[Lustspiel] Heinrich von Kleist – DER ZERBROCHNE KRUG / Stadttheater Bremerhaven

Lustspiel von Heinrich von Kleist

Premiere: 9. September 2023 / besuchte Vorstellung: 17. September 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


INSZENIERUNG Thomas Oliver Niehaus
BÜHNE & KOSTÜME Kathrin Kemp
MUSIK Patrick Schimanski
DRAMATURGIE Elisabeth Kerschbaumer
REGIEASSISTENZ Jens Bache
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
SOUFFLAGE Birgit Ermers
THEATERPÄDAGOGIK Schirin Badafaras
AUSSTATTUNGSHOSPITANZ Hannah Berki, Jana Rabofsky


Es war Saison-Auftakt am Stadttheater Bremerhaven mit dem Komödien-Klassiker DER ZERBROCHNE KRUG und gleichzeitig die erste Abo-Vorstellung für mich: Ich betrat also den Zuschauersaal, setzte mich auf meine gewohnten Plätze in der 2. Reihe und blickte auf fünf Kunsttannen, die üppig am Bühnenrand positioniert waren. Spontan lachte ich auf, da ich an das kleinliche Gemecker einiger Zuschauer*innen dachte, denen in der vergangenen Spielzeit in der sensationellen Inszenierung von DER FREISCHÜTZ der Wald fehlte. „Das habt ihr nun davon“, dachte ich voller Schadenfreude „Da habt ihr euren Wald!“. Doch dann blickte ich abermals auf die Bühne und langsam bahnte sich ein Gedanke seinen Weg in mein Gehirn. Meine schnöde Schadenfreude wich einer ernüchternden Erkenntnis, dass nicht nur die Meckerer im Wald stehen, auch mir würde eine freie Sicht auf die Bühne verwehrt bleiben.

Gerichtsschreiber Licht überrascht Richter Adam morgens beim Verbinden frischer Wunden. Adam erklärt, beim Aufstehen gestrauchelt und gegen den Ofen gefallen zu sein. Da lässt sich Gerichtsrat Walter melden. Er ist aus Utrecht entsandt, um Gerichtskassen und Akten zu prüfen. Adam gerät in Panik, zumal seine richterliche Perücke verschwunden und kein Ersatz zur Hand ist. Obendrein ist auch noch Gerichtstag, und Klägerin, Beklagter und Zeugen warten schon vor der Tür. Der Richter ahnt, weshalb sie gekommen sind, und dass er als Richter nun gezwungen sein wird, über eine Tat zu richten, die er selbst begangen hat. Entsprechend tut er alles, was in seiner Macht steht, um die Aufklärung des Falls, bei dem außer einem Krug auch ein Verlöbnis entzweiging, zu verhindern. Schlangengleich dreht und windet er sich, um den Verdacht auf andere zu lenken. Doch Gerichtsrat Walter und Schreiber Licht lassen sich davon nicht blenden, da beide, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen, an der Aufklärung des Falls interessiert sind. Schwitzend vor Angst wird Richter Adam in die Enge getrieben. Schritt für Schritt enthüllt sich während der Verhandlung folgender Tatbestand: Der Unbekannte, der am Vorabend des Gerichtstags hastig durch das Schlafkammerfenster von Eve Rull entwich und dabei den Krug, der ihrer Mutter Marthe lieb und teuer ist, vom Sims stieß, war er, Richter Adam selbst. Es war nicht der Beklagte, Eves Verlobter Ruprecht, der mit seinem Vater Veit Tümpel erschienen ist. Dessen vermeintlicher Nebenbuhler Lebrecht kann es ebenfalls nicht gewesen sein, da dieser sich zu dem Zeitpunkt nicht im Dorf aufhielt. Alle Indizien sprechen gegen Richter Adam: Die beiden Kopfwunden, die Adam davontrug, als Ruprecht dem unerkannt Flüchtenden zweimal die Türklinke über den Kopf hieb; Adams Klumpfuß, der die Spur vom Tatort quer durchs Dorf zu seiner Wohnung erklärt; und die fehlende Richterperücke, die die Zeugin Frau Brigitte am Weinspalier hängend unter Eves Kammerfenster entdeckt hatte. Nun rät Walter dem Richter, abzutreten, da die Würde des Gerichts auf dem Spiel stehe. Aber dieser will nicht hören und fällt sein Urteil: Ruprecht soll wegen Ungebühr der Hals ins Eisen gelegt werden. Ruprecht bäumt sich so stark gegen diese Ungerechtigkeit auf, dass Richter Adam ängstlich aus seinem Haus flüchtet. Nun wo der Schändliche nicht mehr gegenwärtig, ist Eve bereit, die volle Wahrheit zu sagen: Adam hat Eve vorgelogen, ihrem Verlobten drohe der Militärdienst in Ostindien, und nur er, der Dorfrichter könne dies verhindern, wenn Eve eine Gegenleistung erbringt. Zum Äußersten ist es, auch dank Ruprechts Eingreifen, vermutlich nicht gekommen, obwohl Eve noch zum Zeitpunkt ihrer Beschuldigung Adams befürchtet, der Erpresser besitze Macht, ihr den Verlobten zu entreißen. Deshalb hat sie lange über das geschwiegen, was wirklich in ihrer Schlafkammer geschehen ist.

