[Rezension] Charles Dickens – Eine Weihnachtsgeschichte/ mit Illustrationen von Patrick James Lynch

Da war er wieder, der alte Miesepeter Ebenezer Scrooge, der nun schon auf dem Tag genau seit 180 Jahren immer wieder aus der Versenkung auftaucht. Auch bei mir war er schon häufiger zu Gast…!

Am 19. Dezember 1843 erschien erstmals diese Geschichte unter dem Original-Titel „A Christmas Carol“ mit dem Zusatz „in prose“ und „being a Ghost-Story of Christmas“ mit den Illustrationen von John Leech und sollte seinen Siegeszug rund um den Globus antreten.

Doch wer kennt sie nicht, die Geschichte vom griesgrämigen Geizkragen Ebenezer Scrooge, der am Weihnachtsabend Besuch vom Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Jacob Marley erhält, um ihn zu warnen: Die Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht würden ihn heimsuchen, um ihm verschüttete Erinnerungen in den Sinn zu rufen und vergessene Empfindungen ins Herz zu pflanzen und ihm einen Blick in die Zukunft zu gewähren, um zu offenbaren, welche Auswirkungen sein bisheriges Verhalten haben könnte. So wartet Scrooge mit bangem Herzen auf die Ankunft der Geister, die ihn nacheinander – wie vorhergesagt – auf absonderlich-abenteuerliche Reisen durch Raum und Zeit mitnehmen, von denen er als geläuterter Mann zurückkehrt.

Erstausgabe von A CHRISTMAS CAROL von Charles Dickens mit Illustrationen von John Leech

Erstausgabe von A CHRISTMAS CAROL von Charles Dickens
mit Illustrationen von John Leech

Schon bei meiner ersten literarischen Begegnung mit Scrooge vor zwei Jahren, da unter dem Titel Ein Weihnachtsmärchen beim NordSüd-Verlag erschienen, öffnete sich mein Herz für diese anrührende Geschichte, und dies sollte sich nun beim erneuten Lesen wiederholen.

Wie in vielen seiner Werke prangert der große Menschenfreund auch in „Eine Weihnachtsgeschichte“ mit seinen sozialkritischen Tönen die damaligen Missstände im England des 19. Jahrhunderts an. Seine Held*innen stehen stellvertretend für ganze Bevölkerungsschichten, die so eine Stimme erhalten. Sie merken auf und rücken damit ihre Probleme in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Abermals traf mich Dickens Appell für mehr Menschlichkeit und ein friedvolles Miteinander mitten ins Herz. Satz für Satz las ich, und sie berührten meine Seele unverzüglich. Wieder verströmte diese wunderbare Geschichte ein Übermaß an Wärme und Charme, und wieder rührte sie mich während der Lektüre so sehr, dass ich Tränen nicht verhindern konnte – nicht verhindern wollte.


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Auch in diesem Fall wird die Geschichte gepaart mit ausdrucksstarken Illustrationen: Niemand geringerer wie der irische Künstlers Patrick James Lynch, der mich im letzten Jahr schon mit seinen Bildern zu O. Henrys Das Geschenk der Weisen begeistern konnte, schuf auch hierfür wundervolle Illustrationen.

Lynchs Kunstwerke sind von einer enormen atmosphärischen Dichte. Er versteht es einerseits den märchenhaften Aspekt kongenial zu treffen, andererseits erspart er den Betrachtenden auch nicht einen gemilderten Realismus in seiner Darstellung. Sehr detailreich lässt er das London der Vergangenheit ebenso wiederaufleben, wie er Scrooges Reisen mit den Geistern der Weihnacht einen beinah sphärischen Touch verleiht. Dabei hat er bei seiner Darstellung der Personen wieder sehr genau dem Inhalt der Geschichte gelauscht: Da stimmt jeder Blick, eine Geste, die Körperhaltung, einfach alles. Großartig!

Doch bedauerlicherweise wurde mein Enthusiasmus ein wenig gedämpft: Der Grund dafür lag nicht beim Künstler sondern vielmehr beim Verlag. Wenn ich die Bilder im Buch mit denen auf der Homepage des Künstlers vergleiche, lässt sich unschwer erkennen, dass leider viele der feinen Nuancen in den Bildern von P.J. Lynch aufgrund der schlechten Druckqualität verloren gegangen sind. Dieser Umstand ist nicht nur bedauerlich, sondern schlichtweg ärgerlich und dürfte einem so renommierten Verlag wie Cecilie Dressler nicht passieren. Da bleibt nur zu hoffen, dass sich der Verlag diesem Klassiker irgendwann bei einer Wiederauflage etwas wohlwollender annähert.

Momentan befindet sich eine aktuelle, natürlich ebenfalls illustrierte Fassung von Dickens „Eine Weihnachtsgeschichte“ auf einem Siegeszug durch die Literatur-Blogs. Das bisher Gesehene erschien mir recht vielversprechend: Ich glaube, ich werde es für LEKTÜRE ZUM FEST 2024 vormerken…! 😉


erschienen bei Dressler / ISBN: 978-3791528045 / in der Übersetzung von Curt Noch

[Rezension] Guy de Maupassant – Der Horla/ mit Illustrationen von Anna und Elena Balbusso

Wie eng ist der Grat zwischen Genie und Wahnsinn? Wie schmal ist die Grenze zwischen mentaler Gesundheit und geistiger Verwirrung? Wie durchlässig sind die Übergänge unserer Psyche zu Phantasie und Wahrheit? Eben war der Held dieser Erzählung noch ein gesunder, dem Leben zugewandter Mann, nur einen Augenblick später zweifelt er am Zustand seines Geistes.

Guy de Maupassant wurde zu Lebzeiten von den vermeintlichen Literaturkennern eher belächelt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts galten die ausschweifenden Romane von Gustave Flaubert, Honoré de Balzac oder Stendhal als das Nonplusultra der französischen Literatur. So kleine, niedliche Erzählungen, die für jedermann leicht zugänglich waren, wurden da eher gering geschätzt. Erst viel später sollte Maupassant die ihm zustehende Anerkennung für seine Impulse auf die französische Literatur erhalten.

„Der Horla“ ist eine der wenigen phantastischen Geschichten aus seiner Feder und spiegelt sein Interesse an der Beinflussbarkeit der menschlichen Psyche wider. So soll er selbst wiederholt an Halluzinationen und Wahnvorstellungen gelitten haben. Umso erstaunlicher, wie klar und differenziert er den mentalen Verfall des Protagonisten beschreibt. In Tagebuchform lässt er uns am Leid seines Helden teilhaben. In Wellen verschlechtert sich dessen Zustand, was der Autor auch mit einer Veränderung im Schreibstil erkennen lässt. In den entspannten Phasen berichtet der Held ausschweifend und in blumigen Sätzen von seinem Leben, während bei den psychotischen Schüben eine Stakkato-artige Sprache den stätigen geistigen Verfall kennzeichnet.


