheimnis,
der Zauber ist groß:
Schlag bloß Seite eins auf
und schon geht es los!

…lässt Caroline Derlatka die Reise zweier Kinder ins Land der literarischen Abenteuer beginnen. Denn wir alle wissen, dass in dem Moment, wo wir ein Buch aufschlagen, wir augenblicklich in eine uns unbekannte Welt entführt werden. Wir begeben uns auf eine spannende Reise, fliegen in Gedanken davon und haben uns real nicht den klitzekleinsten Millimeter von der Stelle bewegt.

Genau so ergeht es unserer Heldin und ihrem kleinen Freund: Sie machen die Bekanntschaft mit mächtigen Bären, großen Walen und freundlichen Riesen. Sie reiten auf eleganten Drachen oder segeln mit aberwitzigen Flugobjekten durch die Wolken. Sie kämpfen gegen Piraten auf dem Meer oder musizieren mit Delphinen und Kraken unter dem Meer. Sie fahren Schlitten auf einem Regenbogen oder erkunden die unendlichen Weiten des Weltraums. Dies geschieht nur, da sie ein Buch geöffnet haben.

Die Autorin schmückt die Geschichte mit poetischen Versen, die eine feine Melodik besitzen, sich ganz wunderbar vorlesen und so Raum für eine individuelle Interpretation lassen. Wobei mein Dank auch der Übersetzerin Cornelia Boese gilt, die sicherlich einen nicht unwesentlichen Anteil daran hat, dass die Poesie des Originals auch in der deutschen Übertragung erhalten blieb.


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Sara Ugolotti greift die Poesie der Verse nicht nur auf, sondern sie potenziert diese in ihren Illustrationen: Farbenfroh und phantasiereich, detailliert und humorvoll, märchenhaft und nuanciert – all dies und noch viel mehr repräsentieren ihre Bilder und laden mit ihrer harmonischen Farbgebung zum Immer-wieder-anschauen ein.

Ich habe mir dieses entzückende Buch insgesamt fünf Mal hintereinander angeschaut. Nach jedem Betrachten habe ich es zugeschlagen, einen Moment gewartet und still in mich hinein sinniert, bevor ich es abermals geöffnet habe. Meine Aufmerksamkeit blieb jedes Mal bei anderen Illustrationen haften, die mich staunend machten oder ein Lächeln auf meine Lippen zauberten. Und ich bin mir sehr sicher, dass mich dieses kleine aparte Gesamtkunstwerk noch sehr lange erfreuen wird.

Welch Abenteuer,
wag den Versuch!
Wunder erwarten dich.
Öffne ein Buch!

P.S.: Ich nahm dieses Büchlein in die Hand, und mein erster Gedanke war, dass den wunderbaren Illustrationen von Sara Ugolotti durchaus ein üppigeres Format gut gestanden hätte. Doch dann fiel mir auf, dass ich mit meinen großen Pranken nicht der passende Maßstab sein kann. Ich dachte an die viel kleineren Kinderhände, die in diesem Buch blättern würden, und befand, dass das Format genau richtig ist.


erschienen bei Knesebeck / ISBN: 978-3957287533 / in der Übersetzung von Cornelia Boese

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Yoshi Yoshitani – Das Buch der Mythen und Märchen. 78 inspirierende Geschichten aus aller Welt

Märchen schreibt die Zeit,
immer wieder wahr,
eben kaum gekannt,
dann doch zugewandt,
unerwartet klar.