30 weiße Gartenstühle aus „Plaste“ nebst div. Tische und einiger Hocker aus eben diesem Material verteilten sich scheinbar wahllos gestapelt und zusammengestellt auf der Bühne. Zusammen mit einem großen Lamellenvorhang, der den Bühnenraum unterteilt, versprühte diese Ausstattung ein steriles Schlachthof-Ambiente. Zwangsläufig stellte sich mir bei diesem Anblick die Frage, wer hier von den Charakteren wohl zur Schlachtbank geführt wird. Richter Adam als Ober-Schlachter versucht gleich mehrere Unschuldige zu opfern, nur um von sich abzulenken, und wird am Ende dann doch selbst filetiert. Auch die weißen Kostüme können als Sinnbild für die Reinheit der beteiligten Personen gesehen werden. Selbst Richter Adam erscheint anfangs ganz in weiß gekleidet, wobei sein schlampiges Outfit bestehend aus Unterhemd und langer Unterhose schon auf seinen wahren Charakter schließen lässt. So agiert er in dieser Unschuldsherde als Wolf im Schafspelz, der dieses nach seiner Enthüllung abstreift und plötzlich in schwarz gewandet erscheint. Auch sonst bemüht Ausstatterin Kathrin Kemp gerne die Symbolik. So schwebt ein großer, fauler Apfel einem Mond gleich über dem Geschehen, und auch Eve darf gerne mal in einen Apfel beißen, sozusagen – Nomen est Omen – als personifizierte Verführung durch das ewig Weibliche. Nicht unerwähnt lassen möchte ich den Kühlschrank, der in einem früheren Leben anscheinend eine Jukebox war. Beim Öffnen der Tür erklangen flotte Party-Rhythmen: ein netter Gag – mehr aber auch nicht.


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Für’s Auge bot dieser „Krug“ somit eher weniger (Da half auch nicht der „Wald“, der sich übrigens nach der Eröffnungsszene in den Orchestergraben absenkte.). Er hat solchen „Schnickschnack“ aber auch nicht nötig, da der Text mit seinen Dialogen brillant ist, und die Personen fein gezeichnet sind.

Glücklicherweise konnte Regisseur Thomas Oliver Niehaus über ein famoses Schauspielensemble am Stadttheater Bremerhaven verfügen. Wenn Frank Auerbach als Dorfrichter Adam protzt und duckmäusert, droht und säuselt, kriecht und schleimt, dann ist dies voller Komik. Er zeigt in seinen Versuchen des Vertuschens eine solche Verzweiflung, dass ich durchaus Mitgefühl für ihn empfand, und er so – trotz seiner ganzen Verderbtheit – ein absoluter Sympathie-Träger war. Eingekesselt wird Adam gleich von zwei Seiten durch moralische Instanzen: Henning Bäcker gibt den Gerichtsschreiber Licht als Mann mit Ambitionen und Prinzipien. Wohltuend unterlässt er ein übertriebenes Anbiedern und verhindert so, dass die Figur Sympathien einbüßt. Ambitionen und Prinzipien finden sind auch in der Person des Gerichtsrads Walter, wenn auch seine Beweggründe von denen des Gerichtsschreibers abweichen: Richard Feist verkörpert ihn als aufstrebende Führungskraft mit Geltungsbedarf und Hang zur Ordnung, dem der gute Ruf der Justiz über alles geht.

Wind von vorn gab es für Adam durch die Marthe Rull von Marsha Zimmermann, die schon rein optisch die Rolle vom allzu mütterlichen Gebaren befreite. Vielmehr porträtierte sie Marthe als eine gestandene und selbstbewusste Frau, die mit einer angeborenen Autorität die versammelten Männer in ihre Schranken weist. Isabel Zeumer wußte auch in der kleinen Rolle der Frau Brigitte zu gefallen, was ebenso auf Kay Krause als Veit Tümpel zutraf. Beide Rollen können als feine Farbschattierungen innerhalb eines Kunstwerkes betrachtet werden.