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Anfangs hatte ich eher ein Schauermärchen à la Edgar Allan Poe erwartet und war umso erstaunter über die beinah analytische Herangehensweise des Autors an diesem Thema. Maupassant versteht es brillant, die Spannung in dieser Novelle aus der inneren Zerrissenheit des Protagonisten und seinem Gefühl einer ständigen Gehetztheit zu entwickeln. Dieser versucht anfangs noch, rationale Erklärungen für seine irrationale Wahrnehmung zu finden, um dann mehr und mehr von seiner Autonomie als eigenständige Persönlichkeit zu verlieren. Je mehr sich die Sinne verwirrten und die Seelenpein zunahm, umso mehr steigerte sich die Handlung zum beinah unumgänglichen Finale.

Für diese illustrierte Fassung der Novelle konnte der Reclam-Verlag wieder auf die Kunstwerke von Anna und Elena Balbusso zurückgreifen, die für die französischsprachige Ausgabe im Jahre 2010 erschaffen wurden. Wie schon bei Das Bildnis des Dorian Gray schufen die Balbusso-Zwillinge auch hier abermals ätherisch-phantastische Illustrationen. Die Darstellung von Gesichtern bzw. deren Mimik fiel diesmal detailreicher aus und zeigt so die Ängste der Figuren in aller Deutlichkeit. Mit ihrer ausgeprägten Bildsprache sprengen sie die Grenzen zwischen Realität und Surrealismus und erinnerten mich sowohl an die Schöpfungen eines Salvador Dalí als auch an die skurrile Ästhetik von Monty Python.

Neben seiner großartigen Übersetzung bereichert Ernst Sander diese Edition mit einem informativen Nachwort, in dem er Wissenswertes zum Autor preisgibt und das Werk im Zusammenhang zu dessen Lebenslauf einordnet.

Abermals ist es dem Reclam-Verlag gelungen, einen Klassiker der Weltliteratur in einem äußerst geschmackvollen und hochwertigen Erscheinungsbild zu präsentieren und so mein bibliophiles Herz zu erfreuen.


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150114568 / in der Übersetzung von Ernst Sander

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

ebenfalls erschienen bei Hofenberg/ ISBN: 978-3843076135 (ohne Illustrationen)

[Rezension] Anton Čechov – Späte Blumen. Herbstgeschichten

„Wir verdanken Peter Urban einen deutschen Čechov,
wie er schöner nicht sein könnte.“

…auch auf dem Umschlag zu dieser Anthologie darf das Zitat von Manfred Papst von der Züricher „NZZ am Sonntag“ natürlich nicht fehlen. Unwillkürlich musste ich schmunzeln, denn einerseits fragte ich mich, wie alt besagtes Zitat nun wohl schon sei, und ob es auch für Zitate ein Mindesthaltbarkeitsdatum gäbe, andererseits bewahrheitet sich wie schon so oft der Ausspruch „Papier ist geduldig“. Doch mein Unken soll die Leistung von Peter Urban in keiner Weise schmälern. Dank der herausragenden Arbeit des Übersetzers der Čechov’schen Geschichten habe ich mich zwar nicht unbedingt in einem ergebenen Fan verwandelt aber durchaus eine kleine Schwärmerei für den russischen Literaten entwickelt.

Der Diogenes-Verlag schließt mit diesem Band die noch offene Lücke zur bisher fehlenden literarischen Jahreszeit und kredenzt uns auch diesmal eine feine Auswahl aus dem Gesamtwerk des russischen Dichters. Ich hatte den Eindruck, dass wir mit „Herbst“ nun die raueste und unwirtlichste Jahreszeit erreicht haben. Während der „Frühling“ vom Aufkeimen in Liebe und Natur erzählte, der „Sommer“ in voller Pracht erstrahlte, und der „Winter“ sich in sein zauberhaftes, schneeweißes Kleid hüllte, schleudert uns der „Herbst“ mit brutaler Kraft seine Mahnung an die Vergänglichkeit entgegen. Natürlich erzählten nicht alle Geschichten aus den anderen Anthologien nur von „Friede, Freude, Eierkuchen“. Auch hier stolperten die handelnden Personen und fielen manches Mal unvermittelt und mit Wucht in ihr noch unbekanntes Schicksal. Doch ich hatte den Eindruck, dass es in den Herbstgeschichten besonders stürmisch zugeht.

Die Frage nach der Vergänglichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichten. Dabei meint „Vergänglichkeit“ nicht nur, dass Blätter von den Bäumen fallen oder Blüten im Garten verwelken. Vielmehr müssen sich die Protagonist*innen mit der eigenen, manchmal schon körperlich deutlich spürbaren Vergänglichkeit auseinandersetzen. Aber auch das eigene Heim oder die geliebte Heimat kann durch Naturkatastrophen, Feuer oder Krieg zu einem Teil der Vergangenheit werden. Ein Niedergang scheint somit überall, in jeder Ecke und an allen Fronten unabwendbar. Und doch lässt Čechov in mancher Geschichte eine „späte Blume“ erblühen, die oft unvermittelt Einfluss auf den Lauf der Geschichte nimmt und diesen so sehr verändert, dass er in eine andere Richtung gelenkt wird. Diese „späten Blumen“ stehen für die Hoffnung, dass auch in allem Vergänglichen eine zarte Schönheit wohnen kann, die mit einem kleinen Fingerzeig zu einem möglichen Neubeginn deutet.

Besonders ergriffen haben mich die Erzählungen, in denen die Held*innen von familiären Ritualen und Überlieferungen, liebgewonnenen Gewohnheiten oder gesellschaftliche Strukturen Abschied nehmen mussten. Wir kennen es doch nur allzu gut selbst: Auch bei uns sorgen die genannten Faktoren allesamt für eine Grund-Ordnung im Leben, die ihm Halt und Beständigkeit gibt. Würden sie wegfallen, bedeutete dies einen Verlust an der eigenen, persönlichen und somit höchst individuellen Identität.

Čechovs Figuren sind wenig glamourös, sondern vielmehr kantig, fehlerhaft, eben menschlich. Es sind alles Menschen, die gestrauchelt sind – entweder zum Zeitpunkt an dem die Geschichte spielt, oder in der Vergangenheit, was wiederum Einfluss nimmt auf das, was uns nun von ihnen berichtet wird. Der Autor schildert das Geschehene manchmal mit einer brutalen Direktheit, dann wieder mit einer poetischen Melancholie. Er zeichnet detailreiche Charaktere, die nicht immer sympathisch erscheinen, auch nicht unbedingt sympathisch erscheinen müssen bzw. sollen. Doch stets spürte ich beim Lesen seinen ganz eigenen Rhythmus in den Zeilen und fühlte mich wieder einmal umfangen von der noblen Melodik in der Sprache.