…summte ich vor mich hin, als ich erstmals durch die Seiten dieses Buches blätterte. Ein Blick auf die Vita der Künstlerin offenbarte mir, dass ich instinktiv den passenden Song geträllert hatte. So hatte Yoshi Yoshitani u.a. schon für Produktionsfirmen wie Disney und Dreamworks gearbeitet. Dabei sind die Illustrationen zu diesem Buch fern jeglicher Disney-Romantik. Vielmehr hat Yoshitani Geschichten aus aller Welt ausgewählt, deren Handlung sich so manches Mal recht drastisch entwickelt und sich somit nicht als Gute-Nacht-Geschichte für die Kleinen eignet. Dies war von der Künstlerin auch nicht beabsichtigt: Vielmehr wendet sie sich an eine erwachsene(re) Leserschaft, die aus den Märchen und Mythen Inspirationen für das eigene Leben ziehen sollen. Passend zum Buch (und nicht im Buch inbegriffen) gibt es ein Tarot mit allen 78 Illustrationen als Karten-Set. So tauchen bei den Bildern immer wieder die aus dem klassischen Tarot geläufigen Symbole, wie Schwerter, Kelche, Münzen und Stäbe, auf. Besonders bei den Illustrationen zu den mir bekannten Geschichten irritierten mich anfangs diese Symbole etwas, da sie für mich keinen nachvollziehbaren Bezug zur Handlung hatten. Später nach wiederholter Betrachtung der Bilder konnte ich dies gut als ein rein gestalterisches Element akzeptieren.

Für jedes Märchen hält die Künstlerin eine Doppelseite bereit: Während die linke Seite eine farbenfrohe Illustration ziert, wird auf der rechten Seite der Inhalt wiedergegeben. Hierbei handelt es sich allerdings eher um Nacherzählungen aus der Feder der Autorin und weniger um die Wiedergabe des Original-Textes. So sind die Nacherzählungen zwar durchaus gelungen, komprimieren die Geschichten allerdings zwangsläufig auf die nötigsten Handlungselemente. Am Ende des Buches hätte ich mir darum einen Anhang mit Quellenangaben bzw. Literaturhinweise sehr gewünscht, um so auf die Original-Texte zugreifen zu können.

Die Ursprungsländer der Original-Geschichten umspannen den gesamten Erdball. Da sind die uns bekannten Märchen von Hans Christian Andersen und den Brüdern Grimm ebenso vertreten, wie die Märchen aus Frankreich oder England. Persische bzw. orientalische Volksmärchen finden sind neben Mythen aus West- und Nordafrika. Auch Geschichten aus Japan, China und Vietnam dürfen hier nicht fehlen. Die Nordischen Sagen aus Alaska oder Norwegen stehen ebenbürtig neben Erzählungen aus Indien, Ägypten und Griechenland. Und auch der amerikanische Kontinent, Australien und Russland werden mit ihren oft jahrhundertealten Überlieferungen nicht vergessen.


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Im Mittelpunkt der Geschichten steht oft ein Lebensumbruch mit dem die Held*innen umzugehen versuchen. Dabei verzichtet die Autorin wohltuend auf das abgegriffene Klischee der hilflosen Prinzessin, die darauf wartet, dass ein wagemutiger Prinz auf seinem weißen Pferd angetrottet kommt, um sie aus ihrer misslichen Lage zu erretten. Vielmehr strahlen gerade die weiblichen Figuren eine enorme mentale wie körperliche Stärke aus und brauchen sicherlich so einiges zur Lösung ihres Problems aber definitiv keinen depperten Prinzen.

Bei dieser üppigen Auswahl an internationalen Geschichten wird nur allzu deutlich, dass die Menschen – egal wo sie leben – ähnliche Ängste und Sehnsüchte haben. Wir sind im Grunde eben doch nur ein Erden-Volk, was sich auch anhand einer ähnlichen Grundstruktur von Märchen aus unterschiedlichen Ländern widerspiegelt. So findet Die kleine Meerjungfrau (Dänemark, Seite 23) ihre Schwester in Julnar die Meerfrau (Persien, Seite 145). Die Schöne und das Biest (Frankreich, Seite 121) könnten mit Der weiße Bär König Walemon (Norwegen, Seite 131) verwandt sein. Und sowohl Die wunderschöne Wassilissa (Russland, Seite 101) als auch Die gute Fee (Frankreich, Seite 167) zeigen deutliche Ähnlichkeiten zu „unserem“ Aschenputtel.