Herausragend sind auch die beiden jungen Neuzugänge im Schauspielensemble: Justus Henke spielt den Ruprecht Tümpel mit einer beinah tölpelhaften Naivität. Doch hinter der scheinbaren Schlichtheit versteckt sich ein aufrechter Geist mit einem Ur-Instinkt für Ehre und Gerechtigkeit. Hoch emotional agiert Anna Caterina Fadda als Eve. Ihre Verzweiflung drückt sie weniger durch Worte als vielmehr durch (Körper-)Haltung, Mimik und Blicke voller Emotionen aus und lässt ihr Leid in so mancher still vergossenen Träne gipfeln.

Für ein Lustspiel durchaus unüblich, wendete Kleist in den Dialogen die Vers-Form an und erhöhte dadurch seinen Anspruch an eine Komödie. Um dieser Vers-Form gerecht zu werden, stellte er die natürliche Wortfolge um. Dieser Umstand könnte allein schon beim Lesen für Schwierigkeiten sorgen. Wie tückisch wäre da erst das gesprochene Wort? Doch in Bremerhaven stehen Könner*innen auf der Bühne, die die Verse fein akzentuierten, wohldurchdacht Pausen setzten und so die Schönheit der Kleist’schen Sprache zum Erblühen brachten.

Kaum zu glauben, dass dieser Komödien-Klassiker aufgrund einer Wette entstand, die Kleist während eines Aufenthalts in der Schweiz mit seinen Freunden Ludwig Wieland und Heinrich Zschokke am Laufen hatte. Heinrich Zschokke berichtete über diesen Dichterwettstreit:

„In meinem Zimmer hing ein französischer Kupferstich „La cruche cassée“. In den Figuren desselben glaubten wir ein trauriges Liebespärchen, eine keifende Mutter mit einem zerbrochenen Majolika-Kruge, und einen großnasigen Richter zu erkennen. Für Wieland sollte dies Aufgabe einer Satire, für Kleist zu einem Lustspiele, für mich zu einer Erzählung werden,…

…Kleists zerbrochner Krug hat den Preis davon getragen.“


Hier findet Ihr die Termine zu weiteren Aufführungen von Kleists DER ZERBROCHNE KRUG am Stadttheaters Bremerhaven.

[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2023/2024 / Stadttheater Bremerhaven

mit dem Main-Theme aus „The Sea Hawk“ von Erich Wolfgang Korngold sowie Arien und Musiken von Jerry Bock, John Du Prez & Eric Idle, Antonín Dvořák, Franz Lehár und Giacomo Puccini

mit Ausschnitten aus „Der zerbrochne Krug“ von Heinrich von Kleist, „Glanz“ von Christina Kettering, „Der Untergang des Hauses Usher“ von Justine Wiechmann und Elisabeth Kirschbaumer (nach Edgar Allan Poe) und dem Ballett „Seelen“ von Alfonso Palencia

Premiere: 2. September 2023 / besuchte Vorstellung: 2. September 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Marc Niemann, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch, Tonio Shiga
Chor: Mario Orlando El Fakih Hernández
Szenische Einrichtung: Annika Ellen Flindt
Moderation: Lars Tietje, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Alfonso Palencia,
Markus Tatzig

Musiktheater: Ulrich Burdack, Signe Heiberg, Marcin Hutec, Andrew Irwin,
Konstantinos Klironomos, Victoria Kunze, Boshana Milkov
Ballett: Helena Bröker, Melissa Festa, Volodymyr Fomenko, Lucia Giarratana,
Arturo Lamolda Mir, Marco Marongiu, Alícia Navas Otero, Zoe Irina Sauer Llano,
Melissa Panetta, Clara Silva Gomes, Ming-Hung Weng, Dawon Yang
Schauspiel: Frank Auerbach, Richard Feist, Justus Henke, Kay Krause, Marc Vinzing,
Marsha Zimmermann
JUB: Janek Biedermann, Ulrich Fassnacht, Coco Plümer
Opernchor am Stadttheater Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


„The same procedure as every year!“

…könnte man ausrufen, denn – Ja! – der Ablauf einer Eröffnungsgala am Stadttheater Bremerhaven ist Jahr für Jahr recht identisch – nur die Inhalte variieren natürlich. Und gerade dieses Festhalten am Gewohnten schafft für mich als Zuschauer eine wohlbekannte und kuschelige Sicherheit und steigert meine Vorfreude, dass ich nach den enthaltsamen Sommermonaten endlich wieder Theaterluft schnuppern darf.