Wer alle vier Bände sein eigen nennt, der ist gut gewappnet. „Mit Čechov durch’s Jahr!“ könnte so ein Motto lauten: Der jeweils passende Erzählband zur aktuellen Jahreszeit findet immer wieder einen Platz auf dem Tischchen neben meinem Lesesessel und lädt mich so ein, den russischen Schriftsteller, Novellist und Dramatiker immer wieder neu zu entdecken.


erschienen bei Diogenes / ISBN: 978-3257072464 / in der Übersetzung von Peter Urban

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Oscar Wilde – Das Bildnis des Dorian Gray/ mit Illustrationen von Anna und Elena Balbusso

Er ist schön. Er ist so schön, dass er seinem ergebenen Freund dem Maler Basil Hallward zu einem seiner besten Porträts inspiriert. Er ist so schön, dass selbst der für seinen Sarkasmus bekannte Lord Henry Wotton von seiner Schönheit geblendet ist, ihm mit verführerischen Worten gänzlich neue Gedanken in den Kopf setzt und fortan zu seinem persönlichen Mentor wird. Er ist so schön, dass er den Gedanken nicht ertragen kann, dass diese Schönheit im Laufe der Zeit welkt, während sein Porträt in ewiger Jugend weiterhin erstrahlen wird. Wie ungerecht erscheint Dorian Gray diese Tatsache. Umso erstaunter bemerkt er eine Veränderung am besagten Gemälde, nachdem er beinah herzlos auf den Suizid seiner von ihm verstoßenen Geliebten reagierte. Die Veränderungen am Gemälde sind anfangs nur vage auszumachen, dann werden sie immer offensichtlicher. Keine seiner noch so verworfenen Ausschweifungen der vergehenden Jahre hinterlässt in seinem engelsgleichen Gesicht den allerkleinsten Makel. Stattdessen entwickelt sich sein Porträt zu einer widerwärtigen und abstoßenden Fratze seiner selbst. Dorian fühlt sich so sehr unantastbar, dass er selbst vor dem Mord an dem Schöpfer dieses Bildes nicht zurückschreckt. Doch auch wenn sein Antlitz unberührt bleibt, so bleibt das Bildnis als mahnendes Zeugnis für jede seiner Verfehlungen bestehen. Die Angst um seiner Entdeckung verführt Dorian zu einer verhängnisvollen Tat…!

Neben etlichen Erzählungen und Märchen, Bühnenstücke und Essays war „Das Bildnis des Dorian Gray“ der einzige Roman, den Oscar Wilde veröffentlichte. Ich las diesen Roman und war versucht, alle intelligenten Zitate, geistreichen Bonmots und süffisanten Bemerkungen zu markieren. Doch ich unterließ dies, da ich fürchtete, dass danach in meinem Buch mehr markierter als un-markierter Text zu finden wäre. Nachdem ich schon einige seiner Stücke auf der Bühne bewundern und mich an seinem Erstlingswerk Das Gespenst von Canterville erfreuen durfte, hege ich gegenüber diesem Autor eine kleine Bewunderung. Dieser Mann war ein so genauer Beobachter der menschlichen Natur und zudem ein brillanter Erzähler und fulminanter Satiriker. Mit geschliffenen Worten deckte er die Verlogenheit und Heuchelei der damaligen Gesellschaft auf, in der Schönheit und Jugend beinah götzenhaft verehrt wurden. Der schöne Schein galt mehr als die realen Personen hinter der Fassade. Wer es wagte, diese Fassade einzureißen, musste bestraft werden.

Nach Erscheinen des Romans wurde dieser von Kritikern wortwörtlich in der Luft zerrissen. Die Rezensenten fanden kein einziges gutes Wort an diesem Werk und wünschten es auf den Scheiterhaufen. War dieser Umstand schon empörend, sollte im Jahre 1895 im legendären Schauprozess gegen Wilde diese Farce auf die Spitze getrieben werden. Die Anklage versuchte mit genau diesem Roman, den Beweis für Wildes Schuld zu erbringen. Da wurden Textpassagen aus dem Zusammenhang der Handlung gerissen und öffentlich zitiert, um mit ihnen Wildes wahres Wesen, seine dekadenten Gedanken und abstoßenden Moralvorstellungen offenzulegen. Es ging hier nicht um die Wahrheitsfindung, vielmehr sollte eine kritische Stimme an der damaligen verklemmt-viktorianischen Gesellschaft mundtot gemacht und seine Reputation im Kreuzverhör demontiert werden. Der Künstler wurde unter Zuhilfenahme – oder vielmehr: Missbrauchs – seines Kunstwerks diskreditiert. Das Ergebnis: Wilde wanderte für zwei Jahre ins Zuchthaus.


Ich glaube, kaum ein anderer Roman ist in so vielen Übersetzungen und so vielen Verlagen erschienen wie „Das Bildnis des Dorian Gray“. Und auch der renommierte Reclam-Verlag hat schon einige Editionen dieses Romans im Verlags-Portfolie. Nun legt er auch eine illustrierte Fassung vor, zu der die Schwestern Anna und Elena Balbusso Illustrationen schufen, die beinah ätherisch bzw. wie ein Gemälde wirken. Wobei die Figuren mit makellos-maskenhaften Gesichtern theatralisch innerhalb eines Settings agieren, das – auch aufgrund der gewählten Perspektive – wie ein Bühnenbild eines Wilde-Stückes erscheint. Atmosphäre erhalten die Illustrationen durch das Spiel von Licht und Schatten sowie der detaillierten Wiedergabe von den Strukturen der dargestellten Stoffe und Tapeten. Das gesamte Erscheinungsbild dieses Buches ist äußerst geschmackvoll gestaltet: von der feinen Abstimmung der Farben über das ansprechende Muster des Vorsatzpapiers bis zur Gestaltung der Seitenzahlen. Das Papier fühlt sich glatt und seidig an, während der Einband eine leicht raue Textur vorweist, so als wäre er zum Schutz von einem Firnis, wie sie bei Gemälde verwendet werden, überzogen. Ich bin mir sehr sicher, dass der Ästhet Wilde Gefallen an diesem Buch gefunden hätte.


Im Mai 1897 wurde Oscar Wilde – durch die Zwangsarbeit psychisch und physisch massiv angeschlagen – aus dem Gefängnis entlassen. Er kehrte seinem Heimatland, dass ihn so wenig schätzte, den Rücken und ging nach Paris ins Exil, wo er mehr schlecht als recht lebte und ständig auf das Wohlwollen von Freunden und Gönnern angewiesen war. Im Laufe der verbleibenden Jahre verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zusehends, und doch blieb er bis zum Schluss der Schöngeist mit dem erlesenen Geschmack. So warf er einen letzten Blick auf die abscheuliche Tapete seiner Unterkunft und verabschiedete sich von der Welt mit den Worten:

„Die Tapete und ich liefern uns ein tödliches Duell. Einer von uns beiden muss gehen.“


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150114445 / in der Übersetzung von Ingrid Rein

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

ebenfalls erschienen bei Reclam/ ISBN: 978-3150050088, Diogenes/ ISBN: 978-3257214116, anaconda/ ISBN: 978-3730612583 und Insel/ ISBN: 978-3458360841 (alle ohne Illustrationen) oder als Graphic Novel erschienen bei Knesebeck/ ISBN: 978-3957285454

[Rezension] E.T.A. Hoffmann – Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde/ mit Illustrationen von Alexander Pavlenko

E.T.A. Hoffmann: Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Romantik, der beeinflusst wurde von den Gespenstergeschichten des 18. Jahrhunderts, der englischen Schauerliteratur und den frühromantischen Märchen. Hieraus schuf er seinen sehr eigenen Stil für seine Novellen und Erzählungen, die wiederum prägend waren für nachfolgende Genrationen an Literaten. Aber seine Werke dienten auch bekannten Komponisten als Vorlage für ihre musikalischen Werke: Jacques Offenbach gestaltete aus seinen Geschichten die Oper Hoffmanns Erzählungen, und das Märchen Nussknacker und Mäusekönig inspirierte Pjotr Iljitsch Tschaikowsky zu seiner weltberühmten Ballettmusik.