Dank ihrer Eltern vereinen sich in Yoshi Yoshitani sowohl die japanische wie auch die US-amerikanische Kultur und nehmen so Einfluss auf ihre Werke. So meinte ich (aus meiner europäischen Sichtweise heraus), die besondere Ästhetik japanischer Grafiken in den Illustrationen wiederzuerkennen. Ihre Farbwahl erzeugt eine Lebendigkeit, die so die Aufmerksamkeit des Betrachtenden auf die Details lenkt. Die Illustrationen strahlen zudem eine enorme Dynamik aus, und es wirkt beinah so, als wären die Figuren in einer stetigen Bewegung.

Die kulturellen Besonderheiten eines Landes werden durchaus wiedergegeben aber nie protzig hervorgehoben. Vielmehr wird vermittelt, dass das besagte Märchen zwar in einem bestimmten Land spielt, und somit die Kulisse passend gewählt wurde. Allerdings könnte sich die Geschichte auch in jedem anderen Land zugetragen haben. Stichwort: Erden-Volk!

Dank Yoshi Yoshitani kann ich meine Märchenbuch-Sammlung um ein weiteres interessantes Werk ergänzen, das mit seiner Auswahl an Geschichten ganz wunderbar einen Bogen um den Erdball spannt und so Länder und Völker miteinander verbindet.


erschienen bei Irisiana / ISBN: 978-3424154573 / in der Übersetzung von Sven Beier

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Maurice Leblanc – Arsène Lupin. Der Gentleman-Gauner/ mit Illustrationen von Annika Siems

Arsène Lupin, der feinsinnige Gentleman-Gauner und Meister der Verkleidungskunst, brilliert im rasanten Schlagabtausch mit seinen Gegenspielern. Galant wickelt er seine Geschäfte ab, entwendet mit Leichtigkeit prächtige Diamanten, teuerste Gemälde und brisante Dokumente. Selbst ein Aufenthalt im berüchtigten Gefängnis von Paris hält Lupin nicht davon ab, seine diebischen Vorhaben in die Tat umzusetzen. Intrigen, falsche Fährten, Täuschungen und Verrat – nichts kann dem Meisterdieb gefährlich werden. Nur eines bringt den ausgewiesenen Kunstkenner aus der Fassung: die Liebe zu einer Frau…

(Inhaltsangabe dem Klappentext des Buches entnommen!)

Zwischen den Jahr(zehnt)en 1905 und 1935 erzählte Autor Maurice Leblanc seinem stetig wachsenden Publikum in 20 Romanen, zwei Theaterstücken und etlichen Kurzgeschichten von den haarsträubenden Abenteuern des Arsène Lupin. Dabei gelten die Romane als eine wichtige Entwicklung in der Geschichte des Kriminalromans. Hier stand nicht ein gewiefter Ermittler im Rampenlicht, vielmehr galt die gesamte Aufmerksamkeit erstmals einem Kriminellen, der allerdings mit so viel Charme, Stil und Klasse agierte, dass er sich der Sympathie der Leserschaft sicher sein konnte.

Arsène Lupin ist frech, dreist und unverschämt, dann wieder zartfühlend, zurückhaltend und empathisch. Die Armen haben nichts zu befürchten. Vielmehr beutelt er die, die eh alles im Übermaß besitzen und sich oftmals verzweifelt an ihre Besitztümer klammern gemäß dem Motto „Ich habe, also bin ich wer!“. Sein genialer „Spiritus rector“ erlaubt ihm sogar die Freiheit bzw. Frechheit, dass er seine zukünftigen Opfer vorwarnt und sie trotz aller getroffenen Vorsichtsmaßnahmen selbstverständlich (!) um ihrer Wertgegenstände erleichtert.

Dabei pflegt er ein beinah freundschaftliches Verhältnis zur Polizei, selbst wenn diese, wie z.Bsp. der von ihm geschätzte Inspector Ganimard, ihn verhaftet und ins berüchtigte Pariser Gefängnis Santé verfrachtet. Er kann ihnen nicht lange böse sein, denn schließlich ist selbst ein Gefängnisaufenthalt für einen Gentleman-Gauner, wie er einer ist, nur von kurzer Dauer. Doch es gibt zwei Menschen, die es schaffen den Meisterdieb aus sehr unterschiedlichen Gründen durch ihre bloße Anwesenheit zu irritieren: Einerseits ist es die entzückende Miss Nelly Underdown, andererseits der wohl berühmteste Detektiv der Welt Mr. Sherlock Holmes.