Gleich zu Beginn der Gala kredenzte uns das Philharmonische Orchester unter der Leitung von GMD Marc Niemann ein Highlight (von vielen, die noch folgen sollten): Das musikalische Hauptthema einer filmischen Piraten-Schmonzette mit Errol Flynn aus dem Jahre 1940, zu der niemand geringerer als Erich Wolfgang Korngold die Musik beisteuerte und so ganz nebenbei die Filmmusik revolutionierte. Das Motto der diesjährigen Konzert-Saison lautet Fremde Heimat: Korngold war vor den Nazis nach Amerika geflohen und musste sich dort eine neue Existenz aufbauen. War der Film „The Sea Hawk“ auch ein Leichtgewicht, so war es die Musik von Korngold ganz und gar nicht, die Niemann mit dem Philharmonische Orchester symphonisch-voluminös und mit einer enormen Klangfülle zu Gehör brachten. Doch auch Davide Perniceni, Hartmut Brüsch und Tonio Shiga ließen es sich nicht nehmen, bei den Programmpunkten zu den ihnen anvertrauten Produktionen hier bei der Eröffnungsgala den Taktstock zu schwingen.

Intendant Lars Tietje gab auch in diesem Jahr einen launig-entspannten Conférencier und holte sich bei passender Gelegenheit die jeweilige Sparten-Leitung in den Personen von Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Alfonso Palencia an seine Seite.

Frank Auerbach, Richard Feist, Justus Henke und Marsha Zimmermann sorgten mit einem Ausschnitt aus Heinrich von Kleists Lustspiel-Klassiker DER ZERBROCHNE KRUG, der in einem moderneren Gewand präsentiert wird, für die ersten Lacher im Publikum. Der zum Einsatz kommende Kühlschrank mit „Special Effect“ könnte sich durchaus zum Running-Gag entwickeln.

Die Weihnachtspremiere der Oper RUSALKA von Antonín Dvořák verspricht ein ungewöhnliches Hörerlebnis, da sie in tschechischer Sprache aufgeführt wird. Dies ist bestimmt auch für die Sänger*innen eine Herausforderung, die aber hervorragend gemeistert wird, wie Boshana Milkov sowie Ulrich Burdack gemeinsam mit dem Opernchor, der wieder bestens durch Mario Orlando El Fakih Hernández vorbereitet wurde, nachdrücklich unter Beweis stellten.

Auch in diesem Jahr kam es zur Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden. In diesem Jahr wartete die Jury mit einer Überraschung auf: Nicht eine Person oder Sparte wurde geehrt, diesmal erhielten Toni Burkhardt (Regie), Adriana Mortelliti (Kostüme) und Wolfgang kurima Rauschning (Bühnenbild) gemeinsam diese Auszeichnung für ihre grandiose Umsetzung der Oper BREAKING THE WAVES. Völlig verdient: Auch mich hatte diese Inszenierung nachhaltig beeindruckt.

Die letztjährige Preisträgerin Victoria Kunze behauptete gegenüber ihrem „Partner in Crime“ Andrew Irwin (😉) „Ich bin eine anständ’ge Frau“. Na, ob das wirklich stimmt, da können wir uns in DIE LUSTIGE WITWE, dem Operetten-Klassiker von Franz Lehár überzeugen. Mit einem schmissigen „Ja, das Studium der Weiber ist schwer“ spülten uns Signe Heiberg, Ulrich Burdack und Konstantinos Klironomos mit Unterstützung des Operchores aus dem Saal hinaus in die Pause.

Erst seit einer Spielzeit ist Alfonso Palencia als Ballettdirektor am Haus, und schon hat er deutliche künstlerische Spuren hinterlassen. So überzeugen seine Choreografien durch Emotionalität und Ästhetik. Dies galt auch für die gezeigten Ausschnitte aus dem drei-geteilten Ballettabend SEELEN, die von der Company grandios umgesetzt wurden. Am Ende erhielten die Tänzer*innen einen frenetischen Applaus als Lohn. Tanz scheint mir die Kunstform zu sein, die dem Künstler am Meisten abverlangt und das höchste Maß an Disziplin fordert.


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In dieser Spielzeit steht mit GLANZ von Christina Kettering eine Uraufführung auf dem Spielplan vom JUB (Junges Theater Bremerhaven). In diesem Stück erfindet sich eine junge Frau via Social Media neu und verstrickt sich immer weiter in Lügen: Coco Plümer, Janek Biedermann und Ulrich Fassnacht zeigten mit einem Ausschnitt, wie nah dieses Thema an der Gefühlswert der heutigen Jugend ist.