Bei „Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde“ handelt es sich um ein so genanntes Kunstmärchen, das im Jahr 1822 erstmals erschienen ist. Nun würde jeder davon ausgehen, dass ein Märchen der Fantasie seines Autors entsprungen ist und somit viel Fiktion und wenig Realismus enthält. In diesem Fall scheint die satirische Adern Hoffmanns mit ihm durchgegangen zu sein: Die Erstfassung wurde zensiert und um zwei Kapitel gekürzt. Sie enthielt Details, die allzu deutlich auf einen Fall schließen ließen, den Hoffmann zuvor als Mitglied der „Immediat-Kommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“ in Preußen zu untersuchen hatte. Und so erschien erst im Jahr 1908 die ursprüngliche Fassung.

Wir lernen in diesem Märchen als erstes nicht den Titelgeber kennen – Nein, der taucht erst im 3. Abenteuer auf! – sondern den jungen Kaufmannssohn Peregrinus Tyß aus Frankfurt, der sehr zurückgezogen ganz in seiner eigenen Welt lebt und Schwierigkeiten mit der Menschheit an sich und mit den jungen Damen im Besonderen hat. Eine Hauptrolle spielen dabei Meister Floh, das gelehrte Oberhaupt der Flöhe, und der intrigante Hofrat Knarrpanti, der Peregrinus Tyß die Entführung einer jungen Frau andichtet, die gar nicht stattgefunden hat. Doch der Hofrat erhofft sich einen Schub für seine Karriere, wenn er nicht nur eine Tat erfindet, sondern gleichzeitig den angeblichen Täter auf dem Silbertablett präsentiert. Doch wie im Märchen erhofft und erwünscht, kommt bei einem sensationellen Verhör die Wahrheit ans Licht, und der lächerliche Hofrat wird vom Rat der Stadt Frankfurt als intriganter Betrüger entlarvt und davongejagt. Die Gerechtigkeit hat gesiegt, und alle leben glücklich und zufrieden bis an ihr selig Ende…!

Ich gebe es gerne zu, dass ich meine Schwierigkeiten hatte, mich in die Geschichte hineinzufinden. Dies lag nicht an Hoffmanns Sprache, die ganz im Duktus der Romantik daherkommt und mit feiner Formulierung und charmant-antiquiert wirkenden Habitus den märchenhaften Charakter des Werkes eher noch unterstreicht. Vielmehr forderte er mich mit dem Aufbau seiner Geschichte heraus. Er verflechtet die verschiedenen Ebenen miteinander und lässt die Übergänge fließend ineinander verlaufen. So spielt er mit den Mitteln der Groteske indem er sowohl Märchenhaftes und Reales wie auch Wunderwelt und Alltagswelt aufeinandertreffen und miteinander verschmelzen lässt. Doch auch seine (reale) Kritik an sozialer Ungerechtigkeit, der Justiz und der Wissenschaft lässt er zwischen den Zeilen durchschimmern und setzt dieser einen Konterpart mit Themen wie Selbstverwirklichung, Kreativität und Liebe gegenüber.

Märchen „schreien“ geradezu nach einer optischen Umsetzung, oder kennt hier irgendjemand ein Märchenbuch, das ohne Illustrationen auskommt? Ich nicht, und wenn es eines gäbe, es würde sehr wenig Reiz auf mich ausüben. In diesem Fall schuf der deutsch-russische Künstler Alexander Pavlenko filigrane Scherenschnitte, die mit ihrer anmutenden Schwarz-Weiß-Ästhetik die romantische Note der Geschichte ganz wunderbar unterstreichen und dabei überraschende Details offenbaren.

In den letzten Jahren haben sich illustrierte Bücher eine treue Fangemeinde erobert und profitieren von einem größeren Format, um so die Illustrationen besser wirken zu lassen. Beim vorliegenden Buch ist dies mit den Maßen 13,5 x 19,5 cm leider nicht gegeben. Die Ausstattung wirkt eher „schlicht“: Es gibt weder einen Schutzumschlag, noch ein Lesebändchen. Auch hätte ich mir einen Anhang gewünscht, aus dem ich mehr aus dem Leben des Autors und zur Entstehungsgeschichte des Märchens erfahren hätte. Ebenso wäre eine kurze Biografie des Künstlers wünschenswert gewesen. Zumal sich dieses Buch in einem Preissegment einreiht, bei dem sonst die illustrierten Bücher der Büchergilde Gutenberg oder des Reclam Verlags zu finden sind.

So gilt meine Kritik ganz und gar nicht dem Inhalt sondern vielmehr der verlegerischen Umsetzung: Das Team „Hoffmann & Pavlenko“ hätte durchaus ein wenig „Mehr“ verdient…!


erschienen bei Edition Faust / ISBN: 978-3949774157

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

ebenfalls erschienen bei Reclam/ ISBN: 978-3150142226 (ohne Illustrationen)

[Rezension] O. Henry – Das Geschenk der Weisen. Und andere Weihnachtserzählungen

Der große Meister für die kleinen Geschichten über die noch kleineren Leute hat wieder zugeschlagen und erlebt – dank dem Anaconda Verlag – eine kleine Renaissance. Nachdem der Verlag mich Anfang des Jahres schon mit einer Sammlung an Geschichten quer durch sein Wirken und Werken erfreut hatte, legt er nun – pünktlich zum Weihnachtsgeschäft – ein kleines, schmales Büchlein mit Weihnachtserzählungen nach. Von Optik, Umfang und Zusammenstellung kann hier getrost von einem Geschenkbuch gesprochen werden, das durchaus als attraktive Beigabe zum Hauptgeschenk fungieren kann.

Neben o. Henrys wahrscheinlich bekannteste (und von mir so sehr geliebte) Geschichte Das Geschenk der Weisen beinhaltet diese Sammlung noch drei weitere Erzählungen mit weihnachtlichem Tenor.

Da dürfen wir den Obdachlosen Soapy kennenlernen, der beim Wintereinbruch in New York verzweifelt versucht – wie in jedem Jahr – durch ein kleines Vergehen ein warmes Plätzchen im Zuchthaus für drei Monate zu ergattern. Doch was er auch immer anstellt, die Cops wollen ihn partout nicht einbuchten…!
Oder kennt Ihr vielleicht schon den Stadtvater der Goldgräbersiedlung Yellowhammer, der es sich in den Kopf gesetzt hat, am Heiligabend alle Kinder als Weihnachtsmann verkleidet mit Präsenten zu erfreuen. Leider hat er dabei übersehen, dass es in der gesamten Siedlung kein einziges Kind gibt…!
Aber auch die Rachephantasien von Frio Kid, die er für seinen Nebenbuhler Madison Lane hegt, der statt seiner die Gunst der schönen Rosita McMullen erlangen konnte, verpuffen dank des Zaubers der Weihnacht…!