Gerüchten zufolge soll Leblanc den Meisterdieb als Gegenstück zum sehr erfolgreichen Sherlock Holmes von Arthur Conan Doyle geschaffen haben. Aus urheberrechtlichen Gründen durfte bei der Erstveröffentlichung der korrekte Name des Meisterdetektivs nicht genannt werden, der dann zu „Herlock Sholmes“ mutierte. Diese Schreibweise wurde auch in der vorliegenden Ausgabe der Büchergilde Gutenberg beibehalten.

Aus dem Füllhorn an Geschichten wurden für die vorliegende Edition neun Erzählungen gewählt, die wunderbar aufeinander aufbauen bzw. sich aufeinander beziehen. Alle Erzählungen wurden von Martin Barkawitz mit viel Witz und Esprit vortrefflich übersetzt.

Die Illustrationen von Annika Siems, die jeweils am Anfang einer Geschichte stehen, sind ein nettes „Beiwerk“ aber durchaus auch entbehrlich. Leider erreichen sie nicht die Intensität, die ihre Illustrationen vorweisen, die sie für Graham Greenes „Der dritte Mann“ ebenfalls für die Büchergilde Gutenberg kreiert hat.

Arsène Lupin ist ein Meister der Verkleidung, der in eine Vielzahl verschiedener Identitäten schlüpft: So ist es natürlich müßig zu erwähnen, dass Maurice Leblanc in keinem einzigen Satz und nicht mit der winzigsten Andeutung einen Hinweis auf das wahre Erscheinungsbild seiner Schöpfung gibt. So blieb es für mich als Leser immer wieder spannend zu rätseln, hinter welchem Pseudonym sich der Gentleman-Gauner diesmal verbergen könnte.

„Oldies but Goldies!“ lautet ein vielbemühter Ausspruch, der mal mehr, mal weniger zutreffend ist. In diesem Fall trifft er allerdings direkt ins Schwarze: Ich habe mich bei der Lektüre dieser neun Erzählungen gar prächtig amüsiert und bestens unterhalten gefühlt.

Easter Eeg: Beim Lesen der letzten Erzählung „Herlock Sholmes kommt zu spät“ stutze ich plötzlich und musste spontan auflachen. Da hatte sich doch tatsächlich der korrekte Name des Meisterdetektivs in die Geschichte geschummelt. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Suchen!


erschienen bei Büchergilde Gutenberg / ISBN: 978-3763272938 / in der Übersetzung von Martin Barkawitz

[Rezension] Heinz Janisch – Hans Christian Andersen. Die Reise seines Lebens/ mit Illustrationen von Maja Kastelic

„Buch des Monats“ im März 2020, Nominierung für „Jugendsachbuchpreis 2020 des Vereins für Leseförderung e. V.“ und eine Platzierung auf der Shortlist „Die schönsten Deutschen Bücher 2020“ – zudem war dieses Buch für drei Jahre ein fester Gast auf meiner Wunschliste. Und das ist wahrlich die größte Auszeichnung, da dies absolut nicht selbstverständlich ist. Denn die Wunschliste eines Buchbloggers ist einem stetigen Wandel ausgesetzt: Da sehe ich bei Blogger-Kolleg*innen, auf einer Verlagsseite oder in einschlägigen Foren ein Buch, dass mir interessant erscheint, und – Schwupps! – notiere ich mir den Titel auf meiner Wunschliste. Einige Monate später entdecke ich den Titel wieder auf eben jener Liste, frage ich mich, was mich daran interessiert hat, und – Schwupps! – ist der Titel wieder gestrichen. Doch einige Werke verbleiben auf dieser geheimnisvollen Wunschliste und landen dann bestenfalls im heimischen Bücherregal. So wie dieses Buch…