Doch nicht nur aktuelle Themen werden in den Spielplänen der einzelnen Sparen aufgegriffen, auch die Freunde der klassischen Grusel- und Schauerliteratur kommen weiterhin auf ihre Kosten: Schon in der vergangenen Spielzeit hatte DER UNTERGANG DES HAUSES USHER von Justine Wiechmann und Elisabeth Kirschbaumer (nach der gleichnamigen Erzählung von Edgar Allan Poe) Premiere. Diese beim Publikum sehr beliebte Inszenierung wird auch in dieser Saison weiterhin als Wiederaufnahme zu sehen sein, aus der Marc Vinzing den großen Eröffnungs-Monolog im beinah dunklem Saal gekonnt-unheilschwanger zum Besten gab.

Mit TOSCA von Giacomo Puccini eröffnet das Musiktheater die neue Saison und bietet nicht nur einen Klassiker und Publikumsliebling des Genres, sondern hier am Stadttheater Bremerhaven mit Signe Heiberg und Konstantinos Klironomos zudem ein fulminantes Leading-Paar. Schon mit „Meno male! Egliè la“, der ersten Szene des Tosca-Blocks, in der Marcin Hutec, Andrew Irwin und Konstantinos Klironomos vor dem Orchester standen und sangen, während stückbedingt Signe Heiberg gemeinsam mit dem Opernchor und dem Extrachor von der Seitenbühne zu hören waren, zeigte eindringlich die hohe sängerische Qualität des Hauses. Cavaradossis Arie „E lucevan le stelle“ gestaltete Konstantinos Klironomos voller Wehmut und Trauer, während Toscas „Vissi d’arte“ bei Signe Heiberg sich vom anfänglichen Klagelied beinah bis zur kämpferischen Hymne steigerte. Grandios!!!

Auch wenn das „große“ Musical in dieser Spielzeit beim Schauspiel zu finden ist, so hat das Musiktheater mit THE APPLE TREE von Jerry Bock und Sheldon Harnick zumindest eine deutschsprachige Erstaufführung am Start. Dem Team Bock/Harnick verdanken wir u.a. das wunderbare Musical „Anatevka (Fiddler on the Roof)“. THE APPLE TREE verspricht, ein musical-isches Schmankerl in bester Broadway-Sound-Tradition (Die Ouvertüre wusste schon zu gefallen!) zu werden. Das Musical beschäftigt sich in drei in sich abgeschlossenen Geschichten um das Thema „Verführung“: So dürfen sich Adam und Eva mit der Schlange kabbeln, oder eine junge Frau aus bescheidenen Verhältnissen träumt vom Glitzer der Show-Welt. Apropos: Marcin Hutek war in den vergangenen Spielzeiten ja schon so einiges, u.a. Chef des Olymps. Jetzt durfte er als Schlange den Sündenfall verschulden und versuchte musikalisch seine „Verbot’ne Frucht“ an die Frau zu bringen. Mit „Wahnsinn“ amüsierte Victoria Kunze keck als aufstrebendes aber sich selbst überschätzendes Show-Sternchen. Andrew Irwin gestaltete Adams Klagelied auf „Eva“ so fein akzentuiert, dass es die reine Freude war, ihm zu lauschen.

Das „große“ Musical ist – wie schon erwähnt – in dieser Spielzeit beim Schauspiel verankert: Bei der Musical-Parodie SPAMELOT von Eric Idle und John du Prez nach Monty Phytons „Die Ritter der Kokosnuss“ erwarte ich allerdings auch keinen Schön-Gesang sondern vielmehr ein Feuerwerk an Pointen, die – im wahrsten Sinne des Wortes – auf dem Punkt kommen. Trotzdem dürfen wir uns auf ein komplettes Orchester incl. Opernchor freuen. Bei „Such den Gral“ überzeugte Kay Krause mit gekonntem Sprechgesang als kauziger König Artus. Für die erkrankte Julia Lindhorst-Apfelthaler, die in dieser Inszenierung die Fee aus dem See geben wird, sprang bei der Eröffnungs-Gala kurzfristig Boshana Milkov ein und „soulte“ sich voller Wonne durch den Song.

Mit dem Ohrwurm „Always look on the bright side of life“ wurden wir in die laue Sommernacht Bremerhavens entlassen.


Mit dieser Eröffnungsgala beginnt die SAISON 2023/2024 am Stadttheater Bremerhaven, das mich wieder mit seinem vielfältigen Programm begeistert.