O. Henrys Geschichten handeln stets von den kleinen Leuten, die abseits des Glamours des Broadways oder fern aller Wildwest-Romantik versuchen ihr Leben zu meistern. Oftmals sind sie auf der Suche nach einem kleinen Stück vom Glück und müssen auf dem Weg dorthin so manche Unwegsamkeit überwinden. Dabei schimmert in seinen Beschreibungen immer ein Funke Hoffnung durch den scheinbar trüben Alltag. Als Meister des „Twists“ verblüfft er seine Leserschaft am Ende der Story gerne mit eben genau diesem – einer unvorhersehbaren und somit umso überraschenderen Wendung.

In seinem recht kurzen aber sehr produktiven Leben schrieb O. Henry beinah vierhundert Geschichten: Da dürfen wir uns ja noch auf so manche literarische Perle freuen.

Hinweis: Wer die Anthologie Die besten Geschichten schon sein Eigen nennt, kann sich dieses Büchlein getrost schenken, es dafür aber gerne verschenken: Die oben erwähnten vier Geschichten sind in der besagten Anthologie ebenfalls enthalten.


erschienen bei Anaconda / ISBN: 978-3730611487 / in der Übersetzung von Alexandra Berlina

[Rezension] Oscar Wilde – Das Gespenst von Canterville/ mit Illustrationen von Aljoscha Blau

Oscar Wilde hätte es sich sicherlich sehr gewünscht aber damals – unter realistischen Gesichtspunkten – nie zu träumen gewagt, dass seine erste veröffentlichte Geschichte ein weltweiter Erfolg werden würde. Seit ihrer Erstveröffentlichung im Jahre 1887 in der Londoner Zeitschrift The Court and Society Review erfreut diese Grusel-Mär in unzähligen Auflagen und vielfältigen Erscheinungsformen die Leserschaft. Und dank seiner originären Handlung hat die Geschichte den Sprung auf die Leinwand und ins Fernsehen geschafft und begeistert ebenso als Schauspiel, Musical oder Oper das Theaterpublikum.

Der amerikanische Gesandte Hiram B. Otis reibt sich begeistert die Hände: Er hat soeben vom amtierenden Lord Canterville das Familienanwesen nebst Hausgeist käuflich erworben. Doch die Warnung des Lords vor eben diesem Gespenst, das seit Hunderten von Jahren im Schloss sein Unwesen treibt und schon so manchen Bewohner in den Wahnsinn getrieben hat, schlägt er leichtfertig in den Wind. Schließlich kommt er aus der neuen Welt und ist sowohl ein modern denkender Mensch als auch waschechter Republikaner. Für übernatürliche Phänomene fehlt ihm schlicht das Verständnis. So zieht Mr. Otis zusammen mit seiner Gattin Lucretia, dem ältesten Sohn Washington, seiner Tochter Virginia und den Zwillingen „The Star and Stripes“ in ihr neues Heim. Der Geist gibt sein Bestes, die neuen Hausbesitzer gebührend zu empfangen, und lässt seine Ketten gar schauerlich nächtens rasseln. Ein Umstand der Mr. Otis veranlasst, ihm eine Flasche Schmieröl auszuhändigen mit der freundlichen aber bestimmten Aufforderung, er möge seine Ketten ölen. Das Gespenst von Canterville ist erschüttert über diese bodenlose Respektlosigkeit und droht mit drastischeren Maßnahmen. Dummerweise hat er nicht mit dem vehementen Widerstand der Familie gerechnet. Nur Virginia hält sich diskret aus dem sich immer weiter zuspitzenden Scharmützel heraus…!

Mit schallendem Gelächter quittierte ich so manche gelesene Passage, schmunzelte über gelungene Wortspielereien und erfreute mich an ironischen Seithiebe. Schon in seiner ersten Geschichte zeigt sich Oscar Wildes meisterhaftes Erzähltalent. Mit scheinbar spitzbübischer Freude platziert er seine Kritik an der damaligen Gesellschaft, indem er zwei völlig konträre Lebensentwürfe gegenüberstellt. Bei ihm trifft die neue Welt auf die alte Welt, Rationalität auf Romantik, Fortschritt auf Konventionen. Diese beiden Extreme können doch nicht zusammen passen (oder?) – noch nicht einmal in Bezug auf die Sprache, wie Wilde süffisant in einem Nebensatz verlauten lässt. Dabei streut er humoristische Anspielungen über die Geschichte und spielt genüsslich mit Klischees.


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Allein die Wahl der Namen des Handlungspersonals entlockte mir ein Schmunzeln: Schon der Familienname der Amerikaner lässt aufhorchen. Schließlich ist die Firma „Otis“ in den USA seit ihrer Gründung im Jahre 1853 führend in der Erstellung von Aufzugsanlagen und steht für Fortschritt und Innovation. Sollte dies dem Autor etwa als Metapher dienen? Etwa im Sinne von: So wie man mit dem Lift auf höheren Ebenen gleitet, so steigt auch unsere amerikanische Familie innerhalb der europäischen High Society auf. Auch lässt es sich unser Familienoberhaupt – ganz Patriot – nicht nehmen, seine Kinder mit passenden Namen zu bedenken. Und auch der Vorname seiner Gattin erlaubt Assoziationen mit der historischen Persönlichkeit der Lucrezia Borgia, die machthungrig gerne an den politischen Strippen zog und nach Höherem strebte.

Der Gegenpart ist geprägt durch eine über die Jahrhunderte gepflegte Familiengeschichte, die durch pikante Anekdoten und halb-wahren Histörchen gewürzt wurde: Oscar Wilde lässt sein Gespenst besonders viel Wert auf Respekt und Etikette legen. Dieser (von Wilde häufig kritisierter) Konformismus sorgt für Stabilität im gesellschaftlichen Gefüge, in dem jeder weiß, wo sein Platz ist, und welche Rolle er zu spielen hat. Apropos: Das Gespenst schlüpft voller Enthusiasmus in immer neue gruselige Rollen (ein Hinweis auf Englands alte Theatertradition) in der Hoffnung, die Familie damit endlich erfolgreich vertreiben zu können. Diese wiederum kontert mit dem Einsatz moderner Hilfsmitteln, denen das Gespenst nichts entgegenzusetzen weiß.

Der Künstler Aljoscha Blau schuf für dieses feine Büchlein aus der Insel-Bücherei neun ganzseitige Illustrationen, die die Geschichte unterstützend begleiten, und wählte hierzu eher gedeckte Töne und Schattierungen. Bei der Physiognomie der Figuren lässt der Künstler dem Betrachter eine Familienähnlichkeit erkennen, sei es beim Geist zu seinem noch lebenden Nachkommen wie auch innerhalb der Familie Otis. Nur Virginias Erscheinungsbild passt irgendwie zu keiner Seite: Vielmehr spiegelt sie optisch eine noble Zurückhaltung wieder und schlägt so eine verbindende Brücke zwischen den Extremen.