In einer Kutsche sitzt das Mädchen Elsa. Zusammen mit ihrer Mutter ist sie auf dem Weg nach Kopenhagen. Ihnen gegenüber sitzt ein weiterer Passagier, der Elsas Aufmerksamkeit erregt. Neugierig fragt sie ihn „Bist du alt?“. Ihre Mutter ist entsetzt, doch der Fremde entpuppt sich als der berühmte Schriftsteller Hans Christian Andersen, der nur allzu gerne auf die Fragen des wissbegierigen Kindes reagiert. Und so entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch zwischen den Beiden in dessen Verlauf Andersen Elsa erzählt, wie aus dem Sohn eines armen Schuhmachers der gefeierte Schriftsteller werden konnte. Beinah so phantastisch wie seine Märchen mutet auch diese Geschichte an…!


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Hans Christian Andersen war wahrlich keine einfache Persönlichkeit. Er galt als Außenseiter, der mit seinem unkonventionellen Verhalten bei gesellschaftlichen Anlässen aneckte. Auch sein Erscheinungsbild schien wenig für ihn einzunehmen. So beschrieb Friedrich Hebbel ihn als „lange, schlottrige, lemurenhaft-eingeknickte Gestalt mit einem ausnehmend hässlichen Gesicht“. Auch strapazierte er die Geduld von Gastgebern und ihm bekannten Schriftstellern über Gebühr: Ein anfangs auf 14 Tage angedachter Besuch bei Charles Dickens und dessen Familie verlängerte er unabgesprochen um weitere drei Wochen. Dabei legte er solch ausgefallene Allüren an den Tag, mit denen er gewaltig am Nervenkostüm seiner Gastgeber zerrte. So kann man durchaus die Notiz verstehen, die Dickens nach Andersens Abreise auf dem Spiegel des Gästezimmers hinterließ: „Hans Andersen schlief fünf Wochen in diesem Zimmer. Der Familie kam es vor wie eine Ewigkeit.“

Zeitlebens – selbst auf der Höhe seines Erfolges – schien der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Andersen das Gefühl zu haben, er würde zu wenig Anerkennung erhalten, und so forderte er diese vehement von seinem Gegenüber ein. Mit dem Wissen um die Hintergründe ist es umso erstaunlicher, dass diese komplizierte Dichter-Persönlichkeit so wunderbare Kunstmärchen voller Anmut und Zartheit schuf. Autor Heinz Janisch nimmt in seiner Geschichte die dichte Atmosphäre der Anderschen Märchen auf und zeichnet ein ansprechenderes Bild von Dänemarks berühmtesten Dichter: Aus dem exzentrischen Eigenbrötler wird die freundliche und zugewandte Reisebekanntschaft, die nur allzu gerne mit seiner kleinen Begleiterin plaudert. Dabei verknüpft Janisch gekonnt die Lebensgeschichte des Autors mit dessen Märchen und zeigt so mögliche Parallelen auf bzw. verdeutlicht Andersens Abneigung gegen die Pädagogik der damaligen Zeit. Dabei bedient er sich einer beinah poetischen Sprache, die ihren Zauber insbesondere beim Vorlesen entfaltet (Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe es erprobt!). Wunderbar flüssig perlen Sätze und Dialoge über die Zunge. Janisch schuf einen charmanten Spannungsbogen, bei dem er das Märchenhafte der Geschichte nie aus dem Fokus verliert.

Maja Kastelic unterstützt mit ihren Illustrationen die Erzählung von Heinz Janisch kongenial, indem sie Elemente eines klassischen Bilderbuchs mit denen der Graphic Novel kombiniert, und so eine ganz eigen Dynamik in der Erzählweise kreiert. Dabei variierte sie in der Farbgebung, um so die unterschiedlichen Erzählebenen hervorzuheben. So wählte sie für die Vergangenheit, also für den Teil der Geschichte, der vom Werdegang Andersen handelt, einen düsteren Sepia-Ton. Die Gegenwart leuchtet in den Farben eines sonnigen Sommertags, während die Märchenaspekte in bunten Farben erstrahlen.