Oscar Wilde besticht schon in dieser seiner ersten Geschichte als brillanter Erzähler. Mit einem scharfen Geist ausgestattet fabuliert er einerseits völlig respektlos und voller Ironie, doch bleibt dabei stets humorvoll und ohne biestig-bissigen Unterton. So erscheint es mir mehr als verständlich, dass er für seinen praktizierten Ästhetizismus zugleich bewundert wie auch kritisiert wurde. Doch für mich steht er völlig zu Recht an der Spitze der britischen Literaten.


erschienen bei Insel-Bücherei / ISBN: 978-3458193814 / in der Übersetzung von Franz Blei

ebenfalls erschienen bei Anaconda/ ISBN: 978-3866472440 und Kampa/ ISBN: 978-3311270034 (alle ohne Illustrationen)

sowie bei NordSüd/ ISBN: 978-3314102264 im Sammelband Wunderdinge. Weltliteratur für Kinder mit Illustrationen von Lisbeth Zwerger

[Rezension] Heinrich Mann – Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen/ mit Illustrationen von Martin Stark

Da er Raat hieß, nannte die ganze Schule ihn Unrat. Nichts konnte einfacher und natürlicher sein. Der oder jener Professor wechselten zuweilen ihr Pseudonym. […] Unrat aber trug den seinigen seit vielen Generationen, der ganzen Stadt war er geläufig, seine Kollegen benutzen ihn außerhalb des Gymnasiums und auch drinnen, sobald er den Rücken drehte. […] Man brauchte nur auf dem Schulhof, sobald er vorbeikam, einander zuzuschreien: „Riecht es hier nicht nach Unrat?“ Oder: „Oho! Ich wittere Unrat!“ Und sofort zuckte der Alte heftig mit der Schulter […] und sandte schief aus seinen Brillengläsern einen grünen Blick, den die Schüler falsch nannten und der scheu und rachsüchtig war: der Blick eines Tyrannen mit schlechtem Gewissen, der in den Falten der Mäntel nach Dolchen späht. (Original-Zitat aus dem Roman)

…doch besagter Professor Unrat kann seinen Verleumdern „nichts beweisen“. Diese Schmach nagt an ihm und lässt ihn umso tyrannischer mit seinen Mitmenschen umgehen. Zumal in seinem Weltbild sie alle unwert erscheinen, um von seinem „Spiritus Rector“ zu profitieren. Besonders hat er die Schüler Lohmann, von Ertzum und Kieselack auf den Kieker, deren provokant selbstbewusste Art ihn anwidert und seinen Hass schürt. Zudem hegt er den Verdacht, dass sie die unflätige Verballhornung seines Namens weiter provozieren und sich zudem in zwielichtigen Etablissements aufhalten, um dort die Gesellschaft von unmoralischen Weibsbildern zu suchen. Dies gilt es, erbarmungslos aufzudecken, um die schändlichen Übeltäter von der Schule zu verbannen. So heftet sich der Professor an die Fersen seiner Schüler und landet in der Vergnügungskneipe „Der blaue Engel“, in der die Künstlerin Fröhlich Nacht für Nacht das Publikum in ihren Bann zieht. Unversehens verfällt auch der so tugendhaft erscheinende Professor dem herben Charme der jungen Schönen. Beide gehen eine toxische Verbindung ein: Mit der Liaison mit der Künstlerin Fröhlich verbannte er das von ihm so verhasste Schüler-Trio in seine Schranken. Gleichzeitig nutzt er ihre reizvolle Attraktivität, indem sie ihm Sirenen-gleich seine ehemaligen wie aktuellen Peiniger anlockt, die er dann genüsslich in den finanziellen wie auch gesellschaftlichen Ruin zieht. Die Künstlerin Fröhlich sieht ihre Verbindung deutlich pragmatischer: Für sie bedeutet die Ehe mit dem Professor in erster Linie einen gesellschaftlichen Aufstieg, wirtschaftliche Absicherung und einen Hauch von Ehrbarkeit. Dabei versucht sie verzweifelt die manischen Wutausbrüche ihres Gatten zu zügeln. Doch dessen unberechenbares Temperament machen sie zum Gespött in der ganzen Stadt und reißt schlussendlich beide hinab in den Abgrund…!


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In nur wenigen Monaten schrieb Heinrich Mann seinen (späteren) Erfolgsroman, der 1905 veröffentlicht werden sollte. Seine Kritik an der damaligen Gesellschaft, die ein scheinheilig-biederes Bürgertum propagierte aber dieses gleichzeitig nicht glaubwürdig zelebrierte, fand nicht die ungeteilte Begeisterung der Leserschaft. Vielmehr hielt der Autor den Leser*innen einen Spiegel vor, der höchst unvorteilhaft das eigene Denken und Handeln offenbarte. Fleiß, Zucht und Ordnung galten als erstrebenswerte Tugenden, die nur von den wenigsten Bürgerinnen und Bürgern erreicht werden konnten. Mehrheitlich wurde verlogen versucht, den Schein zu wahren, und mit Erleichterung auf potenzielle Übeltäter*innen mit dem Finger gezeigt, um von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken.

Mann beschreibt sehr eindringlich den Untergang eines von seinen Mitmenschen verspotteten Spießbürgers, der sich moralisch über alle/s stellt, dennoch leidenschaftlich den Reizen eines leichten Frauenzimmers verfällt und somit seine gesellschaftliche Stellung verspielt. Während er seine Protagonist*innen in den Dialogen an den Konventionen des Bürgertums festhalten lässt, offenbart er in den inneren Monologen die wirkliche Meinung der Figuren. Und gerade diese inneren Monologe erzeugen eine vibrierende Dynamik in der Geschichte: Als Leser fühlte ich mich wie durch einen Sog in die Geschichte hineingezogen. Seite für Seite bäumt sich die Handlung immer weiter hinauf in die Höhe, um dann am Ende – beinah unspektakulär – in sich zusammenzufallen.

Manns Sprache mutet charmant altmodisch an und spiegelt deutlich den Duktus des wilhelminischen Kaiserreichs wider. Er verwendet Satzkonstellationen, die beim Lesen aufmerken lassen, und verwendet Worte an Stellen, die für unser heutiges Empfinden ungewohnt erscheinen.

Die Büchergilde Gutenberg hat ein untrügliches Händchen, um für ihre illustrierten Bücher die passenden Künstler*innen zu finden. In diesem Fall nahm sich Martin Stark der Geschichte an – anfangs eher widerwillig, wie er in einem Nachwort verrät. Bei der Darstellung der Figuren nimmt er die Beschreibungen Manns ernst und schafft so eine satirische Überhöhung. Wie vom Künstler gewollt, fühlte ich mich beim Anblick der Bilder an die Ästhetik alter Stummfilmklassiker des deutschen Filmexpressionismus erinnert. Martin Stark kreierte so Illustrationen, die, trotz ihrer Gradlinigkeit, sehr lebendig, beinah pulsierend wirken.