Zudem verführt sie uns zum besonders aufmerksamen Betrachten des Buches, da sie in ihren Bildern sowohl einige Held*innen aus Kinderbüchern wie auch deren Schöpfer*innen versteckte – eine ganz und gar charmant-respektvolle Verbeugung vor dem Talent wunderbarer Kinderbuch-Autor*innen, denen wir als Kind vergnügliche Lese-Stunden verdankten, da sie uns die Welt erklärten und sie so erfahrbarer machten.


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314104220

[Rezension] Christoph Wagner-Trenkwitz – Die Fledermaus. Operette von Johann Strauß/ mit Illustrationen von Lisa Manneh

Überall und allerorten schließen die Theater so peu à peu ihre Pforten und begeben sich in die wohlverdiente Sommerpause. Und ich? Was mache ich? Ich versuche den Abschied der Saison 2022/2023 mit entsprechender „Theater“-Lektüre hinauszuzögern.

Und so trudelt mit „Die Fledermaus“ von Johann Strauß ein weiteres musikalisches Bilderbuch aus dem Annette Betz-Verlag bei mir ein. „Die Fledermaus“ wird auch gerne als die Königin der „Goldenen Ära der Operette“ bezeichnet, und dies auch völlig zu Recht. Neben einer turbulenten Handlung mit viel Humor, prallen Charakteren und der Möglichkeit zur opulenten Ausstattung, punktet sie mit der wundervollen Musik von Johann Strauß. Diese charmant-pikante aber gänzlich harmlose Verwechslungskomödie eignet sich ganz hervorragend, um Kinder an das Musiktheater heranzuführen.

Vorgeschichte: Herr von Eisenstein lässt den Notar Dr. Falke nach einer Ballnacht betrunken als Fledermaus verkleidet durch die Straßen irren. Das ist für den Notar, der von dem Zeitpunkt an „Dr. Fledermaus“ genannt wird, eine peinliche Situation. Er will sich an Eisenstein rächen und klügelt einen Plan zur „Rache der Fledermaus“ aus.

Adele, das Stubenmädchen, erhält eine Einladung zu einem Fest von Prinz Orlofsky, angeblich von ihrer Schwester Ida. Eisenstein muss wegen Beamtenbeleidigung eine Gefängnisstrafe antreten. Dr. Falke überredet ihn, mit ihm zum Souper bei Prinz Orlofsky zu kommen und die Gefängnisstrafe erst am nächsten Morgen anzutreten. Eisenstein ist bald überredet. Er nimmt Abschied von der „betrübten“ Rosalinde, die aber schon Alfred, ihre Jugendliebe erwartet. Nachdem Eisenstein gegangen ist, kommt Alfred vorbei und macht es sich in Eisensteins Schlafrock gemütlich. Da erscheint Gefängnisdirektor Frank, der Eisenstein persönlich inhaftieren will und hält Alfred für Eisenstein. Dieser folgt Frank ins Gefängnis, um Rosalinde nicht in eine peinliche Situation zu bringen. Das Fest bei dem reichen aber stets gelangweilten Prinzen Orlofsky ist im vollen Gange. Alles verläuft so, wie Falke es sich vorgestellt hat. Adele erscheint in der Garderobe der gnädigen Frau und wird für eine aufstrebende Künstlerin gehalten. Weiter erscheint Eisenstein, den Falke als Marquis Renard in die Gesellschaft einführt. Auch der Gefängnisdirektor erscheint unter dem falschen Namen Chevalier Chargrin. Doch der Höhepunkt des Abends ist das Erscheinen einer geheimnisvollen ungarischen Gräfin. Diese maskierte Gräfin ist niemand andere als Rosalinde, die entsetzt ist, dass ihr Mann sie angelogen hat und hier ungeniert erst mit dem verkleideten Stubenmädel und dann mit ihr selbst flirtet. Dabei gelingt es ihr, ihm seinen sogenannten „Damenköder“, eine Uhr mit Melodie, abzunehmen. Man feiert, preist den Champagner, verbrüdert sich und macht sich nach der durchzechten Nacht wieder auf nach Hause, beziehungsweise ins Gefängnis. Im Gefängnis erlebt Eisenstein eine Überraschung nach der anderen: Nicht nur, dass sich sein neuer Freund Chevalier Chargrin als Gefängnisdirektor Frank entpuppt, auch irritiert ihn, dass er bereits inhaftiert wurde. Eisenstein ist wütend, als er erfährt, wie es zu dieser Verwechslung mit Alfred kam, und fühlt sich von Rosalinde hintergangen. Er schreit nach Rache. Doch als Rosalinde erscheint, hält sie ihm seine Uhr unter die Nase: Ihr Gatte war um keinen Deut besser als sie und hat ihr somit nichts vorzuwerfen. Bevor die Situation eskaliert, erscheint Dr. Falke mit dem Prinzen und den Ballgästen und erklärt Eisenstein, dass diese ganze Inszenierung nur Falkes gelungene „Rache der Fledermaus“ war. Eisenstein nimmt es mit Humor und entschuldigt sich mit „Schuld war nur der Champagner…!“

HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um die, die dem Buch beigefügt ist. Es ist eine ältere Aufnahme, und sie dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln. 

Mit Christoph Wagner-Trenkwitz, einst langjähriger Chefdramaturg der Volksoper Wien, nun Dramaturg am Staatstheater am Gärtnerplatz in München, war ein Fachmann des Genres am Werk, der für Konzept und Text verantwortlich zeichnete, sowie als Sprecher auf der beigefügten CD fungierte. Bei dieser geballten Ladung an Fachkompetenz hätte ich mir in der Umsetzung ein wenig mehr Innovation gewünscht. Wagner-Trenkwitz bleibt mit seinem Konzept auf dem bekannten Pfad des Genres und liefert mit seinem Text eine flüssige, gut zu lesende Inhaltsangabe der Operette – nicht weniger, leider auch nicht mehr. Die Rahmenhandlung, um die kleine Steffi, die mit ihrer Oma eine Aufführung der berühmten Operette besucht, ist so rudimentär ausgearbeitet, dass sie vernachlässigt werden kann. Als Sprecher gefällt Wagner-Trenkwitz mit seinem charmanten Wiener Idiom.

Bei der Musikaufnahme handelt es sich um eine Live-Aufnahme mit Solisten, Chor und Orchester aus der Volksoper Wien, die zwar recht ordentlich ausfällt, bei mir aber trotzdem einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt. Einerseits vermittelt sie gut Theater-Atmosphäre, da vom Stimmen der Instrumente über Schritte auf der Bühne bis zum Husten und Räuspern im Publikum alles zu hören ist, und zudem die meisten Ensemblemitglieder mit Spielfreude überzeugen. Andererseits sind die Solist*innen bedauerlicherweise manchmal schlecht zu verstehen, was die Aufmerksamkeit der jungen Zuhörerschaft etwas herausfordern könnte. Auch sind leider nicht alle Solist*innen auf dem gleichen gesanglichen Level, was aber wohl eher dem erwachsenen Zuhörer auffallen würde.

Schade finde ich es auch, dass hier die Chance vertan wurde, auf die Besonderheit der sogenannten Hosenrolle in Oper und Operette einzugehen. Bei der Hosenrolle handelt es sich um eine männliche Figur, die von einer Frau verkörpert wird, um so zu verdeutlichen, dass der Charakter besonders jung bzw. androgyn-geheimnisvoll ist. Auch bei dieser Aufnahme wird die Partie des Prinzen Orlofsky von einem Mezzo-Sopran gesungen. Die entsprechende Figur in den Illustrationen zeigt dagegen deutlich männlich-markante Züge.

Die Illustrationen von Lisa Manneh fangen ganz wunderbar den Zauber der Operette ein. Weit entfernt von jedweden Realismus lässt sie in eleganten Bühnenbildern die Paare wie im Traum beschwingt tanzen. Ihr gelingt das Kunststück, dass trotz der Vielzahl an Frackschöße und Tüll die einzelnen Figuren in ihrer Physiognomie gut zu unterscheiden sind. Dabei ist eine ironische Überhöhung durchaus erkennbar, die wunderbar zur Leichtigkeit des Werkes passt.


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219116557