Mit der Figur des Professor Unrats schuf Heinrich Mann einen Prototyp des Tyrannen, der unbarmherzig, menschenverachtend und ohne Mitgefühl agiert, dessen Untergang allerdings vorbestimmt scheint. Sein Roman ist für mich ein Paradebeispiel für Gesellschaftskritik in der Literatur, die so versuchte, Einfluss auf politische Situationen zu nehmen.


erschienen bei Büchergilde Gutenberg/ ISBN: 978-3763272594

ebenfalls erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3499100352, Anaconda/ ISBN: 978-3730609859 und Reclam/ ISBN: 978-3150206645 (alle ohne Illustrationen)

[Rezension] Kurt Tucholsky – Schloß Gripsholm. Eine Sommergeschichte/ mit Illustrationen von Hans Traxler

Nachdem ich nun schon seit über einem halben Jahr Mitglied bei der Büchergilde Gutenberg bin, einige Bücher aus ihrem Sortiment meinen Sub nun schon bereichern, aber ich bisher noch keines von ihnen gelesen habe, stellte sich mir folgende Frage…! Nein, es stellte sich mir nicht die Frage „Warum bin ich überhaupt Mitglied geworden?“. Wer die wunderschönen illustrierten Bücher der Büchergilde Gutenberg kennt, weiß, dass da kein bibliophiles Herz jemals widerstehen könnte. Vielmehr stellte sich mir die Frage „Welches dieser Schätzchen werde ich als erstes lesen und (natürlich) über ihn auf meinem Blog berichten?“. Da wanderte mal das eine, dann das andere Exemplar durch meine Hände. Doch ausschlaggebend war dann schlicht und ergreifend der spontane Impuls, was zu meiner momentanen Stimmung am besten passen würde. Und „et voilà“ – hier ist es…!

„Nun möchte ich doch aber wieder einmal die schöne Literatur pflegen. Haben Sie gar nichts? Wie wäre es denn mit einer kleinen Liebesgeschichte?“ lässt Kurt Tucholsky in einem fiktiven Briefwechsel seinen Verleger Ernst Rowohlt ihn bitten. Doch eine schnöde Liebesgeschichte wäre dem Satiriker und Gesellschaftskritiker Tucholsky zu simpel: „Dann doch lieber eine kleine Sommergeschichte.“ gibt er als Zugeständnis. Und so lässt er aus seiner Feder diese biografisch anmutende aber nie bewiesene Geschichte fließen. Es ist Sommer, und der Urlaub steht vor der Tür, den unser Ich-Erzähler Kurt mit seiner momentanen Flamme Lydia in Schweden verbringen möchte. Dort angekommen beziehen sie ihr Feriendomizil im altehrwürdigen Schloss Gripsholm, genießen die Landschaft, die Ruhe und ganz besonders einander. Ihre Sommerfrische wird aufs Angenehmste gestört als sie nacheinander Besuch erhalten. Als erstes taucht Kurts alter Kamerad und Freund Karlchen auf, nach dessen Abreise nistet sich Lydias Freundin Billie bei ihnen ein. Die malerische Umgebung und die wärmende Sonne in Kombination mit dieser Leichtigkeit des Augenblicks bleiben nicht ohne Wirkung: Während es bei Karlchens Besuch nur sehr sachte zwischen den Anwesenden knistert, entfaltet sich der erotische Zauber dieser Sommernächte bei Billies Besuch in seiner Vollendung. Dieses „Savoir-vivre“ erhält allerdings einen kleinen Dämpfer durch das Schicksal eines kleinen Mädchens, das im nahen Kinderheim lebt und unter dem Terror der sadistischen Heimleitung Frau Adriani leidet. Unvermutet träufelt nun die Realität in die Postkarten-Idylle der jungen Leute. Sie handeln: Nach Rücksprache mit der in der Schweiz lebenden Mutter des Kindes, befreien sie dieses aus der quälenden Tyrannei und begleiten es wieder nach Hause…!

Es scheint ja recht wenig zu passieren, und doch kitzelt Kurt Tucholsky aus diesem Wenigen ein Höchstmaß an Unterhaltung heraus. Seine Dialoge sind von einer intelligenten Leichtigkeit, voller Amüsement und doch mit ernsten Untertönen. Das Schloss Gripsholm in Schweden bildet für diese Erzählung die perfekte Kulisse – fremdländisch aber nicht zu exotisch, europäisch und trotzdem urwüchsig. Das alte Gemäuer hat im Laufe der Jahrhunderte sicher schon viel gesehen, viel erlebt, und somit ist ihm nichts Menschliches fremd. Was kümmern ihm da die erotischen Eskapaden einiger junger Menschen bzw. deren Shakespeare-haften Verwirrungen a là „Ein Sommernachtstraum“? Übrigens: Ich war sehr überrascht über die geschmackvolle Offenherzigkeit und darüber, wie der Autor diese Episode elegant in die Handlung einfließen lässt. Schließlich stammte die Geschichte aus dem Jahre 1931, der Spätzeit der Weimarer Republik, und die s.g. sexuelle Revolution war noch in weiter Ferne.

Mit ironischem Witz, einem kleinen Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Sympathie porträtiert Tucholsky seine Figuren aufs Vortrefflichste. So bedenkt er „Kurt“ liebevoll mit einem drögen Literaten-Charme, während er „Lydia“ – als Offenbarung des ewig Weiblichen – patent, wortgewannt, entscheidungsfreudig aber auch ein Stück weit pragmatisch erscheinen lässt. Die jeweiligen Freunde „Karlchen“ und „Billie“ bilden dabei den gegensätzlichen und gleichzeitig ergänzenden Gegenpart. Sie übernehmen die wichtige Funktion, im Zusammenspiel mit unserem Helden/ unserer Heldin, noch unbekannte Charakterzüge zu offenbaren, um so mehr von ihren Persönlichkeiten zu zeigen. Allen ist gemein, dass sie sehr großherzig einander zugewandt sind bzw. miteinander umgehen. Und diese Großherzigkeit spiegelt sich ebenso in ihrem offenen Geist wieder.

Es wirkt beinah so, als hätte es Tucholsky eine große Freude bereitet, die Figur der „Frau Adriani“ zu entwickeln und in ihr all die negativen Attribute zu vereinen, die man gemeinhin mit einem Machtmenschen verbindet. Die „Macht“ ist ihnen Lebenssinn und –zweck. Durch die „Macht“ werden sie definiert. Nehme ihnen die „Macht“, und es wird nichts übrig bleiben, da ihnen andere (menschliche) Tugenden fremd sind. Tucholsky vermeidet wohltuend, das allzu Bedrohliche dieser Figur in den Vordergrund zu stellen. Vielmehr wirkt „Frau Adriani“ wie eine Karikatur, auf der man erschaudernd einen Blick wirft und sich gleichzeitig ein Lachen nicht verkneifen kann.

Wirkt die Geschichte oberflächlich eher leicht, so verbirgt sie unter dieser Leichtigkeit durchaus auch eine Ernsthaftigkeit. Sprachlich schenkt der Autor uns literarische Kabinettstückchen: So lässt er uns an fein beobachteten Erlebnissen teilhaben und frönt gekonnt-fröhlich der Formulierkunst, indem er den Berliner Dialekt mit Plattdeutsch mischt oder Begriffe eine andere Deutung gibt.

Illustrator Hans Traxler findet für seine Bilder genau den richtigen „Ton“ – vielmehr Farbton. Mit klarem Strich und schwungvollen Rundungen gelingt ihm für jede Figur eine eigene, unverwechselbare Physiognomie, die viel von deren Charakter preisgibt. Auch die erotische Komponente der Geschichte versteht er bestens mit pikanter Sinnlichkeit darzustellen.

Dieses kleine bibliophile Schätzchen wurde von der Büchergilde Gutenberg zum 90. Geburtstag von Jens Traxler wiederaufgelegt und begeistert mich nicht nur durch seinen Inhalt sondern auch mit der geschmackvollen Ausstattung aus Leinen-Einband, Fadenheftung, Lesebändchen und dem wunderschönen Vorsatzpapier, das uns Skizzen der handelnden Personen zeigt.


erschienen bei Büchergilde Gutenberg/ ISBN: 978-3763264407

ebenfalls erschienen bei Fischer/ ISBN: 978-3596900695, Anaconda/ ISBN: 978-3938484715 und Nikol/ ISBN: 978-3868204117 (alle ohne Illustrationen)

[Rezension] Anton Čechov – Frühlingsgefühle. Geschichten von der Liebe

„Wir verdanken Peter Urban einen deutschen Čechov,
wie er schöner nicht sein könnte.“

…wird Manfred Papst von der Züricher „NZZ am Sonntag“ gerne auf den Rückseiten der Bücher von Anton Čechov zitiert. Durchaus könnte man meinen, dass sich ein solches Zitat mit der Zeit abnutzt, abnudelt, schal wird. Doch wenn man sich das Ergebnis Peter Urbans Arbeit ansieht, dann bleibt nichts anderes übrig, als diesem Übersetzer Respekt zu zollen.

So entschleiert er den großen russischen Romancier und Dramatiker als einen Meister der kurzweiligen, anspruchsvollen und intelligenten Unterhaltung, indem er seine Geschichten mit einer eleganten Leichtigkeit, einer wohltuenden Melancholie, einer spritzigen Dramatik und einem spitzbübischen Humor darbietet. Meine Ressentiments gegenüber der russischen Literatur im Allgemeinen und Anton Čechov im Besonderen konnte er schon mit den Wintergeschichten verscheuchen, und so gilt das, was ich dort zu sagen hatte, auch für diese Sammlung.

Diesmal steht – wie es der Untertitel verrät – die Liebe im Vordergrund. Čechov treibt seine Heldinnen und Helden durch einen Parcours an Emotionen: Es wird sich verliebt! Es wird glücklich geliebt! Es wird unglücklich geliebt! Es wird sich entliebt! Erstaunlich, wie vielfältig die Liebe sein und wie mannigfaltig sie in Erscheinung treten kann – von kleinen Ausbrüchen über die großen Gefühle, von der schmerzhaften Trauer bis zum stillen Glück. Der Autor versteht es ganz famos die Klaviatur der Empfindungen zu bedienen und ihnen individuelle Ausdrucksformen zu geben. Gerne würde ich dies an zwei Beispielen verdeutlichen…

In Verocka verabschiedet sich Ivan Alekseic Ognev, ein junger Statistiker, nach Erledigung eines Auftrages von seiner Gastfamilie. Auf dem Weg zu seiner Herberge schließt sich ihm Vera Gavriilovna, die Tochter des Hauses, an. Während die beiden jungen Menschen durch die stille, warme Nacht gehen, kommt ihr Gespräch nur zögerlich in Gang. Beide schweifen immer wieder mit ihren Gedanken ab und lassen so die gemeinsame Zeit Revue passieren. Nebel zieht fein und zart durch die Bäume und verschleiert leicht den Mond. Eva fasst sich ans Herz und gesteht Ivan ihre Liebe. Dieses Geständnis erschreckt den jungen pragmatischen Statistiker, der eher in der Theorie als der Praxis firm scheint, zutiefst. Zwar verehrt er die hübsche Tochter seines Gastvaters, aber lieben…?! Ivans eindeutige Reaktion veranlasst Vera, ihm für immer Lebewohl zu sagen. Ivan bleibt grübelnd allein zurück. Fragen kreisen unbeantwortet durch seinem Schädel und lassen ihn verzweifeln: Hier gibt es eine wunderbare junge Frau, die ihn liebt. Wieso kann er sie nicht ebenso lieben? Was ist falsch an ihm? Und er ahnt, dass er an diesem lauen Abend vielleicht versäumte, sein Glück zu finden.

Im Gegensatz zur vorherigen Geschichte scheint in Geplatztes Geschäft. Eine Art Vaudeville das Glück für den namenlosen Helden zum Greifen nah: eine hübsche Ehefrau, eine Mitgift in Höhe von 30 000, die Aussicht auf eine blendende Karriere. Wäre da nicht seine lockere Zunge diesen Plänen in die Quere gekommen. In seinem Größenwahn gibt er sich als Mann mit Prinzipien und schwafelt, dass er ihrer nicht wert sei, denn schließlich könne er ihr nie dauerhaft den gewohnten Lebensstandard bieten. In seine grenzenlosen Selbstüberschätzung kokettiert er beinah boshaft mit ihrer Loyalität. Je mehr sie ihre Liebe beteuert, umso heftiger schmückt er die Trostlosigkeit ihres gemeinsamen Lebens aus. Und während sie immer stiller und stiller wird, redet er sich um Kopf und Kragen. Schließlich dankt sie ihm dafür, dass er ihr die Augen geöffnet hat, um zu erkennen, dass sie seiner nicht würdig sei und nie die Ehefrau an seiner Seite sein könnte, die er verdiene. Sie geht, und er bleibt ernüchtert zurück.

Allein der Vergleich dieser beiden Geschichten zeigt Čechovs literarische Bandbreite: In Verocka meinte ich als Leser, das Fiebrige dieser Nacht zu spüren. Atmosphärisch fein lässt der Autor die Szenerie dieses Spaziergangs zweier junger Menschen vor unserem inneren Auge entstehen und verfeinert dies mit Tragik und Melancholie. Dafür erinnerte mich Geplatztes Geschäft. Eine Art Vaudeville an eine Boulevardkomödie, wo die Grenze zur Groteske fein ausgelotet wurde. Beiden Geschichten ist gemein, dass aus ihnen keine Sieger hervorgehen: Zurück bleiben jeweils zwei unglückliche Menschen. Doch während ich bei Verocka für beide gleichermaßen Sympathie wie auch Mitgefühl verspüre, konnte ich mir bei Geplatztes Geschäft. Eine Art Vaudeville ein gewisses Maß an Schadenfreude nicht verkneifen.

Nach der Lektüre dieser 22 Geschichten von der Liebe war es schier unumgänglich ebenso Anton Čechovs Sommergeschichten, die schon 2020 bei Diogenes ebenfalls in der Übersetzung von Peter Urban erschienen sind, meine Aufmerksamkeit zu schenken: Rezension folgt…! 🙃


erschienen bei Diogenes/ ISBN: 978-3257071825 / in der Übersetzung von Peter Urban

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!